Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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         Der Unfried
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Kapitel 14

Stunden verrannen, allmählich legte sich der Wind, und immer spärlicher fiel der Schnee. Die graue Dämmerung wurde zum Tage; langsam hoben sich die dicht liegenden Wolken, gaben den weißen Glanz der Berge frei und zerklüfteten sich, dass der blaue Himmel nieder blicken konnte in das winterliche Tal.

Das Dorf erwachte. An den Häusern öffneten sich die Türen, und mit halb verwunderten, halb noch schläfrigen Augen traten die Leute über die Schwellen.

Nur die beiden, die in der Stube des Pointnerhofes saßen, schienen nicht zu merken, dass es Tag geworden. Karli lag mit den Armen über dem Tisch und guckte ratlos vor sich hin. neben ihm saß der Pointner und schnaufte tief, wie einer, der lange gesprochen hat. In seinen Zügen kämpfte Verstörtheit mit verlegenem Ärger. Heftig zitterte die Hand, mit der er an seinem knopflosen Hemdkragen nestelte. Nun blickte er scheu zu Karli auf. "Hast jetzt gar nix zum sagen? Kannst Dir net denken, wie schwer 's eim Vater ankommt, wann er seim eigenen Buben gegenüber so ebbes in Diskurs bringen muss? Oder bist mir am End gar noch harb, weil mich d' Lieb zu Dir alles so aussireden hat lassen?"

Erschrocken fuhr Karli auf. "Harb sein? Na, Vater! Da tust mich ehnder dauern. Du tragst die Folgen schwerer wie ich!"

Die ärgerliche Scheu des Pointners schlug um ins Weinerliche. "Ja, schwer gnug! Aber wohl tut's mir, dass ich Dich auf meiner Seiten weiß."

"Lass gut sein! Reden wir nix mehr drüber!", wehrte Karli verlegen. Dann blickte er in die Stube umher und merkte den Tag, der sich bleich und kalt durch die Fenster stahl. "Da, Vater, tagen tut's! Und die Bäuerin is noch net da!"

"Macht nix!" Der Pointner, weil ihn fröstelte, rieb sich mit den Fäusten die Backen. Aus seinen kleinen Augen blitzte boshafte Schadenfreude. "Wie länger als s' ausbleibt, wie besser! Verklagen tu ich dös Weibsbild -"

"Z'erst musst doch abwarten und hören -"

"Na! Nix da! Die is schon so eine, die! Der Götz hätt sich net grührt, wann er net an festen Anhalt ghabt hätt. Den Gfallen will ich ihm danken seiner Lebtag! Jetzt soll er mir noch ebbes reden vom Fortgehn! Jetzt bleibt er!"

"Vater? So an Gfallen erst hat's braucht, dass der Götz bei dir noch a Bleiben ghabt hätt?"

"No ja, no ja!" Weiter fand der Pointner kein Wort mehr.

Unwillig erhob sich Karli und wischte den grauen Beschlag von der Fensterscheibe. "Da schau, Vater, Winter is worden über Nacht!"

Der Pointner trat zu ihm. "Meiner Seel! Umgschlagen hat's in der Nacht. Und wie!" Als hätte die Tatsache, dass es Winter geworden, auf seine Stimmung einen Einfluss üben sollen, den er nicht dulden konnte, fuhr er scheltend auf: "Ob Sommer oder Winter, dös macht bei so einer Gaunerei kein' Unterschied!" So greinte und schalt er weiter, während er ruhelos in der Stube herumtrippelte.

Karli guckte in den weißen Morgen hinaus. Seine Stirn furchte sich unter stummen Gedanken. Nun stieß er sich vom Fenster zurück und ging zur Tür.

"Was is denn?", murrte der Pointner. "Wirst mich doch net allein lassen?"

"Ich komm gleich wieder! Grad schauen muss ich was!"

Der Pointner hörte seinen Buben über die Treppe hinaufstiegen. Eine Weile war Stille. Dann kam's mit Gepolter vom oberen Stock herunter. Karli stürzte zur Tür herein, bleich, mit zornig blitzenden Augen. "Vater! Soll ich Dir ebbes sagen? Dein saubern Herrn Schwager sein Stübl is leer, und kein Bett is angrührt. In der Bäuerin ihrem alten Stübl steht die Tür sperrangelweit offen. Und der Kasten is aufgrissen, als wär a Gwand davontragen. Jetzt, Vater, kenn ich mich aus!"

Weit riss der Pointner die Augen auf; ein Schlottern kam in seine Knie.

Draußen ging die Haustür, und ein Geräusch wurde hörbar, als pochte jemand an der Schwelle den Schnee von den Füßen. Stoffel trat in die Stube. "Is der Götz net da?"

"Der Götz? Warum?"

"Gspassig, gspassig!", brummte Stoffel. "Im Holzhof is er net, im Stall net. Wo kann er denn sein? Gleich beim Aufwachen hab ich gmerkt, dass er sich gar net schlafen glegt hat. Aber in der Kammer muss er gwesen sein. Der Kufer is aufgrissen und alles durchanand gworfen."

Weiter ließ Karli den Knecht nicht reden. Er sprang zur Tür hinaus, und unter stotternden Worten humpelte ihm der Pointner nach. Sie erreichten die Kammer im Gesindhaus und fanden den offenen Koffer und die zerstreuten Kleidungsstücke. "Vater! Der Götz is fort!" Karlis Gesicht war weiß wie die Mauer.

"Ich glaub's net! Na! So ebbes tut er mir net an, der Götz: Dass er fortgeht ohne Abschied von mir! Ich kann mir schon denken, was los is. Der Götz hat gwacht für uns. Der hat die ander troffen in der Nacht und is ihr nach. Und heimbringen tut er s'! Wirst es sehen, Karli! Den Götz, den kenn ich!"

Draußen eine kreischende Stimme. "Bauer! Bauer!" Die Zenz erschien auf der Schwelle. "Es muss ebbes geschehen sein! Grad is der Martl in Hof einigrumpelt -"

"Der Martl?"

"Ja, und glaufen is er, was er laufen hat können. Ganz verlechzet hat er sich angschaut. Ins Haus is er eini."

Da liefen sie alle, Karli voraus, in den Hof. Dort stießen sie auf den Knecht, der aus dem Haus kam. Bis zu den Hüften hing der Schnee an ihm; sein Gesicht war von Schweiß überronnen, und ganz ohne Atem war er. "Den Bygotter hab ich gsehen! Droben am Sonnbergschlag, wie ich ums Tagwerden von der Holzerhütten fort bin, is er durch d' Stauden gschloffen, gegen d' Höh zu. Ausgschaut hat er zum Fürchten! Jetzt muss er sich finden lassen. Der Schnee verrat ihn. Droben am Kreuzweg hab ich d' Holzknecht warten lassen, und im Vorbeilaufen hab ich's dem Kommandanten ins Fenster einigrufen. Der hat sich gleich am Weg gmacht."

"Heiliger Herrgott, kommt denn heut alles zamm, alles?", klagte der Pointner.

Karli sprang ins Haus. Als er wieder unter der Tür erschien, mit Hut und Bergstock, rief er die beiden Knechte und eitle mit ihnen davon. Wo die beiden Gendarmen wohnten, erfuhr er, dass der Kommandant mit einigen Nachbarsleuten bereits nach dem Sonnberg aufgebrochen wäre.

Am Waldsaum holten die drei aus dem Pointnerhof die Vorausgegangenen ein. Karli wunderte sich, dass der Kommandant allein war, ohne seinen Kameraden. Es fiel ihm auch auf, dass er von dem Gendarmen mit einem merkwürdigen Lächeln empfangen wurde. Wortlos folgte Karli den Männern bergwärts durch den spröden Schnee, der immer tiefer wurde, je mehr sie zur Höhe kamen.

Als sie den Sonnbergschlag erreichten und auf die Fährte des Bygotters stießen, zog Karli den Kommandanten beiseite: "Gelt, rumpeln S' fein net gar z' hitzig drein! Es is kein Spitzbub, der da zum suchen is, sondern a kopfkranker Mensch!"

"Ich weiß schon selber, was ich zu tun habe. So gscheit wie Sie sind, bin ich auch noch!", lautete die Antwort.

Einer hinter dem anderen, der Kommandant voraus, folgten sie der im Schnee deutlich erkennbaren Spur. Diese führte bald durch dichte Büsche und bald durch schütteren Wald, in gerader Steigung gegen die hoch liegenden Lärchenbestände; dann lenkte sie seitwärts in eine Waldschlucht. Hier verteilte der Kommandant die Leute, als gälte es eine Treibjagd abzuhalten. Zwei seiner Nachbarn nahm er mit sich in die Schlucht, in deren schmalstem Teil sie zwar nicht den Bygotter, aber doch seinen Schlupfwinkel fanden, ein geräumiges, von wirrem Gestrüpp verborgenes Felsenloch. Im Hintergrund der dämmerigen Höhle war auf dem feuchten Boden aus Moos und dürren Blättern ein Lager aufgeschüttet. Überall lagen trockene Beeren umher. In einem Winkel stand ein hohes Rindenstück mit Wasser. Auf einem Steinblock lag der halb zerrissene Kadaver eines Berghasen, der noch eine dünne, aus grauen Haaren geflochtene Schlinge um die gedrosselte Kehle hängen hatte.

Vor kurzer Weile noch musste der Bygotter hier gewesen sein; als der Kommandant und seine beiden Begleiter die Höhle verließen, sahen sie im Schnee eine frische Spur über den steilen Hang der Waldschlucht aufwärts steigen. Mit keuchender Mühe arbeiteten sie sich empor und hielten, als sie unter Bäumen die Höhe erreichten, erschrocken still.

Die kahle, von tiefem Schnee bedeckte Kuppe, die sich vor ihnen erhob, war die Sonnbergplatte. Dort oben, an einer Stelle, von welcher der Wind den Schnee gefegt hatte, sahen sie den Bygotter mit ausgebreiteten Armen auf den Knien liegen, das starre, leichenähnliche Gesicht gegen den Himmel gerichtet. Sie hörten nur das heisere, zornige Murmeln seiner Stimme, ohne seine Worte zu verstehen. Gleich einer festen Masse stand ihm der mächtige Bart vom Hals. Seine Linnenkleider starrten von Schmutz; überall hingen die Fetzen nieder, und die klaffenden Risse entblößten den Körper.

Da brach ein dürrer Ast, auf den sich der Kommandant gestützt hatte.

Mit gurgelndem Laut fuhr der Bygotter auf. "Philister über mir!", schrie er gellend in die Lüfte, stürzte davon in wilder Flucht und verschwand in der Tiefe des nahen Felsenkars.

fluchend eilte der Kommandant ihm nach, während einer seiner Begleiter durch die hohlen Hände hinunter schrie in die Waldschlucht: "Leut! Da auffi! Da is er! Da!"

Nun kamen sie heraufgestiegen, einer nach dem anderen, mit kreischenden Fragen, und jeder trat in die ausgewatete Spur, die er vorfand.

Karli, der am weitesten von der Sonnbergplatte entfernt gestanden, erreichte als letzter die Höhe der Kuppe. Entsetzen lähmte seinen Schritt, als er jenseits des Felsenkars den Bygotter aufwärts flüchten sah über die stielen, brüchigen Felsen der Sonnbergwände. Und während unter den Füßen des Wahnsinnigen Schnee und Geröll sich löste und in die Tiefe prasselte, während er Stein um Stein auf seine Verfolger nieder schleuderte, gellte seine Stimme: "Vertilge sie, Herr! Vertilge sie! Rette Deinen Knecht, schleudre Deine Blitze, Berge stürze über sie, und öffne mir Deine Wolken! Alles hab ich Dir gegeben! Und Du? Was gibst Du mir?"

Da sah ihn Karli stürzen, sah, wie er sich mühsam noch hielt, wie er sich aufraffte und wieder aufwärts flüchtete gegen den Grat des Berges.

In Sorge rannte Karli über den Hang der Kuppe hinunter, und während er den letzten der Männer erreichte und am Arm packte, schrie er den anderen zu: "Leut, Jesus Maria, Leut, dös muss an Unglück geben!"

Sie hörten nicht auf ihn. Der Anblick des Bygotters, der Sinn seiner Worte, das unheimliche Sausen der Steine, die über die Felsen niederprasselten - das machte die Leute wie verrückt. Sie kletterten, an den Felsen sich deckend, hinter dem Wahnsinnigen her, und je näher sie ihm kamen, mit desto lauterem Geschrei befeuerten sie einander. In ihr Geschrei mischte sich die gellende Stimme des Bygotters: "Siehe, Herr, schon nahen sie mir, Deinem Knechte! Ich rufe zu Dir in meiner Not! Öffne mir den Himmel! Sende mir des Elias feurigen Wagen, dass ich auffahre zu Dir und Deiner Herrlichkeit!"

Die Stimme erlosch. Während die Männer auf dem stielen Berghang in rascher Flucht ihre Rettung suchten, starrte Karli erschrocken zur Höhe. Noch eben hatte dort oben die Gestalt des Bygotters scharf vom Himmel sich abgehoben. Jetzt war sie verschwunden. Unter der Stelle, an der er gestanden, stäubte eine weiße Wolke auf, die langsam erst, dann schneller und schneller über das steile Gewände nieder rollte, mit jeder Sekunde sich vergrößerte, Schnee und Steine in breiter Gasse mit sich riss und ein wirres Geräusch erweckte, das aus Rauschen, Sausen, Knattern und Dröhnen sich zusammensetzte, um it einem donnerähnlichen Schlag zu erlöschen.

Ein grauer Wust von Schnee, Geröll und Staub erfüllte die Hälfte des Felsenkars. Ein zitterndes Summen ging noch durch die Lüfte, während dünne Schneebäche lautlos aus der Höhe nachgerieselt kamen.

Mit aschfarbenem Gesicht stand Karli an einen Felsblock gelehnt. Sein Körper war überstäubt von Schnee und Sand. Dicht vor seinen Füßen waren die äußersten Massen der Lawine ins Stocken geraten. Er brachte keinen Laut aus der Kehle. Sein irrender Blick suchte die anderen. Denen war aller Zorn und Übereifer vergangen. Verstört kamen sie von allen Seiten herbei und bekreuzigten sich. Scheu sahen sie einander an. Sie schienen mit den Augen zu zählen. Einer fehlte. In ihrem Schreck erkannten sie nicht gleich, wer es wäre. Endlich stotterte Martl den Namen. Einer der Nachbarn des Kommandanten war es: Er hatte bei der Verfolgung des Bygotters die anderen hinter sich gelassen und war zuletzt noch in die Nähe des Wahnsinnigen gesehen worden.

Nun begannen sie ein lautes Schreien und Jammern, und einzelne brachen in wilde Verwünschungen gegen den Bygotter aus: Dass er bei der "Gottesstraf", die ihn getroffen, auch einen Unschuldigen mit ins Verderben hatte reißen müssen!

Als Karli diese Reden hörte, schien ihm ein heftiges Wort auf der Zunge zu liegen; doch schweigend wandte er sich ab. Auch ein zweiter stand wortlos vor diesem Lärm: der Kommandant. Er zerrte immer an seinem Schnurrbart.

Inzwischen begannen ein paar von den Männern schon mit Händen und Bergstöcken im Schnee zu wühlen. Aber die mit Steinen und Geröll durchsetzte Masse lag wie festgestampft und angefroren. Man musste um Geräte und weitere Leute gehen. Karli zögerte, er wollte bleiben. Aber die Furcht, dass eine Kunde von dem Geschehen auf unvorsichtige Weise ins Lehrerhaus dringen möchte, trieb ihn mit den anderen ins Dorf hinunter.

Als sie zu den ernsten Häusern kamen, eilte Karli voraus. Er traf den Lehrer nicht daheim; die Frau versprach ihm, dass sie den ganzen Tag nicht von Sannis Seite weichen würde; kein Laut vom Unglück dieses Morgens sollte in die Krankenstube dringen.

Nur halb beruhigt, rannte Karli durch das Dorf, in dem die aufregende Kunde schon von einer Tür zur anderen flog.

Daheim in der Stube fand er den Vater. Die zornige Erregung, die aus des Pointners Augen sprach, verwandelte sich in starren Schreck, als er hörte, was Karli berichtete.

Während sich der Bursch wie zerbrochen auf einen Holzstuhl sinken ließ, täppelte der Pointner jammernd durch die Stube. Schließlich fuhr er sich mit den Händen ins graue Haar und hatte nur immer das eine Wort: "So a Tag! So a Tag!" Dann blieb er vor Karli stehen, zerrte ein zerknittertes Blatt aus der Tasche und stotterte: "Da! Dass ebbes Nuis erfahrst! Da lies amal!"

"Was is dös?"

"A Brief! Und was für einer! Kein halbs Stündl noch is 's her, da hat ihn a Bub brahct, a fremder, von der Bahnstation. So lies, sag ich, lies!"

Karli las. Es war ein Brief vom Götz, in schweren Buchstaben mit Blei geschrieben. Dieser Brief erklärte alles und verschwieg nur eines: Den Weg, den Götz mit Kuni genommen. "Mar' und Josef! Wer hätt sich so ebbes denkt!", stammelte Karli.

Weiter ließ ihn der Pointner nicht reden. Er riss ihm das Blatt aus den Händen, zerknüllte es zwischen den Fäusten und schrie gegen die Stubendecke: "So ebbes! So ebbes! Alles kommt über mich! Alles! Schand und Spott muss ich haben davon, und auslachen werden mich d' Leut am hellen Tag! Und wann's mir auch net um die ander is - im Gegenteil, aufschnaufen tu ich, aufschnaufen, ja! Aber der Götz! Der Götz! Wie soll denn ich und der Hof den Götz graten können! Was fang ich denn an ohne den Götz!"

"Aber Vater! So sei doch gscheid!"

"Na! Ich mag net! Ich will den Götz wiederhaben! Meinetwegen soll er Vater sein, zu wem er mag! Weswegen hat er denn da gleich fortlaufen müssen? Da hätt er ja bleiben können! Erst recht! Na, so eine! Dös is eine! Verführt mir den Götz zum Davonlaufen!"

"Geh, Vater, wie redst denn jetzt?"

"Ich red, wie ich mag! Und ich lass net aus, vor ich mein' Götz net wiederhab. Wann s' schon davonlaufen hat müssen, da wär s' mir lieber mit ihrem Bruder davon glaufen, mit ihrem saubern! Weißt, was geschehen is? Im Wirtshaus hat er gsoffen die ganze Nacht. Und über d' Schwester hat er gschimpft, dass ‚s kaum zum Anhören war. Und noch einer is dabei gwesen, so a Vagabund, so a lumpeter! Der hat an Rausch ghabt, und da hat's ihn verdrossen, dass sich der noble Herr net zu ihm an Tisch setzt. Und Streit haben s' kriegt, und der Lump hat's ausgredt, dass er falsch gschworen hat für'n Gori. Und der Schandarm is dazukommen, und packt hat er s' alle zwei und hat s' davon, schön Hand an Hand! In aller Fruh is d' Walli daher grennt kommen, d' Wirtshauskellnerin, ganz verweint! D' Händ hat s' zamm gschlagen überm Kopf, und gflennt und bettelt hat s', ich sollt mich doch wehren um mein' Schwager! Ja, Schnecken! Ich? Mich wehren? Um so an Schwager? Der kann mir gstohlen werden! Aber natürlich, Schwager, Schwager, jetzt wird's allweil heißen: a Schwager vom Pointner. Na! Na! Grad alles kommt über mich!" Der Pointner drückte die Fäuste über die Ohren, und die Tränen seines Grimmes rannen ihm über die Backen.

Wortlos saß Karli in seinem Stuhl.

Da trat der Pointner an eines der Fenster. Er wischte mit den Händen über die Augen und stotterte: "Leut sind draußen im Hof."

"Jesses!" Karli sprang auf. "Ich muss fort, Vater! Ich muss mit auffi am Berg. Ich muss!"

"Ja, Bub, ja, musst schon gehen!", seufzte der Pointner. "Na! Is dös a Tag! Du lieber Herrgott! Und so an Unglück! Na! Na! Und dös arme Madl! Dös gute Hascherl!"

Wenn diese Worte für Karli berechnet waren, kamen sie zu spät; während der Bauer noch sprach, stand der Bub schon draußen im Hof. Die Leute, die er vorfand, waren um Spaten und Schaufeln gekommen. Karli schleppte herbei, was er zu finden wusste. Dann eilte er mit den Leuten dem Sonnberg zu. Als sie die Unglücksstätte erreichten, war die traurige Arbeit schon im Gang.

Den Nachbar des Kommandanten fanden sie zuerst; trotz seiner schweren Wunden zeigte er noch Leben; während sie ihn auf die Tragbahre betteten, verschied er.

Eine Stunde später fanden sie den Bygotter. Sein starrer, fast zum Skelett abgemagerter Körper war unversehrt; von der Schläfe ging ein klaffender Bruch über die Stirn und das kahle Haupt. Seine Fäuste waren geballt, und über dem gespensterhaften Gesicht lag noch der Ausdruck eines finsteren Zornes.

Die Leute beteten vor den Leichen; dann nahmen acht Männer die beiden Bahren auf, und unter murmelndem Gebet schlossen die übrigen sich an.

Langsam ging es talwärts durch den beschneiten Bergwald.

Im Dorf teilte sich der Zug.

Den Bygotter wollten sie zum Armenhaus tragen. Karli setzte es beim Vater durch, dass der Tote im Pointnerhof aufgebahrt wurde.

Zwei Tage später, am Morgen des Allerseelentages, wurden die beiden, die in der gleichen Stunde den Tod gefunden, in der gleichen Stunde zur ewigen Ruhe getragen.

Während eine dunkle Menschenmenge den weißen Kirchhof füllte, war Karli im Lehrerhaus bei seiner Sanni.

Das Mädel ruhte in einem Lehnstuhl, den Schoß von einer wollenen Decke verhüllt. Ihre schmalen, blassen Hände lagen auf den Lehnen. Der liebliche Kopf mit den sorgsam geflochtenen Haaren war in die Polster zurückgesunken, und die feuchten Augen blickten zur Höhe. Über die schmalen Wangen hatte die wiederkehrende Gesundheit schon eine warme Röte gehaucht.

Da lösten sich zwei Tränen von ihren Wimpern. "Dass ich heut gar soviel an ihn denken muss! Ob er jetzt wohl schon drüben sein mag überm Wasser?"

"Ja, Sanni! Jetzt is er drüben."

Von seinem Ton betroffen, sah sie ihm ins Gesicht. "Was hast denn, Karli?" Bevor er noch eine Antwort finden konnte, hob sie den Kopf und lauschte den Glockenklängen, die das Glas der Fenster leise zittern machten. "Dös kann doch kein Kirchengeläut net sein? Dös is ja grad, wie wann a Gräbnis wär?"

"Ja, freilich, a Gräbnis."

"Jesus! Wer is denn gstorben?"

"Wer gstorben is? Der alte Häusler. Weißt, der Pechlernaz. Der allweil soviel krank gwesen is."

"Aber ich mein doch, es hätt mir d' Frau Lehr vor acht Tag schon gsagt -"

"Selbigsmal, da is er versehen worden. Richtig gstorben is er erst vor zwei Tag!"

"Der arme Hascher! Aber schau, dem hat der liebe Herrgott ‚s Sterben als Erlösung gschickt. Er wird ihn auch gnädig halten in der himmlischen Ruh."

"Ja, Sanni, in Ewigkeit, Amen!"

Die Glocken setzten aus. Man hörte vom nahen Kirchhof herüber den verschwommenen Hall einer einzelnen Stimme. Es war die Stimme des Pfarrers, der die Grabrede sprach. Das währte eine Weile. Dann war ein wirres Gemurmel zu vernehmen.

"Geh, Karli, lass uns a Vaterunser beten für die arme Seel."

Ihre Hände verschlangen sich, und die Stimmen der beiden flossen ineinander zu leisem Gebet.

Vom Kirchhof herüber tönte schwermütiger Gesang, und wieder begannen die Glocken ihr schwebendes Geläut.

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