Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Zweiter Band

Kapitel 1

Bedas weißer Spitz, dem der Weg bis zum Fürstenschlösschen zu weit gewesen war, machte im Sonnengold des Abends eine Wiesenpromenade und vergnügte sich am Mäusefang. Diese sportliche Betätigung musste er immer wieder unterbrechen, um einem ahnungslosen Wanderer an die Waden zu fahren. In große Aufregung wurde Sully durch einen langen, grüblerisch hinschreitenden Menschen versetzt, dessen Angelrute er augenscheinlich für eine Peitsche hielt. Die Aufregung war eine gegenseitige. Es sah wahrhaftig so aus, als hätte das lange Mannsbild Angst vor dem kleinen Spitz; mit heißen Augen spähte Toni nach allen Seiten und verbarg sich hinter den Erlenstauden des Altwassers. Sully heulte vor Freude über diesen Sieg wie ein Löwe, wälzte sich in den Frühlingsblumen der Wiese, rannte gegen die Sonnleite hinüber und begann ein drolliges Spiel. Meterhohe Sprünge machend, suchte er eins von den purpurroten Dingern zu erhaschen, die er wohl für Schmetterlinge hielt. Es waren die Blütenzapfen eines Fichtenbaumes. Sully sprang und sprang. Als er solch ein rotes Wesen erwischte, begann er wütend die Ohren zu schlenkern, weil er den klebrigen Harzknäuel nicht mehr aus den Zähnen brachte. Er musste die Pfoten zu Hilfe nehmen. Missmutig trollte er auf die Straße zurück und geriet wieder in vergnügte Laune, als er den Hausgenossen kommen sah. Ambros achtete nicht viel auf die Wiedersehensfreude des weißen Spitzes, der auf der Straße neben ihm hertollte.

Im Lahneggerhof fragte Ambros nach dem Toni. Der wäre zum Bach hinübergegangen, um für die Mutter eine Forelle zu fangen. „Schad’! Ich hätte den Toni so notwendig gebraucht für einen Weg zum Bürgermeister.“ Und wie es der Lahneggerin ginge? Besser mit jedem Tage. „Gott sei Dank!“

Als Ambros die Hofreut des Bürgermeisters erreichte, vernahm er wirren Stimmenlärm aus dem Hause. Ein Blick durch die Fenster zeigte ihm, dass die kleine Stube voll war von Menschen. Er dachte: „Das trifft sich gut. Da ist gleich ein Dutzend beisammen, mit dem ich reden kann.“ Der Lärm im Hause verstummte plötzlich. Und als Ambros ins Haus wollte, kam der Bürgermeister heraus. „Grüß Gott, Herr Inschenöhr! Möchten S’ ebba zu mir?“

„Ich hätte was zu reden. Wollen wir nicht hinein in die Stube?“

Der Bauer mit den klugen Augen sagte ruhig: „Da können S’ net eini. D’ Ausschusser sind beinand.“

„Das passt mir. Ich möchte sprechen mit den Leuten.“

„Tät’s Ihnen net raten, Herr Inschenöhr! Dös mögen s’ net, d’ Ausschussmannder, wann s’ einer bei der Amtspflicht irratiert. Kommen S’! Hint im Gartl reden S’ Ihnen besser mit mir. Da hört uns keiner.“ Die beiden betraten hinter dem Haus einen kleinen Garten. In der mit wildem Wein überwucherten Laube war eine muffige Luft. „Also? Mit was kann ich aufwarten?“

Ambros begann zu sprechen, alle Sorge um sein Werk im Herzen und auf der Zunge.

Der Bauer hörte aufmerksam zu und nickte. „Mit jedem Wörtl haben S’ recht.“

„Und wollen Sie mir helfen, die sinnlose Erregung unter den einheimischen Arbeitern zu beschwichtigen?“

„Gleich red ich mit die Ausschussmannder.“

„Gott sei gepriesen! Weil ich doch endlich einen finde, der Verstand hat!“

Der Bürgermeister schmunzelte. „Soviel man braucht zum Lernen, hat man schon.“

„Meinen Sie nicht, dass es gut wäre, wenn ich am Sonntag in der öffentlichen Gemeindeversammlung den Leuten vorstellen würde, was da für das ganze Tal auf dem Spiel steht?“

„Herr Inschenöhr! Dös lassen S’ gut sein! Machen S’ kein’ Krawall! In der Ruh geht alles leichter. Reden S’ einschichtig mit die Leut, heut, morgen, und wie S’ grad ein’ erwischen. Der Einschichtige is allweil a Gschöpf Gottes mit Verstand und Herz. Aber is a Dutzend beinand, so macht a Schimmel elf Schecken. Im Haufen sind d’ Menschen Viecher und Rösser.“

„Das wäre eine traurige Wahrheit, wenn Sie recht hätten. Aber ich will Ihren Rat befolgen. Und Sie, Herr Bürgermeister? Wollen Sie mir beistehen?“

„No ja! Probieren wir’s halt! Vielleicht hilft’s ebbes.“ Der Bürgermeister trat aus der Laube. „Jetzt muss ich in d’ Stuben eini. Sonst krawallen d’ Ausschusser. Ich sag Ihnen, Herr Inschenöhr: Bürgermeister sein – a Stiefelwichser is a Fürst dagegen!“ So schwatzte er weiter und ließ Ambros nicht mehr zu Wort kommen, bevor die Haustür nicht erreicht war. „No also, pfüe Gott für heut! An andersmal wieder, wann ich mit ebbes aufwarten kann.“

Im Hausflur trat eine magere Frau auf ihn zu. „Sei gscheit!“, flüsterte sie. „Lass dich in nix einihussen, was dir schaden kunnt!“

„So? Hast wieder aussiglust zum Stallfenster?“ Der Bürgermeister brauchte die Stimme nicht zu dämpfen; neben dem kreischenden Lärm, der in der Stube herrschte, konnte er ohne Sorge reden. „Der Herr Inschenöhr is einer, der’s gut meint. Aber gradaus möcht er fahren. Und die andern ziehen hott und hist. Stell ich mich zwischen eini, so derdrucken s’ mich.“ Er trat in die Stube. Alle Missgerüche des Dorfes waren in dem niederen Raum zu einer beklemmenden Atmosphäre vermengt. Dazu ein Lärm, der die Trommelfelle wie mit Hämmern erschütterte. Hinter einem mystischen Qualmschleier saßen die zwölf Wortführer der Gemeinde wie gepökelte Heringe um den Tisch herum. Trotz allem Spektakel schien die Beratung schon vorüber. Immer zweie, die Ellbogen an Ellbogen saßen, diskutierten von was anderem. „Also?“, fragte der Bürgermeister. „Was habt’s denn ausgredt mitanand?“

„Dass die Gmeind an Protest ans Bezirksamt macht!“, erwiderte der Jünglingsbauer vom Lahneggerhof mit einer Amtswürde, die was Kesselschmittisches hatte. „‘s Bezirksamt muss anschaffen, dass die wällischen Katzelmacher übern Barackenzaun nimmer aussi därfen. Am Sonntag müssen s’ den ansammlungsförmigen Kirchgang unterlassen. Der hat an aufreizerische Wirkung. Da kunnt’s auf’m geweihten Kirchboden noch blutige Händel absetzen. Und wann kei’ Ruh net wird, muss d’ Regierung an andern Inschenier aufstellen. Der is schuld an allem! Wann d’ Regierung net mag, muss unser Abgeordneter über’n Minister einrucken und muss ihm d’ Haar a bissl kampeln. Dös tät uns grad noch abgehn, dass unsereiner, der d’ Steuern zahlen muss, allweil hintdran wär! Ah na! Jetzt machen wir an gesalzenen Protest ans Bezirksamt.“

Der Bürgermeister nickte. „Probieren wir’s halt! Vielleicht hilft’s ebbes.“

In der Sonne, die schon rote Glut bekam, stand Ambros mit dem Gefühl eines Misserfolges auf der Straße und spähte nach Sully aus. Der hatte die Geduld verloren, war schon weit auf dem Heimweg und suchte mit gestreckter Nase gegen das Altwasser hin, um die Fährte seiner Herrin zu finden. Plötzlich fing er energisch zu bellen an. Er hatte zwischen den Erlenstauden seinen Feind entdeckt: Den langen Menschen mit der Angelgerte, die Sully für eine Peitsche hielt. Just der Stelle gegenüber, an der die drei Kinder vor fünfzehn Jahren den großen Huchen fingen, saß der junge Sagenbacher zwischen den Büschen und angelte. Der Abend wollte wieder so rot und leuchtend werden wie damals. Und am Ufer kläffte der weiße Spitz. „Gspaßig, dass ’s Hundl allweil allein is!“ Toni legte die Angelrute ins Gras, schüttelte den Hut vom Kopf und sprach den aufbegehrenden Sully freundlich an: „Geh, du, komm her und sei gut!“ Der weiße Spitz wich vor der Hand zurück, die sich ihm lockend entgegenstreckte. „So? Muss dös allweil so sein, dass man eins gern hat, und dass ein ’s ander net mag?“ Toni beugte seine Stirn auf die verschränkten Arme. So saß er regungslos.

Haben Hunde einen Sinn, um den Schmerz eines Menschen zu wittern? Ist stummer Schmerz ein Ding, das zu den Tieren redet? Der weiße Spitz stellte sein Kläffen ein, äugte den gebeugten Feind verwundert an und streckte windend die Schnauze.

Der Himmel brannte. Warmer Rotschein leuchtete über die Wiesen hin. Das Altwasser war anzusehen wie ein Strom von Blut. Und von weit her klang das dumpfe Rauschen der Wildach wie die Stimme einer verhüllten Gefahr, die ferne ist, doch immer droht.

Der weiße Sully ließ das kirschrote Zünglein lechzend über die scharfen Zähne hängen und betrachtete den stummen, mit roten Schimmerlinien gesäumten Menschen. Er schien zu denken: „So kommen wir zwei nicht vorwärts miteinander!“ Drum tänzelte er forschend um den Toni herum. Der merkte das, hob das Gesicht, machte plötzlich einen flinken Griff, haschte den Spitz und drückte ihn herzend an die Brust. „Gelt, jetzt hab ich dich!“ Der Hund wehrte sich mit rasendem Gezappel. „Sei doch gscheit und lass dich a bissl gern haben!“

Sully hatte noch nie einen Menschen gebissen. Jetzt aber, weil er sich anders vor dieser missverstandenen Zärtlichkeit nicht mehr zu retten wusste, schnappte er zu. Und tüchtig!

„Sakra!“

Der Gefangene war frei, begann ein schrillendes Gekläff, und über die leuchtenden Erlenbüsche klang eine Stimme: „Sully! Was is denn? Tut dir einer ebbes?“ Denn Sully kläffte genauso, wie er es immer zu tun pflegte, wenn ihm der böse Nachbarsbub ein Holzscheit zwischen die Beine warf. „He! Sully! Herrrrein!“ Das Zorngebell des Hundes wurde zu freudigem Gewinsel. Doch der Beda verging vor Schreck die Sprache, als sie zwischen den Erlenbüschen den Toni Sagenbacher stehen sah, der die linke Hand hinter dem Rücken versteckte. Erst schoss der Beda das Blut in die Wangen. Dann sagte sie feindselig: „Du? Was hast denn an dem unschuldigen Hund da verübt? Hast ebba wieder zustößen müssen?“

Toni konnte nur den Kopf schütteln.

„Musst ihm aber doch ebbes tan haben! Sonst tät ’s Hundl net so aufbegehren.“ Toni war noch immer sprachlos. Das reizte die Beda zu hartem Eigensinn. „So a Viecherl schlagen, dös sich net wehren kann!“

„So?“, stammelte Toni. „Gut kennst dich aus!“

„Ja! Gut! Meinst ebba, ich merk’s net, dass den Stecken hinterm Buckel versteckst?“ Flink, wie ein Habicht den Kuckuck fängt, hatte Beda den Arm des Toni erwischt. Da wich ihr alle Farbe aus dem Gesicht, weil sie sah, dass dem Toni das Blut über die Finger rann. „Jesus, Maria! Tonele? Was is dir denn passiert?“

„Grissen muss ich mich haben an der Angelruten.“

„So halt doch stad a bissl! Und lass dir helfen!“ Sie guckte genauer hin und sah die vier kleinen Male, aus denen die roten Fäden sickerten. „Du heilige Mutter! Hat dich mein Hundl bissen?“

Jetzt konnte der Toni nicht mehr leugnen. Mit einem wunderlich irrenden Lächeln sagte er: „A bissl schöntun hätt ich ihm mögen, und dös hat er falsch verstanden, weißt!“

Der weiße, vom Feuer des Abends rosig überschimmerte Spitz erlebte in diesem Augenblick die völlig neue Sache: Dass die Beda wütend auf ihn werden konnte. „Malefizhund, miserabliger! Wie kannst mir denn mein’ Buben beißen!“ Sully wusste dieser unbegreiflichen Erfahrung gegenüber keinen anderen Rat, als den Schweif einzukneifen und davonzurennen. Aber noch ein anderer hatte da was Neues erlebt. Der Toni Sagenbacher. Fünfzehn graue Jahre hatten ihn betrogen. Nun hatte ihm eine rot brennende Minute die Wahrheit gesagt. Dieses Neue fiel über ihn her, dass er kein Wort herausbrachte. Er sah nur immer die Beda an. Stumm und willig ließ er alles geschehen, was sie tat. Sie hatte ihn zum Altwasser hingeschoben, zog ihn nieder ins Gras, riss das weiße Tüchelchen von ihrem Hals, wusch dem Toni das Blut von der Hand und presste den feuchtkühlen Bausch auf die Bisswunde. Immer wieder sickerten unter dem Tuch die roten Fäden heraus. „Herr Jesus! Jesus! Gar net aufhören mag’s!“

Der Toni atmete tief. „Macht nix, Bedle! Weißt, ich bin so viel überblütig. ’s kleinste Ritzerl, und ’s Blut fahrt mir gleich aussi wie narret. Da kann dein Hundl nix dafür.“ An diesen Worten war nichts Merkwürdiges. Dennoch schien der Beda ein Schauer durch das junge Leben zu rinnen. Dazu wusch und kühlte sie immer die gebissene Hand. Nach einer Weile sagte der Toni: „Wann sich der Sully amal so weit an mich gewöhnt hat, dass er lauft mit mir, nacher führ ich ihn auffi ins Wirtshaus und zahl ihm an Nierenbraten.“

Das war eigentlich ein lustiges Wort. Doch es wirkte nicht heiter auf Beda. Sie hatte die Augen voll Tränen und musste erst heimlich den nassen Schleier fortzwinkern, bevor sie die gebissene Hand wieder ansehen konnte. Als sie den kühlen Bausch vorsichtig lüftete, sah sie, dass das ungebärdig quellende ‘Überblut’ endlich gestillt war. „Gott sei Lob und Dank!“ Hurtig wusch sie im Bach das rotfleckige Tüchl weiß, nahm es schmal zusammen, und während über den beiden der Himmel glühte, kniete die Beda vor den Toni hin und band ihm den feuchten Tuchstreif um die wunde Hand. Als sie den Knoten zuzog, fragte sie, ohne aufzublicken: „Gelt, a bissl fest hab ich’s gmacht?“

Er beugte den Kopf in dürstender Sehnsucht zu ihr hin: „Ja, Bedle, heut haben wir’s fest gmacht!“

Ganz gut verstand sie, wie das gemeint war. Dennoch fand sie den Ton einer geschäftsmäßigen Klugheit. „A bissl fest muss ’s Tüchl allweil sitzen. Weißt, dass dir nix Unrechts net einikommt!“

In Tonis Augen war ein glückliches Lachen. „Na, Bedle! Ebbes Unrechts kommt uns nimmer eini. Da kannst dich verlassen drauf!“ Mit dem weißen Wickel um die braune Tatze fasste er Bedas Hand, die kalt vom Wasser war. „Jetzt hast mir ’s zweite Mal gholfen. An so eim fuirigen Abend.“

Beda zuckte. Das war noch immer in ihr: Dass sie etwas Quälendes empfinden musste, wenn sie an jenen glühenden Abend vor fünfzehn Jahren erinnert wurde. Dann sagte sie mit zerdrückter Stimme: „Net reden davon! Denken lasst sich alles leichter.“ Sie sah über die leuchtenden Berge hin. „Es daucht mir, als wär der Abend heut viel schöner und fuiriger! Ob ’s net d’ Waldbluh ausmacht, dass die Berg gar so narrisch brennen?“ Weil sie keine Antwort hörte, drehte sie das Gesicht. „Bub? Was hast denn?“

Stumm, mit zitternden Händen griff er nach der Angelrute, warf die Schnur über das rote Wasser hinaus und bohrte die Gerte in den Rasen.

Rasch sagte sie: „Heut müssen wir aushalten, bis wir ebbes Richtigs derwischen. An so eim Abend muss doch wieder einer beißen. Dei’ Mutter muss ihren guten Fisch haben. Dös is d’ Hauptsach jetzt!“ Eine warme Zärtlichkeit war in ihrer Stimme. „Gelt, deiner Mutter geht’s besser? Da denk ich deintwegen allweil dran, bei Tag und Nacht. Es muss ihr besser gehn!“

Über den Toni fiel eine so schwere Erschütterung her, dass ihm die Zähne knirschten. „Ja! Recht hast, Bedle! Es muss ihr besser gehn! Es muss! Es muss! Und es wär net ’s erstmal, dass a Dokter an Esel is, und dass alles anders kommt, als wie’s so a Totenvogel profazeit. Es muss ihr besser gehn! Jetzt hab ich den Glauben drauf. Den hast mir geben, Bedle! Da kann’s nimmer fehlen. Jetzt muss sich unser Herrgott derweisen, wann er gut sein will. Dös därf er net tun, dass er mir d’ Mutter nimmt. Grad jetzt! Wo d’ Mutter erst noch ’s Beste derleben kunnt. Und so viel Freud anschauen! Und so viel Glück!“ Als er den Arm um die Beda legen wollte, bog sich das Mädel erschrocken von ihm fort. Denn auf dem Wiesenpfad kam einer am Altwasser hergegangen, langsam, die Hände hinter dem Rücken, das Gesicht emporgehoben zum glühenden Himmel. Dabei bewegte er stumm die Lippen, als spräche die Seele in ihm.

Der da gegangen kam, das war doch einer, dem die Beda und der Toni von Herzen gut waren. Aber in dieser roten Stunde guckten sie ihm so unfreundlich entgegen, als hätten sie ihn verwünschen mögen in das ferne Land, in dem der Pfeffer gedeiht. Ambros merkte nicht, wie ungelegen er kam. Als er die beiden am Ufer gewahrte, lachte die Freude in seinem Gesicht. „Wie nett! Genau so ein roter Abend wie damals! Und wir alle viere wieder schön beisammen!“

Die Beda stammelte: „Was? Alle viere?“ Sie blickte suchend umher – und richtig, da kauerte der weiße Spitz hinter ihr in der Erlenstaude. Um sein schlechtes Gewissen zu dokumentieren, legte Sully sich auf den Rücken und säbelte mit den flinken Pfoten flehend in der Luft herum. Da musste die Beda lachen. Und um bei Ambros kein Missverständnis aufkommen zu lassen, sagte sie: „Im Schlössl hab ich alles bsorgt. Und wie ich auf’m Heimweg daherkomm, hockt der Toni da mit der Angel.“

Das bestätigte der Toni. „Ja, bloß a bissl fischen hat s’ mir zugschaut.“ Heimliches Glück macht auch die ehrlichsten Menschen zu Lügnern.

„So? Da schau ich halt auch ein bisserl zu.“ Ambros warf den Hut ins Gras, setzte sich dem Paar gegenüber, schlang die Arme um die Knie und guckte die beiden lachend an. Alle Misslaune, die er aus dem Bürgermeisterhause davongetragen, war verschwunden. „Herr Gott! Wie schön ist das heute wieder! Wenn die Natur so ihre großen Frühlingsfeuer anzündet, wird man als Mensch so klein und spürt doch in sich alles Ewige. Man möchte fliegen und hinausschwimmen ins Unendliche. Und möchte sich doch wieder festklammern an aller Schönheit der Erde, um sie nie zu verlassen.“

Beda und Toni sahen einander lächelnd an. Sie verstanden nicht und verstanden doch. Die gleiche blühende Trunkenheit, wie in dieser gläubigen Poetenseele, flammte und fieberte auch in dem halb geborenen Glück der beiden anderen.

„Ach, Kinder! Schaut doch nur da hinauf! Und überallhin! Ein rotes Wunder! Als wären die fünfzehn Jahre gar nicht gewesen! Wie es damals war, genauso ist es heute wieder. Noch schöner! Damals waren wir Kinder, die den Schönheitsrausch nicht verstanden, der ihnen wie Feuer in die kleinen Käferherzen gefallen war. Aber heut ist alles noch schöner, weil wir reife Menschen sind, reif zum Leben und zu allem Glück, und weil wir das Schöne doppelt schauen, mit den Augen und mit dem Herzen, mit allen wach gewordenen Sinnen des Leibes und der Seele. Guck nur, Tonele, da drüben, das ist die gleiche Stelle wie damals. Und wo wir sitzen, hier, da ist das kleine, gute Bedle für uns ins Wasser gesprungen.“

Ein Wunder geschah. Die Beda wurde nicht bleich und wurde nicht zornig. Der Toni hatte heimlich ihre Hand gefasst.

Ambros lachte. „Bedle? Was meinst du? Würdest du das heute auch wieder tun?“

Sie scherzte heiter: „Heut brauch ich nimmer ummischwimmen. Jetzt sind wir eh schon beinand.“

„Da fehlte also nur noch der Fisch.“

Nun lachte auch der Toni. „‘s ander haben wir alles. Mit’m Fisch wird’s auslassen. So an Endstrumm Huchen schwimmt net alle Tag umanand.“

„Verruf’s nicht, Tonele!“, sagte Ambros. „Die schönen Dinge kommen immer wieder.“

Nun schwiegen sie alle drei und spähten gläubig auf das in Farben gaukelnde Wasser hin.

Das Rot der Wiesen wurde zu violettem Dunst, und vom Buchenwäldchen streckte sich schon ein schwarzer Schatten lang einher. Die blühenden Bergwälder hatten noch tiefen Rotschein, die hohen Zinnen noch helle Glut.

Der Toni sagte leise: „Herrgott, dös is an Abend, dass man singen müsst! Aber für so an Abend ghöret ebbes Bsonders her. Da müsst ebba der Waldrauscher singen.“

„Kinder!“ Ambros blickte sinnend in das schattende Gras. „Ich will euch ein Lied sagen. Ein neues. Das ist mir vorhin eingefallen.“ Er legte die verschlungenen Hände zwischen die Knie. Halb sprechend, halb singend begann er dieses Lied:

„Es fiel ein Leuchten in die Welt,
Ein feuerschönes Glänzen.
Und sieh, der Wald, von Saft geschwellt,
Will bräutlich sich bekränzen.
Es liegt die blühende Natur
In roten Traum versunken –
Mein Herz, der Wald, die weite Flur,
Ist roter Schönheit trunken!

Und dieser Rausch, so süß und tief,
Macht alles Leben lachen,
Und was im dunklen Brunnen schlief,
Will hell zum Glück erwachen.
Die Erde ward ein Freudensaal
Voll roter Sonnenkerzen,
Und überall ist Hochzeitsmahl
Für alle reinen Herzen.

Und mich und dich und Baum und Stein
Berührt des Wunders Schwinge,
Und: Ich bin dein und du bist mein!
So jubeln alle Dinge.
Weil alles Leben Hochzeit hält
Mit rosenroten Tänzen,
Drum fiel vom Himmel in die Welt
Dies feuerschöne Glänzen!“

Als Ambros verstummte, hatte das Rot der Wälder sich gedämpft. Über die Wiesen begann eine dunstige Dämmerung hinzuschleichen, und nur die leise schaukelnden Wellen des Altwassers hatten noch farbigen Schein, weil sie die Glut des westlichen Himmels spiegelten.

Der Beda glänzten die Augen; sie glaubte das neue Lied verstanden zu haben, weil ihr zwei Worte verständlich waren, das Wort Hochzeit, die gehalten wird, und das Jubelwort der blühenden Dinge: Ich bin dein, und du bist mein! Doch Toni schien sich mit schweren Gedanken zu plagen und sagte schwül: „Brosle, dös Lied musst mir aufschreiben! Wann ich’s öfter lesen kann, mein’ ich doch, ich kunnt mir’s langsam ausdeutschen.“

Ambros wollte lachen. Da sprang die Beda mit grillendem Schrei vom Grasboden auf. „Jesus! Tonele! Der große Fisch hat bissen!“ Den Toni riss es herum. Und wirklich, die Federspule der Angelschnur verschwand immer wieder im purpurnen Wasser. Heiße Erregung befiel die drei jungen Menschen, und Sully schlug einen Spektakel auf, als wäre er der gleiche weiße Spitz, der bei dem großen Fischzuge vor fünfzehn Jahren mitgewirkt hatte. Ambros schrie fast die gleichen Worte wie damals. Der Toni, sich vom Boden aufschnellend, griff nach der Angelrute, und die Beda sprang zu ihm hin und wollte helfen. Ehe das Mädel noch die Hände strecken konnte, hatte Toni schon einen kraftvollen Ruck mit der Gerte gemacht. Ein fingerlanges Forellchen flog in hohem Bogen durch die Luft, war von der Angel ledig, blitzte schön im letzten Glanz des Abends, fiel zurück in die violette Flut und war verschwunden. Erst standen die drei wie vor den Kopf geschlagen. Dann brachen sie in heiteres Lachen aus und lachten immerzu, bis der Toni bekümmert sagte: „Jetzt is d’ Mutter z’ kurz kommen.“

Da konnten auch die beiden anderen nicht mehr lachen. In dieser Stille hörte man beim Wildacherhaus eine weibliche Stimme immer wieder einen Namen schreien.

„Mar’ und Joseph!“, stammelte Beda. „D’ Ahnl hat Angst um mich. Da muss ich heim.“

„Und ich muss auch nach Hause!“, fiel Ambros ein. „Und muss noch üben ein paar Stunden. Gute Nacht, Tonele! Heut hat’s fehlgeschlagen.“

Toni sah zur Beda hinüber. „Net ganz.“

„Musst halt morgen dein Glück wieder versuchen.“

„Kunnt sein, dass ich’s heut noch a bissl probier.“

Der Beda fuhr es heiß über die Wangen.

„Du“, sagte Ambros, „zu reden hätt’ ich auch was, wegen meiner Arbeit.“

„Mach ich halt morgen in der Fruh an Sprung zur Notburg auffi.“

„Ja, Tonele! Ich dank dir! Und gute Nacht!“

„Gut Nacht, Brosle!“

Als Ambros den Heimweg antrat, zögerte die Beda. Dann wandte sie sich wortlos ab und ging. Unter leisem Lachen haschte Toni den weißen Schürzenbändel. Die Schleife löste sich, und die Schürze wurde hurtig in den Schatten der Erlenstaude hereingeangelt. Die Beda merkte wohl gleich, dass ihr was fehlte. Doch ruhig ging sie neben Ambros her, dem die Geschichte des missglückten Fischfanges heitere Worte gab.

„Weißt du, Bedle, ich hätte mich rasend gefreut, wenn der Tonele heut an diesem neuen roten Abend wieder einen so schönen Fang gemacht hätte.“

Beda schien zu erschrecken. „Jesses! Mein’ Schurz hab ich verloren. Den lass ich net hint. D’ Ahnl tät mich grausam schimpfen.“ Da fing sie schon zu rennen an, und der Spitz machte kläffend seine Sprünge neben ihr her. Als Beda um die dunkle Erlenstaude herumsurrte, stand schon einer auf der Lauer, umfing sie mit starken Armen, presste sie an seine Brust und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Das sah wie Grobheit aus. Wenigstens schien der treue Sully die Sache so zu verstehen. Mit dem schrillenden Gebell, das er anschlug, wollte er seiner Herrin augenscheinlich sagen: „Gelt, ich hab’ es geahnt, dass dir was Ähnliches passieren würde wie mir!“ Dann sprang er dem groben Feind so tapfer gegen die Waden, dass Toni aus seinem zärtlichen Rausch erwachte.

Unter glücklichem Gekicher haschte Beda ihre weiße Schürze aus dem dunklen Gras. „Gut Nacht, lieber Bub!“ Sie sprang davon.

Sully triumphierte über diesen Sieg.

Und Toni lachte: „Jetzt kann ich der Mutter doch ebbes heimbringen! Und ebbes Besseres als an kalten Fisch!“

Alle Wiesen lagen schon von grauen Schleiern übergossen, aus dem matt leuchtenden Altwasser begannen die Nebel aufzudampfen, und der blühende Bergwald wurde schwarz. Nur die Große Not war noch umglutet von einem letzten Gruß der verschwundenen Sonne und ragte wie ein riesenhafter Blutkristall in die grünlich getönten Lüfte.

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