Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 3

An diese vergangenen Dinge dachte fünfzehn Jahre später der Tiefbauingenieur Ambros Lutz, als er an einem leuchtenden Nachmittag zu Ende Mai auf der Großen Not war, um die Pläne zur Verbauung der Wildach zu revidieren.

Es war ein ernster, von Arbeit umzäunter Weg gewesen, der den jungen Mann zu dieser Erfüllung eines Traumes seiner Kinderzeit geführt hatte.

Weil seine Mutter die Trennung vom Sohn, als er die Lateinschule besuchen musste, schwer ertrug, opferte Doktor Lutz seine Landpraxis und nahm die Physikusstelle in einer Provinzstadt an, wo Ambros das Gymnasium besuchen konnte. Ein halbes Jahr später schloss der Vater die Augen. Er hatte sich bei einem seiner Patienten den Tod geholt. Auf seinen leer gewordenen Sessel ließen sich zwei üble Geschwister nieder: Schmerz und Lebenssorge. Wohl war ein kleines Vermögen da, etwas 30000 Mark; die Zinsen reichten nicht, um zwei Menschen zu ernähren und einen Jungen studieren zu lassen. Die kleine, tapfere Frau, die nichts anderes mehr verlangte, als dem Werden ihres Sohnes zu leben, machte kurze Rechnung. Sie kaufte mit ihrem Vermögen eine Leibrente auf fünfzehn Jahre und achte: Bis dahin wird mein Brosi was geworden sein, wird sein sicheres Leben haben, und ich bin überflüssig.

In München nahm sie eine Vorstadtwohnung, die aus zwei Zimmern und Küche bestand. Verwandte boten ihr Hilfe an; Frau Lutz brachte das nicht über sich, ihrem Jungen was schenken zu lassen. Alle Worte ihres Mannes hatten einen Altar in ihrem Herzen, auch dieses eine: Das Brot der Verwandten ist hart wie Stein und bitter wie Galle.

Unter dem Schatten ihrer Trauer führten Mutter und Sohn ein stilles Leben. Zwei Menschen, die an Herz und Gedanken eins waren! Ambros, früh gereift durch den Schmerz um den Vater, arbeitete ruhelos, zuerst nicht aus Ehrgeiz und Lernbegierde, nur um der Mutter keinen Kummer zu machen. Bei der Stetigkeit des Schaffens begann sich das langsam in seiner Seel auszuwachsen: Du musst etwas Großes werden! Zu diesem Gedanken halfen noch die fliegenden Träume, die in der Kinderzeit sein blondes Köpfl durchgegaukelt hatten, und die auch in der dämmerigen Vorstadtwohnung nicht starben. Wenn er träumend wegsah über die lateinische Grammatik, baute er Luftschlösser, füllte den Schoß der Mutter mit den Schätzen aller Welt und legte ihr die Lorbeeren seines Ruhmes zu Füßen. In die Träume von allem Kommenden webten sich die Bilder der Vergangenheit: Das schmucke Haus der Eltern in dem freundlichen Garten, der tiefe dunkle Wald, die Wildach mit dem Totenmännlein unter dem schillernden Wasser, die Große Not, das silberne Prinzesslein mit den rotgoldenen Flügeln, der Waldrauscher mit seinen unverständlichen Liedchen, wildes Schreien an einem schönen Tag, der Kindlesvogel mit dem gefährlichen Schnabel, ein weißer Spitz, der immer bellte, ein leuchtender Abend mit rot schimmerndem Elfenspiegel, der geliebte Tonele mit seinen guten und seinen zornigen Augen, der glitzernde Silberleib des ‚hundertpfündigen’ Huchen und noch tausend andere, unvergessliche schöne Dinge.

Mit den Jahren fiel trüber Stadtstaub über dieses Herrliche von einst. Und Ambros wurde bei der Arbeit müde. Nur die Lieder des Waldrauscher blieben ihm. Immer wieder sann er nach über ihren wunderlichen Sinn, der sich dem Verstand des Knaben nicht erschließen wollte.

In den letzten Gymnasialjahren verursachte ihm die Berufswahl ruhelose Nächte. Wie konnte er schnell emporkommen? Als Arzt? Zehn Semester und dann die Assistentenzeit in der Klink? Nein, das konnte die Mutter nicht leisten. Ein halbes Jahr lang klammerte sich sein Herz an eine klingende Hoffnung. Musik! Er hatte Talent, spielte Klavier, dass die Leute auf der Straße lauschten, wenn er in seiner kleinen Stube mit Bach und Beethoven allein war. Kunst? Eine schöne, doch unsichere Sache! Auf diesen ungewissen Weg durfte er die Mutter nicht mit sich hinausziehen. Auch Gedichte machte er, nie am Tage, nur in schlaflosen Nächten. An dem Herbstmorgen, an dem er sich für ein technisches Fach am Polytechnikum inskribierte, verbrannte er alles, was er seit drei Jahren gereimt hatte.

Verwandte, die vieles redeten, weil sie nichts zu geben brauchten, hatten ihn zu dieser Wahl gedrängt: Technik, Bauwesen, da kommt man am schnellsten zu Brot. Er wühlte sich bei rastloser Arbeit in ein Gefühl hinein, das sich ansah wie Freude an seinem Beruf. Auch träumte er wieder ein bisschen, dachte an kunstvolle Bergbahnen und kühn geschwungene Brücken, die sich den sieben Weltwundern zugesellen sollten. Ehe noch das zweite Semester zu Ende ging, wurden diese fliegenden Träume immer ängstlicher. Eine lähmende Erschöpfung begann ihn zu überfallen, eine fiebernde Unruh, die seine geistigen und körperlichen Kräfte zerrieb. Was ihm die Seele zermarterte, kam aus sehnsüchtigem Suchen nach einer klaren, auf alle Fragen antwortenden Weltanschauung. Ein persönlicher Gott, der das Schicksal der Menschen leitet mit liebevoller Hand? Hatte dieser Gott nie die rot geränderten Augen der Frau Lutz gesehen? Wusste er nicht, was in dem stumm verschlossenen Herzen dieser Mutter ohne Ruhe zitterte? Und wenn er das sah und wusste, warum half er nicht? Weil er nicht konnte? Einer, der in Ohnmacht thront, ist das ein Gott? Oder weil er nicht helfen wollte? Dieser besten aller Mütter? Darf, wer Gott heißen möchte, grausam sein wie ein Raubtier? Und ein schuldloses Leben mit Schmerzen schlagen? Ein Gott, der mit Ruten schlägt, wen er lieb hat? Welch ein irrsinniges und gotteslästerliches Wort! Wenn aber nicht einer ist, bei dem die Liebe wohnt, einer, der alle Fäden des Lebens schlingt und löst? Einer, von dessen Fingerspitzen die leuchtenden Welten rollen wie von einer schenkenden Königshand? Wenn dieser Einzige und Herrliche nicht ist? Was dann? Das ewig Unbegreifliche? Sinnloses Leben, das keinen andern Zweck hat, als sich in Qual von der Wiege hinüberzuwälzen zur Stunde des Todes? Wozu dann Arbeit, Mühe, Streben, Reinheit und Pflicht?

Solche Fragen waren in seiner Seele durch Tag und Nacht. Dieser Sohn wurde ein Leugner, weil er seine Mutter liebte und sie leiden sah. Dabei sah er nur ihre Trauer um den Gatten, ihr Bangen um den Bedarf jedes Tages, ihre wachsende Angst vor den kommenden Jahren. Für das Quälendste im Lebenskampfe dieser Frau, die in jungen Jahren Witwe geworden, dem verlorenen Manne treu bleib mit allen Kräften ihrer Seele und das Dürsten ihres Blutes schweigend niederrang – für diese bitterste Marter im Leben seiner Mutter hatte der Sohn kein Auge. Er erschrak nur manchmal, wenn er sich zu abendlicher Dämmerzeit nach einer in Schönheit klingenden Stunde vom Klavier erhob, und wenn ihn die Mutter im Dunkel mit stummer, heißer Zärtlichkeit in die Arme schloss. Nicht vor der Mutter erschrak er; immer vor sich selbst. Das hing mit jenem andern Kampf in ihm zusammen, mit dem Aufruhr in seinem Blut. Bei dem zurückgezogenen Leben, das er führte, hatte das länger in ihm geschlummert, als es in andern schläft, die von Jugend auf die Ellbogen reiben an aller lachenden Welt. Seit zwei Jahren beschränkte sich sein Verkehr auf einen jungen Geiger, mit dem er jede Woche ein paar Abende musizierte. Sonst hatte er, um der Mutter keine Kosten zu verursachen, auf alles verzichtet, was Vergnügen und Zerstreuung heißt. Drum kam dieses Natürliche so spät – als er die zwanzig Jahre schon überschritten hatte. Aber da kam es so wild, dass es ihm Geist und Körper zerrüttete. Die Musik, sonst seine Trösterin, warf ihm noch Feuer ins Blut. Das wurde so bedenklich, dass er Herzklopfen und Ohrensausen bekam, wenn auf dem Heimwege vom Kolleg ein schmuckes Fähnchen seinen Körper streifte.

Seine Gesundheit zerfiel, er konnte nicht mehr arbeiten. Drum entschloss er sich nach dem zweiten Semester, seine Studien zu unterbrechen und das Soldatenjahr abzudienen. Das half. Mit seiner jungen Kraft ging es wieder aufwärts. Der strenge, militärische Dienst verlangte den ganzen Körper; da bleib keine Zeit für schwüle Träume und dürstende Nächte. Man war am Abend hundemüde, legte sich aufs Ohr und war froh, sich strecken zu können, um am Morgen gut ausgeschlafen wieder anzutreten. Das war seit Jahren für Frau Lutz wieder die erste lachende Freude: Wenn sie ihren Buben in der kleidsamen Uniform aus der Kaserne kommen sah, mit dem kurz geschnittenen Blondpelz über dem sonnverbrannten Jünglingsgesicht. Im zweiten Halbjahr, als der Dienst sich erleichterte, dachte Ambros schon wieder ans Schaffen, suchte an den Sonntagen das Reißbrett und die Kollegienhefte hervor und verwandte die Abende zu Sprachstudien, um sich in Französisch, Italienisch und Englisch vorwärts zu bringen. Als er den blauen Rock in den Kasten gehängt hatte, stand er wieder fest und verlässlich im Leben, wie ein Stahlzahn im Triebrad einer Maschine. Die Arbeit und seine Mutter – sonst gab es nichts mehr für ihn.

Nach dem achten Semester absolvierte er als Bester seines Jahrgangs. Trotz seiner glänzenden Zeugnisse wollte sich für ihn keine Stelle finden. Die Augen der Frau Lutz begannen wieder so angstvoll zu werden, wie in den schwersten Stunden der vergangenen Zeit. Von den fünfzehn Jahren der Leibrente waren dreizehn schon verstrichen. Von dieser verschwiegenen Rechnung seiner Mutter wusste Ambros nichts. Er fühlte nur: Ich muss verdienen, um der Mutter das Leben leichter zu machen. Drum nahm er schließlich, um ein paar redlich erworbene Groschen heimzubringen, beim städtischen Flussbauamt eine mager dotierte Stelle als Hilfstechniker an. Das war eine Enttäuschung, die ihm das junge Leben fast zerbrach. Weil er sah, dass die Mutter aufatmete, fügte er sich in sein Los und begann sich heimisch in der kleinen Amtsstube zu fühlen. Wirkliche Freude fand er an seinem Beruf, als er nach dem ersten Stubenjahr hinauskam ins Freie und das Lebend er Isar an schönen Tagen und in gefährlichen Hochwasserzeiten kennen lernte. Da sah er friedlichen Zauber, der sich verwandeln konnte in zerstörende Kräfte. Leidenschaftlich begann er den seiner Mitsorge anvertrauten Storm zu lieben, der mit klaren Fluten herströmt von den Bergen, blühende Gärten befruchtet, unermüdliche Arbeit leistet, allen Unrat einer großen Stadt verschlingt, in Licht und Sonne sich wieder reinigt und die Ausgestoßenen des Lebens, die ihre Qual durch einen Sprung in die Fluten stillten, barmherzig davonträgt, um sie fern von der Stadt ans Ufer zu legen oder im rinnenden Kies zu begraben.

Das Rauschen des grünen Stromes weckte in dem Fünfundzwanzigjährigen wieder den träumerischen Hang des kleinen Brosi von einst, der mutig in den ‚tiefen dunklen Wald’ geschritten war. Auch jetzt, wenn er sich vorwärts kämpfte durch alles Dämmerdunkle der Schöpfung, hatte er einen führenden Kameraden: Sein reiches Wissen. Dieser Kamerad verstand sich besser auf das Wesen der Dinge als der Tonele vom Lahneggerhof. Und da fand Ambros ein Großes in allem Kleinsten, ließ sich von allem Wunder des Werdens und Vergehens erheben, wurde in seiner Neugier immer ruhiger, je reicher seine Erkenntnis sich weitete, und begann in allem Vielgestaltigen der Natur ein wenig Einheitliches zu ahnen, das sich den Menschen in jeder Stunde offenbart und sich dennoch ewig vor ihnen verschließt.

So lösten sich für Ambros bei seinen hundert Dienstwegen an den Ufern der Isar die religiösen Kämpfe seiner Studienjahre zu einem Monismus von froher Inbrunst, Mit dem Gebot: „Du sollst den Gott, in dem du bist und der in dir ist, nicht eitel mit Namen nennen! Alle Formulierung ist Irrtum, aller Name ist Maske vor dem Gesicht der Dinge.“ Bei solchen Gedanken erinnerte sich Ambros gern jenes wunderlichen Liedchens, das der Waldrauscher unter der Großen Not gesungen hatte: Von dem Walde, der kein Wald, von dem Bache, der kein Bach ist, und von der Nacht, die wir törichten Menschen so nennen als ein Dunkles.

„Das Kalte ist kalt nicht,
Das Heiße nicht heiß,
Und alles ist anders,
Als einer es weiß.“

Wie nur der Waldrauscher zu diesen klugen Liedern kam? Jedenfalls wusste der seltsame Alte mehr von Gott und Leben als der Kaplan, der gegen das Baden predigte, weil drei einen Fisch gefangen hatten.

Ob der Waldrauscher noch lebte? Ambros fühlte manchmal eine brennende Sehnsucht, wieder einmal da draußen im blühenden Bergwald zu rasten und den Alten singen zu hören. Solche Sehnsucht befiel ihn jedes Mal, wenn ihm eine Hässlichkeit des Lebens begegnete, wenn er eine Ungerechtigkeit erfuhr oder ein Unrecht an anderen geschehen sah, die wehrlos waren. Dann geriet er in einen heißen Ingrimm wider das ‚Scheusal Stadt’. Frau Lutz hatte da ein geduldiges Wort: „Es wird wohl so sein müssen, wenn wir auch nicht begreifen, warum!“ Nein, zu begreifen war das nicht. Die Notwendigkeit des Schmerzes ließ Ambros gelten; Schmerz gibt neue Kräfte, Schmerz adelt und läutert. Und der Tod ist nur ein Wandel der Form. Da hat der Mensch kein Recht zur Klage. Vergehen ist so schön und göttlich wie das Werden. Aber wenn Gott in allem ist, und alles ist in Gott? Wie bekam das Böse, das Verbrechen und Laster in der Einheit der Schöpfung Raum und Lebensrecht? Entweder muss Gott einen Widersacher habe, gegen den er ohnmächtig ist – so dachten die Menschen schon vor ungezählten Jahrtausenden und erfanden den dummen Teufel – oder alle Tücke und Niedertracht des Lebens muss ein Ausfluss und Wille Gottes sein, eine Eigenschaft des Großen und einen selbst? Solcher Glaube wäre Sinnlosigkeit. Es blieb für Ambros nur der Schluss: Ein ewiges Rätsel! Und es blieb ihm der Glaubenssatz: „Das Unbegreifliche darf mir das klar Erkannte nicht verwirren. Fühl’ ich, das Gott in mir ist, so verpflichtet mich das, in mir das Göttliche zu wahren und so zu leben, dass ich würdig bin meines Gottes und meiner selbst.“ Mit solcher Logik brachte er alles Revoltierende in seiner Seele wieder zu stillem Frieden. Bleib trotz allem ein Unstillbares in ihm, so setzte er sich in grauer Dämmerstunde ans Klavier, badete sich in einer Sturzflut schöner Klänge und ging durch ein sich still bescheidendes Leben, als Fünfundzwanzigjähriger noch immer das Kind seiner Mutter, mit reinem Leib und unerschlossenem Herzen.

An einem schwülen Sommerabend bleib Ambros länger als sonst am Klavier sitzen, und eine stürmende Sehnsucht war in seinen Tönen. Als er im Zwielicht die Hände in den Schoß fallen ließ, trat die Mutter hinter seinen Stuhl, strich ihm übers Haar und fragte mit einem Lächeln, hinter dem sich ihre Angst verbarg: „Geh, sag mir’s doch endlich! Gelt, du bist verliebt?“ Er lachte lustig hinaus, als hätte die Mutter was furchtbar Komisches gesagt. Sie wurde verlegen, und ihre Stimme zitterte. „Du bist kein Kind mehr. Ein netter, tüchtiger und verlässlicher Mensch bist du doch auch. Da wär’ es nur natürlich, dass sich einmal für dich was Liebes findet.“

Dieses Wort schien ihn nachdenklich zu stimmen. Dann zog er die Mutter lachend an sich. „Die Liebste von allen bist mir du! Eine, die nur halbwegs wäre, wie du bist, find’ ich nicht. Da musst du mich schon behalten.“ Weil die Mutter schwieg, stand er auf und schloss das Klavier. „Komm! Der Abend ist heute so schön. Ein Stündl im Freien wird dir gut tun.“ Unter einem gelb brennenden Himmel und an der rauschenden Isar wanderten sie Arm in Arm zu einem Kellergarten, plauderten wie sonst auf einem solchen Weg und kauften ihr billiges Abendbrot, das sie in den Wirtsgarten mitnahmen.

Unter alten Kastanien saßen sie zwischen tausend fremden Menschen, tranken aus dem gleichen Kruge, verzehrten, was sie mitgebracht hatten, und schweigen dazu, weil eine Regimentskapelle spielte. Da kam es so, dass Ambros die Mutter betrachten musste. Er dachte in Freude: „Wie gut und jung die Mutter heut aussieht!“ Sie saß im hellen Schein einer Laterne. Unter dem schmalen Schattenkreis, den die Krempe des Strohhutes um Stirn und Schläfe zeichnete, schimmerte das reiche Blondhaar. Sie hatte erst ein paar Jahre über die Vierzig. Mit Achtzehn hatte sie geheiratet und war im ersten Jahr ihrer Ehe Mutter geworden. Wohl hatte sie schon graue Fäden im Haar; aber die sah man nicht zwischen dem lichten Blond, das noch immer dauerte. Auch hatten Schmerz und Sorge manche Schattenlinie in das feine, blasse Gesicht gezeichnet. Dennoch hatte Ambros recht: Frau Lutz sah heute besser aus als sonst, und die blauen Augen, die beim Klang der Musik hinausträumten in die Sommernacht, hatten frohen Glanz, der dem schmalen Frauengesicht einen Schimmer von Jugend gab. Und das helle Waschkleid, ein Werk ihrer Hände, kleidete sie schlanke Gestalt so gefällig, dass eine junge Frau, die mit Mann und Mutter neben den beiden am Tische saß, sich bei Frau Lutz nach der Adresse ihrer Schneiderin erkundigte. Ambros, stolz auf die geschickte Mutter, horchte eine Weile hin. Dann begann er, die letzten Bissen der Mahlzeit verzehrend, auf dem zerkrümmten Zeitungsblatte zu lesen, in dem er das kalte Nachtmahl mitgebracht hatte. Plötzlich schoss ihm eine heiße Blutwelle ins Gesicht, und seine Augen erweiterten sich zu einem seltsam verstörten und dennoch träumerisch frohen Schauen.

Es war ein Wunder geschehen – eines von jenen Wundern des Alltags, die sich ereignen, man weiß nicht wie, und die von einer Minute zur nächsten über das Schicksal eines Menschen entscheiden. Dieses Wunder, aus dem für Ambros Lutz die seligste Freude und die große Not seines Lebens wachsen sollte, war ein fast lächerlicher Zufall: Die Existenz dieses fettfleckigen Zeitungsblattes. Solche Blätter lagen zu Hunderten auf den mit schwatzenden Menschen besetzten Tischen umher. Für die vielen anderen waren diese Blätter nur Hülle, aus der sie Wurst, Schinken und Käse herausgewickelt hatten – für Ambros Lutz war das zerknüllte Blatt eine inhaltsschwere Verkündigung. Es war ein Zeitungsblatt der vergangenen Woche. Und da stand eine amtliche Kundmachung: Die Regierung von Oberbayern hatte einen Wettbewerb zur Regulierung und Verbauung der Wildach ausgeschrieben; der Schlusstermin für Einlieferung der Pläne war auf den 15. Oktober angesetzt.

Das hatte Ambros gelesen. Wie Feuer war es ihm in Kopf und Herz gefallen. Alles Verdämmerte und Erloschene stand plötzlich wieder lebendig vor seinen Augen. Als wären zwanzig Jahre nur ein Hauch gewesen, so deutlich erinnerte er sich jenes Frühlingsmorgens, an dem er mit dem Tonele den tiefen dunklen Wald entdeckte, erinnerte sich der silberweißen, goldrot geflügelten Prinzessin, die von der Großen Not gekommen. Er sah den steilen Berg und erinnerte sich des eigenen Wortes: „Da möchte ich hinauf! Einmal!“ Er hörte das Wort des Tonele: „Da tätst du herunterfallen und tot sein!“ Er sah das öde Kiesbett der Wildach und die Zerstörung an ihren Ufern, hörte viele Menschen in Verzweiflung schreien, sah ein grün schillerndes Wasser über einem Gerippe und hörte, was sein kindlicher Mut aus bekommenen Träumen heraus geredet hatte: „Wenn ich groß bin, bau ich eine feste Mauer, wo das wilde Wasser geht, und dann kann das Wasser nimmer kommen von der Großen Not!“

Welch ein Lebenswerk! Vorgeahnt in einem Kindertraum! Warum sollte dieser Traum sich nicht erfüllen können? War der Wegweis dieses Abends wirklich nur ein Zufall? War das nicht lange schon für Ambros vorbereitet? Und was dem Tonele vor zwanzig Jahren so töricht erschien, dass er es keiner Antwort würdigte, das war für Ambros nun verwandelt in eine lockende Frucht seines Lebens. Zerstörende Gewalten der Natur in Fesseln legen, Fluren schützen und fruchtbares Land gewinnen, bedrohte Häuser wahren und die unter ihren Dächern wohnenden Menschen sichern in ihrem lachenden Glück! Kann das Leben einem Künstler, einem Gelehrten, einem Feldherrn schöneres Werk bescheren? Ein heftiges Zittern befiel seine Hände, auf seinem Gesicht war ein fieberhaftes Brennen.

„Bub?“, stammelte die Mutter. „Was hast du denn?“

Er schüttelte den Kopf, säuberte mit dem Taschentuch das fettfleckige Orakel, faltete das Zeitungsblatt zusammen und legte es in sein Notizbuch, so achtsam, als wär’ es eine Hunderttausendmarknote. Dann grüßte er die verwundert dreinschauende Gesellschaft, die am Tische saß, und sagte: „Komm, Mutter! Ich möchte heim.“

Sie tat, was er wollte, ohne Widerspruch, mit stummer Angst in den Augen. Draußen auf der stillen Straße klammerte sie sich and en Arm des Sohnes. „Sei doch barmherzig! Und sag mir, was dir ist!“

„Mach dir keine Sorge! Mir ist nur eine Arbeit durch den Kopf gefahren. Eine schöne Arbeit, Mutter!“

Sie atmete auf und sprach kein Wort mehr, um Ambros nicht in seinen Gedanken zu stören. Daheim, bevor er in seine Stube ging, presste er die Mutter so stürmisch an sich, dass sie den Sohn erschrocken von sich fort schob. Die ganze Nacht saß er bei der Lampe vor dem Reißbrett und hielt mit flüchtigen Linien die ersten Pläne fest. Während der folgenden Tage versäumte er in den vom Dienst freien Stunden keine Minute. Er arbeitete in den Mittagstunden, den ganzen Abend, die halben Nächte. Dieses Übermaß von Arbeit schien ihn nicht zu ermüden, eher zu erfrischen und zu kräftigen. Ein paar Tage schwieg die Mutter; dann fragte sie: „Darf ich denn nicht wissen, was du machst?“

Er nahm sie um den Hals. „Das soll erst reifen. Dann bist du die erste, die es erfahren und sehen soll.“

In der zweiten Woche begann ihm die Arbeit zu stocken. Die Landkarten, die er sich beschafft hatte, genügten ihm nur für den Planentwurf im großen, nicht für die Ausarbeitung der Einzelheiten. Er musste hinaus ins Wildachtal, um alles an Ort und Stelle mit eigenen Augen zu sehen. Anfang September ließ er sich einen zehntägigen Urlaub geben. Als er zur Mutter von Übermüdung sprach, von einer ‚kleinen Erholungstour in die Berge’, erschrak sie, als wäre ein Unglück über sie hergefallen. Dann wachte sie die ganze Nacht, um alles, was Ambros für die Reise nötig hatte, hübsch zu richten und zu packen.

Während der Bahnfahrt hatte er kein Auge für die Landschaft. Mit seinen Plänen beschäftigt, suchte er im Bild der Berge immer die Kuppe der Großen Not. Endlich unterschied er in der Gipfelkette die steile, kahle Zinne. Sie war von der Sonne voll bestrahlt und glänzte in der trockenen Herbstluft wie Silber. Diesem Schimmer gegenüber erwachte in Ambros plötzlich die Erinnerung an ein Wort des Waldrauschers: „Die Große Not hat eine Mutter, und das ist die Heiligste Freud!“ Betrog ihn da nicht sein Erinnern an die Kinderzeit? Der schöne Glanz dort oben sagte das Gegenteil. Die rauschende Macht, die sich von den steinernen Brüsten der Großen Not in das Tal der Menschen niederstürzte, sollte für Ambros die stolze Freude seines Lebens gebären.

In der Endstation seiner Fahrt nahm er sich kaum Zeit, einen Bissen zu genießen. Sein Gepäck übergab er dem Stellwagen und nahm, von der Landratte geführt, den Überstieg über steile Waldkuppen, um an die Stätte seiner Arbeit zu gelangen. Als er von der Passhöhe den Ausblick über das Wildachtal gewann, schoss ihm das Blut wie ein heißer Sturz zum Herzen. Die Wiege seines Lebens! Die Heimat! Der Himmel, der über dem Glück seiner Eltern geleuchtet hatte! Das schöne Land seiner Kinderzeit!

Gleich kamen wieder die Gedanken an seine Arbeit. In seiner Mappe skizzierte er den Lauf der Wildach, so weit er das blinkende Kiesbett überblicken konnte, das sich vom Fuß der Großen Not fast in gerader Linie hintrieb, eine rücksichtslose Straße des Schreckens. Dann nahm er den Weg ins Tal so ungestüm, dass er in Schweiß gebadet bei den ersten Wiesen anlangte. Er kümmerte sich um kein Haus, um keinen Menschen, sondern wanderte rasch hinüber gegen den Ausfluss der Wildach aus dem tiefen, dunklen Walde. Es kam ihm nicht der Gedanke: Das ist Pfad, den ich schon gegangen bin. Er sah nicht den neu besandeten Reitsteig, sah nicht den verwitterten Pfahl mit der aufgefrischten Inschrift: ‚Verbotener Weg’. Nichts anderes sah er als die weiße Flut des Gerölles, das die Wildach aus den Bergschluchten heraus getragen und über Wiesen und Felder geschüttet hatte. Wie übel musste das Wasser in den vergangenen Jahren hier gehaust haben! Wie viel an furchtbarem Boden lag von totem Gestein übergossen! Fast um das Doppelte war die Kiesstraße des Wildwassers in die Breite gewachsen.

Die Stirn von Schweißperlen glitzernd, mit einem Blutschlag, der ihm herauftobte bis in den Hals, fing Ambros die Arbeit an. Den Lauf der Wildach talab verfolgend, zeichnete er und schrieb und hantierte mit dem Bandmaß. Diese Stunde des Schaffens bestätigte ihm, dass er mit dem ersten Gedanken das Richtige getroffen hatte. Hier im offenen Tal war nichts gegen die Gewalt des Wassers zu erzwingen. Wenn der wachsende Strom zu Hochwasserzeiten gebändigt seinen Weg zwischen Dämmen und Faschinenbauten nehmen sollte, musste aller Schrecken der Wildflut schon gefesselt sein, noch ehe sie hervorbrauste aus den Bergschluchten. Immer wieder blickte Ambros gegen den breit ansteigenden, von zahlreichen Bachrinnen durchrissenen Forst zurück. Dort oben, in den Klüften der Großen Not und in dem ‚tiefen, dunklen Wald’, hatte er das schwerste Stück seiner Arbeit zu leisten: Die vielen Bachläufe zu regulieren, die Geröllfänge und Staffelungen anzulegen, die große Sperrmauer zu bauen und das riesige Stauwerk einzurichten, aus dem die angesammelten Wasser friedsam ihren Abzug nehmen sollten.

Die Sonne war rot geworden, und violette Schatten flossen über die abgemähten Wiesen, als Ambros die Arbeit des ersten Tages einstellt. Wo sollte er wohnen? Ein Wirtshaus, der ‚Oberwirt’, war in der Nähe. Das wäre ihm für die Arbeit bequem gelegen. Es zog ihn zum Unterdorf. Er wollte, bevor er zur ersten Nacht in der Heimat die Augen schloss, das Haus noch sehen, in dem die Mutter ihn geboren, der Vater mit lachendem Leben zu ihm gesprochen hatte.

Vom Kiesbett der Wildach weg schreitend über die Wiesen, kam Ambros zu einem Altwasser, das von der breiten Geröllstraße des Gießbaches nur noch durch einen schmalen, halb versumpften Wiesenstreif getrennt war. Drum erkannte Ambros nicht gleich, wo er sich befand, obwohl der stille Bachlauf mit den Weidenstauden und Erlenbüschen sein Bild in fünfzehn Jahren nur wenig verändert hatte. Am jenseitigen Ufer des Altwassers kniete ein junges, schlankes Mädel im Sand, um Wäsche zu spülen. Im Schein des Abends sahen die weißen Linnenstücke aus wie purpurne Tücher. Das niedergebeugte Gesicht des Mädels war nicht zu sehen. Gleich einer schweren Haube lag die Fülle des kupferdunklen Haares um den Kopf herum. Als sie über dem Wasser drüben den Schritt vernahm, blickte sie auf, ein hübsches Gesicht, ernst, von trotziger Strenge. Die entblößten Arme in den Sand stützend, sah sie gleichgültig über das Wasser zu dem fremden Menschen hinüber; dann grüßte sie stumm und nahm die plätschernde Arbeit wieder auf. Ambros sagte: „Guten Abend!“ Er lüftete den Hut und ging an dem stillen Wasser hin, bis er eine Brücke fand. Erst in der Dämmerung des Buchenwäldchens, das er durchschreiten musste, um zur Straße zu kommen, erwachte in ihm das Erinnern. „War denn das nicht der Platz, wo wir den großen Huchen fingen? Der Tonele und –„ Was Schönes und Frohes blühte aus der Vergangenheit herauf, umgossen von rotem Glutschein. Ambros sah das zornige Gesicht des Tonele, der sich ärgerte über die Frage: „Warum bist du so grob gewesen?“ Dieses Mädel am Wasser? Dieser Kupferglanz im Haar? Und drüben das kleine Haus, in dem vor einundzwanzig Jahren eine Stimme so grell geschrieen hatte?

Ob diese junge Wäscherin am Bache nicht die Beda war? Das Enkelkind der Wildacherin? Dieser sonderbare Name? Beda? Über diesen Namen hatte sich der grüblerische Brosi stets gewundert, schon damals vor Jahren. Niemand sagte dem Knaben, wie es zugegangen war, dass man ein Menschenkind auf solch einen wunderlichen Namen taufte – ein Mädel auf den Namen eines Mannes! Die junge Mutter hatte sich um den Namen ihres Kindes nicht sorgen können, weil sie bewusstlos im Fieber lag, und als man die Wildacherin fragte, hatte sie im Zorn gesagt: „Meintwegen taufts es Bankerlaus, mir is alles gleich!“ So ließ die Weiserin dem Kind den Heiligennamen geben, der am Tauftag im Kalender stand. Während der folgenden Nacht verbrannte das Leben der Mutter im Fiebergluten. Und die Weiserin sagte mit ihrer fetten Stimme: „Jetzt hat dös arme Madl net amal erfahren, was ihr Kindl für an schönen Namen kriegt hat. No, der heilige Beda wird’s ihr schon sagen im Himmel droben.“ Da schrie die Wildacherin aus ihrem Gram heraus: „Sie kommt net auffi!“ Dann brach sie zwischen dem Totenbett ihrer Tochter und der Wiegenkiste des Enkelkindes in Schluchzen aus. Diese heißen Tränen waren das Ende ihres Zornes und der Anfang ihrer Liebe.

Von diesen Dingen wusste Ambros nichts. In seiner Erinnerung war nur jenes gellende Geschrei, die Freude jenes leuchtenden Abends, der glitzernde Huchen im Gras und die Grobheit des Tonele, der sonst so gut sein konnte. Während des lächelnden Rückschauens in die Vergangenheit schritt Ambros an einer frisch getünchten, mit braun verwitterten Ziegeln gedeckten Mauer hin, die von zierlichen, mit Steinkugeln gekrönten Säulen unterbrochen war. Feine Klänge weckten ihn aus seinen Gedanken. Eine Geige! Ambros stand vor einem schmiedeeisernen Gittertor, das geschlossen war. Zwischen Blumenrabatten und den grünen Wänden gestutzter Bäume zog sich in der sinkenden Dämmerung ein langer, besandeter Weg gegen ein weißes Gebäude hin, das verschleiert war vom Wasserregen zweier hochspringenden Fontänen. In Ambros erwachte keine Erinnerung. Nichts an diesem Bild erschien ihm märchenhaft. Er dachte nur: „Das Fürstenschlössl! Und die Herrschaften müssen noch hier sein!“ Denn auf dem Dach der Villa flatterte eine rot und weiß geteilte Fahne. Er wollte weitergehen und blieb wieder stehen, um diesem Klang zu lauschen. „Das muss eine gute, alte Geige sein! Sonst trüge der Ton nicht so weit.“ Manchmal erlosch der Klang im Rauschen der Springbrunnen. Jetzt wieder. Nein, das Spiel war zu Ende. Etwas Schlankes und Weißes bewegte sich auf der Veranda und verschwand im Hause. Nur noch das leise Geriesel der Fontänen. Und an der Villa erleuchteten sich drei Fenster.

Im kühl werdenden Abend wanderte Ambros die Straße hin und freute sich auf das Wiedersehen mit dem Tonele. Nun stand er vor dem Lahneggerhof. Der sah genau so aus wie vor fünfzehn Jahren. Nur die Obstbäume waren größer geworden, und der Gemüsegarten war nicht so gut gepflegt wie damals. Ambros trat in den Hof. Alles still. Der alte Knecht, der auf der Hausbank hockte, schien bei seiner Pfeife eingenickt. „Guten Abend! Ist der Toni daheim?“

Der Knecht rückte die Pfeifenspitze aus dem linken Mundwinkel in den rechten. „Wer? Ah so, den Brudern von Bauern meinen s’? Na! Da müssen s’ weit marschieren. Der is seit drei Jahr in der Fremd.“

„Der Toni? In der Fremde? Und die Lahneggerin?“

„Die schlaft.’

„So früh am Abend?“

„Weil s’ krank is. Kranke Leut schlafen allweil. Weil s’ nix bessers haben.“

„Was fehlt der Bäuerin?“

„Ich weiß net. Dokter hat s’ kein’. Is halt an alts und an einschichtigs Leut. So viel müd allweil. Und verdrossen über jeden Tag.“

Ambros kehrte auf die Straße zurück. Nach dem Krispin zu fragen, fiel ihm nicht ein. Und ein schmerzendes Gefühl hatte er. Als wäre ihm ein Stück seines Lebens aus dem Herzen herausgerissen. Er ging zwischen den Häusern hin, als hätte sich das alles für ihn verwandelt in eine fremde Welt. Weil der Tonele fehlte. Im ‚Gasthaus zur Post’ nahm er Quartier. Dann trieb es ihn, noch vor Nacht das Haus zu sehen, in dem er mit Vater und Mutter seine frohe Kindheit verlebt hatte. Er musste weit durch das Dorf hinaus wandern. Und es schnürte ihm das Herz zusammen, als im Dunkel das schwarze Dach vor ihm auftauchte. An dem versperrten Zauntürchen lehnte sich Ambros mit beiden Armen über die Stäbe. Sein Herz hämmerte.

Der Hofraum leer und still. Am Haus zu ebener Erde alle Räume finster. Nur im oberen Stock zwei Fenster erleuchtet, von weißen Gardinen dicht verhüllt, durch die das rötliche Licht heraus quoll. Ambros fühlte sich von einer Schwermut befallen, die er nicht überwinden konnte. An alles Vergangene dachte er, aber nichts wollte sich ihm froh beleben. Alles hatte einen Flor. Er wollte sein Erinnern zwingen, ihm den Vater zu zeigen, wie er daheim gewesen war, in der Stube, am Tisch, im Garten. Doch er sah den Vater immer nur in der kleinen Kutsche sitzen, mit ernstem Gesicht, immer bemüht, den galoppierenden Braunen zu zügeln. Und plötzlich hatte er die Vorstellung, als beugte sich die Mutter dort oben zu einem schwarzen Fenster heraus. Ganz dunkel war sie. Dennoch sah er die angstvollen Augen und den suchenden Blick.

Es trieb ihn fort. „Was hab ich denn?“ Er schob es auf die Luft, die ihm so schwül erschien, als käme ein Gewitter. Doch die Nacht war kühl. Und der klare Herbsthimmel, an dem die Sterne zitterten, begann sich zu erhellen. Noch ehe Ambros zu seiner Herberge kam, lag auf der Straße ein milchiger Schein um ihn her. Die Häuser waren weiß und schwarz. Wie Seidengespinst mit schwarzblauem Muster stiegen die östlichen Berge in den Himmel, über den der Vollmond zur Höhe schwamm. Während Ambros emporblickte, war ihm, als hätte er die lachende Stimme des Vaters vernommen: „Mondschein! Mondschein!“ Etwas Glückliches durchzitterte das Herz des Sohnes bei diesem erträumten Lachen des Vaters. Alles Bedrückende war von ihm gelöst, alles Vergangene wurde wieder schön und froh.

Im Wirtshaus setzte er sich in dem kühlen Fremdenstübchen vor die flackernde Kerze und schrieb an die Mutter. Dabei musste er ein bisschen schwindeln, um den Zweck seiner Reise zu verschleiern. „Einen lieben, schönen Gruß aus der Heimat. Gelt, Mutterle, da guckst du!“ Noch auf dem Bahnhof hätte er sich anders besonnen. Und statt ins Berchtesgadener Ländl zu reisen, hätte es ihn hierher gezogen: „An die Stätte deines Glückes, unter den Himmel meiner lachenden Kindheit, für die ich dir und dem Vater dankbar bin mit zärtlichem Herzen.“

Zwei Stunden schrieb er. Um der Mutter willen wurde ihm unter der Feder alles ein anderes, als er es in Wahrheit empfunden hatte. Jeder Satz, den er schrieb, war auf den frohen Traumklang der letzten Minute im Mondschein gestimmt. Von seiner Arbeit und seinen Plänen stand in dem Briefe kein Wort. Diesen Apfel sollte die Mutter erst genießen, wenn er rotwangig und köstlich geworden.

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