Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 8

Noch ehe der Morgen graute, fiel Südwind ein. Bei Tagesanbruch begann jener schwere Regen zu fallen, von dem man in den Bergen zu sagen pflegt: „Mit Schaffeln schütten s’ abi!“ Ein wunderlicher Plural! Sie, die bösen Mächte, die dem Leben feindlich sind! Gewöhnlich lauern sie für den Aberglauben des Volkes ‘dort unten’. Aber wenn es aus den Wolken schüttet, die Frühlingssaat verhagelt und von den Obstbäumen die Blüten niederschlägt, dann hausen die bösen Mächte auch ‘dort oben’, wo bei lachendem Wetter nur gute Engel wohnen.

Ambros, in triefenden Kleidern, rannte den ganzen Tag von einer Arbeitsstätte zur andern. Die stürzenden Wassermengen setzten alles unter Gefahr, was man an Geröllfängen, Staffelungen und Dämmungen bisher fertig gebracht hatte. Man wäre dieser Gefahr ohne Schaden Herr geworden, wenn alle Arbeiter fest bei der Stange ausgehalten hätten. Aber die aus dem Wildachtal machten Schwierigkeiten; was sich seit der Grundablösung an Verstimmung und dann an Ärger über den Zuzug der Italiener gesammelt hatte, begann sich zu äußern. Es war im Kern der Sache nur Schadenfreude, wenn die einheimischen Arbeiter den Wochenfeierabend nicht verlieren, sich für den Sonntag ausschlafen und den Kirchgang nicht versäumen wollten. Ambros fluchte nicht, wie es der Geschäftsführer des Herrn Friedrich Wohlverstand tat. Aber trotz aller Güte, bei der sich Ambros die Lunge halb aus dem Leibe redete, stellten mit Ausnahme von einem Dutzend williger Leute alle einheimischen Taglöhner nachmittags um fünf Uhr die Arbeit ein. Und Ambros bekam vom Geschäftsführer den Vorwurf zu hören, dass er aus unpraktischem Heimatsgefühl den Gang der Arbeit geschädigt hätte; wären nur italienische Arbeiter angeworben worden, so wäre die Störung nicht entstanden. „Für den Nachteil, der daraus erwächst, werden Sie aufkommen, Herr Inscheniör!“ Ambros drehte dem scharfen Herrn den Rücken. Als er einem Trupp dieser Heimgänger begegnete, machte er noch einen letzten Versuch, ihnen Vernunft zu predigen. Sie meinten, wenn man den Wasserschaden der Wildach tausend Jahre lang ertragen hätte, käme es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht mehr an.

Ein Glück, dass die Italiener sich bereit erklärten, die ganze Nacht, und, wenn es nötig wäre, auch den ganzen Sonntag zu arbeiten. Ambros atmete auf, als am Abend die Pechfackeln brannten und die Arbeit an den bedrohten Stellen in sicherem Gange war. Bevor es noch völlig Nacht wurde, erschien ein Ausschussmitglied der Gemeinde in Begleitung des jungen Kaplans bei der Notburg: Morgen, am Sonntag, dürften ohne bischöflichen Dispens auch die Italiener nicht arbeiten; bei der gutchristlichen Bevölkerung des Tales würde das ein schweres Ärgernis verursachen; und da der Dispens bis Anbruch des Sonntags nicht mehr zu erwirken wäre, müsse die Arbeit um Mitternacht eingestellt werden. Gegen diesen Protest war nichts zu machen; die guten Christen des Gemeindeausschusses, in dem auch der Krispin Sagenbacher saß, hatten das Gesetzbuch für sich. Und als Ambros dem Kaplan die möglichen Folgen dieser Arbeitsbehinderung klarzulegen suchte, antwortete der junge Priester mit dem alten Spruch:

„Gottes heilig Gebot
Geht vor der Menschen Not!“

Ambros verlor die Geduld. „So? Aber zum Heuen am Sonntag kann der Pfarrer Dispens geben?“

„Das Heuen ist ein Lebensbedarf der Landbevölkerung.“

Empört darüber, dass ihm der Ingenieur ins Gesicht lachte, ging der Kaplan unter seinem schwarzen Regenschirm davon. Ambros schüttelte die Nässe von sich ab, und ein gesunder Fluch fuhr ihm aus der Kehle. Dieser Stoßseufzer seines Zornes wurde in der Höhe, aus der jene dunkeln ‘Sie’ mit Schaffeln herunter gossen, wohl nicht gehört. Aber die Natur hielt es gegen zehn Uhr nachts aus irgendwelchen Gründen für nötig, pfeifende Windstöße über die Wolkenmassen hinzuschleudern. Der Regen wurde dünner, versiegte ganz, und vor Mitternacht konnte Ambros die Arbeit einstellen lassen, weil Schaden nicht mehr zu befürchten war.

Die Nacht wurde kalt. Ambros, der in den triefenden Kleidern zu schauern begann, musste auf dem Heimweg einen Laufschritt anschlagen, um warm zu werden. Immer dachte er darüber nach, wie er für die Zukunft einer solchen Arbeitsbehinderung wirksam begegnen könnte. Vor allem wollte er wegen der Sonntagsarbeit, wenn sie durch Wetterstürze nötig würde, noch heute eine Eingabe an das Bezirksamt und an das bischöfliche Ordinariat machen. Als er das Haus der Wildacherin erreichte, sah er Licht in seiner Stube. Beda stand vor der Haustür und rief: „Herr Lutz? Um Christi willen, kommst endlich? So a Wetter! Musst ja nass sein bis auf d’ Haut. Schau nur, dass d’ auffikommst! Jetzt koch ich dir gleich an heißen Trunk.“ Sie sprang ins Haus.

Droben fand Ambros die brennende Lampe und einen durchwärmten Raum. Das Stübchen hatte keinen Ofen. Drum hatte Beda, um warm zu machen, einen Würfel aus erhitzten Ziegelsteinen aufgeschichtet. In einem Krug war heißes Wasser. Und auf dem Bett war in netter Ordnung hingelegt, was Ambros nötig hatte, um sich umzukleiden. „Schau nur!“ Er lachte froh. „Als wäre meine Mutter da!“ Unfreundlich war die Beda nie gegen ihn gewesen. Aber es nahm ihn doch wunder, dass sie bei ihrer verschlossenen Art sich so herzlich zeigen konnte.

Als sie heraufkam und den Glühwein brachte, musste er sie immer ansehen. Auch in ihrer Stimme war etwas Neues, etwas Mildes und Innerliches. Das blieb auch, als sie über das Verhalten der einheimischen Arbeiter ein hartes Urteil aussprach. „Es ist kein guter Schlag net. Die muss man bloß in der Kirch anschauen. Da machen s’ die gleichen Gsichter wie im Wirtshaus und im Stall. Der Herrgott, der Maßkrug und an Ochs, das is für d’ Leut eins wie ’s ander. Unser Tal is z’ weit von die andern Dörfer weg. Da sind d’ Leut um hundert Jahr zruckblieben. Und allweil heiraten s’ unteranand. Da wachst sich so a Schlag aus. Unter die Burschen is selten einer, der grad und herzgsund is, a richtigs Mannsbild. Und d’ Madln sind allweil schon alte Weiber mit fünfazwanzg Jahr.“

Er griff nach dem rauchenden Glas. Doch er trank nicht, sondern sah die Beda an. Deutlicher als jemals fiel es ihm auf, wie eigenartig hübsch dieses Mädel war. Er lachte. „Du hast doch auch nimmer weit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr? Aber dass du schon alterst, da merk ich noch nichts.“

„In mir is an anders Blut.“ Sie nahm die nassen Kleidungsstücke vom Sessel. Ein leises Beben kam in den Klang ihrer Stimme. „Vielleicht wär’s besser für mich, wann ich grad so wär, wie die andern sind.“

„Nein, Beda!“ Er stellte das Glas mit dem Glühwein auf den Tisch. „Anders sein, als die Minderwertigen sind, das ist ein Glück. Und hier unter den Mannsleuten weiß ich auch einen, der anders ist. Grad und herzgesund. Ich freue mich, dass ich ihn wiederhabe! Denk dir, Beda, der Toni ist wieder daheim.“

Sie war zur Tür gegangen und hielt die Klinke in der Hand. „Ich weiß schon, ja! An guten Einstand muss er net ghabt haben. In der Nacht, sagen d’ Leut, hat man den Doktor zur Lahneggerin holen müssen.“

Ambros erschrak.

„So viel derbarmen tut mich d’ Sagenbacherin. Und ihm is d’ Mutter allweil ’s Beste gewesen. Hart wird’s ihm zusetzen.“ Sie ging aus der Stube.

Ambros empfand den Kummer des Freundes wie eine Sorge, die ihn selbst bedrückte. Und ein Vorwurf stieg in ihm auf. Die ganze Woche, seit der Ankunft der italienischen Arbeiter, hatte er nicht mehr an die Mutter geschrieben. Gleich setzte er sich an den Tisch. Der Gedanke an den Kummer des Toni ließ ihn für die eigene Mutter zärtliche Worte finden. Die Sorge, die ihm sein Werk machte, verschwieg er. Wozu der Mutter einen Stein auf das Herz legen? Aber die Begegnung mit dem Waldrauscher wollte er schildern. Was er schrieb, war wieder ein Halbes. Wohl brannte im Wald die rote Sonne, aber Frau Lutz bekam nur den Waldrauscher zu sehen, nur das Bocciaspiel in der Dämmerung, den langen fremden Menschen auf der grauen Straße und den Toni in der schwarzen Stube.

Bis der Morgen kam, hatte der Himmel seinen Unmut völlig überwunden. Ein farbiges Lichtgeflimmer glitt um die ziehenden Dünste, und Sonnenbänder flossen breit ins Tal herein. Wo sie hinfielen über die gebeugten Wiesenblumen und über das Heckenlaub, war ein buntes Gefunkel in den hängenden Tropfen, ein rotes und blaues Blitzen, als wäre diese Morgenstunde eine eitle Fürstin, die sich zu feierlichem Frühlingsfest mit ihren Steinen schmückt.

Die Wildach rauschte, von überall klangen die Kuckucksrufe aus den Wäldern, drei Glocken läuteten, und auf allen Wegen wanderten die sonntäglich geschmückten Kirchgänger dem Unterdorfe zu. Als die Wege schon wieder einsam wurden, kam Beda gegen das Altwasser der Wildach gegangen, in der einen Hand das kleine Gebetbuch, in der andern Hand die große Holzschachtel, in der sie die fertige Arbeit in die Stadt zu schicken pflegte. Sie trug nicht das Mieder, die Silberketten und das seidene Halstuch wie die anderen Mädchen, sondern ein halb städtisch geschnittenes Kleid, das sie selbst genäht hatte, aus weißem, klein geblumtem Waschperkal. Über dem kupferdunklen Haar, das in streng geflochtenen Zöpfen auf dem Nacken lag, trug sie ein grünes Lodenhütl mit einer kirschroten Geraniumblüte.

Die Beda hatte es eilig. Plötzlich stockte ihr Fuß. Am Ufer des Altwassers stak zwischen den Erlenstauden eine Angelgerte im Boden. Die Schnur hing ins Wasser hinunter. Daneben, auf einem Baumstock, saß ohne Hut und in blauem Leinenkittel ein Mensch. Gekrümmt wie ein alter Mann, hatte er die Ellbogen auf die Schenkel gestützt und hielt das Gesicht in die braunen Hände vergraben. Die Morgensonne beleuchtete schräg den regungslosen Fischer. Dieser grelle Lichtstreif neben dem dunklen Schatten war anzusehen, als wäre der Sagenbacher-Toni linksseitig vom Scheitel über die Schulter herunter mit einer funkelnden Silberspange beschlagen. Die Beda wollte rasch vorübergehen. Hatte ihr Kleid gerauscht? Der Toni ließ die Hände sinken und drehte den Kopf. In seinem strengen, blassen Gesicht veränderte sich kein Zug, als er das Mädel sah; nur seine Augen bekamen Glanz.

Sie tat vom Weg einen Schritt in das feuchte Gras.

„Guten Morgen, Toni!“ In ihrer Stimme war wieder der warme und milde Klang, mit dem sie in der Nacht zu Ambros gesprochen hatte.

Er sah sie verwundert an und deutete nach dem Saum ihres Kleides: „Tust dir ja dein nettes Röckl ganz nass machen!“

„Dös trücknet schon wieder in der Sonn.“ Sie machte einen Schritt gegen das Wasser hin und fragte scheu: „Deiner Mutter, sagen d’ Leut, soll’s gar net gut gehn?“

Eine Furche grub sich zwischen Tonis Brauen. „Was wissen denn d’ Leut? Ah na! D’ Mutter macht sich bald wieder aussi.“

Beda atmete auf. „Was Vater und Mutter heißt, dös hab ich nie net kosten dürfen. Aber nachspüren kann ich’s. Es muss dir hart gwesen sein, wie dir beim ersten Schritt ins Heimathaus gleich d’ Sorg um d’ Mutter in d’ Seel einigsprungen is!“

Dem Toni wurden die Augen größer. Doch die Furche auf seiner Stirn wurde noch tiefer. „Beim ersten Schritt? Beim dritten erst. Dös wird mich reuen, wann der Brosi wieder Musi macht.“

„Ich versteh net, was d’ meinst?“

Er gab keine Antwort, sah nur die Beda immer an. Und plötzlich ging ihm ein heißes Erglühen über das Gesicht. Er lächelte bitter und blickte gegen das Haus der Wildacherin. „Wo is denn dein Hundl?“

Wieder verstand sie nicht, wie er’s meinte. „Auf’m Kirchgang kann ich doch den Sully net brauchen.“

„Freilich, ja! Und bis aufn Abend hat’s noch lang.“ Er sah nach dem Angelkork. „Gar nix will beißen heut.“ Nun wandte er wieder das Gesicht und gewahrte den schweren Pack. „Ich tät dir d’ Schachtel gern abitragen bis zur Post. Aber ich muss für d’ Mutter an Fisch fangen.“

Sie nickte. „Z’erst musst allweil an d’ Mutter denken. Dös bissl Schachtel kann ich schon tragen. Da brauchst mir net helfen.“

„Hast mir doch auch schon amal gholfen, wie ich ebbes Gwichtigs hab lupfen müssen.“

Das hatte keinen bösen Klang. Dennoch fuhr der Beda das Blut ins Gesicht. „Allweil musst zustößen, du!“ Sie wollte gehen. Da fiel ihr auf, wie bleich der Toni geworden war. Nur um etwas zu reden, fragte sie: „Gehst net in d’ Kirchen, du?“

„Unser Herrgot is nie daheim. Der Mutter hilft a Fisch weiter als a Vaterunser.“

Sie sah ihn erschrocken an, wollte was sagen, blieb aber stumm, weil ein merkwürdiges Stimmengeräusch von der Straße herklang und immer näher kam. Ein langer Zug der italienischen Arbeiter bog in den Fußpfad ein. Alte und junge Männer; sonnverbrannte Gesichter unter dunklen Schöpfen und unter grauem Haar. Viele trugen den Hut in der Hand und schienen zu beten, als wäre für sie auch der Weg zur Kirche eine heilige Sache; andere schwatzten laut, guckten nach allen Seiten und lachten; von den älteren Männern waren die meisten in ihren Arbeitskleidern, weil sie anderes Gewand nicht besaßen, oder weil sie sparen wollten für den Winter in der Heimat; die jungen waren gut gekleidet, manche auf stutzerhafte Art, mit karierten Hosen, zimtbraunen Jacken, feuerroten Schlipsen und mit breitkrempigen Filzhüten, die alle das Band in den italienischen Farben hatten. Diese Jungen erspähten die Wildacher-Beda flink. Das gab ein Getuschel und Hälsestrecken, dass die Beda, obwohl sie die im Dorf grassierende Angst vor den italienischen Fledermäusen nicht teilte, doch eine unangenehme Minute befürchten musste. „Besser, ich mach, dass ich weiterkomm!“ Als sie schon aus dem Gras herausgetreten war, sagte sie: „Solltest doch net ganz vergessen, dass heut Sonntag is! Wann eins zum Herrgott kein Vertrauen hat, wird er auch net gleich mit der Butten voll Wohltat aussispringen aus die Wolken. Und deiner Mutter lass ich alles Gute wünschen, gelt!“ Nun machte sie hurtige Schritte und sah sich nimmer um. Da konnte sie auch den düsteren Blick nicht gewahren, mit dem ihr der Sagenbachertoni nachsah.

Den gleichen Weg wie die Beda marschierte das fremde Volk. Von den Wiesen in den Buchenwald. Dann kam der Zug zu der langen, weißen Parkmauer des Fürstenschlößchens. Ein junger Mensch, hemdärmelig und mit grüner Gärtnerschürze, öffnete eben das schmiedeeiserne Parktor. Über den besandeten Gartenweg, der von den Kronen der jung begrünten Bäume halb überwölkt war, kam eine geschlossene, mit zwei schwermähnigen Rappen bespannte Kutsche in scharfem Trab einher gefahren. Weil der Zug der Italiener halb die Straße sperrte, musste der Wagen langsam werden. Der vornehm adjustierte Kutscher, dessen glatt rasiertes Fettgesicht halb an einen unfähigen Diplomaten und halb an einen ernst tuenden Komiker denken ließ, blickte von seiner Bockhöhe verdrossen auf die fremden Leute hinunter. Als die Straße frei wurde, ließ er unter leisem Zungenschlag die Zügel locker. In der Morgensonne blitzte der lackierte Wagen um die Eck, und aus den grünen Buchenstauden streckte der Waldrauscher den weißen Kopf heraus. Hinter dem offenen Fenster der Kutsche konnte der spähende Greis etwas Weißes und Duftiges gewahren. Dann funkelte der Wagen gegen die Große Not hinaus.

Der Waldrauscher stülpte die braune Lederkappe übers weiße Haar. Er kam durch den Buchenwald, kam zum Altwasser der Wildach und sah den Toni auf dem Baumstock sitzen, mit dem Gesicht in den Händen. „So? Bist wieder amal daheim?“

Toni ließ die Hände fallen. „Grüß dich, Waldrauscher! Noch allweil bist da?“

„Noch allweil, ja!“

„Wohin denn heut?“

„Der Mensch hat seine kleinen Weg.“ Lächelnd wollte der Alte davongehen.

Da streckte der Toni die Hand nach ihm. „Tut’s dir denn gar so pressieren?“

„Mir hat’s noch nie pressiert. Dös is die größte Narretei von die Leut, dass s’ allweil alles so gschwind haben möchten. Dös machen d’ Uhren. Dö laufen. Und ’s ander alles lasst sich Zeit.“ Der Waldrauscher sah den Toni forschend an und legte sich ins Gras, das in der Sonne zu trocknen begann. „Tust fischen, Tonele?“

„Ja.“

„Aber beißen tut keiner?“

„Na.“ Toni betrachtete den auf dem Wasser schwimmenden Angelkork, schien aber an andere Dinge zu denken, nicht an den Fisch, den er fangen wollte. Die drei Kirchenglocken fingen wieder zu läuten an. Der mächtige Glockenhall brachte die stillen Morgenlüfte in Bewegung. Sonnbeglänzte Nebelstreifen, die wie schwimmende Gürtel um die Gehänge der Berge geschlungen waren, schwebten höher und höher, als wäre auch in diesen leblosen Gebilden ein frommer Sonntagsgedanke, der sie dem reinen Licht entgegen trieb. Schweigend sah der Waldrauscher diesem Schimmerspiel in den Lüften zu. Plötzlich erschien ein Ausdruck von Erregung in dem verwitterten, sonst so ruhigen Greisenantlitz. Halb sich aufrichtend, deutete er nach einem sonnseitigen, mit alten Fichten bestandenen Waldgehäng, dessen dunkelgrünes Wipfelgezack von einem feinen, rötlichen Hauch überflogen war. „Tonele! Den Wald schau an! Auf der Sonnleiten!“

„Was soll denn sein mit’m Wald?“

„Bist blind, du?“

Toni sah schärfer hin und gewahrte nun auch den rötlichen Duft an den Wipfeln. „Bluhzeit wird halt einstehn im Wald.“

„Bluhzeit im Wald is alle drei Jahr.“ Die Stimme des Alten zitterte. „So, wie’s heuer anfangt, hab ich’s bloß an einzigs Mal erlebt. Vor die sechzig Jahr. A zweits Mal möcht ich’s nimmer leiden müssen. Net um die heiligste Freud! Tonele, nimm dein Leben in harte Fäust, der Wald wird rauschig.“ Etwas Dunkles und Unheimliches war im Klang dieser Worte.

Der Sagenbacher fand nur ein müdes Lächeln. „Geh, was du für ausgfallene Sprüchln hast! A Wald, der rauschig is? Meinst ebba, dass sich der Wald an Schnaps kauft?“

„Der is bloß für die zweibeinigen Säu. Aber an Wein trinkt er, der Wald. An blutfarbigen! Den allersüßesten! Und buttenweis schluckt er ihn eini ins grüne Leben. Bis er brennt in seiner tiefsten Seel! Und bis er aus seiner heiligen Freud und aus seiner rauschigen Glut so viel an Kraft und Leben aussischreien muss, dass er’s nimmer einbringt in eim Menschenalter und dass er fufzg Jahr drum leiden muss.“

Verwundert sah Toni den Alten an. „Waldrauscher? Bist du rauschig? Oder träumst mit offene Augen?“

Der Alte schüttelte den weißen Kopf. „Fufzg Jahr kann’s her sein, dass ich kein Tröpfi Wein nimmer gschluckt hab. ’s Brunnwasser macht kein’ rauschig. Aber gwesen bin ich’s amal. Der rauschige Wald is schuld dran gwesen. Tonele, schau zur Sonnleiten auffi! Da schluckt der Wald schon den süßen Wein. Zwei Wochen, und der Wald im ganzen Tal is rauschig. Tonele, lass dich net rauschig machen, wann ’s Rauschfuier umfliegt! Fürs ganze Leben tätst elend sein. Ich hab’s verspürt. Unser Herrgott soll jeden Menschen wahren, dass er rauschig wird wie der Wald.“

Toni schwieg eine Weile. „Redst auch von unserm Herrgott, du?“ Er hob die Angel. Der Wurm saß unversehrt am Haken. Seufzend ließ Toni die Angel zurücksinken in den Bach und stieß die Gerte wieder in den Boden. „Waldrauscher? Ich tät dich gern ebbes fragen?“

Der Greis hielt die Arme um seine Knie geschlungen und spähte zu dem rötlich überhauchten Wald hinauf.

„Viel tust wissen, Waldrauscher! Und so gscheit bist, dass man dich oft für narret halten möcht. Aber sag mir bloß an einzigs, und sag mir’s so, dass ich’s glauben kann!“

„Was, Büeble?“

„Gibt’s an Herrgott?“

Immer mit dem Blick in der Ferne, fing der Waldrauscher leise zu singen an:

„Schaug auffi in d’ Sunn
Und schaug abi in Bach,
Und der Himi und ’s Wasser
Und alls hat a Sprach!

Und a Berg und a Mucken
Und alls sagt: Herr, ja,
Wann koaner mi gmacht hätt,
So waar i net da!“

Der Toni nickte. „Freilich, ja! Aber glaubst, dass unser Herrgott gut sein mag? Und dass er lachen kann?“

Der Alte brach eine Steinnelke, in deren Kelch ein Wassertropfen funkelte, hielt die Blume vor den Toni hin und sang:

„Und a Bleaml am Roa(n),
Und a farbschöner Stoa(n),
Und a Vögerl, dös singt,
Und a Soaten, dö klingt,
Und a Juhschroa im Bluat,
- - unser Herrgott war guat!

Und a jungs, a liabs Gsicht
Und a Sunn, dö net sticht,
Und a Baam in der Bluah,
Und a Glanz in der Fruah,
Und a Stern in der Nacht,
- - unser Herrgott hat glacht.“

Wieder nickte der Toni. „Aber wo kommt alles Schieche und Schlechte her?“

Da sang der Alte:

„I woaß d’r nix Schiachs,
Und i woaß d’r nix Schlechts,
Denn alls is a Richtigs
Und alls ebbes Rechts.

Und a Brünndl, dös fliaßt,
Und i woaß net, warum,
Bald trüab und bald hell,
Bald grad und bald krumm.

Und der oane mag’s hell,
Und der ander mag’s trüab,
Und der oane schreit: Hass,
Und der ander singt: Liab!“

Unwillig schüttelte Toni den Kopf. „Ich versteh nimmer, was d’ meinst.“

„Da bist gscheiter wie die andern. Die meinen allweil, sie müssten alls verstehn. Aufs Verstehn kommt’s gar net an. Wer alls versteht, is der ärgste Esel. Unser Herrgott versteht auch net alles.“

„Wann aber sagst, dass er gut is, müsst er doch an Kummer haben übers Elend auf der Welt. Und es müsst ihn d’ Schlechtigkeit von die Menschenleut verdrießen?“

„Na, Büeble! Da lacht er drüber.“

„Was predigen s’ nacher allweil vom Tuifi und von der Höll?“

„Weil die dalketen Leut ebbes haben müssen zum Fürchten.“

„Warum denn, Waldrauscher?“

Der Alte sah dem Toni in die dürstenden Augen. „Sagen kunnt ich dir alls. Aber glauben tätst es net.“

„Musst mir’s halt lernen!“

„Du lernst es net. Weil z’jung bist, Büeble! An die hundert Jahr musst alt sein. Und nimmer dürsten därf dich. Nacher brauchst kein’ Schulmeister und kein’ Pfarr nimmer. Alles weißt von selber. Und ’s Gute is dir wie ’s Schlechte, und ’s Schlechte wie ’s Gute.“

„Hundert Jahr!“ Der Toni tat einen schweren Seufzer. „Bis ich hundert Jahr bin, tut der Mutter kein Haarl nimmer weh.“ Mit beiden Fäusten umklammerte Toni den Arm des Alten. „Waldrauscher! Warum müssen d’ Leut sterben?“

Der Greis lächelte. „So weit bin ich noch net, dass ich’s weiß. Ich studier noch allweil drüber, warum d’ Leut leben müssen.“

Lang schwieg der Toni. Plötzlich warf er das Gesicht in den Schoß des Alten und schrie: „Mei’ Mutter muss sterben.“

Zärtlich streichelte der Greis dem Toni das Haar. „Net wahr is, Tonele! Mütter sterben schon allweil, wenn s’ Kinder kriegen. Und Sterben is auch bloß a Wörtl. Wie Tag und Nacht. Und alls bleibt allweil ’s gleiche. Der Tag geht der Nacht zu, und aus der Nacht wachst der Tag wieder aussi. Sei gut mit der Mutter, solang noch Zeit hast! Jeds gute Wörtl macht ’s Leben länger um a Jahr. Lieb spüren heißt leben, Lieb geben heißt selig machen. Dös weiß ich, derzeit ich sechzg Jahr alt worden bin. Z’spät kommt einer allweil drauf. In sechstausend Jahr – und sechs is grad soviel wie tausend – ja, Büeble, in sechsmalhunderttausend Jahr hat’s an Einzigen geben, der sich jung schon verstanden hat auf d’ Lieb. Den haben s’ ans Kreuz gschlagen! – Narrenleut, Narrenleut! – Tät unser Herrgott net lachen zu allem, so hätt er am Tag nach der Kreuzigung die ganze Welt in Grund und Boden einifuiern müssen. Derzeit is er schon wieder neunzehnhundert Jahr lang geduldig gwesen, hat allweil zugschaut, wie d’ Leut auf d’ Welt kommen und wie s’ d’ Augen zumachen, und allweil hat er glacht. Weißt, was ich mir denk von ihm?“

Toni hob das Gesicht. „Was, Waldrauscher?“

Da schmunzelte der Alte. „Dir sag ich’s net. Du tätst mir z’viel erschrecken! Aber sag, Büeble, hast schon amal an Berg gsehen, der allweil der nämliche blieben is? Fallen net allweil d’ Steiner abi? Wachst net allweil a neus Wandl aussi? Und schau dir den ältesten Wald an! Meinst, dass er fertig is?“ Lächelnd wiegte der Greis den weißen Kopf und sang:

„Neunhundert Bäum fallen
In jedweder Stund,
Und tausend Bäum wachsen
In jeder Sekund.

Und ’s irdische Leben
Und ’s himmlische Reich,
Und alls is an einzigs
Und alls bleibt si gleich.

Und alls weard an anders,
Und nia hat’s an Ruah,
Und alls draht si lusti
So alleweil zua!“

Toni nahm seinen Hut aus dem Gras. „Ich komm net drauf, was d’ meinst.“

„Weil bloß an d’ Mutter denkst! Amal, da hab ich a Katzl und a Hundl ghabt. Wie die zwei anander’s erstmal gsehen haben, sind s’ aufanand losgfahren wie Hund und Katz. Acht Tag später sind s’ die besten Freund gwesen. Weil s’ gmerkt haben, dass s’ alle zwei zu mir ghören. Grad so ghört alls zum Herrgott, alles, was Hund und Katz heißt auf der Welt, der Anfang und ’s End, ’s Licht und der Schatten, d’ Freud und der Wehdam, und ’s Sterben gradso wie ’s Leben.“

„Soso?“ Der Toni stand auf. „Bildst dir ein, du hast mir an Trost gsagt?“

Barmherzig sah der Waldrauscher zum Sagenbacher hinauf.

„Wie alt bist denn, Büeble?“

„Bald neunezwanzg Jahr.“

„Nach der Uhrzeit oder nach’m Muckenkalender? Was? Neunezwanzg Jahr! Und möcht noch an Dutzel haben! Mannsbild! Brauch deine Augen, so brauchst kein’ Trost!“

„Ich kenn mich nimmer aus. In dir net, in mir net, in gar nix! Aber recht hast, selber muss man sich helfen, sonst hilft eim keiner. An andersmal, Waldrauscher! Jetzt muss ich für d’ Mutter an Fisch fangen.“

Der Blick des Alten hatte warmen Glanz. „In gar nix, sagst? In der Lieb, mein’ ich, kennst dich doch a bissl aus?“ Er sprang vom Boden auf, geschmeidig wie ein junger Mensch. „Komm, lass dir helfen.“

„Ich fang mir schon selber mein’ Fisch.“

„Du kriegst kein’.“

„So? Meinst?“

„Weil keine Augen hast. Sonst tätst den Herrgott net suchen, wann er lacht in dir. Tätst net wurmfischen, wann d’ Ferchen nach die Mucken springen. Gib her!“ Der Waldrauscher nahm dem Toni die Gerte aus der Hand, schleuderte den Wurm vom Haken, haschte eine schillernde Mücke, spießte sie an die Angel und warf die Schnur. Mit Gezitter schleifte der Köder über das Wasser, ein silbernes Aufblitzen, und vor Tonis Füßen zappelte eine pfündige Forelle im Gras.

Der lange Sagenbacher streckte keine Hand, um den Fisch zu greifen. Er sah den Waldrauscher an und fragte mit zerdrücktem Laut: „Der Herrgott, sagst, tät lachen in mir?“

„Aus jedem Wörtl lacht er, dös gsagt hast über d’ Mutter, dö an ewigs Leben hat in dir.“

Langsam strich der Toni mit dem Arm über seine Stirn. Dann bückte er sich wortlos, um die zappelnde Forelle zu fassen. In den Lüften ein schöner Klang. Die große Kirchenglocke läutete zur Wandlung. Toni hörte das nicht. Er schlug die Forelle gegen einen Stein und brach eine dünne Weidenrute, um sie dein toten Fisch durch die Kiemen zu stecken, genauso, wie er es vor fünfzehn Jahren mit dem großen Huchen gemacht hatte. Nun drehte er mit scharfem Ruck das Gesicht, weil drüben beim Haus der Wildacherin der weiße Spitz bellte. Da drüben war auch etwas Merkwürdiges zu sehen. Auf der Straße vor dem Wildacherhaus stand eine geschlossene Kutsche, deren Lack in der Sonne wie ein Spiegel blitzte. „Hat denn der Brosi Bekanntschaft mit die Fürstenleut?“

War der Waldrauscher irrsinnig geworden? Er stieß ein schrilles Lachen vor sich hin. Und schrie: „Der Wald wird rauschig!“ Mit langen Sprüngen rannte er gegen die Straße hinüber.

Verwundert sah ihm der Toni nach. „Verstand und Narretei? Kann denn alles im gleichen Schachterl beinand sein? Wie Leben und Sterben in der gleichen Bettstatt?“

Die große Glocke schwieg. Da konnte Toni vom Wildacherhaus den Klang des ’unsinnigen Kastens’ hören, durch die Ferne so fein gedämpft, als wär’s eine Spieluhr. „Musi tut er machen! Ob mich wohl heut ebbes reuen müsst?“ Er schulterte die Angelgerte und trug in der Morgensonne seiner Mutter die Forelle heim. Dass er im herzoglichen Fischwasser gewildert hatte, das fiel dem Toni nicht ein. Wenn die kranke Mutter einen Fisch braucht, holt man einen und guckt nicht lange nach den Tafeln, die auf alten Pfählen stehen.

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