Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
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               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
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               Kapitel 13
               Kapitel 14
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Kapitel 6

Der schöne Abend dämmerte. Im Tal ein zartes, farbiges Träumen, jede Farbe mit Blau getönt. Der Himmel hatte noch hellen, gelben Glanz. Langsamen Schrittes kam Ambros vom Waldsaum über die Wiesen her. Sein Weg führte an dem Pfahl vorbei, dessen Tafel die Inschrift trug: 'Verbotener Weg'. Ambros überstieg die Bretterplanke und folgte der Straße. Jedes Mal in den vergangenen Tagen, sooft er über diese verwitterte Planke gestiegen war, hatte er an den Tonele denken müssen. Heut zum ersten Mal blieb diese Erinnerung aus. Immer glänzte noch vor seinen Augen das rote Bild, das schön war und brennend in der Sonne stand.

Die Hände in den Taschen der Bluse vergraben, ging er mitten auf der Straße und hatte keinen Blick für den Abend, in dessen Stille die Wildach rauschte wie ein Lied von vielen fernen Stimmen. Da überholte ihn ein schlanker, langer Mensch in grauer Tuchhose und blauem Leinenkittel, ein paar Blumen auf dem Hut, ein braunes Bündel an dem Stecken, den er geschultert trug. Wie ein feiner Schleier hing die blaue Dämmerung um ihn her. Mit einer festen, klaren Stimme sagte der Fremde: "Guten Abend!" Und ging vorüber. Ambros hob das Gesicht, so erstaunt, als hätte er was Merkwürdiges gehört. Er sah einen Menschen, den er nicht kannte. "Guten Abend auch!" Und träumte wieder vor sich hin.

Der Fremde war auf dem Fußpfad neben der Straße stehen geblieben, ließ Ambros an sich vorübergehen, sah ihm nach und streckte den Hals wie einer, der schärfer sehen will.

Kaum hundert Schritte hatte Ambros noch zu gehen, um das Haus der Wildacherin zu erreichen. Als er in den Hof trat, kläffte der weiße Spitz. Eine leise Stimme wies den Hund zur Ruhe. Und Ambros sah das Mädel auf der Holzbank sitzen. "Guten Abend, Beda!"

"Guten Abend! Der Träger hat schon alles auffitragen in dein Stübl. Schafft der Herr noch ebbes?"

"Nein, ich danke." Ambros lachte. Es wirkte immer heiter auf ihn, wenn Beda 'Herr' zu ihm sagte und ihn dabei duzte wie in der Kinderzeit. Er trat ins Haus. Beda wollte ihm folgen. Da sauste der Hund auf die Straße hinaus und begann ein Gebell, dass es an der nahen Bergwand ein Echo gab. "Sully!", rief das Mädchen mit scharfer Stimme. Sully hörte nicht, blieb auf der Straße draußen und kläffte. Als Beda ein paar Schritte gegen das Zauntor machte, sah sie in der Dämmerung den langen, schlanken Menschen stehen. "Schon wieder amal!", sprach sie in Zorn vor sich hin. Sie ging auf die Straße zu und fing, noch ehe sie den langen Menschen erreichte, zu reden an: "Was willst denn schon wieder? So a Narretei! Bei der Nachtzeit allweil umanandstehn vor meim Haus! D' Nachbarsleut reden schon drüber. Ich will mein' Fried haben. Mach, dass d' weiterkommst!"

"Ah, da schau!", sagte der Fremde. Seine Stimme klang nicht mehr so fest, wie sie geklungen hatte, als er Ambros guten Abend gewunschen. "Mir scheint, du nimmst mich für an andern?"

"Jesus!", stammelte Beda und fuhr zurück, als hätte sie einen Stoß vor die Brust bekommen.

Nun standen die beiden wortlos im Grau. Auch der Spitz war still und schnupperte vorsichtig am Hosenschaft des Fremden. Ein paar Sterne flimmerten schon aus dem erlöschenden Himmel herab. Und plötzlich hörte man das Rauschen der Wildach nimmer, weil aus dem offenen Giebelfenster des kleinen Hauses eine leidenschaftliche Flut von Klängen in den dunklen Abend heraus schwoll. Die beiden auf der Straße schienen von dieser klingenden Sehnsucht nicht viel zu merken. Schweigend sahen sie einander an. Beda, als hätte die Verwechslung auch was Lustiges für sie, fing plötzlich zu lachen an. "Da hab ich mich aber grob verschaut! An dich hab ich freilich net denken können."

"So? Gar net a bissl?"

"Seit wann bist denn wieder heim?"

"Heim muss ich erst noch kommen. Grad bin ich am Weg. Wie hat's dir denn allweil gangen, die Zeit her?"

"Net schlecht! Und dir?"

"Wie's halt gehn hat können! Is d' Wildacherin allweil wohlauf gewesen?"

"Allweil. Komm, Sully!"

Der Fremde sah den weißen Spitz an, der an Beda hinauf sprang. "Is dös noch allweil der gleiche?"

Die harmlose Frage schien auf Beda zu wirken wie ein Schimpf. Sie antwortete in Zorn: "Geht's dich was an?"

"Angehn tut's mich freilich nix. Aber was in der Heimat Brauch is, muss ich verlernt haben. Von der Fremd her bin ich's gewöhnt, dass ich an Antwort hör, wenn ich frag um ebbes."

"Hättst bloß a bissl denken brauchen, so hättst net fragen müssen. So a Hundl is net der Waldrauscher, der hundert Jahr alt wird. Den Sully hab ich seit zwei Jahr. No also, bist jetzt z'frieden?" Beda trat in den Hof und warf das Gattertürchen zu, dass es rasselte.

Der Fremde lachte. Dann guckte er in die Luft, als hätte er plötzlich die stürmischen Klänge vernommen, die aus dem dunkeln Giebelfenster herausfluteten. "He! Du!"

Beda, schon bei der Haustür, wandte das Gesicht.

"Der da droben d' Orgelpfeifen so narret scheppern lasst? Is dös ebba der städtische Mensch, der zu enk da einigangen is, a paar Minuten kann's her sein?"

"Sonst haust keiner bei uns."

"Entweder hab ich mich grad so verschaut wie du, oder ich tät druf schwören: Dös is kein andrer gewesen als der Lutzenbrosi?"

"Der Herr Lutz hat kein' Brudern. Da kannst dich net verschaut haben."

Der Fremde schwieg, als hätte ihm diese Antwort was zu denken gegeben. Und Beda trat ins Haus, lockte den Hund zu sich heran und drückte die Tür zu. Eine Weile stand sie im finsteren Flur, umwirbelt von den schönen Klängen, die das kleine Haus durchhallten. Das dauerte dem weißen Spitz zu lang; er wollte in die Stube und scharrte an der Schwelle. Die Wildacherin öffnete die Tür, und matte Lampenhelle fiel in den Flur. "Aber Madl! Warum kommst denn net eini in d' Stuben? Oder tust auf d' Musi lusen?"

"A bissl, ja."

"In der Stuben hört man's grad so gut. Und an d' Arbeit musst auch noch a bissl denken. Morgen is d' Wochen gar, und d' Schachtel mit der War muss fort."

Beda trat in die Stube und wollte zum Tisch. Auf halbem Wege blieb sie erschrocken stehen, weil sie zu hören glaubte, dass einer durch den Hof zur Haustür kam.

"Jesses, Madl!", jammerte die Wildacherin. "Was hast denn? Bist ja mauerbleich übers ganze Gsicht! Hast dich verkühlt auf der Hausbank? Weil ich dir's allweil sag, du sollst dich im leichten Stubengewandl net so aussihocken in d' Nachtkühlen!" Der Spitz fing zu kläffen an, und draußen polterte einer mit schweren Schuhen über die Stiege hinauf. "Wer trampelt denn da draußt umanand?"

Beda rückte die Handschuhnähmaschine in den Lichtkreis der Tischlampe. "Zum Herrn Inschenier is schon oft einer auffi."

Die Wildacherin guckte hinaus. "He? Was is denn?"

"Geht's da auffi zum Herrn Lutz?"

"Rechts ummi! Da bist gleich bei der Tür."

Droben im Bodenraum war es finster. Der Fremde brauchte nur den Klängen nachzugehen. Ambros saß in der dunklen Stube am Klavier, so ganz versunken in das Beethovensche Allegro, dass er das Pochen nicht vernahm. Er fühlte nur, als die Tür geöffnet wurde, den kühlen Lufthauch, der durch das offene Fenster herein strich. Ohne das Spiel zu unterbrechen, blickte er zum Fenster hinüber und sah in dem großen Rahmen zwei helle Sterne blitzen. Als hätte das rätselhafte Feuer, das aus Fernen zu ihm herstrahlte, eine Glut in seiner Seele entzündet, so rauschte das Allegro unter seinen Händen immer leidenschaftlicher. Nach allem Sturm der Töne ein verhauchender Klang. Dann begann das träumerische Andante zu singen, wie eine geheimnisvolle Stimme von Schönheit flüstert, die auf Erden niemals heimisch war und doch für alle Sehnsucht in verheißungsvoller Nähe wohnt. Die Stimme schwieg. Ambros ließ die Hände sinken, sah bei der Tür schwarz und regungslos einen Menschen stehen und hörte ein Aufatmen, so, wie einer atmet, dem eine unaussprechliche Freude oder eine unsagbare Trauer im Herzen ist. Ambros sprang auf. "Wer ist in meinem Zimmer?"

"Bloß ich bin's, Brosle!"

Auf der Straße hatte Ambros das Gesicht bei halber Helle nicht erkannt. Jetzt in der Finsternis erkannte er die Stimme. "Tonele? Bist du's?"

"Ja, Brosle!"

Lachend sprang Ambros auf den Toni zu, küsste ihn, wie Brüder sich küssen, und merkte nicht, dass ihn der Toni von sich wegdrängte, als hätte er ein Widerstreben gegen Dinge, die man Zärtlichkeiten nennt. Ambros wirbelte einen Sturz von Worten heraus. "Aber wart, ich mache Licht! Ich muss mich doch freuen können an deinen Augen!" Lachend sprang er in die Finsternis irgendwohin, und dann klirrte etwas wie Glas.

Toni sagte: "Gleich auf der Straßen is mir's gwesen: Dös muss der Brosle sein! Da hab ich dir nachgehn müssen. Gar net ghört hast mich, wie ich eini bin in d' Stuben. Lang bin ich gstanden und hab auflusen müssen." Ein tiefer Atemzug. "Dös muss ich dir sagen, Mensch: Du kannst ebbes Schöns. Allweil is mir gwesen, als tät einer reden mit mir, wie der Waldrauscher singt. Und dös is gspaßig: Alle dummen Streich sind mir eingfallen, die ich trieben hab im Leben. Bei jedem Einfall hab ich mir denken müssen: Wär gscheiter gwesen, du hättst es anders gmacht! Da hätt mich d' Mutter net verlieren müssen und hätt ihr Freud an mir haben können." Er lachte ein bisschen. "Dös hätt ich mir nie net einreden lassen, dass d' Musi frömmer sein kann als Predigt und Beicht."

Die kleine Lampenflamme zuckte auf. "Tonele! Über Wesen und Wirkung der Musik hab' ich einen Menschen noch selten so ein gutes Wort sagen hören."

"Was hab ich denn gsagt?"

"Ein Wort, aus dem ich heraushörte, dass du noch immer der Tonele bist, den ich lieb haben musste." Ambros deckte den blauen Glassturz über die Lampe und trug sie zum Tisch. "Komm her und lass dich anschauen!" Er nahm den Toni bei der Hand und zog ihn zu einem Sessel.

Eine milde Helle war in der kleinen, weißen, einfachen Stube, die außer dem Piano, der Bettstelle und dem großen, mit Planrollen bedeckten Tisch nicht viel enthielt. Schweigend saßen sich die beiden Jugendfreunde eine Weile gegenüber, und einer sah dem anderen suchend in die Augen. Lächelnd sagte Toni: "Sauber hast dich ausgwachsen, Brosle! Gut schaust aus."

"Und du so ernst! Viel älter als du bist."

"'s Leben hat mich a bissl druckt." Das sagte der Toni, wie man zu sagen pflegt: Das Wetter ist ganz erträglich.

Ambros schloss die Hände noch fester um die schweren Fäuste des Freundes und spähte mit einem Blick der Sorge in das hagere, glatt rasierte Gesicht, das hart in allen Zügen war und dennoch gewinnend wirkte durch die eigenartige Mischung von fester Männlichkeit und herber, unverlorener Jugend. Das kurz geschnittene Braunhaar legte sich glatt um den kräftigen Schädel. Keine Spur von Freude redete aus den strengen Zügen, sie glänzte nur in den klaren, braunen Augen. "Erzähl mir, Tonele! Sag mir alles von dir!"

"Da is net viel zum Verzählen. Um d' Mutter is mir leid gwesen. Aber mit'm Bruder war kein Hausen nimmer. Hab ich halt denkt: Gibst nach und machst, dass d' weiterkommst. Heimzogen hat's mich allweil. So a müde, kleine, bucklete Landschaft haben s' da draust im Unterland. Aber der Platz is gut gwesen, den ich gfunden hab. In eim verwittibten Hof hab ich mich als Hausmeier eindingt. Und da is mir jeder Tag wie der ander gwesen, net schlecht, grad recht. Dass mich die Wittib allweil heiraten hätt mögen, dös hat mich net scheniert. D' Ellbogen halt sich einer leicht frei von die Weiberleut, wann er Freud an der Arbeit hat."

Ambros lachte. "War sie alt? Die Wittib?"

"Gar net. A saubers Weibets. Ich hab halt net mögen. Der Wirtschaft z'lieb hätt ich allweil noch ausghalten. Mucken, die net stechen, plagen ein' net arg. Aber da hat mir d' Mutter gschrieben, es tät bei ihr nimmer gut ausschauen mit der Gsundheit. Natürlich, da hat's mich Heim trieben auf der Stell."

"Wie hast du die Mutter gefunden?" Ambros empfand es als eine Schuld, dass er sich um die kranke Lahneggerin nicht bekümmert hatte. "Geht es ihr besser?"

"D' Mutter hab ich noch gar net gsehen. Weil ich grad am Heimweg bin."

Ambros sprang auf. "Da sollst du dich keine Minute mehr verhalten! Was das heißt, eine Mutter lieb haben, das weiß ich. Komm! Ich begleite dich heim. Da können wir schwatzen, und ich will dir von meiner schönen Arbeit erzählen."

Der Toni nickte und ging zur Tür; weil ihm Ambros mit der Lampe leuchten wollte, sagte er: "'s Licht kannst ausblasen. Ich stolper net in der Finstern." Er war auch gleich bei der Treppe und stieg mit schwerem Schritt hinunter. Im schwarzen Flur holte Ambros ihn ein. Der Spitz in der Stube kläffte, und durch eine Ritze der Tür quoll Lichtschimmer heraus.

"Die Hausleut sind noch auf", sagte Ambros, "magst du nicht ein Grüßgott hineinrufen?" Ohne zu antworten, zog Toni die Haustür auf und trat in die sternhelle Frühlingsnacht hinaus. Von der Hausbank nahm er den Stecken und das Bündel auf und war schon auf der Straße, als Ambros wieder zu ihm trat. "Warum bist du so flink davon? Die Beda hätte sich gewiss gefreut, zu sehen, dass du wieder in der Heimat bist."

"So? Meinst?"

"Denkst du noch manchmal an den roten Abend, an dem wir den großen Huchen fingen? Wir drei?"

Der Toni schwieg.

"Hast du das vergessen?"

"So ebbes bleibt!", sagte der Toni hart. "Was ich fragen will? Kommt mein Bruder öfters da her zur Wildacherin?"

"Dein Bruder? Nein! Am Abend einmal, da hab ich ihn gesehen, wie er vor dem Haus der Wildacherin auf der Straße stand."

"So? Und du? Bist viel mit der Beda beinand?"

"Leider nein! Das Mädel ist schmuck, ist klug und selbständig. Die trotzige Art, die sie hat, gefällt mir. Ich möchte gern manchmal ein Stündl mit ihr verschwatzen. Aber ich hab keine Zeit dazu. Am Morgen geh ich früh aus dem Haus, am Abend komm ich spät wieder heim, und den ganzen Tag bin ich bei meiner Arbeit."

"Arbeit hast? Ich hab mir denkt, du bist zur Sommerlust im Dorf da? Was für Arbeit hast denn?"

"Was Großes und Schönes, Tonele!" Ambros schob seinen Arm unter den Arm des Toni und fing von seinem Werk zu reden an, während sie unter dem Glanz der Sterne auf der dunklen Straße hinschritten. Immer, wenn Ambros von der Bändigung der Wildach sprach, hatte seine Stimme einen frohen und warmen Klang. Heute war das noch wärmer und froher als sonst. Etwas heiter Trunkenes war in seinem Wort und Lachen. Alles Nüchterne der Arbeit wurde zu einer leuchtenden Sache, immer blitzte und funkelte die Wildach von roter Sonne, und in der Hoffnung, mit der er vom Gelingen seines Werkes sprach, war eine tiefe, heiße Sehnsucht. Der Toni unterbrach ihn mit keinem Wort; als sie an dem Altwasser vorübergingen, spähte er seitwärts in die stille Nacht und tat einen schweren Atemzug. Ambros sah nur die Bilder seiner Arbeit. Er hatte keinen Blick für die lange, weiße Mauer mit den Kugel geschmückten Säulen und sah nicht, dass in der Tiefe des Parkweges zwei erleuchtete Fenster des Schlösschens aus der Nacht heraus brannten wie große, glühende Untieraugen. Der Toni nickte manchmal, während er zuhörte. Wär' es nicht so finster gewesen, so hätte Ambros sehen müssen, dass der Toni auch manchmal lächelte, ganz so wie damals, als der kleine Brosi beim Anblick der Großen Not gesagt hatte: "Da steig ich hinauf einmal!" Dabei machte der Toni immer längere Schritte; man sah in der Nacht schon den dunklen Giebel und die schwarzen Baumkronen des Lahneggerhofes.

"Bis zum Herbst, bevor der erste Schnee fällt, muss alles fertig sein! Die Heimat wird Nutzen von meiner Arbeit haben. Das zu denken ist Freude für mich." Ambros presste den Arm des Freundes an seine Brust. "Freust du dich nicht auch mit mir?"

"Ja, Brosle! Da kannst ebbes Nobels füranand bringen." Dem Toni, der schon an den Augenblick dachte, in dem er zu der kranken Mutter in die Kammer treten würde, zitterte die Stimme. "Aber Verdruss wirst haben bei der Arbeit, so viel, wie der Tag Minuten hat. Dös is allweil so, wann einer ebbes macht, was für d' Leut an Nutzen bringt."

"Gottbewahre! Alles geht wie am Schnürchen."

"Dös wär's erste Mal."

Da sprang aus dem schwarzen Straßengraben ein Weibsbild heraus und stammelte: "Tonele? Bist es?"

"Kathrin?", fuhr es dem Toni mit erwürgtem Laut aus der Kehle. "Geht's ebba der Mutter schlecht?"

"Na, na, da brauchst kein Angst net haben!" Das Weib fasste den Toni am Arm, zog ihn gegen die Wiesenplanke und flüsterte: "D' Mutter lasst dir bloß sagen, du sollst es dem Krispi net verraten, daß d' Mutter gschrieben hat."

"So arg treibt's der Krispi mit der Mutter?" Die Frage klang wie ein zorniger Fluch.

"Ah na, es is net so arg! Aber d' Mutter tut sich a bissl ängsten, weißt."

"Wie weiß denn d' Mutter, dass ich komm, grad heut?"

"Seit drei Täg hab ich schon allweil passen müssen. Die Bäuerin wartet auf dich wie der Sünder aufs Heilige. Aber sag dem Krispi nix, dass ich schon gredt hab mit dir!" Das Weib sprang in den Straßengraben und war in der Nacht verschwunden.

Toni nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn, als hätte er nach schwerer Arbeit den Schweiß von seinem Gesicht zu wischen. Dann ging er auf Ambros zu, der ihn fragte: "Tonele? Was war denn da?"

"Nix! Pressieren tut's mir, dass ich Heim komm."

Sie machten rasche Schritte. Nun standen sie vor dem stillen Lahneggerhof. Ambros fasste die Hand des Freundes. "Von meinem vergangenen Leben ist mir heut ein liebes, verlorenes Stück wieder zurückgegeben mit dir. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich freue! Immer möcht' ich lachen und schreien. Gelt, du freust dich auch, dass wir uns wiederhaben?"

"Ja, Brosle! Es kunnt mich freuen. Aber viel müsst anders sein. Gut Nacht! D' Mutter tut warten auf mich." Der Toni befreite seine Hand, nahm das Bündel unter den Arm, schleuderte den Stecken fort, stieß das Zauntürchen vor sich auf und trat in den Hof.

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