Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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Kapitel 12

Eine Stunde später war's. In der Stube brannte die Hänglampe über dem gedeckten Tisch. Hinter dem Ofen lag Gregor auf dem Sofa. Nebenan in der Kammer rumorte der Pointner, und während er die schweren Schuhe in eine Ecke stieß, hörte man ihn seufzen, als wäre er nicht der Bauer auf der Point, sondern das armseligste Häuflein Elend.

Karli lehnte, ein Knie auf die Holzbank stützend, in einer Fensternische und guckte in die sinkende Nacht hinaus. Er sah am Himmel schwere Wolken steigen. Stern um Stern erlosch, und die dunklen Kuppen der Berge hüllten sich in wallende Nebel.

Lautlos kam der Pointner in seinen Filzpantoffeln aus der Kammer geschlichen und lugte verdrossen in den Ofenwinkel. Er mochte der vergangenen Zeiten denken, in denen er auf dem linden Sofa die Dämmerstunde verduselt hatte, bis man ihn zur dampfenden Schüssel rief. Ein paar Mal räusperte er sich, nur um die drückende Stille zu unterbrechen, die in der Stube herrschte. Schließlich trat auch er an das Fenster, legte die Hand auf Karlis Rücken und guckte durch die Scheiben. "Mir scheint, es überzieht sich a bissl."

"Ganz schwarz wird alles. 's Wetter schlagt um."

"Ja, kann schon sein!", klang es mit dünnem Lachen hinter dem Ofen.

Die beiden am Fenster schienen die Stimme aus dem Hintergrund überhört zu haben. "Ah na, ich glaub's net!", sagte der Pointner. "Der Mond is im Wachsen, der reißt's schon wieder durch."

"Schau nur, wie's d' Nebel abidruckt! Leicht wirft's in der Nacht an Schnee übers Dach."

"Geh weiter!", lachte der Pointner. "Drei Tag noch auf Allerheiligen? Und schneien? Wo ein' d' Sonn heut noch am Buckel brennt hat!"

"Der Götz hat die ganze Zeit schon gmeint, dass der Winter nimmer lang warten lasst. Der versteht sich aufs Wetter."

"Natürlich! Der Götz! Wann der ebbes sagt, haben bei Dir alle andern ausgredt!", schmollte der Pointner in einer Anwandlung von Eifersucht. Er hörte ein Poltern an der Türe. "Komm, jetzt kriegen wir ebbes."

Zenz und Kuni hatten die Stube betreten. Hinter ihnen stolperte Stoffel über die Schwelle. Kuni brachte gebratene Kartoffeln und schüttete sie rings um die Suppenschüssel, welche Zenz in die Mitte des Tisches gestellt hatte. Einen Teller bekam nur der Bauer, für den auch ein Extragericht aufgetragen wurde: Nudelsuppe mit einer halben Henne.

"Im Namen Gottes Vaters und des Sohnes -", fing der Pointner zu beten an, worauf die anderen mit murmelnden Stimmen einfielen.

Der erste, der sich nach dem Amen hinter den Tisch schob, war Gregor. Er zwinkerte den Teller des Pointners an und spöttelte: "Nobel menaschiert der Herr Schwager, akrat wie a Kindbetterin."

"Johohoho!", lachte Stoffel, während er einen dreibeinigen Stuhl herbeizog. "Wann ich wieder amal auf d' Welt komm, wird ich auch Großbauer und lass mir alle Tag ebbes Extrigs kochen."

Karli fragte: "Wo is denn der Götz?"

"Der muss den Schimmel nachfuttern." Stoffel griff nach der größten Kartoffel, die er in seiner Nähe zu finden wusste. Durch einen Druck des Daumens öffnete er die Schale, stach einen Teil der weißen, dampfenden Frucht auf den Löffel und fuhr damit in die Suppenschüssel. Schweigend taten es ihm die anderen nach. Die meiste Eile, satt zu werden, schien Gregor zu haben. Dabei blitzten seine Augen immer wieder nach der Stubentür. Niemand achtete auf ihn, außer Kuni, in deren Zügen eine seltsame Erregung zitterte. Gregor merkte wohl, dass sie ihn beobachtete, schien sich aber blutwenig um die halb ängstliche, halb drohende Sprache zu kümmern, die ihre Augen redeten. Jetzt sah sie ein böses Lächeln um seine dünnen Lippen zucken und hörte zugleich einen schweren Schritt im Flur. Sie musste sich räuspern, als hätte ihr eine unsichtbare Hand die Kehle zusammengeschnürt. Die Tür öffnete sich, und Götz trat in die Stube. "Guten Abend!", grüßte er, legte seinen Hut in die Fensternische, bekreuzigte sich, verschlang die Hände über der Brust und betete.

Nun kam er zum Tisch. Als er sich niederließ, sah ihm Karli betroffen in die Augen. Er hatte noch nie ein lustiges Gesicht an Götz gesehen, aber auch nie noch eine solche Trauer und Härte. Götz schien den besorgten Blick nicht zu gewahren. Er nahm seinen Löffel und wollte zu essen beginnen. Im gleichen Augenblick zog Gregor die Hand von der Schüssel, warf den Löffel fort und lehnte sich mit gekreuzten Armen an die Mauer zurück.

"Was is denn jetzt dös für an Art?", fuhr der Pointner auf. "Warum tust denn net weiter essen?"

"Weil ich mich z' gut dafür halt, als dass ich mit eim aus der gleichen Schüssel schlamp, der im Zuchthaus gsessen is!"

Kuni schnellte von ihrem Stuhl. "Gori!" Auch Karli, mit dunkelrotem Gesicht, war aufgesprungen und hatte den Pointner am Arm in die Höhe gerissen. "Vater! So ebbes lass net sagen an Deim Tisch! Und z'allerletzt von eim, dem unser Schüssel schon länger taugt, als recht is!"

"Oho! Wirst mir dös bissl Essen vor?", spottete Gregor. "Soll ich Dir's zahlen? Wie viel verlangst?"

"So? Spötteln willst auch noch? Wart, Herr Vetter, Dir lern ich 's Reden im Ernst!", schrie Karli. Der Vater suchte ihn zu beruhigen. Karli riss sich los. "Gib Rechenschaft! Wer is im Zuchthaus gsessen? Vom Pointnerhof keiner! Unter unserm Dach is noch allweil alles sauber gwesen. Bis auf die letzte Zeit! Wer, frag ich, wer is im Zuchthaus gsessen?" Erschrocken verstummte er und sah den Götz an, der regungslos an der Mauer saß, die Fäuste in den Tisch gestreckt, mit aschfarbenem Gesicht.

Nur der Pendelschlag der Wanduhr. Sonst war kein Laut in der Stube.

Ein dünnes Lachen unterbrach die Stille. "Mir scheint, jetzt merkst ebbes von der Sauberkeit unter Deim Dach?" Gregor schob sich aus der Bank und stellte sich mit gespreizten Beinen vor den Tisch. Die Hände in die Taschen grabend, wiegte er sich auf den Hacken seiner Stiefel.

Zenz und Stoffel guckten mit langen Gesichtern; der Pointner wühlte in seinem Haar und schielte ratlos zu Kuni hinüber. Sie stand hinter ihrem Sessel, während ihre Augen in Erregung zwischen Götz und Gregor hin- und herglitten. Karli rüttelte den Knecht am Arm und stammelte: "So red doch, Götz! Sag ihm, dass er glogen hat!"

Götz schien nicht zu hören; er sah ins Leere und murmelte mit zerbrochener Stimme: "Elf Jahre lang hab ich Ruh ghabt. Elf gute Jahr. Jetzt is's wieder da! Mein Glück und mein verunehrtes Leben, alles hat hin sein müssen! Und noch net haben s' gnug! Und noch net lassen s' mich in Ruh! Herr Gott, was für a Denken hast Du in d' Menschen glegt, dass s' kein Vergessen net kennen!" Seine Stimme erlosch.

Wieder Stille. Draußen ein dumpfes Rauschen, das sich aus der Ferne zu nähern schien. Jetzt pfiff ein Windstoß um die Mauern. Mit lautem Klirren flog ein Fenster auf, und ein kalter Luftstoß fuhr in die Stube.

"Jesses, na! Was dös jetzt alles is!", stotterte der Pointner und stand auf, um das Fenster zu schließen.

Langsam hob Götz den Kopf. Seine Augen glitten über die von der Lampenflamme trüb erhellten Gesichter und blieben an Kunis blassen Zügen haften. "Ja! Schauts mich nur an! Im Zuchthaus bin ich gsessen. Und Eisen hab ich tragen. Und hab a Menschenleben auf'm Gwissen."

"Mar' und Josef!", kreischte der Pointner am Fenster; Zenz und Stoffel rückten scheu vom Tisch; sogar auf Gregors Lippen verschwand das spöttische Lächeln. Nur Kuni rührte sich nicht, als hielte Götz sie gebannt mit seinen Augen.

"Zuchthaus!" Götz nickte, schob sich aus der Bank heraus und blieb vor Karli stehen. "Ich sorg schon, dass morgen alles wieder sauber is unter Deim Dach. Wie's mich von überall vertrieben hat, so vertreibt's mich auch wieder von da, wo ich mich elf Jahr einig wachsen hab - wie der Stein in der Mauer, hab ich heut wen sagen hören." Er machte einen Schritt und blieb wieder stehen. "Von überall bin ich davon und hab kein Wörtl net gsagt. Aus Deim Haus, Karli, kann ich net fort, ohne dass ich gredt hab. Was ich zum sagen hab, kann jeder hören. Bloß einer net!" Seine brennenden Augen richteten sich auf Gregor.

Der merkwürdige Bruder lächelte, zog erwartungsvoll die Brauen hoch und rührte sich nicht vom Fleck. Da fuhr ihn Kuni mit zorniger Stimme an: "Schau, dass d' weiterkommst!"

"No ja, meintwegen! Mich plagt d' Neugier auf sei' Unschuld net." Gregor nahm den Hut von der Ofenstange und verließ die Stube.

Götz folgte ihm mit den Augen, bis die Türe geschlossen war. "Wie er's erfahren hat, kann ich mir net denken! Er weiß auch net, was er mir antut. Aber mag er's tan haben aus Bosheit, oder weil er mich gforchten hat -"

"Gforchten? Wegen was denn?", fragte der Pointner.

"Wegen was?", wiederholte Götz. Sein Blick begegnete Kunis erschrockenen Augen. Eine Weile schwieg er. "Ich weiß net, wegen was. Aber no, jetzt is's geschehen. Und fürgangen is mir's schon, wie ich eini bin in d' Stuben. A Stund kann's her sein: Da hab ich schon an Deuter kriegt. Gelt, Stoffel? Und hab 's net glauben mögen. Weil's mir hart wird, dass ich fort soll von da, wo ich gmeint hab, ich hätt mir mit blutiger Arbeit 's Recht verdient zum Bleiben."

Karli streckte die Hände.

Götz schob ihn von sich. "Lass gut sein! Ich weiß, dass d' mich halten tätst. Aber d' Leut lassen's net zu. Eienr wird schon sorgen dafür. Und jedem kann ich 's net verzählen, was mich ins Zuchthaus bracht hat! - Schau, Karli, Du bist mir gwesen wie mein Kind. Ich verlang kein' andern Dank, als dass kein' schlechten Gedanken über mich bhaltst, und dass mich mit eim guten Abschied gehen lasst. Wohin? Dös weiß ich net. Heimat hab ich keine. Im Unterland, weit draußen, haben meine Eltern ghaust. Net gut. Wie s' verstorben warne, is 's Häusl mit'm Schuldenzahlen drauf gangen. Mir is nix blieben als meine sechzehn gsunde Jahr und zwei Arm, die bei jeder Arbeit schneidig zugriffen haben. Drum hab ich gleich an guten Dienst gfunden. A paar Jahr sind drüber hingangen. Am Sonntag hab ich meine paar halbe Bier trunken und bin umanander gstiefelt auf die Felder und im Holz. Hab mir weiter nix verlangt."

Er ließ sich am Ofen auf die Holzbank nieder.

"Neunzehn Jahr bin ich alt gwesen. Da bin ich ins Nachbarort zur Kirchweih gangen und hab a Madl gesehen, ganz a jungs. A liebs Gsichtl hat s' ghabt und gute Augen. An einzigen Tanz hab ich mit ihr gmacht, und nacher hab ich zugschaut, wie sich alle um 's Madl grissen haben. Jedes Mal, wann s' an mir vorbeitanzt is, hat s' mich angschaut. Wie's Abend worden is, hat s' heim müssen. Fünf Burschen haben s' gführt, und ich bin nachgangen, weit hintendrein. Wie 's Madl in ihr Haus eini is, hab ich mich tummelt und hab ihr an guten Abend gwunschen. In der Nacht vorm nächstne Sonntag hab ich ihr den ersten Buschen ans Kammerfenster gsteckt. Im Garten hab ich passt und wie 's Madl in der Fruh mein' Buschen gfunden hat, hab ich mich zeigt. In der Kirch hat s' mein' Buschen am Mieder ghabt. Und nacher war's halt so, dass wir uns gern ghabt haben. Gern haben? Is bloß a Wörtl! Aber wann's einer richtig spürt, heißt's Leben und sterben."

Lautlos saßen die andern auf ihren Stühlen. Nur Kuni stand mitten in der Stube, die funkelnden Augen auf Götz gerichtet.

Der fuhr mit der langsamen Hand über seine Stirn: "A Glück is zwiefach Glück, wann's heimlich is! An Kameraden hab ich ghabt im Madl seim Ort. Dös war der einzig, der von meiner Liebessach gewusst hat, a braver Mensch, aber halt auch einer von dieselbigen Hascher, auf denen 's Leben umanand trampelt mit gnagelte Schuh. Sonst hat kein Mensch ebbes erfahren, am allerwenigsten dem Madl ihre Leut. Die zwei, die waren a bissl von der harben Art. was hätt uns auch 's Reden gholfen! Ans Heiraten war kein Denken. 's Madl hat nix ghabt und ich noch weniger. Aber wir zwei sind z'frieden gwesen mit der Lieb allein. Und wie's halt geht! Zuerst bin ich bloß alle Sonntag ummi. Bald war mir de Stund Weg an keim Abend nimmer z' weit. Da hat mein Bauer ebbes gmerkt und hat mich zur Holzarbeit am Berg auffigschafft. Keine vierzehn Täg bin ich droben gwesen, da haben s' mich zu die Rekruten packt. In der Nacht, wie ich mein Schatz Pfüegott hab sagen wollen, is a Licht in ihrer Kammer gwesen, und ‚s Fenster war verhängt. Fürkommen is mir's, als wann 's Madl krank wär und es wär ihr Mutter bei ihr. So is d' Nacht vergangen. Und fort hab ich müssen und hab schier gmeint, es druckt mir 's Herz ab. Soldat sein! Und kein' andern Gedanken in der Seel als wie ans Madl! Schier narret bin ich worden vor lauter Freud, wie ich in der Stadt drin 's Nummer zogen hab und hab mich freigspielt ghabt!"

"Freigspielt?", staunte der Pointner. "Du warst doch beim achten Regiment?"

"Ich? Na! Ich hab mich frei gspielt. Und in der gleichen Stund bin ich heim zu in eim Sauser. Und wie ich durchs Holz durch komm, hör ich ebbes rumpeln, und kaum, dass ich mich recht versieh, sausen zwei scheuche Gäul daher, und die Kutschen dahinter hat's hin und her gworfen, als müsst s' in jedem Augenblick einifliegen unter die Bäum. A Herr is drin gsessen, mauerblass, und neben seiner a Frau, die ein Schrei um den andern tan hat. Und da bin ich halt zugsprungen, hab den Handgaul bei die Zügel, den andern bei der Stang erwischt und hab mich dran hin ghängt mit meim ganzen Gwicht. An halben Büchsenschuss haben s' mich fort grissen, und auf amal sind s' gstanden und haben zittert und gschnauft. Derweil is der Kutscher nachkommen, blutig im Gsicht, und den linken Arm hat er nimmer rühren können. So bin ich halt auffi am Bock, hab den Kutscher an d' Seiten gnommen und bin davon kutschiert, wie's mir angsagt worden is. Vor eim Schlössl hab ich ghalten, und mit der Herrschaft hab ich am Tisch essen müssen. Und wie der Schlossherr gmerkt hat, dass ich mich auf die Bauernsach versteh, hat er mir nach'm Essen sein' Meierhof zeigt. Und 's End war, dass er mir d' Schweizerei antragen hat. Mir is d' Red im Hals stecken blieben. Aber ich hab an mein Madl denkt, hab mir 's Kurasch gnommen und hab ihm gsagt, gleich morgen kunnt er mich haben, aber zugeben müsst er, dass ich heireten därft. Und Ja hat er gsagt. Und zehn Preußentaler Angeld hat er mir geben. Und ich - ich bin davon und Heim zu wie der Teufel, und glacht und gweint hab ich vor lauter Freud! Aber wann ich denken hätt können, zu was ich Heim komm? Da wär ich net gar so gsprungen."

Die Stimme versagte ihm, und langsam griff er an seinen Hals.

"A Sonntag war's. End und Anfang, jeds Mal a Sonntag! Es is schon auf'n Abend gangen, wie ich zu die ersten Häuser kommen bin. Im Sinn ghabt hab ich's wohl, als sollt ich gradwegs zu die Alten von meim Madl hin. Hätt ich's nur so gmacht! Aber ich hab mir denkt, dass mein Madl als die erste unser Glück erfahren müsste. Und so schön heimlich hab ich mir's fürgstellt, wann ich mich z'erst noch freuen kunnt mit ihr allein! Weil's auf der Straß noch a bissl lebendig war, hab ich im Wirtshaus einkehrt. Da war lustige Gsellschaft beinand. Ich hab mich dazugsetzt und hab mir an süßen Wein geben lassen. Grad gschmeckt hat er mir! Und gsungen hab ich, Liedl um Liedl! Und da war von die Burschen einer, der Geld braucht hätt. der hat a kleins Ührl und a silberns Halskettl zum Kauf umboten. Da hab ich gmeint, mein Mald kunnt a Freud dran haben, hab ‚s Geld am Tisch hinghaut, und 's Ührl mit der Ketten hab ich mir umghängt. Und wie ich aufschau, steht mein Kamerad vor mir. Der hat so gspassige Augen an mich hin gmacht. Aber ich hab ihn einizogen in an Winkel und hab ihm alles hinplauscht mit meiner lustigen Zung. Und da hat er gsagt, er tät mir Glück wünschen zu meiner Nummer und zu meiner Herrschaft, aber - dös Aber hat mich heiß gmacht. Kaum ich ghört hab, was dahinter steckt, hab ich ihm hellauf ins Gischt glacht, hab mein' Hut von der Wand grissen und bin davon. Und allweil glacht hab ich! Mein Madl? Und an andern heireten? Und so ein'noch dazu! Freilich der reichste Bauernsohn, aber der ärgste Lump im ganzen Ort, der alle paar Häuser weit a Madl in der Schmier hat sitzen lassen! Ja, grad allweil nausglacht hab ich in die sternscheinige Nacht!"

Götz zog die Pfeife aus der Joppentasche, um seien zitternden Hände zu beschäftigen.

"Allweil hab ich noch glacht, wie ich schon dagstanden bin vorm Haus. Von der Straß hat man über a steils Wiesenfleckel auffimüssen. Und wie ich mich so hinschleich unter die Äpfelbäum, da hör ich ebbes wispern. Ich bin gstanden, als wär ich Stein worden auf und auf. 's Kammerfenster is offen gwesen, 's Madl war dabei, und einer is im Fenster gsessen. Ich hab ihn kennt, an der Stimm! Denselbigen! Und von der Heiret hat er gredt. Und 's Madl hat's anghört ohne Widerred. Und sehen hab ich müssen, wie er d' Arm um ihren Hals legt. Völlig schwarz is mir's worden vor die Augen. Ich hab mich anhalten müssen am Baum, dass ich net umsink. Und wie ich 's Gsicht wieder krieg, steht er da vor meiner. In mir drin steigt's siedheiß auf. ‚Du! Du!' Sonst hab ich kein Wörtl net ghabt. Und wie er die andern 'rum bracht hat, so hat er mein Madl 'rum bracht - dös war mein einzigs Denken. Und wie er's die andern gmacht hat, macht er's meim Madl! Und da bin ich ihm schon am Hals, dass er kein' Laut nimmer gibt, und hab ihn hindruckt, an den nächsten Baum. Und wie mehr er sich wehrt, so wilder bin ich worden. Und auf amal, da merk ich, dass er kein' Arm nimmer rührt. An eiskalter Schreck hat mich anpackt, und wie ich d' Händ aufmach -"

Ein Klirren. Götz hatte die Pfeife fallen lassen, deren Kolben auf den Dielen in Scherben zerschellt war.

"Und wie ich d' Händ so aufmach, fallt er nieder wie a Stück Holz. Ich will ihn halten. Da reißt's ihn schon über d' Wiesen abi, bis aussi auf d' Straßen. ‚Jesus Maria!' Dös war alles, was ich aussibracht hab. Kaum haben mich d' Füß tragen, wie ich abi bin zu ihm. Aufm Gsicht is er glegen, 's Blut is ihm unter die Haar aussi gronnen, kein Schnaufer nimmer hab ich gmerkt und kein' Herzschlag nimmer gspürt."

"O Du heiliger Herrgott!", stotterte der Pointner, während die Zenz sich bekreuzigte.

"Da hat mich 's Grausen packt. Auf und davon bin ich, gradaus über d' Felder. Aber z'ruck trieben hat's mich wieder, und in der Kümmernis hab ich mein' Kameraden gsucht. der hat mich bhalten über Nacht und hat mir versprochen, dass er kein' Zeugen macht und nix vom Madl redt. Und 's Madl selber, hab ich gmeint, hätt Grund gnug zum Stadsein. Da hab ich mich auch net täuscht! Am andern Morgen hab ich mich stellen wollen. Aber kaum ich auf der Straßen gwesen bin, haben mich d' Schandarm schon ghabt. Die Uhr mit der silbernen Ketten hat mich verraten. Der ander hat s' in die starren Finger ghalten. Viel Plag haben s' net ghabt mit mir, die Herrn vom Gricht! Im Wirtshaus gsoffen und auf der Straßen grauft, hat's gheißen - und ich hab Ja gsagt zu allem."

"Weswegen hast Dich net gwehrt?", fuhr Karli auf. "Weswegen hast es ihnen net gsagt, dass alles an Unglück gwesen is?"

"Weil ich 's Madl in d' Red hätt bringen müssen. Sie hätt mich erbarmt in ihrer Schand! Und ich hätt's net vertragen, dass ich vorm Gricht ihr Gsicht hätt anschaun müssen. Und ob auch der schwere Fall, den der ander auf d' Steiner von der Straßen tan hat, 's Unglück erst fertig gmacht hat - schuld dran war ich ja doch. Drum hab ich d' Straf verdient. Freilich, wie der Spruch verkündt worden is, hat's mich nieder gworfen, wie wann mir einer d' Füß abgschlagen hätt. Zwölf Jahr! Zwölf Jahr so mitten aussi! Dös is so viel wie 's ganze Leben. Und wie s' mich einigführt haben? Wie's mir da gwesen is? Lassen wir's gut sein! Es spürt mir's ja doch keiner nach! In Geduld hab ich tragen, was der Tag bracht hat. Bloß vor der Nacht hab ich mich allweil gforchten. Wann ich so gsessen bin in der Finstern, und es hat mir kei' Ruh net lassen, und wann ich mir d' Augen blutig gweint hab - Kreuz drüber, lassen wir's gut sein! So viel Wörtln hab ich net, als ich da reden müsst! Zwölf Jahr hab ich ghabt. Im neunten haben s' mich gnadigt wegen meiner Führung. Wie ich draußen gstanden bin, hab ich d' Arm gstreckt. Und gschnauft hab ich und hab mir denkt: Ich will's in der Arbeit zeigen, dass ich noch einer bin, der unter die Leut sein' ehrlichen Platz verdient. Narr, der ich gwesen bin! Ich hab net an dös Wörtl denkt, dös hinter mir nachgangen is als wie a Schatten. Zuchthaus! Alles hat mich verlassen: d' Jugnet, mein Glück, mein Madl. Treublieben is mir ganz allein dös Gott verhasste Wort, so treu wie a blinder Hund. Gwesen is 's, als traget ich 's Eisen unsichtbar umanand. Und allweil scheppert's!" Langsam streifte er von seiner Linken den Ärmel zurück und betrachtete den Knöchel, als wären an ihm die Spuren der Kette noch zu sehen. "Wo mir einer gut worden is um meintwegen und hat mir d' Hand druckt - allweil hat sich ‚s Eisen grührt! Und jeder hat mir an Renner geben oder an Tritt mit die gnagelten Schuh."

Da schrillte eine Stimme: "Na, Götz! Net jeder! D' Hand gib her! Und da hast die meinig!" Als Götz das Gesicht hob, fühlte er schon seine Hände von heißen Fingern umschlossen, und Kuni stand vor ihm, in Erregung zitternd. "Mögen's die andern halten, wie's ihnen taugt im Hochmut und in der Dummheit! Ich, Götz, ich halt zu Dir auf Biegen und Brechen. Bis zur heutigen Stund hat's mir noch kein' frohen Schnaufer bracht, dass ich den Pointnernamen trag. Jetzt freu ich mich drum! Jetzt bin ich da und will ich mich anhalten an mein Recht! Und solang ich noch unter dem Dach da a Wörtl zum reden hab, solang sollst im Pointnerhof den Platz haben, den Dir verdient hast in blutiger Arbeit!"

"Kuni!", stammelte Götz. In seinen Augen war ein Blick, als könnte er nicht fassen, was er sah und hörte. "Von Dir am letzten hätt ich mir denkt, dass Du die erste bist -"

"Schand gnug für uns, dass sie die erste war!", unterbrach ihn Karli. "Schamen müssen wir uns, mein Vater und ich, dass net einer von uns dös Wörtl gfunden hat! Aber was von der Bäuerin ghört hast, soll doppelt gsagt sein von mir aus. Da, Götz! Gib mir die ander Hand! Und da hast die meinig! Und ghalten sollst sein bei uns, dass zwischen morgen und gestern kein' Unterschied net merkst. Gelt, Vater? So rühr Dich doch und red!"

"Aber ja, no freilich!", stammelte der Pointner und kratzte sich hinter den Ohren. "No freilich! Mich kennt er ja, der Götz! Aber d' Leut halt, d' Leut!"

"Hörst es, Karli?" Götz befreite seine Hände. "D' Leut halt, d' Leut! Recht hat er, Dein Vater! Mensch sein, dös heißt: So sein, wie d' Leut ein' haben wollen. Ich kenn s' ja, d' Leut! Ich hab s' ausstudiert. Selbigs Mal, wie ich frei worden bin, da hat's mich in d' Heimat trieben. 's erste, was ich erfahren hab, is gwesen, dass mein Schatz, mein lieber, lang schon gheirat hat, vor neun Jahren schon, akrat um die Zeit, wo mein Spruch verkündt worden is. Und so viel Mitleid haben s' mit mir ghabt, die Bauernleut alle! Aber keiner hat mich mögen als Knecht. Weit fort hab ich müssen, bis ich den ersten Dienst gfunden hab. Keine sechs Wochen hat's dauert, da hat sich 's Eisen schon grührt. Und so hat's mich trieben von eim Dorf ins ander. Vier Jahr lang hab ich's ausghalten. Nacher hab ich mir denkt: Probierst es in der Stadt! Wo so viel Leut sind, druckt man sich eini. Aber da hab ich gleich gar kein Platz net gfunden. Zeugnisser haben s' überall verlangt, bis auf 's Kindbett z'ruck. Und da haben s' es allweil gmängelt, die gwissen Jahr! Jetzt hab ich mir gsagt: A Lump werden magst net, ehrlich lassen s' Dich net leben, so mach halt aus und gar mit Dir! Und wie ich so umanand renn zwischen die Häuser, hat mir's der Herrgott geben, dass mein Kamerad an mich hinlauft. Der einzig Mensch, der mir Freundschaft ghalten hat! Is auch einer gwesen, den 's Glück am Zug ghabt hat, und der in der Heimat kei' Ruhstatt hat finden können. Drum hat er's überm Wasser drüben probieren wollen, in der anderen Welt. Götz hat er gheißen - Gotthard Sauer."

"Gotthard Sauer? So heißt ja Du!", unterbrach ihn Kuni mit kreischendem Laut.

"Ja, seit demselbigen Tag. Z'erst hat er gmeint, ich sollt mit ihm übers Wasser ummi. Aber an einzigs Hemmed am Leib und a paar Gulden im Sack. Da reist einer hart. Und da hat er mich bei der Hand gnommen und hat gmeint, überm Wasser drüben wär jeder Nam wie der ander. Und so hat er mir anboten, dass ich als Gotthard Sauer bleiben sollt. Und weit davon sollt ich gehen, hat er gmeint, leicht wo auffi ins Oberland oder ins Fränkische eini. Und er, als Lechner-Saver, tät fortgehen übers Wasser. Solang hat er mir zugredt, bis ich Ja gsagt hab. Sein' Taufschein hat er mir geben, seine Zeugnisser alle, sein' Pass vom achten Regiment -"

"Jesus Maria!", kreischte der Pointner und streckte die Arme nach der Bäuerin. Kuni stand mit weißem Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen. Taumelnd griff sie ins Leere und fiel auf die Dielen hin, noch ehe der Bauer sie erreichte.

Karli, Zenz und Stoffel sprangen auf die Ohnmächtige zu, und während der Pointner sich auf die Knie warf, schalt er in ratlosem Zorn zu Götz hinauf: "Da, schau! Dös hat man von Deine grausigen Gschichten! Dass eim d' Haar aufstehn möchten!"

"Sie schnauft schon wieder!", stammelte Zenz. "Wasser schaffts her! Wasser!"

Der Pointner, während er, um den Wasserkrug zu holen, an Götz vorüberzappelte, schnauzte: "Was stehst denn noch da? Damit s' gleich wieder den Schrecken hat, wann s' d' Augen aufmacht?"

Götz bückte sich, hob die zerbrochene Pfeife von den Dielen, streifte noch mit verlorenem Blick das bleiche Gesicht der Ohnmächtigen und verließ die Stube.

Ein heftiger Windstoß rauschte ihm entgegen, als er die Haustür öffnete. Mit Pfeifen und Sausen umfuhr es die Mauern. Eine Weile zögerte Götz. Dann presste er die Fäuste vor seine Augen und trat hinaus in die stürmische Nacht.

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