Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
            Buch 1
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               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
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               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
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               Kapitel 10
               Kapitel 11
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            Buch 2
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Kapitel 2

Sieben Jahre später. An einem brennenden Sommertag. Schon gegen Abend. Das Licht hatte noch klare Helle, noch keinen rötlichen Schimmer. Rein wölbte sich der Himmel über die grünen Berge, mit tiefem Blau, das am tiefsten leuchtete, wo die kahlen Felswände der Großen Not in die Höhe stiegen; sie waren nach der Trockenheit der letzten Tage silberweiß.

Bläulicher Dunst lag um die sonnigen Wälder; über den Haferfeldern und über dem breiten Kiesbett der Wildach zitterte die Luft vor Hitze. Auf einzelnen Wiesen wurde schon das zweite Heu geerntet; das hauchte mit dem sanft spielenden Wind seinen Duft über das sonnenschwüle Tal hinaus.

Ein Leiterwagen, hoch mit Grummet beladen, rollte unter Gerassel am kleinen Haus der Wildacherin vorüber und schwankte die Straße einher. Neben den dampfenden Pferden ging in Hemdärmeln ein lang aufgeschossener, derb knochiger Bursch. Der Krispin Sagenbacher vom Lahneggerhof. Ein Zweiundzwanzigjähriger. Etwas Unfreundliches war in dem glatt rasierten, dunkel gebräunten Gesicht, in den flinken, hungrig blickenden Augen, die bei allem, was sie betrachteten, zu sagen schienen: Das möcht’ ich haben! Zwischen den dicken Brauen war von der Stirn eine Zornfurche gegen den Nasenrücken hin geschnitten. Aber die gute Ernte dieses Tages und der Sommerglanz, der sich zu einem schönen Abend hinüberkühlen wollte, schien auch im Krispin Sagenbacher so etwas wie träumende Lebensfreude geweckt zu haben. Immer wieder ließ er die Peitsche knallen und sang mit gellender Stimme ein Liedchen in die Sonne hinaus, eins von den kleinen, wunderlichen Liedern, die das Dorf vom Waldrauscher gelernt hatte. Plötzlich stellte er das Singen ein, blieb auf der Straße stehen, und während die Pferde weiter zogen, drohte er mit der Peitsche über die Wiesen hinüber gegen den von Weiden umschleierten Lauf eines Altwassers und fing ein lästerliches Fluchen an. Unter allen unchristlichen Schwüren versprach er dem ‚kotzmiserabligen Tagdieb’, der da drüben beim Wasser flink hinter die Stauden gesprungen war, zum Abend eine Tracht Prügel, so ausgiebig, dass dem Toni ‚die Seel aus dem Faulpelz fahren’ sollte. „Bluathimisakra! Unsereins schindt sich von der Fruh bis auf d’ Nacht. Und so a Muckenschnapper lackelt beim Wasser umanand und stiehlt unserm Herrgott den Tag und a lausigs Fischl ab. Bluathimisakra! Weil ihm d’ Mutter vor unsinniger Affenlieb alles hingehn lasst! Aber wart nur, Du! Heut kommst mir mit grade Knochen nimmer ins Bett!“

Bei dieser brüderlichen Verheißung befiel den Krispin Sagenbacher ein heiliger Bauernschreck, weil die Pferde mit dem Heufuder unter einen großen, die Straße überschattenden Ahorn geraten waren, dessen Äste sich gegen die hohe Ladung spreizten. Jähzornig trommelte Krispin mit der Peitsche auf die beiden Tiere los. Unter Schnauben machten die Pferde eine gewaltsame Anstrengung, und während in der Ahornkrone die brechenden Äste krachten, ging von dem abgestreiften Heu ein dicker, blaugrüner Regen in den Straßengraben nieder und überschüttete ein siebenjähriges Kind und einen weißen Spitz. Der Sagenbacher fluchte. Er hätte gern das verlorene Heu wieder gesammelt. Aber der Wagen rasselte davon, und die halb scheu gewordenen Pferde rissen den sakramentierenden Burschen an den Leitsträngen mit sich fort.

Bellend sprang der weiße Spitz unter dem Heu heraus, das ihn zugedeckt hatte. Und das flinke schlanke Mädelchen, das weder über den wackelnden Lastwagen noch über den fluchenden Krispin erschrocken war, schüttelte lachend die grauen Heubüschel und das grüne Blätterzeug von sich ab und fing mit dem kläffenden Hund ein lustiges Hetzen und Jagen an. Gleich einer feinen Elfengestalt, die sich zu bäuerlicher Maskerade mit einem groben Leinenhemdchen und einem kurzen Röckl bekleidet hatte, flog das zierliche Figürchen mit dem tollenden Spitz und ei Wette über die Straße hin und her. Glühende Röte brannte auf dem hageren Gesichtl, in dessen großen Braunaugen ein frohes Leben strahle. Das offene kupferdunkle Haar umwirbelte beim Lauf das dünne Hälschen, wirrte sich um die schmalen Schultern und hüllte mit seinem dichten Gezaus das Gesicht des vor Freude jauchzenden Kindes immer wieder in einen sonnig schimmernden Schleier.

Die Jubelschreie der Kleinen und das Gebell des Hundes klangen über die blumige Wiese und über das Altwasser hinüber. Die beiden Knaben, die jenseits des Wassers hinter einem Erlengebüsch hervortraten, schienen des lustigen Spektakels, der von der Straße herüber scholl, nicht zu achten. Der jüngere von den zweien, ein zwölfjähriger schmucker Bub, mit gestutztem Blondhaar und in städtischer Kleidung, blickte stumm an seinem Kameraden hinauf. Dieser Vierzehnjährige, der die Tracht des Dorfes trug, war fast schon ein Erwachsener, schlank aufgeschossen und sonnverbrannt, mit einem strengen, trotzigen Gesicht, in den Augen jene Schwermut, die aus widerwillig ertragenen Leiden wächst. An der linken Schläfe hatte er ein gelbliches Mal, wie von einem Schlag, dessen Spur noch nicht völlig verschwunden ist. Der junge Rücken zeigte eine leichte Beugung. Dennoch schien in diesem Knabenkörper feste Kraft zu stecken. Die Arme, an denen die Hemdärmel aufgekrempelt waren, und die nackten Beine, die stramm aus den Schäften der kurzen Lederhose heraus wuchsen, sahen sich an wie aus lichtbraunem Stein geformt. Etwas Männliches war in seinem ruhigen Schritt, als er an das Ufer des leuchtenden Wassers hintrat und zur Straße hinüberblickte, wo der rasselnde Heuwagen hinter einem Buchenwäldchen verschwunden war.

„Tonele?“, fragte der Jüngere. „Tust Du Dich fürchten vor ihm?“

Der andere schüttelte den Kopf. „Eigentlich hat er recht. Es wär gscheider, ich tät schaffen im Heu. Aber d’ Mutter vertragt die grobe Kost nimmer. Am besten tut ihr allweil noch a Bröckl Fisch.“ Er hob eine leere Gießkanne aus dem hohen, blumigen Gras. „Heut hab ich gmeint, sie beißen, weil sich der Abend so fein hermacht. Und hab mir denkt, ich könnt der Mutter ebbes heimbringen. Aber nix und wieder nix! Komm, Brosle! Schauen wir nach der letzten Angel!“

In der Sonne, die schon lind und goldig wurde, gingen sie an dem stillen Altwasser hin, das an den Ufern seicht und in der Mitte mannstief seine brunnenklaren Fluten langsam talwärts drängte über einen bald mit blanken Steinen ausgelegten, bald mit wunderlichem Kraut bewachsenen Grund. Die Blätter und Ranken dort unten strebten mit ruhelosen Bewegungne dem fast unmerklichen Zug des Wassers nach, als hätten sie Sehnsucht nach einer fernen Heimat, zu der sie nimmer gelangen konnten, weil sie in der Fremde festgewurzelt waren. Wo die Erlenbüsche ihre dunklen Schatten über das Wasser warfen, war ein geheimnisvolles Dämmern in der Flut; unter freiem Himmel spiegelte der stille Bach das Bild des Ufers und der nahen Berge mit den goldsonnigen Wäldern und den Silber blinkenden Steinzinnen. Ein Flug von zahllosen Mücken ging über das Wasser hin. Bald hier und bald dort stand unbeweglich eine Forelle in der Flut, um plötzlich mit weißen Blitz nach einer Fliege aufzuspringen.

„Genug tät’s geben!“, meinte der blonde Brosi. „Warum nur keine gebissen hat?“

„Die Fisch haben Fraß, so viel, wie s’ mögen. Dös muss so sein. Im Winter müssen die Viecher viel leiden. Aber einmal im Jahr hat jedes Tierl gute Zeit. Bloß die Menschenleut haben kein’ Fried bei Tag und Nacht. Sommer und Winter, alles is an einzigs Wehtun.“ Der Toni klammerte die Faust um den Henkel der leeren Gießkanne; seine Stimme wurde tiefer und zitterte. „Ich lass mir’s nimmer länger gfallen. Bal mir der Krispi kein’ Fried net gibt – meiner Seel, ich weiß net, was ich tu!“

Brosi schien plötzlich eine aufregende Sache zu erspähen. Ganz bleich wurde er, streckte den Hals und stammelte: „Da muss einer hängen. Schau nur, wie’s Rütl zuckt!“

Auch Toni hatte die schlagende Gerte gewahrt, die im Rasen des Ufers stak und über den Bach hinausragte. Die ganze Schnur war von der Weidengabel der Legangel abgehaspelt, spannte sich straff gegen das Wasser hin – und da drunten zerrte und zuckte was mit wilden Kräften an der ruhelos nach allen Seiten fahrenden Leine.

Schreiend und vor Aufregung zitternd fingen die zwei Buben zu rennen an, der Toni kam mit langen Sprüngen voraus, und während er die Gießkanne in die Wiese schleuderte, kreischte er: „Mar’ und Joseph! Brosle! Da hängt a Walfisch! Jesus, Jesus! So an Endstrumm Fisch! Den derlupfen wir zwei net aus’m Bach. Herr Jesus, Jesus! Und d’ Mutter kunnt vierzehn Täg dran speisen. Brosle, was machen wir? Mar’ und Joseph!“

Auch Brosi sah im Wasser den großen, wütend umher schießenden Fisch. Ein Walfisch war es freilich nicht, sondern ein Huchen, der seine fünfzehn Pfund und darüber wiegen mochte und sich von irgendwoher in das stille Altwasser verirrt hatte. Es gehen sonst die Huchen zur Sommerszeit nicht an die Angel. Aber mit manchem Tier geht es nicht anders als manchmal mit einem Menschen, der sein klares, geregeltes Leben hat und jäh von einer folgenschweren Torheit befallen wird, so dass er gegen Art und Gewohnheit handelt, aus dunklem Trieb sein sicheres Leben zerstört und sein Herz an eine brennende Angel spießt, um sich in Qual zu verbluten.

Ein paar Sekunden standen die zwei Buben ratlos, bis der Toni in Freude grillte: „Der kommt nimmer aus! Die ganze Angel hat er geschluckt. Und d’ Schnur is fest. Die hab ich selber gflochten. Komm her, Brosle, packen wir’s an!“ Er spuckte in die Hände und haschte die fahrende Leine. „Jetzt muss er aussi! Und wann er an Zentner wiegt.“

Brosi griff mutig zu, und der Toni nahm die Schnur über die Schulter und fing zu ziehen an. Der Huchen, als er den härteren Zug der Leine spürte, verdoppelte die Kraft seines Widerstandes, sprang auf und tauchte, surrte rasend umher und schlug, dass sich das stille, klare Wasser verwandelte in ein trübweißes Gewirbel. Ein paar Mal gelang es dem Buben, den Fisch bis auf den seichten Sand des Ufers herzuzerren; sobald der Huchen den festen Widerhalt des Grundes fand, schlug er sich wieder zurück ins tiefere Wasser, mit solcher Gewalt, dass die beiden Fischer taumelten und nachgeben mussten.

„So geht’s net!“, schrie der Toni. „Halt fest, Brosle! Ich spring ins Wasser eini.“ Kaum hatte er die Hände von der Schnur gelassen, als Brosi schon ins Gras gerissen wurde und ein paar Purzelbäume schlug; keinen Laut ließ er hören und ließ auch die Leine nicht fahren, obwohl sie ihm rote Striemen in die kleinen Fäuste schnürte. „Mar’ und Joseph!“, kreischte Toni, haschte die Schnur und schleppte den Huchen wieder her gegen den seichten Sand. Weil er merkte, dass der Widerstand des ermatteten Fisches zu erlahmen anfing, schrie er: „Ich allein derhalt ihn schon! Herrgott, wird d’ Mutter lachen! Bloß nachlupfen müsst einer a bissl. Spring eini, Brosle, spring eini ins Wasser! Und bei die Keam1 musst ihn packen! Bal ihm der Schnaufer ausgeht, lasst er sich leicht derlupfen.“

In Hast und wortlos zerrte Brosi die Kleider vom Leib, platschte in den Bach und griff mit beiden Armen zu. Das siechte Wasser wurde schlammig, ein Gewirbel dicker Tropfen spritzte in die rot werdende Sonne, und Toni, während er die Leine gespannt hielt, konnte bei diesem pritschelnden Wasserkampf nicht erkennen, ob der Huchen oder der Brosi unten lag. Das ging wirr durcheinander: Dieses Weiße des ringenden Knabenkörpers und dieses Silbrige des kämpfenden Fisches. Plötzlich begann Brosi, der nur das kreidebleiche Gesichtl über Wasser hatte, zwischen Husten und Schlucken zu zetern: „Ich kann nimmer, ich muss auslassen.“

„Mar’ und Joseph!“, stammelte Toni. „D’ Mutter kriegt kein’ Fisch, bald auslassen tust!“ Da hörte er vom andern Ufer her ein vor Erregung gellendes Stimmchen: „Tu net auslassen! Pack ihn fest! Ich komm und hilf.“ Unter Zerren und Ziehen guckte Toni flüchtig auf. Während ein Hund wie närrisch kläffte, glitt was Feines, Weißes und Zierliches vom grünen Ufer ins Wasser. Das kam mit flinkem Geplätscher immer weiter durch den Bach herüber, leuchtete rot in der Sonne, schimmerte silbergrün im Wasser, tauchte völlig unter, kam wieder in die Höhe, zappelte wie ein Pudel über die Tiefe weg, hob die vom triefenden Haar umhüllten Schulterchen, und während der weiße Spitz mit heiserem Gebell seiner kleinen mutigen Herrin nach geschwommen kam, watete das Mädelchen unter Lachen durch das seicht werdende Wasser auf den Brosi zu. Jetzt lagen die zwei nackten Kinder in dem aufgewühlten Sand, hielten den Fisch umklammert und schrieen um Beistand, obwohl sich der Huchen nicht mehr rührte. Toni erkannte, dass der Fisch nimmer schlug, ließ die Leine fahren, sprang ins Wasser, packte den Huchen mit beiden Fäusten am aufgespreiteten Kiemendeckel und zog die mächtige Beute mitsamt den beiden Kindern, die den Fisch noch immer umklammert hielten, auf die blumige Wiese.

Nun befiel alle drei die lärmende Freude des Sieges. Unter aufgeregten Reden standen und kauerten sie, von Wasser triefend, um den Huchen her, dem ein heftiges Zittern über die silberne Haut und durch die Flossen rann, während er wie ein schimmernder Pfahl im Gras lag und mühsam mit den Kiemen arbeitete. Das Leiden des Fisches, die Qual der Angel in seinem Schlund und das martervolle Ersticken eines aus seinem Element gerissenen Geschöpfes – dieses Harte kam den Kindern mit keinem Gedanken zum Bewusstsein. Sie freuten sich des seltenen Fischzuges, waren vom Erfolg berauscht, und Brosi baute das ruhmvolle Erlebnis flink zu einem Wunder aus, von dem alle Menschen noch reden müssten nach undenkbaren Zeiten. Nur Toni blieb noch leidlich bei klarem Verstand und begann das Gewicht und den Wert des Fisches abzuschätzen. Mit den zwanzig Pfunden, die er schätzte, war Brosi nicht zufrieden. Der schwor auf einen Zentner. Den Brosi übertrumpfte noch die kleine Dirn, die sich gebärdete, als hätte sie verzauberten Wein geschlürft. Keinen Satz, den sie mit ihrem quirlenden Stimmchen anfing, redete sie zu Ende. Was sie sagen wollte, wurde ein Lachen und Jauchzen. Als könnte sie ihrer Freude mit Armen und Beinen besseren Ausdruck geben als mit ihrem Züngl, so fing sie ein Springen und Tanzen an, ein Drehen und Wirbeln, dass die feuchten, kupferdunkeln Haare gleich einem kreisenden Teller um ihr Köpfl waren. Auch der weiße Spitz begann unter hallendem Gebell sein Tollen und Rasen. Von dieser springenden Freude wurde Brosi angesteckt, hob jauchzend die Arme in die rote Sonne und rannte über die blumige Wiese hin, um bald den weißen Spitz und blad das fliegende Mädel zu haschen. Durch die ganze Wiese ging das frohe Gewirbel, bis hinüber zu dem öden Kiesbett der Wildach und wieder zurück durch das hohe Gras.

Langsam hob sich Toni von den Knien auf. Während im Glutschein der niedergehenden Sonne die Wassertropfen von seinem durchnässten Gewand wie schimmernde Blutperlen niederfielen, sah er lächelnd den jauchzenden Kindern nach, vergaß den Fisch, von dem er das Pfund auf dritthalb Mark geschätzt hatte, und schien beim Anblick des leuchtenden Bildes zu fühlen: Das ist schön! In seinen Augen war ein Glanz, den sie sonst nicht hatten.

Purpurner Schimmer war über die Wiesen gegossen; alles Wasser brannte wie ein Geriesel funkelnder Rubine; die steigenden Wälder schienen verwandelt in glühende Rosenfelder; wie lodernde Flammen, durchzogen von tiefblauen Schatten, sahen sie alle Steinzinnen der Berge an, und zwischen den gezackten Feuern stieg die Große Not in den gold gleißenden Himmel als eine mächtige Glut. Ganz windstill war der brennende Abend. Man hörte gedämpfte Stimmen und Jodelrufe von überall. Vom fernen Unterdorf klang das Geläut einer Glocke her, und mit dem sanften Getön vermischten sich die Jubelschreie der zwei tollenden Kinder, deren zierliche Körperchen unermüdlich hinflogen durch das purpurne Gras, leuchtend im Rotglanz der Sonne.

Drüben auf der Straße bleib ein alter Bauer stehen. Weil ihn das schöne Gras erbarmte, das die lachenden Kinder niedertraten, fing er zu schelten an. Während er schimpfte, kam vor einer violett durchgluteten Staubwolke eine rot blitzende Equipage angefahren, mit einem reichbetressten Kutscher uaf dem Bock. Eine schöne Frau mit strengem Gesicht ruhte im Fond des Wagens. An ihrer Seite saß ein sechsjähriges Mädchen, in einem Duft von weißen Spitzen; ein Geringel dunkler Löckchen umrahmte das winzige Gesichtl, das nur aus zwei großen, blauen, staunenden Augen zu bestehen schien. Diese Augen fanden das schöne, leuchtende Kinderspiel auf der purpurnen Weise drüben. In Freude begann die Kleine zu rufen und zu deuten. Da senkte die Gouvernante, die würdevoll auf dem Rücksitz der Kutsche thronte, den roten Sonnenschirm vor das Gesicht des Kindes. Die schöne Frau erwachte aus ihren müden Gedanken und fragte mit einem Blick. „Das soll die kleine Durchlaucht nicht sehen!“, sagte die Gouvernante. Sie musste deutsch sprechen. Französisch und Englisch hätte die kleine Durchlaucht verstanden.

„Was nicht sehen!“

„Badende Kinder. Das sollte verboten sein.“

Schweigend lehnte sich die schöne Frau in die seidenen Polster zurück. Das war die weiße Prinzessin mit den rotgoldenen Flügeln, die der blonde Brosi vor sieben Jahren in der Waldrauschblüte unter der Großen Not gesehen hatte.

Als die Kutsche vorüberflitzte, stellte der alte Bauer sein Schelten ein und zog in Ehrerbietung den mürben Filzhut. Kaum gab ihn die violette Staubwolke frei, da schimpfte er wieder und schrie ein paar hässliche Worte.

Das hörte der Toni, der drüben in der purpurnen Wiese neben dem entseelten Huchen stand. Er lächelte nimmer. Ein erschrockenes Besinnen schien den Knaben überfallen zu haben. Und da kam das rot schimmernde Mädelchen auf ihn zugeflogen, weil es sich vom Brosi nicht wollte haschen lassen. Zwischen den Brauen des Toni erschien die gleiche Falte, wie sie der Krispin auf der Stirn hatte. „Du! Schau, dass d’ ummikommst übers Wasser! Und tu Dich gwanden!“

Das Mädelchen schien nicht zu verstehen und sah den strengen Toni wunderlich an.

Der wurde zornig und stieß dem Kind die Faust an die Schulter, dass es taumelte. „Gwanden sollst Dich! Hörst net, was ich sag?“

Dem Kind war alle Freude erloschen. Die Tränen schossen ihm in die Augen, dann schlug es schaudernd die nackten Ärmchen vor die Brust, rannte am Ufer hin, von dem lustig kläffenden Spitz verfolgt, watete durch eine siechte Stelle des Baches, raffte drüben das Röckl und das weiße Hemd aus den Blumen und verschwand hinter dichtem Erlengebüsch.

Die Sonne tauchte hinunter. Noch immer glühte die Große Not. Graublauer Schatten schlich über das Ufer hin, wo Brosi erschrocken vor dem Toni stand, der eine Weidenrute geschnitten hatte. Die zog er dem toten Fisch durch Maul und Kieme.

„Tonele? Warum bist Du so grob gewesen?“

Tonis Gesicht war bleich. „Die sollt sich schamen!“

„Warum denn? Ich bin doch auch nacket.“

„Ein Bub! Das ist was anders.“ Dem Toni zitterten die Hände, während er die Weidenrute um den Kopf des Fisches zu einem Ring flocht.

„Das Mädl hat uns doch geholfen! Oder der Fisch hätt uns alle zwei ins Wasser gerissen. So stark ist er gewesen. Ohne das Mädl hätt ich auslassen müssen. Das Mädl hat sieben Arm gehabt.“

„Geh, lug net wieder!“ Toni zerrte am Weidenring den Huchen auf seinen Rücken, hob die Gießkanne aus dem Gras und ging geärgert davon.

Nachdenklich, ein bisschen schauernd, schlüpfte Brosi in seine Kleider. „Tonele! Tonele!“ Und rannte seinem Kameraden nach.

Drüben am andern Ufer bellte der weiße Spitz. Nach einer Weile schob sich das kleine Mädl im Röckl aus den Stauden, spähte nach allen Seiten, jagte gegen die Wegplanke hinüber, huschte sich atemlos in den Graben, drückte das Gesicht in die Ärmchen und fing zu weinen an. Diese traurige Sache wollte der weiße Spitz nicht mitmachen. Er ging auf Abenteuer aus und begann energisch nach einer Maus zu graben.

Als die rote Glut verdämmerte, kam der Waldrauscher die Straße hergegangen, beladen mit Steinpilzen, Bärenklauen und Reizgern. In sieben Jahren hatte sich das Bild des Alten nicht geändert. Nur sein Gewand sah ein bisschen mehr verwittert aus. Vor dem weinenden Kind blieb er stehen und blickte mit seinen klaren, ruhigen Augen auf dieses kleine leidende Leben nieder. „Meidle? Warum musst Du weinen?“

Ohne zu antworten, rannte das Kind davon, hinüber gegen das Haus der Wildacherin. Das gewahrte der weiße Spitz nicht, der knurrend seine Nase in das Mausloch bohrte.

Der Waldrauscher ging seiner Wege. Halblaut sang er dieses kleine Lied:

„A Graferl, a Mucken,
A Mensch und a Baam,
Da hat a jedwedes
Sein’ Wunsch und an Traam.

Und dürsten toan s’ alle,
Und trinken därf koans,
Und alls is a Leiden,
Gottlob bloß a kloans.“

Als er den Lahneggerhof erreichte, sah er aufgeregte Leute auf der Straße stehen und hörte die Neuigkeit: Der Sagenbacher-Tonele, der einen sechzehn Pfund schweren Huchen gefangen hätte, wäre wegen des Fisches mit seinem älteren Bruder in Streit geraten und hätte ihm einen so groben Faustschlag ins Gesicht versetzt, dass dem Krispin das Nasenbein zerschmettert wäre.

Dem Krispin gönnten die Leute den „gesunden Hieb“, aber dem kleinen Tonele vergönnten sie den großen Fisch nicht. Und am folgenden Sonntag predigte der Herr Kaplan gegen die feindseligen Brüder und gegen die Unanständigkeit des gemeinsamen Badens verschieden geschlechtlicher Kinder; das wäre nicht nur ein schweres Ärgernis vor Gott; auch die fürstlichen Herrschaften im Schloss, die so großen Verdienst in die arme Gegend brächten, hätten sich gegen die schandbare Unsitte mit höchstem Verdruss geäußert.

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1 Kiemen. ^

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