Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 15

Ein Jahr war übers Land gegangen. Von den Bergen war ein früher Winter mit reichlichem Schneefall niedergestiegen ins Tal. Und wieder war Allerseelentag.

Vom frühen Morgen an war der Kirchhof nicht leer geworden von Leuten, die zu den geschmückten Gräbern ihrer Toten kamen.

Auch jetzt, da es schon zu dämmern begann und der Schnee in großen Flocken fiel, war die ernste Stätte noch nicht vereinsamt. Männer und Frauen, manche mit Kindern an der Hand, wanderten langsam zwischen den Kreuzen umher.

Vor einem eisernen Gitter, das zwei reich gezierte Hügel umschloss, die Gräber der seligen Pointnerin und des Bygotters, standen drei Menschen: Karli mit seinem jungen Weib und der alte Pointner.

Nur wenig hatte sich Karli in diesem Jahr verändert. Stattlicher schien er geworden. Der Ausdruck des zufriedenen Glückes, das aus seinen Augen sprach, wurde durch den Ernst der Stunde kaum getrübt.

Recht merklich aber hatte der Pointner die entschwundene Zeit zu fühlen bekommen. Grauer und dünner war sein Haar geworden, die glänzende Röte seiner Backen hatte sich merklich gemildert, und was diese Backen an Röte eingebüßt, hatten sie an Furchen zugesetzt. Seine Schultern waren gesunken, und das unermüdliche Lächeln des sauber rasierten Mundes hatte sich in einen müden Zug verwandelt. Nur aus den kleinen blinzelnden Augen lugte noch ein bisschen der fidele Pointner von einst.

Wie der Spätherbst neben dem Frühling, der ein schöner Sommer werden will, stand der Alte neben dem schmucken jungen Weib, in dem man das zarte, schüchterne Sannerl kaum noch erkannte. Der linde, frauenhafte Zug passte gut zu dem sanft gerundeten Gesicht und zu dem ruhigen Ernst dieser großen blauen Augen, die träumend an der geschmückten Ruhestatt des Vaters hingen.

Während der Pointner immer wieder die weißen Flocken von seinen Ärmeln schüttelte und ein um das andere Mal über die Schulter guckte, als dächte er vor den kalten Gräbern schon an die warme Stube daheim, verwandelte Karli keinen Blick von dem jungen Weib an seiner Seite. Nun legte er die Hand auf ihre verschlungenen Finger und sagte: "Geh, so lang därfst net bleiben, in dem nassen Schnee da!"

"Ja, ja, recht hat er! Kunntst Dir schaden!", bestätigte der alte Pointner mit Eifer und hauchte in die Hände.

Da schloss sie ihr stilles Gebet und bekreuzigte sich. Langsam und schweigend wanderten die drei an der Gräberreihe entlang zum Tor des Kirchhofes.

Auf der Straße sagte die junge Pointnerin zu ihrem Mann: "Geh nur heim derweil, Karli! Ich muss noch a bissl eini zur Frau Lehr."

"Was tust denn drin?"

"A bissl plauschen halt. Und der Vater bleibt bei mir. Gelt, Vater?"

"Aber gwiss!"

"Da kann ich ja auch mitplauschen?", meinte der junge Bauer.

Sanni wurde rot. "Ah na, geh nur heim, ich kann Dich net brauchen."

"Marsch weiter! Wir können Dich net brauchen!", kicherte der Alte. "Gelt? Möchtest gern wissen, was 's da zum reden gibt, jetzt allweil? Du Naseweis, Du! Marsch weiter!"

Mit glücklichem Schmunzeln rückte Karli den Hut, und wohl ein dutzend Mal drehte er das Gesicht, während er dahinstapfte über die beschneite Straße. Als ihm das Lehrerhaus in der Dämmerung und in dem Gewirbel der Flocken verschwand, lachte er auf und guckte froh in das graue Gestöber.

Was doch ein kurzes Jahr nicht alles bringen kann! Und wie glatt sich das alles gegeben hatte!

Gleich in den ersten Wochen nach jenen ereignisschweren Tagen hatte Karli mit festen Händen die Zügel im Pointnerhof ergriffen. bei der vielen Arbeit, die es gegeben, hatte er blutwenig Zeit gefunden, sich um das müßige Leutgerede zu kümmern, das den Pointnerhof umlungerte. Dem Vater, freilich, hatte dieses Gerede leidige Sorgen geschaffen; ein rechter Ärger war ihm der Spitzname gewesen, den ihm der Maurer-Hansl aufgebracht: der "ledige Hochzeiter". Auch die stille Einsamkeit seiner Stube hatte ihn bitter gedrückt. Lange Stunden hatte er oft um den Götz gejammert. Der blieb verschollen. Was auch der Anwalt, an den sich der Pointner um Rat und Hilfe gewandt hatte, unternehmen mochte - von den beiden Flüchtigen war nicht die geringste Spur zu finden. Da gewöhnte sich's der Pointner allmählich ab, von Götz zu reden. Um so häufiger war dieser Name in Karlis Mund. Er schaffte den zwei neuen Dienstboten keine Arbeit, ohne beizufügen: "So hat's der Götz gmacht, so wird's weiter ghalten!" Und gegen Martl, Zenz und Stoffel hieß es: "Wissts es ja, wie's der Götz allweil haben hat wollen!" So kam es, dass er verschwundene Götz das treibende und ordnende Mittelglied im Arbeitsgang des Pointnerhofes blieb. Und da ging nun alles so frisch und eben vom Fleck, dass Karli seine Freude daran hatte.

Eine schwere Stunde war aber doch für ihn gekommen: Als Sanni über ihren Vater die Wahrheit hatte erfahren müssen. der schmerz und die Trauer, die diese Stunde über Sannis Herz brachte, linderte und löste sich im Glück des jungen Weibes.

Mit dem Tag, an dem die feine Bäuerin im Pointnerhof ihren Einzug hielt, begann auch der verdrossene Alter wieder "aufzuschnaufen". Weil er nun wieder jemand hatte, der ihn vom Morgen bis zum Abend unterhielt und hätschelte, verging benahe kein Tag, an dem er nicht beteuerte: "Mit Dir, Sannerl, is der Fried wieder einzogen unter meim Dach!"

Und Karli erst! Der kam aus seinem frohen Lachen nicht mehr heraus. Nur eines fehlte noch, damit sein Glück "in Himmel wachsen" konnte. Auch dieses einzige mochte nimmer lang auf sich warten lassen.

Diese wohlbegründete Hoffnung leuchtete aus seinen Augen, als er bei sinkender Dämmerung seinen Hof erreichte.

Unter der Tür begegnete ihm die neue Magd, die einen Zuber voll dampfenden Wassers zu den Ställen trug. "Drin in der Stub is einer," sagte sie im Vorübergehen, "der wartet schon, ich weiß net, wie lang!"

"Wer denn?"

"Es muss a Fremder sein."

Karli pochte den Schnee von den Füßen, schüttelte die Flocken von seinem Gewand und trat ins Haus.

Als er in die Stube kam, sah er eine dunkle Gestalt neben dem Tisch auf der Holzbank sitzen.

Wortlos erhob sich der Fremde.

Karli zögerte einen Augenblick. "Guten Abend!" Dann legte er den Hut ab, ging auf den Schrank zu und entzündete ein Talglicht, das er zum Tisch trug.

Der Fremde war ein alter Mann mit schneeweißem Haar. Dunkle Augen glühten in dem blassen, hohlen Gesicht, das zur Hälfte unter einem weißen, struppigen Vollbart verschwand. In der einen Hand hielt er eine zerknüllte Pelzhaube, in der anderen einen roh beschnittenen Stock. Er trug eine doppelt übereinander geknöpfte Jacke, enge Lederhosen und graue Filzgamaschen über den schweren Schuhen, von denen der Schnee zu einer kleinen Wasserlache zerschmolzen war.

"Wer bist? Und was schaffst?"

"Kennst mich nimmer, Karli?", fragte eine müde Stimme.

"Jesus Maria! Götz! Du!", stammelte der junge Bauer. "Ja, wie schaust -" Das brachte er nicht heraus. Er verschluckte, was er hatte sagen wollen und stotterte: "Wo kommst denn Du jetzt her? Was bringst denn?"

"Was ich bring? Deim Vater bring ich 's Aufschnaufen."

Karli sah erschrocken den Alten an, der den Stock auf die Holzbank legte, langsam die Jacke öffnete und ein gefaltetes Blatt aus der Brusttasche nahm.

"Da, Karli! Gib's Deim Vater!"

Zögernd streckte der junge Bauer die Hand und wandte, während er das Blatt entfaltete, keinen Blick von Götz. Wortlos schüttelte er den Kopf, näherte sich dem Licht und begann zu lesen. Sein Gesicht wurde bleich. Was er da in der Hand hielt, war ein Totenschein auf den Namen Kunigunde Pointner, geborene Rauchenberger. Als Sterbtag war der dritte Oktober genannt, und darunter stand der Name eines Tiroler Dorfes.

"Gelt? Auf so ebbes hättst heut auch net denkt!" Götz strich mit schwerer Hand über sein weißes Haar. "Um mich hat sie's leiden müssen. Und anglacht hat s' mich noch im letzten Schnaufer! Hingeben hat sie's müssen, ihr liebs, blutjunges Leben. Und mich hat s' übriglassen! Zu was? Da hat er sich wieder amal vergriffen, unser Herrgott! Schad is drum. Mir kannst es glauben! Wann Du s' nur sehen hättst können, wie sie sich gmacht hat, so fein und richtig! Und wie gut als s' gwesen is zu mir! So z'frieden war s' allweil. Und was hab ich ihr denn bieten können? Mein bissl Lieb halt! Kein Arbeit is ihr z'viel gwesen. Und wie ich am festen Platz gfunden hab, im Tirol drin - so a Winter! Wann ich am Abend heimkommen bin von der Holzarbeit! Wie da unser Stüberl ausgeschaut hat! Und wie wir da beinand gsessen sind! Unser Herrgott hätt mich neiden können!" Seien Stimme zerbrach, und seine Faust tappte nach der Tischkante.

"Aber Götz", stammelte Karli, "schau, setz Dich doch grad a bissl nieder!"

Götz hörte nicht. Ein steinschwerer Atemzug hob seine Brust. "Und auf so an Winter so a Sommer! A Bauer hat uns eindingt ghabt für d' Alm. Wir zwei, und ganz allein da droben! Weit von die Leut! Hoch droben! Dass man den Himmel hat greifen können! Und die schönste Alm! A Vieh, wie's keins nimmer gibt! Und die Freud, die 's Mald ghabt hat dran! Und wie ich s' in d' Arbeit einglernt hab! Gleich aufs erstmal hat s' alles verstanden. Und jeder Tag wie der ander, stad und heimlich! Und wie's auf'n Herbst zugangen is, hab ich mich schon wieder auf'n Winter gfreut! Jetzt is er da! Der Winter!" Götz verstummte. Und der Kopf sank ihm hinunter.

Ratlos stand Karli vor ihm, erschüttert.

"Am zweiten Oktober in der Fruh, da hat der Sturm angfangt. Gleich hab ich gmeint, wir sollten Heim treiben. Aber 's Madl hat mich soviel bettelt, ich sollt mich a paar Tag noch halten. Weil s' so gern heroben war. Was hätt ich ihr denn abschlagen können? Wie's aber in der Nacht allweil ärger worden is, dass d' Schindeln davon sind von der Hütten, da hat's kein Bleiben nimmer geben. 's Vieh is auch schon verzagt und wild gwesen. In der Fruh beim Abtreiben durchs Holz, wo's die dürren Äst umanand geschmissen hat, da sind die armen Viecher völlig narrisch worden. Grad laufen und schrieen haben wir müssen, dass wir s' zur Not beinand ghalten haben. Völlig aufgeschnauft hab ich, wie ich d' Lichten schon gsehen hab in der Tief. 'Jetzt, Kindl, is's gleich überstanden!', hab ich noch gsagt. Und kaum ich dös sag, fallt's her übern Wald, wie wann der Himmel sein' ganzen Luft auslassen hätt. Die stärksten Bäum hat's hin gworfen wie d' Weizenhalm. Zum Grausen war's! Ich will noch auf 's Madl zuspringen. Da wirft's mich nieder, ich weiß net wie. An Kracher hör ich und spür noch, wie mich's Madl auf d' Seiten reißt. Da saust der Baum mit die ganzen Äst schon nieder neben meiner. Und wie ich aufschau, fallt mir 's Madl in Arm, kaasweiß im Gsicht, voller Blut am linken Schlaf. Aufgschnauft hat s' noch an einzigs Mal. Und anglacht hat s' mich noch im letzten Schnaufer." Seine Gestalt versank in sich, als hätte sich eine erdrückende Last auf seien Schultern gelegt. Er schien es nicht zu merken, dass Karli seien Hände fasste, ihn nieder zog auf die Holzbank und immer auf ihn einsprach, bald in Jammer, bald in herzlichem Trost.

"Recht, Götz, recht hast ghabt, dass gleich auf uns denkt hast! Und jetzt bist da! Da gibt's kein Fortgehn nimmer!"

Götz löste seinen Arm aus Karlis Händen. "Bleiben? Na, Karli! Dass ich Deim Vater dös Blattl da bracht hab, dös hat sein müssen. Da hab ich mir den weiten Weg net verdrießen lassen. Mit der Post? Und um zehn Pfennig? Ah na! Da is mir dös Blattl z' lieb gwesen, weißt! Man lernt net aus. Jetzt hab ich's erfahren, dass eim ebbes Tots noch allweil sein kann wie ebbes Lebendigs. Auf'm ganzen Weg her is mir dös Blattl gwesen wie a Herzschlag, den ich spür. Für Dein' Vater wird's bloß a Zettel sein, den er haben muss. Jetzt liegt er am Tisch da. Mein Gschäft is aus. Jetzt kann ich wieder gehen."

"Na, Götz! Ich lass Dich nimmer fort! Und wann der Vater mit der Sanni heimkommt -"

"Lass gut sein! Ich hab mein' Platz. Mein Madl und ich, wir halten zamm. Und ich hab noch an Weg. Mit mir hat 's Gricht noch a Wörtl z' reden." Er lachte müd. "Wegen Falschmeldung, weißt! So heißen sie's beim Gricht, ja."

"Aber geh! Was hast denn jetzt da im Sinn! Wer hat Dich denn gfragt danach!"

"Ich will sauber machen. Und fertig will ich sein mit allem, vor ich heimgeh zum Madl. Gelt, ja! Den Unfried habts es gheißen. Mir war's mein Fried." Mühsam drückte sich Götz am Tisch in die Höhe, sah gegen den Ofen hin und steckte die zitternde Hand. "Schau, Karli! Grad an dem Fleckl, da hat s' gstanden, wie s' mir selbigs Mal ihr Hand hinboten hat, die erste von alle -" Er taumelte, und seine Stimme erlosch.

Erschrocken sprang Karli auf ihn zu. "Jesus! Was is Dir denn?"

"Nix, gar nix! Müd bin ich a bissl. Drei Tag bin ich am Weg. Heut bin ich durchmarschiert seit der Fruh."

"Mar' und Josef! Wesegen hast denn nix gsagt? So setz Dich doch nieder! Ich schau Dir gleich um ebbes z' essen und um an frischen Trunk!" Karli rannte zur Tür. "Zenzi! Zenzi!", schrie er in den Flur. Draußen blieb es still. "Wart, ich schau mich gleich selber um ebbes um!" Er holte das Licht vom Tisch, raffte ein Deckelglas vom Schrank und lief aus der Stube.

Götz erhob sich. Er hörte die Kellertür gehen und hörte Karlis Tritte über die steinerne Treppe hinunterklappern. Mit tappenden Händen suchte er in der Dämmerung seine Mütze, griff nach dem Stock und schwankte der offenen Tür zu.

Aufatmend trat er in den Hof. Schon wollte er sich gegen die Straße wenden, als er vom Zaun her eine kichernde Stimme vernahm. Erschrocken sprang er nach der Gartenseite, am Haus entlang, und drückte sich hinter eine Mauerecke.

Der alte Pointner und Sanni betraten den Hof. Unter der Haustür trafen sie mit Karli zusammen, der aus dem Keller kam.

"Vater! So denk Dir grad: Der Götz is da!"

"Jesus Maria!", greinte der Pointner und lief ins Haus.

Götz trat aus seinem Versteck hervor. Einen Blick noch warf er auf die helle Tür, dann sprang er dem Garten zu. Während er unter dem Schleier der stöbernden Flocken sich keuchend aufwärts mühte über den steilen, tief beschneiten Wiesenhang, hallte hinter ihm die Stimme: "Götz! Götz! Götz!"

Je lauter und dringender diese Rufe klangen, desto rascher flüchtete jener, dem sie galten, dem Wald zu. In großen Klumpen hängte sich der Schnee an seien Füße. Immer schwerer ging sein Atem. Er quälte sich weiter, höher und höher, bis er den Waldsaum erreichte. Mit beiden Armen klammerte er sich an den ersten Baum, um vor Erschöpfung nicht in den Schnee zu sinken. Noch hatte er nicht ruhigen Atem gefunden, da stieg er schon wieder bergan, mühte sich durch wirres Gestrüpp und arbeitete sich von Baum zu Baum, überschüttet von den dicken Schneemassen, die aus dem Astwerk nieder klatschten. Auf seinem Gesicht stand der Schweiß, und dennoch fühlte er eine schauernde Kälte an seinem ganzen Leib.

Nun erreichte er einen schmalen, quer über den Berghang zeihenden Pfad. Hier hielt er inne. die Müdigkeit lag ihm wie Blei in den Gliedern. Und noch drei Stunden bis zu dem Dorf, in dem er zu nächtigen gedachte! Er musste eine Weile rasten, um seine schwindenden Kräfte wieder zu sammeln.

Wo er stand, scharrte er den Schnee von der Erde, ließ sich nieder und lehnte den Rücken gegen einen Baum.

Langsam glitten seien Augen über den Pfad.

Vor einem Jahr, in einer weißen Nacht, da war er diesen gleichen Weg gegangen - mit ihr! Damals hatte sein Weg ein Ziel gehabt, das ihm das leere Herz mit warmem Leben erfüllte.

Und jetzt?

Seufzend presste er die Hände vor das Gesicht.

Dann ließ er die Arme wieder sinken. Er schloss die Lider. Das kühlte ihm ein wenig die Augen, die wie Feuer brannten.

Seinem entkräfteten Körper tat die Ruhe wohl. Er rührte sich nicht und atmete in tiefen Zügen.

Und seltsam! Er wusste doch, woher er kam. Vom Pointnerhof. Und dennoch war ihm, als käme er aus dem winterlichen Bergwald, die Axt auf der Schulter, das Grießbeil in der Hand. Wie leicht und flink sich auf dem linden, weißen Schnee das Gehen machten! Er spürte kaum seinen Körper. Dieses Gehen war wie ein sanftes Gleiten, fast wie ein Fliegen. Wenn nur diese Flocken, diese riesigen Flocken nicht wären, die sich ihm mit eisiger Kälte auf Hände und Wangen legen. Und von den Stellen aus, an denen diese Flocken schmelzen, geht es ihm wie kalt, scharfe Nadeln ins Blut. Wie machte es ihn froh, als er sein haus erreicht und weiß beschneit in das matt erhellte Stübchen tritt. Kuni erhebt sich vom Tisch und geht ihm schmollend entgegen: "Aber Vater, wie kannst mir denn soviel Schnee in d' Stub einitragen?" Das hat sein Mädel nicht gern. Immer muss ihr Stübl blinken und blitzen von Sauberkeit. Lachend schüttelt und schüttelt er sich: Diese Flocken hängen wie Kletten an seinen Kleidern. Aber sie müssen schmelzen, wenn nur erst im Ofen ein Feuer brennen wird. "Geh, Kindl, zünd an!"

"Aber Vater! Siehst es denn net? Der Ofen glüht ja über und über!"

Da macht er erstaunte Augen. "Gspassig, gspassig! Was jetzt dös für a Kälten is? In mir?"

"Geh, komm, da wird gleich gholfen sein!"

Sie öffnet das Ofenrohr, aus dem es dampft und zischt, und stellt dem Vater die brodelnde Suppe hin.

Er nimmt die Schüssel und trinkt. Er sieht die Suppe vor seinen Augen rauchen. Dennoch rinnt sie ihm wie Eiswasser durch die Kehle.

"Gspassig, spassig!", murmelt er wieder.

"Mein Gott, Vater, jetzt krieg ich schon selber bald Angst!"

Sie rückt eine Bank zum Ofen, bereitet ihm aus warmen Decken ein Lager, löst ihm die Schuhe von den Füßen und bettet ihn, so gut und weich sie es vermag. Und weil ihm nun die Kälte erst recht durch die Glieder zittert und seine Zähne zu klappern beginnen, kniet sie vor ihm nieder, nimmt seine erstarrten Hände zwischen die ihren und haucht so lange ihren lieben, warmen Atem darauf, bis ihm eine süße Wohligkeit aus den Fingerspitzen in die Arme rinnt, aus den Armen in die Brust und tief hinein ins Herz.

Da nickte er dankbar zu ihr auf, schließt mit einem Seufzer die Augen, und lächelnd schläft er ein - - - - - - - - - - - - - - - - -

Und lächelnd schlief er. Und erwachte nicht, als er im Schlaf sich streckte und von dem Baum seitwärts nieder glitt in den weichen Schnee. Und erwachte nicht, als über ihm die weiß beladenen Zweige im Winde sich rührten und sein Gesicht verschütteten mit ihrer kalten Last.

In dichter Menge fielen die Flocken, höher und höher hob sich der Schnee über den Waldgrund, und was noch dunkel auf der Erde lag, verschwand allmählich unter dem weißen Leintuch, das die Winternacht diesem starren Schläfer webte.

Mit bleichem Licht erwachte der Tag.

Tief in den Stauden schnalzte eine Amsel. auf dem Baum, der neben dem verschneiten Pfad stand, huschte ein Schwarzblättchen aus seinem Schlupf und flatterte auf den seltsam geformten schneeigen Hügel nieder, der dem Baum zu Füßen lag. Pispernd sträubte der Vogel sein Gefieder, bohrte sein Schnäbelchen in den kalten Schnee und badete sich in den flimmernden Kristallen. Dann blickte er mit kecken Äuglein rings umher, zwitscherte seinen feinen Schlag in den stillen, gleißenden Morgen, spannte die Flügel und flog davon.

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