Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Erster Band

Kapitel 1

In ihrem ganzen Leben waren die zwei Kameraden noch nie so weit in die Welt hinaus gekommen wie an diesem Morgen. Von ihrer Heimat war nur noch die Kirchturmspitze zu sehen, die nadelfein heraufragte über den blau träumenden, das ganze Tal durchquerenden Buchenwald. Die goldene Kugel auf dem grün gestängelten Kupferdach des Turmes blinkte in der Maisonne wie ein Stern, so fern, dass ihn keine Sehnsucht zu erreichen wagt. Dennoch wanderte die beiden Kameraden noch immer weiter hinaus in die fremde, wundersame Welt. Jede neue Bergzinne, die sich mit silbernen Schneefeldern heraushob über die steilen Wälder, war ihnen wie ein unerhörtes Ding, bei dessen Anblick man Herzklopfen bekommt. Sie standen und guckten. Und schritten weiter mit jenem Mut, der ein nie Erlebtes zu erleben hofft.

Da tauchte hinter hohen Wälderwogen ein mächtiger Felskoloss heraus, schimmernd in der Sonne, so steil, dass kein Schnee mehr auf ihm haftete, und so kahl, dass man kaum noch eine bläuliche Schattenschrunde in der Steinwand zu erkennen vermochte.

Tief atmend fragte der eine der beiden Knaben: „Tonele, wie heißt der Berg?“

„Ich weiß nimmer. Der Vater selig hat mir’s gsagt amal. Jetzt weiß ich’s nimmer.“

Sie spähten zu dem Berg hinauf, der wie eine steinerne Riesenfaust in das Blau des Himmels griff. Und der kleinere von den zweien, ein fünfjähriges Bürschel, sagte keck: „Da möcht’ ich hinauf einmal!“

„Und tätst abifallen! Und tot sein!“

„Du vielleicht! Ich tät hinaufkommen!“

Dem siebenjährigen Tonele ging ein gutmütiges Lächeln um den weichen, roten Kindermund. Wie in freundlicher Barmherzigkeit sah er den kleinen Brosi an. Das war ein feines, zierliches Bübchen mit einem lichtblonden Ringelwust um das blühende Gesicht, in dem die blauen Augen sehnsüchtig strahlten. Die Füßchen und die runden Waden waren nackt, aber nicht so von der Sonne abgebrannt wie beim Tonele. Der trug außer dem kurzen, verwachsenen Lederhöschen nur ein Hemdl, das nimmer recht sauber war, während der kleine Brosi ein Gewand von städtischem Schnitt hatte, Pumphöschen und Bluse aus braunem Samt. Unter dem blonden Geringel war ein Matrosenkragen aus blau und weiß gestreiftem Leinen über die Schultern herausgelegt. Die Sonnenwärme lockerte das Blondhaar des Bübchens, so dass sich die wirren Ringeln immer leise bewegten. Die gespreizten Füße waren eingewühlt in den Staub der Straße. Immer spähte der kleine Kerl zu der steilen Felszinne hinauf. Dann entdeckte er in der Ferne des blühenden Wiesentales wieder ein geheimnisvolles Ding, das seinen Mut reizte. Dort schlossen die Berge das Tal, und mit sanften Wogen erhob sich ein Fichtenwald; schmale Sonnenbänder flossen über das Meer der Wipfel nieder. Das war anzusehen, als wäre das Schattenblau von schimmerig gezahnten Goldborten durchzogen. Flüsternd sagte der kleine Brose: „Tonele! Da geh ich hinein. In den tiefen, dunkeln Wald!“

Auch dem Tonele brannte ein neugieriger Durst in den nussbraunen Augen. Sein schlankes, kräftiges Körperchen streckte sich, als wäre auch in ihm der Wille zu einer kühnen Tat erwacht. Gleich aber huschte ihm wieder jenes gutmütige Lächeln über das sonnverbrannte Gesicht. Halb mahnend, halb scherzend sagte er: „Brosle! Das sollst lieber bleiben lassen. In dem tiefen, finstern Wald, da fressen Dich die Füchs.“

Brosi blickte nachdenklich gegen den Wald mit den gold leuchtenden Wipfeln hinaus. Trotziger Eigensinn erwachte in seinen groß geöffneten blauen Augen. „Wenn Du Dich fürchten tust, so geh halt heim! Ich geh in den finstern Wald hinein. Ich tu’s!“ Er schloss die Händchen zu Fäusten und wanderte mutig die sonnige Straße hin, dem gefährlichen Wald entgegen, der mit seinem samtdunkeln, Glanz gebänderten Grün im Dufte des Vormittags lag, wie das Leben mit seinen geheimnisvollen Schatten und lockenden Helligkeiten vor dem Blick aller Jugend liegt.

Der Tonele besann sich ein bisschen, schob lächelnd die Hände in die Taschen seines Lederhöschens und ging gemütlich hinter dem Brosi her.

Es war bis zu dem dunkeln, tiefen Wald kein allzu weiter Weg. Ein Mann mit gutem Schritt hätte den Forst in einem Viertelstündchen erreicht. Aber auf das Maß eines festen Männerschrittes kamen drei hurtige Zappelschrittlein des Brosi. Noch ehe der Weg zur Hälfte durchschritten war, mahnte der Tonele herzlich: „Geh, sei gscheit! Wir sind schon endsweit von daheim. Da kommst nimmer recht zum Essen. Und Dein Mutterl wird schelten.“

Brosi schüttelte des blonde Köpfl. „Die hat noch nie gescholten.“ Er zappelte in der Sonne weiter.

Eine Strecke ging die Straße zwischen Bretterplanken hin, die so hoch waren, dass der Brosi den Wald nimmer sehen konnte. Irgendwo hinter diesen Planken musste der Bach sein. Man hörte sein schönes Rauschen. Dann bog von der Straße ein schmaler Wiesenpfad ab. Brosi zappelte vorüber. Der Tonele rief ihm nach: „Du! Bald eini willst ins Holz, nacher musst da ummi!“

„Wo?“ Der Brosi guckte.

„Da!“, sagte der Tonele, die Hände in den Hosentaschen, und deutete mit dem nackten, verstaubten Fuß nach einem steilen, aus drei Brettchen aufgestaffelten Überstieg der Planke. Weiter sprach er kein Wort. Er lächelte nur wieder.

Das nahm der Brosi für einen Zweifel an seinem Mut. „Meinst, ich trau mich so hoch nicht hinauf?“ Er fing zu kraxeln an. Als er die Höhe der Planke erklommen hatte, setzte er sich rittlings auf die Schneide des obersten Brettes und spähte mit glänzenden Augen über die sonnige, bunt durchblühte Wiese hinüber zu dem dunkeln Wald.

Da schwammen linde Glockentöne über das lange Tal einher.

„Brosle! Hörst! Es tut elfe läuten.“

„Mir ist alles eins!“ Der blonde Held auf der Bretterplanke sprang in die Wiese hinunter.

Nun stieg auch der Tonele über die Planke hinauf. „Geh, Brosle, kehr um!“ Da sah er auf hohem Pfahl eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift. Weil der Tonele sich in der Dorfschule einen langen Winter schon mit dem Buchstabieren geplagt hatte, drum konnte er lesen, was da mit dicken Zeichen angeschrieben stand: „Verbotener Weg!“ Darunter standen noch drei Zeilen in kleiner Schrift: Dass der zur ‚Großen Not’ hinaufführende Jagdsteig für jeden öffentlichen Verkehr gesperrt wäre, und dass Zuwiderhandelnde allerlei Unannehmlichkeiten in der Kanzlei der fürstlichen Jagdverwaltung zu gewärtigen hätten. Mit dieser kleingeschriebenen Sache befasste sich der Tonele nimmer. Es genügte ihm, die beiden groß gemalten Wörter entziffert zu haben: „Verbotener Weg!“ Er sprang in die Wiese hinunter und rannte, bis er den kühnen Brosi eingeholt hatte. „Geh nur zu, Brosle, ich tu schon aufpassen!“

Jetzt schien die Tat, die sie unternahmen, dem Brosi erst die rechte Freude zu machen. Als der blonde Held vor den dunklen Schatten des Waldsaumes doch ein bisschen zögerte, nahm ihn der Tonele bei der Hand und sagte: „Komm! Ich lass Dir nix tun!“

Hand in Hand, die kindlichen Seelen durchzittert von jenem stolzen Rausch, mit dem ein Forscher ein Geheimnis der Ewigkeit entschleiert, schritten sie hinein in die träumende Mittagsstille des Waldes.

Es war ein Wald, wie in den Bergen alle Wälder sind, ein Gemenge von Zerstörung und kraftvoller Schönheit, von faulendem Tod und sprossendem Leben. Man spürt da nicht die pflegende Hand, wie sie in den Wäldern der Ebene zu merken ist. Der Bergwald muss selber sorgen für die Dauer seines Lebens. Sieben Bäume schlägt der Mensch, zehnmal sieben wirft der Sturm, siebenhundert zerdrückt der Schnee und ersticken die Lawinen, und siebentausend wachsen, werden hundertjährig, altern und vermorschen, und es war ihr einziger Zweck, dass sie lebten und blühten, Samen streuten und starben.

Blauduftiger Schatten wehte unter den Bäumen, und überall zwischen den hohen Wipfeln spielten die Sonnenlichter herein wie Grüße einer helleren Welt. Lautloses Träumen. Manchmal das leise Pispern der kleinen Vögel. Irgendwo in der Tiefe des Waldes scheitete ein Specht; wenn er sein Hämmern einstellte, klang sein lang gezogener, melancholischer Ruf, als hätte der Wald in seiner grünen Freude auch einen schrei des Schmerzes.

Den hohen Bäumen zu Füßen blühte ein Wald im kleinen: Der magere, hart um sein Leben ringende Unterwuchs und das bunte Gewirr der winzigen Blumen – weiße Sterne, blaue Glocken, die violetten Ähren des Knabenkrautes mit den schwarz gefleckten Blättern, die zart gefärbten Katzenpfötchen und die rosigen Kelchblüten des Seidelbastes, dessen starker, herbsüßer Wohlgeruch die Waldluft würzte.

Schweigend schlüpften die beiden Knaben durch die Stauden. Was sie gewahrten, das Nahe und das Ferne, wurde für sie zu einem gruseligen Erlebnis oder zu einer schönen Sache. Dann kam zu dem Märchen, das in ihren Seelen webte, auch das Geheimnis herangetreten. Sie hörten – erst leise, dann immer lauter und näher – scharfe, taktmäßige Klänge, wie Hammerschläger auf hartem Gestein. Als sie der Richtung zublickten, aus der diese Töne klangen, entdeckten sie hinter dem Riesengitter der Baumstämme etwas Ungeheuerliches. Brose meinte, das wäre eine dickte, lange, giftgelbe Schlange, die sich durch den Schatten des Waldes und durch grelle Sonnenflecke hinauf wand gegen die Höhe des Berges. Aber Tonele sagte mit klugem Lächeln: „Dös is doch bloß a Weg!“ Die gelben Schleifen waren die Serpentinen eines Reitweges. Brosi ließ sich durch diese Klarstellung aus seinem Waldtraum nicht ernüchtern. Er hatte schon wieder ein Geheimnis erspäht, etwas Goldrotes und Silberweißes, das sich bei jenen wunderlichen Hammerschlägen mit Geschimmer bewegte, immer wieder verschwand, immer wieder erschien. Was konnte das sein? Das Haupt der Schlange, der mit Gold und Silber gekrönte Kopf, den das kriechende Wunderwesen immer aufrichtete und wieder hinunterduckte zwischen die Stauden?

Auch dem Tonele verging für eine Weile das kluge Lächeln. Dann sah er, dass der goldrote Schimmer da draußen ein von der Sonne beschienenes Pferd war, das mit seinen Hufen den harten Grund des Weges schlug und auf seinem Sattel eine Reiterin in weißem, faltig fließendem Kleid wiegte.

Eine vom Gebüsch verhüllte Serpentine des Weges wand sich zu den beiden Knaben heran. Die Stauden verdeckten das Pferd. Nur Kopf und Schultern der Reiterin waren zu sehen. Unter dem Schatten der Hutkrempe leuchtete ein schönes und strenges Gesicht, dessen ruhige Augen über die zwei Knaben wegblickten, als wären der Brosi und der Tonele zwei unscheinbare Steinchen neben dem Weg.

Jetzt verschwand die Reiterin. Der kleine Brosi tat einen beklommenen Atemzug. „Das ist die Fee gewesen!“

„Du Narrle Du!“ Der Tonele lächelte; nicht gutmütig. „Dös is die Prinzessin gwesen, die im Fürstenschlössl haust. Die tu ich nimmer grüßen. Die passt net auf, ob einer ’s Hütl zieht.“

In Brosis blauen Augen war der Kummer eines Träumers, den der Morgen aufrüttelte aus wundersamen Bildern. Aber weil er träumen wollte, klammerten seine Gedankens ich an dieses Märchenwort: „Prinzessin!“ Er sagte: „Du! Einmal, da hat mir die Mutter was erzählt. Von einer Prinzessin. Die ist anders gewesen. Die hat ein rotes Seidenkleidl angehabt und sieben weiße Röslein in der Hand. Die hat in einem schönen Garten gehaust, und um den Garten ist eine endsgroße Mauer gewesen, und vor dem Tor, da ist ein endsgroßer Ries’ –“

„Komm, Brosle!“ Der Tonele fasste die Hand des Kameraden. „Jetzt müssen wir heim. Dei’ Mutter tut schelten. Und mein Bruder haut mich wieder.“

Erschrocken sah Brosi am Tonele hinauf, vergaß das Märchen von der roten Prinzessin mit den weißen Rosen und ließ sich führen, wohin der Tonele wollte.

Ein paar Schritte hatten die Knaben gemacht, als dicht vor ihnen war Unsichtbares mit Geprassel aus einer Staude herausfuhr. Eine Auerhenne. Weil sie hinter der Staude über den Waldboden hin strich, konnten die Knaben sie nicht sehen. Erschrocken standen sie und hörten, was ihren Schreck noch vermehrte: Ein leises, dünnes Gekicher, wie von einer Greisenstimme. Als sie nach der Stelle blickten, von der das Kichern her klang, sahen sie eine Menschen hohe Säule aus Grün und Blüten; zwischen den grünen Ranken und den tausend weißen, rosig angehauchten Blümchen guckte ein lustiges Runzelgesicht mit weißen Bartstoppeln und grauen Haarzotten heraus. Jetzt lächelte der Tonele wieder und sagte zum Brosi: „Da musst Dich net fürchten! Dös ist der Waldrauscher. Der tut uns nix.“ Den stummen Brosi an der Hand führend, ging er auf die grüne, blühende Säule zu. „Grüß Gott, Waldrauscher! Heut hast aber viel! Magst mich was tragen lassen? Ich hilf Dir gern.“

„Vergelt’s Gott, Tonerl!“, klang aus dem Gewirr der Blümchen und Ranken eine dünne Stimme. „Noch allweil hilf ich mir selber.“ Der Waldrauscher lachte. „Ös Lauserln, wie kommt’s denn ös zwei da eini ins Holz?“

Verlegen schwiegen die Knaben. Und der Waldrauscher schien das Verlangen nach einem rastenden Viertelstündchen zu haben. Vorsichtig begann er die vielen, mit Stricken aneinander gekoppelten Rankenbündel abzulegen, die über seinen Kopf hinausragten und fast seine ganze Gestalt mit Grün und Blüten verhüllten. Was der alte Mann im Bergwald gesammelt hatte, war eine offizinelle Pflanze, die Bärentraube. Der gelehrte Botaniker nennt sie Arctostapylus uva ursi. Das Volk gab ihr den Namen ‚Waldrausch’.

Wer mag den sinnvollen Namen gefunden und zum ersten Mal ausgesprochen haben? Das muss ein Träumer gewesen sein, einer von jenen Törichten, welche Kinder bleiben ihr ganzes Leben lang und die Dinge immer anders sehen, als sie sind – und einer von jenen Klugen zugleich, die die Dinge des Lebens immer schöner schauen, als sie den Nüchternen erscheinen. Oder war’s ein Berauschter, der diesen Namen fand? Berauscht von Freude, von Glück, von Liebe? Aus den Frühlingskräften solcher Trunkenheit sprießt in Fülle, was alle Härte des Lebens farbenduftig umschleiert und alle Not des Daseins mit blühendem Reichtum überschüttet. Ging solch ein Berauschter und Reichgewordener in seiner trunkenen Freude vor ungezählten Jahren einmal an einem Maimorgen durch den Bergwald? Fühlte er, dass auch im Frühlingsleben des Waldes ganz das gleiche war, was sein eigenes Herz erfüllte: Wohliges Träumen im Glanz der Sonne, schöner Glaube an das ewig neu erwachende Leben, freudiges Umschleiern aller Not, ein Dürsten und Drängen nach den Tagen der Blüte, nach dem Rausch des Glückes? Und kam er zu einem Fels, den die Bärentraube mit ihrem dichten Rankengeweb umhüllte wie mit grünem Mantel? Rings um den Sockel des Steinblocks fröstelte noch ein letzter Schnee in Löchern, zu denen die Sonne keinen Weg gefunden. Doch um die rauen Flanken des Felsens hatte die Schöpferkraft des Frühlingswaldes dieses blühende Grün gewoben. Stand jener Lachende, von seinem Glück Berauschte, vor diesem Maienwunder? Und empfand er da: Der Wald will blühen wie mein Herz, der Wald ist berauscht wie meine Seele? Und brach er von den blühenden Ranken eine? Betrachtete er die weißen, feinen Blüten mit den zarten Rosenmündchen? Blüten, die wie Kelche sind, aus denen die Elfen trinken? Sprach er da aus seinem träumenden Lächeln heraus zum ersten Mal diesen Namen: „Waldrausch?“ Und als er die blühende Ranke Heim trug in seinen Werkeltag, begegnete ihm ein zweiter und fragte: „Was trägst Du auf Deinem Hut?“ Da sprach der Lachende wieder den neuen Namen: „Waldrausch!“ Dem anderen gefiel das Wort. Er trug es einem dritten zu. Und über Jahr und Tag sprachen hundert Menschen diesen Namen nach, das ganze Volk eines langen Tales zwischen hohen Bergen.

„Waldrausch!“

Diese Pflanze, in deren grünen Blättern, weißen Blumenkelchen und roten Beeren die Sonne ein Heilmittel wider mancherlei Leiden braut – diese Pflanze, die mit ihren Ranken überall hin greift, wo es dürren Schutt zu besiedeln gilt – diese Pflanze ist wie ein Frühlingsglaube des Bergwaldes, wie ein Schönheitsdogma der Natur. Ihre Blätter sind immergrün. Doch wie von allem Schönheitsglauben immer in harten Zeiten nur ein zähes dauerndes Restlein in den Seelen der Menschen haften bleibt, so tragen auch diese Waldranken nur immer das Grün des letzten Jahres über den rauen Bergwinter hinüber. Wenn im Herbst die kalten Stürme den Wald bedrängen, wird das Grün dieser Ranken so schütter, dass überall durch das Netz der verarmenden Zweige das graue Geröll herauslugt – so grau und armselig, wie sich unter dem blühenden Rankenwerk das alte, dürftig gekleidete Männlein herausschälte, der Waldrauscher, der die geblümten Lasten zu Boden sinken ließ, die er an diesem Frühlingsmorgen im Bergwald gesammelt hatte.

Seine Armut schein er nicht zu fühlen, trotz seines dürftigen Aussehens in dem steingrauen, geflickten Kittel und in der verwaschenen Leinenhose, die vor Jahren einmal blau gewesen. Etwas Altväterisches, fast Mittelalterliches war an der braunen Lederkappe, die sich um die Haarzotten schloss und zwei spitze Lappen über die Ohren herunterhängen ließ. Zwischen den grauen Strähnen, die unter der Kappe heraus quollen, zwinkerte ein schmales Faltengesicht, das von Leiden und Strapazen verwüstet war und dennoch heiter blickte. Dieses Frohe war in den klugen, glänzenden Schwarzaugen, die sich flink bewegten und alles zu sehen schienen. Das Gesicht, auch unter den grauen Bartstoppeln, war so braun wie die Lederkappe. Zwei weiße, struppige Brauendächlein wölbten sich über die flinken Augen. Und alle Zähne hatte der alte Waldrauscher noch. Wenn er lachte, blinkte zwischen seinen dünnen, welken Lippen ein gesundes Gebiss.

Wie alt er war, das wusste niemand im Dorf. Die einen schätzten ihn auf siebzig Jahre, die andern auf achtzig. Es war unter den herangewachsenen Leuten eine gebräuchliche Redensart: „Wie ich noch a Kindl war, is der Waldrauscher schon a alts Manndl gwesen.“ Niemand nannte ihn bei einem der beiden Namen, mit denen er irgendwo in einem Kirchenbuch eingeschrieben stand; jeder sagte: Der Waldrauscher – weil das seit vierzig Jahren sein Brot und Leben war, Waldrausch im Bergwald zu sammeln, auch sonst noch allerlei Kräuter, die an den Apotheker zu verkaufen waren, und Beeren, Schwämme, wunderliches Gestein. Mit dem wenigen, das er dabei verdiente, lebte er einsam in einem abseits vom Dorf gelegenen Häuschen, so klein, dass es die Leute den Starenkobel nannten. Das taten sie auch, weil der Waldrauscher gerne sang, seine kleinen, merkwürdigen, selbst erfundenen Liedchen.

Als der Alte sich niedergesetzt hatte, sah er die beiden Knaben lächelnd an, während er eine kleine Holzpfeife mit Tabak füllte, Feuer schlug und sparsam den Rauch vor sich hin blies.

Der Brosi hatte sich ins Moos gekauert und blickte scheu an dem Alten hinauf, als müsste sich irgendwas Merkwürdiges ereignen. Neben ihm stand der Tonele und sagte: „Du, Waldrauscher, dös Liederl, dös Du mir fürgsungen hast am Ostertag, dös kann ich noch allweil.“

Der Alte lachte leise.

Das schien der Tonele als einen Zweifel zu nehmen. „Gwiss wahr, ich kann’s!“ Mit seinem Stimmchen begann er zu singen:

„Und ’s Bacherl fallt abi,
Und ’s Wasserl, dös ziagt,
Und ’s Newerl steigt auffi,
Und ’s Wölkerl, dös fliagt.
Und auffi und abi,
Rechts ummi, hint naus,
’s bleibt allweil oa(n) Weg
Und geht alles gradaus.“

Während der Tonele sang, wiegte der schmunzelnde Waldrauscher im Takte den Kopf, dass seine grauen Haarsträhne ein bisschen schwankten. Als das Liedchen zu Ende war, wiederholte der Alte leise: „Geradaus!“ Dann lachte er vor sich hin und tat einen kleinen Zug aus der kleinen Holzpfeife; den Kopf zurückneigend, blies er den Rauch in die Höhe und blickte dem blauen Wölklein nach, das davonschwamm und in nichts zerfloss. Ganz still war’s um den Waldrauscher und um die beiden Knaben her. Nur tief im Gehölz, kaum noch vernehmbar, klagte wieder der schwermütige Ruf des Spechtes. Und wie ein leuchtendes Wunder war es zwischen allem Schatten des Waldes; die Sonne, die zur Mittagshöhe gestiegen war, glänzte steil durch das Gezweig herunter; durchflogen von den Myriaden der feinen Blütenstäubchen, die der Frühling aushauchte, erschienen diese Lichtstrahlen wie Goldbänder, die still herunterhingen durch das dunkle Grün der Fichten. Eins von diesen leuchtenden Bändern schmiegte sich um den Blondkopf des kleinen Brosi, der beklommen atmete.

Da winkte der Alte dem Tonele mit der Holzpfeife. Hurtig sprang der Bub auf den Waldrauscher zu und setzte sich an seine rechte Seite. Nun winkte der Alte auch dem Brosi. Der kam, ein bisschen scheu. Doch als der Waldrauscher den Arm um das kleine Bürschl legte, schmiegte Brosi sich an den Schoß des Alten, wie er es daheim bei der Mutter zu tun pflegte, wenn sie ihm ein Märchen erzählte.

„Jetzt, Tonerl, pass auf!“, sagte der Waldrauscher. Mit der Holzpfeife taktierend, fing er leise zu singen an:

„Der Wald is koa Wald net,
Der Bach is koa Bach,
Und d’ Nacht is koa Nacht net,
Und ’s Sach is koa Sach.

Und ’s Kalte is kalt net,
Und ’s Hoaße net hoaß,
Und alles is anders,
Als wia’s oaner woaß.“

Ratlos guckten die beiden Knaben drein. Und der Waldrauscher lachte, zog den kleinen Brosi noch enger an sich und sagte zum Tonele: „Dös musst Dir merken! Und alles is Dir wie nix. Und jeden Brocken tragst wie a Stäuberl.“ Mehr sprechend als singend fing er das gleiche Liedchen von vorne an, so oft, bis der Tonele die zwei Vierzeiler glatt hersagen konnte. Wieder lachend, steckte der Waldrauscher die erloschene Holzpfeife in den steingrauen Kittel, zog auch den Tonele an sich heran und begann wieder zu singen:

„Und zwoa san an oanziges,
Und tausend san zwoa,
Und dö haben oan Schnaufer,
Oan Lache, oan Schroa.

Drei Stoaner, drei Belameln,
Drei Mucken, drei Leut,
Is alles oa(n) Wehdam,
Oa(n) Leben, oa(n) Freud!“

Der Waldrauscher mit seinem heiteren Schmunzeln guckte bald dem Tonele und bald dem Brosi in die verwunderten Augen. Bei dieser Stille ließ sich in der Nähe der zärtliche Ton einer Ringdrossel vernehmen. Brosi fröstelte ein bisschen und schmiegte sich eng an den alten Mann. Der Tonele, mit einer Furche zwischen den Brauen, sah dem Alten ins Gesicht und sagte: „Waldrauscher, Du bist narret!“ Der Alte lachte vergnügt und spähte im Wald umher. Dieses Schauen war wie ein Lesen und Lauschen. Jedes funkelnde Licht und jeder blaue Schatten, jeder hundertjährige Baum und jedes junge Stäudl, jeder huschende Vogel und jede träumende Blume schien dem lächelnden Alten ein Geheimnis zuzuflüstern, das er hörte und verstand. Nun blieben seine glänzenden Augen an dem Wipfel haften, in dem die Ringdrossel flötete. Und der kleine Brosi bettelte: „Bitt schön, Waldrauscher, tu noch ein Liederl singen!“

Da fing der Waldrauscher das gleiche Liedchen wieder an. Mit einer wunderlich verträumten Innigkeit sang er den letzten Vers:

„Drei Stoaner, drei Bleameln,
Drei Mucken, drei Leut,
Is alles oa(n) Wehdam,
Oa(n) Leben, oa(n) Freund!“

Dann sah er die beiden Knaben an und sagte ernst: „Nix Besseres weiß ich nimmer.“

In dem Blondkopf des kleinen Brosi schien was Sonderbares vorzugehen. Nach einer stummen Weile fragte er plötzlich: „Waldrauscher? Wie heißt der große Berg da droben, auf den ich hinauf möchte einmal? Dem Tonele hat es sein Vater gesagt. Aber der Tonele weiß es nimmer. Wie heißt der Berg?“

„Die Große Not.“

Ein Leuchten ging über das Gesicht des Knaben. „So ist von der Großen Not die weiße Prinzessin gekommen. Die hab ich gesehen heut. Waldrauscher, das ist wahr! Und rotgoldene Flügel hat sie gehabt, die weiße Prinzessin.“

„Musst net lugen, Brosle!“, sagte der Tonele hart. „Die Flügel tust Dir bloß einbilden.“

Der Brosi wollte zornig erwidern, doch erschrocken sah er den Waldrauscher an. Der hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und saß vornüber gekrümmt, dass ihm die grauen Haarsträhne bis auf die Knie hinunter hingen. Kein Zittern war an dem gebeugten Körper, unter den hüllenden Händen kein Laut. Dennoch erkannten die beiden Knaben den schweigsamen Schmerz, der wie schwere Last diesen Rücken krümmte. Dem Brosi wurden die Augen feucht, und der Tonele fragte herzlich: „Waldrauscher? Tust röhren?“

Langsam hob der Alte das Gesicht und schüttelte den Kopf. Stumm richtete er sich auf; als er mit den geblümten Waldrauschbündeln seinen Rücken zu beladen anfing, lächelte er schon wieder, beugte sich plötzlich zu dem kleinen Brosi hinunter und sagte: „Büeble, Du hast Herrgottsaugen. Was einer sieht mit söllene Augen, so ebes is nie verlogen. TU Dir die rotgoldenen Flügerln net ausreden lassen! Du und ich, wir zwei haben s’ gsehen! Gelt!“ Dann belud sich der Alte schweigend mit dem Rest der grünen Bündel, bis man unter dem blühenden Rankenwerk nur noch das braune Faltengesicht mit den grauen Haarsträhnen und den leuchtenden Augensternen sah. Nun beugte er sich wieder zum Brosi hinunter und flüsterte in einer Sprache, die fast wie Hochdeutsch klang: „Dass von der Großen Not das weiße Prinzessel gekommen ist, das kann Dir keiner besser sagen als ich. Und die Große Not hat eine Mutter. Die heißt man die Heiligste Freud.“ Kein Schritt war zu hören, nur ein leichtes Geraschel, als der Waldrauscher durch das goldene Lichterspiel davon wanderte.

Lang standen die beiden Knaben auf der gleichen Stelle, der Tonele verwundert, der kleine Brosi mit glänzendem Blick.

Wieder jenes sanfte Läuten in weiter Ferne.

„Komm!“, sagte der Tonele. „Wir müssen heim. Sie tun schon Zwölfe läuten.“ Er nahm den Kameraden bei der Hand und führte ihn aus dem tiefen Wald hinaus auf die sonnige Wiese. Draußen unter dem lachenden Blau sagte Brosi: „Der Waldrauscher muss schon im Himmel gewesen sein, einmal. Weil er so heilig schauen kann.“

Das hörte der Tonele nicht. Er spähte nach dem Weg. Weil ihm das blumige Gras heraufreichte bis über die Hüften, sah er nicht weit. Aber ein leises Rauschen vernahm er hinter dichten Erlenstauden. „Sell drüben, wo der Bach geht, muss a Wegl sein.“

Sie kamen zu einem schmalen Steige. Was sie sahen, war nicht schön. Ein wüstes, an die zweihundert Schritte breites Kiesbett, öd und weißgrau, war durch das blühende Land gerissen. Zwischen klotzigem Geröll suchte ein kleiner, in der Sonne gleißender Bach mit sanftem Rauschen seinen Weg. Dieses freundliche, harmlos scheinende Wasser konnte nach schweren Gewittergüssen ein tobender Flutenriese werden, dessen Lust und Freude die Zerstörung war. Dann stürzten die schäumenden Geißbäche von der Großen Not herunter, und so breit, wie das Kiesbett sich dehnte, rauschte ein gewaltiger, schlammgrauer Strom einher, dessen Tosen die an seinen Ufern hausenden Menschen zittern machte.

Überall zwischen dem kahlen Geröll sah man die Spuren der Verwüstung, die das Wildwasser im verwichenen Herbst nach einem Wolkenbruch angerichtet hatte. Halbe Wiesen waren davon gerissen, große Felder mit Schutt übergossen; von den Uferstellen hingen absterbende Bäume schief über den kahlen Bachlauf; in großen Kieslöchern waren zerrissene, mit trockenem Schlamm überkrustete Holzblöcke zusammengeschwemmt; zwischen Dachsparren glänzte rostrot eine zerquetschte Ofenröhre; ein zerdrückter Türstock war unter Felsklötzen eingeklemmt; und aus einem lichtgrünen Wassertümpel schimmerten gebleichte Tierknochen herauf: Ein zerfallendes Gerippe. Von der Wirbelsäule starrten wie große Gabelzinken noch einige Rippen in die Höhe, und an diesem unheimlichen Rechen hatte sich allerlei Zeug gefangen, gelbliche Moosfladen, bunte Kleiderfetzen und welkes Rankenwerk. Wie ein schöner leuchtender Spiegel lag die ruhige Wasserfläche darüber her.

„Tonele,“ sagte der kleine Brosi, „guck, da drunt im Wasser, da hockt das Totenmännle!“

„Geh, Du! Was Du alles siehst!“ Der Tonele zog die Brauen zusammen. „Dös is doch bloß von einer Kuh. Die is versunken, selbigs Mal, wie das große Wasser meinem Bruder den Stadel vertragen hat und sieben Schaf.“

Im blonden Köpfl des Brosi erwachte die Erinnerung an jenen bösen Wettertag im letzten Herbst. Die ganze Nacht hatte er nicht schlafen können. So wild hatte der zum Strom gewordene Bach gerauscht. Und am Morgen hatte der Knabe vom Fenster seines Stübchens nicht mehr wie sonst die Gärten und die grünen Wiesen gesehen, sondern ein graues Gewoge vom Schlamm und Wasser, das fast die ganze Breite des Tales füllte. Von überall kam das Geschrei der Leute. Dann wurde der Vater von einem weinenden Menschen irgendwohin gerufen und kam erst spät am Abend wieder zurück, ernst und schweigsam. Vier Tage später, als sich das Wildwasser wieder verlaufen hatte, hörte der kleine Brosi den ganzen schönen Vormittag das Geläut der Glocken. Und der Kirchhof, bis zu dem er vom Fenster seines Stübchens hinüber sehen konnte, war schwarz von Menschen. Sieben Särge, vier große und drei kleine, hatte man damals hinuntergesenkt in die kühle Ruhe.

Ernst blickte Brosi auf den stillen, schimmernden Wassertümpel, unter dessen Spiegel das Gerippe lag. Dann sah er über das Tal hinaus, gegen den Waldkessel unter der Großen Not, in deren Schluchten die Rinnsale des Wildbaches lagen. „Tonele! Wenn ich groß bin, tu ich eine Mauer machen, wo das böse Wasser kommt. Da kann das Wasser nimmer heraus. Und kann die Leute nimmer tot machen.“

Der Tonele lächelte. „Geh, komm! Wir müssen heim.“

„Wirst sehen, ich tu’s! Und die Mauer tu ich so groß machen, dass sie größer ist als der größte Berg.“

Mit den Fäusten in den Hosentaschen hatten sich Tonele in Trab gesetzt, und nach einer Weile zappelte Brosi atemlos hinter ihm her. Plötzlich bleiben die Knaben stehen und lauschten. Zwischen Obstbäumen stand ein kleines Haus an der Straße. Von diesem Haus herüber klang das gellende Geschrei einer weiblichen Stimme. Erschrocken sahen sich die Knaben um. „Jesus Maria!“, stammelte Tonele. „Was ist denn dös?“ Er fing zu rennen an, quer über die Wiese hinüber, dem Haus entgegen. Brosi, dem der Schreck das Gesichtl weiß gemacht hatte, lief dem Tonele nach. Als er das Gehöft erreichte, sah und hörte er, was er nicht verstand. Im Haus noch immer das gellende Geschrei. Doch neben der Tür, auf einer von der Sonne umfluteten Hausbank, saß eine vierzigjährige, magere Frau, regungslos, mit den Fäusten auf den Knien, den grauen Kopf gebeugt, als hielte sie ein Schlummerstündchen. Immer wieder die martervollen Schreie in der Stube, deren Fenster offen standen. Die Frau auf der Holzbank rührte sich nicht. Dann kam aus der Tür ein behäbiges Weib heraus, zwischen den Händen eine große irdene Schüssel. Das Weib ließ die Schüssel am Brunnen mit Wasser voll laufen. Und der kleine Brosi fragte mit zerdrücktem Stimmchen: „Weible? Muss da drin im Haus eins sterben?“

Das Weib schmunzelte. „Sterben? Was Dir einfallt, Büberl! Lebig will eins werden.“ Mit der triefenden Schüssel ging das Weib zur Tür und sagte ein paar leise Worte zu der Frau auf der Bank. Die schien nicht hören zu wollen, sondern drehte den Kopf auf die Seite. Da konnte der kleine Brosi sehen, dass ihr vergrämtes Gesicht durch Tränen glitzerte. Ratlos guckte er den Tonele an. Der sagte mit der Ruhe eines reifen Menschen: „Dös is die Weiserin. Die is bei der Nachberin auch gwesen, in der fürigen Woch, wie unser Nachberin das Kindl kriegt hat. Und die Nachberin hat grad so schreien müssen. Die Mutter hat gsagt, der Kindlesvogel tät beißen.“

Mit Geknatter und vor einer goldig leuchtenden Staubwolke kam eine kleine Kutsche die Straße hergefahren und hielt vor dem Gehöft. Ein schlanker, blondbärtiger Mann in schwarzem Beinkleid und mit grauer Joppe sprang aus dem Wägelchen, das er selbst kutschiert hatte, und band die Zügel des schwitzenden Braunen an die Bretterplanke; dann schob er den gelben Strohhut zurück, warf eine wollene Decke über den Rücken des Pferdes, nahm eine schwarze Ledertasche aus dem Wagen heraus und ging auf das Haus zu. „Grüß Gott, Wildacherin!“, sagte er zu der Frau auf der Bank. „Bin ich nötig?“ Die Frau nickte. Und der Doktor trat ins Haus, aus dem die gellenden Schreie klangen.

Beim Brunnen hatte sich der kleine Brosi, als er den Vater kommen sah, mit glühendem Gesichtl und schlechtem Gewissen hinter den Trog geduckt. Der Tonele fand gleich das Praktische an der Sache heraus. „Jetzt kannst Heim fahren, Brosle! Da brauchst nimmer laufen.“

„Du auch nimmer! Ich tu Dich mitnehmen.“ Brosi ging seinem Kameraden voran auf die Kutsche zu und kletterte zu dem schwarz glänzenden Ledersitz hinauf. – „Komm! Steig ein!“

„Ich tu derweil auf den Bräunl aufpassen.“ Tonele legte die Hand an die festgebundenen Zügel und begann mit der anderen vom Straßenrain Gras zu rupfen, das er dem Braunen hinreichte.

Ein schriller, Mark und Bein durchdringender Schrei. Dann war es still in dem kleinen Haus. Nach einer Weile sagte der Tonele nachdenklich: „Jetzt muss der Kindlesvogel fort gflogen sein!“

Brosi guckte träumend in die blaue, leuchtende Luft. Und flüsterte plötzlich: „Ich hab ihn fliegen sehen. Ganz weiß ist er gewesen. Und rote Flügel hat er gehabt.“

Auch der Tonele spähte ins Blaue hinauf. Er sah nur die Schwalben fliegen. Und keine Ahnung seiner sieben Sommer sagte ihm, dass die blaue Sonnenstunde das Schicksal seines Lebens geboren hatte.

Es dauerte länger als eine Stunden, bis Doktor Lutz wieder aus dem kleinen Haus trat. Hinter ihm kam die Weiserin und trocknete an ihrer Schürze die Hände. „Wildacherin!“, sagte der Doktor zu der Frau, die auf der Hausbank saß. „Jetzt wär’ es an der Zeit, dass Ihr hineinschauen solltet in die Stub. Euer Mädel hat aufmerksame Pflege nötig. Und seht Euch das leibe Enkeldirndl an, das Ihr bekommen habt. Dann wird euch das Herz schon leichter werden.“

„Ich sag’s allweil!“, fiel die Weiserin mit fetter Stimme ein. „Wegen so ebbes so an Spiktakel hermachen! D’ Wildacherin tut, als ob so was in der Welt noch nie passiert wär. D’ Eva im Paradeis is auch von keim Pfarr net kopuliert gwesen, wie sie ’s erste Kindl kriegt hat. Dös hat ihr in die sechstausend Jahr schon oft eine nachgmacht.“

Dieser Weisheit zum Trotze drehte die Wildacherin wieder das Gesicht auf die Seite, blickte gegen das Kiesbett des Baches hinüber, bekreuzte sich und murmelte: „Der hat’s gut, jetzt!“ Sie meinte ihren Mann, den im vergangenen Herbst jenes große Wasser aus dem Leben hinaus riss, als er ein ertrinkendes Schaf hatte retten wollen.

„Nur Mut, Frauerl!“, sagte Doktor Lutz. „Das Leben ist halt so, dass es einmal wohl tut und das andermal weh. Aber es versteht sich aufs Umkehren wie ein guter Fuhrmann. Euer Kummer von heut wird ein Weg zu Freuden sein! Wenn ich abends komm und find’ Euch nicht am Platz, an den Ihr als Mutter und Großmutter hingehört, dann wird ich saugrob. Verstanden?“ Während der Doktor zur Straße ging, hielt er der Weiserin eine Predigt über Reinlichkeit und Wöchnerinnenpflege. Außer Hörweite der Wildacherin fragte er leise: „Wer ist denn der Vater?“

„A Stadtischer, sagt ’s Madl. Und weiß net amal, wie er gheißen hat. So Malersachen hat er bei ihm tragen, und die Große Not hat er abgmalen in der Mondscheinzeit, sagt ’s Madl. Und da is er amal auf d’ Nacht zu ihr in d’ Almhütten kommen. A taubengraus Filzhütl hat er aufghabt, sagt ’s Madl.“

„Ach Du lieber Himmel! – Mondschein! Mondschein!“ Als Doktor Lutz zu seinem Wägelchen kam, fand er seinen Jungen auf dem Lederpolster. „Bürscherl? Wie kommst denn Du da her?“

Brosi hatte den guten Einfall, dem Vater die Ärmchen um den Hals zu legen. „Gelt, Papi, der Tonele darf mitfahren?“

„Freilich! Steig nur auf, Tonerl! Aber so weit darfst Du mir den Buben nicht mehr fort schleppen von daheim.“

Der Tonele lächelte. Schweigend nahm er alle Schuld auf sich.

In der Frühlingssonne fuhren sie durch das blühende Tal. Weil das Wägelchen schmal war, hatten sie zu dreien nebeneinander nicht Platz. Brosi musste auf dem Schoß des Tonele sitzen, der seinen Schutzbefohlenen mit den Armen umschlossen hielt. Doktor Lutz, der sonst mit seinem Buben gern schwatzte, war wortkarg und blickte beim Kutschieren sinnend vor sich hin. Ganz unvermittelt sagte er aus diesem Schweigen heraus: „Ach ja, der Mondschein!“

Verwundert guckten die zwei Jungen in die Luft. Und Brosi sagte: „Aber, Papi, da droben scheint doch die Sonn!“

Jetzt lachte der Vater, sah seinen Buben zärtlich an und merkte, dass am Brosi etwas nicht in Ordnung war. „Bürscherl? Wo hast Du denn schon wieder Deine Strümpf und Schuh?“

Dem Knaben flog es heiß über das Gesicht. „Sei nicht bös, Papi! Ich weiß nimmer, wo ich sie ausgezogen hab.“

„So? Und was wird da die gute Mutter wieder sagen?“

„Ach, Papi, das Barfußlaufen ist so schön!“

„Mein liebes Bürscherl! Schön ist viel im Leben. Aber das Schöne ist nicht immer vernünftig. Willst Du im Leben nur immer tun, was schön ist, so wirst Du bluten an Leib und Seel.“

Brosi sah den Vater mit großen Augen an. „Aber schön wird’s sein!“ Lächelnd guckte er auf seine Füßchen hinunter und fühlte in seiner Kinderseele was wunderbar Großes, als er die kleinen Blutflecken gewahrte, die in dem grauen Staub an seinen Zehen vertrocknet waren.

Doktor Lutz, dem der Bräunl zu schaffen machte, hatte keine Ahnung von dem Eindruck, den sein pädagogisches Sprüchl im Herzen seines Jungen hervorgerufen hatte. Auch der Tonele war mit seinen klugen Gedanken weit von allem, was in der Seele des kleinen Brosi träumte. Er schlang die Arme noch fester um seinen Schoßgesellen und flüsterte ihm ins Ohr: „Musst Dich net fürchten, Brosle! Ich hab Deine Schuh und Strümpfln unter der Bachbrucken auf an Balken auffiglegt. Da findst es leicht.“ Nachdenklich fügte er noch bei: „Brudern hast kein’! Und ’s Mutterl schlagt net, weißt!“

Brosi hörte nicht. Er hatte was zu schauen. Die Kutsche fuhr an einer langen Mauer hin, die mit roten Ziegeln gedeckt und durchsetzt war von zierlichen Säulen, auf denen steinerne Kugeln in der Sonne schimmerten. Schlanke Wipfel und schöne Baumkronen lugten über die Mauer; das waren Bäume, wie sie sonst im Tal nicht wuchsen. Der frühlingsgrüne Park war wie ein kleines, fremdartiges Reich zwischen die Berge gestellt. Die Kutsche fuhr an einem großen, schmiedeeisernen Tor vorbei. Das war geschlossen. Hinter dem schwarzen Schnörkelwerk und den Gitterstäben des Tores sah Brosi, dem die blauen Augen leuchteten, was Schönes erscheinen und verschwinden: Einen langen, gold glänzenden Weg, der zwischen hohen Bäumen wie nach der Schnur gezogen war; Blumen in brennenden Farben säumten diesen Weg; und in der blau glänzenden Tiefe des Parkes schimmerte zwischen den hohen Wasserpalmen zweier Fontänen ein silberweißes Schlösschen.

Nun war dieses Schöne wieder versunken hinter der steinernen Mauer. Im kleinen Brosi wurde alles lebendig, was er an diesem Morgen gesehne hatte: Die goldgelbe Schlange im dunkeln Wald, die schneeweiße Prinzessin mit den rosenroten Flügeln und der singende Waldrauscher. Das Hälschen streckend, blickte der Knabe zur Großen Not hinauf und sagte: „Papi, ich kann ein Lied.“

„Soooo?“ Der Vater lachte. „Pfeif los!“

Mit suchendem Klang, der beim Gerüttel des Wagens immer ein bisschen trillerte, fing Brosi zu singen an:

„Der Waldist kein Wald net,
Der Bach ist kein Bach,
Und d’ Nacht ist kei’ Nacht net,
Und ’s Dach ist kein Dach –“

Da unter brach ihn der Tonele: „Net Dach heißt’s. Es heißt Sach.“

Brosi korrigierte:

„Und ’s Sach ist kein Sach.
Und ’s Kalte ist kalt net
Und ’s Heiße net heiß,
Unda alles ist anders,
Als wie’s einer weiß.“

Der kleine Sänger stockte. „Du, Tonele, wie geht’s weiter?“

Mit klug-spöttischem Lächeln sang Tonele:

„Und zwoa san an oanzigs
Und tausend san zwoa,
Und dö haben oan Schnaufer,
Oan Lacher, oan Schroa.
Drei Stoaner, drei Belameln –„

„Wart ein bisserl!“, rief Brosi in Erregung. „Jetzt kann ich’s wieder –

Drei Steiner, drei Blümerln,
Drei Mucken, drei Leut,
Ist alles ein Wehdam,
Ein Leben, ei’ Freud!“

Mit glänzenden Augen sah der Bub zum Vater auf. Der Tonele runzelte die Stirn und sagte: „Gelten S’, Herr Dokter, dös Liedl is doch ebbes Narrets?“

Doktor Lutz gab dem Tonele keine Antwort. Eine Weile sah er nachdenklich das lachende Gesicht seines Buben an. Dann sagte er: „Das hast Du wohl vom Waldrauscher gehört?“

„Ja, Papi.“

„Merk Dir das Liedl! Wenn Du um zwanzig Jahr älter bist, sollst Du drüber nachdenken.“

Der Tonele machte ein verwundertes Gesicht, streckte den Hals und guckte mit Sorge über die grünen Gärten nach einem rotem Dach, das immer näher kam. Das war das neue Dach seines Elternhauses, des alten Lahneggerhofes, in dem die verwittibte Bäuerin seit vier Jahren mit ihren beiden Buben wirtschaftete, mit dem Tonele und dem fünfzehnjährigen Krispin. Zwei Töchter waren als Kinder verunglückt; auf der Wiese, die sich hinter dem Haus gegen den nahen Berghang hindehnte, hatten die zwei Kinder im ersten Frühling Himmelsschlüssel gepflückt, als die Lawine kam, die ‚Lahn’, von der seit alten Zeiten der Lahneggerhof seinen Hausnamen hatte. Im Kirchbuch standen die Lahneggerleute mit ihrem Familiennamen eingeschrieben: Annamaria, Krispinus und Anton Sagenbacher. Auch ein Name, der seine Geschichte hatte. Vor Zeiten, an die sich niemand mehr erinnerte, hatten die Vorfahren des Tonele an einem Bach gehaust, der eine Säge trieb. Als die Wildwässer der Großen Not dieses Haus mitsamt der Säge eines Tages mitgenommen hatten, waren die Sagenbacher hinübergesiedelt in den ausgestorbenen Lahneggerhof. Da waren sie sicher vor dem Wasser. An die Lawine, die in jedem Frühjahr übers Lahneck herunterfiel und immer nur bis in die halbe Wiese rollte, hatten sie sich gewöhnt. Heuer war die Lawine in den letzten Apriltagen gefallen. Trotz der warmen Maisonne sah man hinter den Obstbäumen des Gartens, in den schattigen Schluchten des Berghanges, noch massige Schneewälle liegen, so weiß, wie die Mauern des Hauses waren.

Ein stattliches Gehöft. Wohnhaus, Ställe, Hof und Garten gut erhalten.

Tonele war schon auf die Straße gesprungen, noch ehe der Wagen hielt. „Vergelt’s Gott!“, rief er zum Doktor hinauf. Und zum Brosi: „Gelt, Deine Strümpf und Schuh, die liegen unter der Bachbruck.“ Er huschte in den Hof und spähte. Im Gemüsegarten sah er die Mutter bei der Arbeit. Ihr rotes Kopftuch leuchtete zwischen dem Heckengrün wie eine große, feuerfarbene Blume. Der Tonele wollte zu ihr hinüber springen. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, bleich bis an den Hals.

Aus der Haustür kam der Krispin heraus und stapfte mager, lang und grobknochig auf den Tonele zu, ein Fünfzehnjähriger, der seit dem Tod des Vaters die Gewohnheit angenommen hatte, in Gang und Sprache den erwachsenen Mann zu spielen. „Du Lausbub Du Gott verfluchter! Wo bist denn schon wieder blieben so lang?“ Ein grober Schlag. Dem Tonele brannte die Wange. „An anders Mal kommst heim, bal’s Zeit zum Essen is!“ Der Krispin lenkte seinen Männerschritt nach den Ställen.

In Zorn griff der Tonele zu Boden und fasste einen Stein. Er hob den Arm und wollte werfen. Da kam die Lahneggerin wie eine Irrsinnige aus dem Garten herausgefahren. Der Tonele, als er die Mutter sah, ließ den Stein zu Boden fallen.

„Komm!“, sagte die Mutter mit erwürgtem Ton, führte den Buben in die Stube, und als er auf der Bank saß, legte sie den Arm um seinen Hals, schob das rote Kopftuch in den Nacken zurück und schmiegte das früh gealterte Gesicht an das Haar ihres Jüngsten. Dabei wurde sie ruhiger. „Tu Dich net kümmern! Der liebere bist mir Du.“ Sie brachte ihm das Essen und blieb schweigend neben ihm sitzen, bis er den letzten Bissen hinunter gewürgt hatte. „So! Jetzt gehst auffi zum Herrn Pfarr! Und sagst es ihm.“

Der Tonele schüttelte den Kopf. „Lieber mag ich der Mutter im Garten helfen.“ Er wischte mit dem Arm den Mund ab und ging aus der Stube.

Die Lahneggerin schien eine Weile nachdenken zu müssen, bis sie das Wort ihres Buben verstand. In ihren müden Augen erwachte ein warmer Glanz. Der schwand, als sie draußen im Hof dem Krispin begegnete. Mit beiden Fäusten fasste sie den langen Menschen an der Brust. „Du! Ich sag Dir’s zum letzten Mal! Dös tust mir Gutsein lassen! Den Buben schlagst mir nimmer! Du!“

Krispin streifte die Hände der Mutter von sich. „So, so?“, sagte er mit der Ruhe eines reifen Mannes. Und trat ins Haus.

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