Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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               Kapitel 1
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               Kapitel 5
               Kapitel 6
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               Kapitel 10
               Kapitel 11
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Kapitel 13

Gegen fünf Uhr morgens wurde Ambros durch eine böse Nachricht geweckt. Ein alter Rottmann der italienischen Arbeiter holte ihn zum Barackenlager. Dort wäre vor einer halben Stunde der Bürgermeister mit zwei Gendarmen und einem Mitglied des Gemeinderates erschienen, um nach einem jungen Italiener zu suchen, der in der Nacht einen einheimischen Bauernknecht durch einen Messerstich aufs Leben verwundet hätte. Die ganze Schar der Arbeiter wäre wie ein Mann dagegen aufgestanden, dass eine Amtshandlung vorgenommen würde, bevor Ambros im Lager wäre – il buon padrone –, von dem sie wüssten, dass sie auf sein Gerechtigkeitsgefühl vertrauen dürften.

Blass und schweigend ging Ambros im blühenden Morgen neben dem alten Manne her. Schon von weitem war aus dem Barackenlager der hundertstimmige Lärm zu hören, so laut, dass er das Rauschen der Wildach übertönte. Vor dem Brettertor des Lagers standen Bauernburschen, schüttelten die Fäuste und schimpften. Einer war unter ihnen, ein magerer, grobknochiger Mensch, das Gesicht so käsig, als hätte bei ihm der Sonntagsrausch zu einer üblen Revolte seiner Natur geführt. Der schrie am lautesten. Ambros meinte die schrillende Stimme schon einmal gehört zu haben. Ob das nicht einer von den Dreien war, die am Abend nach der Ankunft der Italiener jene Spottverse gesungen hatten?

„Italiani,
Polenta, Marani –“

Eine aufgeregte Menge von Arbeitern füllte den Platz inmitten des Barackenlagers. Die Erregung von vierhundert Menschen, ins Südländische übersetzt, macht immer den Lärm eines brausenden Sturmes. Junge Leute und alte Männer kamen schreiend durch die Lagergasse auf Ambros zugerannt. Vor der Hütte des Zahlmeisters stand neben den beiden Gendarmen der Bürgermeister, ein Mann mit klugen Augen, und das Mitglied des Gemeinderats: der Krispin Sagenbacher. Ein sechsstündiger Schlummer hatte nicht genügt, um den sonntäglichen Alkohol aus seinem Organismus völlig wieder auszutreiben. Der Jünglingsbauer wackelte noch ein bisschen, gab sich aber Mühe, seine amtliche Würde zu bewahren, und begrüßte Ambros mit den Worten: „Da hast es jetzt! Mit deine wälfischen Freinderln! Den Verdienst haben s’ uns eskamotiert, unsere Madln täten s’ uns wegfischen und stechen mit die Messer zu, die braven Herren Italiani.“

Der Schuldige hatte sich schon gemeldet. Es war ein junger, kaum zweiundzwanzigjähriger Mensch, den Ambros als einen der fleißigsten Arbeiter kannte. Schweigend stand der Bursch inmitten seiner schreienden Landsleute. Das hübsche, blasse Gesicht war von blauen Malen entstellt, und der schlanke Oberkörper, den er bis zum Gürtel entblößt hatte, war bedeckt mit blutigen Striemen. Einen Blick des Erbarmens in den Augen, trat Ambros auf ihn zu. „Poverino! Cos’ hai fatto?“1

Der junge Mensch antwortete ruhig: „No, Signor! Non l’ho fatto io. L’ha fatto l’amore. E la bestia eterna!“2

Ambros hob die Hand. Stille trat ein. Dann sprach er zu den Leuten. Sie sahen es ein, dass mit Gewalt da nicht zu helfen war. Auch der junge Mensch rief seinen Kameraden mit heller Stimme noch ein paar Worte zu: Sie sollten ruhig an die Arbeit gehen; er müsste für seine Tat einstehen, da wäre nichts zu ändern; und wenn sie früher in die Heimat kämen als er, dann sollten sie seine Mutter von ihm grüßen. Drauf nahm er seine Bluse und das blutfleckige Hemd über den Arm und ging mit Ambros in die Hütte des Zahlmeisters.

„D’ Amtshandlung geht füranand!“, sagte Krispin Sagenbacher zum Bürgermeister. „Unser Beistand hat’s ausgmacht, dass die Sach ablauft in aller Ruh. Jetzt können wir Heim marschieren.“

Der Gemeindevorstand zündete im Davonwandern sein Pfeifl an. „No ja, muss man der Sach halt ihren Lauf lassen. Aber was dö zwei Zeugen ausgsagt haben, der Sepp und der Lois, dös kommt mir a bissl mausig für.“

„Was?“, fuhr Krispin auf, als hätte man seine eigene Wahrheitsliebe in Zweifel gezogen. „Jedes Wörtl is wahr. Für ’n Sepp und gar für’n Lois, da leg ich d’ Hand ins Fuier.“

„Ja, ja! Lassen wir’s gut sein!“ Der Bürgermeister ging seiner Wege.

Vor dem Brettertor des Barackenlagers wurde Krispin von jenem langen, grobknochigen Burschen mit dem kalkweißen Gesicht abgefasst: „Wie schaut’s denn aus?“

„Haben tun s’ ihn.“ Krispin zwinkerte mit dem linken Auge; das sollte heißen: „Komm mit!“ Eine Strecke gingen die beiden schweigend an der Bretterplanke hin. Dann sagte der Lahnegger: „Lois, jetzt hab ich mich auf d’ Füß gstellt für enk. Jetzt musst mir aber auch an Gfallen tun.“

„Alles, was d’ willst!“

„In der halben Woch, auf ’n Abend amal, komm ich abi zu dir. Derweil kauf dir a Briefbögl! Und schau, dass beinand hast, was man braucht zum Schreiben.“

Der Lois guckte den Lahnegger fragend an. Krispin gab keine Antwort, sondern lachte trotz allem Bohren seines Katzenjammers vor sich hin, mit dem froh vergnügten Ausdruck eines Menschen, der sich einer guten und klugen Tat besann.

Inzwischen wurde in der Zahlmeisterstube die Aussage des jungen Missetäters zu Protokoll genommen. Ambros diente als Dolmetsch. Der Verhaftete hieß Nino Pallozzi und war in der Nähe von Mailand daheim. Sein Vater war vor drei Jahren in den Marmorbrüchen von Carrara verunglückt. Heuer hatte sich Nino zum ersten Mal als Arbeiter ins Ausland verdingt, um für seine Mutter was heimbringen zu können. Als er das sagte, begannen ihm trotz seiner Ruhe die Hände zu zittern.

Und wie er zu dieser Tat gekommen wäre? Er gab Antwort. Und Ambros übersetzte: „Schnell! So, wie sie immer kommen: Die schönsten Freuden und die bösen Dinge.“

Am verwichenen Abend war er für sich allein am Waldsaum spazieren gegangen. Das war für seine Augen fremdartig und schön zu sehen: Wie der deutsche Wald zu blühen begann, als sollten rote Rosen auf den schwarzen Bäumen wachsen. Während er saß und immer dieses deutsche Wunder anguckte, befiel ihn heißes Heimweh und eine solche Sehnsucht, dass er singen musste. „Canto bene!“ Er lächelte mit bleichen Lippen zu diesem Wort: Ich singe gut! Und während er sang, kam ein junges, schmuckes Mädel aus dem Wald. Lachend blieb sie vor ihm stehen. Wenn ein Lied zu Ende war, machte sie ihm ein Zeichen, dass er wieder singen sollte. Dann schwatzten sie eine Stunde, wobei keins ein Wort des anderen verstand. Das Mädel zeigte ihm freundliche Augen und ließ ihm ihre Hand, die er streichelte. Als es dämmerte, ging sie davon, guckte sich immer wieder um und verschwand im Garten eines Bauernhofes. Nino blieb am Waldsaum sitzen, bis es dunkel wurde. Die Sterne kamen. Ein wunderliches Rauschen war in der Nacht, die noch schöner sang, als Nino zu singen wusste. Und da fiel ihm etwas in Herz und Blut, wie ein Stern in den stillen Brunnen fällt. „Cuor o sangue? Sono sempre la stessa cosa.“

Der Protokoll führende Gendarm lachte, als Ambros übersetzte: „Herz oder Blut? Das sind nur verschiedene Worte für das gleiche Ding.“

Den Nino zog es in der singenden Nacht zu den dunklen Hecken hin, die das Haus umgaben. Ein Fenster wurde hell. Nino sah das Mädel in dem kleinen Stübchen. Als das Licht erloschen war, sprang er zum Haus hinüber, kletterte über das aufgeschichtete Holz und klopfte an das Fenster. Nichts rührte sich. Da sang er leise von den Liedern eines, die er am Waldsaum gesungen hatte. Das Fenster wurde geöffnet. Erst schalt das Mädel, aber noch leiser, als Nino gesungen hatte. Dann lachte sie, ließ ihm ihre Hand und duldete seinen Kuss. „Con quel bacio le ho dato la mia vita.“ Ein schwermütiges Lächeln begleitete dieses Wort. Ambros übersetzte: „Mit diesem Kusse gab ich ihr mein Leben.“ Und fügte bei: „Ich ersuche zu Protokoll zu nehmen, dass dieses Wort, das mir wesentlich erscheint, einen doppelten Sinn hat. Es bedeutet: Mit diesem Kusse fühlte ich mich für mein ganzes Leben an dieses Mädchen gebunden. Das Wort sagt aber auch: Dieser Kuss kostet mich mein Leben.“

Der Gendarm warf geärgert die Feder aus der Hand. „Dös is ja koa Protokoll nimmer! Dös is a narrische Liebsgschicht.“

„Die Wahrheit ist es.“

„Ah was! Wir müssen uns an die Fakta halten.“

„Ich bestehe darauf, dass protokolliert wird, wie ich übersetze.“

„Meintwegen! Muss ich mich halt als Dichter aufspielen!“ Der Gendarm schrieb weiter und brummte: „‘s Madl hat anders ausgsagt.“

„Dann hat sie gelogen.“

„Herr Inschenier!“ Der Gendarm wurde hochdeutsch. „Beleidigungen von Zeugen darf ich nicht dulden.“

Nino Pallozzi hatte kein Wort dieser Debatte verstanden, schien aber zu fühlen, dass Ambros für ihn kämpfte. Er dankte seinem Anwalt mit heißem Blick. „Andiamo, Nino!“, sagte Ambros herzlich. „Parla!“

Viel hatte der Missetäter nicht mehr zu erzählen. Während er vor dem kleinen Fenster stand, seine Wange an den Arm des Mädels geschmiegt, fassten ihn grobe Hände von rückwärts und rissen ihn herunter. Er wurde zu Boden geworfen. Drei Menschen trommelten mit Fäusten, Holzscheiten und genagelten Schuhen auf ihn los. Weil ihm bang um sein Leben wurde, zog er das Messer und stieß zu. Einer fiel. Die zwei anderen rannten davon. Das Fenster wurde nicht mehr hell. Schreiend lief das Mädel aus der Kammer. Neben dem Menschen, der stumm und schwarz im Grase lag, blieb Nino wie versteinert auf den Knien, bis die Leute aus dem Haus gelaufen kamen. Sie wagten sich nicht heran, schrieen und drohten nur. Am zornigsten schalt das Mädel gegen ihn.

Um Ninos bleiche Lippen irrte wieder jenes wehe Lächeln, während er mit gutmütiger Entschuldigung zu Ambros sagte: „Aveva paura. La poverina! E bestemmiando piangeva.“3 So betrachtete Nino das Verhalten des Mädels jetzt vor den Gendarmen. In der Nacht war er wie ein Irrsinniger davon getaumelt. Daheim, im Barackenlager, vertraute er sich den Freunden an, die mit ihm die gleiche Hütte teilten. Die wollten ihn zur Flucht bewegen. Nino blieb. Als um die Morgendämmerung der Lärm mit den Gendarmen anfing, stellte er sich, um schlimmere Dinge zu verhüten. „Ecco la cosa!“ So war es!

Der Gendarm nickte, und um zu zeigen, dass ihm das Italienische keine ganz fremde Sache wäre, sagte er ernst: „Vedremo!“

Ambros wollte frische Wäsche für Nino besorgen und die blutigen Striemen reinigen, die den jungen, schlanken Körper entstellten. Da bekundete der Protokollführer einen schönen Zug von Objektivität. Er sagte: Das dürfe nicht geschehen; dem Gerichtsarzt müsse der primäre Befund vor Augen gestellt werden, und wenn dem Inkulpaten irgend etwas nützen könne, so wäre es diese rote Sprache auf seinem Leib.

Schweigend schlüpfte Nino in das blutbefleckte Hemd und in die übel zugerichtete Bluse. Ambros legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte zu ihm in seiner Sprache: „Sei verständig, Nino! Du hast in Notwehr gehandelt. Was ich tun kann für dich, das wird geschehen. Jetzt musst du der Stunde geben, was sie verlangt von dir.“

Nino nickte, bot den Gendarmen die gekreuzten Fäuste hin und ließ sich die Kette um die Knöchel legen. Als sie ihn zur Tür hinausführten, sagte er über die Schulter zu Ambros. „Grazie, padron mio! Mi vuol bene. Lei! E pur ho trovato l’amore.“4

Ambros fiel auf den Sessel vor seinem Plantisch nieder und presste die Stirn in die Hände. Klare Morgensonne schien durch die großen Fenster herein und überleuchtete sein blondes Haar.

Draußen im Lager war es still geworden. Doch in der Zahlstube wurde es lebendig. Der Geschäftsführer des Herrn Friedrich Wohlverstand erschien auf dem Boden seiner Pflicht. Er klapperte mit seinen Schlüsseln, pumperte mit seinen Kontobüchern und erging sich in dunklen Redensarten, bis Ambros aufsprang und mit Zorn bebender Stimme schrie: „Lassen Sie mich in Ruhe!“

„Bitte, Herr Ingenieur!“

Ambros stürmte ins Freie. Der zurückbleibende Zahlmeister sagte: „Der wird Augen machen bei der Abrechnung!“ Dann schrieb er in ein Geheimbuch seiner Kontoführung den Lohnbetrag für eine versäumte Arbeitsstunde von dreihundertneunundneunzig Italienern zu Lasten des leitenden Ingenieurs. Und in die Arbeiterliste machte er zwei dicke, säuberlich mit dem Lineal geführte Striche durch den Namen: Nino Pallozzi.

Draußen in der Sonne konnte Ambros nicht an seine Arbeit denken. Immer sah er den armen Jungen, den das Ewigkeitslied einer schönen Nacht betört hatte, sah die stumme Trauer in den schwarzen Feueraugen, das Lächeln um den bleichen Mund. „Die singende Nacht? Das tat die Liebe? Das unsterbliche Tier?“ Wie der arme Junge nur zu solchen Worten kam? Aber machen Schmerz und Liebe nicht einen Dichter aus jedem Menschen, der an ihnen leidet? Leidet? Auch an der Liebe leidet man? – Warum nur dieses Denken in ihm so quälend war? Aus Sorge um Nino Pallozzi? Der ging wohl bitteren Wochen entgegen. Doch er hatte einer Rohheit gegenüber in Notwehr gehandelt. Allzu Schlimmes konnte ihm nicht geschehen. Vielleicht würden die Richter ihn freisprechen? Aber dann? Seine besudelte Jugend, sein zerstörter Traum, sein misshandeltes Herz, sein Hass wider diese schöne, singende Nacht, die ihn verlockt, enttäuscht und betrogen hatte! Bei diesem Gedanken fühlte Ambros in seiner Brust ein ruheloses Hämmern. Und da blieb er plötzlich stehen. Was seine Augen sahen, war ein liebliches Wunder des Lebens und der Frühlingssonne.

Aus dem Waldsaum, den Ambros erreicht hatte, schob sich eine dreißigjährige Fichtendickung spitz heraus, nach einer Stelle hin, die an jedem klaren Morgen vom Lichte zuerst umflutet wurde, wenn die Sonne empor tauchte aus einer Scharte der Großen Not. Drum hatte dieser junge Waldspitz üppiges Grün und war allem anderen Wald voraus an blühenden Kräften. Hier trugen die Fichten auf den Gipfeltrieben auf der Spitze eines jeden Zweiges schon die kleinen ockergelben Blütenknospen und die blutrot sprossenden Fruchtzapfen. Wie Weihnachtsbäume waren sie anzusehen, die man mit gelben Sternchen und roten Kerzen besteckte. Zwei Tage, einer mit wogendem Regengrau und einer mit flutendem Lichte, hatten diesen Zauber gewirkt. Und der strenge Duft der blühenden Waldjugend hauchte durch die reine Morgensonne.

Je länger Ambros das rot blühende Frühlingswunder im Grün betrachtete, desto freier wurde ihm die Seele. Schließlich blieb nichts anderes mehr in ihm als Freude an dieser Schönheit. Während er davon schritt, gegen die rauschende Wildach hin, gewahrte er auch im dunkleren Walde schon an vielen alten Bäumen die rosig hervorlugenden Blütenkeime. Das Rauschen der Wildach wurde wie Musik für ihn.

Bei der Kapelle der heiligen Notburg dröhnte ein Sprengschuss. Die Berge donnerten, und Wald und Tal waren angefüllt von diesem rollenden Echo. Ambros blieb stehen und lauschte. Sein junger Körper streckte sich. Ein frohes und starkes Erwachen war in ihm, und raschen Ganges stieg er empor zur Stätte seiner Arbeit.

Im leuchtenden Abend kehrte er heim, die Arme schwer beladen mit Pflanzenballen, die er ausgegraben hatte, mit großblättrigem Efeu und mit Waldrausch, dessen Blüten erst winzig und weiß aus den Hüllen spitzten. Er war von diesem Grün so wirr überhangen, dass ihn Beda unter dem Gekläff des weißen Sully mit dem lachenden Wort empfing: „Herr Lutz, du treibst es ja, als wärst dem Waldrauscher sein Lehrling!“

Er stimmte in ihr Lachen ein. „Gelt, ja? Und den Waldrauscher hab ich heut schon ein paar Mal gesehen. Es war fast, als hätte er mich gesucht. Doch wenn ich ihn anrief, war der Alte weg wie ein Husch.“

„Der hat allweil seine eigenen Sachen im Kopf. D’ Ahnl sagt oft: Unser Herrgott und der Waldrauscher, da muss man studieren, wie sie’s meinen.“

Bis spät in die Nacht hinein arbeiteten die zwei jungen Menschen, um das Waldgrün in Töpfe und kleine Holzkisten zu pflanzen. Dabei redete die Beda immer von der kranken Lahneggerin. Das hatte zur Folge, dass Ambros viel vom Toni schwatzte. Auch von Nino Pallozzi sprachen sie. Erst schalt die Beda. Als Ambros ihr erzählte, wie das rote Elend entstanden war, sagte sie ernst: „Jetzt erbarmt mich dös junge Bürscherl. Ob so ebbes schnell kommt, oder ob’s fufzehn Jahr lang heimlich wachst, es bleibt allweil ’s gleiche. Der arme Kerl! Gut wird’s ihm net gehn. Der Knecht, den er gstochen hat, is heut schon a bissl besser. Aber dö andern zwei, dö dabei waren, der Sepp und der Lois, zwei Freunderln vom Krispi – dös is a Schlag, den man kennt. Dö machen Zeugschaft, wie sie’s ausgredt haben. Und schwören dem Teufel ’s Ohrwaschel weg. No ja, und ’s Madl – sie is sonst kein ungutes Frauenzimmer, d’ Nannerl vom Waldreuterhof – aber jetzt wird sie’s halt machen wie die anderen und wird jedem d’ Schuld geben, bloß ihr selber net. Es is a Kreuz mit die Leut. Grausen kunnt eim oft! Und nachher kommt’s wieder, dass man eim soviel gut sein muss.“

Die eingesetzten Pflanzen blieben im Freien, damit sie sich unter dem Tau der milden Mondnacht erholen möchten.

Früh um fünf Uhr stand Ambros auf und zimmerte zwei Blumengitter. Die wurden im Stübchen seiner Mutter vor die beiden Fenster genagelt und bekamen die kleinen Kisten mit dem Waldrausch zu tragen. Die Efeustöcke wurden neben den Gesimsen auf Etageren gestellt, und in hübschen Linien spannte Ambros die langen, grünen Ranken um die Fensternischen.

Am Abend, wieder nach einem schönen Tag, brachte Ambros acht Blumenstöcke heimgeschleppt: Fuchsien, Nelken und Geranien. Er hatte die Stöcke von der Bäuerin im Waldreuterhof gekauft. Dabei hätte er gern ein Wörtchen mit dem Nannerl gesprochen. Das Mädel ließ sich nicht blicken. Obwohl der Versuch, für Nino Pallozzi einen mahnenden Appell zur Wahrheitsliebe an das Nannerl zu richten, misslungen war, brachte Ambros doch eine gute Laune mit heim. Die Blumen, die er für die Mutter in die Stube stellte, machten ihm Freude. Während er da mit Beda ordnete und schaffte, neue Gardinen aufnagelte und die alten Möbel rückte, wurde er so übermütig, dass Beda sagte: „Herr Lutz, du bist, als tätst du ebbes Rauschigs im Blut haben.“

„Das kommt von dem prachtvollen Duft da draußen im blühenden Wald.“ Ein Weilchen später verstummte er in seinem sprudelnden Geplauder und blickte sinnend in die leuchtende Dämmerung. „Heut am Abend muss die Mutter meinen Brief bekommen haben. Und jetzt wird sie schreiben.“

Die Sehnsucht sieht das Wirkliche nie.

– Dass Frau Lutz den Brief bekommen hatte, das stimmte. Aber sie schrieb nicht. Sie las nur immer, am Fenster ihrer kleinen Stadtstube mit den russdunklen Mauern gegenüber, so lange, bis das Licht erlosch, und dann bei der Lampe wieder, mit zitternden Händen, in den Augen einen Sorgenblick. Jedes Wort des langen Briefes schien für sie ein Rätsel zu sein, das ihr das Herz bedrückte und nicht zu lösen war. Sie blieb vor dem Briefe sitzen, bis es Mitternacht wurde. Dann löschte sie die Lampe. In der dunklen Schlafstube saß sie im Bett, das Gesicht in die Hände gedrückt.

„Eine von den beiden hat er lieb! Die Beda, oder – nein, nein, nein, das ist doch Irrsinn!“

Schluchzend warf sie sich zurück und wühlte das Gesicht in die Kissen.

„Ob die Beda oder eine andere, jetzt wird es kommen, dass ich ihn verliere. Und nichts mehr habe. Nichts, nichts, nichts! Und eine andere nimmt ihn, lachend, und freut sich an allem, was gut und schön in seinem reinen Herzen ist.“

Am andern Morgen sah sie aus, als wäre sie in dieser Nacht um Jahre gealtert. Dann war es ihr erster Weg, die Absendung der Noten zu besorgen. „Express?“ Sie rannte, dass ihr der Schweiß aus der Stirn trat. Und daheim, in der Stube ihres Sohnes, zog sie wieder den Brief aus der Tasche. Und las.

Am Abend, bei der Lampe, wollte sie schreiben. Der Briefbogen lag vor ihr auf dem Tische, sie hielt die Feder in der Hand, aber sie brachte keine Silbe auf das Blatt. Nur ihre Tränen fielen in das weiße Viereck. Dann warf sie die Feder fort und flüchtete sich in die Finsternis ihrer Schlafstube. –

– Es war um die gleiche Stunde. Da wurde im Wildachtal ein Brief geschrieben. In der Knechtkammer des Lois. Der saß vor dem Fensterbrett, beim Flackerschein der Unschlittkerze, die im Hals einer verstaubten Enzianflasche stak. In einem Schüsselchen hatte Lois anstatt der Tinte ein bisschen Stiefelwichse mit Essig angerührt. Eben kratzte er mit dem Messer den Rost von der Feder. Und schnaufend sah er den schönen, fleckenlosen Briefbogen an, in dessen Ecke ein schnäbelndes Taubenpaar von einem blauen Vergissmeinnicht umschlossen war.

Auf dem zerwühlten Bett saß der Jünglingsbauer vom Lahneggerhof und schmauchte an seiner Pfeife. Weil ihm das Rostkratzen zu lange dauerte, schimpfte er: „Bluatsa! Fang amal an!“

„In Gottsnamen! Soll mir der Tuifi und sein Schulmeister helfen!“ Der Lois fuhr mit der Feder in die Stiefelwichse. „Natürlich! Hab schon die erste Sau aufm Blattl!“ Er leckte den braunen Fleck mit der Zunge fort.

„Macht nix! Dö Bäuerin wird Säu gnug zum Futtern haben. Da kommt’s auf eine mehr oder weniger net an.“

„Also?“

Weil sich der Krispin alles schon klug und vorsichtig überlegt hatte, konnte er mit schönem Fluss diktieren: „Liebe Bäurin! – Bäurin! Hast es? – Oft hat einer einen Freind, wo er nichts davon nicht weiß.“

„Öha! Langsam!“

„Auch Du hast einen – hast es? – einen Freind. Punktum. Und dieser ist Dein Schutzengel! Mit Ausruf! – Hast es?“ Weil der Lois keine Antwort gab, sondern nur schnaufte und leckte, stand Krispin auf, guckte dem Federhelden über die Schulter und fand gerechten Anlass, in die bekümmerte Klage auszubrechen: „Sakra, Bluatsa, dös schaut aber schiech aus!“

Überall auf dem schönen Briefbögerl sah man die grauen Fingersiegel des Lois. An den nass geleckten Stellen war die Schrift zerflossen, und weil die Stiefelwichse an der Feder nicht haften wollte, hatte sie jeden Haarstrich mit einem braunen Tropfen beschlossen und aus jedem Schattenstrich eine fürchterlich dicke Sache gemacht. Die zwei schnäbelnden Tauben schienen jetzt nicht mehr auf einem Blumenhügel zu sitzen, sondern auf einem Schweinestall. Der Lois aber sagte: „Mir gfallt’s! Da wird’s net viel Leut im Ort geben, dö besser schreiben als ich.“ Weil er beim Schreiben nicht gedacht, nur gehorcht und gekritzelt hatte, drum stand in diesem Schutzengelbrief getreulich registriert, wie oft der Krispin beim Diktieren die Frage stellte: „Hast es?“

„Du Ochsenschüppel, du dreidoppelter! Wann ich fragen tu, ob d’ es hast, dös ghört doch net eini in ’n Brief!“

Der Lois ließ sich belehren. „Ja, Mensch, da kannst recht haben!“ Er wollte die drei ‘Hast es?’ ausstreichen.

Krispin verhinderte das. „Lass gut sein! Sonst machst noch a paar Säu mehr eini. Soll’s halt stehnbleiben! D’ Wittib wird sich schon ebbes denken dabei. A Weibsbild, wann’s verliebt is, schaut jeden Stiefel für die ewig Seligkeit an.“ Nachdem er dieses goldene Wort seiner Lebensweisheit geprägt hatte, tat er einen festen Zug aus der Pfeife. Und diktierte weiter.

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1 Armer Junge! Was hast du getan! ^
2 Nein, Herr! Das hab' ich nicht getan. Das tat die Liebe. Und das ewige Tier!
^
3 Sie hatte Angst. Das arme Ding! Und während sie fluchte gegen mich, musste sie weinen.
^
4 Ich danke, lieber Herr! Sie sind mir gut! Und da hab ich nun doch gefunden, was Liebe heißt.
^

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