Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
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               Kapitel 1
               Kapitel 2
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               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
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               Kapitel 10
               Kapitel 11
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               Kapitel 13
               Kapitel 14
            Buch 2
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Kapitel 4

Am anderen Morgen mietete Ambros einen Träger und bestieg die Große Not, um aus der Vogelperspektive sein großes Arbeitsfeld überschauen zu können. Er fiel von dem hohen Berge nicht herunter, wie ihm der Tonele prophezeit hatte, und war nicht tot. Im Gegenteil. Die Tour erfrischte ihn an Leib und Seele, machte ihn heiter, seinem Werke gegenüber gläubig und hauchte seinen Plänen wachsendes Leben ein. Nun war es ihm auch recht, dass der Tonele irgendwo in der Fremde saß. Unter den Leuten, denen Ambros bei der Arbeit und abends im Wirtshaus begegnete, erkannte niemand in ihm den kleinen Brosi von einst. Er selber sagte es keinem. Vorsicht war geraten, wenn er seinen Plänen nicht schaden wollte. Von der Regulierung der Wildach hörte er viel und mit aufgeregten Worten reden, und erfuhr auch, dass schon drei Herren durch vierzehn Tage dagewesen wären und ‚jedes Steinl’ gemessen und abgezeichnet hätten. Ob er nicht auch so einer wäre, der wegen der Wildach käme? Nein. Er hätte eine neue Landkarte der Gegen aufzunehmen.

An den Abenden im Wirtshaus stellte er nie eine Frage, die auf die Vermutung hätte bringen können: „Der kennt das Dorf und die Leute!“ Was er wissen wollte, erfuhr er bei seinen Arbeitswegen von dem Träger: Dass im ‚Lutzenhaus’ ein alter Doktor wohne, ein unguter Junggesell mit einer zänkischen Wirtschafterin; dass der Sagenbachertoni vor drei Jahren auf und davon gegangen wäre, weil es mit den zwei feindlichen Brüdern nimmer gut getan hätte; und die Lahneggerin wäre sterbensletz vor Kümmernis um den Toni und vor lauter Verdruss mit dem Krispi. „So a Ruech, wie der is! Der reißt jedem Hehndl ’s Bröserl vor’m Schnabel weg. Und mag net heireten, weil’s ihm z’teuer ist, dass er a Weib füttern müsst. Aber hintrappen tut er überall, wo a bissl Holz zum Greifen is. Bloß geht’s ihm net allweil ausi, wie er möchte. Jetzt, mein’ ich, hat er sich amal ghörig verrechnet!“ Der Träger lachte, als wäre die falsche Rechnung des Krispin Sagenbacher eine lustige Sache. Ambros fragte nicht weiter. Auf die zärtlichen Umwege des Erben im Lahneggerhofe war er nicht neugierig. Doch der Waldrauscher? Ob der noch am Leben wäre? Ei freilich! Dem hätte der Herrgott so viel Kraft gegeben wie einem Baum, der den ganzen Wald überleben müsse. Und seine ‚narrischen Liedln’ sänge er noch immer so her wie der alte Fink seinen jungen schlag. Bei den Bauern käme er nicht weit mit seinem Gedudel, aber die fremden Herrschaften wären ganz versessen auf ihn, und die junge Frau Herzogin im Fürstenschlössl wüsste sich nichts Lieberes, als den Waldrauscher singen zu hören. Auch wäre der wunderliche Alte unter allen Mannsleuten im Dorf der einzige, der von der Wildacher Beda ein freundliches Wort zu hören bekäme. „Is a saubers Madl! Hätt oft schon heiraten können. Aber mögen tut s’ kein’!“ Dazu lachte der Träger wieder. „Mir scheint, die möcht auf ein’ warten, der a taubengraus Filzhütl hat.“

Als die Urlaubswoche vergangen war, kannte Ambros die ganze Chronik des Dorfes. Und in rastloser Arbeit hatte er alles gesammelt, was zur Ausführung seiner Pläne nötig war. Froh und zuversichtlich kehrte er heim nach München und wurde von der Mutter empfangen wie ein Sohn, der nach jahrelanger Trennung aus fernen Welten kommt. Aber schon am ersten Abend glaubte Ambros zu bemerken, dass im Wesen seiner Mutter etwas Verschleiertes war, eine Verstimmung, die sich verstecken wollte, und die er dennoch fühlte. „Sie ahnt, dass ich ihr was verberge, und das tut ihr weh.“ Wohl erwachte in ihm der Gedanke: „Es ist besser, ich sag ihr alles!“ Das verwarf er wieder. Aus Liebe zur Mutter. Sie sollte nicht monatelang um das Gelingen seiner Arbeit zittern müssen, sondern in der Stunde des Erfolges die Freude seines Sieges voll genießen. Dass er diesen Sieg erkämpfen würde, war für ihn so fest, wie die Sonne am Himmel steht. Seines Könnens war er sicher. Den landschaftlichen Charakter des Arbeitsfeldes kannte wohl kaum ein Bewerber besser als er. Und in keinem war diese treibende Freude, diese frohe Zuversicht des Sieges! Er wühlte sich in die Arbeit hinein und mit einem Eifer, dass er für nichts anderes mehr Sinn und Augen hatte, auch nicht für den Sorgenblick, mit dem die Mutter ihn betrachtete, wenn er manchmal in sprunghafter Heiterkeit von fern liegenden Dingen schwatzte.

Am 10. Oktober, fünf Tage vor dem Schlusstermin des Wettbewerbes, konnte Ambros die fertigen Pläne, die Kostenvoranschläge und die seien Arbeit erläuternde schriftliche Darlegung bei der Regierung einreichen. Und jetzt, da neben seiner eigenen Kraft auch andere Mächte noch mitzureden hatten, begann die Sorge in ihm zu erwachen. Seine schwüle Unruhe wuchs mit jedem Tag, und er konnte diese Qual vor der Mutter nicht mehr verheimlichen. Eines Abends schlang er den Arm um ihren Hals. „Gelt, ich bin jetzt gar nicht, wie ich sein sollte? Hab nur noch ein bisschen Geduld mit mir!“

Ein Zittern kam in ihre Hände. Doch sie sagte ruhig: „Ja, lieber Bub! Ich will schon geduldig sein. Hab du nur auch Geduld! Mit mir.“

In der Weihnachtswoche brachte die Post eines Morgens zu früher Stunde ein dickes Amtsschreiben. Ambros schlief noch, und die Mutter musste ihn wecken. Zuerst erschrak er, dass kein Tropfen Blut mehr in seinen Wangen war. Während er mit bebenden Händen die Siegel des Schreibens aufbrach, stammelte er: „Mutter! Das ist mein Leben oder mein Tod!“

Das Gesicht entstellt, stand Frau Lutz vor dem Bett ihres Sohnes. Wortlos hielt sie an den Händen die Daumen eingeklemmt – im Aberglauben des Weibes, das sich hilflos fühlt in aller verzehrenden Liebe und Sorge.

Ambros, kaum er zu lesen angefangen, begann wie ein Betrunkener zu lachen. Dann schrie er einen Jauchzer vor sich hin, gleich einem Hirten, der an leuchtendem Frühlingsmorgen auf hohem Berge steht und blauende Weiten sieht und allen Glanz des Lebens. Unter Lachen streckte er die Arme nach der Mutter, hielt sie umschlungen und sagte ihr alles. Über sieben Bewerber hatte er den Sieg erfochten, seine Arbeit war als die beste erkannt, und nun wurde ihm die Ausführung des Werkes übertragen.

Zuerst erschrak Frau Lutz. Sie dachte an das letzte Rentenjahr, dachte, dass Ambros seine bescheidene, aber sichere Stellung aufgeben würde, um in eine ungewisse Sache hineinzuspringen; sie sah eine dunkle Sorge auf sich zuschreiten, spürte eine Faust an ihrer Kehle und hatte das Gefühl von etwas Drohendem und Gefährlichem. Dann belebte sich ihr stockendes Herz an der Freude des Sohnes. Der Stolz auf seinen Erfolg und sein Können glänzte in ihren Augen, und sie wurde so froh, dass Ambros jubelte: „Mutter! Du Liebe! Guck, du bist ja in deiner Freude noch kindischer als ich!“ Er presste sie an sich und küsste ihren Mund. „Aber flink! Jetzt muss ich aus den Federn. Die Arbeit geht an.“ Da sprang sie lachend zur Tür, so hurtig und leicht, als hätte das stolze Glück ihres Sohnes sie verjüngt um zwanzig Jahre.

Während Ambros sich ankleidete, zuckte ihm wohl ein Schreck durch das Herz, als er die Bedingung überdachte; dass er binnen vierzehn Tagen die Kaution von 100000 Mark zu stellen und den Nachweis über die zur Ausführung des Werkes nötigen Mittel zu liefern hatte, die im Kostenvoranschlag mit 560000 Mark berechnet waren. Doch er hatte sich für den Fall des Zuschlages alle Wege schon ausgedacht, die er gehen wollte. Einer von den drei Unternehmern, an die er sich wenden wollte, würde wohl die richtigen Augen haben. Das sagte er der Mutter, als er ihr beim Frühstück gegenüber saß. „Wirst sehen, ich kriege das Geld für den Bau! Und wenn es mit der Kaution hapern sollte, musst du in die Bresche springen! Du hast mich in deine Schatzkammer nie hineingucken lassen. Aber unser Verbrauch im Jahr hat doch immer an die dreitausend Mark betragen. Da musst du ungefähr so viel haben, dass wir die Kaution zur Not erlegen können. Ein gutes Geschäft machst du dabei auch noch!“ Er lachte. „Ich kann dir ohne Protektion eine Verzinsung von sechs Prozent versprechen.“

Frau Lutz war bleich geworden. Sie brachte es nicht übers Herz, ihrem Sohn in dieser Stunde zu sagen, dass sie ihren ganzen Besitz geopfert hatte, um für Ambros einen Weg ins Leben zu bauen. „Da verlangst du, was ich nicht tun darf. Wir können unsere Existenz nicht völlig in die Luft setzen, obwohl ich an den Erfolg deiner Arbeit glaube. Was ich noch habe, würde auch gar nicht reichen. Du hast ein bisschen optimistisch gerechnet. Ich denke, wer dir das viele Geld für den Bau gibt, wird auch für die Kaution noch aufkommen. Versuche das zuerst!“ Die Stimme brach ihr.

Glühende Röte war ihm über die Stirn geflogen. Dann stand er vom Tisch auf. „Du hast recht, Mama! Was ich im ersten Dusel verlangte, war unbescheiden. Verzeihe mir! Ich hätte auch an dich denken sollen, nicht nur an meine Arbeit.“ Er küsste die Mutter auf die Wange und verließ die Stube.

Sie sah ihm nach. „Mama?“ Dieses fremde Wort hatte Ambros noch nie gebraucht. Ihr war, als müsse sie schreien: „Kind! Ich gäbe es doch gerne! Wenn ich’s nur hätte!“ Aber lieber trug sie den größeren Schmerz, um ihrem Sohn den kleineren Schreck zu ersparen.

Unter dem Arm die Ledermappe mit den Planskizzen und dem Schreiben der Regierung, trat Ambros auf die winterliche Straße. Es lag wie ein schwerer Stein auf seiner Brust. Das hatte ihm weh getan bis ins Blut: Dass die Mutter mehr an die kleine Wirtschaft dachte als an sein großes Werk, und dass ihr der warme Ofen wertvoller war als die steigende Sonne. Er verstand das nicht. Von dieser Mutter, deren Liebe und Opferfähigkeit er tausendmal erfahren hatte. Mit allen Gründen zwang er sich, den Entschluss der Mutter begreiflich, notwendig und natürlich zu finden. Es blieb eine nagende Bitterkeit zurück. Wenige Stunden später war’s erloschen und vergessen. So glücklich der Tag für Ambros begonnen hatte, so glücklich ging er zu Ende. Gleich der erste Unternehmer, an den sich Ambros wandte, hatte den richtigen Blick, verpflichtete sich zur Beschaffung der Geldmittel und übernahm die Stellung der Kaution. Freilich sicherte er sich dafür auch den Löwenanteil am Gewinn. Ambros, der immer nur das Große seines Werkes im Aug hatte, war bei diesen Verhandlungen entgegenkommender als klug und gab sich zufrieden damit, dass für ihn selbst an Verdienst so viel verbleib, um sich nach Vollendung dieser Arbeit auf eigene Füße stellen und nach Neuem greifen zu können. Die Existenz der Mutter war gesichert durch das Vermögen, das sie besaß. Für sich selbst machte Ambros das Leben nur bescheidene Ansprüche, und so war das Lachen eines glücklichen Menschen in seinen Augen, als er am Nachmittag nach siebenstündiger Verhandlung den Vertrag mit dem Geldgeber in einer Notariatskanzlei unterschrieb. Zur Beratung der Vertragsbestimmungen eines Juristen beizuziehen, hatte Ambros nicht für nötig gehalten. Der Mann, mit dem er zu tun hatte, machte durch seine biedere Art den Eindruck eines gutmütigen, ehrenhaften Menschen, so dass Ambros rasch die Überzeugung gewann: Mit diesem Herrn Friedrich Wohlverstand ist ohne Mühe in verständigem Frieden auszukommen.

In seiner Mappe das kostbare Schriftstück, das unterzeichnet und gestempelt war, konnte Ambros vor dem Abend noch im Rathaus vorsprechen, um seinen Austritt aus dem städtischen Dienst zu erklären. Der Baurat sagte liebenswürdig: „Natürlich, das Bessere ist der Feind des Guten. Ich gratuliere Ihnen, Herr Lutz!“ Aus dem Rathaustor trat Ambros in den Laternenschein des Abends hinaus und atmete auf, als müsste er in seiner Brust mehr Raum für das pochende Herz gewinnen. „Jetzt aber los mit sieben Atmosphären!“ Er rannte heim. Frau Lutz schien die Freude ihres Sohnes zu teilen, als er allen Erfolg des Tages vor ihr auskramte. Doch während sie mit ihm lachte, hatte sie immer feuchte Augen.

In den folgenden Wochen war sie viel allein. Die geschäftlichen Vorbereitungen, die erledigt werden mussten, damit der Bau im Frühjahr gleich nach der Schneeschmelze beginnen konnte, nahmen Ambros vom Morgen bis zum Abend in Anspruch. Im Laufe der fünf Sommermonate, noch ehe der Winter seinen weißen Mantel über die Berge niederfallen ließ, musste das große Werk vollendet sein. Da musste alles Nötige mit Genauigkeit vorausberechnet, alle Arbeit über Monate hinaus auf Kopf und Hand und Stunde mit Umsicht eingeteilt werden, damit das Vielfältige ohne Hemmung, gleich dem Räderwerk einer Maschine, ineinander griff. Ambros zeigte sich allem gewachsen und kam über jeden Widerstand hinüber. Herr Friedrich Wohlverstand, obwohl er sich bei allen Zahlungen zäh und sparsam zeigte, hielt guten Frieden und sagte eines Tages in seinem gemütlichen Münchener Dialekt zu Ambros: „Dunnerwetter, junger Mensch, Sö haben a Lokomotiv im Leib! Von Ihrene sechsazwanzg Jahrln müessen S’ a jedweds doppelt ausgnutzt haben. So viel verstengen S’ von Arbet und Gschäft! Respekt, Respekt!“

Am 4. Februar hatten die beiden Kompagnons den Vertrag mit der Regierung unterzeichnet. Anfang Februar reisten sie mit einem Regierungsvertreter ins Wildbachtal, um die von der Gemeinde vorbereiteten Grundablösungen für das gewaltige Staubecken zu erledigen, das in der Waldschlucht unter der Großen Not die zuströmenden Gießbäche in der Zeit der Schneeschmelze und nach schweren Gewitterregen aufnehmen sollte, bevor das Wasser ungefährlich durch die Schleusen der Talsperre abfloss.

Nun war im Dorfe schon bekannt: Der ‚Inschenier’, der die böse Wildach zähmen will, ist der kleine, blonde Brosi von einst, das kecke, lustige Büberl aus dem Doktorhaus. Ambros wurde von den Leuten herzlich begrüßt, und dass er ein Kind des Dorfes war, erleichterte ihm alles Geschäftliche. Herr Friedrich Wohlverstand schöpfte aus der günstigen Situation seinen Nutzen und zog die Schnur an seinem Geldbeutel um so straffer, je nachgiebiger sich die Bauern in den Verhandlungen mit Ambros zeigten, den sie Brosle nannten wie vor zwanzig Jahren. Ambros begann sich über den gemütlichen Herrn Wohlverstand zu ärgern, kam aber mit allen Bauern zu einem gütlichen Ende, einen einzigen ausgenommen. Das war der Krispin Sagenbacher vom Lahneggerhof. Ein Glück, dass dieser scharfe Bruder erst spät am Abend als letzter Interessent vor der Kommission erschien. Sonst hätte er die anderen, die sich gutwillig zeigten, bockbeinig gemacht und zu höheren Forderungen gereizt. Für eine kleine Waldparzelle, die von den Hochwässern früherer Jahre fast völlig entwertet war, verlangte er einen irrsinnigen Preis, schrie und schimpfte, und wurde nach jeder Maß Bier, die er auf Kommissionskosten verschluckte, nur immer eigensinniger. Zu Ambros sagte er ein dutzend Mal das gleiche: „Du? Wer bist denn du? Am Buckel kannst mir auffisteigen! Du hast mich nie net mögen. Bist allweil dem Toni sein Spezi gwesen! Bluatsakr, Bluatsakra, und ich gib den Wald net billiger her und net ums Verrecken! Prozessieren tu ich! Und wann ich mein Recht net krieg, geh ich zum Landtag und lass an Interpellazionie machen.“

Diese Drohung schien der Regierungsvertreter nicht gern zu hören. Um den Schreier zu beruhigen und den Beginn der Arbeit nicht ins Ungewisse zu rücken, musste Herr Wohlverstand die Schnur des Geldbeutels lockern und dem Sagenbacher den Wert seines schlechten Waldes vierfach überzahlen. Nun ließ der Krispin lachend seinen Rausch auf eigene Kosten weiter wachsen und hänselte die andern Bauern um ihrer billigen Dummheit willen. „Ös Rammeln, ös dalkete! Hätts es gmacht wie ich! Alle hätts mehrer kriegt! Und zahlen hätt er müssen, dass er schwarz worden wär, meim Herrn Bruder sein nobliger Spezi!“ Solches Gerede machte böses Blut unter den Bauern; sie dachten nicht mehr an den ruhelosen Schaden, gegen den ihre Häuser und Felder gesichert werden sollten; jeder ärgerte sich darüber, dass er weniger bekommen hatte als er, um die Nachtruhe zu suchen, die von Qualm und Lärm erfüllte Wirtsstube verließ, eine verdrossene Stimmung zurück. Herr Wohlverstand lachte dazu. Und Ambros verschlief seinen Verdruss, so dass er mit frohen Augen in den schönen Wintermorgen blicken konnte, als er im Schlitten über den funkelnden Schnee hinausfuhr gegen das Haus der Wildacherin. Er hatte nach einer Sommerwohnung Umfrage gehalten, und unter den Häusern, in denen Zimmer zu mieten waren, lag das Haus der Wildacherin für Ambros am bequemsten, weil es nah bei seinem Arbeitsfelde stand.

Als Ambros in dem kleinen Haus die warme, gemütliche Wohnstube betrat, fand er in der Wildacherin eine weißhaarige, freundliche Greisin, de es nimmer anzumerken war, wie gallenzornig ihre Augen vor einundzwanzig Jahren ins schmerzende Leben geblickt hatten. Freilich, als der junge Mann nach den beiden Zimmern fragte, wurde die Wildacherin zurückhaltend und betrachtete misstrauisch den Hut, den Ambros in der Hand hielt. Ein Filzhut war es auch, aber dunkelbraun, nicht taubengrau. Und dass der junge Mieter mit seiner Mutter kommen wollte, schien noch weiterhin beruhigend auf die Wildacherin zu wirken. Völlig zutraulich wurde sie erst, als Ambros sagte: „Mutter Wildacherin? Kennen Sie mich nimmer? Ich bin der Brosi Lutz.“ Da nahm sie die Hände des jungen Mannes und schwatzte so lang, dass Ambros mahnen musste: „Frauerl! Meine Zeit ist knapp. Und die zwei Stuben muss ich doch auch noch ansehen.“

Über eine schmale Treppe stiegen sie zu der ‚Sommerwohnung’ hinauf, in der eine grimmige Kälte herrschte. Es waren zwei große, weiß getünchte Stuben, durch den verschalten Bodenraum voneinander getrennt und mehr als bescheiden möbliert. Da könnte man ja ein bisschen nachhelfen, meinte Ambros. Vor einigen Jahren hatte die Wildacherin diese zwei Stuben unter die Dachsparren eingebaut, um durch die Miete was zu verdienen. Eine Feldwirtschaft hatte sie nicht, es standen nur ein paar Geißen im Stall, und so mussten die zwei Frauensleute von dieser Miete leben, von der kleinen Pension der Wildacherin und von dem Geld, das die Beda durch Handschuhnähen und Spitzensticken verdiente. Das reichte, wenn die zwei Stuben im Sommer gut vermietet wurden. Mit dem Preis – 150 Mark für den ganzen Sommer – war Ambros hurtig einverstanden. Während die beiden noch sprachen, klang drunten im Flur ein leichter Schritt.

„Grad kommt ’s Madl!“

Sie gingen hinunter und fanden Beda schon am Fenster bei der Handschuhnähmaschine. Auf den ersten Blick erkannte Ambros das Mädel wieder, das im Herbst am Altwasser die Wäsche gespült hatte. Er grüßte. Beda konnte das nicht hören, denn mit zornigem Gebell war ein weißer Spitz unter dem Ofen herausgefahren. Während der kläffende Hund um Ambros herumtollte, ließen seien Pfoten bei jedem Sprung vier kleine, feuchte Flecke auf den sauber gescheuerten Dielen zurück. Das wurde schließlich ein dunkler Ring, so dass Ambros lachend dachte: „Als wär ich in einen Hexenkreis geraten!“

Die Wildacherin brachte den Hund zur Ruh und sagte: „Bedle! Die zwei Stunden droben soll ich hergeben. Der junge Herr da tät mit seiner Mutter kommen.“

Ohne von der Arbeit aufzublicken, erwiderte das Mädel: „Mir kann’s gleich sein, wer unterm Dach droben haust.“ Dann hauchte sie in die Hände und nähte weiter.

„Schau doch a bissl her! Der junge Herr is der Brosi vom Herrn Dokter selig.“

Beda wandte zögernd das Gesicht. „So? Grüß Gott!“ Und beugte sich wieder zur Arbeit.

Da wurde die Wildacherin ein bisschen rot, entweder aus Ärger oder aus Verlegenheit. Und weil der Spitz wieder zu knurren anfing, begann sie mit ihm zu schelten. Lächelnd ging Ambros gegen das Fenster hin und sah dem Mädel bei der Arbeit zu. Die Maschine, vor welcher Beda saß, war keine komplizierte Sache – ein eisernes Gestell, an dem zwei fein gezahnte Stahlplatten durch einen Hebeltritt geöffnet und geschlossen wurden; die Platten fassten das Handschuhleder mit den Säumen zwischen die Zahnung, und dann machte die flink mit der Hand geführte Nadel zwischen den Zähnen eine schöne, gleichmäßige Nacht ans Leder. Es war ein langer, weißer Ballhandschuh, an welchem Beda gerade nähte. Und Ambros sah in Gedanken das Bild eines großen Ballfestes in der Stadt; alle Damen trugen so lange, weiße Handschuhe, wie Beda einen nähte; wenigstens stellte sich Ambros das so vor; gesehen hatte er’s nie; und der Gegensatz dieses Bildes – dort die laute Lust und hier die stille Arbeit, dort der lärmende Überfluss und hier die klaglose Dürftigkeit – dieser Gegensatz weckte in ihm ein warmes Gefühl und ließ ihn mit herzlichem Blick das Bild betrachten, vor dem er stand. Dieses Bild war hübsch. Das weiße Schneelicht des Fensters spann einen hellen Glanz um Bedas Kopf und um die Fülle des kupferdunkeln Haars; das strenge Gesicht glühte noch von der Winterkälte, durch die das Mädel gegangen war. Und diese schmucke Gestalt! Es war an ihr, so kräftig sie auch gebildet schien, nichts Derbes und Bäurisches. Wie der schlanke Nacken unter dem reichen Haar sich hinbog gegen den Rüschensaum des straf sitzenden Leibchens – das war eine feine Linie, ein Schönheitsgedanke der Natur. „Fräulein Beda?“, sagte Ambros. „Wir kennen uns doch. Warum sind Sie gegen mich so fremd? Und so still?“

„Weil beim Reden d’ Nadel allweil ausrutscht.“ Zum Beweis dieser Wahrheit trennte sie ein paar fehl geratene Stiche wieder auf. „Aber zu mir kannst Beda sagen und Du. Ohne Fräuln. So ebbes braucht’s net.“

Er lachte. „Na also, Beda, dann gib mir auch zu freundlichem Einstand deine Hand! Wir wollen im Sommer gute Kameraden sein.“

„Kameraden?“ Es schien, als wäre sie auf dieses Wort nicht gut zu sprechen. Ein merkwürdiges Lächeln huschte um ihren Mund. Dann reichte sie Ambros die Hand und sagte ruhig: „Vor mir brauchst kei’ Angst net haben. Lass mir halt du auch mei’ Ruh! Da kommen wir gut mitanand aus.“ Sie sah ihn prüfend an und begann die Arbeit wieder.

Die Wildacherin schien das für einen heiteren Friedensschluss zu nehmen, fing ein gemütliches Schwatzen an und schwatzte immerzu, bis Ambros draußen in seinem Schlitten saß. Ein Gefühl des Unbehagens war in ihm zurückgeblieben; er wusste selbst nicht recht, warum. Während er durch die in der Sonne schimmernde Schneelandschaft nach dem Unterdorfe zurückfuhr, tauchte sogar der Gedanke in ihm auf, die Sache mit den zwei Stuben wieder rückgängig zu machen, im Notfall die 150 Mark zu bezahlen und eine andere Wohnung zu mieten. Doch er war zu sehr ans Sparen gewöhnt, um diesen Einfall ernst zu nehmen. Dann lenkte der Anblick des öden, glatt überschneiten Kiesbettes der Wildach seine Gedanken wieder auf die Arbeit, die nun bald beginnen sollte.

Als er an jener langen, mit Säulen durchsetzten Mauer vorüber glitt, fragte er zerstreut: "Das Schlößl ist im Winter nicht bewohnt?" Der Knecht, der den Schlitten führte, begann ein flinkes Geplauder. In früheren Jahren wären die Herrschaften immer schon mit dem ersten Grün im Schlößl eingezogen. Seit die junge Prinzessin vor vier Jahren den 'auslandrischen' Herzog geheiratet hätte, wäre die Sache anders geworden. Der hätte wohl große Freude an der Jagd. Aber zwei Sommer wären die Herrschaften gar nicht im Tal gewesen, im letzten Herbst nur ein paar Wochen. Dadurch hätten die Leute im Dorfe manchen Verdienst verloren. Doch man trüge das den Herrschaften nicht nach. Der junge Herzog wäre ein leutseliger Herr, nur manchmal ein bissl grob. Aber Grobheit ist eine gesunde, ehrliche Sache. Und schrecklich verliebt wäre der Herzog in seine junge Frau, obwohl die beiden nebeneinander aussehen wie der Baum und ein Stäudl Klee. "So an Endstrumm Mannsbild! Und so a feins und kleinbeinlets Frauenzimmer! Recht gsund muss dös Frauerl auch net sein. Freilich, mit siebzehn Jahr heiraten und als a halbets Kindl in vier Jahr drei Kinderln haben – eins ist gstorben davon – mein, so ebbes reißt eim Weiberleut allweil a bissl was abi vom Leben. Aber sonst a liebs Gschöpferl! Daß d' meinst, es kommt a Blümerl auf ein' zugflogen. So viel gut kann s' dreinschauen mit ihre runden Vogelaugen. Und Geigen spielen kann's, viel feiner noch, als wann a Zeiserl singt."

"Geige?", fragte Ambros, in dem eine Erinnerung erwachte.

"Ja, da bin ich oft schon stehn blieben bei der Mauer und hab aufglust. Jeden Tag hat man's hören können. Aber wann d' Frau Fürstin Mutter da is, hat's allweil an End mit der Musi. D' Leut sagen, sie täten sich net recht vertragen mit anand, die junge Herzogin und ihr Frau Fürstin Mutter. Freilich, die is allweil eine von der scharfen Seiten gwesen. Aber was geht's denn mich an? Und ich will nix gsagt haben. Hüoh!"

Der Gaul, der die Peitsche fürchtete, fiel in schärferen Trab. Und die kleinen Schellen rasselten in der kalt leuchtenden Stille des Wintermorgens. Im Unterdorfe stand Herr Wohlverstand wartend vor der Wirtshaustür, in seinen Fuchspelz eingesackt. "Lang hat's dauert!", sagte er lachend, reichte seinem jungen Kompagnon die Hand und stieg in den Schlitten. Der schwere Pelz und was dem Herrn Friedrich Wohlverstand sonst noch gehörte, nahm einen so breiten Raum ein, dass sich Ambros schmal machen musste.

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