Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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         Der Unfried
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Kapitel 13

Die Wolken schienen an den finsteren Dächern und an den Wipfeln der halb schon entblätterten Bäume anzustreifen. Sie lagen so dicht und schwer, dass der Sturm, wie heftig er auch tobte, sie kaum zu bewegen vermochte. Mit dem Pfeifen des Windes mischte sich das Kreischen der rostigen Dachfahnen, das Klappern der losen Fensterläden, das Ächzen der Bäume und das Knarren der Äste. In wirbelnden Säulen fuhren die dürren Blätter über die Straße hin oder sammelten sich, wenn die Gewalt des Sturmes sich für eine Weile schwächte, auf der Erde zu raschelndem Tanz. Es fielen auch schwere Tropfen, doch immer versiegte der Regen wieder, sobald der Wind mit heftigen Stößen sein altes Treiben und Rauschen begann.

Langsam folgte Götz der dunklen Straße. Seien Joppe flatterte, und die zerzausten Haare peitschten ihm die Wangen. Er schien die scharfe Kälte nicht zu fühlen, die ihn umwehte. Fast vor jedem Haus blieb er stehen, als hätte er stummen Abschied nehmen mögen von jeder Tür, durch die er gegangen, von jedem Fenster, aus dem er in den verwichenen Jahren einen freundlichen Gruß vernommen. Er trat in den Kirchhof, wanderte durch die Reihen der Gräber und verhielt sich vor jedem Hügel, zu dem seien eigene Hand eine Schaufel voll Erde geworfen hatte. Nun stand er vor einem eisernen Gitter, das ein großes Geviert umschloss. Es erhob sich darin nur ein einziger Hügel - das Grab der seligen Pointnerin - und das drückte sich hart in eine Ecke, um Raum zu lassen für die Kommenden.

"Da, hätt ich gmeint, da sollt ich amal mein Platzl finden! - Wo jetzt?" Er schlang die Hände ineinander und betete. "Pfüet Dich halt, Bäuerin!" Sich bekreuzigend, verließ er den Kirchhof.

Er wanderte durch das Dorf zurück, erstieg den Kapellenberg und setzte sich auf jene Bank, auf welcher Sanni die Nachricht von der Ankunft ihres Vaters erfahren hatte.

Auf dieser Höhe hauste der Sturm in seiner ganzen Wildheit. Er pfiff und johlte um die Mauerecken der Kapelle und heulte durch die Luken des Glockenturmes. Er peitschte das letzte Laub von den Bäumen und schlug die dürren Zweige von den Ästen.

Götz fühlte, wie der Stamm der Linde, an die er sich mit dem Rücken lehnte, bis ins Mark erzitterte. Rindenstücke und kleine Zweige rieselten über ihn nieder, und häufig sah sich Götz in eine Wolke der dürren Blätter gehüllt.

Ein Schauer rüttelte seine Schultern. Seufzend erhob er sich. "Es is kein Bleiben net!" Das galt dem Ort, an dem er sich befand, und schloss zugleich den Wirbel der Gedanken, die ihm durch Kopf und Seele stürmten.

Während er zum Dorf hinunter stieg, ließ das Tosen des Windes nach. Götz spähte in die finstere Höhe. Nun würde wohl auch die Schwere der Wolken zu ihrem Recht kommen.

Als er den Pointnerhof erreichte, sah er hinter keinem der Fenster mehr ein Licht. Schon wollte er sich dem Zauntor nähern, als er ein leises, klirrendes Geräusch zu hören glaubte. Seien Augen huschten über die Wand und bleiben an einem Stubenfenster haften. Dort schob sich etwas Dunkels über das Gesims ins Freie, glitt auf die Erde und schlich an der Mauer entlang. Eine weibliche Gestalt. Götz erkannte sie. And er Hausecke blieb sie wie lauschend stehen und verschwand im finsteren Hof - nach einer Richtung, aus der sich ein dünnes Hüsteln hatte vernehmen lassen.

Mit zitternden Händen klammerte sich Götz an die Stäbe des Zaunes. Er wusste nicht, warum es ihn so bitter schmerzte, dass er nun recht behielt - mit seinem ersten Gedanken über Kuni und den "Bruder von irgendwo".

Wenn Gregor ihr Bruder war, wozu dieses heimliche Stelldichein in der Nacht? Und wenn sich Bruder und Schwester Dinge zu sagen hatten, die kein fremdes Ohr erlauschen sollte? Konnten sie dazu nicht eine andere Stunde finden? Weshalb hatte Kuni das Knarren der Haustür zu scheuen, weshalb musste sie durch das Fenster steigen, wenn sie den Bruder suchte, nicht ihren Liebhaber? Wie sie das Heucheln verstanden hatte! Und gerade jetzt musste er hinter die abscheuliche Wahrheit kommen, da es ihm eine Freude gewesen wäre, wenn er besser von Kuni hätte denken können.

Durfte er schweigen? Wurde er nicht zum Mitschuldigen dieser hässlichen Heimlichkeit, wenn er sie geschehen ließ? Noch war er ein Knecht dieses Hauses, über dessen Ehre er aus Pflicht und Dankbarkeit zu wachen hatte. Nur dass sie es war, sie, die ihm heut in bitterer Stunde ein tröstendes Wort gesagt - dass sie es war, über die er nun Zorn und Schimpf heraufbeschwören sollte! Aber durfte er in seinem rechtlichen Sinn die Freude einer Minute über die Wohltat der elf vergangenen Jahre setzen?

An der Stelle, an der er stand, überstieg er den Zaun.

Er streckte die Hand nach einem Fenster, um zu pochen, und zog sie wieder zurück. Trotz des lauten Windes hörte er aus der Kammer ein rasselndes Schnarchen. "An guten Schlaf hast, Bauer! Und viel verschlafst!" Hastig bog er um die Mauer nach der Hinterseite des Hauses. Dort kletterte er über das Scheitholz, das an der Wand aufgeschichtet war, und pochte an ein Fenster des oberen Stockes.

Das Fenster wurde aufgerissen. "Was is?"

"Ich bin's, Karli."

"Götz? Um Gottes willen, was is denn?"

"Karli! Den Vater weck auf! Und frag ihn, wo die Bäuerin is!" Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang Götz zu Boden. Dann sah er Karlis Gesicht verschwinden. Eine heiße Blutwelle schoss ihm in die Stirn. Hätte er nicht einen besseren Weg finden können, als diesen, der zu offenem Hader führen musste? Wenn er auf Kuni zugetreten wäre, gütlich mit ihr gesprochen hätte? Bei allen üblen Eigenheiten ihres verbildeten Charakters hatte sie ein empfängliches Herz. Vielleicht hätte sie auf sein Wort gehört? Vielleicht hätte sie die Hässlichkeit ihres Treibens eingesehen? Vielleicht auch nicht! Und dann wäre er mit einer Ausrede abgefertigt worden, und sie hätte ihre Heimlichkeit nur heimlicher weiter getrieben.

Da schrak er aus seinen Gedanken auf. Ein Schauer rann ihm über den Rücken. Er glaubte nicht an Gespenster. Aber wenn es Gespenster gäbe, müssten sie der unheimlichen Erscheinung gleichen, die lautlos unter den finsteren Bäumen näher schlich: Eine hagere, fast übermenschliche Gestalt, wie mit weißen Grabtüchern angetan. Götz sah diese Tücher im Wind flattern und hörte das Murmeln einer hohlen Stimme. Wer das auch sein mochte, sicher war es einer, der nichts Gutes im Sinn hatte. Götz trat auf den Schleicher zu und fasste ihn am Arm. "Wer bist?"

Nur einen keuchenden Laut erhielt er zur Antwort. Und erkannte den Bygotter. Der staunende Schreck, der ihn befiel, raubte ihm einen Augenblick die Fassung. Diesen Moment benützte der andere, um den Arm loszureißen und mit langen Sprüngen gegen die offene Weise zu flüchten. Götz rannte ihm nach. Er sah ihn an der bergwärts steigenden Hecke gegen die Höhe fliehen, sah ihn hinter einer Wölbung des Bodens untertauchen, ein paar Mal schimmerten noch die weißen Tücher durch die Nacht, dann war der Fliehende im Dunkel verschwundne. Kein Laut, kein Zeichen mehr verriet, welchen Weg er genommen. Eine Weile rannte Götz noch ziellos in die Finsternis hinein, bis er endlich, hoch oben in der Wiese, schwer atmend innehielt.

Ohne große Gedankenplage meinte er sich sagen zu können, was der Bygotter hier gesucht haben könnte. Und sicher war der Wahnsinnige nicht zum ersten Mal hier gewesen. Irgendwo im Wald oder in den Bergen droben mochte er seinen Schlupfwinkel haben, den er nur in der Nacht verließ, um den Aufenthalt seines Kindes zu erforschen.

Über die finstere Wiese nieder steigend, folgte Götz der talwärts ziehenden Hecke, die bei der Rückwand des Gesindehauses endigte. Nun hatte er den ebenen Grund erreicht und wollte die Hecke verlassen. Betroffen blieb er stehen. Eine gedämpfte Stimme war an sein Ohr geschlagen. Auf kaum zehn Schritte gewahrte er eine männliche Gestalt, die an die fensterlose Rückwand des Gesindehauses gelehnt stand. Das konnte nur der "Bruder" sein. Trotz des herrschenden Dunkels meinte Götz auch das Weib zu erkennen, das an Gregors Seite auf einer Bretterbeuge kauerte. Die beiden schwiegen jetzt, und Kuni hielt wie lauschend den Kopf erhoben. "Ich hör nix als wie den Wind und 's dürre Laub in die Stauden," murmelte sie nach einer Weile. Dann sprach sie in raschen Worten weiter: "Und jetzt sag ich Dir's zum letzten Mal: Morgen in der Fruh gehst fort!"

"Fallt mir net ein! Ich hab die beste Liegerstatt, mein guts Essen, und um an Biergroschen brauch ich mich net sorgen, Du schwimmst ja im Geld."

"Steigt denn gar net a bissl Scham in Dir auf? Bloß anschauen därf ich Dich, und es is mir, als müsst ich ausspeien!"

"Sauber redst mit Deim Bruder!", fiel Gregor lachend ein.

"Bruder? Du bist mein Bruder net!"

"Bist am End gar noch stolz drauf? Aber ich bin a guter Kerl, ich trag Dir nix nach. An anders Mal wirst wieder anders reden. Und 's Warten verdrießt mich net."

"Du hast zum Warten nimmer Zeit! Heut hast Dein Maß zum Überlaufen bracht - durch die Bosheit, mit der an Menschen elend gemacht hast, der Dir seiner Lebtag nie was tan hat."

"Nix tan? So?", brauste Gregor auf. "Gnug hat er mir tan! Scheniert hat er mich, mit seine gschaftigen Augen. Und Luft hab ich schaffen müssen!"

"Luft? Für wen? Du, Gori, gehst allein. Der Götz bleibt."

"Jetzt da schau her! Weswegen nimmst Dich denn gar so an um ihn? Machst mich völlig neugierig, was er Dir is?"

"Mehr, als Du Dir denken kannst! Und jetzt sag ich Dir's: Du tust mir kein' Schritt nimmer eini ins Haus!"

"Was? 's Haus willst mir verbieten? Du? Ah geh! Da müsst ich schon z'erst a Wörtl reden."

"Red! Jetzt is mir alles eins. Jetzt is mir d' Furcht vergangen."

"Geh! Seit wann denn?"

"Seit ich wen hab, an den ich mich halten kann."

"Ah so, den Götz, den lieben! Den hätt ich schier vergessen. Ja, Narr, ja, Narr!", scholl es mit hässlichem Lachen. "Auf so ebbes hätt ich freilich net denkt. Ausschauen tut er net darnach, der alte Pharisäer -"

Gregor verstummte. Er hatte kein Geräusch, keinen Schritt vernommen, sah nur plötzlich, dass sie zu dreien waren. Und fühlte eine Faust an seiner Brust und hörte eine zornige Stimme: "So a Red tust a zweits Mal nimmer!"

Einen Augenblick stand Kuni wie gelähmt. Dann packte sie den Götz am Arm und riss ihn von Gregor zurück. "Rühr ihn net an! Der is dei' Hand net wert. Mich lass reden mit ihm! Aber net in Zorn. Ah na! In Güt und Dank. Mein Kinderglück, mei' Ruh in die letzten Jahr, jeden Kreuzer, den ich verdient hab, alles hat er mir gnommen. Aber heut hat er mir ebbes geben, dös alles wett macht. Ja, Gori, ich sag Dir vergelt's Gott für die heutige Bosheit! Die hat mir an Vater geben."

"Was?", stotterte Gregor.

"Mein Vater is er, der Götz!"

Nur der Wind war noch zu hören, der um die finstere Mauer fuhr und raschelnd durch die schwarzen Büsche zog.

"Ah, da legst Dich nieder! Was man heut net alles erfahrt! Grad schauen tu ich!", brach Gregor mit heiserem Lachen das Schweigen.

Dieses Lachen rüttelte den Götz aus seiner Betäubung auf. "Kuni!", schrie er. Zornige Härte war im Klang dieses Mannes.

"Gelt, magst es schier selber net glauben?" Sie umklammerte seinen Arm. "Ich weiß auch, warum! Ich kann z'frieden sein, ich find an Vater, der Achtung wert is und Lieb! Aber Du? Der Herrgott soll mir's verzeihen, dass ich Dir kein anders Kind net geben kann, als wie ich eins bin. Aber wann net glauben kannst, so sag mir, wie dös Madl gheißen hat, von dem Du uns heute verzählt hast."

"Lenei hat's gheißen, Lenei Brandtner."

"Und Brandtner Magdalen hat mei' Mutter gheißen." Verstummend richtete sie die Augen auf Gregor und fuhr ihn mit schrillenden Worten an: "Was willst denn noch?"

"Ah ja, hast recht!", erwiderte Gregor lachend. "Und tu halt den Vater recht schön betten! Er is lang auf der harten Pritschen glegen. Ja, räum ihm nur gleich mein Stüberl ein! Im Wirtshaus bin ich auch net schlecht versorgt. D' Walli wird mir schon a Platzl wissen, ich versteh mich aufs Erden mit die Kellnerinnen. Leicht find ich noch Gsellschaft, die sich ebbes verzählen lasst. Es is nur, dass d' Leut morgen dem Pointner Glück wünschen können! Ah, der hat's troffen! Jetzt braucht er seine Weiberleut nimmer mit Spinnen plagen, sein Schwiegervater versteht's besser!" Gregor drückte sich um die Ecke. Man hörte noch sein Lachen. Dann verhallte sein Schritt.

Mit beiden Armen hatte Kuni sich an Götz geklammert, als müsste sie ihn hindern, auf Gregor loszustürzen; dazu sprach sie in stammelnden Worten zu ihm auf. Und fühlte plötzlich, dass er wankte. "Um Gottes willen, was is denn?"

"'s Stehn vermag ich nimmer, d' Füß lassen aus."

Erschrocken führte sie ihn zu den Brettern, auf denen sie gesessen. "Gelt! Ich hab's heut selber gspürt, wie's ein' anpackt. Was verzählt hast, hat mir 's Herz aufgrührt bis in tiefsten Winkel eini, weil Dein Elend eim andern z'gleichen war, von dem mir d' Mutter selig aufm Sterbbett 's erste Wörtl gsagt hat. Und wie ich Dein' Namen ghört hab, den mir d' Mutter einigwispert hat ins Ohr -" Sie grub das Gesicht in die Hände.

"Es kann net sein! Ich kann's net glauben!", stöhnte Götz.

Seine Worte überhörend, sprach Kuni tonlos vor sich hin: "Mir is, als liegt d' Mutter wieder da mit ihrem weißen, traurigen Gsicht! Und allweil hör ich s' mit ihrer müden Stimm verzählen: Wie leib s' Dich ghabt hat, lieber als gut und recht war. Und wie nachher ausblieben bist, und wie s' von ihre Leute nix anders erfahren hat als Schimpf und Schläg, weil s' Mutter war von eim, der nix is und nix hat. Und wie der Vater nach a paar Tag schon mit eim Hochzeiter kommen is, und wie sie sich gwehrt hat mit Händ und Füß. Und wie sie sich hat dreingeben müssen, weil s' ghört hat, dass man Dich zu die Soldaten nimmt. Und verzählt hat s' mir vom Morgen nach der selbigen Nacht: Wie s' gmeint hat, sie müsst vor Elend den Verstand verlieren. Und wie s' ihr Vater am gleichen Tag noch fort gschafft hat zu seiner Schwester. Und wie man s' da verheirat hat. An den, zu dem ich neunzehn Jahr lang Vater hab sagen müssen."

Kuni starrte in die Nacht hinaus. Sie schien auf ein Wort von Götz zu warten. Weil er schwieg, begann sie wieder zu reden, erzählte von dem martervollen Leben, das ihre Mutter hatte tragen müssen, erzählte von sich selbst, von ihrer freundlosen Jugend, von ihrer Flucht, um den Vater zu suchen.

"Den nimmer finden hast können! Weil der Lechner-Xaver überm Wasser war!" Götz drückte die Fäuste an seien Stirn. "Heut verfluch ich den Zufall, den ich vor elf Jahr als Wohltat angsehen hab! Hätt ich mein' Namen bhalten, so hättst mich finden müssen. Und Dein Leben hätt sich anders gwendt, und anders tätst dastehn vor die Leut und vor Dir selber. Mein Reden muss Dir weh tun. Aber ich kann net anders!"

"An unguts Wörtl von Dir is mir lieber als die beste Red von jedem andern! Und an den Gori will ich mit keim zornigen Gedanken nimmer denken. Der hat mir finden helfen."

"Unser Herrgott sucht sich manchmal gspassige Helfer aus!"

"Bei sowas hat der Herrgott d' Händ net dabei. Sonst hätt er mich lang schon erlösen müssen vom Gori. Wie ich fort bin aus Lenggries, hab ich gmeint, jetzt hätt ich Ruh. Derweil ich in Deiner Heimat nach Dir gsucht hab, sind die paar Groschen drauf gangen, die ich ghabt hab. A Dienst für mich is net schwer zu finden gwesen. An keim Platz hab ich's ausghalten. So bin ich auf Rosenheim kommen, als Kellnerin. Der Wirt war z'frieden mit mir. Ich hab ihm Leut in d' Stub zogen. Aber was ihm Geld tragen hat, hat mir kei' gute Stund net bracht. Auf Schritt und Tritt sind mir d' Mannsbilder nach gstiegen. ich hab mir's gfallen lassen. Dös ghört zum Gschäft. Wann a Madl lernen will, schlecht von die Mannsbilder denken, braucht's bloß a Kellnerin machen! Oft hat's mich packt, ich weiß net wie, und da hab ich mich zahlt gmacht bei die Leut und hab s' zum Narren ghalten, wie a Lausbub den Maikäfer plagt. In der Nacht hab ich oft gweint, bis der Tag ins Fenster einigstiegen is, und hab an d' Mutter denkt und an den, von dem s' mir gredt hat in ihrer Sterbstund. Wann's Tag worden is, hab ich alles in mir verschließen müssen, wie der Mesner die Kirchen zusperrt vor der Nacht. Diemal is mir alles nach gangen bis in d' Stuben abi, und da bin ich oft gwesen, dass mich d' Leut schier nimmer kennt haben. Und da komm ich amal in d' Stub, und eiskalt lauft's mir übern Leib, wie ich hinterm Tisch den Gori hocken sieh. Aufgstiegen is mir's vor die Augen, wie er mich plagt hat als Kind, er und die andern, und wie s' meiner Mutter mit gspielt haben. Im Zorn hab ich ihm d' Stub verwiesen. Angschaut hat er mich und hat glacht: So viel stolz wär ich, wie sich's gar net schicken tät für die Tochter von so einer Mutter. In der Wut hab ich ihn mit der Faust ins Gsicht gschlagen."

Kuni fühlte, dass ein Arm sich schwer um ihre Schultern legte. Erleichtert atmete sie auf.

"Zur Stub bin ich auffi, und der Gori hinter mir drein. Am Arm hat er mich packt, und vor 's Gricht tät er mich bringen. ‚Und einsperren müssen s' Dich', hat er gsagt, und ehnder gib ich kei' Ruh net, bis ich Dich net drin hab in der gleichen Spinnstub, wo Dein Vater gsessen is, der ein' umbracht hat!' Vor Schreck hab ich gmeint, es grinnt mir 's Blut, wie ich gmerkt hab, dass er alles weiß von der Mutter und Dir. Was in meiner Taschen war, 's ganze Geld, alles hab ich ihm zugschoben, bloß dass er den Nam' von meine Eltern unter die Leut net umtragen sollt in Schand und Spott!"

Frierend schauerte sie und schmiegte sich an Götz.

"Auslassen hat er nimmer! Den letzten Kreuzer hat er aussidruckt aus mir. Amal, da hab ich schon ghofft, ich bin erlöst von ihm. In der Nacht is einer angfallen worden, und da haben s' den Gori in Verdacht ghabt. Aber da hat er an Zeugen bringen können, der ihn aussi gschworen hat. Und wie er wieder da war, hat er bei mir wieder am Kittel grissen. Allen Zorn, den ich schlucken hab müssen, hab ich an die andern Leut wieder auslassen. Wo ich an Menschen hab lachen sehen in Freud, gegen den is der Neid in mir aufgstiegen. Allweil ärger hat's der Gori trieben. Und wie ich ihm nix mehr hab geben können, hat er gmeint, ich könnt mir ja leicht vom Wirt seim Biergeld ebbes auf d' Seit schieben. Da hab ich lieber mein' Dienst im Stich lassen. In der Nacht bin ich auf und davon."

Götz atmete auf, als hätte er die Antwort auf eine Frage gehört, die er auszusprechen nicht den Mut gefunden.

"So hab ich mich umtrieben a paar Monat lang. Nie hat mich d' Angst verlassen, dass der Gori in der Wut alles ausgredt hat. Dös hat mich z'ruck trieben nach Rosenheim. Völlig aufgschnauft hab ich, wie ich ghört hab, dass der Gori fortgmacht hat, kein Mensch hat sagen können, wohin. Und gar nix muss er ausplauscht haben, kein Wörtl hab ich ghört. Freilich, über mich, da haben d' Leut gspassig gredt. Dös is mir z'wider worden. Ich hab mein' Dienst aufgsagt und bin davon. Ins Reichenhall hab ich ummi wollen -"

"Und im Holz droben hast Dich verirrt? Und im ersten Haus bist bleiben und hast den Unfried einigsetzt zwischen Leut, von denen nix anders erfahren hast als Güt!"

"Ich muss mir's gfallen lassen! - Von Anfang hab ich kein' unguten Gedanken ghabt. Halb bin ich blieben vor Müdigkeit, halb a bissl aus Übermut. Und wie mir a narrischer Einfall zum Ernst ausgschlagen is, hab ich gmeint, ich könnt mir a richtigs Leben schaffen. Nimmer auslassen hat's mich. Z'letzt hab ich gmeint, ich müsst mit Gwalt zwingen, was im Guten net gehen hat wollen. Und wie's mir fehl gschlagen is -"

"Sei stad! Brauchst mir net sagen, was ich lang schon weiß!"

"Was weißt?", stammelte sie erschrocken.

"Was mir der Karli verzählt hat. Und was ich erraten hab müssen! - Wie viel Freud kunnt ich haben in der jetzigen Stund! Wann nur dös einzige net geschehen wär!"

Unter heiserem Laut presste Kuni das Gesicht in die Arme.

Stumm saß Götz an ihrer Seite.

Vor ihnen, vom Rand des vorspringenden Daches, ging ein leises Geriesel herunter. Es hatte zu regnen begonnen. Schon in die ersten Tropfen hatten sich weiße Flocken gemischt. Immer größer und reichlicher fielen sie im kalten Wind auf die Erde, überall begann der Schnee zu haften, und das Dunkel der Nacht verwandelte sich in milchige Dämmerung.

Ein Schauer rüttelte Kunis Schultern. "Jetzt bin ich gstraft!" Dann kam es wie Zorn und Eigensinn in den Klang ihrer Stimme. "Soll's sein, wie's mag! Ebbes Guts is allweil noch dabei. Mir hab ich Haus und Heimat schaffen wollen. Dir soll's bleiben. Was mir zum Übel graten is, soll Dir zum Guten sein!"

"Na, Kuni! A Dach, unter dös mein Kind den Unfried einigworfen hat, taugt mir net als Heimat!"

"Vater!", keuchte sie mit versagender Stimme. "Jetzt wird mei' Straf erst ganz!" Das war ein Laut, so rau fast wie die Stimme eines Mannes. "Recht gschieht mir! Greut hat's mich von der ersten Stund an. Jeden Tag is mir's gwesen, als müsst ich auf und davon. Aber da hab ich an Brief abgfangt vom Karli. Und hab drin glesen, dass er mir d' Schand ins Gsicht einischimpft von wegen meim Vater, den ich net kennt hab. Dös hat mich bockbeinig gmacht. Und jetzt muss ich's büßen! An meim Vater grad!" Sie klammerte die Arme um seinen Hals. "Ich lass Dich net, und wann ich Dich halten müsst mit Blut und Leben! Geht's net anders, so nimm mich fort mit Dir! Wir zwei, wir brauchen anand wie Fuier und Holz! D' Händ will ich Dir unter d' Füß legen, an die Augen will ich Dir alles abschauen, blutig schinden will ich mich für Dich -"

"Um Gotts willen, was redst denn da!" Götz drückte Kunis Gesicht, um ihr krampfhaftes Schluchzen zu ersticken, mit zitternden Händen an seine Brust. "So sei doch gscheid! Nimm doch Verstand an!"

"Ja! Hast recht! Ich will Verstand haben. Ich muss mir ja selber sagen, dass net bleiben kannst. Wie d' Leut denken, weiß ich vom Spinner-Veit! Und ich, Vater, soll tragen können, dass Dir die Buben nachlaufen mit Gspött und Glachter? Da springet ich lieber ins Wasser! Na! Es is für Dich kein Bleiben nimmer. Fort musst! Und heut noch in der Nacht! Aber anhängen tu ich mich an Dich, und kein' Schritt nimmer lass ich Dich von meiner Seit."

"Aber, Kind, Du lieber Himmel!", stammelte Götz, durch die Leidenschaft dieser schluchzenden Worte in Bestürzung versetzt. "Es wird sich alles noch schlichten lassen! Schau, jetzt schlafen wir drüber! Da heraußen is ja kein Bleiben nimmer. Zitterst ja schon am ganzen Leib, es muss Dich ja frieren, hast schier ja nix an, und d' Nässen muss Dir ja schaden! Komm, sei gscheid, geh eini ins Haus -" Seine Worte erloschen. Es war ihm eine Erinnerung gekommen. Noch enger schlangen sich seine Arme um Kunis Hals, und schweigend sah er eine Weile hinaus in das weiße Gestöber. "Wer weiß, ob Du net 's Richtige gfunden hast? Für mich is kein Bleiben nimmer. Im Guten auch net für Dich. Ins Haus kannst nimmer eini mit Ruh. Ich selber hab Dir den Weg verlegt. Ja, Kuni! Wir zwei ghören zamm! Ich hab mein Leben verloren, Du hast 's Deinige verspielt, wir zwei täten zuanand taugen, und wann ich auch net Dein Vater wär und Du mein Kind net. Ich fang's zum spüren an: Wir brauchen anand wie Fuier und Holz. Wann's Dir ernst war, Kuni - ich nimm Dich mit."

"Da hast mich, Vater!" Das war ein Schrei in Freude.

"Aber ich kann Dir net viel Guts zum Hoffen geben. Der Ring, den am Finger tragst, der schließt Dein Leben ab. 's einzige, was Dir noch zusteht, is d' Ruh in Dir und 's Gnügen bei der Arbeit."

Sie lachte, wie ein junges Mädel im Glück.

"Kuni! In mir sollst Dich net täuschen! Was ich Dir schaffen kann, dös soll Dir sicher sein!" Eine heiße Erregung überkam ihn. "Jetzt kann ich mir's schon gar nimmer denken, dass ich fort hätt sollen ohne Dich."

"Ich hätt Dich net lassen!" Sie presste ihr Gesicht an seine Wange.

"Mag's unrecht sein! Ich mach a größes Unrecht gut damit! Alles is ausglöscht, was durch lange Jahr an unguts Dauern hätt haben müssen. Und mir schaff ich an Trost für meine letzten Jahr. Soll mir's unser Herrgott verzeihen, dass ich a bissl an mich selber denk! Hart sollst es net haben bei mir. Ich hab mir in elf Jahr a bissl ebbes zammgspart. Dös hilft übern Winter. Bis zum Fruhjahr will ich schon Arbeit gfunden haben! Aber weit fort müssen wir, weit fort!"

"Ja, Vater, ja!"

"Und heut noch müssen wir fort, jetzt, ind er Nacht!"

"Ja, Vater, ja!"

"In der jetzigen Stund noch! - Jesus Maria! Was tu ich denn? So kannst ja net fort! Hast ja schier nix an! Aber wart, ich schaff Dir a Gwand!"

Er löste sich aus ihren Armen, stieß die schweren Schuhe von den Füßen und sprang davon. Als er sein Stübchen im Gesindehaus erreichte, verriet ihm ein lautes Schnarchen, dass er von Stoffels Ohren nichts zu fürchten hatte. Lautlos sperrte er seinen Koffer auf und grub zuunterst einen strotzenden Beutel hervor, den er an seiner Brust verwahrte. In Eile schnürte er verschiedene Kleidungsstücke zu einem Pack zusammen, drückte eine wollene Mütze aufs Haar und nahm einen Mantel über die Schulter. So lief er über den beschneiten Hof nach der Hinterseite des Wohnhauses und warf, was er trug, zu Füßen der Mauer auf die Erde. Wieder kletterte er über das aufgeschichtete Scheitholz hinauf. "Karli?", rief er mit leiser Stimme. Als er keine Antwort erhielt, schob er sich durch das offene Fenster. In der leeren Kammer machte er Licht, trat in den Flur und lauschte über die Treppe hinunter. Aus der Stube hörte er den Klang einer aufgeregten Stimme. Geräuschlos öffnete er die Tür des nebenan liegenden Stübchens und riss einen Kasten auf, der mit Frauenkleidern angefüllt war. Er nahm, was ihm zuerst in die Hände fiel: Ein schwarzes Leibchen, einen gestreiften Rock, und unten aus einem Winkel ein paar Tuchschuhe mit baumelnden Quasten. auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen, verließ er das Haus. Als er die Rückseite des Gesindetraktes erreichte, kam ihm Kuni entgegen. Betroffen sah sie ihn an, als sie beim falben Schneelicht das Gewand erkannte, das er brachte: Das Gewand, in dem sie an jenem Sonntag den Pointnerhof betreten hatte. Während sie sich bekleidete, riss er das wollene Tuch von seinem Hals und band es ihr über Stirn und Haare. Auch musste sie dulden, dass er seinen Mantel um ihre Schulter legte. "So komm halt! Und der Herrgott soll uns gut sein auf unserm Weg!" Er fasste sie bei der Hand und zog sie hinaus auf die beschneite Wiese und in das dichte Gestöber.

Als sie den steilen Hang hinter dem Garten überwunden hatten, hielt Götz schwer atmend inne und wandte die Augen nach dem Gehöft zurück. Er nahm die Kappe herunter und strich mit der Hand übers Haar.

Schweigend standen sie nebeneinander. Die Flocken blieben an ihren Kleidern hängen.

Nun zog er die Kappe über die Ohren und knöpfte an Kunis Hals den Mantel zu.

"Es tut mich net frieren!", sagte sie. "Völlig heiß is mir."

"D' Nacht is lang, weißt!" In Sorge guckte er an ihr hinunter. "Und dass ich grad so a lumpigs Schuhwerk derwischt haben muss! Hast net am End schon nasse Füß?"

"Na, na, Vater. Dös macht mir nix. Ich vertrag schon ebbes. Musst Dich net sorgen!"

"No also, komm halt!"

Er nahm ihre Hand. So stiegen sie bergwärts durch den weißen Schnee, und hinter ihnen löschten die fallenden Flocken die Spur ihres Weges.

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