Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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               Kapitel 10
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Kapitel 10

Beda, vor dem Haus ihrer Großmutter, sah dem Waldrauscher nach, der sie heimbegleitet hatte. Nun ging er seiner Wege, blieb immer wieder stehen, spähte zum Wald der Sonnleite hinauf und schwatzte mit sich selber.

„Der muss ebbes haben!“

So erregt und wirr hatte sie den sonst so ruhigen und heiteren Greis noch nie gesehen. Immer hatte er geredet, auf eine dunkle, wunderliche Art, hatte die Beda bei der Hand genommen und geflüstert: „Madl! Der Wald wird rauschig! Da musst dich vorm Mondschein hüten!“

Vor Jahren war es ein tägliches Wort der Wildacherin gewesen, die Beda vor dem Mondschein zu warnen. Seit die Großmutter merkte, wie grad und verlässlich das Mädel sich auswuchs, hielt sie das Warnen für überflüssig. Und da kam nun der Waldrauscher und warnte!

„Mondschein?“

Was wusste der Waldrauscher von der bestraften Torheit ihrer Mutter? Was von der Torheit, die sie selbst seit ihrer Kinderzeit in sich verschlossen trug? Hatte sie eine Warnung nötig? War für sie nicht schon das Schicksal der Mutter Warnung genug? Dieses Menschenglück einer Mondscheinnacht, ähnlich dem Glück einer Fliege, die eine Stunde lieben darf und dran sterben muss?

So gut wie heut hatte Beda noch nie verstanden, dass es Wege gibt, bei denen kein Warnen hilft, keine Mutterangst, kein Lebensschreck, kein Kirchenwort und kein Gotteszorn. Es fiel ihr ein Liedchen ein, das sie einmal den Waldrauscher hatte singen hören.

„Und a Fluach und a Segen,
Und a Sünd und a Buaß,
Und nix is a Mögen,
Und alls is a Muass!“

Schwer atmend sah Beda zum Himmel hinauf. „Gar kein’ Mondschein tät’s brauchen. Bloß a guts Wörtl von dem einzigen, den ich mag.“ Und dieser einzige saust vielleicht schon morgen wieder ins Unterland. Weil eine Wittib sechs Rosse hat!

Aus dem Hause kam der weiße Spitz gesprungen und tollte zärtlich um die Beda herum. Heute vergaß sie, das Tier zu liebkosen. Als sie in die Stube kam, jammerte die Wildacherin: „Jesses, Madl, wie schaust denn aus? Was hast denn?“

Beda legte das Gebetbuch auf den Tisch. „Kann sein, dass mir die Kirch a bissl z’ lang worden is.“

„Hat er schon wieder so an Endstrumm predigen müssen, bis die frömmsten Leut an schwachen Magen kriegen! Geh, komm her, ich gib dir a Glasl!“

Geduldig schluckte Beda den Heidelbeerwein und dachte dabei: Der Toni und der Herr Ingenieur sind alte Freunde; wer an eine Wittib mit sechs Rossen denkt, verschweigt doch so was nicht vor seinem besten Freund; der Krispin lügt schon, wenn er schnauft; aber wenn an der Wittib was Wahres wäre, müsste Tonis bester Freund was wissen davon; und von einem Menschen, der was weiß, ist immer was zu erfahren.

Sie ging in den Garten, um unter dem großen Apfelbaum den Tisch für Ambros zu decken. Dann lief sie hinüber zum oberen Wirt und holte das Essen. Bis die Speisen über die Straße kamen, kühlten sie immer ein bisschen aus und mussten wieder gewärmt werden. Während die Wildacherin dieses Geschäft besorgte, setzte sich Beda mit einer Näharbeit zu ihr in die Küche. Ambros kam über die Stiege herunter, und die Wildacherin trug ihm die Suppe in den Garten. Als sie wieder in die Küche kam, sagte sie: „Heut is er soviel gspaßig, der Herr Inschenier! Allweil schaut er umanand, ich weiß net wie.“

Beda stichelte mit flinker Hand. „Es wird ihm halt a bissl im Kopf umanandgehn, was er hören hat müssen von seim besten Freund.“

„Wie? Was?“

„Auf’m Kirchgang haben mir’s d’ Leut verzählt, dass der junge Sagenbacher aussi heiret ins Unterland.“

„So?“

„D’ Leut sagen, zu einer Wittib tät er einiheireten, die viel Sach hat.“

„Meinetwegen. Was geht denn uns der Sagenbacher an!“

„Schad is allweil, dass wieder a richtiger Mensch aussi heiret aus’m Dorf! Geh, frag den Herrn Lutz a bissl aus!“ Die Wildacherin trug das Backhendl mit dem Kopfsalat in den Garten und blieb lange draußen. Als sie kam, fragte Beda gleich: „Weiß er ebbes?“

„Glacht hat er. No, da wird’s schon wahr sein. Aber was geht’s denn uns an?“

Beda ging in die Stube, fiel auf die Bank und lehnte mit geschlossenen Augen den Kopf gegen das Fenster, durch das die schöne Sonne hereinleuchtete. Sie war ein kluges Mädel. Aber doch auch ein richtiges Menschenkind. Und für uns Menschen kommen die bittersten Lebensängste immer von Gespenstern, die nicht existieren, oder von Dingen, die anders sind, als wir vermuten.

Droben in der Giebelstube fing nach einer Weile der ‘unsinnige Kasten’ zu klingen an. Aufatmend dachte Beda: „Gott sei Lob und Dank, dass ich grad jetzt ebbes Schöns zum Hören krieg!“ Aber das wurde gar nicht schön. Es begann mit einem tiefen Ton, kletterte langsam hinauf bis zum höchsten Klang und wanderte wieder hinunter in die brummende Tiefe, ein paar Dutzend Mal hintereinander, immer schneller, bis es ein perlendes Gewirbel wurde. So ging’s eine halbe Stunde immerzu – Fingerübungen in allen Tonarten – und das wurde für Beda eine Marter, dass sie die Näherei hinter den Tisch warf und verstört hinausrannte in den schönen Tag. Sie war schon weit vom Hause weg, drüben auf der Sonnleite, deren hundertjährige Fichten an allen Wipfeltrieben winzige, blutrote Knospen hatten, und noch immer hörte sie dieses monotone Klopfen: Tattera, tatata. Zwei Stunden klang es so weiter. Endlich schwieg die böse Musik, von der auch die Wildacherin meinte: „Heut tut er, als ob er’s erst lernen müsst!“

Gegen vier Uhr nachmittags verließ Ambros in einem hellen Sommeranzug das Haus und schlug den Weg nach dem Unterdorf ein. Er kam an der herzoglichen Villa vorüber und blickte beim Parktor durch die Lücken des eisernen Geschnörkels. Schmale Grasrabatten säumten den besandeten Weg, in dessen Tiefe ein weißes Sonnenleuchten war, so blendend, dass Ambros die Villa hinter dem blitzenden Tropfenspiel der beiden Fontänen kaum unterscheiden konnte. Lange blieb er stehen. Dann ging er lächelnd weiter. Eine Erinnerung war in ihm aufgetaucht. Damals, als er mit dem Vater und dem Tonele hier vorüber gefahren war, hatte eine leuchtende Blumenpracht diesen Weg gesäumt. Warum blühten hier keine Blumen mehr? Weil sich in den vergangenen Jahren die Kronen der Alleebäume so dicht geschlossen hatten, dass keine Sonne mehr hineinfiel in den dauernden Schatten? Und weil die Blumen ohne Sonne nicht blühen mögen? Und das schöne Märchen von damals? Wo war es jetzt? Verschwunden wie die Blumen? Ein dunkler Weg, ein grüner Garten, ein weißes Haus und drin eine junge Frau, die nach der Mahlzeit ruht und um 6 Uhr 10 Minuten zu musizieren geruht. Das alles ist doch Wirklichkeit! Oder kann auch das Wirkliche wie ein Märchen leuchten, das ein Sechsundzwanzigjähriger mit Herzklopfen zu erleben hofft und zu erleben fürchtet?

Ambros lachte und war dabei ärgerlich über sich selbst. Er konnte sich die Unruhe, die er fühlte, nicht erklären. Hing das zusammen mit dem unerwarteten Erscheinen der Baroness Zieblingen? Seltsam, diese junge Person, und damals bei der Notburg hatte er sie für eine Greisin gehalten, weil sie bucklig war! Wieder sah er das rote Märchenbild im Wald, hörte das scheue Kinderstimmchen, sah die schlanke, zarte Frau in halber Ohnmacht taumeln, hörte die schluchzenden Laute. Ein Menschenkind, durch Geburt auf die Höhe des Lebens gehoben, von der Natur gebildet wie eine Blume, begabt, erfüllt von der Freude an schöner Kunst und in zarter Jugend schon bedrückt vom Leben, gemieden vom Glück, an Körper und Seele leidend, hilflos angeklammert an einen pietistischen Trost, der nach aller Qual auf Erden den Lohn des Himmels erwarten lässt: Ein reines Glück, das über den Sternen wohnt! Und nun verstand er auch: Was in ihm zitterte, war nichts anderes als tiefes menschliches Erbarmen.

Er hatte den Lahneggerhof erreicht und öffnete das Zauntürchen. Aus dem Garten hörte er den Klang einer Schwegelpfeife, die heitere Melodie eines Ländlers, und dachte: Mit der Lahneggerin kann es nicht übel stehen, wenn der Toni so lustig pfeift?

Es war ein gemütliches Bild, das er fand. In dem von Sonnenlichtern durchwirkten Schatten eines Birnbaumes saß Mutter Sagenbacher in einem Lehnstuhl. Sie war gekleidet wie für den Kirchgang und trug das dunkelbraune, mit Rüschen besetzte Feiertagsgewand der verwittibten Bäuerinnen. Das war ihr so weit geworden, dass man mit den überflüssigen Tuchfalten noch eine zweite Lahneggerin hätte kleiden können. Hinter dem Rücken hatte sie ein kariertes Kissen, und ihre Beine waren in eine wollene Bettdecke gewickelt. Neben dem Sessel hockte der Toni im Gras, und während er auf der Schwegelpfeife einen munteren Tanz herunter pfiff, streichelte die Lahneggerin mit der mageren Hand ihrem Buben das Haar. Die tief liegenden Augen des kranken Weibes träumten froh ins Blaue. Doch Ambros erschrak. Hätte er nicht gewusst: Das ist die Mutter des Toni – er hätte dieses zerstörte Gesicht nicht mehr erkannt. Die Bäuerin gewahrte ihn. „Tonele, da kommt a Herr, a fremder.“

Toni sagte lachend: „Aber Mutter! Dös is ja der Brosi!“

„Jesus!“ Die Lahneggerin hatte das frohe Lächeln wieder. „Dös freut mich, dass sich der Herr Lutz so freundschaftlich zu meim Buben stellt.“

Der Toni sprang auf. Immer lachte er. „Grüß Gott, Brosle! Und gelt, so viel gut schaut d’ Mutter aus!“ Dieses laute Lachen eines Menschen, der müde, schwermütige Augen hatte, wirkte auf Ambros, dass er kein Wort herausbrachte. „Ich hol dir an Sessel aussi, dass dich hersetzen kannst zur Mutter und lustig plauschen mit ihr!“ Toni rannte ins Haus, so flink, als wäre auf dem Dach ein Feuer, das er löschen müsste.

Ambros reichte der kranken Frau die Hand.

„Gelt“, sagte die Lahneggerin, „mein’ Buben, den mögen S’?“

„Ja, Mutter Sagenbacher! Der Toni hat sich prächtig ausgewachsen. Aber wie geht’s denn Euch mit der Gesundheit?“

„Allweil besser. Mein Bub muss aufs Doktern studiert haben, da draußt im Unterland. Jeds Stündl gibt er mir a lustigs Trankl ein. So viel gut tut’s mir! Bloß a bissl schwach bin ich allweil.“

Das hörte der Toni, als er den Sessel brachte. „Schwach?“ Er lachte. „Seit drei Monaten is d’ Mutter heut zum ersten Mal aufgstanden. Und is marschiert wie a Soldat! Den halben Weg bis ins Gartl aussi hat s’ allein gehn können.“

„Ja, du Schlankl, weil mich halber tragen hast! Bloß a bissl hab ich den Boden allweil gspürt unter die Füß.“

„Wann in der Freundschaft die nächste Hochzet is, tanzen wir an Schuhplattler mitanand, d’ Mutter und ich!“

Auch die Lahneggerin lachte. „Was dir net einfallt! Ich wär schon zfrieden, wann ich wieder a bissl ebbes arbeiten kunnt. A Mensch, der nimmer schafft, is nix mehr wert.“ Der Toni hatte sich ins Gras gesetzt und fing wieder einen Ländler zu pfeifen an. Die Lahneggerin ließ sich durch den heiteren Klang nicht von dem ernsten Thema abbringen. „Gar nix derlupfen kann ich. ’s Nähkörbl is mir wie a Zentner. Und gleich tut mir ’s Kreuz allweil weh. Ja! Alles wär gut. Wann ich nur grad dös dumme Kreuz net hätt.“

Der Toni sagte lustig: „Geh, sei froh, dass d’ es hast, dein Kreuz! Sonst tätst dein magers Quartierl in der Schling tragen müssen.“ Über diesen Spaß musste die Sagenbacherin lachen, dass ihr die Tränen kamen. Und der Toni fing wieder zu pfeifen an. Dazwischen wurde geschwatzt. Dieses drollige Wortgeplänkel, das Lachen der Lahneggerin, das lustige Pfeifengedudel, das alles gab in der milden Sonne, die sich zum Abend wandte, eine so gemütliche Stimmung, dass auch Ambros seiner nachdenklichen Laune entrissen wurde und munter mitplauderte. Dass der Lahneggerin die Sonne so warm auf die mageren Hände schien, das tat ihr wohl; sie streckte sich behaglich und sagte froh: „‘s Leben is halt doch ebbes Guts. Und soviel gfallen tut’s mir wieder.“

Der Toni bekam eine tiefe Furche auf der Stirn. Er setzte die Schwegelpfeife an den Mund und blies eine übermütig gaukelnde Weise. Da betrat den Garten ein jägerisch uniformierter Mann, dem der Feldwebel von einst aus dem Gesichte sprach. Es war der herzogliche Wildmeister. Mit dem Blick eines Untersuchungsrichters trat er auf den Toni zu: „Sie, Sagenbacher, stimmt das, dass Sie heut in der Früh aus unserem Wasser einen Fisch geholt haben?“

Die Lahneggerin wurde dunkelrot über das abgezehrte Gesicht. Weil sie den Fisch verspeist hatte! Und der Toni sagte ein bisschen verwundert: „Ja, Herr Wildmeister, dös wird schon stimmen.“

„So? Dann wird es auch stimmen, dass ich Sie anzeigen muss und dass Sie gestraft werden.“

„Meintwegen! Aber vor der Mutter hätten Sie’s grad net sagen brauchen.“ Toni nahm die zitternde Hand der kranken Frau. „Geh, Mutter, deswegen brauchst dich net aufregen! Die zwölf oder fufzehn Markl Straf bringen mich net um. Und kasteln s’ mich a paar Tag ein, dös wird auch net ’s Ärgste sein. Von morgen an kauf ich dir jeden Tag an Fisch. Der Herzog muss Gschäften machen, weißt!“

„Sie!“, fuhr der Wildmeister auf. „Werden Sie nach Ihrer Gesetzesübertretung nicht auch noch unverschämt!“ Er machte eine scharfe Schwenkung und verließ den Garten.

Da kreischte die Lahneggerin wie von Sinnen: „Für mich hat er ihn gfangt! Für mich! Für mich!“

Der Toni lachte wieder und haschte das bleiche Gesicht der Mutter zwischen seine Hände. „Den lass raunzen, wie er mag! Der Fisch is drunt. Den reißt dir kein Wildmeister nimmer aussi.“

Auch Ambros lachte. „Nur ruhig, Mutter Sagenbacher! Über die Geschichte wird sich noch reden lassen.“ Er sah nach der Uhr und erhob sich. „Es wird schon ein Mittel geben, den gestrengen Herrn zu beschwichtigen. Und ich glaube, dass ich eines weiß.“

Die Lahneggerin nahm diese Verheißung als fertige Wahrheit. „Vergeltsgott tausendmal, Herr Lutz!“ Und Toni sagte: „Wirst schon aussi finden, gelt? Ich muss bei der Mutter bleiben.“

Als Ambros davonging, hörte er wieder das heitere Getriller der Schwegelpfeife. Während des hurtigen Marsches sah er ein paar Mal nach der Uhr. Wie energisch er auch ausschritt, es schlug schon viertel auf sieben, noch ehe die Parkmauer erreicht war. Seine Unpünktlichkeit schien bereits übel vermerkt zu sein, wenigstens von Seiten des Herrn Kesselschmitt, der, aus einem Leibkutscher in einen schwarz adjustierten Haushofmeister verwandelt, vor dem Parktor auf der Straße stand und missmutig Ausguck hielt. „Habe ich die Ehre, Herrn Lutz –?“

„Zu dienen!“, sagte Ambros.

„Wir haben bereits sechs Uhr und siebzehn Minuten.“

„Sogar schon achtzehn, nach meiner Uhr!“

Herr Kesselschmitt machte eine eigentümliche Schnörkelbewegung mit dem schön frisierten Kopf. Er sprach kein Wort mehr. Würdevoll schritt er Ambros voran und kutschierte dieses für ihn minderwertige Exemplar der Menschheit durch den kühlen Schatten der Parkallee. Ambros fühlte sich durch den Hoheitsvollen so erheitert, dass er keinen Blick für den Park hatte, keinen Blick für das leuchtende Tropfenspiel der beiden Fontänen. Von allem Märchen, das diese Stätte umgaukelt hatte, war nur noch die komische Realität des Herrn Kesselschmitt übrig geblieben. Ein drolliges Rüsselkäferchen! Einer von den häufigen Dienern, die dem Werte schaden, den sie zu erhöhen glauben. Ambros konnte ein Lachen nicht unterdrücken, als der Würdevolle vor den Verandastufen mit spanischer Grandezza den grün beschürzten Gärtnerburschen herbeiwinkte, der mit einer Bürste schon auf der Lauer stand, um die Schuhe des inferioren Erdenbürgers vom Staub der Straße zu säubern. Während dieser Prozedur stand Herr Kesselschmitt abseits und klopfte nervös mit dem Fuße. Er schien bemerkt zu haben, wie wenig geziemend seine vornehme Größe auf Ambros wirkte.

Eine große, kühle Vorhalle; die helle Mauer mit Hunderten von Geweihen bedeckt, viele auf altertümlichen, in der Farbe vergilbten Schildchen oder auf Hirsch- und Gämsköpfen, die aus der Zeit eines naiven Kunsthandwerkes stammten; und der Boden mit so lindem Teppich belegt, dass der Schritt des grauköpfigen Dieners, der Ambros den Hut aus der Hand nahm, wie lautloses Schweben war.

Herr Kesselschmitt öffnete eine Tür, ließ Ambros eintreten, zog die Tür geräuschlos wieder zu, machte mit dem Kopf jene absonderliche Schnörkelbewegung und sagte zu dem alten Diener: „Die Entschließungen Ihrer Hoheit sind manchmal schwer zu begreifen. Nun –“ In dem kurzen Schweigen, das Herr Kesselschmitt anschnörkelte, lag etwas Versöhnliches. „Aber die Zieblingen sollte wissen, wozu sie da ist!“

Der alte Diener verschwand, noch ehe Herr Kesselschmitt zu Ende gesprochen hatte.

Ambros stand in einer kühlen, bläulichen Dämmerung. Die beiden Fenster waren mit schweren Vorhängen und dunkelblauen Seidenvitragen so dicht verhangen, dass der Goldschein des Abends nur mit schmalen Glanzlinien in den stillen Raum hereindrang. In diesem Zwielicht fand sich Ambros mit den Augen nicht gleich zurecht. Alles Gerät erschien wie mit Schleiern umwoben. Dabei blendeten die grellen Lichtstreifen an den Fenstern. Ambros musste, um sehen zu können, den Rücken gegen die Fenster wenden. Ein kostbar eingerichteter Raum, der etwas Stilwirres hatte. Keines von den wertvollen Gerätstücken konnte sich als ein Geschwister des andern fühlen. Was hier stand mit müdgewordener Vergoldung, mit verbliebenen Brokaten oder mit neuem Glanz, erschien wie aus sieben Schlössern und aus drei Jahrhunderten zusammengetragen. Zopf, Rokoko, Empire und allerjüngstes Kunsthandwerk des Auslandes waren nebeneinander gekramt, eins mit dem anderen unverträglich. Den gleichen Eindruck machte der reiche Bilderschmuck der Wände. Altes und Junges hingen da, Bilder auf Holz oder Kupfer, Bilder auf Leinwand, Stiche und Schnitte, verblasste und neue Photographien.

Dem ersten Blick fiel ein großes Gemälde in altem Rahmen auf: Das Bild eines jungen Jägers in Lebensgröße, zwischen Bäumen auf einem Steinblock ruhend. Ein gutes Porträt, die Malweise von emailartiger Glätte, wie man vor fünfzig oder sechzig Jahren gemalt hatte. Auch hielt der Jäger seinen altertümlichen Perkussionsstutzen quer über den Knien und trug die kurze, reichlich mit Grün ausgeschlagene Joppe, die lederne Bundhose und den hellgrün gebänderten Spitzhut – die Tracht der Gebirgsjäger aus der Zeit, in welcher König Max II. fröhliches Weidwerk in den Bergen gepflegt hatte. Ein gesundes, kräftig gebildetes Frohgesicht blickte hell aus der Leinwand heraus wie aus dem geheimnisvollen Schatten eines in Dämmerung versunkenen Waldes. Ambros fühlte sich von diesen klugen, leuchtenden Augen seltsam berührt. Er hatte die Empfindung: „Diese Augen haben im Leben schon irgendwo einmal in die meinen geschaut.“ Warum sollte das nicht möglich sein? Dieses Bild war freilich ein halbes Jahrhundert alt, vielleicht noch älter. Aber Menschenaugen sind wie Sterne; seit Hunderttausenden von Jahren kommen und glänzen sie immer wieder als die gleichen.

Ambros wandte sich von dem Gemälde ab und wurde noch tiefer berührt durch den Anblick eines Bildes, das den gleichen Rahmen hatte und aus der gleichen Zeit zu stammen schien wie das Porträt des jungen Jägers. Oder war es trotz allem Anhauch des Alters nicht doch ein Werk der letzten Tage? Hatte das junge Weib – das mit dem roten Kleid wie eine schlanke Flamme in der Abendsonne gestanden, als der Waldrauscher bei der Notburg seine kleinen, unbegreiflichen Lieder sang – einem Künstler von gestern im Gewande einer vergangenen Zeit als Vorbild gedient? Ein sinnloser Gedanke. Das Gemälde war alt, so alt wie jenes andere. Aber ist das möglich, dass eine Form des Lebens nach einem halben Jahrhundert so Zug um Zug sich wiederholt? Können Mutter und Tochter – nein, Ahne und Enkelkind – einander so ähnlich sein, als wäre ihr getrenntes Leben nur ein einziger Pulsschlag der Natur? Mutter und Tochter? In Ambros erwachte die Erinnerung an jenen Maimorgen seiner Kinderzeit, an dem die ‘silberweiße, rotgeflügelte Waldfee’ von der Großen Not gekommen war und sich verwandelt hatte in eine vornehme Reiterin, die über die beiden Knaben wegsah wie über zwei Pilze am Waldsaum. Jenes strenge, kalte Gesicht – und das blumenhafte Frühlingsantlitz, zu dem der singende Waldrauscher emporgedürstet hatte? Mutter und Tochter? Zwei Gesichter, so gegensätzlich wie Frost und Wärme, wie Erstarrung und Leben! Ambros atmete schwer, als er näher hintrat zu dem Bilde. Das Scheue, Angstvolle und Leidende, das in jener glühenden Waldstunde aus den großen Kinderaugen des jungen Weibes zu ihm geredet hatte, war auf dem alten Gemälde verwandelt in blühende Frische, in lächelnden Reiz, in heitere Lebensfreude. Dennoch war es das gleiche Antlitz, Zug um Zug, die gleiche Gestalt, gertenschlank, in dem braunen Jagdkleide lebendig abgehoben vom leuchtenden Gewölk des Hintergrundes. Während die linke Hand wie bei frohem Aufatmen den schmalen Gürtel umfasste, hielt die rechte, die ruhig niederhing, eine kleine Ranke von blühendem Waldrausch.

Wie einer, der mit wachenden Augen träumt und alle Wirklichkeit als ein Fernes fühlt, gewahrte Ambros, dass die Tür des anstoßenden Raumes geöffnet wurde; dass eine matte Lampenhelle in die bläuliche Dämmerung herausfiel; und dass die kleine Baroness Zieblingen, in gelbe Seide gekleidet und sich schief bewegend, erregt auf ihn zutrat und mit ihrer verschleierten Stimme etwas sagte. Dann sah er sich auf der Schwelle eines saalartigen Raumes, dessen Fenster durch weiße Innenläden verschlossen waren. Eine große Hänglampe brannte, von einer grünseidenen Blende umzogen; die Lehnstühle und gepolsterten Bänke, die an den Wänden standen, und die Wände selbst waren von grünlichem Schatten umwoben; über die Mitte des Raumes und über den Flügel, auf dem eine Geige lag und auf dessen Pult schon die Notenblätter zurechtgestellt waren, fiel ein Kreis von weißem Licht. Ambros sah das alles wie etwas Unbestimmtes. Nur eines sah er nah und wirklich: Diese zarte, von weißem Krepp umflossene Frauengestalt, die inmitten des kreisförmigen Lichtes stand und dem Gast einen Schritt entgegenkam. Für Ambros war das etwas Verwirrendes. An dieser kühlen Erscheinung, an dem unlebendigen Blick der müden Augen und an dem strengen, blassen Schmalgesicht wollte nichts mehr dem reizvollen Bilde gleichen, das da draußen in der bläulichen Dämmerung an der Mauer hing. Und nichts erinnerte an die rote Flamme, die Ambros im brennenden Wald gesehen, nichts an die Lebensangst, die heiß aus den erschrockenen Kinderaugen geredet hatte.

Leise sagte die kleine Zieblingen ein paar Worte. Ambros glaubte seinen Namen zu hören. Dabei schien er irgend etwas zu unterlassen, was Baroness Zieblingen für nötig halten mochte; sie wurde verlegen. Eine Pause trat ein. Dann sagte die Herzogin mit einer gleichmäßigen Stimme: „Das ist freundlich von Ihnen, Herr Lutz, dass Sie Ihre Zeit opfern, um meinem Wunsche nach Musik gefällig zu sein.“

Ambros verbeugte sich. Die Stimme, die er da vernahm, hatte nichts mehr von dem ergreifenden Klang, den er gehört hatte, als der Waldrauscher sang.

Wieder eine Pause. Die kleine Zieblingen fing leise zu reden an, um Ihre Hoheit daran zu erinnern, dass heute Sonntag wäre, so dass Herr Lutz keiner dienstlichen Verpflichtung entzogen würde. Die Herzogin betrachtete den stummen Gast. Ein unbequemes Erinnern schien dämmerig in ihr zu erwachen. Das Gesicht gegen den Flügel, fragte sie: „Herr Lutz sind bei der Regulierung der Wildach beschäftigt?“

„Ja, Frau Herzogin.“

Die Hofdame wurde glühend rot, während die Hoheit freundlich sagte: „Da wünsche ich gutes Gelingen. Was Sie leisten, ist ein gemeinnütziges Werk.“ Nun wieder Schweigen. Plötzlich sagte die Herzogin sehr lebhaft: „Wollen wir also jetzt musizieren?“ Sie ging auf den Flügel zu und griff nach der Geige. Baroness Zieblingen – aufatmend, als wäre eine Herkulesaufgabe ihrer Lebensstellung glücklich gelöst – huschte zu einem Sessel an der Wand, ließ sich mit einer seitlich gleitenden Bewegung nieder und nahm eine mehr als erwartungsvolle Haltung ein. Sie schien bereits andächtig begeistert, noch ehe sie einen Ton vernommen hatte.

In Ambros, der auf den Klaviersessel zutrat, tauchte wieder die Erinnerung an jene silberweiße Reiterin auf. Er hörte den Tonele sagen: „Die tu ich nimmer grüßen, die merkt es nicht, wenn einer das Hütl zieht.“ Und weil der Tonele redete, sah Ambros die angstvollen Augen der kranken Lahneggerin. „Frau Herzogin? Dürfte ich, bevor wir zu musizieren beginnen, eine Bitte aussprechen?“ Die kleine Zieblingen erschrak, als hätte die Zimmerdecke einen Ruck gemacht, um einzustürzen. Auch die Herzogin schien unangenehm berührt. Ambros sprach ruhig weiter: „Mein Schulfreund, der Toni Sagenbacher, hat eine schwerkranke Mutter. Die soll leichte Kost bekommen. Da ist der Toni an den Bach gegangen, um für seine Mutter einen Fisch zu fangen. Das hat der Wildmeister erfahren. Jetzt will er den Toni bei Gericht anzeigen. Und die kranke Lahneggerin sorgt sich das Herz aus dem Leib, weil sie fürchtet, ihr Bub wird eingesperrt.“

Die Herzogin lächelte. Mit der Geige in der Hand sagte sie über die Schulter: „Bitte, liebe Zieblingen, wollen Sie das gleich in Ordnung bringen! Der Wildmeister soll die Sache gut sein lassen.“ Während die Hofdame zur Tür huschte, wandte sich die Herzogin zu Ambros; ihr müder Blick war unverändert in warmem Glanz. „Der Toni Sagenbacher soll mit meiner Bewilligung das Recht haben, für seine Mutter, solange sie krank ist, jeden Tag Forellen zu fangen.“ Dann kam in die zarte Stimme ein Klang von nervöser Hartnäckigkeit: „Aber wollen wir jetzt musizieren?“

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