Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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         Der Unfried
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Kapitel 10

Eine Stunde später lag die stille Nacht über dem Pointnerhof. Scharf und schwarz hoben sich die Dächer vom Himmel ab, an dem die Sterne funkelten. Manchmal trug der Wind den verwischten Hall eines Jauchzers und gedämpfte Klänge der Tanzmusik vom fernen Wirtshaus her. In den Ställen rasselte ab und zu eine Kette, und der Brunnen plauderte.

Die qualmende Pfeife zwischen den Zähnen, saß Götz auf einer Ecke des Brunnentroges. Vor ihm, die Fäuste hinter dem Rücken, stand Martl. Sie hatten viel geredet über die Hochzeit und über den Bygotter. Das heißt, geredet hatte der Martl, während Götz ein wortkarger Zuhörer gewesen. Jetzt reckte Martl gähnend die Arme. "No also, leg ich mich alt schlafen! Und Du?"

"Ich hab kein' Schlaf net."

"Geh, versumst ja die schönste Zeit! Aber meintwegen! Gut Nacht!" Martl hatte sich schon zum Gehen gewandt. Da kehrte er wieder um. "Was ich schier vergessen hätt: Weißt denn schon, dass wir morgen an neuen Einstand kriegen am Hof? Den Herrn Bruder von der gnädigen Frau Bäuerin!"

Götz setzte die Pfeife ab und hob den Kopf.

"Heut Nachmittag bei der Hochzet hat er sich eingstellt, der Herr Bruder. A sakrische Freud muss die Bäuerin ghabt haben! Alle Farben hat s' gspielt, und völlig zittert hat s' an Händ und Füß. Wie der Bauer dazukommen is, hat sich der Herr Bruder gleich auf Bsuch eingladen. Da is die Bäuerin nobel erschrocken! Und wie s' so gredt hat, als wär kein rechter Platz net im Hof, da hat der Herr Bruder seiner Frau Schwester grad eini ins Gsicht glacht. Und den Bauer hat er untern Arm gnommen, und da haben s' ein Haferl ums ander ausbichelt mitanand. Kannst Dir denken, was d' Leut für Augen gmacht haben! Und wie da gredt worden is! Wann die Bäuerin an Bruder hätt, warum hat s' ihn net zur Hochzet gladen? Wann s' ihn net eingladen hat, warum is er kommen? Wann 's ihn net mag, weswegen lasst s' ihn eini ins Haus. Aber noch, jetzt is er da, der Bruder! Auf wie lang, dös weiß ich net. Geht mich auch nix an. Gut Nacht!" Gähnend schlurfte Martl davon.

Götz schleuderte die Asche aus der Pfeife und sprach mit zornigem Lachen vor sich hin: "Morgen oder übers Jahr, ausblieben wär er nie, der Bruder von weiß Gott woher!"

Rasche Schritte näherten sich auf der Straße. Götz erhob sich und ging auf das Zaumtor zu. "Karli?", rief er in die Nacht hinaus.

"Ja, Götz!" Karli betrat den Hof.

"Wo kommst denn her so spät?"

"Den Bygotter hab ich Heim schaffen helfen. Wirst wohl ghört haben, was gschehen is. D' Haar möchten eim aufstehn! Komm, Götz! Ich muss mich ausreden zu Dir!"

Karli zog den Knecht mit sich fort, quer durch den Hof und in den Garten, zu jener gleichen Bank, zu der ihn Götz am Morgen geführt hatte. Noch auf dem Weg zur Bank erzählte Karli, wie er unter Beihilfe einiger Burschen den Bygotter nach Hause geschafft hätte. Der wäre aus seiner Betäubung bald erwacht. In schäumendem Zorn hätte er sich gegen die Führung gewehrt und hätte dazu mitlächerlichen und unheimlichen Worten getobt.

"Stockfinster is's gwesen. Im Binderhölzl, beim Zauntor, war so a gspasiger Fleck. Der fangt sich zum rühren an, und gleich hab ich d' Sanni kennt. 'Vater, Vater!', schreit 's Madl. Und der Bygotter macht an Rumpler, fahrt wie der Teufel auf d' Sanni zu, reißt 's Madl am Arm mit eini in Hof und wirft die Bretter zu, dass alles gscheppert hat."

Sie hatten die Bank erreicht. Karli erzählte von seiner Begegnung mit dem Bygotter am Bach, von dem Morgen vor seiner Abreise, von allem, was er selbst gesehen oder durch Sanni erfahren hatte. "Da muss ebbes gschehen. Dös arme Madl hat a Leben, dass's net zum sagen is! Was meinst? Ich hab mir schon denkt, ich sollt mit'm Lehrer reden, dass er sich um d' Sanni annimmt. Oder es muss der Pfarr übern Bygotter einrucken."

"Der Pfarr? Ah na! Mir scheint, dass da der richtige Helfer der Doktor is."

Karli atmete schwül. "Ja, gelt? So ebbes hab ich mir selber schon gsagt. Aber der Sanni z'lieb hab ich net dran glauben mögen."

Götz erhob sich. "Machst halt morgen a Sprüngl zum Dokter und verzählst ihm alles. Oder wann's Dir lieber is, geh ich statt Deiner. Und jetzt überschlafen wir die Sach!"

"Schlafen? Ich und schlafen? Unter so eim Dach?" Karli presste ide Fäuste an seine Stirn.

Der Knecht legte ihm die Hand auf die Schulter. "Geh, Bub, sei gscheid! Gschehen is gschehen. Jetzt heißt's weiter denken. Ungute Zeiten wird's freilich setzen für Dich."

"Kein' Tag net bleib ich im Haus! Und wann ich an Bauernknecht machen muss!"

"Ja, natürlich, dass Dich d' Leut auslachen! Bist Dein halbeter Vater, der auch gleich 's Kind mit 'm Bad ausgießt und meint, er müsst a Dummheit hinter einem Unsinn verstecken. Nix da! Grad jetzt musst bleiben, Dir selber und Deim Vater z'lieb! Wie sich alles anschaut, wirst Dich mit ihm gar hart net fahren. Fallt 's Wetter schiech aus, so musst net gleich an Bauernknecht machen. Der schöne Breithof wär billig zum haben. Mit deim Muttergut zahlst ihn aus."

"Vergelt's Gott, Götz! Und recht hast! Gleich morgen red ich mit'm Vater."

"Öha, langsam!", lächelte Götz. "Brennt Dir schon wieder 's Ross mit der Deichsel durch? Erst schau a Zeitl zu, wie 's Wetter ausfallt. Und vergiss net, dass Dein Vater allweil Dein Vater is! Und dass über die ersten Täg a bissl leichter wegkommst: In der letzten Woch hat d' Holzarbeit am Sonnberg angfangen, und morgen in der Fruh müsst ich wieder auffi. Geh Du statt meiner! zeitlich musst in d' Höh. Ich hab um Sechse in der Fruh 's Treffen angsagt mit die Holzknecht bei der Holzerhütten. Jetzt schau Dich um an gsunden Schlaf um, dass morgen frisch beinand bist. Wann's Zeit is, weck ich Dich schon. Gut Nacht! Sei gscheid!"

Der Knecht suchte sein Stübchen im Gesindetrakt, Karli seine Kammer im haus. Eine schwarze Stunde verging ihm, bis der Schlaf ihn überfiel. Seine Gedanken an Sanni spannen sich hinüber in einen sorglosen Traum. Auf einem Sessel saß der kurierte Bygotter, von dessen Kopf der Doktor eine ellenlange, weiße Binde herunterwickelte. und Sanni stand neben dem Vater, lachend, ein flimmerndes Krönl über dem zierlich geflochtenen Haar.

Dieser Zukunftstraum widersprach bedenklich der Gegenwart und Wirklichkeit.

In der Stube des Bygotters züngelte der rötliche Schein eines mit rußender Flamme brennenden Kienspanes, der in einer Klumse des brüchigen Kachelofens steckte. hinter dem Ofen lag der Bygotter auf seinem Kotzenbett, mit verbundenem Kopf. Frische Blutspuren zeigten sich auf seiner fahlen Wange, und von geronnenem Blut war sein Bart verfilzt. Sanni saß vor ihm auf einem hölzernen Schemel. Während sie die Arme des Vaters auf die Decke niederzudrücken suchte, stammelte sie: "Um Tausendgotteswillen tu ich Dich bitten, halt Dich stad und lass mich gehn, dass ich um an Dokter schau!"

"Törin, Du! Was schaust Du mit Deinen Augen aus nach Menschenhilfe? Den Gott verderben will, für den ist Hilfe nicht bei Menschenhänden. Den Gott erretten will, den haucht er an mit seines Mundes Odem, und sieh, er wandert gesund von dannen."

"Vater, Vater, so tu Dich doch stad halten! Es muss Dir ja schaden."

"Nicht ruhen will ich und will nicht schweigen, und stille will ich nicht sein. Siehe, meine Feinde toben und meine Hasser heben das Haupt. Herr! Tu ihnen wie Midian, wie Siffera, wie Jabin am Bache Kison! Mache sie dem Wirbel gleich, den Stoppeln vor dem Winde! Verfolge sie mit dem Feuer, das den Wald verbrennt und den Berg entzündet! Verfolge sie mit Deinem Sturm, mit Deiner Windsbraut scheuche sie fort! Zu Schanden müssen sie werden, umkommen in Hohn und Ekel!" Er wollte vom Lager springen. Kraftlos sanken ihm die Arme, und schwer fiel sein Kopf zurück auf das raschelnde Kissen. "Wie glühneder Brand ist mein Gebein, meine Zunge klebt am Gaumen, welk gesengt wie Gras ist mein herz um Deines Zornes willen. Aufgehoben hast Du mich und hast mich niedergeworfen."

In ratlosem Kummer schlug Sanni die Hände vor das Gesicht. "Mein lieber, lieber Herrgott, was tu ich denn?"

Die flackernde Helle, die in der Stube herrschte, wurde trüb. Der Span war niedergebrannt, und glühende Kohlenstückchen fielen von dem qualmenden Stumpf, der zu erlöschen drohte. Mit einem Seufzer erhob sich Sanni, steckte einen neuen Span in Brand und trat die auf den Dielen glimmenden Funken aus. Dann kehrte sie zum Vater zurück und befühlte seine glühenden Hände. Schwer atmend lag er, unverständliche Worte raunend, die heißen Augen starr zur Höhe gerichtet. Ohne sich zu regen, ließ er es geschehen, dass ihm Sanni den blutbefleckten Bund von der Schläfe löste. Beim Anblick des zerrissenen Fleisches überrann ein Schauer ihre Schultern. sie tauchte den Bund in kaltes Wasser und legte ihn wieder auf die Wunde. Wankend, als brächen ihr die Knie, ließ sie sich auf den Schemel nieder und hing mit nassen Augen am Gesicht des Vaters.

Lautlose Minuten verrannen. immer ruhiger wurden die schweren Atemzüge des Bygotters; seine Züge verloren ihre Starrheit und erschlafften; seufzend schloss er die runzligen Lider.

Zweimal erhob sich Sanni, um neues Kienholz aufzustecken. Einmal ging sie, ein Fenster zu öffnen, damit der Qualm, der die Stube füllte, einen Abzug fände. Immer lag der Vater regungslos, mit geschlossnen Augen. Und da meinte Sanni, dass sie das Haus verlassen könnte. Es war ein weiter Weg bis zum Doktor. sie wollte rennen wie ein Hund, der seinen Herrn verloren. Vorsichtig erhob sie sich, zog ein wollenes Tuch von der Ofenstange und schlang es um die Schultern. Unhörbar näherte sie sich der Tür und verwandte keinen Blick von den geschlossenen Augen des Vaters. Ihr Atem stockte, während sie mit der einen hand den Drücker, mit der andern den Schnabel der Klinke fasste. Tief atmete sie auf, als es ihr gelungen war, die Türe lautlos zu öffnen. Auf den Zehen huschte sie über die Schwelle.

Ein Ächzen in der Stube. Der Bygotter war aus den Kissen aufgefahren. Mit glühenden Augen späte er nach allen Winkeln; seine Züge erstarrten wie in tödlichem Schreck; keuchend hob sich seine Brust, und mit gellendem Schrei durchhallte Sannis Name das nachtstille Haus.

Bleich und zitternd stürzte Sanni in die Stube, riss das Tuch von ihren Schultern und eitle auf den Vater zu, der sich vom Lager erheben wollte. Mit stammelnden Worten suchte sie ihn zu beruhigen. Er krampfte die knöchernen Finger um ihre Hände und schrie ihr mit schäumendem Zorn ins Gesicht: "Wohin wolltest Du?"

Unter Schluchzen gestand sie, weshalb sie die Stube verlassen hätte.

Er beugte sein Gesicht dem ihrigen entgegen und sah ihr mit bohrendem Blick in die Augen. Dann zog er sie an seine Brust und streichelte ihr Haar. "Nein! Du hast mir nicht entlaufen wollen, zu ihm, der Deinen Vater bestehlen will um den Baustein seines Werkes, um den Tag der Vollendung. Deines Vaters Tochter bist Du, nicht das Kind Deiner Mutter, die ihren Mann verwarf und nicht hören wollte seines Gottes Stimme." Er fühlte, wie Sanni unter seinen Armen zuckte und sich ihm entwinden wollte. Noch enger presste er sie an seine Brust. "Deines Vaters Tochter bist Du," flüsterte er in Lauten von unheimlicher Zärtlichkeit, "Deines Vaters, an dem Du hangest in Liebe! Und einen weiß ich, der es Dir lohnen wird. Auf seine Hände wird er Dich nehmen, dass Du die Größe Deines Vaters siehst. Das Fürchten wird er aus Deiner Seele blasen, und Deine Angst wird sein wie Spreu im Wind. Mein Leiden sieht er, sein Blick ist Heilung und Kraft. Er ist der Gott, der Wunder tut. ihn sahen die Wasser und bebten. Fluten gossen die Wolken, vom Donner dröhnte die Luft und seine Pfeile flogen. Horch, mein Kind! Hörst du ihn? Seine Stimme redet wie Donner im Wirbelwind."

Unter Tränen schüttelte Sanni den Kopf und blickte traurig zu ihrem Vater auf, der lauschend ins Leere starrte.

Da huschte ein Klirren durch die Stube. Ein großer Nachtfalter war gegen eines der beleuchteten Fenster geflogen.

"Hörst Du ihn?", schrie der Bygotter. "Er pocht an bei mir mit seiner weiten Hand. Er will mich des Weges mahnen. Sein Wille ist geschehene Tat! Wie Wasser vom Stein rinnt, rinnt der Schmerz von mir. Sieh her, Susanna!" Mit zuckenden Händen riss er den feuchten Bund vom Kopf. "Wo siehst Du noch Blut und Wund an meinem Haupt? Er ist der Gott, der Wunder tut! Lobt ihn!"

"Vater, um Gottes willen!", schluchzte Sanni in Angst und Sorge.

Ihr Schluchzen verhallte unter dem Jauchzen des Bygotters: "Lobt ihn vom Himmel her, all seine Engel, all seine Heere! Lobt ihn, Sonne und Monde, alle leuchtenden Sterne! Er gebot und ihr wart geschaffen. Lobt ihn, von der Erde her, ihr Ungeheuer und alle Tiefen, Feuer und Schnee, Sturmwind, der seine Stimme trägt! Lobt ihn, Berge und Täler, Felsen und Gewässer, Bäume und liebliche Blumen! Lobt ihn, Tiere und alles Vieh, Gewürm und gefiederte Vögel! Lobt ihn, Könige und Völker, Jünglinge und Jungfrauen, Greise und Knaben! Lobt ihn, erhaben ist sein Name allein, seine Herrlichkeit über Erde und Himmel!"

Mit verzücktem Gesicht sank der Bygotter in die Kissen zurück. Wie Flammen brannten seine Augen, und es zitterte sein mächtiger Bart, während seine Lippen in Gemurmel sich bewegten.

Scheu blickte Sanni zu ihm auf; es berührte sie seltsam, als sie gewahrte, dass die Wunde an des Vaters Schläfe zu bluten aufgehört hatte. Während sie den Bund, den er noch immer festhielt, unter seinen Händen hervor nehmen wollte, zog er sich an ihren Armen in die Höhe. "Geh, Susanna! Geh zum Fenster! siehe, wie weit der Tag noch ist!"

Sie erhob sich, näherte sich dem Fenster und wischte den Taubehauch vom Glas. "Es muss bald tagen, Vater. Die Stern erlöschen schon."

Tief atmend streckte sich der Bygotter. Feierlich klang seine Stimme: "Hole mir Wasser, dass ich mich wasche!"

Sanni zögerte und wollte sprechen. Ihr Zögern schien den Vater in Zorn zu bringen. Heftig wiederholte er: "Bringe mir Wasser, dass ich mich reinige!"

Da nahm sie das Becken mit dem blutigen Wasser von der Erde und verließ die Stube. Müde trat sie ins Freie. auf dem Grund und über dem Wald lag noch die dunkle Nacht, während die Spitzen der Berge sich schon in mattem Grau vom Himmel abhoben, an dem nur einzelne Sterne noch gegen das bleiche Licht des nahenden Morgens kämpften. Leise wehend zog der herbstlich kühle Frühwind um das Haus. Über den Bach herüber, von den Waldgehängen des Sonnberges, hallte das dumpfe Röhren eines brünstigen Hirsches.

Ein Schauer flog über Sannis Schultern.

Nun stand sie am Brunnen. Im trog wusch sie das Becken rein und schob es unter den spärlich rinnenden Strahl. Während das Gefäß sich langsam füllte, schlang Sanni die Arme um den Brunnenstock und drückte die heiße Stirn in den kühlen Moosbehang. Sie war wie betäubt und hatte keinen Gedanken. Nicht nur in ihren Gliedern spürte sie die durchwachte Nacht; nach Aufregung, Angst und Sorge kam die Gedanken tötende Erschlaffung.

Das Becken war gefüllt. Sie nahm es und kehrte in das Haus zurück.

Als sie die Stube betrat, erschrak sie. Was der Vater sonst bei Aufgang der Sonne zu tun pflegte, schien er jetzt schon bei grauendem Morgen beginnen zu wollen. Er stand inmitten der Stube, hatte die weiße Leinenbinde um das Haupt gewulstet und trug jenes seltsame leinene Gewand, das Sanni vor Wochen nach seiner Angabe hatte fertigen müssen. Und hastig verbarg er irgend etwas hinter dem breiten Leinengurt, der um seine Hüften geschlungen war.

Sanni, als sie seine glühenden Wangen und seine brennenden Augen sah, wollte sprechen. Die Heftigkeit, mit der ihr der Vater befahl, das Becken unter seine Hände zu halten, erstickte jeden Laut in ihr.

Unter murmelnden Worten wusch er die Hände; dann musste sie das Gefäß auf die Erde stellen; er tauchte die nackten Füße in das Wasser. "Rein bin ich, Herr, und den Weg will ich gehen, den du gezeigt Deinem Knecht!", sprach er mit hallender Stimme vor sich hin. "Die Stunde ist gekommen, schon graut der Tag, es ist Zeit zum Werk." Seine hagere Gestalt schien zu wachsen, als er dem Tisch sich näherte. "Komm, Susanna! Dis sollst Du tragen!" Er nahm das Bündel Späne vom Tisch und band es auf Sannis Rücken. Das schwere Scheitholz schnürte er über die eigenen Schultern. Eine der zwei langen Kienholzfackeln schob er gleich einem langen Schwert hinter den Leinengurt, die andere nahm er in die Rechte und entzündete sie an dem flackernden Span, der den stillen Raum erleuchtete. Als die Fackel mit heller Flamme brannte, hieß er Sanni vorangehen in den Flur, schlich dem Ofen zu und riss die Leuchte aus der Klumse. "Alles! Alles, Herr! Mein Weib, mein Haus und mein Letztes!", raunte er mit grinsendem Lächeln vor sich hin und stieß das brennende Ende des Spanes zwischen die Kotze und das heu seines Bettes. Ein rasches Feuer, die krausen Härchen der wollenen Decke sengend, lief über die ganze Länge des Lagers. Ehe noch aus dem Heu die helle Flamme aufwärts leckte über die Wand, hatte der Bygotter schon den Flur betreten und die Tür hinter sich ins Schloss geworfen. Er fasste Sanni bei der Hand und zog sie über die Haustürschwelle. Während sie hinaustraten in den grauen Morgen, fiel es Sanni auf, dass der Vater vergessen hatte, was ihm sonst bei solchem Gang die Hauptsache war. Damit ihn diese Vergesslichkeit, wenn er sie wahrnähme, nicht erzürnen möchte, mahnte sie mit schüchterner Stimme: "Vater! Feuer hast Du und Holz, aber -"

Der Vater sagte: "Gedulde Dich, mein Kind, Gott wird sich sein Opfer ersehen!"

Sie schritten über den knirschenden Kies. An der Stelle, wo der schmale Sandweg sich nach dem steinernen Tisch abzweigte, zögerte Sanni.

"Komm, es dehnt sich der Weg!" Der Vater schloss seine Hand noch fester um ihre Finger.

So durchschritten sie das Tor und wanderten zwischen Birkenstauden dem Bach zu, den sie an seichter Stelle durchwateten. Dann ging es bergwärts durch den pfadlosen Fichtenwald. von der brennenden Fackel des Bygotters qualmte der Rauch und scheuchte die kleinen Vögel auf, die mit erschrockenem Pispern durch das wirre Netz der Zweige flatterten. Einmal flog ein Häher über den Weg und gackerte. Die Fackelflamme loderte im talwärts ziehenden Wind, und immer trüber wurde ihr rötliches Licht, je heller der Himmel durch die nickenden Zweige blickte.

Rastlos schritten die beiden bergan. Sanni atmete schwer; sie hatte nicht den Mut, den Vater um kurze Rast zu bitten; er schien es eilig zu haben.

Nun erreichten sie einen breiten Pfad, der in mäßiger Steigung zur Höhe führte. Ihm waren sie eine kurze Weile gefolgt, als der Bygotter den Schritt verhielt. Zorn und scheue Furcht sprachen aus den weit offenen Augen, mit denen er nach einer feuchten Stelle des Weges starrte, auf der sich die frische Spur eines genagelten Schuhes zeigte. Lauschend richtete er sich auf und schüttelte den Kopf, dass sein Bart in langer Welle schwankte. Sie stiegen weiter zur Höhe. Immer wieder zeigte sich jene Fährte. Je häufiger sie erschien, desto mehr überkam eine zitternde Unruhe den Bygotter. Nun blitzte eine wilde Freude aus seinen Augen; er hatte gewahrt, dass die Spur einen schmalen Steig folgte, der von dem breiten Weg seitwärts in den Hochwald führte.

Sanni war so erschöpft, dass sie auf einen Baumstock niedersank. Der Vater riss sie am Arm empor. "Komm! Des Herren Auge will erwachen."

Sie gelangten auf eine lichte Rodungsfläche und sahen ein Rudel Hochwild über Gestrüpp und dorrende Kräuter flüchten.

Eine kurze Strecke ging es noch durch stielen Lärchenwald.

Die Dämmerung hatte sich zu hellem Morgen gewandelt, als sie eine von welkem Gras übersponnene Kuppe erreichten, die zwei bewaldete Schluchten voneinander trennte und gegen die kahlen Wände des Sonnbergs hin mit niederen, brüchigen Abstürzen in ein weites, von wirren Steinblöcken überstreutes Felsenkar verlief.

Der Bygotter entzündete die zweite Fackel an dem niedergebrannten Stumpf und stieß sie aufrecht in eine morsche Stelle des Grundes. Dann warf er die Fichtenscheite von seinem Rücken und nahm die Späne von Sannis Schulter.

Atemlos, vor Erregung am ganzen Leib zitternd, kauerte sich Sanni auf den kalten Boden. Verloren schaute sie zum zerrissenen Grat des Sonnbergs auf, der schon in rötlichem Schein erglühte. Sie schaute in die weite Ferne, wo der Himmel mit lang gestreckten, in Farben leuchtenden Wolken überzogen war. Sie blickte nieder ins Tal, das noch im grauen Morgenschatten lag und von weißen Nebelstreifen übersponnen war, die in trägem Zug die winzigen Häuser des Dorfes enthüllten und wieder verbargen. Ihr Blick wanderte aufwärts über die tausend Wipfel und irrte über die zur Linken liegende Waldschlucht nach dem jenseitigen Gehäng, durch dessen Lärchen das steinbeschwerte Schindeldach einer Holzerhütte herüberschimmerte. Dann wieder folgte sie mit müdem Blick dem Vater, der aus dem Felsenkar mit keuchender Eile Steine um Steine schleppte, die er auf der Höhe der Kuppe zu einem breiten, ebenen Sockel aneinander reihte. Über diese Steine schichtete er im Geviert die schweren langen Fichtenscheite. Beinahe kindisch war die emsige Genauigkeit anzusehen, mit der er die in der Mitte gebrochenen Späne in die Lücken des Holzstoßes verteilte.

Da flutete eine warme Helle über den Grund. Hinter den fernen Bergen war die Sonne heraufgetaucht. In wirren Stößen wechselte der Wind; er trug den Glockenschlag der sechsten Stunde vom Tal herauf und machte die trüb qualmende Fackelflamme lodern und rauschen.

Fröstelnd, die Arme um die Knie geschlungen, saß Sanni auf der Erde. Traumverloren starrte sie in die Sonne. sie sah nicht, wie der Vater mit seinem seltsamen Werk zu Ende gedieh, ein Bündel Stricke vor den Holzstoß legte und ein großes, blitzendes Messer zur Bereitschaft in eines der obersten Scheite stieß. Sie fühlte nur plötzlich, dass er sie am Arm fasste und emporzog. Als sie zu ihm aufschaute, erschrak sie bis ins Herz vor seinem Gesicht, und da folgte sie ihm willenlos zur Höhe der Kuppe.

"Knie nieder, mein Kind! Ich will Dir sagen, wie Du beten sollst."

Zitternd tat sie, was er wollte, und sprach in stotternden Lauten seine Worte nach.

"Gott ist mein Hirt," so betete er mit heiserer Stimme vor, "auf grünem Anger lagert er mich und meine Seele erquickt er. Auch wenn ich wandle durch ein Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles. Denn Du, Herr, bist bei mir, ich stütze mich auf Deinen Stecken! Du rüstest mir ein Mahl, salbest mit öl mein Haupt, mein Becher fließt über -"

"Mein Becher fließt über!", stammelte Sanni. Bei diesen Worten glitt ihr Blick hinunter ins Tal, und entsetzen lähmte ihre Zunge, als sie an einer Stelle des ebenen Waldes schwarze, von roten Flammen durchzüngelte Rauchwolken in die Luft steigen sah.

"Und ich wohne in Deinem Hause immerdar!", betete der Bygotter.

Da raffte sich Sanni von der Erde auf, krampfte eine Hand in die Schulter des Vaters, streckte die andere gegen das Tal und kreischte in Angst: "Jesus Maria, Vater! Brennen tut's! Unser Haus brennt, unser Haus!" Sie wollte talwärts stürzen. Mit eisernem Griff fühlte sie sich von den Händen des Vaters gefangen.

"Lass brennen!", keuchte er. "Gott wird Deinem Vater Paläste bauen. Lass brennen! Nicht warten soll er! Gott sehnt sich seines Opfers."

Er griff nach ihrem Haar und riss ihr die Zöpfe nieder, dass sie aufschrie in Schmerz und Angst. Mit beiden Händen zerrte er das Mieder von ihrem Leib. Und da begann sie mit schlagenden Armen sich zu wehren und kreischte: "Um Herrgotts willen, Vater, lass mich doch gehn! Jesus Maria! Vater! Was tust Du denn?"

Er hörte ihr Flehen nicht. Gewaltsam sprengte er den Bund ihres Rockes, zerriss das Hemd an ihrem Hals und keuchte: "Es geschah nach diesen Dingen - dass mich der Herr versuchte - und er sprach: Nimm Dein Kind, Dein einziges, das du liebst - " Während sein glühender Blick über die nackte Schönheit seines Kindes irrte, wiederholte er mit röchelnder Stimme: "Das Du liebst! Und opfere mir Dein Kind auf einem Berg, den ich Dir sagen werde."

Da wich aus Sannis Armen die letzte Kraft; wie Erstarrung kam es über ihre Glieder; sie stierte in das grinsende Gesicht des Vaters, erkannte den Wahnsinn in seinen Augen und erkannte, dass sie verloren war. Unter gellendem Aufschrei schwanden ihr die Sinne.

Wie der Ton einer springenden Glocke zitterte dieser Schrei durch die Lüfte, weckte im Wald und an den kahlen Felswänden das Echo und drang über die schattige Schlucht bis vor das kleine hölzerne Haus, vor dessen offener Tür Karli stand, den Hut in der Hand, den Bergsack mit dem Wettermantel hinter den Schultern. Lauschend stand er. vor einer Weile schon meinte er Sannis Stimme gehört zu haben. Nun schlug der verhallene Schrei an sein Ohr. Er schleuderte den Hut ins Moos und sprang zwischen den Bäumen hin. Als er das Gehäng der Schlucht erreichte und den Ausblick nach der Sonnbergplatte gewann, bot sich seinen Augen ein Bild, das ihm einen Schauer über den Nacken jagte. Der Herzschlag stockte ihm; er stand einen Augenblick wie gelähmt; nun rannte er mit verzweifelten Sprüngen über den Hang der Schlucht hinunter; während er sich auf der anderen Seite aufwärts mühte, stammelte er mit blassen Lippen: "Heilige Mutter, ich tu Dich bitten, grad net z'spät kommen lass mich, grad net z'spät!"

Als der den waldigen Saum der Kuppe erreichte, wankten ihm vor Erschöpfung die Knie. Beim ersten Blick, mit dem er die Fackelflamme gewahrte, den Scheiterhaufen, und auf ihm die weißen, leblos scheinenden Körper, halb verdeckt durch die Gestalt des Bygotters, der zum Himmel starrte und in der Rechten das blitzende Messer hielt - bei diesem ersten Blick schon kehrten ihm die verlorenen Kräfte zurück. Er stürzte mit irrsinnigen Sprüngen den grasigen Hang empor. Unter seine Füßen bröckelte der Grund, Steine rieselten und rollten.

Das hörte der Bygotter nicht. Der hatte nur Ohr und Auge für den Himmel und rief mit Zorn in die Lüfte: "Herr! Was schweigt Deine Stimme? Siehe, ich stoße zu - ich stoße!"

Er griff mit der Linken in Sannis gelöste Haare. In seiner Rechten zuckte die blitzende Klinge. Ehe sie zum Stoß niederfahren konnte, spannten sich Karlis Hände mit eisernem Griff um den Arm des Bygotters. Dem sprangen die Finger auf, im bogen schwirrte das Messer über die Böschung der Kuppe hinaus. Ein Laut, wie das kurze heisere Brüllen eines rasenden Stieres. Ein starrer Blick noch, Aug in Auge. Dann lagen die beiden aneinander, Brust an Brust, mit den Armen sich umkrampfend. Kein Wort, kein Schrei, nur Keuchen und rasselnder Atem quoll aus ihren Kehlen. Sie schwankten im Ringen hin und her, ihre Füße wühlten sich in die morsche Erde. gegen die zähe Kraft des Wahnsinns kämpfte die doppelte Macht der Jungend und Liebe. Der Bygotter taumelte, Karli gewann den ersten Schritt. Dieser Vorteil befeuerte seine Kräfte; er gewann einen zweiten Schritt, einen dritten. In Verzweiflung kämpfte der Bygotter. Karli zerrte und drängte ihn Schritt um Schritt aus der Nähe des Holzstoßes, dem Absturz der Kuppe entgegen. Da wich der Grund unter den Füßen des Wahnsinnigen. Karli stieß die befreiten Fäuste gegen die Brust des Bygotters. Der taumelte, brach unter einem gurgelnden Wutschrei in die Knie und rollte, von Steinen umwirbelt, hinunter in die Felsmulde.

Karli, mit gestreckten Armen, eilte dem Scheiterhaufen zu. Während sein Blick über die schutzlose Schönheit des jungen Mädchenkörpers glitt, der in Ohnmacht auf den Scheiten lag, war die Freude stärker in ihm als aller Schreck. Unter frohem Auflachen riss er das Messer von der Hüfte und durchschnitt die Stricke, mit denen Sannis Hände und Füße gefesselt waren. Ihren Körper in den Wettermantel hüllend, hob er sie mit beiden Armen an seine Brust. Ihr blasses Gesicht schwankte über seine Schulter, und die gelösten Haare rieselten ihm bis zum Knie hinunter.

Da tauchte über den Rand der Kuppe das verzerrte, blutüberronnene Gesicht des Bygotters herauf. Getrieben von Entsetzen stürzte Karli mit seiner Last davon. Er gewann den Schatten der Bäume und die Tiefe der Waldschlucht. Bei dem Sprung, mit dem er über das Rinnsal des Baches setze, erwachte Sanni aus ihrer Ohnmacht. Starr blickte sie um sich her, schlang unter wimmerndem Laut die Arme um Karlis Hals, und wieder schwanden ihr die Sinne.

Karli wankte, immer schwerer wurde auf dem stielen Gehäng sein Schritt. Während tief aus dem Tal ein verworrener Lärm und die rasch aufeinander folgenden Schläge der Feuerglocke tönten, hörte Karli hinter sich das Brechen von Zweigen, das Knattern fallender Steine und das Keuchen des Verfolgers.

Schon meinte er, dass ihm kein anderer Ausweg bliebe, als seine Last auf die Erde zu legen und von neuem den Kampf mit dem Wahnsinnigen aufzunehmen. Da schollen von der Höhe des Waldes laute Rufe.

Ein erstickter Freudenschrei. Das mussten die Holzknechte sein, mit denen Götz um die sechste Morgenstunde das Treffen angesagt. Karli raffte seine schwindende Kraft zusammen und schrie mit gellender Stimme: "Mannerleut! Jesus Maria! Mannerleut!" Erschrockene Stimmen gaben Antwort, und unter den Bäumen tauchten drei stämmige, verwitterte Gestalten auf. Was ihre Augen gewahrten, verstanden sie nicht. Es genügte ihnen, dass sie den Sohn ihres Brotherrn verfolgt sahen. Als sie in der halb lächerlichen, halb grauenvollen Erscheinung, die über den Hang der Waldschlucht nieder stürmte, den Bygotter erkannten, warfen sie ihr Gerät beiseite und stürzten an Karli vorüber dem Verfolger entgegen.

Der Bygotter sah sie kommen, hielt inmitten des Hanges inne, ballte in Wut die dürren, blutigen Fäuste - und während Karli erschöpft mit seiner last die sichere Höhe gewann, flüchtete der Wahnsinnige in rasendem Lauf talwärts und verschwand hinter schlagenden Zweigen.

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