Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 11

Längst war die Feuerglocke verstummt. Doch immer noch eilten neue Gruppen von Leuten und Kindern zum Binderholz. Nur Schreck und Neugier trieb sie, nicht das Mitleid; von jenen, die schon ins Dorf zurückkehrten, konnten sie erfahren, dass es da draußen nichts mehr zu helfen und zu retten gab.

Das Bygotterhäuschen lag in sich zusammengestürzt, ein glostender Trümmerhaufen, dessen strahlende Hitze kein näher Treten gestattete. Der dünne, immer wieder versiegende Wasserstrahl, den die Spritze zwischen die glühenden Balken schickte, verpuffte wirkungslos zu weißem Dampf. Schreiend eilten Männer, Weiber und Kinder, eines das andere hindernd, mit den ledernen Wasserkübeln hin und her. Als aber der Maurer-Hans meinte: "Ich mag nimmer, es is alles umsonst!", da redete ihm eines ums andere diese Meinung nach, warf den Kübel beiseite und schob die nassen Hände in die trockenen Taschen. Sie hatten es überhaupt von Anfang an mit dem Reden nötiger gehabt als mit dem Wassertragen und Löschen. In Schreck hatte man hin und her gestritten, ob der Bygotter mit seinem Kind verbrannt wäre, oder ob er vor Ausbruch des Brandes mit Sanni das Haus verlassen hätte. Nur wenige waren dieser letzten Ansicht. Die meisten glaubten, dass Vater und Tochter unter dem glühenden Gebälk begraben lägen. Während sie Sannis Schicksal beklagten, sprachen sie, wenn vom Bygotter die Rede war, von einem 'Gericht Gottes'. Haben Menschen eine Schweinerei oder eine Dummheit angestiftet, so hält man es immer für eine unerlässliche Pflicht der ewigen Vorsehung, dass sie den Saustall wieder reinige. Vor dem Gluthaufen des Bygotterhauses wurde diese Meinung besonders laut in der Nähe des Pfarrers debattiert, der im Kreis der Gemeinderäte stand, nachdenklich auf die rauchenden Trümmer guckte und keine Silber verlauten ließ.

Einer hatte die Schreier immer wieder zum Zugreifen angetrieben und selbst mit verzweifelter Hartnäckigkeit gegen das Feuer gekämpft, um die Glut der Balken zu ersticken, die über Kammer und Stube nieder gestürzt waren. Schließlich hatte auch er seine Mühe als erfolglos aufgeben müssen. Die stäubenden Funken hatten ihm Löcher in die Kleider gebrannt, sein Haar war angesengt, und sein Gesicht und seine Hände waren schwarz von Ruß. Er ging zum Brunnen, um sich zu waschen, drängte sich durch die schreienden Leute, nickte dem Lehrer und seiner Frau, die mit blassen Gesichtern Seite an Seite standen, einen wortlosen Gruß zu und verließ das Gehöft. Es war der Götz.

Als er den Pointnerhof erreichte, hörte er aus der Stube das zornige Keifen des Bauern. Ein bitteres Lächeln ging über den Mund des Knechtes. "A guter Anfang, dös muss ich sagen!" Zögernd betrat er die Stube. Da humpelte der Pointner gerade in die Kammer, und während er hinter sich die Tür zuwetterte, rief ihm Kuni nach: "Musst ihn halt an anders Mal an Dein' Bettfuß anbinden! Oder hätt ich vor seiner Tür aufpassen sollen, wo er hinrennt?"

"Wann der Bauer wissen möchte, wo der Karli is," ließ sich Götz von der Schwelle vernehmen, "am Sonnberg is er droben bei der Holzarbeit."

"Wer hat's ihm gschafft?", fuhr Kuni zornig auf.

"Ich, Bäuerin! Dass er über die ersten Tag leichter wegkommt."

Kuni schien heftig erwidern zu wollen. Sie schwieg. Und als sie das Aussehen des Knechtes gewahrte, sagte sie erschrocken: "Götz? Wie hast Dich denn zurichten lassen! Es wird Dir doch nix geschehen sein?"

"Was soll mir denn geschehen sein? A paar Löcher hat's mir halt in d' Joppen brennt."

"Aber draußen? Im Binderholz?"

"Da is alles hin. Wann der Bygotter net mit der Sanni auf und davon is, vor 's Feuer zum Dach aussigschlagen hat! Gelt, da kann ein' d' Red verlassen!" Götz war auf Kuni zugetreten. Den Hals gestreckt, sah er der Bäuerin in die Augen. Und Kuni erwiderte diesen Blick, mit einem blassen, von scharfen Zügen durchschnittenen Gesicht, das über Nacht um Jahre gealtert schien. Wäre Karli jetzt vor den beiden gestanden, so hätte er bei der Erinnerung an jenen seltsamen Schatten nicht mit der Klugheit seines Schutzengels rechnen müssen; er hätte die Erklärung in der Ähnlichkeit gefundne, die sich in den Gesichtern dieser beiden verriet. Während sie so voreinander standen, flüsterte Götz: "Und weißt auch, wer d' Sanni gwesen is? Dem Karli sein Glück!"

Sie hatte es geahnt, seit jenem ersten Tag, an dem sie den Pointnerhof betreten. Diese Ahnung war es gewesen, die ihren Übermut gereizt hatte. Der Wettlauf mit dem blassen, schwächlichen Mädel war ihr erschienen als ein Kampf, der sich spielend gewinnen ließ. Wie übel war ihr das Spiel geraten! Daran aber dachte sie in diesem Augenblick mit keinem Gedanken. Tiefe Erschütterung sprach aus ihrem Gesicht.

"Drum wirst nix dagegen haben, Bäuerin, wann ich auffispring zur Holzerhütten?"

"Ja, Götz, schau, dass d' auffikommst! Und sag's ihm net grob ins Gsicht!"

Verwundert sah Götz die Bäuerin an. Ein freundlicher Ausdruck erschien in seinem Gesicht. "Hätt's net denkt, dass Dich der Bub so jammert! Dich lernt sobald keiner aus. 's is schad um Dich. Aus dir hätt was werden können."

"So?", lachte Kuni bitter auf. "Und was denn?"

"Was anders, als aus Dir worden is!" Götz zog die Schultern auf und verließ die Stube.

Als er den Flur betrat, hörte er über den gepflasterten Vorplatz einen langsamen Schritt kommen. Er trat unter die Haustür und gewahrte einen Fremden in schwarz und grün kariertem Anzug, den grauen Filzhut schief über den schwarzen, ölig glänzenden Haaren. Götz hatte diesen Menschen noch nie gesehen. Dennoch meinte er zu wissen, wer vor ihm stünde. Der bewusste Bruder! Mit scharfem Blick maß er den Gast, und das Resultat dieser Musterung schien kein beruhigendes für ihn zu sein.

Der Fremde, mit der Hüfte auf den Stock gelehnt, ließ sich diesen Empfang eine Weile gefallen. Aus seinen grauen Augen funkelte ein spöttischer Blick. "Is die Bäuerin daheim?"

"Mir scheint."

"No also, siehst net, dass ich ins Haus will, Lackl! Geh halt auf d' Seiten!"

"Die Lackln sind bei uns net daheim. Wir kriegen s' allweil von auswärts." Götz trat von der Schwelle fort.

Als er später das Gesindehaus verlies und den Weg nach dem Sonnberg einschlagen wollte, hörte er von einem der Fenster her die jammernde Stimme des Pointners. Er sah auch gleich, mit wem der Bauer sprach; draußen vor dem Zaun stand der Lehrer mit seiner Frau. Götz näherte sich den beiden. Er hatte den Zaun noch nicht erreicht, als er die lange Straße her ein wirres Schreien hörte. Er sprang zum Gatter und sah, dass sich ein dichter Menschenknäuel, der noch vor jedem Haus neuen Zulauf bekam, dem Pointnerhof entgegenwälzte. "Was is denn da wieder?", greinte der Pointner, der mit verkatertem Gesicht im offenen Fenster lag.

Götz spähte dem lärmenden Trupp entgegen. "Bauer! Da muss ebbes geschehen sein! Dein Karli is voran. Und tragen tut er, ich weiß net was!"

"Du lieber Herrgott!" Der Kopf des Pointners verschwand. Dann erschien der Bauer verstört in der Haustür und humpelte der Straße zu. "Jesus Maria! Karli! Was is denn?", kreischte er seinen Buben an, der dem Vater entgegenwankte, von einer schreienden Schar umdrängt, das blasse Gesicht von Schweiß überronnen, erschöpft, eine seltsame Last auf den zitternden Armen. der Pointner sah aus dem dunklen Wettermantel zwei nackte Füße herausschwanken, während an Karlis Brust mit geschlossenen Augen ein blasses Mädchengesicht gebettet lag, um das die schwarzen Haare in wirren, feuchten Strähnen herumhingen.

"Vater!", stammelte Karli. "Da schau, d' Sanni! Mein Glück, mein alles!" Er taumelte in den Hof. Während sich die Schar der Schreier nachschob, erfurh der Pointner vond en Holzknechten, was droben auf der Sonnbergplatte vorgefallen. Noch hatten sie ihren konfusen Bericht nicht zu Ende gebracht, als Karli keuchte: "Den Dokter! Schauts um an Dokter! 's Madl kennt mich schon nimmer."

Götz rannte davon.

Eine zitternde Hand legte sich auf Karlis Arm. Als er das verstörte, schweißglitzernde Gesicht erhob, sah er in die erschrockenen Augen der jungen Pointnerin. "Komm, Karli! Schnell ins Haus! Trag 's Madl auffi zu mir!" Willenlos folgte er, als ihn Kuni zur Türe zog. Den beiden schloss sich die Frau des Lehrers an, und so erreichten sie den Flur und stiegen die Treppe hinauf. Droben in dem Stübchen, das Kuni bis zum verwichenen Tag bewohnt hatte, hoben die zwei Frauen das bewusstlose, im Fieber lallende Mädel von Karlis Armen auf das Bett. Während Kuni die Riemen löste, mit denen der Wettermantel um Sannis Körper geschnürt war, schob die Lehrerin den Burschen über die Schwelle und schloss die Tür.

Draußen taumelte Karli an den Vater hin. Der zog ihn mit sich fort und stützte ihn auf der Treppe gleich einem Kranken. In der Stube drückte er ihn auf den Lehnstuhl nieder, rannte um frisches Wasser, gab dem Erschöpften aus einem Glas zu trinken und strich ihm das nasse Haar aus der bleichen Stirn.

Inzwischen stand der Lehrer draußen unter der Haustür und verteidigte die Schwelle gegen die Schreier, die am liebsten den Pointnerhof gestürmt hätten. sie kamen zu der Meinung, dass einer, vor dem das Leben des eigenen Kindes nicht sicher wäre, eine Gefahr für das ganze Dorf bedeute.

Während diese Klugen mit kreischenden Stimmen ihre Urteile tauschten, erzählte Karli in der Stube dem Vater die Geschichte dieses Morgens, soweit er sie selbst begriff. Immer wieder schlug der Pointner unter Anrufung aller Heiligen die Hände über dem Kopf zusammen. Die Rührung trieb ihm dicke Zähren aus den Augen. Mit beiden Händen fasste er seinen Buben am Kopf. "Sag's aussi! Brauchst Dich net scheuen vor dem Vater! Sag's aussi, dass Du d' Sanni gern hast.

Karli nickte.

"Wie lang denn schon?"

"Seit ich halt denk!"

Da mischte sich ein zorniger Ton in die wässerige Rührung des Pointners. "Warum hast denn net lang schon gredt? Tausendmal für einmal hätt ich mein Jawort gsagt! Und heireten hättst können! Und alles wär anders!" Er verstummte; ängstlich drehte er das Gesicht über die Schulter und fuhr erschrocken zusammen, als sein Blick auf das Ledersofa im Ofenwinkel fiel. Dort in der Ecke saß Kunis Bruder, einen erloschenen Zigarrenstummel zwischen den gelben Zähnen. Der Pointner kraute sich das Haar und stotterte: "Jetzt hab ich ganz vergessen -"

"Nur net schenieren wegen meiner!", lächelte der Gast. "Ich mach's grad so, ich schenier mich auch net."

Karli wusste noch nichts von dem Besuch, der sich da ins Haus geladen; doch gleich erkannte er den spöttischen Fragesteller aus dem Binderholz.

Der kam auf ihn zu und streckte die Hand. "Wir zwei, mein' ich, müssten uns schon wo gsehen haben?"

Karli schwieg und guckte verdutzt den Vater an.

"Ja, schau, Bub, der Herr da hat uns bsucht. Weißt, a Bruder von meiner - von der Kuni, ja!", stotterte der Pointner. "Gregor heißt er, und a Metzger is er. Jetzt hat er d' Schwester bsucht. Wird halt a paar Täg bei uns bleiben."

"Wann's mir gfallt, bleib ich länger auch."

"No, ja, natürlich, so lang's der Schwager halt aushalt! Dös is gwiss! Natürlich!" Dem Pointner gingen die verzagten Worte aus, und weder Karli, noch der Schwager wollte ihm weiterhelfen. Ein unbehagliches Schweigen folgte. Dann machte Karli einen Sprung zur Türe. "Der Götz! Der Götz kommt mit 'm Dokter!" Aufatmend humpelte der Pointner seinem Buben nach, der draußen im Flur mit überstürzten Worten auf den bejahrten, ruhig horchenden Doktor einsprach.

Bedächtig nickte der Arzt und schob die Brille höher. Gemächlichen Schrittes stieg er die Treppe hinauf. Karli und der Pointner folgten. Sie durften die Krankenstube nicht betreten. Nur die Frau des Lehrers blieb bei dem Doktor; Kuni kam in den Flur heraus. Während Karli sich wortlos an die weiße Kalkmauer lehnte, trat Kuni, die Arme hinter dem Rücken verschränkend, zu dem kleinen Flurfenster und blickte durch die trüben Scheiben.

Der Pointner schneuzte sich immer.

Eine bange Viertelstunde verging. Dann wurde die Kammertür geöffnet und man hörte die knarrenden Stiefel des Doktors. Der sagte: "Ein schweres Nervenfieber. Und das Schlimmste zu befürchten."

Der Pointner guckte hilflos drein, die junge Bäuerin drehte rasch das blasse Gesicht, und Karli ging stumm davon, auf eine wunderliche Art mit den Fäusten schlenkernd. -

Ein Tag verrann um den andern.

So sehr der Bygotter in aller Leute Mund war, so wenig bekamen ihre Augen von ihm zu sehen. Der ausführliche Bericht, den der Pfarrer an das Bezirksamt hatte abgehen lassen, hatte bewirkt, dass ein zwei Mann hoher Gendarmerieposten in das Dorf gelegt wurde. Auch war für den Fall, dass man des Bygotters habhaft würde, ein Irrenwärter in Aussicht gestellt. Bei diesen Verfügungen hatte es vorerst sein Bewenden; so viele Stunden auch die beiden Wächter der Sicherheit bei Tag und Nacht im Binderholz verpassen mochten, so häufig sie auch alle Winkel und Schlupfe der Sonnbergschluchten durchstöberten, der Bygotter bleib verschollen, als wäre er durch die Luft entflogen oder in die Erde versunken. Die abenteuerlichsten Gerüchte waren über ihn im Umlauf. In diesen Gerüchten spielte jener bekannte Unbekannte, dessen Namen man gerne durch drei Kreuze zu ersetzen pflegt, eine wichtige Rolle. aber je unheimlicher den Leuten der Vater wurde, desto menschlicher rückten ihre Herzen seinem Kind zu. Es war eine Art von Fanatismus in dem Mitleid, das man für Sanni empfand. Weder alt noch jung, weder Mann noch Weib ging am Pointnerhof vorüber, ohne sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen.

Da war wenig Tröstliches zu vernehmen. Immer lag Sanni bewusstlos und in hohem Fieber. Was zu ihrer Pflege geschehen konnte, geschah. Zweimal des Tages kam der Doktor. Kuni, die Frau des Lehrers und eine Wärterin teilten sich in die Wache. Der ganze Hofraum, auf eine weite Strecke auch die Straße, war dick mit Stroh überschüttet, um das Rollen der Wagen und den Hufschlag der Pferde zu dämpfen. Mit Eifer und Ängstlichkeit bewachte der Pointner die Ruhe im Haus. Wo sich was rührte, war er gleich bei der Hand mit seinem "Pst, pst, Jesus Maria, stad sein!" Im übrigen trippelte er umher - das Sprichwort sagt: Wie einer, dem das Zäpfl hinuntergefallen. Eine Verzagtheit lag über ihm, die sich zu seltsamer Unruh steigerte, sooft ihm Karli in die Nähe kam. Der schien alles vergessen zu haben, was die vergangenen Wochen zwischen ihm und den Vater geworfen. Den letzten Brief des Pointners, den er von der Regimentskanzlei nachgeschickt erhalten, hatte er zerrissen, ohne ihn zu lesen. Sanni war sein einziges Denken, ihre Genesung sein einziges Hoffen. Er rannte wie verloren umher. Wenn er bei der Arbeit zufasste, griff er alles von der verkehrten Seite an. Hundertmal des Tages schlich er auf den Zehen vor das Stübchen hinauf und pochte mit leisem Finger. Nie war er zu bewegen, die Krankenstube zu betreten. Er lugte nur manchmal durch eine Türspalte, und dann war's ihm anzusehen, wie ihm der Anblick des schmächtigen, von brennender Fieberröte übergossenen Gesichtes, das so regungslos in den geblümten Kissen lag, das Herz zusammenkrampfte. Die halben Nächte durchwachte er in seiner Kammer, das Ohr an die Mauer gedrückt, als möchte er den ersten leichteren Atemzug der Kranken, das erste Wort ihres wiederkehrenden Bewusstseins erlauschen.

So begreiflich das Benehmen Karlis war, so verblüffend wirkte die Ausdauer, mit der Kuni sich der Pflege Sannis widmete. Sie erntete auch Anerkennung von allen Seiten. Nur Karli vermochte es der jungen Bäuerin gegenüber zu keinem herzlichen Wort zu bringen, sosehr es ihn drängte, ihr einmal die Hand hinzustrecken, wenn sie mit übernächtigen Augen aus der Krankenstube trat.

Noch ein anderer wollte in Kunis Verhalten keine rühmenswerte Barmherzigkeit erkennen. Das war Götz. In der ersten Stunde, das gab er zu, hatte sich in ihr das Herz gerührt. Drum hatte er auch anfangs ihre ausdauernde Pflege mit freundlichen Augen wahrgenommen, als wäre ihr das Bleiben in der Kammer nur ein Vorwand, um die Stube zu meiden, wo ihr Bruder mit der qualmenden Zigarre die Tage verlungerte. Unausgesetzt beobachtete Götz die beiden, ohne dass es ihm gelang, das Verhältnis, in dem sie miteinander standen, zu durchschauen. Vielleicht wäre ihm das leichter gewesen, wenn Karli sich gegen Götz über die sonderbaren Dinge ausgesprochen hätte, die er beim Schimmelwirt zu München über Kunis Familie und über das Verhalten ihrer Brüder zu hören bekommen; er schwieg in Wahrung des Namens, den Kuni nun einmal trug. Götz war also bei seiner Beobachtung allein auf seine Augen und auf die Gedanken angewiesen, die Kunis und Gregors Benehmen in ihm weckten.

Jene erste Vermutung, dass dieser 'Bruder von irgendwo' durch andere Ketten mit Kuni verknüpft wäre, als durch geschwisterliche Bande, hatte er wieder fallen lassen. Sowenig ihm Kuni Anlass gegeben hatte, Gutes von ihr zu denken, es war in ihm doch eine Stimme, die ihn nicht glauben lassen wollte, dass sie so ganz verdorben wäre, um schon am ersten Tag nach der Hochzeit die ehrlose Schande in ihr Haus zu laden. Gregor musste doch wohl ihr Bruder sein; was hätte sie sonst bewegen können, den widerwärtigen gesellen unter ihrem Dach zu dulden. Freilich, es war eine merkwürdige Geschwisterliebe, die Kuni für diesen Bruder zu hegen schien. Sie wich ihm aus auf Schritt und Tritt, vermied jedes längere Gespräch mit ihm, und Götz meinte, dass es nur um Gregors willen geschähe, wenn sie den gemeinsamen Mahlzeiten fernblieb und sich mit der Krankenpflege entschuldigte. Das Gefühl, dem dieses Verhaltne entsprang, war etwas anderes als Widerwille; es war wie zitternde Scheu. Kuni hasste ihren Bruder, aber sie fürchtete ihn; er musste durch irgend etwas über sie Gewalt haben. Das erklärte für Götz die seltsame Veränderung, die sich in Kunis Wesen vollzogen hatte. Sie war eine völlig andere geworden, als sie gewesen. Ihr übermütiges Lachen war erstorben, ihre Sicherheit verschwunden, ihr Trotz gebrochen. Unter der Wirkung des scheuen Kummers, den sie zu leiden schien, wurde manches Gute lebendig, das unter Schmutz und Asche bisher vergraben lag in ihrer Seele.

Wenn Götz sich über diesen Wandel seien Gedanken machte, musste er immer eines Vorfalles denken, dessen Zeuge er geworden war. Zwei Tage nach Gregors Ankunft hatte der närrische Spinner-Veit, der Zuchthäusler, wieder im Pointnerhof vorgesprochen, um sein Wochengeschenk zu holen. Es schien, als hätte Kuni sein Kommen abgepasst; er hatte noch nicht die Hausschwelle betreten, da stand sie schon vor ihm, scheu und erregt; unter wispernden Worten schob sie ihn auf die Straße hinaus. Am folgenden Morgen suchte Götz den Alten in seinem Armenstübchen auf und erfuhr, dass Kuni dem Spinner-Veit das Betreten des Pointnerhofes verboten hätte. "Jetzt is mei' einzige Freud dahin!", greinte der arme Narr. "Wann ich ihr grad a bissl gut wär, hat die Bäuerin gsagt, nacher sollt ich mich net ehnder wieder sehen lassen, solang sie's mir net selber verlaubt. Was kann ich denn machen? Lieber sterben, eh dass ich a Schrittl tät, dös der Pointnerin net taugt. So viel gern hab ich s', die Bäuerin, ja!" In sonderbarer Bewegung hatte Götz den Alten verlassen. Von diesem Tag an beobachtete er mit noch schärferen Augen, weil bei Gregor allein die Ursache liegen konnte, weshalb der Spinner-Veit seine 'einzige Freud' entbehren musste.

Den lauernden Augen Gregors bleib es nicht verborgen, wie aufmerksam er von Götz überwacht wurde. Bald ging er dem Knecht mit Vorsicht aus dem Weg, bald wieder drängte er sich herausfordernd in seine Nähe, sah ihm mit spöttischem Lächeln bei der Arbeit zu, drehte sich auf dem Absatz um und suchte den Pointner auf, um gegen den Knecht zu sticheln. Es gelang ihm nicht, den Bauer gegen Götz in Harnisch zu bringen; er brachte im Gegenteil den Bauer nur gegen sich selbst in Hitze, so dass es eines erklecklichen Aufwandes an Späßen und Anekdoten bedurfte, um den Pointner wieder in gute Laune zu versetzen, die meistens nur eine gespielte war; die Nähe dieses Gastes schien nicht angenehm auf den neu gebackenen Ehemann zu wirken.

Der einzige im Hof, der mit Gregor ruhig verkehrte, war Karli. Sonderlich gewogen war er dem spöttischen Kostgänger nicht, dessen Faust er, in der Erinnerung an Kunis Vergangenheit, immer zum Schlag gegen ein wehrloses Kind erhoben sah. Aber was hatte er sich um diese Dinge zu kümmern, wenn Kuni die Gegenwart eines Menschen ertrug, der mitgeholfen, ihr die Jugend zu verbittern und das Zusammenleben mit der Mutter zu verkümmern. Vorausgesetzt, dass alles auf Wahrheit beruhte, was er beim Schimmelwirt erfahren hatte. Manchmal zweifelte er an dieser Wahrheit. Vielleicht hatte Kuni den Inhalt des Briefes, den er aus München an den Vater geschrieben, widerlegen können? Dann hätte aber der Vater doch Ursache gehabt, seinem Buben einmal zu sagen: Alles, was Du geschrieben, ist Verleumdung. Doch der Vater hatte bisher mit keinem Wort jenes Briefes gedacht. Und Karli grübelte nicht weiter. Er hatte zu viel mit seiner Hoffnung für Sannis Genesung zu tun, um sich lange Gedanken über Gregor und alles andere zu machen. Er suchte die Ruhe im Haus zu wahren und verzog nur manchmal den Mund, wenn er mit ansah, wie bequem es sich der Gast auf dem Sofa zu machen wusste, wie tief er in die Zigarrenschachtel des Pointners griff, wie fleißig er sich vor jeder Arbeit drückte, dafür mit staunenswerter Pünktlichkeit zu jeder Mahlzeit erschien.

Einmal aber wollte den jungen Pointner die Langmut doch im Stich lassen. Es war am neunten Tag seit Sannis Erkrankung. Der Doktor hatte dem Bauer gesagt, dass dieser Tag die Entscheidung bringen müsste, entweder die Wendung zum Besseren oder das Schlimmste. Auf des Pointners Bitte hatte man das vor Karli geheim gehalten. Der Bub schien zu fühlen, dass ihm etwas verschwiegen wurde. Von seiner Sorge gepeinigt, ging er in Haus und Hof herum. Nach der Mahlzeit nahm ihn der Pointner zur Besichtigung einer Wiese mit, die man ihm zum Kauf angetragen hatte. Auf halbem Weg brannte Karli dem Vater durch und rannte wieder nach Hause. Als er den Flur betrat, schlug eine scharfe Stimme an sein Ohr. Unwillig öffnete er die Stubentür und sah den Götz mit zornrotem Gesicht vor dem Tisch stehen. Auf der Bank saß Gregor, der ein blankes Messer in die Tischplatte stieß und dem jungen Pointner zurief: "Grad kommst recht! Da kannst beim lümmelhaften Knecht sagen, was a Dienstbot reden muss mit ein Gast von der Herrschaft!"

"Was hat's denn geben?", fragte Karli.

"Ich komm in d' Stuben," sagte Götz, "und wie ich sieh, dass er aus Langweil den Tisch verschneidt, da hab ich ihm gsagt, dass man mit ander Leut ihrem Sach a bissl feiner umgeht. Und gar mit eim Tisch, auf dem man drei Mal im Tag von der Freundschaft zehrt."

Gregors verlebte Züge spielten ins Grünliche. Fluchend sprang er hinter dem Tisch hervor. Karli vertrat ihm den Weg, und als er sah, dass in die weiß gescheuerte Tischplatte Gregors Name schon zur Hälfte eingeschnitten war, stieg ihm das Blut ins Gesicht. Er sagte mit grober Härte: "Du, Herr Vetter, jetzt will ich Dir aber -" Weiter kam er nicht.

Die Tür wurde aufgerissen, und Kuni stand auf der Schwelle: "Gott sei Dank, Karli, dass daheim bist! D' Sanni is aus'm Fieber aufgwacht, und allweil verlangt s' nach Dir!"

Der tiefste Schreck hätte ihn nicht so um alle Fassung bringen können, wie es die jähe Freude tat. Er stürmte aus der Stube und die Treppe hinauf. Hastig stieß er die schweren Schuhe von den Füßen und trat in die Kammer. Die Wärterin nickte ihm lächelnd zu; er sah sie nicht, sah nur das schmale, blasse, von den schwarzen Haaren umrahmte Mädchengesicht, aus dem zwei feuchte blaue Augen ihm in heißer Sehnsucht entgegenleuchteten, sah nur die mageren, wachsbleichen Hände, die sich verlangend nach ihm erhoben.

"Sanni!" Vor dem Bett in die Knie brechend, umschlang er sie und presste das Gesicht an ihre Brust. Leise weinend schmiegte sie ihre Wange an seine Stirn und streichelte ihm mit scheuer Hand das Haar.

Von der Türe klang ein Seufzer; die Wärterin drehte das Gesicht und sah verwundert die junge Bäuerin an. Als Sanni sich aufrichtete, verschwand Kuni im Dunkel des Flurs.

Angstvoll blickte Sanni um sich her. "Wo is er denn?"

Karli verstand, wen sie meinte, und sagte, was ihm der Augenblick auf die Zunge gab. "Fort! Wieder ummi nach Amerika!"

Erschrocken sah ihm Sanni in die Augen und presste schluchzend das Gesicht in die Hände.

Karli wollte mit zärtlichen Worten zu ihr reden, aber die Wärterin duldete nicht, dass er noch länger bliebe. Sie schob ihn zur Tür hinaus und hielt ihm vor, dass solche Aufregung üble Folgen für die Kranke haben könnte.

Die Stunde ging ohne Schaden für Sannis Genesung vorüber. Jeder Tag brachte einen merklichen Fortschritt in ihrer Besserung. Da machte nun die Frau des Lehrers den Vorschlag, dass Sanni vom Pointnerhof in das Lehrerhaus übersiedeln sollte. Alle warne dafür, der Pointner, Götz, der Doktor. Nur Kuni und Karli wehrten sich gegen dieses Vorhaben. Die beiden mussten sich bescheiden, als Sanni selbst mit schüchterner Bitte für den Vorschlag eintrat. Ein sonniger Oktobertag begünstigte die Sache. Der von Götz kurierte Schimmel wurde vor die kleine Kutsche gespannt und Sanni auf den mit Kissen ausgelegten Sitz gehoben. Karli führte das Pferd am Zügel, während der Pointer an der rechten, die Frau des Lehrers an der linken Siete des Wagens blieb. Götz war auf die Straße hinausgetreten und sah dem Wägelchen nach, bis es verschwand. Nun schloss er das Zauntor und schlug die Richtung nach dem Holzhof ein; als er um die Hausecke biegen wollte, blieb er stehen. Durch ein offenes Fenster schlug aus der Stube die erregte Stimme der Bäuerin an sein Ohr: "Ich will nix hören davon! Jetzt lass mich aus!"

"Jetzt grad will ich haben, dass d' ihn ausschaffst!", erwiderte kaum verständlich eine knirschende Stimme.

"Den Götz? Und ausschaffen? Da! Reiß an Stein aus der Wand! Wie so a Stein in der Mauer, so verwachsen is der Götz mit'm Hof!"

"Ob verwachsen oder net. Er oder ich! Dass ich net gutwillig geh, dös brauch ich Dir net sagen. Da kunnt ich zum Abschied a bissl was erzählen. Gspassige Gschichten!"

Es wurde so still in der Stube, dass Götz den Pendelschlag der Wanduhr hören könnte. Sein Gesicht war bleich. Nun ballte er die Faust und ging davon. Noch hatte er den Holzhof nicht erreicht, als Gregor, den Hut auf dem Kopf, aus der Haustür trat. Unter spöttischem Lächeln sah er dem Knecht nach, steckte eine Zigarre in Brand und schlenderte, die Fäuste in die Taschen grabend, zum Tor hinaus. Das Ziel seines Weges war das Wirtshaus. Dort war er der einzige Gast; die dralle Kellnerin genügte ihm als Gesellschaft, und an ihrer Seite verkneipte er den Nachmittag. Als er kurz vor Beginn der Dämmerung den Pointnerhof wieder betrat, begegnete ihm ein Bettler, der eben unter der Haustür eine Gabe von Kuni erhalten hatte, ein ruppiger, unappetitlicher Kunde. Das zerrissene, in Falten schlotternde Zwilchgewand, das der Alte trug, mochte seit Jahren keine Wäsche mehr erlebt haben. Was er auf dem Kopf sitzen hatte, schien eine blaue Soldatenmütze gewesen zu sein. Das Gesicht war fast nur Bart, der struppig nach allen Seiten stand und sich immer bewegte, als wäre der Mund, der darunter verborgen lag, unaufhörlich im Kauen. Über den Stacheln des Schnurrbartes saß eine Nase, die einem bläulich angelaufenen Kupferknopf glich. Das linke Augenlid war geschlossen und tief in die leere Höhle eingesunken. Das andere Augen, von dessen entzündeten Rändern eine Tränengasse in den Bart verlief, hatte einen steifen Glanz.

Gregor stutzte, als er den Alten kommen sah. Auch der andere riss sein rundes Auge noch weiter auf und verzögerte den tappenden Gang. Die beiden schienen sich zu kennen. Dennoch gingen sie wortlos aneinander vorüber. Dann drehten sie zu gleicher Zeit den Kopf über die Schulter, kehrten um und blieben voreinander stehen. Gregor schob die Hände in die Taschen und sah aus stolzer Höhe auf den schmutzigen Kunden nieder, der ein Gesicht machte, als wäre ihm die Ansprache, deren er gewürdigt wurde, eine große Ehre. "So? Haben s' Dich wieder amal auslassen? Lump, alter!"

"Ja, aber lang wird's net dauern!", sagte der Alte mit einer zerstörten Stimme. "Der Winter is vor der Tür. Da wird mir nix anders übrig bleiben, als dass ich mich wieder einitummel ins warme Stübl."

Gregor lachte. "Gfallt's Dir denn gar so gut da drin?"

"A zfriedens Gmüt ghört halt dazu. Es is auch soweit net übel. A guts Essen, langsame Arbeit, die schönste Liegerstatt. Mehr kann sich unsereins net verlangen."

"Aber der Schnaps? Was?"

"Der Schnaps!", quoll es wehmütig aus dem wackelnden Bart hervor. "Da fehlt's freilich weit! Wann mir's Züngl allweil so trucken gwesen is, hab ich oft an dieselbigen Zeiten denkt, wo mir a Glasl ums ander zahlt hast."

Gregor zuckte ziellos ins Blaue.

"A guts Herz hast allweil ghabt!", tuschelte der Alte. "Drum muss Dir's auch gut gehn." Er winkte mit einem Blick gegen das Haus. "Ghörst leicht da eini?"

"Halb und halb."

"So? Halb und halb?" Der andere versuchte mit seinem runden Auge pfiffig zu blinzeln. "Du! Da halt Dich fest an! Is a nobligs Haus." Verstummend sah er an Gregor vorüber und stierte hinter dem Knecht her, der aus dem Haus getreten war und nach den Ställen ging. "Was habts denn da für ein' im Haus? Ghört der am End zu Dir?"

Hastig wandte Gregor das Gesicht und konnte noch sehen, wie Götz in einer Tür verschwand.

"Ah ja, ich täusch mich net, er is's schon!", murmelte der Alte. "Wie heißt er denn gleich?"

"Gotthard Sauer." In Gregors Zügen war eine lauernde Spannung.

"Gotthard Sauer? Ah na! So hat derselbig net gheißen. Aber ich hab mich net verschaut. Wann's auch schon lang her is, er hat eins von die Gsichter, die man sich merkt."

"Woher kennst ihn?"

"Aus der warmen Stub! A meiniger Kamerad is er gwesen." Der Alte ahmte mit den zitternden, von Schmutz überkrusteten Fingern die Bewegung des Spinnens nach.

Da packte ihn Gregor am Arm. "Wann aber der Nam net stimmt?"

"Macht nix! Leicht bsinn ich mich falsch. Aber d' Nummer weiß ich noch. Der Neunasiebzger is er gwesen."

"Der Neunasiebzger?", wiederholte Gregor.

"Einer von die Gwichtigen. Zwölf Jahr hat er ghabt. A Malifizzeit, so was! Mir waren meine viere schon z'viel, wo s' mir selbigs Mal auffibrummt haben, völlig unschuldig, wegen so eim miserabligen Schlösserl, dös mir unter der Hand brochen is. Aber no, jetzt bin ich's gwohnt."

Mit heiserer Stimme raunte Gregor dem Alten zu: "Warum s' ihn packt haben, sag mir!"

"Da bin ich überfragt. Aber ebbes bsonders muss er angstellt haben, weil er gar so stolz gwesen is. Keiner von uns war ihm nobel gnug."

"Es kann net sein! Du musst Dich verschaut haben!"

"Gwiss net! Dös heißt, wetten möchte ich grad net. Aber schwören tu ich."

"'s Wetten wär mir lieber! Aber wissen muss ich's." Gregor griff in die Tasche, drückte dem verdutzten Alten ein Markstück in die Hand und flüsterte: "Da hast a Zehrgeld. Jetzt gehst ins Wirtshaus und bleibst über Nacht. Leicht kann ich Dich morgen als Zeugen brauchen."

"Ah so?", schmunzelte der Alte. "Ich bezeug Dir alles, was d' haben willst. Heut grad so wie selbigs Mal."

"Mach, dass d' weiterkommst!", zischelte Gregor und ging, die Fäuste in die Tasche vergrabend, der Haustür zu. Während er hinüberblickte gegen die Ställe, blitzte eine boshafte Freude in seinen Augen. Er sah den Stoffel aus einer Stalltür treten, sah ihn ein Brett über den Brunnentrog legen und allerlei Riemenzeug herbeischleppen. Nach einer Weile kam auch Götz zum Brunnen und füllte einen hölzernen Eimer zum Trunk für die Pferde. Mit gekreuzten Armen lehnte sich Gregor an den Haustürpfosten und guckte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich fuhr er mit der Hand in die Tasche und brachte mehrere Markstücke hervor, die er der Reihe nach betrachtete. "Akrat is eins dabei!", lachte er leis, drückte die ausgewählte Münze, die im Jahr 1879 geprägt worden war, mit dem Daumen gesondert in die Hand und schob die anderen Markstücke wieder in die Tasche. Langsam schlenderte er auf den Brunnen zu und begann in gnädigem Ton mit Stoffel zu plaudern, der mit einer Bürste das Riemenzeug bearbeitete, um die Schwärze in Glanz zu bringen. Und während Gregor so schwatzte, klapperte er immer mit dem Geld in seiner Tasche. Stoffel spitzte die Ohren: "Saxen, da scheppert's aber!"

"Ja, wo Vögel sind, da zwitschert's." Gregor zog die Hand aus der Tasche, warf ein Markstück in die Luft und fing es wieder mit geschicktem Griff.

"Ah! Nobel!", staunte Stoffel. "Dös möchte ich noch amal sehen."

Wieder flog das Markstück in die Höhe. So flink aber auch Stoffel mit beiden Händen zugriff, er kam doch um einen guten Bauernschuh zu kurz. Lachend schnappte Gregor die fallende Münze dem Knecht vor der Nase weg. Da hörte er Tritte aus dem Stall kommen. Hastig streckte er die geschlossene Faust. "Dass d' net meinst, ich bin einer von die Neidischen: wann d' Jahrzahl ratst, grad oder ungrad, ghört ‚s Markl Dein!"

Die Verdrossenheit des Knechtes verwandelte sich in zweifelnde Hoffnung. Er schlenkerte die Quaste der Zipfelmütze vom linken Ohr aufs rechte und brummte: "Ich glaub's net!"

"Auf Ehr!"

"No also: ungrad!"

"Schau Dir's an!"

Mit beiden Händen tappte Stoffel nach Gregors Faust; als er sie fest geschlossen fand, murrte er: "Wie soll ich denn schauen? Aufmachen, sag ich!"

"Plag Dich halt a bissl!", lachte Gregor.

Während Stoffel die Faust des Burschen zu öffnen suchte, trat Götz zu den beiden und schob den Eimer unter die Brunnenröhre. Da öffnete Gregor die Finger. Stoffel riss die Münze an sich, hob sie vor die funkelnden Augen und schrie in Freude die Zahl hinaus, die er auf der Prägung gefunden: "Neunasiebzg!"

Als wäre vor Götz ein Blitzstrahl niedergefahren, so zuckte er zusammen.

Gregor hatte genug gesehen. Lachend wandte er sich ab und hörte den Stoffel jubeln: "Da schau, Götz! A Markl hab ich gwonnen. Raten hat er mich lassen, und ungrad hab ich graten. A Neunnasiebziger war's!"

Als Gregor die dämmerige Stube betrat, fand er Kuni damit beschäftigt, den Tisch für das Abendessen zu decken. "No also? Hast Dich schon bsonnen?", fragte er und schleuderte den Hut in einen Winkel. "Ja oder na?"

Kuni sagte mit gedämpfter, vor Erregung bebender Stimme: "Mit Ja und Na is da nix gsagt. Ich will mich amal ausreden mit Dir. Heut noch! In der Nacht wart ich hinter der Holzleg draußen, bis vom Wirtshaus kommst. Im Haus herin is kein Reden für uns. Ich mag amal nimmer! Und ich sag Dir's im Ernst!"

"Oho! Im Ernst? Da muss ich mich um ebbes umschauen, was Dich lustig macht. Heut am Abend wirst noch an Gspaß erleben!"

"Gori?"

"Musst Dich net sorgen! Dir gilt's heut net. Aber a Kunststückl will ich probieren. Pass auf, ich reiß an Stein aus der Wand, und wann er gleich drein verwachsen is! Und bei dem Gspaß, da kannst Dich grad überzeugen, wie d' Leut über gwisse Sachen denken."

In Kunis Zügen stritten Zorn und Angst. "Was hast im Sinn? Du? Es is nix Guts! Ich kenn Dich, Gori, und ich sag Dir's -" Sie verstummte und lauschte in Unruh den Stimmen, die sich vom Flur herein vernehmen ließen.

Die beiden Pointner hatten das Haus betreten.

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