Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Waldrausch

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
               Titel
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14
            Buch 2
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
               Kapitel 13
               Kapitel 14

Kapitel 7

Niemand kam, um den heimgekehrten Haussohn zu begrüßen. Der Lahneggerhof war wie ausgestorben. Nur in der Wohnstube flackerte ein Talglicht auf dem Tisch. Kein Hund bellte, als Toni die Haustür öffnete. Der Krispin Sagenbacher war gegen Feuer und Einbruch gut versichert und hatte es nicht nötig, einen Hund als Wächter zu füttern.

Im finstern Flur blieb Toni eine Weile stehen. Der starke, große Mensch zitterte an allen Gliedern. Er musste lang hin und her tappen, um die Türklinke zu finden, auf die er seit seiner Kindheit tausendmal die Hand gelegt hatte. Beim ersten Schritt in die Stube hörte er aus der anstoßenden Kammer den Flüsterlaut der Mutter: „Tonele?“

Er warf das Bündel auf die Bank hinter dem großen Kachelofen. „Ja, Mutter, ich bin's!“

Da wurde das Flüstern in der Kammer zu einem hysterischen Schreien: „Tonele! Bub! Mein Bub!“ Immer wieder das gleiche Wort, bis Toni sich in der finstern Kammer über das Bett hinwarf. Zwei dürre Arme umklammerten seinen Nacken. Als die Lahneggerin wieder reden konnte, sagte sie: „Hock dich auf d' Bettstatt her! 's Kniegeln hast nie net gut vertragen.“ Toni hob sich von den Knien auf, und die alte Bettlade krachte, als er sich auf die Kante setzte. In seinem Schoß hielt er die mageren Hände der Mutter fest. Ganz still war's in der dunklen Kammer. Nur die tiefen Atemzüge der beiden. Und in der Stube draußen der flinke Pendelschlag einer Wanduhr.

Dann fragte der Toni: „Wie geht's dir denn, Mutter?“

„Viel besser, weil ich dich hab.“ Nun wurde die Stimme der Lahneggerin scheu: „Wie lang kannst bleiben?“

„Solang mich haben magst. Ich bleib für ganz.“

„Mar' und Joseph!“ Schreck und Freude zitterten in diesem Wort. „Wie wirst denn da mit'm Krispi füranand kommen?“

„Ganz gut, Mutter! Kost und Loschie zahl ich, und Arbeit such ich mir außer Haus. A bissl Verstand wird er wohl haben, der Krispi, wann er merkt, dass ich ihm net auf der Schüssel lieg.“

Die Lahneggerin zog die Hand ihres Buben an die Wange. „Dreihundert Markln hab ich unterm Strohsack. Die kannst haben.“

„Na, na, Mutter! Ich hab, was ich brauch.“

Die alte Frau gab keine Ruhe; der Toni musste unter die Kissen greifen und so tun, als hätte er den mit Geldstücken angepfropften Strumpf unter dem Strohsack hervorgezogen und in seine Joppentasche gesteckt. Dann begann gleich wieder eine neue Sorge in der Lahneggerin zu wühlen. „Tonele? Wann für ganz bei mir bleibst? Was tut denn nacher d' Wittib draust im Unterland?“

Er lachte leise. „Die muss halt an andern Meier suchen.“

„Wird nacher da nix mehr draus?“

„Was?“

„No, was d' mir gschrieben hast? Von der Wittib?“

„Na, Mutter, da wird nix draus.“

„Jesus, Maria! Mag s' ebba nimmer?“

„Mögen tät s' noch allweil. Aber ich mag net.“

„Tonele! A schuldenfreier Hof! Und so a Sach!“

„Sach? Was hat denn einer vom Sach? Jeder Garten muss a Blüml haben, jeder Mensch a bissl Freud. Sonst is die ganze Gschicht kein' Hundspfiff wert. Bloß für'n Fraß leben, wie der Ochs im Stall? Da wär mir d' Müh drum z'viel!“

Die Hände des Sohnes umklammernd, lag die Lahneggerin stumm in den Kissen, bis sie wie eine reuige Sünderin stammelte: „A Mutter is ebbes Schlechts. So viel freuen tut's mich, dass ich dich hab. Und kommst wegen meiner um an schuldenfreien Hof! Unser Herrgott soll mir's verzeihen!“

„Der lacht dazu – wann's wahr is, dass er lachen kann.“

Erschrocken fragte das kranke Weib: „Warum soll denn unser Herrgott net lachen können?“

„Weil ich mir net fürstellen kann, dass er weinen muss. Weiß einer net, was weh tut, so bringt er auch kein' richtigen Lacher zamm. Ich mag schon gar nimmer drüber nachdenken. Es kommt mir so für, als müsst unser Herrgott an unlustigs Mannsbild sein, hart und gleichmütig wie der letzte Stein auf'm höchsten Berg, der ohne Augen abischaut auf die kleine Narretei im Tal und dem alles recht is, schwarz oder weiß, gut oder schlecht.“

Die Lahneggerin bekreuzte sich in der Finsternis und nahm die Sünde des Sohnes mit einem heimlichen Stoßgebet auf das eigene Herz. Erschrocken griff sie nach seinem Arm, als er aufstehen wollte.

„Bloß 's Kerzenlicht hol ich eini, dass ich dich a bissl anschauen kann.“

„Na, Tonele, lieber net! 's Gsicht von der Mutter kann man sich leichter ausdenken als wie 's heilige Antlitz von unserm Herrgott. Geh, bleib da! Dös Stündl, wo der Krispi net daheim is, möcht ich ganz haben.“

„Wo is denn der Bruder?“

„Auf der Post wird er halt wieder hocken. Allweil handelt er mit die Ausschusser und schimpft auf d' Wasserbauerei.“

„Sooo? Mankelt er ebbes gegen den Brosi?“

„Der Brosle! Weißt es schon? Was sagst! Der Herr Lutz! Gar nie net is er einikommen zu mir.“

„Er hat viel Arbeit. Da därfst ihm nix nachtragen! Aber weit hat er's bracht. Mein Brosle, mein kleiner!“ Ein leises, zärtliches Lachen. „Da muss man Respekt haben.“

„Geh, lass den andern! Tu mir lieber von dir verzählen! A bissl gschwind musst mir alles sagen! Um elfe kommt der Krispi heim. Da is mir's lieber, du liegst schon im Bett. Schlafen tust in deinem alten Stüberl droben. Da hat alles so bleiben müssen, wie's gwesen is. Brauchst dich bloß einilegen! So! Und jetzt verzähl!“

Der Toni fing ruhig zu reden an und erzählte vom Unterland, bis draußen in der Stube die Wanduhr die elfte Stunde schlug. Da sagte die Lahneggerin erschrocken: „Jetzt schau, dass d' aufkommst in dein Kammerl! Sonst hab ich kei' Ruh nimmer.“

„Na also, dass dei' Ruh hast!“ Toni stand auf. Er wollte der kranken Frau die Wange streicheln und fühlte unter seiner Hand dieses kleine, mager zusammen geschwundene Gesicht. Ein Schreck durchfuhr ihm das Herz.

„Gut Nacht, Tonele!“ Sie schob ihn vom Bett. „Und 's Licht nimm mit! Dass dich net anstößen tust auf der Stiegen!“

„Ja, Mutter! Gut Nacht!“

Die kranke Frau lauschte auf seinen Schritt. Als es in der Stube draußen finster geworden war, kam ihr ein Gedanke, der sie ganz aus dem Häuschen brachte. Seit drei Tagen hatte sie an jedem Abend heimlich einen Teller mit Rauchfleisch, Brot und Käse draußen im Küchenkasten für den Toni zurechtstellen lassen. Und jetzt hatte sie vergessen, ihm das zu sagen. „Jesus! Jesus!“ Wie eine Verzweifelte war sie. „Jetzt muss er sich hungrig schlafen legen!“ Sie sprang aus dem Bett. Weil sie seit Wochen nicht mehr auf den Füßen gestanden, schwand ihr bei der jähen Bewegung das bisschen Blut aus dem Gehirn. Das welke, eingeschrumpfte Körperchen machte keinen merklichen Lärm, als es neben der Bettlade auf die Dielen hinglitt.

Der Toni konnte nichts hören. Er stand im Flur und leuchtete mit erhobener Kerze nach einem von Zeit und Rauch gebräunten Brett, das unter der Stiege an der Wand hing. Auf diesem Brett war mit glühendem Eisen die plump gezeichnete Gestalt eines mächtigen Fisches eingebrannt. Einem Huchen sah das Bild nicht ähnlich; es erinnerte an den grobköpfigen Wasserdrachen, den man im Biblischen Geschichtenbuch der Dorfschule bei der Legende vom Jonas abgebildet findet. Auch eine Inschrift war auf das Brett gebrannt: „67 Zenti lang, 16 Pfund alt Gewicht.“ Noch immer das Brett betrachtend, schob Toni die schweren Schuhe von den Füßen. Dann ging er in den Strümpfen über die Treppe hinauf und betrat sein Stübchen. In dem übel zugerichteten Bett lag ein junger Mensch und schnarchte. Der wollte sich aus seinem bleiernen Schlaf kaum aufrütteln lassen und lallte: „Was is denn? Wer bist du denn?“

„Dem Bauern sein Bruder bin ich. Und du?“

„Ich bin der Jungknecht.“

„Seit wann liegst denn du in der Kammer da?“

„Seit allweil schon.“

„So?“, sagte Toni. Er verließ die Stube, ging die Treppe hinunter, vorsichtig, um keinen Lärm zu machen, löschte das Licht und trat in die Nacht hinaus. An die Mauer gelehnt, zog er die Schuhe wieder an. „Muss ich mich halt auffilegen auf'n Heuboden!“ In der Dunkelheit hörte er einen auf der Straße draußen mit rauschiger Stimme schreien: „Aussi muss er zum Tal! Und aussi muss er! Mitsamt seim wällischen Gsindel. Und ehnder gib ich kei' Ruh net.“

„No ja, is scho recht!“, klang eine zweite Stimme. „Aber für heut möcht ich schlafen. Morgen reden wir weiter. Gut Nacht!“

Nun war es still auf der Straße. Nach einer Weile kam der Krispin Sagenbacher auf sein Heimwesen zugegangen. Als er sah, dass ihm einer den Weg versperrte, schrie er: „Bluatsakra! Gehst auf d' Seiten, du!“

„D' Straßen is breit!“, sagte Toni ruhig. „Bald vorbei willst an mir, hast Platz grad gnug.“

Der andere machte einen komischen Torkler. Dann stand er kerzengerade und schwieg. Während dieses Schweigens schien er nüchtern zu werden. „Ah, da legst dich nieder! Der Herr Bruder!“

„Ja, jetzt bin ich wieder daheim.“

Der Lahnegger fing zu lachen an, als wäre diese Begegnung in der Nacht eine lustige Sache.

Auch der Toni lachte mit. „Wann's beim Lachen bleibt, können wir gut mitanand auskommen. Ich gib dir d' Hand drauf. Der Mutter z'lieb. Magst Fried halten, Krispi?“

Der andere nahm die Hand nicht. „Was willst denn daheim? Der Bauer bin ich!“

„Da brauchst kei' Sorg haben. Es wird sich schon ebbes finden für mich.“

„So?“ Der Krispin lachte wieder. „Willst ebba deim schmalzhaareten Schulkameraden bei der Wildach helfen?“

„Da hast mir an guten Einfall geben.“

„Ja, ja! Der Herr Inschenier hat noch lang net Gsindel gnug beinand.“

„Du!“ Das Wort klang wie ein Hammerschlag. Dann sagte der Toni ruhig: „Da drin liegt d' Mutter und schlaft. Du überleg dir an andersmal, was d' redst. Und jetzt sag mir, wo mein Platz is im Haus?“

Der Lahnegger schlug mit den Fäusten ins Leere, als wäre sein Rausch wieder lebendig geworden. „Bluatsakra! Bluatsa! Ich hab' kein Platz im Haus. In deiner Stuben liegt der Knecht.“

„Der wird aussi müssen.“

„Und bleiben tut er, sag ich! Bluatsa, Bluatsakra! Jetzt soll's amal biegen oder brechen. Der Hof ghört mein. Was als der Jünger aussikriegst, dö vierazwanzghundert Mark, dö kann ich dir bar auszahlen.“

„'s Geld kannst im Kasten liegen lassen. Aber mein Heimrecht will ich haben, solang d' Mutter lebt. Schaden sollst kein' haben. D' Verköstigung zahl ich.“

Da war der Lahnegger wieder nüchtern. „Wie viel zahlst?“

„A Markstückl für'n Tag.“

„Du hast allweil an Hunger ghabt wie a Steinbrecher. A Markl und dreißig Pfennig! Billiger mag ich net!“

„Meinetwegen!“ Der Toni trat einen Schritt zurück und betrachtete den Bruder, der in der Dunkelheit wie ein schwarzer Pfahl auf der Straße stand. „Gspaßig, dass man uns zwei verwechseln hat können!“

„Verwechseln? Was verwechseln?“

„Für dich hat mich heut schon wer angschaut. Vor'm Wildacherhäusl bin ich am Abend auf der Straßen gstanden. Und da hat mir wer den Platz verboten. Mir scheint, Krispi, da bist net gut angschrieben?“

Wortlos, mit einem Torkler, tappte der Krispin Sagenbacher auf das Zauntürchen zu und trat in seinen Hof. Erst bei der Haustür wurde ihm die gelähmte Zunge wieder locker. „Ah, narret! A, narret!“ Lachend verschwand er im Haus.

Der Toni stand noch immer auf der Straße. „Ich hätt's net sagen sollen! Wann der Brosle wieder Musi macht, fallt mir wieder a dummer Streich ein, der mich reuen muss.“ Er trat in das Gehöft. Vor der Schwelle zog er die Schuhe herunter. Im Flur brannte er die Kerze an und überlegte, was er sagen sollte, wenn die Mutter noch wach wäre und fragen würde, warum er nicht in seiner Kammer schliefe; sie sollte sich nicht kränken müssen, weil etwas im Haus geschah, wovon sie nichts wusste und was ihr nicht recht war. Lautlos trat er in die Stube und fragte leise: „Mutter? Bist noch auf?“ Keine Antwort kam. „Gott sei Lob und Dank!“ Als er den Leinenkittel heruntergezogen hatte, um ihn mit dem Bündel als Kopfkissen auf die Ofenbank zu legen, hörte er aus der Kammer ein mattes Stöhnen. Erschrocken packte er das Licht, sprang in die Kammer und sah die Mutter mit blutigem Gesicht neben der Bettstatt auf dem Boden liegen. Er rannte zur Stubentür und schrie wie ein Irrsinniger in den schwarzen Flur hinaus: „Kathrin! Krispi! Kathrin! Krispi!“ Dann sprang er in die Kammer, schlang die Arme um die in halber Ohnmacht duselnde Frau und hob sie auf das Bett. Jetzt, bei dem Kerzenschein, der in der Fensternische flackerte, konnte er das Gesicht der Mutter sehen. Das Blut erschreckte ihn nicht. Es kam nur von einer Schürfwunde an der Wange. Dennoch rann ihm ein schmerzendes Grauen ins Leben. Dieses zerfallene, gelbe Gesicht mit den hohl liegenden, bläulich geschlossenen Augen, umwirrt von den dünnen Strähnen des ergrauten Haars? Das war doch nicht das Gesicht seiner Mutter? Hielt er denn ein fremdes, altes Weib in den Armen? Da schlug die Lahneggerin die Augen auf, und Toni trank diesen warmen Glanz der Liebe in sein erschrockenes Herz. „Mutter!“ Die alte Frau lächelte, wollte was sagen, schloss die Augen wieder, fiel an die Brust des Sohnes hin und lag in neuer Ohnmacht.

Draußen im Flur ein Gezeter von Stimmen. Krispin und Kathrin kamen in die Kammer gelaufen, halb angekleidet, erschrocken. Die Magd fing ein ratloses Jammern an. Und der Lahnegger stotterte: „Jetzt hab ich schon gmeint, es brennt.“

Toni sagte zur Magd: „D' Mutter muss aufgstanden und gfallen sein. Wasser bring eini! Und a linds Tüchl! Dass ich der Mutter 's Gsicht waschen kann.“ Als die Magd schon davonrannte, rief er: „Und spring zum Dokter auffi, dass er kommt!“

„Dokter? Was?“, fuhr Krispin auf. „Der schreibt fünf Markln auf in der Nacht, wann er aussizarrt wird aus'm Bett.“

Toni drehte das bleiche Gesicht über die Schulter. „Du brauchst den Dokter net zahlen!“

„Wann du 's Geld hast zum Aussischmeißen, meintwegen! Gut musst dich gstellt haben bei deiner Wittib draußt!“

Die Kathrin brachte, was der Toni verlangt hatte, und lief zum Doktor. Gähnend stand der Lahnegger am Fußende der Bettlade und guckte zu, wie der Toni das Blut vom Gesicht der Mutter wusch. Manchmal gab der Alkohol dem Krispin einen Puff, dass er jäh einen Knicks nach vorne machte. Dann riss er die Augen auf, stand wieder fest auf den Füßen und guckte ruhig zu. Der Zustand der Mutter regte ihn nicht auf. „Ah mein, dös bissl tut ihr nix! D' Mutter is zaach. Da hätt's kein' Dokter net braucht.“

Die Lahneggerin, die sich unter der Wirkung des kalten Wassers ermunterte, hörte den Krispin reden und klammerte in Angst den Arm um den Hals des Toni.

„Na, na, Mutter!“, sagte Toni ruhig. „Ich hab schon gredt mit ihm. Ganz gut hat er sich gestellt zu mir. Gelt, Krispi? Der Mutter z'lieb halten wir Fried mitanand?“

Krispin lachte, wie gute, friedliche Menschen lachen, wenn sie ein freundliches Wort zu hören bekommen. Und die Lahneggerin atmete wohlig auf.

„Aber komm, Mutter, liegst ja halb auf der Bettkanten, lass dich a bissl besser einirucken aufs Linde.“ Als Toni die Kranke heben und legen wollte, fühlte er, wie hart ihr Lager war. „Krispi, da musst a bissl aufbetten!“ Er schlug eine Wolldecke um den mageren Leib der kranken Frau. „Komm, Mutter, lass dich aussilupfen!“

Die Lahneggerin sträubte sich ein bisschen. „Jesus, Büeble, soviel Schererei muss ich dir verursachen!“ Sie klammerte sich an seinen Hals und flüsterte mit zärtlichem Lachen: „So viel stark bist, Tonele!“

Auch der Toni lachte ein bisschen. „Tust dich ja lupfen wie a Federl.“

„Gelt, an mir is schier gar nix mehr dran!“

Während Toni im Fensterwinkel saß und die kranke Frau auf seinem Schoße hielt, begann sich Krispi unter Brummen, Fluchen und Torkeln mit dieser 'Weiberleutsarbeit' zu befassen. Sein Ärger verwandelte sich plötzlich in schmunzelnde Zufriedenheit. Als er die Seegrasmatratze umdrehte, um sie aufzuschütteln, griff er unter dem Stroh etwas Hartes: Den mit Silber gemästeten Strumpf. Der Krispin kannte sich gleich aus. Flink warf er einen Blick nach dem Fensterwinkel, tat einen schnellen Zuck mit der Hand, und der heimliche Schatz, den die Lahneggerin dem Toni zugedacht hatte, war im tiefen Hosensack des Krispin verschwunden. Dabei dachte der Krispin an keinen Paragraphen des Gesetzbuches; er hielt sich nur wieder einmal für klüger, als andere sind. Und nun richtete er, manchmal gestört durch einen Torkler, das Lager der Mutter so lind, dass es auch die Kathrin nicht besser hätte machen können. Dabei fing er ein so gemütliches Schwatzen an, dass die Lahneggerin, aus ihrer Sorge um den Streit der Brüder aufatmend, zufrieden hinhorchte. Hätte sie nicht den gefüllten Strumpf in der Tasche des Toni vermutet, so wäre wohl gleich ein Verdacht in ihr lebendig geworden. Toni dachte schon lang nicht mehr an den Schatz, der unter dem Strohsack auf ihn gewartet hatte. Und weil er den Bruder in so guter Laune sah, erwachte die Hoffnung in ihm – „Vielleicht hat der Krispi ein Einsehen, vielleicht kommen bessere Zeiten zwischen dem Bruder und mir?“ Über dieses Helle fiel ihm wieder ein schwerer Schatten. Er dachte an die 'Verwechslung', die er vor dem Haus der Wildacherin erlebt hatte. Immer sah er den Bruder an. Den Krispin und den Toni miteinander im Zwielicht zu verwechseln, das war wohl möglich. Beide hatten die gleiche, hoch aufgeschossene Gestalt, der Toni fest gebaut und schlank, der Krispin grobknochig und hager. Auch die Köpfe und Gesichter waren ähnlich - die kleine Dulle, die der Toni vor fünfzehn Jahren dem Krispin ins Nasenbein geschlagen hatte, machte im Schnitt der Züge keinen großen Unterschied. Aber der Toni hatte die braunen Augen der Mutter, die freundlich glänzen konnten, während der Krispin mit den eisengrauen Augen des Vaters kalt, misstrauisch und berechnend dreinguckte; diese Augen konnten manchmal auch, wie eben jetzt, zufrieden und lustig umherblinkern. Solches Schmunzeln verjüngte den Krispin. Obwohl er dem Toni um sieben Jahre voraus war, schienen die beiden doch fast im gleichen Alter zu stehen.

Der Unfriede im Lahneggerhof, die Sorge um die kranke Mutter, die Trennung von ihr und noch etwas anderes, das verschlossen in seinem Herzen wühlte - diese Dinge hatten in Tonis Gesicht den strengen Zug gegraben, der ihn älter erscheinen ließ, als er war. Der Krispin aber hatte sich gut konserviert, weil ihm nichts an die Leber ging. Der Stolz auf seine Klugheit, die immer alles zu seinem Vorteil ausschlagen ließ; das ungestörte Hausen im Lahneggerhof, aus dem er den jüngeren Bruder hinausgeärgert hatte; das stete Wachstum seines Besitzes; die Kunst, an anderen zu sparen und sich selber alles zu vergönnen, und die schlaue Ungeniertheit, mit der er jedes Verlangen seines Blutes zu stillen wusste, ohne sich dabei eine lästige Verpflichtung aufzuhalsen - das waren die schönen Lebenskräfte, die den Krispin Sagenbacher so frisch erhalten hatten, dass er fünf Jährchen seines Erdenwallens hätte verleugnen können. Auch mit dieser letzten Stunde seines Lebens war der Krispin recht zufrieden. Jetzt hatte die Lahneggerin ihren Pfleger, und der Krispin brauchte sich um die Kranke nicht mehr zu kümmern. Wieder ein Vorteil. Und das dunkle Wort von der 'Verwechslung', das ihm auf der finsteren Straße einen bösen Stoß versetzt hatte, war für Krispin bereits eine ungefährliche Sache geworden. Die Wildacher Beda blieb schließlich mit ihrem Trotz doch auch nur eins von den Weibsbildern, die alle über den gleichen Leisten genäht sind und auf deren Behandlung sich der Sagenbacher gut verstand. Der Krispin mit Haus und Hof, mit seiner Schlauheit und mit dem schweren Strumpf in seinem Hosensack hoffte auch hier der Stärkere zu bleiben. „So!“, sagte er und zwinkerte spöttisch zum Bruder hinüber. „Die Kaiserin kann auch kein linderes Bett net haben. Jetzt wird d' Mutter wohl z'frieden sein. Und der Dokter, scheint mir, tappt auch grad eini in Hof. Gut Nacht mitanand, ös Liebsleut, ös zwei!“ Lachend schob er sich zur Tür hinaus. Als er die Treppe hinaufstieg, kam der Doktor mit der Kathrin. „Sie, gelten S', ich hab Ihnen net rufen lassen. Die fünf Markln müssen S' meim Bruder aufschreiben.“

Der Doktor gab dem Krispin keine Antwort, sondern sagte zu Kathrin: „Bis in zehn Minuten muss die Suppe fertig sein! Ein Drittel vom Fleischextrakt, zwei Drittel Wasser. Und Salz, was zwischen drei Finger geht. Aber reines Wasser! Vom Brunnen! Nicht aus der Herdwanne! Und die Pfoten kannst du dir waschen, bevor du ins Salzfass hineintappst! Wo liegt die Bäuerin?“ Er trat in die Stube, die von der schwachen, aus der Kammer fallenden Helle nur dämmerig erleuchtet war. Seit dreizehn Jahren war der Doktor im Dorf. Diese Stube betrat er zum ersten Mal. „Natürlich! Wieder eine Luft wie bei der Pest von Wien!“ Er legte Hut und Stock auf den Tisch und riss zwei Fenster auf. Dann ging er in die Kammer.

„Grüß Gott, Herr Dokter!“, sagte Toni, der die Hand der Mutter in der seinen hielt. Mit einem Sorgenblick musterte er den Arzt; dieser struppige Bullenbeißerkopf mit den missmutig dreinschauenden Augen flößte ihm kein Vertrauen ein; seufzend dachte der Toni an Brosis Vater, der so gütig hatte schauen können.

Der Doktor schien plötzlich eine andere, freundlichere Stimme zu bekommen. „Also, Weiberl, wo fehlt's denn?“

Die Lahneggerin fing in Schwäche zu wispern an: „Gut geht's mir. Gar nix fehlt mir. Tun S' nur net gleich schneiden! 's Messer tät ich nimmer vertragen.“

„Natürlich wird geschnitten! Ein langes Küchenmesser her! Dann muss zuerst der dumme Kopf herunter.“ Der Doktor fühlte den Puls der Kranken, schickte den Toni mit einem Wink aus der Kammer und brummte: „Die Tür zumachen!“

In der finsteren Stube saß Toni auf der Ofenbank. Jede Minute war ihm wie eine Stunde. Sein Herz hämmerte, und die Sorge schnürte ihm die Kehle zusammen. Undeutlich hörte er das Betteln der Mutter, die sich in Scham gegen die Untersuchung sträubte. Ein grobes Wort des Doktors. Dann war es still in der Kammer.

Mit einem dampfenden Schüsselchen kam die Kathrin, stellte den Küchenleuchter auf die Ofenbank und trug die Suppe in die Kammer. Als sie wieder herauskam, flüsterte sie dem Toni zu: „Der is gar net so schiech, als er ausschaut. Wie a Kindsmadl gießt er's der Mutter eini. Und jeds Löfferl blast er!“ Auf den Fußspitzen ging die Magd davon, nahm den Leuchter mit, und Toni saß wieder im Dunkel.

„Soooo, Frauerl! Das hat geschmeckt, gelt?“, klang es aus der Kammer. „Medizin braucht Ihr keine, geschnitten wird auch nicht, und wenn's gutgeht, springt Ihr bald wieder im Haus herum wie ein junges Mädel. Gute Nacht, Frauerl! Und fest geschlafen jetzt!“

„Vergeltsgott, Herr Doktor!“, wisperte die matte Stimme der Lahneggerin. „Und was is denn d' Schuldigkeit?“

„Der Besuch kostet nichts. Aber wenn sich der Bauer einmal an Knödeln überfrisst und speien muss, schreib' ich zehn Mark auf, wenn man mich holt in der Nacht.“ Mit dem Kerzenlicht, das auf ein kleines Stümpchen heruntergebrannt war, kam der Doktor in die Stube. Er schob das Licht auf den Tisch, griff nach Hut und Stock, sah den Toni, den er für einen Mitschuldigen am Leiden dieses kranken Weibes hielt, mit unfreundlichen Augen an und brummte: „Ihr Bauernrammeln, ihr unverständigen! Euch sollte der Teufel den Verstand kreuzweis nähen. Das wäre die richtige Chirurgie für euch.“

Der Toni war nicht beleidigt. Doch ein Schreck fuhr ihm ins Herz. Er fühlte, dass es mit der Mutter nicht so gut stand, als es der Doktor vor der Lahneggerin dargestellt hatte. „Mar' und Joseph! Was is denn?“

„Nichts von Bedeutung.“ Der Doktor sprach so laut, dass er in der Kammer gehört werden konnte. „Der Bäuerin fehlt nicht viel. Die wird sich schon wieder herausmachen. Nur halb verhungert ist sie.“

„Jesus! Der Bruder wird doch der Mutter an der Kost nix fürenthalten haben? So ebbes tut doch der Bruder net.“

„Das will ich nicht behaupten. Die Frau mit ihrem misshandelten Magen hat eben die Kost, die bei euch auf den Tisch kommt, nicht vertragen. Weil sie das grobe Zeug nicht hinunterbrachte, hat sie hungern müssen. Die Frau muss leichte Kost bekommen. Ich will euch einen Küchenzettel für vierzehn Tage aufschreiben. Den könnt ihr morgen bei mir holen lassen.“

„Gleich in der Fruh komm ich auffi!“, stammelte Toni, der wieder Hoffnung schöpfte.

„Wird die Frau richtig genährt, dann wird's bald wieder aufwärts gehen.“ Der Doktor ging zur Tür und winkte mit den Augen. Jetzt erschrak der Toni nicht. So fest und gläubig war die Hoffnung in seinem Herzen schon wieder geworden. Er ging dem Doktor nach. Durch die offene Stubentür fiel matter Lichtschimmer auf das Brett mit den schwarzen Linien des großen Fisches. Beim Anblick dieser Brandmalerei, die vor wenigen Stunden einen schwülen Sturm im Herzen des Toni aufgewühlt hatte, fiel ihm jetzt nichts anderes ein, als dass die Mutter schon vor fünfzehn Jahren die grobe Kost des Bauernhauses nicht gut vertragen hatte. „In aller Fruh fang ich für d' Mutter an Fisch.“

Nun standen die beiden in der stillen, kühlen Frühlingsnacht, unter den funkelnden Sternen. Wie etwas Geheimnisvolles klang aus der Nachtferne das Rauschen der klein gewordenen Wildach.

Der Doktor fragte: „Seid Ihr der Sohn im Haus?“

„Der jüngere, ja. Den Hof hat der Bruder. Drei Jahr lang bin ich fort gwesen. Bin erst heut Abend wieder heimkommen.“

„So? Dann bist du wohl der Toni? Bub, es wird nötig sein, dass du daheim bleibst. Und du, so scheint mir, hängst an deiner Mutter? Da wird dir weh tun, was ich dir sage. Aber einer im Haus muss die Wahrheit wissen, der kranken Frau zuliebe, damit sie richtig gepflegt wird. Und damit es nicht heißt: Der Doktor ist ein Ochse, der versprochen hat, was er nicht halten konnte.“

Wortlos stand der Toni in der Nacht. Nach aller auflebenden Hoffnung hatte ihn das getroffen, dass er keinen Laut aus der gewürgten Kehle brachte.

„Deine Mutter hat eine Neubildung an der Rückwand des Magens. Ich kann dir das nicht näher erklären. Aber ich muss dir leider sagen, dass deine Mutter nicht mehr lange zu leben hat. Eine Operation würde nichts helfen. Wenn du deine Mutter lieb hast, so behalte das für dich! Beweise ihr deine Liebe nicht durch zweckloses Jammern, sondern durch aufmerksame Pflege.“ Der Doktor legte dem Toni die Hand auf die Schulter. Seine Stimme hatte einen gütigen Klang. „Sei tapfer, Bub!“

Es dauerte lang, bis Toni die Frage herausbrachte: „Wird d' Mutter arg leiden müssen?“

„Nein. Sie wird nur immer schwächer werden. Und eines Tages wird sie ruhig einschlafen.“

„Und –“ Dem Toni zerbrach die Stimme. „Und gar kein Mittel is da nimmer?“

„Unser Herrgott müsste ein Wunder tun.“

„So, so? Jetzt weiß ich, wie d' Mutter dran is!“ Dann klang es wie in Zorn: „Aber mich hat d' Mutter noch allweil!“

Der Doktor spähte in den grauen Fleck, der das Gesicht des Toni war. Dann schritt er, ohne ein Wort zu sagen, der Straße zu.

Unbeweglich blieb der Toni stehen. Dass die Turmuhr die zweite Morgenstunde schlug, das schien er nicht zu hören. Er merkte nur, dass hinter ihm etwas Helles plötzlich finster wurde. Als er das Gesicht drehte, sah er die Stubenfenster dunkel. Die Kerze, die da drinnen auf dem Tisch gebrannt hatte, war erloschen. Mit Schritten, wie alte Leute schlurfen, ging Toni ins Haus. Vor der Stubentür streckte er den Körper. Beim ersten Tritt in die Stube hörte er im Dunkeln von der Kammer her einen matten Laut:

„Tonele?“

„Ja, Mutter!“ Er trat in die finstere Kammer. „Gelt, ich darf noch a bissl hocken bleiben bei dir?“

„Was hast denn, Bub? Hast ebbes im Hals?“

Der Toni räusperte sich. „Kunnt schon sein, dass mich a bissl ebbes ankühlt hat in der Nacht, weil ich strumpfsöcklet aussi bin.“

„Warum hast denn keine Schuh net anzogen? Da schau, unterm Bett hab ich meine Filzpatschen. Da tust einischlupfen!“

„Ja, Mutter! Vergeltsgott! A bissl besser tust dich schon spüren, gelt?“

„Ganz gut is mir. Und dass sich der Krispi so gut gstellt hat mit dir, dös macht mich gsund. Dös!“ Die Lahneggerin lachte ein bisschen. „Jetzt kannst auch a wengerl hocken bleiben bei mir. Jetzt schimpft er nimmer, der Krispi. Und tust mir d' Hand lassen, gelt? Bis ich eingschlafen bin.“

„Ja, Mutter! Bis d' eingschlafen bist!“

Die Bettlade krachte, als sich der Toni niedersetzte und in der Finsternis die Hände der Mutter fand.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.