Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 3

Die frommen Gemüter des Wildachtales fanden neue Ursache zu christlichem Aufruhr: Bei der Entladung der letzten Mine hatte der starke Stoß, der den Steingrund durchzitterte, ein Dutzend Votivtäfelchen von der Kapellenwand heruntergeworfen, ein paar wächserne Kälber in Splitter verwandelt und das holzgeschnitzte Bildnis der Sankta Notburga so sehr ins Wanken gebracht, dass es vornüber stürzte und gegen die eiserne Vergitterung der Kapelle schlug. Der Aberglaube deutete die Sache. Das wäre eine himmlische Fürsagung; die wällischen Katzelmacher brächten Unglück über das Tal; der Wasserbau wäre eine sündhafte Einmengung in Gottes Weisheit; der Herrgott wüsste selber am besten, wie die Bäche laufen müssten; und ein endsmächtiger See, wie ihn der verrückte Stadtherr hinter einem ‘Spinnwebenhäutl’ ansammeln möchte, wäre für das Tal mit seinen Häusern und Ställen eine noch größere Gefahr als die unregulierte Wildach.

Die Schreier, die im Glanz des Abends vor der Kapelle der heiligen Notburga ihre Seelen erleichterten, zogen gegen das Barackenlager hin, pfiffen auf den Fingern und frischten die alten Spottlieder auf:

„Italiani,
Polenta, Marani,
Kazzelimacco,
Drecco im sacco.“

Die Italiener verloren schließlich ihre Geduld. Als ein junger Bursch unter zornigem Fluch gegen die Schreier hinüber rannte, sprangen hundert andere hinter ihm her. Schnell erkannte der einheimische Sängertrupp die doppelte Übermacht und retirierte in den Wald. So kam es nur zu einem Ferngefecht zwischen den feindlichen Parteien. Wie mit allem Schimpf ihrer Sprache bewarfen sie sich über hundert Schritte mit Steinen und mit den purpurfarbenen Fruchtkolben der blühenden Bäume. Einige Beulen waren das Resultat. Die taten auf harten Köpfen nicht sonderlich weh. Viel schmerzlicher war für die Einheimischen das Gefühl der Beschämung. Während sie in der Dämmerung lärmend Heim wanderten, kreischte ein halbwüchsiger Bursch: „Himi Sakra! Heut haben die andern ’s Feld behauptet! Buben, dös müsst’s auswetzen! Auswetzen! Auswetzen!“ Dazu machte er Bewegungen, als hätte er einen Röhrenstiefel blank zu bürsten. Und vor dem Haus der Wildacherin brüllte ein Misstrauensvotum gegen das erleuchtete Giebelfenster empor, aus welchem Mozarts klingender Frohsinn hinausjubelte in die sinkende Nacht.

Das ganze kleine Haus war so erfüllt vom Gewirbel dieses frohen Klanges, dass weder Ambros am Klavier noch Beda und die Wildacherin in ihrer Stube einen Laut der Stimme vernahmen, die auf der Straße ein Stück Menschentorheit hinaufgrölte zu den blitzenden Sternen. Mutter Wildacherin schien auf die schönen Klänge des ‘unsinnigen Kastens’ nur halb zu hören. In Sorge guckte sie vom Ofen zum Tisch hinüber, wo Beda beim Schein der Lampe an einem langen, buttergelben Handschuh nähte. Da schlug die Schwarzwälder Uhr die zehnte Stunde. „Bedle? Meinst net, es wär Zeit zur Ruh?“

„Lass dich net aufhalten, Ahnl! Ich mach noch a Paar Lange fertig. Wann ich jeden Schnaufer ausnutz, kann ich’s Doppelte verdienen.“ Etwas Eigentümliches war an diesen Worten. Ein Mädel sprach von Handschuhen und vom Geldverdienen, und das klang wie ein feines, geheimnisvolles Lied vom Glück des Lebens.

So was schien die Wildacherin auch herauszuhören. „Madl! Seit gestern hast ebbes in dir!“

„Seit gestern?“ Beda hob lachend das heiße Gesicht. „Ich hab seit gestern nix anders, als was schon allweil in mir gwesen is.“

„So viel sorgen muss ich mich. Kunnt sein, weil’s grad eintrifft mit der Waldbluh und mit der Mondscheinzeit! Madl, ich sag dir: A jeds Mannsbild hat sein taubengraus Hütl!“ Die Wildacherin wartete die Wirkung dieser symbolischen Warnung nicht ab, sondern trippelte in die dunkle Kammer hinaus. Die Tür ließ sie offen stehen.

Zum ersten Mal wurde Beda durch eine Erinnerung an das Schicksal der Mutter nicht schwermütig berührt. Hurtig nahm sie die Arbeit wieder auf, und in ihren Augen träumte ein froher Gedanke.

Gegen elf Uhr verstummte droben das Klavier. Da machte auch die Beda Schluss mit der Arbeit. Sie hatte noch keine fünf Schritte gegen den Flur getan, da klang schon die Sorgenstimme der Wildacherin: „Bedle? Wohin denn?“

„Den Sully lass ich noch a bissl aussispringen.“

Gegen solche Vorsicht konnte die Großmutter was Ernstliches nicht einwenden. Sie murmelte nur mit leisem Seufzer: „Jiiija! Alls muss helfen!“

Beda trat in die klare, von sanftem Rauschen erfüllte Nacht hinaus, huschte gegen den Zaun und lauschte, ob auf der Straße kein Schritt zu hören wäre.

Noch lagen die Schatten der Nacht im Tal. Der Himmel und die Berge hatten schon den Glanz des Mondes. Sein Licht bedrängte die Sterne, dass sie schüchtern wurden. Alles Rauschen der Bäche war wie ein Rätsellied des Werdens. Und der nahe Bergwald duftete so stark, als stünden durch das Tal hin tausend Opferschalen mit brennender Ambra. Blühende Sehnsucht in den Brüsten der Natur? Brennende Liebe in den Herzen der Menschen? Wer scheidet und ermisst den Sinn dieser Bilder? Was ist ein Gleiches an ihnen? Was ein Verschiedenes? Ein Geheimnis der Ewigkeit war wach und wanderte als ein Schöpfer durch die zaubersame Nacht. Freude und Schönheit formten sich im Dunkel, um die Sonne zu erwarten. Myriaden von stummen Leben – sind sie stumm? Oder verstehen nur wir Menschen ihre fremde Sprache so schlecht wie die Wildachtaler das Italienische? – Myriaden von sprechenden Leben, berauscht, versunken in zärtliche Träume, bebten in dieser Nacht von süßer Lust. Myriaden von liebenden Leben sangen die duftenden Lieder des Glückes, nur weil die Stunde zu ihnen kam, in der sie Väter und Mütter werden mussten. Myriaden von neuen Leben drängten im Schöpferrätsel dieser Nacht empor aus dem Brunnen der Unendlichkeit, um rosige Kinder zu werden; um ahnungslos zu harren und scheu zu hoffen; um zu jauchzen und in roter Freude das Blütenglück der Väter und Mütter zu erneuern; um zu altern und zu sterben, wie Mutter und Vater müde wurden und in Asche fielen.

In dieser Nacht der Wunder taumelte ein junges Mädel enttäuscht aus dem silbernen Mondschein in die kleine, dumpfe Menschenkammer, um sehnsüchtig zu liegen neben der schlaflosen Muttersorge eines alten Weibes.

Als die Nacht sich lichtete zu einem in Schönheit und Blütenzauber lachenden Morgen, wanderte der Herr Kaplan mit Schmied und Zimmermann zum Kapellchen der Notburg, um das Unheil gutzumachen, das der explodierende Menschenfürwitz angerichtet hatte. Die von der Wand gefallenen Votivtäfelchen wurden wieder festgenagelt, die Wachsfragmente so pietätvoll zusammengepickt, dass die renovierten Kälbchen noch eine entfernte Ähnlichkeit mit vierfüßigen Tieren vermuten ließen, und die aus dem Gleichgewicht geratene Bildsäule wurde mit Eisenklammern auf dem Postament befestigt. Das Bildnis hatte keinen wesentlichen Schaden gelitten; nur ins Nasenbein war eine kleine Dulle gedrückt, so dass die heilige Notburga ein bisschen an den Krispin Sagenbacher erinnerte.

Über das ganze Tal hin schwatzte man von der ‘himmlischen Verwarnigung’. Überall wurde das herumgetragen, dass die ‘Unsrigen’ einem heimtückischen Überfall der Wällischen nur mit Not entronnen wären. Die ‘Ausschussmannder’ gaben dem scharfen Protest, den sie an das Bezirksamt gerichtet hatten, noch einen schärferen Nachtrag. Und die jungen Burschen, die ans ‘Auswetzen’ dachten, machten ihre Messer scharf und steckten die Schlagringe an die Fäuste.

Am Sonntag schickten die Italiener nicht wie sonst eine zweihundertköpfige Abteilung zur Kirche. Sie zogen in ungeteilter Schar zum Gottesdienst. Dreihundertneunundneunzig Köpfe. Nur Nino Pallozzi fehlte.

Von der Kanzel konnte der hochwürdige Herr Pfarrer durch die Kirchenfenster dieses Gewimmel von braunen Gesichtern beobachten. Da war es kein Wunder, dass er über die christliche Nächstenliebe mit einiger Aufregung predigte und seinen geliebten Pfarrkindern den Rat erteilte, die Kirche nicht eher zu verlassen, ehe das fremde Volk den Friedhof nicht völlig geräumt hätte. Diese Ansprache erzielte nur die Wirkung, dass in dem Augenblick, als der Pfarrer nach Beendigung des Hochamtes dem Altar den Rücken drehte, der ganze Schwarm der ledigen Burschen sich wie ein wühlender Keil zum Kirchentor hinausschob. Die Rächer ihrer gekränkten Ehre kamen zu spät. Das Heer der Italiener hatte den Friedhof schon verlassen. Sehr friedlich ging es auch bei den Welschen nicht zu. Die Jungen trutzten gegen die Alten, die den vorzeitigen Heimweg erzwungen hatten. Es fehlte nicht viel, so wäre es unter den Italienern selbst zu einer Keilerei gekommen. Da stellte sich eine drollige Wendung ein. Der Zug war auf der Straße zu jener Stelle gekommen, an der seit vielen Jahrzehnten ein alter Pfahl die Warnungstafel getragen hatte: Verbotener Weg! Seit gestern waren Pfahl und Tafel verschwunden. Und da geschah nun etwas an dieser Stelle, was nicht verboten, aber doch eigentlich nicht erlaubt war. Während im Nachtrab des Zuges noch heiß gescholten wurde, klang von der Spitze der Kolonne lustiges Gelächter. Das galt einer mollig unterspickten Bäuerin, die aus wohlhabender Heimat zu kommen schien. Sie war feiertäglich aufgeputzt, mit schimmeriger Atlasschürze und befranstem Seidentuch, mit Silberketten, mit goldgeschnürtem Hut und saß in einer frisch lackierten Kutsche, die von zwei Rappen gezogen wurde.

Ein alter Knecht, mit schief gebrannter Zigarre zwischen den Zähnen, lenkte das Gespann. In der Kutsche hatte die Bäuerin neben sich eine Handtasche stehen, die in Wollstickerei ein sanftes Gemälde zeigte: Einen Osterhasen, der sich zufrieden von seinem grünen, mit bunten Eiern voll gelegten Nest erhob. Minder zufrieden guckte die junge Bäuerin. Die Sorgeneier, die ihr Gemüt bedrückten, schienen noch ungelegt. In dem vollen Grübchengesicht duselte eine Schwermut, die mehr aus dem Herzen als aus Gedanken zu stammen schien. Beim Anblick der vielen blitzäugigen Mannsleute erschrak sie zuerst. Doch weil sie alle Gesichter heiter lachen sah, überwand sie den Schreck und lächelte mit, ein bisselchen dumm. Und als ein Bursch ihr schmatzende Kusshände zuwarf und ein anderer mit beiden Händen seine Brust wackeln machte, wie sentimentale Sänger das zu tun lieben, wurde die runde Evastochter aus dem Unterland von einer Regung weiblicher Eitelkeit befallen. Ein junger, schlanker Mensch, der an Nino Pallozzi erinnerte, trat auf die Kutsche zu und deklamierte theatralisch die Verse Petrarcas:

„In tale stella duo begli occhi vidi
Tutti pien d’ onestate e di dolcezza.“1

„Was hat er gsagt?“, fragte die Bäuerin den Knecht. Der wollte die Pferde treiben. Doch weil der Schwarm der Italiener die ganze Straße füllte, sahen die Rosse keinen Weg und blieben vernünftig stehen.

Der Freund Petrarcas deklamierte in wachsender Leidenschaft:

„Di qual Sol nacque l’ alma luce altera
Di que’ begli occhi ond’io ho guerra e pace,
Che mi cuocono ’l cor in ghiaccia e ’n foco?“2

Als der Begeisterte diese Verse gedonnert hatte, sprang er auf den Tritt der Kutsche und drückte der molligen Donna Laura von Zipfertshausen einen feurigen Kuss auf die runde Nase. Sie wollte sich wehren. „Hörst net auf, du Lausbub, du unverschämter!“ Das trug ihr drei weitere Küsse auf Mund und Augen ein. Brüllendes Gelächter war um die Kutsche her. Und weil gute Beispiele böse Sitten machen, bekam die brave Bäuerin fünf sündhafte Minuten zu überstehen. Von den jungen Burschen hüpfte einer nach dem anderen in die Kutsche und applizierte dem gut gepolsterten Fahrgast ein halb Dutzend Küsse. „Mar’ und Joseph! Hansl! Schlag eini auf d’ Ross! Lass laufen!“, kreischte die Vielbeschäftigte, wobei sie zwischen zwei Worten immer wieder ein bisschen schweigen musste. Als sie etwas Luft bekam, machte sie eine Kraftanstrengung, riss dem Knecht die Peitsche aus der Hand und drosch auf die Pferde los. Die Zipfertshausener Viertelsblüter fielen in Trab, und die bedrängte Bäuerin war gerettet. Hinter ihr ein brausendes Gelächter. Dreihundertneunundneunzig Kehlen begannen einen heiter schallenden Chorus:

„’n tandarandi, ’n tandarandä!“

Dann kam eine Stelle, die unter taktmäßigem Händeklatschen exekutiert wurde:

„Che buona figliuola Carciofolaaaaa!“3

Und alle Sänger sperrten bei diesem Aaaaa die Mäuler auf, so weit sie konnten.

Die Bäuerin zeterte auf den Kutscher los: „Du Leimlackl, du kotzmiserabliger! Was hast denn net einigschlagen auf d’ Ross?“

„Natürlich!“, brummte der Knecht. „A paar Leut überfahren, dass ich an Unfallverhandlung mit der Haftpflicht auf’n Hals krieg!“

„Hast dich denn gar net a bissl gschamt?“

„Warum denn? Mir hat keiner a Bussl geben.“

Die Bäuerin wollte weiter schelten. Aber sie musste lachen, ob sie wollte oder nicht. Wenn die Freveltaten in Masse geschehen, pflegt sich alle moralische Entrüstung in groteske Heiterkeit zu verwandeln. Und dass die mollige Bäuerin sich diesem Gesetze des Kontrastes unterwarf, das hätte fast beweisen können, dass sie viel weniger dumm war, als sie manchmal aussah.

Der alte Knecht drehte schmunzelnd das Gesicht. „Dei’ Brautfahrt lasst sich net schlecht an. Neun Stund weit bist um an einzigs Bussl hergfahren, und fünfhundert hast kriegt. Da kann’s jetzt gehn, wie’s mag. Umsonst bist allweil net gfahren.“

Dieser Humor wirkte nicht günstig auf die runde Dame von Zipfertshausen. Während ihr ein paar dicke Tränen über die erhitzten Backen kugelten, fasste sie scheu den Knecht am Joppenärmel. „Hansele! Du! Ich schenk dir a Zwanzgmarkstückl. Aber ’s Maul musst halten! Wann dös aufkommt, wie schauderhaft dö wällischen Saubartln mich abbusselt haben, tät mich der Toni mit keim Fingerspitzel nimmer anrühren.“

„Der rührt dich eh net an!“, erwiderte der Knecht in grausamer Wahrheitsliebe. „Überleg dir’s! Da wär grad a Platzl zum Umkehren.“

„Na, na, na!“, widersprach die unterspickte Wittib mit dem Eigensinn einer festgewurzelten Leidenschaft. „Dös hat man schon oft derlebt, dass a Mannsbild z’erst net mögen hat, und gahlings hat sich sein Herz verwendt. Jetzt probier ich’s amal. Weil ich an Schutzengel hab, der mir hilft. Und alls tu ich, was der Toni mag! Den ganzen Hof lass ich ihm verschreiben, und alls kann er haben von mir. Fahr zu!“

„Meintwegen! Dominus vobiscum!“ Der Knecht ließ die Pferde laufen.

Weil nun die sehnsuchtsvolle Wittib an alle Mittelchen dachte, mit denen das Weib den Mann gewinnt, drum fiel ihr auf, dass ihr Sonntagsstaat ein bisschen verunscheniert war. Aus der Osterhasentasche holte sie ein Spiegelchen hervor und bekam einen fürchterlichen Schreck. Die schimmerige Atlasschürze war zerknittert, das seidenbefranste Brusttuch übel zerknüllt, der goldgeschnürte Hut baumelte schief auf dem wirr gezausten Blondhaar, und das glühende ‘Sterngesicht’ war über und über mit so brandroten Flecken betupft, als möchten bei der Wittib von Zipfertshausen die Pocken ausbrechen. Alle weiblichen Künste, die ihr bekannt waren, verbrauchte sie, um ihre äußere Erscheinung wieder in Glanz zu bringen. Dabei begegneten ihr schon die dörflichen Kirchgänger, die heimwärts strebten zu den sonntäglichen Fleischtöpfen.

Die Kutsche rollte am Haus der Wildacherin vorüber, und die Wittib von Zipfertshausen bekam was Schönes zu hören: Das Adagio aus der Beethovenschen Frühlingssonate. „Lus, Hansele!“ Ein tiefer Seufzer. „Grad so ebbes Schöns spür ich allweil einwendig in mir, sooft ich an mein’ Toni denk.“

„Dein Toni? Ob dir net ebba den Schnabel abwischen musst? Nach die fünfhundert Busseln?“

„Na! Jetzt hab ich an Glauben drauf!“, beharrte sie obstinat. „Bloß vor seiner Mutter hab ich a bissl Angst. Kunnt aber sein, dass ihm d’ Mutter schon gstorben is. Bei kranke Leut, da geht’s oft gschwind. Und wann er net harmaniert mit’m Bruder, da kunnt ich leichter ebbes füranand bringen.“

„Brav! An alts Weibl in Boden einiwünschen! Und da sagen d’ Leut: Dös heißt man Lieb.“ Der philosophische Verdruss des Knechtes schlug in einen Klang des Wohlgefallens um. „Herrgottsakra, kommt da a bildsaubers Madl daher! Bäurin, du hast Holz in der Butten und Fuier im Ofen. Aber wann im Wildachtal söllene Madln umanandlaufen, wirst ebba z’kurz kommen beim Sagenbacher.“

Kein Gedanke enthüllte der Wittib aus dem Unterland, welch ein ahnungsvoller Engel der Hansele war. Aber der erste Blick auf die Wildacherbeda genügte, um einen Funken des Misstrauens in ihr anzublasen. Der unbenamste Schutzengel – in der Orthographie des Loisl hieß es: ‘Schuhzängl’ – hatte ihr doch geschrieben von der ’Ahlerschennzten im ganzen Tachl, wo auf’n Toni spechtet’! Und konnte im ganzen Tal eine Schönere sein als das junge, glückfrohe Mädel, das da gegangen kam und immer hinaufguckte zum roten Blütenrausch des grünen Waldes? „Hansl! D’ Ross halt auf!“ Die Kutsche stand. „Grüß Gott!“, sagte die Wittib in einem Ton, so spitz, dass er zu ihrer sonstigen Rundlichkeit in auffallendem Widerspruche stand. „Kannst mir net sagen, wo der Lahneggerhof is?“

„Freilich, ja!“, sagte die Beda froh. Es machte ihr Freude, vom Lahneggerhof reden zu dürfen. Und nur, weil sie hoffte, dass die fremde Kutsche was Freundliches für den Toni brächte, fragte sie: „Was habts denn für a Gschäft im Lahneggerhof?“

„Da such ich an guten Freund auf. Toni heißt er. Kennst ihn ebba?“

Die Beda blieb ein Weilchen stumm und musterte die fremde Bäuerin. Sie erschrak nicht. Nur ihre Augen erweiterten sich ein bisschen, während sie fragte: „Kommen S’ von weit her?“

„Neun Stund bin ich gfahren.“

„Da habt’s fruh aufstehn müssen.“ Von dieser Konstatierung machte die Beda einen rätselhaften Gedankensprung zu der Frage: „Seid’s verheiret?“

„Na!“

„Seid’s ebba noch ledig?“

„Na!“

„So, so?“ Die Beda schmunzelte. „Neun Stund! Is a weiter Weg!“ Sie ging davon und sah sich nimmer um.

„Die hat nix mit’m Toni!“, sagte die Wittib überzeugt. Das erleichterte die schwülen Sorgen ihres Herzens nicht. Im Gegenteil! Wenn die ’Ahlerschennzte im ganzen Tachl, wo auf’n Toni spechtet’, noch eine Schönere war als dieses schmucke Mädel, dann war’s um die Sehnsuchtsaktien der molligen Julia von Zipfertshausen übel bestellt. „Fahr zu, Hansl!“

Beda hatte ihr Haus erreicht, blieb stehen und presste den Arm an die Stirn. Es war kein Zweifel und kein Misstrauen in ihr, keine Sorge, keine Spur von Angst. Dennoch wurde ihr ein bisschen wirblig. Weil der Toni nicht in der Kirche war. Und nicht am Altwasser. Und zwei lange Ewigkeitstage hatte er keinen Laut von sich hören lassen. Was war denn nur mit dem Toni?

Sully tobte im Kreis um seine nachdenkliche Herrin her und erhob ein Freudengeheul, dass Ambros mitten im Rondo der Frühlingssonate merken musste: Die Beda ist daheim. Hemdärmelig kam er aus seiner Stube zur Treppe gelaufen. „Bedle! Gutes Mädel! Hast du den Brief?“

„Ja, Herr Lutz, an Brief hab ich.“

„Gott sei Dank!“ Er rumpelte über die steile Treppe herab und sah betroffen das amtliche Format an, das die Beda aus dem Gebetbuch zog. „Sonst nichts? Kein Brief aus München? Heute kein Brief, gestern keiner, vorgestern keiner! Die Mutter wird doch nicht krank sein?“ Ambros öffnete das Schreiben. Sein Gesuch wegen der Sonntagsarbeit, wenn sie durch drohende Gefahren nötig würde, war vom bischöflichen Ordinariate günstig entschieden worden. „Schau, mit dem Bischof lässt sich leichter reden als mit einem Kaplan! Aber jetzt muss ich wieder hinauf. Und üben! Damit ich alles sicher habe, bis der Abend da ist.“ Er sagte das mit einem Beben in der Stimme.

Mit ähnlichem Klang erwiderte Beda: „Heut wird er schön, der Abend! Da kann meintwegen d’ Narretei mit alle sechs Ross ins Tal einifahren, net bloß mit zwei.“

Ambros sah ihr in die Augen. „Mädel? Was hast du denn?“

„Ich? Nix! Aber du musst ebbes haben!“

„Etwas hab ich, ja! Freude!“ Er schlang den Arm um die Beda und küsste ihre Wangen, wie ein Bruder im Wirbel eines Glückes die Schwester küsst. „Ach! Bedle! Wie himmelschön ist’s auf der Welt!“

„Ja, wahr is’s!“

Nun lachten sie alle beide. Dann stürmte Ambros die steile Treppe hinauf, und Beda trat in die Stube. Die Wildacherin, die in der Küche am Herd gestanden, ging dem Mädel nach. Während über der Stubendecke eine Flut von Tönen rauschte, murrte die alte Frau: „Dös muss ich dir sagen, so ebbes gfallt mir net! Dass dich im Hausgang von eim Mannsbild busseln lassen tust!“

Beda schien sich erst besinnen zu müssen, was die Großmutter meinen konnte. Dann sagte sie: „Ahnl! Von dir lass ich mir gern ebbes gfallen. Aber sowas sagst mir nimmer! Ebbes, was aufrichtig und sauber is, därf man net falsch verstehn. Sonst macht man aus jeder Herzenskirch an Saustall.“

Obwohl die Wildacherin den Zusammenhang der Dinge nicht begriff, schien sie doch zu fühlen, dass aus der Beda etwas Schönes sprach, so widerborstig es auch anzuhören war. Mit einem Gesichtsausdruck, den der Volksmund als ‘Schlapperpfandl’ zu bezeichnen pflegt, kehrte die Wildacherin zu ihrer Herdpflicht zurück und blickte sorgenvoll durch die offene Haustür hinüber zum steilen Wald der Sonnleite, wo die roten Kerzen der Fichtenblüte in unzählbarer Menge auf allen grünen Zweigen und Wipfeln schimmerten.

Ein märchenhaftes Bild: Diese verschwenderische Überblüte, dieser bacchantische Jugendrausch eines hundertjährigen Waldes! Und überall ein feines Schneien von winzigen, lichtgelben Flocken: Das Entflattern der abgewelkten Blütenhüllen. Sie hatten in diesem Mysterium der Natur ihre Pflicht erfüllt, hatten die sprossenden Liebeskeime wider den Frost der Hochlandsnächte behütet. Nun, da ihnen die Sonne alle weitere Mühe abnahm, ließen sie sich von jedem leisen Windhauch entführen, um irgendwo die Erde zu finden und vermodernd sich umzuformen in neue Lebensnahrung.

Sonne, Sonne, lachende Sonne war über dem blühenden Taumel – Sonne, die erschuf, Sonne, die ermordete.

Auf den vorspringenden Graten des blühenden Waldes, dort, wo die blutschöne Blütenmenge am dichtesten getrieben hatte, flog zuweilen ein kleines rostfarbenes Wölklein auf, um über eine Reihe von Wipfeln hinzustäuben. Voreilig gereifte Knospen in der männlichen Blüte ließen da ihren suchenden Staub in die Sonne wehen, noch ehe die weibliche Blüte in ihrem purpurnen Leben reif entwickelt und dürstend erschlossen war, um den befruchtenden Liebesodem zu empfangen. Verirrte Sehnsucht! Unfruchtbare Liebe! Vergeudete Leidenschaft! Was ist rätselvoller und unbegreiflicher? Eine gelungene Schöpfung, ein glücklich vollendetes Meisterwerk der Natur? Oder der spielerische, sich ewig wiederholende Irrtum, in den sie neben aller Meisterschaft immer wieder verfällt? Und die brutale Grausamkeit, mit der sie hoffende Lebenskeime und blühende Kräfte verschwendet?

Im Blütenrausch des Waldes begannen millionenfältig die Trauerspiele der enterbten Sehnsucht, noch ehe das erste neue Leben aus dieser roten Liebe geschaffen wurde. Lachende Sonne glänzte über dem geheimnisvollen Schmerzensspiel. Drum war es schön für die Augen der Menschen, die es sahen.

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1 Ein Sternengesicht! Und drin zwei schöne Augen,
Die voll von Tugend sind und süßem Glanz.
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2 Von welcher Sonne kam das Morgenleuchten
Des schönen Blicks, der Krieg und Frieden gibt
Und der mein Herz in Eis und Feuer siedet?
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3 Wörtlich: Ach, das gute Töchterchen Artischocke! – mit dem Sinn: die gute, nette, runde Landpomeranze!
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