Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 11

Ambros ging zum Flügel, ließ den Blick über die aufgelegten Noten gleiten und schlug für die Stimmung der Geige einen Akkord an. Die Geige war schon gestimmt. Und die Herzogin sagte erregt: „Baroness Zieblingen war so gütig, als erstes Stück die Romanze von Svendsen aufzuschlagen.“

Das atemlose Stimmchen der Hofdame, die auf der Schwelle dem würdevollen Herrn Kesselschmitt ein paar Worte zugewispert hatte, klang von der Tür. „Hoheit spielen diese Romanze so wundervoll!“ Lautlos tauchte die kleine Baroness wieder in die Dämmerung, die außerhalb des hellen Lichtkreises um die Wände träumte.

Die Herzogin trat neben den Flügel und fragte: „Die Romanze kennen Sie wohl, Herr Lutz?“

„Nein.“

Wie der Schreck eines Kindes redet, stammelte die Herzogin: „Werden Sie denn das so prima vista spielen können?“

„Ich glaube schon.“ Er ließ sich auf den Sessel nieder. „Sehr gefährlich sieht das nicht aus. Freilich, das Billige pflegt gerne mit Schwierigkeiten zu kokettieren. Alles Große in der Kunst, wenn es auf den ersten Blick auch unbezwingbar aussieht, hat immer etwas Einfaches und Selbstverständliches. Die kleinen Könner blasen ihre Technik auf. Aber das da? Nein, das ist eine harmlose Sache, da komm ich schon durch.“

Die Herzogin sah verwundert auf Ambros nieder. Was er sagte, schien Sprache für sie zu sein, die sie nicht verstand oder doch nie gehört hatte. Baroness Zieblingen in ihrem Dämmerwinkel war bei dem Wörtchen ‘billig’ so blass geworden, als hätte sie eine unverzeihliche Gotteslästerung vernommen.

Flüchtig, mit nachlässigem Anschlag, bei dem nur die Hälfte der Töne laut wurde, überflog Ambros zur Probe ein Dutzend Takte. „Ach ja, das geht schon.“

„Wollen wir also beginnen?“ Die Herzogin, mit der Geige an der Wange, trat in den hellen Lichtkreis und hob den Bogen, wobei die schlanke Gestalt zu wachsen schien. Ambros sah diese Bewegung, und in seinen Augen erwachte ein Glanz, als hätte er empfunden: Das ist schön gewesen. Was er fühlte, übertrug sich auf sein Spiel. Wie suchendes Träumen, froh und dennoch beklommen, schwollen die ersten Akkorde durch den stillen Raum. Eine rosige Blutwelle färbte die schmalen Wangen der jungen Frau, und die Erwartung einer Freude sprach aus ihren Kinderaugen. In den ersten Tönen der Geige war etwas Schwächliches und Zaghaftes. Doch immer ruhiger wurde ihre Hand, immer lebendiger die Seele ihres Tones, je mehr sie erkannte, wie sicher das verlässliche Können des anderen sie trug und stützte. Ambros zwang der Geige auf, was er empfand, und hob ihren Ton mit drängenden Akkorden zu schwellender Kraft. Das zarte Gesicht der Geigerin begann zu glühen. Und die kleine Zieblingen horchte verwundert auf. Das etwas oberflächliche, aber geschickt gewobene Tonstück bekam einen Schimmer von Tiefe, einen Glanz von aller Sehnsucht der Jugend, eine heiße Seele.

Als die schlanke Frau tief atmend den Bogen sinken ließ, nickte ihr Ambros lächelnd zu. „Bravo, Frau Herzogin!“ Er sagte das mit einem Wohlgefallen, das sich so ehrlich gab, wie er es empfand. „Sie haben das ganz famos gespielt! Und Sie können viel mehr, als sich bei so einem Ding herausbringen lässt.“

Die kleine Zieblingen kam aus der Dämmerung herausgehuscht, war merkwürdig erregt und flüsterte was mit ihrem zirpenden Stimmchen. Das schien die Herzogin nicht zu hören. Sie sprach in kindlicher Freude vor sich hin: „Das war Musik!“ Nun gewahrte sie erst die Baroness. „Ja, gute Zieblingen, danke, nur jetzt nicht stören!“

Sie wandte sich zu Ambros und begann mit nervösen Fingern die Geige zu stimmen. „Nun, spielen wir gleich das zweite? Ich bitte! Soviel Befriedigung hat mir Musik noch selten gewährt.“ Mit einem kräftigen Strich des Bogens prüfte sie die Stimmung der Saiten.

Ambros, während Baroness Zieblingen in die Dämmerung zurückhuschte, musterte das Notenblatt. „Berceuse?“ Ein Zögern war in seiner Stimme. Dann begann er zu spielen. Die Geige setzte ein, frischer und heller als zuvor. Der blumenhafte Frauenkörper streckte sich und kam in rhythmisches Wiegen, als wäre die Geigerin mit Leib und Seele verwandelt in einem mitschwingenden Teil der lieblich gaukelnden Töne, die aus den Saiten quollen. Die großen Augen schimmerten wie Kinderaugen vor dem Weihnachtswunder. Als der letzte Ton der Geige verklungen war, fing die Baroness in ihrem Dämmerwinkel mit einem Temperament zu klatschen an, das man dieser Flüsterseele nicht zugetraut hätte. Und die Herzogin sagte mit glücklichem Lächeln: „Das ist noch besser gegangen als die Romanze. Ich glaube sogar, das war gut.“

„Mehr als gut!“, fiel Ambros ein. „Ja, Frau Herzogin! Da dürfen Sie schon klatschen lassen. Das ist ehrlich verdient. Sie sind musikalisch durch und durch. Wie Sie das jetzt gespielt haben! Da hat jeder Nerv in Ihnen mitgeklungen. So muss es auch immer sein bei aller rechten Musik.“

Die kleine Zieblingen kam ängstlich herbeigetrippelt. Unter Schreck und Beklemmung spielte ihr greisenhaftes Mädchengesicht alle Farben. Doch die Herzogin schien an der Art, wie Ambros sprach, nichts Unstatthaftes zu finden. Sie hatte sich mit glühenden Wangen zu ihm gewendet und fragte in Freude: „Wirklich? War es so?“

„Ja, Frau Herzogin! Sie sind eine Geigerin, die sich an das Wertvollste heranwagen darf. Ich verstehe nicht, dass Sie bei so viel Können noch Vergnügen an dem kleinen Zeug da finden. Das ist ja sehr liebenswürdig und melodiös. Aber es sagt nicht viel und weckt nichts Tiefes und Schönes auf. Wollen wir nicht lieber was von Mozart spielen? Oder eine Beethovensche Sonate? Ich meine: Etwas restlos Gutes?“

Die Herzogin sah Ambros eine Weile schweigend an. „Beethoven?“ In ihrem Blick war ein seltsames Fragen. „Ich habe noch keine Noten von ihm gespielt.“

„Von Beethoven? Noch keine Note? Ist denn das menschenmöglich? Musikalisch soviel zu können und an dem Größten unserer Klassiker, an Beethoven, vorbeigegangen sein? Wie Blinde an einem Berg vorübergehen?“

Die Baroness, mit blassem Gesicht, machte einen Versuch, zu sprechen. Da sagte die Herzogin: „Diesen Großen nicht zu kennen, das scheint etwas Unverzeihliches zu sein?“ Ein schmerzliches Lächeln. „Ich bin ohne Schuld. Ich habe nur immer gespielt, was mein Lehrer mir auf das Pult legte.“

„Der hat Ihnen nie eine Note von Beethoven vorgelegt? Das muss ein merkwürdiger Musiklehrer gewesen sein. Ein Lehrer, der Ihnen das Beste und Schönste vorenthielt!“

Heiße Erregung glitt über das schmale Gesicht. „Er war ein guter Lehrer. Ich hab ihn lieb gehabt, weil ich ihm in aller Stille meines Lebens viel schöne Freude verdanke.“ Ein leises Zucken ging um den feinen Mund. „Wenn er mir, wie Sie sagen, das Schönste vorenthielt, so hatte er wohl seine zwingenden Gründe – wie auch meine anderen Lehrer, die sich an ihre Direktiven halten mussten – zu meinem Schaden.“ Ihr Blick war ins Leere gerichtet. „Man hat mir in Kunst und Leben vieles vorenthalten, was man kennen müsste. Will man solch ein Versäumnis nachholen, so ist es zu spät. Es stehen wieder andere Mauern da. Andere Direktiven. Man bleibt so arm, wie die Blinden sind, und erschrickt, wenn man sehend wird für eine Stunde. Wie glücklich müssen Sie sein, Herr Lutz! Weil Sie lernen dürfen. Alles! Und etwas Nützliches arbeiten! Aber auch das ist Freude: Zu wissen, dass es glückliche Menschen gibt.“

Ambros schwieg erschrocken. Weil nun auch die Herzogin stumm blieb, wagte die kleine Zieblingen zu reden: „Ich befürchte, dass Hoheit sich über Maß erregen. Dazu ist keine Ursache vorhanden. Was Herr Lutz von Beethoven äußerte, war doch gewiss nur –“ Sie konnte nicht weiter sprechen, weil die Herzogin sie mit ernsten Augen ansah. Ein Erglühen ging über das Faltengesicht des buckligen Mädchens, und das Flehen einer opferwilligen Inbrunst bettelte in ihrem verstörten Blick. „Hoheit waren in jener Zeit des Lernens häufig in besorgniserregendem Grade leidend. Es geschah wohl nur auf ärztlichen Rat, wenn Hoheit auch auf dem Gebiete der Musik vor jeder nachteiligen Erregung behütet wurden. Alles Dunkle, Gewaltsame und Gefährliche in der Musik Beethovens –“

„Nein, Fräulein!“ Ambros konnte nicht schweigen. „Da wissen Sie nicht, wer und was Beethoven ist. An Beethoven ist gar nichts dunkel. Für den nüchternen Verstand vielleicht, der alles nach der Regel von zwei mal zwei beurteilt. Für ein empfängliches Gemüt ist alles an Beethoven klar und leuchtend. Nichts an ihm ist gewaltsam. Alles an ihm ist kraftvoll, groß und tief. So, wie die Natur ist. Höchste Kunst ist immer wie ein Brunnen der Natur. Ein Trunk aus solchem Brunnen ist nie gefährlich, immer nur hilfreich für uns Menschen, wenn wir leiden, immer befreiend und erlösend.“

Eine Stille, dass das leise Nahrungsaugen der großen Lampenflamme hörbar wurde.

Dann sagte die Herzogin mit wehem Lächeln: „Davor hat man mich behütet. Immer hat man mich behütet vor allem, was hilfreich ist, wenn wir leiden.“ Jähes Erschrecken glitt über ihre Züge. Nun heftete sie die Augen auf Ambros. Fast etwas Feindseliges war in diesem Blick. „Aber es könnte auch sein, dass Sie sich irren, Herr Lutz, mit Ihrem hellen und schönen Glauben an diesen großen Befreier in der Musik.“

„Frau Herzogin?“

„Gott ist Gott. Es gibt auch Götzen. Und Menschen gibt es, die an Götzen glauben. Vielleicht ist Ihr großer Erlöser in Tönen solch ein Götze, der nur in Ihrem falschen Glauben lebt. Sie haben auch von Mozart gesprochen – bei diesem merkwürdigen Wort: Ein restlos Gutes? Von Mozart kenne ich manches. Immer hat mich das gelangweilt, diese inhaltslose Form, dieses leere Getändel.“

„Frau Herzogin!“ Er sah sie erschrocken an. „Mozart? Aller Frohsinn des Lebens und der Kunst? Alles schattenlose Lachen, das uns Menschen gegeben ist? Das nennen Sie eine inhaltslose Spielerei? Eine leere Form? Wenn das so ist für Sie, Frau Herzogin, dann sind Sie nie in Ihrem Leben wahrhaft froh gewesen.“

Mit weit geöffneten Augen betrachtete die Herzogin den jungen Menschen, der vor Erregung glühte. Sie atmete tief. „Ja, das ist wahr. Ich bin niemals froh gewesen. Man hat mich immer behütet davor. Und wenn ich zum Lachen gezwungen wurde, hat mir das immer weh getan.“

Die kleine Baroness schien noch kleiner zu werden, und die unebene Linie hinter ihren Schultern krümmte sich hässlich heraus. Jetzt vergaß sie, das zu verbergen. In scheuer Zärtlichkeit streckte sie die Hände, als müsste sie eine Sinkende stützen.

Die Herzogin, diese Hände fühlend, zuckte zusammen. Wie eine Erwachende sah sie das stumm gebeugte Persönchen an und sagte mit Güte: „Ja, liebe Zieblingen! Ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen.“ Ihre Stimme bekam wieder jenes hartnäckig Gereizte. „Jetzt wünsche ich zu musizieren. Wie das vorhin gewesen ist, das war reine Freude. Das will ich wieder haben. Niemand soll mich behüten davor. Ich bitte, Herr Lutz!“

Schweigend ließ sich Ambros auf den Klavierstuhl nieder und wollte das Spiel beginnen.

Die Herzogin trat auf ihn zu und nahm das aufgeschlagene Notenblatt vom Pulte weg. „Nein. Das ist auch so etwas Billiges, wie es Ihnen nicht gefällt. Am liebsten möchte ich eine Sonate von Mozart spielen, um zu sehen, wie froh Sie dabei werden können. Aber was ich von Mozart spielte, hab ich seit Jahren nicht mehr geübt. Wenn ich jetzt spiele, will ich es gut machen. Wollen wir etwas von Schumann vornehmen? Das kann ich. Bitte, liebe Zieblingen: Die Träumerei von Schumann!“ Während die kleine Baroness auf einen Notenschrank zujagte, wandte sich die Herzogin wieder zu Ambros: „Schumann, nicht wahr, das ist doch einer von den Großen, die Sie Klassiker nennen? Und restlos gut?“

„Ja, Frau Herzogin!“ Trotz seiner Erregung fand er ein Lächeln. „Die Träumerei ist wohl auch nicht original für die Geige geschrieben. Sie ist ein Klavierstück. Die Geiger lieben diese Weise, weil man großen und innigen Ton dabei zeigen kann. Und diese Melodie, das ist ja auch wirklich ein Sehnsuchtsklang mit einer Seele, die tragende Flügel hat.“

„Das wollen wir spielen.“ In der Stimme der Herzogin war etwas Fieberhaftes. „Rasch, liebe Zieblingen!“

Die kleine Baroness kam atemlos, legte ein Blatt auf das Notenpult und warf, bevor sie in ihren Schattenwinkel zurückkehrte, einen Blick voll Sorge auf die junge Frau.

„Nun wollen wir das spielen, dieses restlos Gute!“ Die Herzogin hob die Geige und ließ sie wieder sinken. „Noch eine Frage, Herr Lutz! Ich habe das schon oft gespielt. Es hat mir immer sehr gefallen. Aber wie Sie das nennen: Einen Sehnsuchtsklang mit einer Seele, die uns auf ihren Flügeln tragen kann? So hab ich das noch nie empfunden. Ich möchte das für mich gewinnen. Bitte, wollen Sie mich zuerst über das Tonstück informieren?“

Ambros schien nicht zu hören, schien nur zu sehen, was in diesen dürstenden Augen glänzte.

Die Herzogin musste wiederholen: „Ich bitte! Wollen Sie mir den Sinn dieses Tonstückes erklären? Wollen Sie mir sagen, wie ich es aufzufassen und zu spielen habe?“

„Erklären?“ Ambros erwachte. „Frau Herzogin, Sie verlangen da eine schwierige Sache von mir! Wie soll man den Duft einer Blume erklären? Den Zauber eines Sonnenstrahls? Die Schönheit eines Schmerzes? Das Zittern einer tiefen Freude? Das alles ist so unerklärlich wie das wirkende Geheimnis dieser sehnsüchtigen Melodie. Worte kann man schließlich über alles machen. Und wenn mich jemand in irgendeiner Stunde gefragt hätte, was ich mir bei diesen traumhaft schwebenden Klängen denke, hätt ich wohl was zu sagen gewusst. Aber jetzt? Vor Ihnen? Und da ich doch empfinde, was das Wort Ihnen gelten soll, das ich spreche? Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll. Worte helfen nicht. Man muss das fühlen. Oder die Seele dieser Klänge wird nicht lebendig, und es wachsen ihr die Schwingen nicht, die uns tragen.“

Bogen und Geige in den gesenkten Händen, war die Herzogin zum Flügel herangetreten.

Ambros betrachtete die Noten, wendete das Blatt, und dabei zitterte seine Hand. „Ich habe mich schon oft gefragt, wie diese Melodie entstanden sein mag. Ich glaube, sie klang aus einem tiefen Schmerz heraus. Das Große, wahrhaft Schöne aller Kunst wird immer aus solchem Schmerz geboren – so glaub ich – aus einem Schmerz, bei dem wir andern kleinen Menschen hilflos werden, stumm und verstört. Aber der da! Der diese dürstende Weise sang! Das war von den Begnadeten einer, denen ein Gott es gab, zu sagen, was sie leiden. Als sein gequältes Menschenherz im Schmerze hilflos war und stumm, begann seine Künstlerseele zu klingen und sang dieses träumende Lied. Und alle Qual seines Schmerzes verwandelte sich in lächelndes Dulden. Seine unstillbare Sehnsucht wurde zu einem klingenden Traum der Erfüllung, zu einem schönen, von Sonne umglänzten Traum, der ihn auf rauschenden Seelenschwingen über alle Pein des Lebens empor trug zu den lichten Höhen, in denen die schattenlose Freude wohnt.“

Die Herzogin nickte. Während sie die Geige hob, beugte sich der zarte Körper dem Holz entgegen. Auf ihren Wangen brannten zwei heiße Flecken. „Ich glaube zu verstehen, wie Sie es meinen. Die klingende Seele dieses Liedes kann nur reden zu einem Menschen, wenn eine reine Sehnsucht in ihm brennt, die unstillbar ist und dennoch hofft.“ Sie lächelte seltsam. „Jetzt will ich spielen!“ Ruhig hob sie den Bogen. Ihr Lächeln war erloschen, und es zuckte leidend um den kleinen, strengen Mund. „Wir Menschen sind zum Leiden geboren. Aber weil Gott uns lieb hat, geschehen auch fröhliche Wunder. Während ich spiele, wird meine Sehnsucht träumen, dass ich in einer reinen Stunde meines Lebens einmal so froh sein könnte, wie frohe und glückliche Menschen sind.“

Da klang die Geige, ruhig und doch mit einem Ton des innerlichen Suchens, zart verschleiert und doch mit einer Kraft, die in diesem blütenhaften Frauenkörper wie ein Erwachendes war. Immer voller wuchs ihr Gesang, alle Schwermut der getragenen Weise wurde ein freies Aufatmen in beschwingten Tönen, und was gezittert hatte in Sehnsucht, stieg aus verschleierten Tiefen empor, wie eine Lerche in die Morgensonne steigt, und wurde zum gläubigen Trinken einer schönen Freude.

Als die Geigerin den Bogen sinken ließ, war ein junges Lachen um ihren Mund. So glich sie völlig dem frühlingsschönen Frauenbild, das Ambros an der Wand gesehen hatte gegenüber dem Bild jenes jungen Jägers. Dieser Gedanke durchzuckte ihn, als er sich vom Flügel erhob, erfüllt von einem frohen Sturm. „Frau Herzogin! Das war Kunst! Und da müssen Sie doch empfunden haben, wie Kunst erlösen und beschenken kann. Hätten Sie das nicht empfunden, Sie hätten so nicht spielen können.“

„Ja!“ Sie sah ihn dankbar an. „So hab ich das noch nie erlebt. Ich danke Ihnen, Herr Lutz!“ Sie wollte Ambros die Hand reichen. Da stand die bucklige Baroness zwischen den beiden, hässlich schief, klein zusammengekrümmt, mit Tränen auf dem erregten Hungergesicht, in dessen Zügen Angst und Begeisterung wunderlich durcheinander kämpften. Knicksend lispelte sie etwas Unverständliches und beugte sich, um mit fanatischer Zärtlichkeit die Hand der Hoheit zu küssen. „War es schön, liebe Johanna?“, fragte die Herzogin und befreite wie in Unbehagen ihre Hand. „Ihre Begeisterung, gute Zieblingen, ist nicht mein Verdienst. Diese reiche Stunde hat Herr Lutz uns beiden gebracht.“ Sie atmete tief. „Das war schön, das war rein und heilig.“ Die zarte Stimme bekam wieder jenen nervös durchzitterten Klang. „Ich will das noch einmal haben. Ich habe so wenig. Dieses Reine und Schöne soll mir gehören. Wir wollen das wiederholen. Ich bitte, Herr Lutz –“

Die kleine Zieblingen sah erschrocken zu diesen glühenden Wangen auf, zu diesen Augen mit dem fieberhaften Glanz, und stammelte in Sorge: „Ich bitte Hoheit um Vergebung, wenn ich unwillkommen mahnen muss –“

Die Herzogin, die schon die Geige stimmte, wandte sich. Sie schien unwillig zu werden.

Unter diesem Blick erzitterte die Baroness. Erst hatte sie nur stumme Sprache, die zu sagen schien: ‘Mein Leben für dich, du Heilige!’ Dann sprach sie tapfer weiter: „Ich muss besorgt, dass Hoheit sich über Maß erregt haben. Da ist es meine Pflicht –“

„Pflicht?“ Die Herzogin lächelte bitter. „Warum gebrauchen Sie nicht das andere Wort, gute Zieblingen?“

„Das andere?“, lispelte verstört die kleine Baroness. „Hoheit? Welches Wort?“

„Direktive.“ Die Herzogin legte Bogen und Geige auf den Flügel. Dann sah sie Ambros an. „Ich muss gehorchen.“ Ein schwermütiges Lächeln. „Ich gehöre nicht mir allein. Die Ärzte sagen, dass ich leidend wäre und mich schonen müsste!“ Ihr Lächeln wurde heller. „Ich habe mich schon lange nicht so gesund gefühlt wie heute. Aber vielleicht hat es doch sein Gutes, dass es für heute genug sein muss. Lassen wir also die Saiten schweigen, wie es die besorgte Pflicht meiner lieben, guten Zieblingen verlangt.“ Das sagte sie freundlich, mit einem versöhnlichen Lächeln für die blasse Baroness. Dann trat sie auf Ambros zu, als wollte sie den Gast verabschieden.

„Hoheit, gnädigste Hoheit!“, stotterte die kleine Hofdame in ihrem Kampf zwischen Pflicht und Zärtlichkeit. „Ich war nur der bescheidenen Meinung, dass Hoheit sich exekutiv nicht überanstrengen sollten. Wenn aber Hoheit den Wunsch fühlen, noch gute Musik zu hören – beim Hören können Hoheit ruhen – und Herr Lutz wird gewiss die Güte haben, für Hoheit etwas Schönes zu spielen?“

„Gerne!“, sagte Ambros.

Unschlüssig sah ihn die Herzogin an. Dann ließ sie sich von der kleinen Zieblingen zu einem Fauteuil führen, der an der Mauer im Schatten stand.

Ambros hatte seinen Platz vor dem Flügel eingenommen. „Was soll ich spielen?“

„Nun, so spielen Sie doch etwas von diesem Großen! Von Ihrem Beethoven!“

Schüchtern äußerte Baroness Zieblingen die Meinung, dass so schwere Musik nach allem Geleisteten kaum beruhigend auf Hoheit wirken möchte. „Vielleicht wäre etwas Leichtes und Heiteres angezeigter?“

„Nein, gute Zieblingen! Kesselschmitt muss fahren, wie Weg und Gelegenheit es erfordern. Musik ist etwas anderes. Ich bitte Sie, Herr Lutz, zu spielen, was Ihnen lieb ist. Dann wird es ein restlos Gutes sein und wird mir Freude machen.“

„Da wird sich Beethoven nicht umgehen lassen.“ Ambros sagte das mit einem Anflug von Humor, der ihm gut zu Gesichte stand. „Was ich auswendig kann, ist fast alles von Beethoven. Mein Beruf lässt mir wenig Zeit, und da sucht man sich für seine Freude das Wertvollste heraus. Gerade in den letzten Tagen habe ich eine Sonate, die ich besonders liebe, viel gespielt. Ich glaube, dass ich auswendig durchkomme, wenn ich auch dem letzten Satz nicht gewachsen bin. Freilich, eine sehr beruhigende Sache ist gerade diese Sonate nicht. Sie hat Sonne, wie alles von Beethoven. Aber sie hat auch Sturm. Wenn Sie sich ermüdet fühlen, Frau Herzogin –“

„Nein, Herr Lutz! Ich bitte zu spielen! Diese Sonate!“

„Es ist die Sonate in F-Moll, ein Werk aus Beethovens reifster Zeit. Die berühmte Appassionata.“

Die Hofdame erschrak. Dieser Titel genügte, um ihr schwere Besorgnis einzuflößen. Scheu, das kleine Runzelgesicht von glühender Röte überflogen, warf sie einen Blick auf die Herzogin, die den Namen der Sonate auch nicht mit Wohlgefallen vernommen zu haben schien. Die Hoheit sagte: „Appassionata? Ein Lied der Leidenschaft?“ Sie lehnte den Kopf an die Mauer; etwas Müdes war in dieser Bewegung. „Muss das Große in der Kunst nicht die Eigenschaft haben, dass es auch rein ist?“

Ambros vermochte nicht gleich zu antworten. „Rein?“ Es war ihm aufgefallen, dass in allem, was die Herzogin sprach, dieses Wort immer wiederkehrte: Rein! Immer wieder diese wunderliche Silbe: Rein! Die Gedanken von sich abwehrend, die sich ihm aufdrängten, sagte er: „Gewiss, Frau Herzogin! Es gibt kein großes Kunstwerk, das nicht auch rein wäre. Freilich, alle Farben der Wirklichkeit sind auch Farben der Kunst, die sich keinem Wehschrei und Jubel des Lebens, keiner guten Tat wie keiner Schuld und Leidenschaft der Menschen verschließt. Aber was die Kunst zu sich emporhebt, wär es auch aus den trübsten Tiefen der irdischen Qual, das macht sie zu einer reinen Sache. Leidenschaft? Im Leben mag, was mit diesem Wort bezeichnet wird, seine verschiedenen Werte haben, vom Übelsten bis zum Herrlichsten. In der Kunst hat auch das nur einen Wert. Der ist rein. Oder wäre das Lied von der Leidenschaft, an der die jubelnden Herzen Romeos und Julias verbluten mussten, nicht ein Lied der reinsten Schönheit? Ist die tragische Schuld, die das arme Gretchen zerstört, nicht heilige Reinheit?“

„Herr Lutz?“ Die kleine Zieblingen wagte den mahnenden Einwurf: „Darüber könnte man doch wohl verschiedener Ansicht sein?“

„Nein, verehrtes Fräulein! Darüber gibt es nur eine Ansicht: Diejenige, die reinlich ist. Ein Mensch, der rein empfindet, kann nie eine Handlung begehen, die unrein ist – mag sie für den gedankenlosen Missverstand der anderen aussehen, wie sie will.“ Ambros hatte seine Ruhe verloren und erschrak, als er es merkte. „Es ist mir leid, dass ich im Schuss den Zaum so verloren habe. Ich bitte um Vergebung, Frau Herzogin, wenn ich wider Willen etwas sagte, was unpassend erscheinen könnte.“

„Das haben Sie nicht getan.“ Die Herzogin erhob sich, und ihre Stimme, die vorhin so kühl geklungen hatte, bekam einen Hauch von Herzlichkeit. „Ich habe nicht immer ganz verstanden, wie Sie es meinten. Aber Sie haben kein Wort gesprochen, das mir missfiel.“

Ambros atmete erleichtert auf. „Ich weiß nicht, wie das gekommen ist. Das alles hat auch mit unserer Sonate nichts zu tun. Die hat mit dem, was man landläufig unter Leidenschaft versteht, nicht das geringste zu schaffen. Appassionata? Ich kann mir nicht denken, wie die Sonate zu diesem Namen gekommen ist. Von Beethoven selbst rührt dieser Name sicher nicht her. Ein nachgeborenes Missverständnis muss dem großen Werk die kleinliche Etikette angeklebt haben, nur deshalb, weil rauschender Sturm in diesen Klängen ist. Von Leidenschaft im vulgären Sinn oder gar von musikalischer Sinnlichkeit ist hier keine Rede. Was hier klingt, ist tiefes Erbarmen mit allem Leben, ein titanenhaftes Ringen wider das ewig unbeugsame Schicksal, das alles Blühende zerstört, nur um es neu erschaffen zu können. Das heißt, ich kann mich auch täuschen. Auffassung, allem Großen in der Kunst gegenüber, bleibt immer ein Tasten und Ahnen. Aber sooft ich die Sonate spiele, sehe ich immer wieder das gleiche.“

„Wollen Sie mir sagen, was Sie da sehen, wenn Sie spielen?“

„Da hab ich immer das Gefühl, als wäre dieses Tonwerk dem Meister aus einer wundersam leuchtenden, klar durchschauten Naturstimmung herausgewachsen. Hören Sie selbst, Frau Herzogin –“ Ambros spielte ein Motiv aus der Einleitung des ersten Allegrosatzes. „Ist das nicht die träumende Waldstimmung eines Frühlingsmorgens? Die blaue Kühle! Jetzt eine Ahnung des nahenden Lichtes. Doch die Schatten der Nacht sind noch zu mächtig und summen ihre dunkles Lied. Nun leise Vogelstimmen, zart erwachende Lichtgesänge. Jetzt dieser kraftvolle Klang! Da scheinen sich alle Brüste des Lebens dem kommenden Tag zu erschließen. Jubelnde Stimmen. Klingen sie aus der Tiefe? Oder aus Höhen? Sie scheinen die tönende Seele aller Dinge zu sein. In dieser Freude zuckt ein Schreck durch das erwachende Frühlingsleben und zittert in seinen jungen Kräften. Hören Sie diese süße, schuldlos klagende Vogelstimme? Dazu das seufzende Flüstern des Waldes. Im sanften Windhauch eine Quelle, die leise und tröstend plaudert. Jetzt dieses Aufglänzen in den wärmsten Klängen! – Die Sonne kam.“

Während Ambros sprach, begleitete er jedes Bild seiner Worte mit einem Motiv der Sonate. Immer waren es nur ein Paar Takte, oft nur ein einziger Akkord. Das gab seiner Darstellung einen fesselnden Reiz. Die Herzogin war näher gekommen. Es schien, als wollte sie zum Flügel treten, um nicht nur zu hören, auch zu sehen. Als sie den hellen Lichtkreis erreichte, wandte sie sich plötzlich, ging rasch auf die fernste, dunkle Ecke des Saales zu und schmiegte sich zwischen die Lehnen eines altertümlichen Sessels.

„Die Sonne kam. Und da scheinen die innersten Tiefen der Natur zu tönen. Mit rätselvollen Klängen beginnt die Stimme des Werdens zu sprechen, der schöpferische Wille. Alle Bäche rauschen hell. Alles bewegt sich im Wald. Ein frohes Summen, Strömen, Weben und Wandern. Nun plötzlich ein Umschlag in tiefe Schwermut: Das Vorgefühl der Vergänglichkeit dessen, was da geschaffen wurde. Die Seele des Lebens erbebt, sie klagt und fleht um Dauer und Schönheit. Dieses heiße Beten wird Empörung und Groll. Wie eine Offenbarung klingt es aus verschleierten Fernen dazwischen, wie eine Verheißung eines Todes, dem ein schöneres Blühen folgt. Aber das Leben hängt am Sonnenglanz der jungen Stunde, es will nicht sterben, möchte leben. Seine Seufzer werden übertönt von den Klängen der barmherzigen Kraft, die alles Leben erblühen lässt und alles Leben vernichtet.“

Ein leiser Laut, in einer dunklen Ecke des Saales. Ambros, unter dessen Händen die strengen Akkorde klangen, konnte diesen matten Laut nicht hören. Die kleine Zieblingen vernahm ihn und machte eine Bewegung, wie um aufzuspringen, wagte das nicht, blieb sitzen, wurde noch kleiner, noch schiefer und krampfte im Schoß die zitternden Hände ineinander.

„Da rauschen die dunklen Fluten hervor, und die Vernichtung beginnt ihre Wege. Noch einmal hält sie inne. Wie in Erbarmen betrachtet die Natur ihr Werk, das in Schönheit leuchtet und doch schon den Keim des Todes in seinem Leben trägt. Hier setzt das herrliche, glanzvolle Andante ein, das wie ein Aufatmen des schaffenden Künstlers wirkt, wie ein Selbstgespräch und eine träumende Rückschau des Meisters. Die Einleitung ist choralartig, mit feierlichen Glockenstimmen und andächtigen Hymnen, die durchschnitten werden von geheimnisvollen Bässen. Wie ein Preis der Schönheit klingt das, wie ein Ruhmlied des Friedens und der Liebe. Alle Widersprüche des Lebens fließen vor dem Blick des Meisters ineinander zu einer wundervollen Einheit. Doch immer deutlicher lösen sich aus diesem rauschenden Lied der Lebensschönheit wieder die Machtstimmen des unbegreiflichen Willens hervor, der die Natur beseelt, ihr Werden und Vergehen bestimmt. Ein letztes Sonnenfluten gaukelt über alle hoffende Schönheit hin. Noch ein letztes, frohes, seliges Aufatmen. Das ist wie ein Lächeln jeder Blüte, die sich der eigenen Farbe freut. Diese erhöhte Lebensfreude steigert sich zu Verzückung und Taumel, aus den Kelchen aller Blumen klingt es wie ein Lied voller wundersamer Süßigkeit, und der ganze Wald im Glanz der Sonne scheint vor Freude trunken, von blühendem Glück berauscht. Nun ein banges Erwachen aus diesem seligen Traum, die beklemmende Erkenntnis der nahen Gefahr – ein müdes Seufzen – ein schmerzvoller Aufschrei.“

Der Nachhall des wehen, schneidenden Akkords schauerte durch den stillen Raum.

„Mit dem unerbittlichen Schritt der Zerstörung beginnt das zweite Allegro. Ein sengender Hauch geht über das schöne Leben und wird zum Sturme. Blüten welken und sinken, Bäume stürzen, Fluten brechen über die Ufer, Schlünde der Erde öffnen sich, Flammen zucken auf, und eisiger Hauch weht hinter ihnen her. Feuertod und zitterndes Erfrieren. Da scheinen die vernichtenden Kräfte erschöpft. Zwischen ihr dunkles, sich dämpfendes Gewirbel schmiegt sich etwas Zartes, Lächelndes und Frühlingshaftes wie eine Vorfreude neu erstehender Schönheit. Schon atmet die lauschende Menschenseele auf in dem Gefühl: Das Leben wird siegen! Da webt der Meister im stürmischen Prestosatz alle Klänge des Werdens und Vergehens ineinander zu einer tönenden Symbolik des ewig Unbegreiflichen, des großen Rätsels in Natur und Leben. Doch mit Worten ist das nicht zu sagen. Und spielen kann ich es auch nicht. Das ist zu hoch und zu groß für meine schwache Kraft. Aber ich will es versuchen.“

Ambros strich sich das feucht gewordene Haar aus seiner Stirn, atmete tief auf und begann das Spiel. Lautlos huschte die kleine Zieblingen zu jener dunklen Ecke hinüber.

Klare Schönheit tönte durch den kühlen Raum. Das Werk des Meisters wurde lebendig in wirkenden Klängen. Ambros schien alle Kräfte seiner Seele und seines Könnens zu sammeln. Was in seinem Herzen glühte und zitterte, in seinem Blut, in seiner Jugend, das bebte und brannte auch in seinem Spiel.

Die kleine Baroness entwand sich allen Direktiven ihres Amtes. Immer seltener spähte sie zu der von dunklen Schatten umwobenen Hoheit hinüber und lauschte in träumender Vergessenheit der mächtigen Sprache Beethovens. Plötzlich drehte sie erschrocken das Gesicht und sah die Herzogin wie in halber Ohnmacht zurückgesunken in den Lehnstuhl, geschüttelt von einem stummen Schluchzen. Ein zerdrücktes Flüsterwort, und Baroness Zieblingen ließ sich niedergleiten, fasste die Hände der Herzogin, diese schneekalten kleinen Hände, und lispelte flehend: „Hoheit, um Gottes willen, ich bitte –“

Wie eine in rauschenden Fluten Versinkende nach der Hilfe greift, so umklammerte die Herzogin das bucklige Mädchen und flüsterte: „Johanna! Wie schön das ist! Ohnegleichen schön! Aber grausam ist es. Was da klingt, Johanna, das bin ich! Das ist meine freudlose Kindheit, meine zertretene Jugend! Das ist mein leeres Herz, das nicht fühlen durfte als Kind, nicht fühlen soll als Mutter, nicht fühlen kann als Weib! Das ist mein Elend, meine Klage, meine Sehnsucht, mein Zweifel an Gott, der doch meine letzte Rettung ist. Und diese wehe Stimme! Hören Sie diese Stimme, Johanna? Die um Leben und reine Schönheit betet. Das ist meine Stimme! So bete ich in meinen fürchterlichen Nächten, weil ich leben möchte, fröhlich sein und reine Freude fühlen! Und die Antwort ist Ekel, Marter und junger Tod! Ersticken in hässlichen Gluten! Und zitterndes Erfrieren!“

Aus den Saiten des Flügels gewitterten die Klänge der unerbittlichen Macht, die alles Leben gibt und alles Leben vernichtet.

Unter den rauschenden Tonfluten umklammerte Baroness Zieblingen die Herzogin und lispelte mit der Hast einer Irrsinnigen: „Gott, was tu ich nur! Ach, liebste Hoheit! So jung, so schön, so heilig und herzensgut! Begabt mit heiliger Kunst! Sind Hoheit nicht reicher als ungezählte Menschen? Wollen Hoheit nicht mich betrachten? Bin ich nicht tausendmal ärmer? Mich verkauft keine Mutter. Mich quält das Verlangen keines Mannes, weil ich hässlich bin. Mir können Jugend und Freude nicht vernichtet werden, weil ich Freude und Jugend nie besaß.“

„Hanna? Warum lieben Sie mich so treu?“

„Weil Hoheit aller Liebe wert sind! Wäre mir diese einzige Zärtlichkeit meines Lebens nicht geschenkt, so hätte ich nichts.“

Aus dem Flügel quoll das Rauschen der stürzenden Fluten, die den Tod über alle Wege des Lebens zu schütten drohen. Ein Innehalten, ein Nachzittern des verstummten Klanges. Und wie ein Loblied auf allen Frühlingszauber begann das Andante mit seinen Engelschören, mit den friedlichen Glockenstimmen und seiner träumenden Andacht.

„Wie schön!“ Die Herzogin lehnte sich in den Sessel zurück. „Und das ist Reinheit. Um einer solchen Stunde willen verlohnt es sich, zu leben.“ Sie schwieg und lauschte. Um den kleinen, strengen Mund erwachte ein scheues Lächeln. Träumender Glanz war in den großen Augen, und immer ruhiger atmete die zarte Brust.

Alle Sonne der jubelnden Klänge begann sich zu dämpfen, und nach beklommenen Akkorden gellte jener herbe, schmerzvolle Aufschrei aus den Saiten. Dann ein brausender Sturm von Tönen, ein Gewittergrollen und Flammenleuchten, Vernichtung in Gluten und kalter Tod. Erblassend lauschte die Herzogin dem machtvollen Wandel des Spiels. Aus ihren Zügen redete nicht mehr der Ausdruck von Qual und Marter, nur die Sprache einer tiefen Erschütterung, in der die Lauschende noch immer die Schönheit der klingenden Offenbarung fühlte. Und als nach allem dunklen Sturm der Töne dieses Zarte zu singen anfing, dieses Frühlingshafte und neu Erblühende, begannen ihr wohl die Hände zu zittern, und große Tropfen fielen von ihren Wimpern. Doch auch in diesem Schmerz empfand sie noch ein Sonnenhelles und Schönes, das sie halten, nicht mehr verlieren wollte. Während ihr die jagende Klangflut des Prestosatzes entgegen schwoll, dieses wogende Tonbild des Unbegreiflichen in Natur und Leben, streckte sie die Hände gegen Ambros hin, als hätte sie schreien mögen: „Zerstöre nicht mehr, was nach aller Vernichtung wieder so schön entstanden ist!“ Das Lied des Ewigen brauste über ihre Seele hin. Der ganze Saal war wie verwandelt in flutenden Klang. Alles Tote der Mauern und des Raumes schien mitzuschwingen bei diesem Brausen und Rauschen.

Nun die Stille.

Die kleine Zieblingen fing wie von Sinnen zu applaudieren an. In einer Erregung, die ihre unschöne Gestalt noch hässlicher verkrümmte, überschüttete sie Ambros mit einem jagenden Wortgesprudel, von dem er keine Silbe zu verstehen schien. Seine Augen suchten. Da stand die Herzogin vor ihm und reichte ihm die Hand. Mit einer Stimme, die gegen Tränen kämpfte, sagte sie: „Ich danke Ihnen! Etwas so Schönes und Wertvolles hat mein Leben mir noch nie geschenkt. Dieses Große ist so mächtig über mich hergefallen –“ Sie vermochte nicht weiter zu sprechen. Jäh ihre Hand befreiend, wandte sie sich ab und verließ wie eine Fliehende den Saal. Verstört, unter leisem Gestammel, huschte die kleine Zieblingen der Herzogin nach. Die Tür, durch die ein matter, goldfarbener Lampenschein herausgeleuchtet hatte, wurde lautlos zugedrückt.

Ambros stand allein in dem stillen Raum, mitten in dem hellen Lichtkreis.

Er war bis ins Herz erschrocken. Dennoch konnte er lächeln – wie ein Träumender lächelt. Da hörte er ein wunderlich blasendes Geräusch. Als er das Gesicht drehte, tauchte Herr Kesselschmitt am Ufer des weißen Lichtweihers auf, hielt den Kopf zurückgelegt, atmete laut durch die Nase und sagte mit einem Ton, der sich anhörte wie Respekt: „Ihre Hoheit haben sich zurückgezogen. Da steht zu vermuten, dass der Herr Klavierspieler sich entfernen kann.“

Ambros, von diesem gegensätzlichen Bild überwältigt, musste lachen. Nach aller Weihe der vergangenen Stunden wirkte die Erscheinung des Herrn Kesselschmitt wie eine Parodie. Und noch immer konnte Ambros lachen, als er schon draußen stand in der dunklen Nacht, im kühlen Frühlingshauch und unter dem Geflimmer zahlloser Sterne.

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