Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 9

Ambros saß am Klavier, hemdärmelig, und spielte die Appassionata von Beethoven, den schönen Klang wie feierlichen Gottesdienst genießend. Während einer zarten Ritardandostelle des Andantesatzes hörte er ein Pochen an der Tür. „Herein!“ Verblüfft erhob er sich und schlüpfte unter einem höflichen Wort der Entschuldigung in seine Bluse.

Der weibliche Gast, der verlegen bei der Tür stehen geblieben war, schien sich in dieser Junggesellenstube nicht behaglich zu fühlen: Eine kleine, magere Dame in grauem Seidenkleid mit braunem Hut. Sie war noch jung, kaum ein paar Jahre über die Zwanzig; aber das winzige, scharf geschnittene Gesicht hatte jene Fältchen und Alterszüge, wie man sie in den Gesichtern zwerghaft gebliebener Menschen findet; schön und jung waren nur die grauen Augen; sie hatten einen Blick, der ängstlich zu fragen und in Sehnsucht etwas zu erwarten schien: „Ich bitte die Störung zu verzeihen –“ Das war eine Stimme, deren leiser Klang berührte, als wäre sie dafür geschult, eine Stille nicht merklich zu unterbrechen.

„Womit kann ich dienen?“ Ambros rückte einen Sessel in die Mitte der Stube.

„Herr Ingenieur Lutz?“

„Ja.“

„Baroness Zieblingen.“ Die junge Dame ließ sich nieder. Das machte sie auf eine Art, dass man kaum eine Bewegung an ihr sah. „Ich bin Hofdame bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin.“ Sie blickte ein bisschen verwundert zu Ambros auf, weil er so ruhig wartete, was da kommen sollte. „Ihre Hoheit spielen Geige, sehr gut natürlich, wie ja Hoheit in allem ein vollendetes Geschöpf sind. Und Hoheit musizieren ungemein gerne. Das Geigenspiel ist die liebste Beschäftigung Ihrer Hoheit in allen Mußestunden. Und da entbehrten es die Hoheit schmerzlich, dass während des Landaufenthaltes nie ein gleichwertiges Akkompagnement zu finden war. Im vergangenen Herbste wurde ein Versuch mit dem hiesigen Lehrer gemacht. Nein, das ging nicht.“

„Spielt er so schlecht?“

„Das nicht.“ Der Baroness fuhr das Blut in die Stirn, doch ihre Stimme blieb ruhig und zart. „Er scheint ein guter Musiker zu sein. Aber es war mit dem besten Willen nicht möglich, den braven Mann mit Ihrer Hoheit für längere Zeit im gleichen Raum zu haben. Ich selbst spiele wohl auch ein wenig Klavier und habe der Hoheit zuliebe den ganzen Winter geübt. Es reicht noch immer nicht.“ In das leise Stimmchen kam ein schmerzliches Beben. „Ihre Hoheit sind namenlos geduldig, wenn ich spiele. Aber was Hoheit auf der Geige leisten, steht so hoch über meinem armen Können, dass ich selbst auf alle Freude gern verzichten möchte, wenn Hoheit würdigen Ersatz bekämen. Als wir eben auf der Straße vorüber fuhren, hörten wir das wundervolle Spiel. Ihre Hoheit ließen sofort den Wagen halten –“

Ambros lachte. „Ich soll aushelfen und die Frau Herzogin zur Geige begleiten?“

„Ach, wenn Sie das wollten!“ Der kleinen Baroness fuhr wieder das Blut in die Stirn. „Ich wäre selig, wenn Hoheit meinem etwas verwegenen Einfall eine Freude zu danken hätten.“

Freundlich sah Ambros das hässliche Persönchen an. „Sie scheinen die Frau Herzogin sehr lieb zu haben?“

„Man muss sie lieben. Sie ist eine Heilige.“ Das klang so mädchenhaft schwärmerisch, dass es komisch wirkte.

„Nun“, sagte Ambros lächelnd, „jedenfalls ist sie eine gute Geigerin. Ich habe sie im Herbst einmal gehört, am Abend, als ich an der Villa vorüberging. Der schöne Klang ist mir aufgefallen.“

„Nicht wahr?“ Die grauen Augen glänzten.

„Ich stehe der Frau Herzogin gern zu Diensten, soweit es meine Zeit erlaubt. Unter der Woche hält mich tagsüber die Arbeit fest, am Abend komm’ ich abgemüdet heim. Musik will einen frischen Menschen. Aber an Sonn- und Feiertagen – wenn Sie mich heute haben wollen, ich bin frei.“

„Ach, wie herrlich! Ich danke Ihnen, Herr Lutz!“ Der kleinen Baroness brannte vor Freude das Gesicht, während sie vom Sessel aufstand; dabei wurde sie nur wenig größer. „Wenn es Ihnen passen würde, nach dem Diner vielleicht? Hoheit speisen hier ganz ländlich, um drei Uhr. Wenn es Ihnen also konveniert: um sechs Uhr zehn Minuten. Da haben Hoheit sich ausgeruht und werden frisch sein, um Musik zu machen. Wie herrlich das sein wird!“ Vor Erregung versagte ihr das leise Stimmchen. „Und ganz einfach, ohne jedes Zeremoniell!“ Mit den strahlenden Augen dankend, huschte das magere Persönchen, sich auf absonderliche Weise nach der Seite bewegend, vom Sessel zur Tür hinüber. Erst auf der Schwelle machte sie eine Wendung, und da konnte Ambros gewahren, dass Baroness Zieblingen einen schief gewachsenen Rücken hatte. Jähes Erinnern schoss ihm durch die Gedanken. Er sah eine rot brennende Sonne und hörte den Waldrauscher singen. Erschrocken streckte er die Hände: „Fräulein! Fräulein!“

Draußen ging schon ein leiser Hauch über die Treppe hinunter. Ehe Baroness Zieblingen die Kutsche erreichte, in der etwas Weißes und Duftiges zu sehen war, begann sie schon ein erregtes Gewirbel französischer Worte. Sie schlüpfte flink in den Wagen. Die Pferde schossen mit wehenden Mähnen davon, und der Wagen blitzte am Waldrauscher vorüber, der mit brennenden Augen in einer Hecke verborgen stand.

Die Fahrt ging nach dem Unterdorf, der Kirche entgegen. Baroness Zieblingen streckte den Kopf aus dem Wagenfenster und rief dem Kutscher zu: „Kesselschmitt! Hoheit wünschen, dass an der Kirche nur im Schritt gefahren wird.“ Der Würdevolle zügelte verdrossen den Gang des feurigen Gespanns. Es hätte der Pfarrer nicht wissen dürfen, was sich Herr Kesselschmitt in diesem Augenblick dachte.

Die Straße lag tiefer als die Friedhofsmauer. Dort oben, auf geweihtem Boden, standen die zweihundert Italiener mit entblößtem Köpfen um das offene Portal und lauschten dem dörflich-melodischen Kirchenkonzert. In dieser stummen Andacht fingen ein paar von den Leuten zu kichern an; auch alte, fromme Männer begannen zu schmunzeln. Einer der Jungen sagte: „Vè Abbiamo teatro!“ Alle guckten vergnügt nach der Friedhofsmauer. Weil draußen die Straße tiefer lag, konnten sie nichts von der Kutsche gewahren. Sie sahen nur die hoheitsvolle Büste des Herrn Kesselschmitt langsam an der Kante der Mauer entlang gleiten, gleich einer über die Brust geköpften Marionette, die an Drähten gezogen wird.

Als die Puppe verschwunden war, fanden die erheiterten Leute ihre stille Andacht wieder. Geduldig hatte ihre Frömmigkeit die dreiviertelstündige Predigt überwunden. Für die zweihundert auf dem Friedhof war das deutsche Wort Gottes ein unverständlicher Klang. Vielleicht war das gut so. Denn heute hatte der Pfarrer über die Güte und Weisheit Gottes gepredigt, der nach bösem Wetter das Wunder dieses schönen Tages gewirkt hätte, um die guten Christen des Dorfes für ihre Sonntagsheiligung zu belohnen und irdischen Schaden von ihnen fernzuhalten. Von den Italienern sprach der Pfarrer nicht; er sprach nur von sündhaften Halbchristen, die fähig wären, um schnöden Mammon den heiligen Sonntag zu verkaufen, wie Judas den Heiland verriet um dreißig Silberlinge.

Als nach der Predigt die Kirchenmusik begonnen hatte und der Pfarrer lateinisch sang, verstanden die Fremden manches Wort, das den Einheimischen unverständliche Sprache war. Für Italiener, wenn sie in Deutschland das Hochamt hören, hat das Kirchenlatein den Wert einer heimatlichen Reminiszenz, wenn auch antiquarisch angehaucht.

Das Hochamt ging zu Ende, und man hörte den Pfarrer singen: „Ite missa est!“ Der alte Vorarbeiter der Italiener zog den Hut übers graue Haar. Er war der Behörde gegenüber für den Frieden verantwortlich und wollte seine Herde wieder aus dem Dorf bringen, bevor die Bauernburschen aus der Kirche kämen. In Ordnung marschierte der Zug davon und war schon weit, als das bunte Gewimmel der einheimischen Kirchgänger aus dem Portal herausdrängte. Das war in der Sonne ein schönes Bild: Wie der dichte Menschenstrom mit seinen hellen und dunklen Farben sich auflöste nach allen Richtungen. Die Weibsleute und Kinder traten den Heimweg an, die Mannsleute sammelten sich vor der Friedhofsmauer zur öffentlichen Gemeinde.

Bei diesen Ratsversammlungen war sonst der Krispin Sagenbacher eine Hauptperson, weil er das meiste zu schreien hatte. Heute schob er seine Bürgerpflicht beiseite und kniff aus. Unter flinkem Marschieren streckte er den Hals. Immer wieder sah er ein helles Perkalkleid um einen grünen Busch verschwinden. „Sakra! Heut rennt s’ wie narret!“ Nach diesem ärgerlichen Stoßseufzer fing Krispin zu schmunzeln an. Er gewahrte, dass sich das Helle da vorne nach einem versteckten Seitenpfad zwischen Stauden und Hecken zu flüchten suchte. Da begann er mit seinen langen Beinen zu rennen, in grader Linie über hoch mit Gras bestandene Wiesen hinüber. Weil ihm eine seiner eigenen Wiesen in die Quere kam, machte er dem schönen Gras zulieb einen Umweg über die Wiese, die einem andern gehörte. Als er die Stelle erreichte, wo der Fußpfad neben der Schuttstraße der Wildach aus dem Staudenwäldchen herauskam, hatte er noch Zeit, seinen Anzug zu mustern und die klebenden Blumenblättchen aus der feucht gewordenen Wolle seiner weißen Wadenstrümpfe herauszuzupfen. Stattlich sah er aus, der sechsunddreißigjährige Jünglingsbauer vom Lahneggerhof. Er trug zwei teure Adlerflaumen auf dem Hut, und an der Uhrkette baumelte dick, was Krispin Sagenbacher an Silber gefassten Hirschgranen, Falkenklauen und Murmeltierzähnen gesammelt hatte. Der zufriedene Blick, mit dem er sich musterte, schien zu sagen: „Besser kann der Mensch nimmer ausschauen!“

Hinter den Büschen trat hell in die Sonne heraus, was dem Lahnegger seit zwei Jahren das Blut und die Augen hungrig machte. Auch jetzt, beim ersten Blick auf dieses blühende Leben, fuhr ihm wieder das verteufelte Zittern in alle Sinne. Äußerlich blieb er Herr seiner selbst und konnte ruhig sagen: „Ah, Bedle, grüß dich Gott! Kommst von der Kirch?“

Der Beda brannten von der raschen Flucht die Wangen. Nun blitzte ihr auch der Zorn in die Augen. Da fiel ihr ein: Seine Mutter leidet. Und noch etwas anderes fiel ihr ein: Dass es Menschen gibt, die Brüder sind. Drum nickte sie stumm. Krispin blieb an ihrer Seite. Harmlos begann er vom ‘feinen’ Wetter zu reden. Mit dem zweideutigen Geplänkel, das sonst seine zärtlichen Erfolge vorzubereiten pflegte, hatte er bei der Wildacher-Beda üble Erfahrungen gemacht. Auch mit dem Wetterthema hatte er kein Glück. Beda sagte: „Dass d’ Sonn scheint, merk ich schon selber. Dös brauchst mir net verzählen.“

Nun knüpfte er seinen Hoffnungsfaden an die Predigt des geistlichen Herrn. In Unmut erwiderte Beda: „Der hätt auf der Kanzel was anders z’tun, als dass er gegen d’ Inschenierleut predigt und ihnen d’ Arbeit schwer macht, die fürs Tal a Nutzen und Segen is!“

Krispin schlug mit seiner Meinung um. „Bist halt a verstandsams Frauenzimmer!“

„Dös is kein Verdienst, a bissl gscheiter sein, als wie d’ Rindviecher sind.“

„Freilich, Hammeln sind s’ alle mitanand! Da müssen halt die paar gscheiten Leut a bissl zammhalten.“

„Du!“ fuhr ihn Beda zornig an. „Tu dich net allweil so herdrucken! Der Weg is breit, da wirst wohl Platz haben.“

„Jesses!“, lachte Krispin gutmütig. „Gar net gmerkt hab ich, dass ich a bissl anstreif.“

Wortlos schlug Beda einen flinkeren Schritt an. Und der Lahnegger merkte: So kam er nicht weiter. Freilich, wenn er Ernst machen möchte, wäre die Sache bald erledigt. Dass die Beda dem schönen Lahneggerhof nicht widerstehen würde, war für den Krispin eine bolzensteife Überzeugung. Aber heiraten? Davor bekreuzte er sich wie ein guter Christ vor dem Teufel. Doch es blieb nichts anderes übrig, er musste schon das Hochzeitsfähnl ein bisschen wehen lassen. „Nobel steht ’s Gras! Heuer wird’s Heu geben, dass ich nimmer weiß, wo ich’s unterbring. Da muss ich an neuen Stadel bauen. Mein Sach wird mir schon bald a bissl z’weitschichtig für mich allein. D’ Mutter is schwach beinand. Da ghört a richtigs Weib her. Es wird nimmer anders gehen, ich muss mich bald umschauen.“ Dabei sah er die Beda mit hungrigen Augen an.

„Ja“, sagte sie ruhig, „such dir eine! Da haben endlich amal die andern ihr Ruh vor dir.“

Krispin verfärbte sich. Eine seiner stolzesten Lebensüberzeugungen war in Scherben gegangen. Und weil er die Beda noch immer musterte, fielen ihm die gelblichen Flecken auf, die der Saum ihres Kleides bekommen hatte. „Heut musst schon mit deinem netten Röckerl durchs nasse Gras gangen sein!“

Beda schwieg.

Das ließ den Lahnegger eine Gefahr wittern und brachte ihm die Ahnung bei, dass er den Nagel auf einen empfindlichen Kopf getroffen hatte. „Wo bist denn schon gwesen heut?“

Nun riss der Beda die Geduld. „Geht’s dich ebbes an? Wär gscheiter, du tätst nach der Mutter schauen und net dem Toni die ganze Sorg allein auf der Seel lassen!“

Als der Krispin den Namen des Bruders hörte, der am Morgen durchs nasse Gras zum Altwasser gewandert war, ging ihm nicht nur ein Licht, sondern gleich ein Feuer auf. Die ‘Verwechslung’ fiel ihm ein. Und noch ein paar andere Erinnerungen fuhren dem Krispin schwül durch den aufgerüttelten Verstand. Der eigene Bruder. Der war die Gefahr, die dem Liebeshunger des Krispin den süßen Brotkorb in eine Höhe rückte, nach der es einen flinken und festen Sprung zu machen galt! Er spreizte die Nasenlöcher auseinander. „So so? Weißt es schon, dass ich den Doktor hab holen lassen? Aber d’ Mutter is schon wieder kreuzfidel. Weil s’ ihren Toni hat. Der is halt ’s Mammiwuckerl! Schad, dass er net lang bleiben kann. Der wird sich tummeln, dass er bald wieder aussikommt zu seiner Wittib.“ Beda kannte den Lahnegger. Aber dieses Wort von der Wittib riss ihr doch in Schreck das Gesicht herum.

Gemütlich erzählte Krispin von dem schönen Hof im Unterland, von Wald und Feld, von sechs Rossen, vom Glück des Toni und von der musperen Witib, die noch Holz beim Ofen hätte. „Ganz narret soll sie’s treiben mit’m Toni.“ Er lachte. „Hat’s d’ Mutter halt doch vom Himmel abigrissen! Den ganzen Winter hat s’ ihre Heiligen angrufen, dass ebbes füranand geht da draußt im Unterland. Meintwegen! Ich vergunn’s dem Toni. Und ehrlich: Lieber is mir’s auch, dass er mir weit von meiner Wirtschaft hockt.“ Jetzt blinzelte Krispin nach der Seite hin. Was er gewahrte, machte ihn schmunzeln. Er hatte wieder Veranlassung zu denken: „Der Gscheiter bleib allweil ich!“ Aber das ist das dunkle Schicksal aller klugen Menschen, dass sie wenn sie am klügsten waren, immer in Gefahr sind, eine große Dummheit zu machen.

Beda, die sonst so feinhörige Ohren wie ein Wiesel hatte, war plötzlich bei blassem Gesicht so taub geworden, dass sie, an der Parkmauer der herzoglichen Villa vorüber schreitend, hinter sich die Hufschläge und den Räderlärm nicht hörte, auch nicht den Warnungsruf des Herrn Kesselschmitt. Die Pferde hätten sie niedergestoßen, wenn nicht Krispin als Schutzengel hinzu gesprungen wäre. Er riss das Mädel gegen die Mauer hin, umschlang es mit beiden Armen, und an dem Paar blitzte unter einem Zornwort des Herrn Kesselschmitt die geschlossene Kutsche vorüber, aus deren Fenster die Baroness Zieblingen das ängstliche Runzelgesicht mit den treuen Augen herausstreckte. Der Wagen bog in das offene Parktor ein, und nun tat der kluge Lahnegger, was er bereuen musste. Als er das junge Leben, nach dem er seit zwei Jahren hungerte, zwischen seinen Händen spürte, trug ihn alle Schlauheit seines Bauerngehirns nicht über die zitternde Dummheit seines Blutes hinüber.

Erschrocken wehrte sich Beda.

Und Krispin bettelte: „Geh, sei gscheit! Schau, so viel gern mag ich dich –“

Er wollte schon ein unkluges Heiratsversprechen beschwören. Da schlug ihm die Wildacher-Beda das Gebetbuch auf die Nase. Er taumelte, Beda wurde frei, und als sie zwischen den Buchenstauden den Waldrauscher stehen sah, rief sie ihm zu: „Geh, sei so gut, Mensch, und bleib bei mir! Der Saukerl lasst mir kei’ Ruh net.“

Krispin Sagenbacher machte die Wahrnehmung, dass die Welt sich drehen kann, auch wenn man nicht besoffen ist. Als er halbwegs wieder zu Verstand kam, war die erste Äußerung seines geklärten Bewusstseins ein grimmiger Fluch. Dann spürte er was Warmes im Gesicht. Als er hingriff, war es Blut. Erschrocken fühlte er nach der Dulle, die ihm der Toni vor fünfzehn Jahren ins Nasenbein geschlagen hatte. Dieser Schönheitsfehler erwies sich als unverschlimmert, aber das Blut tropfte ihm auf die neue Joppe herunter und auf die mit dem Bild einer Gämse verzierte Spange der gestickten Hosenträger. Dieses Kunstwerk der Nadel war das Geschenk eines Mädels, das sich mit der trügerischen Hoffnung getragen hatte, Lahneggerbäuerin zu werden.

Mit langen Sprüngen rannte Krispin zum Bach, schnupfte Wasser auf und säuberte die rot betröpfelte Montur. Dann blieb er in der Sonne sitzen, um das Feuchte trocknen zu lassen. Wie die Hefe im Nudelteig, so gärte die Reue in seinem bedrückten Gemüt. „Himi Bluatsa! Jetzt hab ich alles verpatzt.“ Er begann zu überlegen. Über die Gefahr, die mit dem Toni erschienen war, beruhigte sich Krispin schnell. Er pflegte die anderen, minderwertigen Menschen doch annähernd nach seinem eigenen Gewicht zu schätzen. Drum rechnete er: Der Toni wird die Beda haben wollen, aber heiraten wird er die Witib mit den sechs Rossen. Sechs Rosse lässt man nicht aus. Was so ein Tropf doch für ein Glück hat! Und da wird’s wohl noch ein Mittel geben, um die Sorge im Toni zu wecken, dass er das sechsspännige Glück verlieren könnte. Wie wär’s, wenn man der Wittib im Unterland einen heimlichen Deut gäbe? Oder wenn man dem Toni ein bisschen Feuer unter den heimatlichen Boden legen würde? „Furt muss er! Himi Bluatsa!“ Krispin bewegte die Ellbogen, als wäre er inmitten eines dichten Menschengewühls. „Ehnder gib ich kei’ Ruh net!“

Aber – wenn der Toni nun wirklich fort war – wer würde der Beda die verliebte Narretei aus dem hübschen Köpfl hinaus blasen? Hier saß die Gefahr! „Himi Sakra! Soll einer d’ Weibsbilder ausstudieren! Da hat sich unser Herrgott bei der Erschaffung net auszeichnet.“ Es gibt auf der Welt einen Krispin Sagenbacher. Der ist der klügste unter allen Menschen. Ist der schönste, nur mit einer kleinen Dulle im Nasenbein. Und ist der Hofbauer vom Lahnegg! Und da denkt so eine Kuh von einem Weiberleut an einen andern. „Mar’ und Joseph! Was tu ich denn da?“ In seinem zärtlichen Gemüte nistete sich eine so verzweifelte Stimmung ein, dass sie ihm das Wasser aus den Augen trieb. In diesem Tränenglanz war der sechsunddreißigjährige Jünglingsbauer vom Lahneggerhof des tiefsten Erbarmens würdig. Ungestillte Sehnsucht, ob sie aus reinen oder trüben Quellen steigt, ist eine Macht und ein Schmerz. Dem Krispin fehlte alles, was den strahlenden Helden ausmacht; doch in dieser Stunde litt er nicht weniger, als Romeo leiden musste:

‘Hier ist der Himmel,
Wo Julia lebt! Und jeder Hund, die Katze,
Die kleinste Maus, das schlechteste Geschöpf
Fühlt diesen Himmel, darf ihr Antlitz sehn!
Doch Romeo darf nicht!’

Weil seine Hosenträger wieder trocken waren, stand Krispin vom Bachufer auf. Aber was jetzt? Heimgehen? Und dem ‘Sakramentskerl’ begegnen, der das unbegreifliche Glück bei den Weibsbildern hatte? Um Gottes willen nicht! Der Krispin kannte sich zu gut, um nicht vorauszusehen, dass eine solche Begegnung in der ersten Hitze seines Zornes nicht ohne schwere Kränkung einiger Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches ablaufen würde. Da bekäme er eine neue Dummheit zu bereuen. Nein, jetzt musste er sich auf ‘schmalzige Feinheit’ verlegen. Aber wie?

Im Bach sprang eine Forelle. Das weckte im Krispin die Hoffnung, dass man den Toni vielleicht beim Fischwildern erwischt hätte? Schade, dass die ganze herzogliche Jägerei vollzählig in der Kirche gewesen war. Aber kommt Zeit, kommt Rat, dachte Krispin – das heißt, er dachte: Jetzt geh ich ins Wirtshaus, kaufe mir als Universalmittel einen Rausch, und wenn ich wieder nüchtern werde, wird mir schon was einfallen.

Es fiel dem Krispin schon etwas ein, bevor er das Wirtshaus erreichte.

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