Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Waldrausch

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
               Titel
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14
            Buch 2
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14

Kapitel 12

Ambros wanderte durch die Ulmenallee, deren Schatten ihn schwarz umschlang. Beim Verlassen des Saales, geleitet von Herrn Kesselschmitt, war er wieder durch jenen Raum gekommen, den er zuerst betreten hatte. Nun hatten hier zwei Leuchter mit vielen Wachskerzen gebrannt. Hell und lebendig hatten die beiden Bilder ihn angesehen: Der junge Jäger und dieses frohe, reizvolle Frauengesicht. Wie seltsam, dass er die Herzogin nicht anders sehen konnte, nur immer so, wie dieses Bild war, dem sie in ihrer Freude an dem Schumannschen Traumliede völlig geglichen hatte! – „Sorge? Warum? War ihre Erschütterung nicht schönes Genießen? Die soll auch bei Mozart noch das Lachen lernen!“ Etwas Frohes hämmerte unter seinen Rippen.

Die Allee war zu Ende. Ein Diener wartete beim Tor, sperrte das schmiedeeiserne Gitter auf und ließ hinter dem Gast das Schloss wieder einklappen.

Ambros wollte heim. Da fiel ihm der Toni ein. Er folgte der Straße gegen das Unterdorf. Nun war ihm, als spränge ein Mensch über den Weg. Er spähte in das Dunkel und rief: „Ist jemand da?“ Keine Antwort kam.

Am Lahneggerhofe war noch ein kleines Fenster erleuchtet. Ambros beugte sich über den Zaun, der dicht an der Giebelfront des Hauses hinlief, und mit einer Gerte, die er von einer Johannisbeerstaude abbrach, pochte er an das helle Fenster. In der Stube ein erschrockener Laut. Dann wurde das Fenster aufgerissen, und der Toni schob den Kopf heraus: „Seids ebba narrisch? Ans Fenster scheppern bei der Nachtzeit! Und a Schlaf brauchets Weibl derschrecken!“

„Ich bin es! Und bringe etwas Gutes.“ Ambros hörte ein „Jesus, Maria!“ der Lahneggerin. „Ich soll dir sagen, dass der Wildmeister wegen des Fisches keine Anzeige machen wird. Und die Frau Herzogin erlaubt dir, dass du jeden Tag für deine Mutter Forellen fangen darfst.“

„Net wahr is ’s!“, zweifelte Toni.

„Doch! Glaub es nur!“

„Deiner Stimm muss ich glauben. Da is heut ebbes drin, wie wann einer singt in der Kirch.“

„Gelt, ja! Nur ein einziges Wort hab ich der Frau Herzogin sagen brauchen, und alles war in Ordnung. Das ist ein herzensgutes, entzückendes Geschöpf.“

„Wart a bissl! Dös muss ich der Mutter sagen. Gott sei Lob und Dank! Jetzt wird s’ doch schlafen können.“ Der Kopf des Toni verschwand, und das Fenster wurde zugeriegelt.

Als Ambros sich umwandte, stand dunkel einer vor ihm, der ausgiebige Sohlen hatte und doch ein Übergewicht, das einer breiteren Basis bedurfte. Dieses nach Gleichgewicht ringende Leben grölte: „Du? Was treibst denn da?“

„Oh, der Krispin!“

„Jegerl, schau, der Herr Inschenöhr!“ Erst lachte der Jünglingsbauer; dann schrie er in Zorn: „Tust ebba Botschaft tragen? Was? Z’erst hast mir mein’ Wald abdruckt um a Spottgeld. Und als Vergeltsgott hilfst zum andern?“

„Krispin, Ihr habt einen Rausch.“

„Hast ihn du ebba zahlen müssen? Den hab ich mir selber kauft.“

Den weiteren Verlauf dieser feuchten Rechnung wartete Ambros nicht ab, sondern ging lachend seiner Wege. Schimpfend torkelte Krispin in die Hofreut. Als er eben vor der Haustür dem Toni begegnete, der barfüßig aus dem Flur gesprungen kam, schrie er: „So? Hupfst auch schon ummi ums Eck? Dös taugt mir grad. Mit dir muss ich was reden. Du! Mein Hof is noch allweil an Ehrenhaus gewesen. Dös tät ich mir ausbitten, dass mir einer d’ Unehr einitragt in mein unbefleckten Leichmund.“

„Krispi! Bsinn dich a bissl!“

„Wann’s aber alle Leut schon ausschreien im Wirtshaus, dass man dich beim Fischwildern derwischt hat! Bluatsakra! Mein Bruder! Und ’s Zuchthaus! Im Grab draht sich der Vater um.“

„Lass den Vater in Ruh!“, sagte der Toni ruhig. „Und dass dich der Ehrenpunkt net kitzelt – es is alls net wahr, und d’ Frau Herzogin hat mir’s erlaubt, dass ich für d’ Mutter jeden Tag a paar Forellen fang. Dös hat mir der Brosi bei der Frau Herzogin ausgmacht. Jetzt schlaf dein’ Rausch aus! Gut Nacht!“ Der Toni sprang auf die Straße hinaus.

In der ersten Verblüffung war Krispin sprachlos. Dann fing er grimmig zu fluchen an. Die Fäuste nach rückwärts streckend, torkelte er durch die Haustür hinein. „Himi Bluatsa! Jetzt muss d’ Wittib her! Mit ihr sechs Ross!“

Auf der Straße schrie Toni in die sternschöne Nacht: „He! Brosle! Wo bist denn?“

Ambros war schon um die nächste Waldecke herum und hörte die Stimme des Freundes nimmer, weil in der Nähe mit Rauschen eine Seitenrinne der Wildach floss. Er lenkte in einen Fußweg ein. Immer ging ein leises Klingen mit ihm, bald eine Note aus dem Schumannschen Traumlied, bald ein Motiv aus der Appassionata. Während er unter den Sternen hinwanderte, begann in seiner Seele eine Stimme zu tönen, die seit Jahren geschwiegen hatte. Die Gedanken wurden ihm zu schwebenden Bildern, jedes Gefühl verwandelte sich in suchenden Klang:

„Es geht ein Rauschen durch die Nacht,
Ein wundersames Grüßen.
Ist ferne wo der Föhn erwacht?
Sind’s Bäche, die da fließen?

Die Nacht ist klar, die Sterne glühn,
Die funkelschönen Sterne,
Wie schwarze Marmorwogen ziehn
Die Berge in die Ferne.

Und dieses Rauschen rauscht und rauscht
Wie rätselhaftes Mahnen!
Und meine Seele sinnt und lauscht
Und will das Wunder ahnen.

Ein Schönes ist in mir erwacht,
Und alle Dinge klingen.
Und was da rauschet in der Nacht,
Sind meiner Sehnsucht Schwingen.“

Das kleine Lied war vollendet, bevor Ambros darüber zum Bewusstsein kam, dass er Verse machte. Und da sah er drüben über dem Altwasser einen Menschen springen, der hinter den schwarzen Büschen verschwand, als möchte er nicht gesehen werden. Ambros erinnerte sich des Schrittes, den er beim Park vernommen hatte. Aber was sollte das mit dem Heimlichen zu schaffen haben, der sich da drüben versteckte? War nicht diese sternfunkelnde Frühlingsnacht dazu geschaffen, um manchen wach zu halten, den eine Hoffnung lockte? Dazu noch Sonntagnacht im Dorf, in dem sich alle zärtlichen Romane in Kapiteln mit siebentägigen Pausen abzuspielen pflegen!

Während Ambros der Straße folgte, spürte er plötzlich einen starken, harzigen Duft, den der Nachtwind von den Waldgehängen der Sonnleite herunterwehte. Und draußen in den schwarzen Wiesen sang einer mit gellender Stimme:

„’s Fuir weard brennat
Und rauschi der Wald.
Und ’s Alte kommt wieder
Und ’s Nuie bleibt alt.“

War das der Waldrauscher? Aber wenn der Alte zwitscherte, das klang nicht so erregt, so hoch und schrill!

Als Ambros zur Haustür kam, erhob sich die Beda von der Bank. „Mädel? Du bist noch auf?“

„A bissl Luft schöpfen. So viel schwül macht’s in der Stuben! Dein Nachtmahl hab ich dir auffigstellt und hab dir die Teemaschine anzunden.“

Er dachte: „Was hat sie denn nur? So klingt doch sonst ihre Stimme nicht?“

Da fragte sie: „Hast nix ghört, Herr Lutz, wie’s der Lahnegggerin geht?“

„Doch! Heut hab’ ich die Lahneggerin besucht.“

Beda schwieg.

„Sehr gut sieht die Frau nicht aus. Aber dass sie den Toni wieder hat, das macht sie schon halb gesund. Der wird sie auch richtig pflegen und wird für leichte Kost sorgen. Die Frau Herzogin hat ihm erlaubt, dass er für seine Mutter Forellen fangen darf.“

„Viel wird er da nimmer derwischen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil er bald wieder aussifahrt ins Unterland.“

„Der Toni? Gottbewahre! Der bleibt daheim.“

„Sechs Ross zarren an festen Menschen vom Fleck.“

„Geh, Mädel, was redest du denn da für Unsinn?“

Sie sagte heftig: „Wann’s d’ Leut schon umanandschreien im Dorf, dass er bald wieder aussisaust zu seiner verliebten Wittib!“

Ambros lachte und legte kameradschaftlich den Arm um das Mädel. „Aber! Bedle! Wie kannst du dir so einen dummen Klatsch aufbinden lassen? Du und ich, wir kennen doch den Toni. Da macht noch eher der blaue Himmel einen Schneefall als der Toni einen unsauberen Herzenshandel.“

„Wann er d’ Wittib aber mögen tut?“

„Mögen? Glaub doch so was nicht! Die Wittib, natürlich, die möchte gern. Wer richtig weiß, was der Toni wert ist, kann es der verliebten Wittib auch nicht verargen. Aber der Toni mag nicht. Das hat er mir selber gesagt. Der hat im Unterland draußen Schluss gemacht und bleibt bei seiner Mutter.“ Ambros lachte wieder. „Wenn’s ihm mit dem Fischfang nicht glücken will, müssen halt wir zwei wieder einmal helfen.“ Er hörte einen tiefen, wohligen Atemzug, dass er Anlass hatte zu sagen: „Gelt! Eine schöne Nacht! Und diese prachtvolle Frühlingsluft! Wie froh einem in solcher Luft das Atmen wird!“

„Ja, Herr Lutz! Da schnauft man sich gleich wieder a bissl leichter.“ Nun hatte die Beda wieder jenen milden Klang in der Stimme wie am vergangenen Abend. Und als sie zur Großmutter in die Stube kam, sagte sie: „Heut muss er an guten Hamur mit heimgebracht haben, der Herr Lutz! Wann er ebbes sagt, dös hört sich an, als hätt er a Musispiel einwendig in ihm drin.“

Die alte Frau saß auf der Ofenbank und hatte den weißen Spitz auf ihrem Schoß. „Was habt’s denn gredt mitanand?“

„No, mein, von der Nacht, und wie leicht man sich schnaufen tut, wann’s Bluhzeit wird! Ja, droben auf der Sonnleiten fangt der ganze Wald schon an. Der Waldrauscher hat auch schon gredt davon! Gspaßig, so a nüchterns Manndl allweil! Aber heut muss er a Glasl übern Durst erwischt haben. A Viertelstündl kann’s her sein, da hat er draußt auf die Wiesen gsungen wie narrisch! Aber komm, Ahnl, suchen wir d’ Ruh! Heut schlaf ich! Und gut! Und für morgen freu ich mich schon auf d’ Arbeit.“

Droben im weißen Giebelzimmer saß Ambros neben dem singenden Teekessel und schrieb mit hurtiger Feder: „Liebste Mutter! Ich muss Dir heut noch einen Gruß schicken. So voll ist mir das Herz von allem Zauber des blühenden Frühlingstages. Und als ich heimging durch den wundervollen Abend, hab ich jenen Duft gespürt – erinnerst Du Dich noch? In unserer ‘schönen Zeit’, an einem Juniabend, saßen wir drei im Garten – Vater, Du und ich – und da trug der Wind diesen Duft über den Garten her. Vater sagte. ‘Das ist der Wald! Der fängt zu blühen an. Was für uns Menschen das Glück ist, das ist die Zeit der Blüte für den Wald. Da keimt in seinen rauen Brüsten ein zärtliches Gefühl. Der ganze Wald wird wie ein lebendes Wesen, jeder harte Baum verwandelt sich in ein seelenvolles, vor Sehnsucht bebendes Geschöpf, das grüne Träume träumt, rot blühende Lieder singt und seine Freude in den Sonnenschein und in die Frühlingsnächte haucht.’ – Ach, Mutter, es ist wohl möglich, dass der Vater es anders sagte damals! Heute ist es so in mir wie eine Erinnerung, auf deren Wahrheit ich schwören würde: Dass mir der Vater das so sagte. Wirklichkeit hängt an allen Dingen, die uns umgeben, aber Wahrheit ist immer nur das, was wir besitzen in uns selbst. Vielleicht schüttelst Du den Kopf? Und lachst mich aus? Und denkst Dir: Mit solchen Weisheiten reguliert man die Wildach nicht? Aber da will ich Dich durch die Tat widerlegen. Jetzt will ich erst recht was Tüchtiges schaffen. Alles Aufatmen ist neuer Anlauf, und in jeder Freude steckt ein zündender Funke von Ehrgeiz. Es mag wohl sein, dass ich heut ein bissl verdreht bin. Das würdest Du begreifen, wenn Du alle Schönheit dieses Tages gesehen hättest. Beim Gedanken an die Wildach seh ich heute nicht die Wirklichkeit ihres tückischen Wassers, sondern höre nur die Wahrheit ihres schönen Rauschens. Das ist mir wie Musik in Ohr und Herz. Dazu hör’ ich noch immer das Motiv des blühenden Waldes aus der Appassionata. Die hab’ ich heute gespielt. Denk Dir: Im Fürstenschlösschen! Die Frau Herzogin spielt Geige und ließ mich einladen, sie zu begleiten. Sie kann überraschend viel und ist begabter, als sie selbst vermutet. Magst Du so gut sein, Mutter, und mir express durch die Musikalienhandlung die zweite Sonate von Tartini, das D-Dur-Konzert von Mozart (Einrichtung für Klavierbegleitung) und die Frühlingssonate von Beethoven schicken zu lassen? Voraussichtlich musizieren wir nächsten Sonntag wieder zusammen, und da soll die Frau Herzogin noch Zeit haben, sich die Sachen ein bisschen anzusehen. Dann wird’s schön werden am Sonntag, viel schöner noch, als es heute war. Ich erzähle Dir alles, wenn Du kommst. Nur noch vierzehn Tage! Da kommst Du gerade in die schönste Zeit hinein. Der ganze Wald wird blühen bis dahin. Für Dich zum Willkomm, Mutter! Und an der Wildach wirst Du schon ein schönes Stück Arbeit sehen. Dein Stüberl wollen wir auch recht gemütlich aufputzen, ich und die Beda. Das ist ein Mädel, das Dir gefallen wird. Ein grades, gesundes und klares Menschenkind! Es wird mir ganz warm und froh ums Herz, nur weil ich da schreibe von ihr. Ich glaube, mit der Beda wirst Du Dich anfreunden in der ersten Stunde. Doch über die Lahneggerin wirst Du erschrecken. Heute war ich bei ihr und bin in Sorge, dass es da nicht zum besten steht. Ach, Mutter, bleib mir nur Du gesund! Wie deutlich ich Dich sehe in diesem Augenblick! Und fest nehme ich Dich in meine Arme, fest, fest, und küsse Dir die Augen. Du Liebe! Und jetzt gute Nacht! Ach, Mutter, wie reich ist ein Menschentag, wie schön die Welt! Es ist eine Lust, zu leben! Das sagte einer vor vierhundert Jahren. Noch immer ist es wahr. Und wird Wahrheit bleiben, solang es unter blauem Himmel ein Blühen gibt. Auf Wiedersehen, Mutterle! Und noch einen Gruß – Dein treuer, froher, glücklicher Bub.“

Als Ambros den Brief geschlossen hatte, öffnete er das Fenster. Mit einem Laut der Überraschung staunte er das traumhaft leuchtende Wunder an, das aus den Lüften zu ihm redete.

Das Tal war finster und der Bergwald schwarz. Die Höhe hatte sich aufgehellt, und Mondlicht dämpfte den Glanz der Sterne. Die Scheibe des Mondes war nicht sichtbar. Irgendwo hinter dem dunklen Grat der östlichen Berge musste sie schwimmen. Aber auf dem nach Süden sich wendenden Bergzuge bestrahlte das milchige Licht schon einzelne Spitzen. Das war anzusehen, als hätten schemenhafte Gestalten sich in weißen Mänteln auf den schwarzen Höhen zu einem geheimnisvollen Rat versammelt. In ihrer Mitte, wie ein Riesenfürst auf silbernem Thron, erhob sich ein ragender Felskoloss, schon völlig überflutet von den bleichen Wogen des Mondlichtes. Gleich einem Rätsel der Ewigkeit, schöner als jedes schöne Märchen, schimmerte das wundersam aus Glanz und Schatten gewobene Gebilde hoch über allen schwarzen Tiefen der Nacht und griff wie mit Silber geschienten Armen empor in das blasse Lichtgedämmer des Himmels.

Es war die Große Not.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.