Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
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               Kapitel 1
               Kapitel 2
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               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
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               Kapitel 13
               Kapitel 14
            Buch 2
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Kapitel 2

An diesem Abend wurde der Lahneggerin in ihrem Bett das Warten lang. Immer wieder hauchte sie in die Finsternis der Kammer: „Jesus, wo bleibt er denn heut?“ Endlich hörte sie ihn kommen. Sie merkte gleich an seinem Schritt, dass irgend etwas geschehen wäre. „Tonele?“, rief sie in Angst. Der frohe Klang seiner Stimme erlöste sie von aller Sorge.

„Mutter, heut bring ich ebbes!“ Schwarz trat die lange Gestalt in die dunkle Kammer.

„Hast an großen derwischt?“

„Gar so groß wird er net sein!“ Der Toni lachte. „So der richtige Mittelschlag. Und warms Blut hat er.“

„Der Fisch?“

„Na, Mutter! Mein Schatz.“

„Mar’ und Joseph!“ War das Freude, oder war es Schreck? Da umklammerte der Toni schon die kranke Frau und presste sein heißes Gesicht an ihre kalte Wange. „Jesus, Tonele, hast mir net ebba da an unfürsichtigen Streich gmacht?“

„Kei’ Sorg net, Mutter! Dös Endstrumm Fisch vor fufzehn Jahr, dös is a nixigs Schwanzl gegen mein’ heutigen Fang.“

Jetzt atmete die Lahneggerin auf. „Was wär’s denn für eine?“

„Die Wildacherbeda.“

„Bub! Tonele! Mensch!“ In der matten Stimme der kranken Frau erwachte die Kraft der Freude. „Die Allerbeste hast dir genommen! Jetzt is mir alles recht.“ Sie erschrak. „Herr Jesus! Stader müssen wir reden, dass uns keiner net hört. Der Krispi tät dir neidisch sein. Und alles musst festmachen, eh’s der Krispi derfährt.“ Zu dieser Sorge lachte der Toni. Die Hände der Mutter festhaltend, setzte er sich auf die Bettkante. Die Lahneggerin schwieg ein Weilchen, ehe sie wieder zu flüstern begann: „Haben tut ’s Madl freilich nix. Und du hast net viel. Aber so a Manko lasst sich allweil ausgwichten, wann die zwei richtigen Leut beinand sind. Und wann ’s rechtschaffene Glück a bissl mithilft.“

„Dös hilft mit, Mutter! Aber in d’ Luft eini kann der Mensch net heireten. Drum hab ich mir gleich ebbes aussinniert. Der Bachbruckerhof in Unterach wird auf’n Herbst verkauft. Soll a saubers Anwesen sein. Um neunzehntausend Mark, sagen d’ Leut, kunnt man’s haben. Vierazwanzghundert Mark krieg ich von daheim aussi, a bissl ebbes hab ich mir selber erspart, da kunnt ich viertausend Mark anzahlen. Zehntausend Mark tät ich Bankgeld kriegen, und fünftausend müsst ich auf’m Anwesen stehnlassen als zweite Hypothek. Dass ich net durchkomme da hab ich kein Angst net. Die Beda kriegen, dös macht an Doppelten aus mir. Und wann wieder gsund bist, Mutter, im Herbst, da halten wir Hochzet, gelt? Und da ziehst zum Bedle und zu mir.“

„Tonele!“ Ganz erloschen klang die Stimme der Kranken. „Ich? Und umziehen? So ebbes wird sich wohl nimmer machen lassen. Mein Herz geht allweil mit enk, so oder so. Aber in der Heimat, wo ich gheiret hab und hab meine Kinder kriegt – zwei hab ich aufzogen, zwei hab ich eingraben – und wo ich mich plagt hab und gschunden, da muss ich bleiben bis zur letzten Arbeit, dö von aller Plag die kleinste is. Und wann ich weiß, du hast dein Glück, so is mir alles recht. Du findst dir leicht a Heimatl, an dös dich wieder anhängst. D’ Jugend im Glück geht allweil eini ins Leben. Aber ’s Alte vertragt kein’ Umzug nimmer. Und ich tät mich vor der Sünd fürchten, dass ich dir zum Anfang gleich so an Lastbinkel aufhalsen möcht, wie ich einer bin.“

„No also! Jetzt kommt ’s richtige Sorgenhakerl aussi. Ich lass dich beim Krispi net allein. Und fertig!“

Die Lahneggerin seufzte. „Bub! Gleich soviel Schulden aufs Haus auffi! Den Angstschweiß treibt’s mir aussi, wann ich drandenk.“

„Na, Mutter! Wann der Boden gut is, ruck ich mich bald in d’ Höh. Am Samstag auf’n Abend marschier ich abi nach Unterach. Am Sonntag schau ich mir ’s Anwesen richtig an. Und mit der Beda red ich nix, eh ich net gwissenhaft sagen kann: Jetzt haben wir’s!“

„Kannst dir doch auch bis zum Herbst noch ebbes verdienen. Ob der Brosle net ebbes haben tät für dich?“

„Ja, Mutter, da kunnt ich allweil bis zum Herbst noch fünfhundert Mark füranand bringen. Wär gleich wieder um a halbs Tausend weniger.“

„Elftausendfünfhundert bleiben’s nacher allweil noch.“

„Vierzehntausendfünfhundert!“, korrigierte der Toni. „Bloß, dass wir net falsch rechnen.“

Die Lahneggerin wiederholte hartnäckig: „Elftausendfünfhundert!“ Sie umschlang in der Finsternis ihren Buben. „Jetzt sag ich dir’s, Tonele! Dreitausend und vierzehn Mark hab ich heimlich auf der Sparkass’ in der Stadt. Und dir ghört alles, Tonele! Alles!“

Eine neue Staffel zu ruhigem Glück! Toni atmete auf. „Vergeltsgott, Mutter! Aber da därf ich bloß auf d’ Halbscheid Anspruch machen. Was Erbteil heißt, geht nach’m Gsetz. Die andere Halbscheid muss der Krispi haben.“

„Na! Na! Na! Und na!“ Die Lahneggerin zitterte vor Erregung. „Was ich mir gspart hab, dös ghört dir! Dös hast dir verdient. Der Eiergewinn und ’s Hennengeld ghört allweil der Bäurin allein. Da hab ich’s in zweiazwanzg Jahr verspart davon. Und am selbigen Tag hab ich angfangt, wie dich der Krispi gschlagen hat – und wie ich gsagt hab, du sollst zum Pfarr auffi und sollst dich beschweren, und wie mir gsagt hast: Mutter, lieber bleib ich bei dir und hilf dir im Garten! Selbigsmal am Abend hab ich ’s erste Markl für dich auf d’ Seiten gschoben. Und jedsmal hab ich a Markl einiglegt, sooft zu deiner Mutter gut und freundlich warst. D’ Schuldigkeit, wie der Sohn zur Mutter sein muss, hab ich net grechnet. Allweil bloß, was über’n Maßstrich aussi gangen is.“ Sie klammerte die mageren Arme um den Hals des Sohnes. „Vergeltsgott, Tonele! Dreitausend- und vierzehnmal bist übers Maß aussi gut zu deiner Mutter gwesen. ’s Leben is hart. Du hast mir’s leichter gmacht.“

„Geh, Mutter!“ Dem Toni wollte die Stimme nicht parieren. „A bissl viel reden tust mir heut. Dös kunnt dir ebba schaden.“

„Wieder a Markl, Tonele!“ Die Lahneggerin ließ sich in die Kissen zurücksinken und lachte ein bisschen. „Und schau, die dreihundert Markln hast auch noch! Hast es doch gut aufghoben?“

„Was für dreihundert Mark?“

„Hast ebba gar net zählt, was im Strumpf drin gwesen is?“

„Geh du!“ Der Toni lachte. „Meinst denn, dass ich dir ’s Letzte aus’m Strohsack aussilupf? Bloß dass d’ an Fried gibst, hab ich mich so gstellt. Den Strumpf hast noch allweil.“

Die Lahneggerin wusste, dass sie ihn nicht mehr hatte. Aus ihrer Erinnerung schoss das Bild herauf, wie lustig der Krispin damals aufbettete. Die Wahrheit zuckte ihr wie ein Blitzschein durch den erschrockenen Verstand. Sie wollte stammeln: „Jesus, Maria!“ Der Laut erlosch in ihrer Kehle.

Bei der Finsternis merkte der Toni nichts von dem Schreck, der die Lahneggerin befallen hatte. Er fühlte nur, wie kalt die Hände der Mutter wurden. „Komm, lass dich a bissl besser zudecken!“ Dann sprach er davon, wie er im Bachbruckerhof die Wirtschaft anzupacken gedächte. „Vier gsunde Fäust, dö aus’m gleichen Herzblut aussiwachsen! Dö ziehen fester wie sechs unterlandrische Rösser. Geh, lass d’ Freud a bissl aufkommen in dir! Von der Beda hast doch selber gmeint, sie wär die Allerbeste. Schau, und soviel Glück und Sunn hab ich in mir! Tust dich net a bissl freuen drüber?“

„Ja, Tonele!“

Er stutzte über den matten Klang dieses Wortes. „Gelt, ich hab dich müd gredt? Wann einer ’s wache Glück in ihm hat, so fallt ihm net ein, dass an anders schlafen muss. Jetzt sollst dei’ Ruh haben, weißt! Aber morgen, gelt, Mutter, da lachst mich an?“

„Ja, Tonele!“

„Gut Nacht!“ Er ging auf den Fußspitzen aus der Stube, als schliefe die Lahneggerin schon.

Kaum hatte Toni die Tür ins Schloss gezogen, da hob sich die Kranke aus den Kissen und krallte die mageren Fäuste in den Schoß, als wäre ihr mütterlicher Leib ein Schuldiger, den sie erwürgen müsste. „An Spitzbuben hast tragen!“ Sie fiel zurück. Das begriff sie gleich: Dass sie schweigen musste. Sie kannte die schlaue Vorsicht des Krispin. Der würde den Rechtschaffenen auftrumpfen, eine Anzeige machen und die Koffer der Dienstboten durchsuchen lassen – auch den Koffer des Toni.

Bleiche Helle glitt über die kleinen Fenster hin. Der Mond war gekommen und malte silberne Vierecke auf die getünchte Mauer.

Erst gegen die Morgenfrühe fiel über die heiß gebrannten Augen der Lahneggerin ein dumpfer Schlaf.

Dieses festen Schlummers freute sich der Toni, als er das Gesicht zur Kammertür hineinstreckte. Weil er die Mutter in so guter Ruhe fand, verließ er leichteren Herzens das Haus.

Ein Morgen war’s, als hätte die Natur allem Leben sagen wollen: Ich will dir zeigen, wie reich und groß ich bin! Im Tal und auf den Bergen war ein Gewoge von Glanz und blauem Duft. An den steilen Fichtenwäldern der Sonnleite hatte sich über Nacht das Rot der Blüte so verstärkt, dass alles Gezack der Wipfel wie mit purpurnen Schleiern umwoben schien. Und die frische Luft des Morgens war angefüllt vom Wohlgeruch dieser trunkenen Blütenfreude des Waldes.

Toni sah das alles nicht. Seine Gedanken waren bei der Beda, und während des ganzen Weges bis zur Notburg addierte er Grundsteuern, Versicherungsquoten, Dienstbotenlöhne und Hypothekenzinsen. Diese Ziffern machten ihm das Herz nicht schwer. Als er sich in dem rumorenden Arbeitslärm, der die Wildachschlucht erfüllte, mit dem Freunde zusammenfand, streckte ihm Ambros staunend die Hände hin: „Tonele? Hast du das große Los gewonnen? Du schaust ja drein wie die Mensch gewordene Freude!“

„Nacher muss ich dreinschauen wie du!“, sagte der Toni schmunzelnd. Weil er herumguckte, um Arbeit zu sehen, sah er auch den Blutrausch der Fichtenblüte. „Jesses! Schau nur den Wald an! Der hat Weihnächten in der Pfingstzeit. Gfallen tut er mir. Aber derbarmen tut er mich auch.“

„Erbarmen?“

„An so einer Überbluh wie heuer wird er viel Jahr lang leiden müssen. Die beste Kraft blast er in d’ Luft aussi und bleibt im Wachstum zruck. Da is der Wald net anders wie der Mensch. Gut anschlagen tut eim bloß allweil ’s richtige Maß. D’ Freud is ’s Allerschönste im Leben. Aber d’ Überfreud geht allweil auf an Elend zu. Mensch, da musst fürsichtig sein und dein’ Kopf beinand halten!“

Ambros war seltsam ernst geworden. „Das mag wahr sein. Aber was man in solcher Überfreude fühlt und gewinnt, ist Reichtum, der sich nicht sagen lässt. Und man besaß ihn. Mag dann das Leben wieder arm und kalt werden!“ Er atmete auf. „Komm! Ich habe mit dir zu reden. Vielleicht kannst du mir helfen.“ Sie sprachen, während sie an der rauschenden Wildach von einer Arbeitsstätte zur anderen gingen. Weil Tonis Wunsch der Sorge des Freundes entgegenkam, wurden sie rasch miteinander einig. Zu Beginn der nächsten Woche sollte der Sagenbacher als Rottmeister in Dienst treten, um die Oberaufsicht über die hundert einheimischen Arbeiter zu führen. „Wenn einer die Leute zu Vernunft und Ruhe bringt, dann bist du es, Tonele!“

„Versprechen kann ich dir nix. Haben d’ Leut an Span im Verstand, da sind s’ wie d’ Ochsen, wann’s brennt: Lieber eini ins Fuier als der Hand folgen, dö den richtigen Weg zeigt. Ich mein’, es wär gut, wann ich mich heut schon a bissl umschau und mit die Leut diskrier.“

„Ja, Tonele, tu das! Ich muss jetzt wieder hinunter zur Notburg. Da wird um neun Uhr Feuer an eine große Mine gelegt. Ich will dabei sein, wenn die Felsmauer fällt.“ Ambros sah nach der Uhr. „Da muss ich mich tummeln, wenn ich noch zurechtkommen will. Es ist die letzte Sprengung. Heut und morgen wird der Schutt fortgeräumt. Am Montag kann mit dem Bau der Talsperre begonnen werden.“ Er lachte froh. „Die schönen Tage haben die Arbeit genauso vorwärts gebracht wie den Wald in seiner Blüte. Jetzt hab ich auch dich noch, da kann’s nimmer fehlen.“

Der Toni sah dem Freund in die Augen, als wäre da etwas zu schauen, was man im Leben nicht alle Tage sieht. „Mensch, dös is was Schöns, in Freud an ebbes glauben! Mich, Brosle, hast mit Leib und Seel!“

„Ich danke dir!“ Ambros wollte Tonis Hand fassen, und gewahrte den Verband. „Was hast du denn da?“

„Ah, nix, bloß a Ritzerl, so a kleins! Aber ich lass dös linde Tüchl gern um d’ Hand ummi.“ Ein Lächeln. „Dass mir nix Unrechts nimmer eini kommt.“

Nun war es Ambros, der in den Augen des Freundes leuchten sah, was im Leben nicht alle Tage glänzte. „Du, Tonele?“

„Heut musst net fragen! Kunnt sein, dass ich dir am Montag ebbes verraten därf.“

„Das muss ein Glück sein! Ein großes!“

„Wie größer a Glück, um so fürsichtiger muss man’s anfassen.“ Der lange Sagenbacher ging davon.

Ambros sah ihm nach und presste die Fäuste auf die Brust. Wie merkwürdig das ist: Dass man das Glück eines andern so heiß empfinden kann, als trüge man’s im eigenen Leben!

Dieses Frohe blieb in ihm, während er durch die Waldschlucht hinuntereilte, entlang der reißenden Wildach, vorüber an der weiten Rodung, die ein See werden sollte, und gegen die Notburg hin. Dort begannen sich schon die Arbeiter zu sammeln, um die Sprengstelle zu verlassen, ein Zeichen, dass an der Mine die Zündschnüre bereits gelegt waren. Ambros suchte nach einem Platz, von dem er das Bild der aufgehenden Mine frei überschauen könnte. Die beste Stelle war da drüben auf dem Gehäng des blühenden Waldes, aus dem die Serpentinen eines Reitweges herausleuchteten. Er schritt herüber zu den hellen Wegschlingen, und da erwachte in ihm die Erinnerung an jene abenteuerliche Waldreise, die er an einem Frühlingstag seiner Kinderzeit mit dem Tonele unternommen hatte. Er sah die gelbe, ungeheuerliche Schlange. Trotz des Rauschens der Wildach meinte er wieder jene scharfen, taktmäßigen Klänge zu vernehmen, die sich anhörten wie Hammerschläge auf hartem Gestein. Nun zeigte ihm die Erinnerung sogar den goldroten Schimmer, den seine Knabenphantasie gedeutet hatte als den gekrönten Schlangenkopf des kriechenden Wunderwesens. Und wieder war dieser ruhelos bewegte Goldglanz keine Schlangenkrone, sondern ein von der Sonne beschienenes Pferd, das auf seinem Sattel eine mädchenhafte Reiterin in muschelgrauem Kleide wiegte. Ein Schreck fiel über ihn her, der ihm das Herz zerdrückte. Ein keuchender Laut, er streckte die Arme gegen die Notburg hin und sah eine Schar von hundert Menschen gleich einer buntfarbenen Woge herfluten gegen den Waldsaum. Mit einer Stimme, wie noch niemand sie an ihm gehört hatte, schrie er: „Warten! Warten! Nicht Feuer legen!“

Keiner von den springenden Menschen verstand ihn. Doch ein junger Arbeiter rief ihm warnend zu: „Attenzione, padron! Bruciano i fili!“1 Und andere von den Leuten, während sie den Bäumen zusprangen, wiesen schreiend gegen den Waldsaum; auch sie begriffen das: Ein Pferd mit einer Reiterin, und die donnernde Entladung einer Mine, das Gerassel des fallenden Gesteins, der wirbelnde Flug der Staubmassen – das war eine Gefahr, eine Lebensgefahr!

Ambros sprang vor den lärmenden Männern her, alle Kraft seiner Jugend erschöpfend, um den Waldsaum noch vor dem Minenschusse zu erreichen. „Zurück! Und Ruhe!“, schrie er den Arbeitern zu. Und rief gegen die Bäume hin: „Frau Herzogin! Aus dem Sattel! Eine Mine geht auf! Das Feuer zündet schon –“ Was er weiter noch schreien wollte, erstickte in seinem Schreck. Es fuhr ein Stoß durch die Erde. Dann ein Gedonner, als bräche ein Berg in das Tal herunter. Ambros hatte den Reitweg erreicht. Wie durch einen blutroten Nebel sah er das steigende Pferd, das mit den Hufen ins Leere schlug, sah die wankende Reiterin, bleich, den Sprung aus dem Sattel versuchend, sah einen rasenden Gaul und einen taumelnden Menschen. Unter dem Dröhnen und Gerassel der fallenden Felsen erloschen alle Stimmen, erloschen auch die Worte, die Ambros schrie, als er mit ausgestreckten Armen hineinsprang in dieses Wirre. Er wusste nicht, was er tat. Alles geschah, wie die Dinge in jagenden Träumen geschehen. Als er halb erwachte, hielt er das junge Weib umklammert, das er vor dem tödlichen Sturz bewahrt hatte. Rings um die beiden war alles leer – oder Ambros sah es nur so. Und nach einem Schrei seiner Freude stammelte er: „Der Schutt wird fallen! Schnell, Frau Herzogin! Dorthin! Unter den dicken Baum!“ Er führte sie nicht, er trug sie, während er atemlos taumelte. Und als die beiden unter dem dichten, rot glühenden Gezweig der alten Fichte waren, ging ein gelbgrauer Regen von Schutt und Staub aus den Lüften nieder. Dann wieder Glanz und schöner Morgen. Nur viele der blühenden Bäume standen wie von trüben Schleiern umhangen. Und Ambros sagte: „Frau Herzogin, alles ist gut!“

Sie gab keine Antwort; ihre Hände zitterten, als sie das Reitkleid schürzte und unter den Zweigen hervortrat, die Ambros mit dem Arm in die Höhe drückte.

Nun gewahrten die beiden erst, dass viele Männer umherstanden, die wirr durcheinander schrieen und lachten und die Hüte zogen. Hinter diesen Leuten, im Licht- und Schattengewebe des steigenden Berghanges stand der Waldrauscher grau wie eine Steinsäule an den Stamm einer mit Staub berieselten Fichte gelehnt. Weder Ambros sah ihn noch die Herzogin, obwohl sie suchend umherblickte. Beklommen sagte sie: „Ich bin in Sorge um Kesselschmitt.“

„Kesselschmitt?“ Ambros musste erst in seiner Erinnerung suchen. „War dieser Kesselschmitt bei Ihnen, Frau Herzogin?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fragte er die Arbeiter, ob sie nicht einen Reiter gesehen hätten, nicht wüssten, was mit ihm geschehen wäre? Zwanzig Stimmen erwiderten lachend: Dieser Reiter hätte einen capitombolo gemacht, wäre aber gleich wieder im Sattel gesessen und dem anderen scheu gewordenen Pferde nachgeritten. Ob sie ihn suchen sollten? Er nickte. Und die jungen Italiener begannen ein flinkes Wettrennen.

„Ich will suchen helfen!“, stammelte Ambros.

„Bitte zu bleiben!“ Das schmale Gesicht unter dem Schatten des Herrenhutes war noch blass. „Sie dürfen nicht gehen. Fühlen Sie nicht, wie heftig Sie zittern?“

„Ich?“ Die Stimme versagte ihm. Er musste nach einer Stütze greifen.

„Herr Lutz!“ Aus dieser Frage klang es wie heiße Sorge. „Sie sind verletzt?“ Ambros schüttelte den Kopf und musste die Augen schließen. Erschrocken trat die Herzogin auf ihn zu – er atmete schon wieder auf – und da neigte sich das junge Weib in scheuer Freude zu ihm hin, legte die Hand auf seinen Arm und sagte leise: „Um meinetwillen!“

Dieses geflüsterte Wort schien Ambros nicht zu hören. „Verzeihen Sie, Frau Herzogin! Der Mensch ist wirklich ein armseliges Ding. Da steh ich Tag für Tag bei der Arbeit, die viel von mir verlangt. Und so ein bisschen Schreck wirft mich um, als hätte ich einen Stoß ins Leben bekommen.“ Nun konnte er lachen. Die Herzogin schwieg. Zarte Farbe stieg ihr in die blassen Wangen, so purpurschön, wie rings um die beiden her die Blüten des liebenden, von seinem Frühlingsglück berauschten Waldes keimten. Ambros betrachtete die schlanke Frau mit glänzenden Augen. „Wie froh bin ich! Aber hat denn Herr Kesselschmitt die Warnungstafel nicht gesehen, die wir draußen vor der Notburg immer quer über die Straße stellen, bevor man die Sprengschüsse loslässt?“

„Wir kamen nicht von der Wildach, sondern von den Wiesen her.“

„Von da draußen? Wo der alte Pfahl steht? Mit der Inschrift: Verbotener Weg?“ Ambros lachte. „Allerdings, für Sie, Frau Herzogin, ist dieser Weg kein verbotener. Der Wildmeister wird doch Sie nicht bestrafen wollen!“

Ein verlorenes Sinnen war in den Augen der Herzogin. „Verbotener Weg? Ich erinnere mich. Dieser Pfahl soll verschwinden. Der Weg ist schön. Warum soll man den Menschen einen Weg verbieten, der ihnen Freude macht?“ Der Schatten in ihren Zügen verschwand, sie wurde heiter. „Dass mir auf diesem schönen Weg eine Gefahr begegnen könnte, daran hab ich nicht gedacht! Sie haben mir wieder eine Freude bereitet. Da wollte ich nicht bis übermorgen warten, um Ihnen zu danken für –“ Sie suchte nach einem Wort. Und lächelte. „Für das restlos Gute, das Sie mir gestern sandten.“

Ambros, an dem keine Spur von Erschöpfung mehr zu sehen war, glühte über das ganze Gesicht. „Ja, Frau Herzogin? Hat Ihnen das Freude gemacht? Und restlos gut, sagen Sie? Das ist mehr! Was Sie von mir bekommen, muss immer das Beste sein an Klang und Wert. Haben Sie von den drei Sachen schon was angesehen?“

„Ja. Noch gestern. Das von Beethoven.“

„Die Frühlingssonate!“

„Frühling? Ja! So klingt das. Wie schöner und reiner Frühling. Dieser strömende Jubel im Allegrosatz! Dann der tiefe, heilig träumende Ernst.“

„Nun? Und Mozart?“

Die Herzogin wurde von einer leichten Verwirrung befallen. „An diesen Mozart habe ich mich gestern nicht mehr herangewagt. Ich will das zuerst von Ihnen spielen hören, um recht zu verstehen, wie froh das klingen muss.“

„Das spiel ich Ihnen vor, Frau Herzogin! Und so gut muss das werden, wie ich noch nie in meinem Leben was gespielt habe. Wenn ich heimkommen üb’ ich die halbe Nacht. Wie ein Kind freu ich mich auf den Sonntag. Da sollen Sie bei Mozart lachen, Frau Herzogin! Nicht wie man zu lustigen Dingen lacht, sondern wie man innerlich froh ist in seinem Herzen, so froh und zufrieden, wie wir Menschen das nur in den besten und reinsten Stunden unseres Lebens sind.“

Da kam von den jungen italienischen Arbeitern einer gelaufen und kreischte: „Viene coi cavalli! Viene! Viene! Eccolo!“2

Herr Kesselschmitt, in einen Stallmeister verwandelt, kam auf seinem Braunen englisch herangetrabt, den unruhig tänzelnden Goldfuchs seiner Herrin am Zügel führend. Er schien übler Laune zu sein. Als er aus dem Sattel gesprungen war, verbeugte er sich ehrfurchtsvoll.

Freundlich sprach ihn die Herzogin an: „Ich hoffe, Sie haben nicht Schaden genommen?“

„Nein, Hoheit!“

„Das hör ich gerne!“ Die Herzogin reichte Ambros die schmale, in gelbes Leder gehüllte Hand. „Ich danke Ihnen, Herr Lutz! Nicht nur für Ihre Hilfe, die Sie mir brachten! Für vieles habe ich Ihnen zu danken. Und will fleißig üben, damit Sie nicht unzufrieden mit mir sind.“ Sie wandte sich rasch von ihm ab und ging auf die Pferde zu. Kesselschmitt, die Zügel des eigenen Pferdes um den Arm gewickelt, formte aus beiden Händen einen Bügel, empfing darin den zarten Kinderfuß seiner Herrin und hob sie devot und sicher in den Sattel empor.

„Reiten Sie voran, lieber Kesselschmitt!“, sagte die Herzogin, Kleid und Bügel ordnend. „Mein Pferd scheint noch etwas nervös. Als zweites wird es ruhiger gehen.“

Kesselschmitt, in prachtvoller Reiterhaltung, schwenkte voran in die Mitte des Weges. Die Herzogin folgte. Sie wandte das Gesicht nicht mehr. Als sie an einem Fichtenbaum vorüber kam, der seine blühenden Äste weit hereinschob über den Reitweg, streckte sie den Arm und brach einen kleinen Zweig, der mit blutroten Knospen dicht besät war.

Ambros blieb so lange stehen, bis die Reiterin verschwunden war. Dann sprang er lachend auf die Rodung zu, um seinen verlorenen Hut zu suchen.

In das Rauschen der Wildach klang die Stimme der Arbeit und aller Lärm des großen Werkes. Der spielende Sonnenwind zog durch den Wald und blies den Staub der Mine von den blühenden Bäumen. Nun löste sich der graue Waldrauscher von der Fichte los, an deren Stamm er gelehnt gestanden. Langsam stieg er über den Hang herunter, schob sich zwischen den Bäumen gegen den sonnigen Waldsaum hin, duckte sich nieder und blickte auf das lärmende Gewimmel. Immer folgten seine Augen einer frohen Stimme, die beim Rauschen des Baches bald in deutscher und bald in welscher Sprache Befehle rief. Und immer nickte der Waldrauscher.

Sein halblautes Murmeln wurde zu leisem Gesang:

„Und ’s Alte kommt wieder,
Und ’s Nuie bleibt alt,
’s is allweil der gleiche
Loadselige Gwalt!

Und zwoa haben gjagert,
Und zwoa musaziert,
’s hat alles a Hakerl,
Und alles verführt!

Auf zehntausend Straßen
Oa(n) Kraft, dö uns treibt!
Was d’ liab hast, muasst lassen,
Was weh tuat, dös bleibt!“

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1 Achtung, Herr! Die Schnüre brennen! ^
2 Er kommt mit den Pferden! Er kommt! Er kommt! Da ist er schon! ^

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