Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 9

An der Hochzeitstafel war die Ordnung wiederhergestellt. In das schnatternde Geplauder mischte sich das Klappern der Gläser und Teller.

Dem Pfarrer gegenüber, der still zwischen dem Brautpaar saß, hatte Karli seinen Platz erhalten. Er hob fast keinen Blick von seinem Teller. Um jedem Gespräch auszuweichen, nahm er zwei- und dreimal von jeder Schüssel und aß von jeder Speise so lang, bis die nächste an die Reihe kam. auf die sprudelnden Fragen des Vaters konnte er freilich nicht immer die Antwort schuldig bleiben. Der stieß vor jedem Trunk mit ihm an und tat, als hätte der festliche Tag nur den einen Zweck, seinen Buben zu ehren, und als während die fünfzig Gäste nur geladen, um Karlis Heimkehr mit ihm zu feiern. Er wurde ganz verdrießlich, als draußen die Musik begann und der Pfarrer sich erhob, um das Hochzeitspaar zum Ehrentanz in den Saal zu führen.

Auch Karli erhob sich, erleichtert aufatmend. es war ihm eine Wohltat, endlich von Kunis funkelndem Blick und ihrem steinernen Lächeln erlöst zu werden. Unter der Schar der anderen Gäste ließ er sich in den Tanzsaal drängen. Der Pointner mochte wohl seit langen Jahren kein Tänzchen mehr versucht haben; seine Füße waren der flinken Bewegung entwöhnt und gerieten immer wieder aus dem Takt. Dafür tat Kuni durch energische Führung das möglichste, damit ihr 'Ehrentanz' für die hundert neugierigen Augen nicht zu einem lächerlichen Schauspiel wurde.

Finster sah Karli zu. Als er gewahrte, dass dem Vater wirblig zumut wurde, näherte er sich rasch dem Paar, löste Kunis Hand von der Schulter des Vaters und tanzte mit ihr weiter, während der Pointern schnaubend an die Mauer taumelte.

Drei Runden tanzte Karli mit Kuni, dann stellte er sie an die Seite des Pfarrers, stieß mühsam ein 'Vergelt's Gott, Hochzeiterin!' hervor und schoss davon. Als er die Treppe erreichte, scholl ihm aus der unteren Wirtsstube lautes Gelächter, Zitherklang und eine jodelnde Stimme entgegen. Ein Bursch kam mit wieherndem Lachen aus der Stube, packte den jungen Pointner am Arm und schrie: "Jesses! Grad hat man gredt von Dir! Und wann jetzt dagwesen wärst, hättst lachen können! Weißt, der Maurer-Hansl hat a Liedl zum Besten geben, ja, vom haserl und der Feechin1. Geh, komm eini, Dir z'lieb muss er's noch amal singen!" karli wurde in die Wirtsstube gezogen, wo unter einer lachenden Gruppe von Burschen und Weibsleuten der Maurer-Hansl vor der Zither saß. "He, da schauts her, wen ich bring! Und mach weiter, Hansl, fang nur gleich wieder an, der Karli muss Dein Liedl hören!"

"Ah na, ich trau mich net!", lachte der Hansl, während er mit dem dicken Daumen über die Saiten strich.

"Därst Dich schon trauen! Der Karli is Dir net harb drum. Kannst es ihm am Gsicht ablesen, was ihm der heutige Tag für Freud macht. Geh weiter und sing!"

Während sich alle Gesichter in Neugier und Schmunzeln nach dem jungen Pointner wandten, ließ der Hansl die Saiten schwirren und sang mit näselnder Stimme:

"Z''naxt war ich beim Holzen,
Net lang noch is's gwe'n,
Hab a ganz an alts Haserl
Im Daxboschen gsehn.
Vor Kältn hat's gschnadert,
Kei' Sonn hat's derwarmt -
O mein Gott, wie hat mich
Dös Haserl derbarmt!"

Einer der Burschen ließ ein grölendes Lachen hören, die andern wiederholten in misstönigem Chor:

"O mein Gott, wie hat mich
Dös Haserl derbarmt!"

Lauernd schielte der Maurer-Hansl zu Karli auf, griff einen schnurrenden Akkord und sang:

"Z'naxt war ich beim Holzen,
Weiß nimmer, wann's war,
Hab a Feechin drauß gsehen,
Mit brandrote Haar,
Mit schneeweiße Prankerln
Mit eim sakrischen Gschau!
Mit eim bluhweißen Brüsterl,
Hab's gsehen ganz ganu!"

"Ah, den schau an! Ganz gnau hat er's gsehn!", kicherte ein Bursch, während die andern vor lachen kaum die Worte des Refrains zu wiederholen vermochten.

Karli trat mit blitzenden Augen dicht an den Tisch, als der Maurer-Hansl die dritte Strophe begann:

"Z'naxt war ich beim Holzen,
hab Schindelholz kliebt,
Da hat sich dös Haserl
In d' Feechin verliebt.
Und a Mannderl hat's gmacht,
Und a Hupferl a kloans,
Und hat - -"

Weiter kam der Hansl nicht. Karli hatte ihm die Zither unter den Händen fortgerissen. In der Stube wurde es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Und da beugte sich Karli über den Tisch und sprach dem Hansl mit Zorn bebender Stimme ins Gesicht: "Du! Solang ich noch zwei gsunde Fäust hab, lass ich kein' Spott auf 'n Vater kommen. Und was d' Hochzeiterin angeht? Von ehut an tragt s' meim Vatern sein' Nam. Für den steh ich ein! Und wann Du Dein saubers Liedl noch an einzigs Mal singst, nacher wachsen wir zamm, verstehst mich!"

Er richtete sich auf, warf einen funkelnden Blick über die verdutzten Gesichter, rückte den Hut und verließ die Stube. Unter der Haustür schüttelte er sich, als möchte er alles, was drückend auf ihm lag, gewaltsam von sich werfen. Mit einem Satz sprang er über die drei Stufen hinunter, huschte hinter das Haus, übersprang einen Zaun und eilte zum Binderholz.

Als er den Waldsaum erreichte, stieg er über den Straßengraben, schleuderte den Hut beiseite und warf sich ins Moos. Gleich richtete er sich halb wieder auf und lauschte gegen die Stelle, an der sich die Straße mit einer Biegung im Wald verlor. Nun vernahm er den Hall von Schritten und wollte flüchten. Nein! Dort kam einer gewandert, laut vor sich hin pfeifend, die eine Hand in der Hosentasche, die andere Hand am Stock, mit dem er über der Schulter ein dickes Bündel trug. Vor dem brauchte sich Karli nicht zu verstecken. Ein Fremder! Da hatte er keine Frage zu befürchten, vor der er die Fäuste hätte ballen müssen.

Seufzend warf sich Karli ins Moos zurück, verschlang die Hände hinter dem Nacken und schaute unter halb geschlossenen Lidern dem näher Kommenden entgegen, den man für einen wandernden Handwerksgesellen halten konnte. Aber sicher hatte nicht er dem Meister, sondern der Meister ihm gekündigt. So meinte Karli, auf den der Fremde einen unbehaglichen Eindruck machte. Eine schlanke Gestalt, die bei faulem Gang träg in sich versank. Das in halb städtischem, halb bäuerischem Schnitt aus schwarz und grün gewürfeltem Tuch gefertigte Gewand war zertragen und unsauber. Ein mürber, hellgrauer Filzhut saß schief über den schwarzen, glatt frisierten Haaren, die sich mit breiten Haken in die Schläfe des blassen, scharf geschnittenen Gesichtes krümmten. Der dünne, schwarze Schnurrbart war in steif gewichste Spitzen gezogen; Kinn und Wangen waren rasiert. An der rechten Seite des Halses zeigte sich eine schlecht verheilte Narbe, die sich unter dem weißen Papierkragen verlor. eine hellblaue Krawatte verdeckte nur halb die zerknüllten Brustfalten des unreinlichen Hemdes.

Als sich der Fremde näherte, drückte Karli die Augen zu; wenn er schlief, brauchte er nicht zu grüßen. Es schien auch, als wollte der Fremde vorübergehen; plötzlich verhielt er den Schritt, musterte den im Moos Liegenden mit einem stechenden Blick seiner grau schillernden Augen, übersteig den Straßengraben, puffte die Stiefelspitze an Karlis Sohle und sagte spöttisch: "Geh, Du, mach Deine Guckerln auf!"

Karli öffnete die Augen.

"Bin ich da recht am Weg ins Ort eini?"

"Natürlich, geht ja d' Straßen grad aus!"

"Und 's Wirtshaus? Is wohl net weit von der Straß?"

"Hart dabei. Wer Durst hat, verleidt kein Umweg."

"Wie schaut's denn da mit der Unterkunft aus?"

"Für unserein' tut's es. für noblige Leut wird's spuken."

"Und a saubere Kellnerin? Was?"

"Wann s' Ihnen gfallt! Ich hab s' noch nie drum angschaut."

"Geh!" Lächelnd kniff der Fremde die Augen ein. "Ich mein', ich sollt s' kennen, Euer Kellnerin. Sie is doch erst vor a paar Monat eingstanden? Neet?"

"Was? D' Walli? Die is schon vier Jahr beim Zeug."

Der Fremde zeigte ein verdutztes Gesicht. Eine Weile stand er schweigend; dann nickte er einen Gruß, sprang über den Straßengraben zurück, und während er weiter bummelte, murrte er vor sich hin: "Verflucht, da hab ich am End gar den Ludersweg umsonst gmacht!"

Je weiter er sich von Karli entfernte, desto rascher wurde sein Gang. Nach einer Viertelstunde erreichte er das Wirtshaus und schob sich in die Stube hinter einen Tisch. Als die Kellnerin den Krug brachte, winkte er gegen die zitternde, hallende Decke und fragte: "Wen graben s' denn da droben ein?"

Die Kellnerin kicherte. "Den alten Bauer auf der Point. Der heirat sei' junge Hauserin, die vor a paar Monat erst bei ihm eingstanden is. Mit der haben s' uns ebbes Saubers geschickt, d' Rosenheimer!"

Der Fremde sprang auf und klatschte unter wieherndem Gelächter die Hand auf den Tisch.

"Jesses, was haben S' denn?"

"Was ich hab? Den Bauer muss ich mir anschauen! Und die saubere Hochzeiterin!"

Er schob mit dem Ellbogen die Kellnerin aus dem Weg, sprang flink die Treppe hinauf und drängte sich in den Tanzsaal. Hier stand er in einer Gruppe von Burschen und spähte über das Gewirr der Tanzenden. Da zuckte es in Spott über sein Gesicht, und immer folgte sein lauernder Blick einem Paar. Jetzt trat dieses Paar aus der Reihe, und während sich der Tänzer mit den Fäusten den Schweiß von den Backen wischte, fuhr sich Kuni mit dem weißen Tuch über Stirn und Wangen. Sie wollte schon wieder zu tanzen beginnen, als sie über die Schulter eine spöttische Stimme hörte: "Grüß Dich Gott, Hochzeiterin!"

Erschrocken fuhr sie herum. Die glühende Röte ihres Gesichtes verwandelte sich in Blässe. Sie stand wie gelähmt, einen angstvollen Blick in den Augen.

"Grüß Dich Gott, hab ich gsagt!", wiederholte jene spottende Stimme. "Oder hat's Dir d' Red verschlagen? Gladen hast mich freilich net zu Deiner Hochzet. Aber ich trag Dir's net nach, ich bin a guter Kerl. Tag und Nacht bin ich glaufen, dass ich noch recht komm zu Deim Ehrentag. Da wirst mir doch an Tanz verlauben? Mir? Als Deiner nächsten Gfreundschaft?"

Kuni schwieg und übersah die Hand, die der Fremde ihr bot.

Lächelnd trat er an ihre Seite: "Oder meinst, es tät sich net schicken für Dich? Freilich hast bis heut den gleichen Namen tragen mit mir. Aber vielleicht bildst Dir ein, dass dei' Familli die besser is als die meinig?"

In scheuer Hast hob Kuni die Hand, als hätte sie diesen lauten Mund verschließen mögen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie sich in die Arme des Fremden gab, der sie hineinriss in das Gewühl der Tanzenden.

Im gleichen Augenblick schob sich der Pointner aus dem Nebensaal; sein Gesicht brannte und seien Stimme kreischte: "Karli! Bub! Wo is denn mein Karli? Hat denn niemand mein' Buben gsehen? Karli! Karli!"

Da konnte der Pointner lange rufen und suchen. Wenn er seinen Buben hätte finden wollen, hätte er einen andern Weg nehmen müssen, als vom Tanzsaal in das Nebenzimmer, von dort in die untere Wirtsstube und von der Stube wieder in den Tanzsaal. Er hätte hinauswandern müssen ins Binderholz, wo Karli im Wipfel einer Buche saß, die schon rote Blätter hatte.

Vielleicht ahnte der einsame Späher, dass er im Wirtshaus vermisst und gesucht wurde; seufzend warf er einen letzten Blick auf das öde Bygottergehöft, ließ sich nieder gleiten, eilte lautlos den hohen Zaun entlang und schlüpfte durch die Birkenbüsche, um den Fußweg zu gewinnen. Als er einer kleinen Lichtung nahe kam, über die der Pfad hinwegführte, blieb er lauschend stehen. Durch dünnes Buschwerk scholl ihm sachtes Plätschern und ein halblauter Gesang entgegen, dessen schwermütige Weise vor dem Gemurmel des Baches begleitet wurde. Heiße Röte schoss ihm in die Wangen; vorsichtig teilte er die Büsche; dann sprang er lachend dem Ufer zu.

Erschrocken fuhr Sanni auf, und die weiße Leinwand, die sie im rinnenden Wasser des Baches gespült hatte, fiel ihr aus den Händen. Ehe sie noch ein Wort herausbrachte, hatte Karli sie schon umschlungen. Unter Stammeln und Lachen überströmte er Sannis Mund mit Küssen. Regungslos, als wüsste sie nicht, wie ihr geschähe, ließ sie die stürmische Zärtlichkeit über sich ergehen. Nun hob sie selbst die Arme, schlug sie um den Buben und drängte sich an seien Brust, als wäre sie einsam in weiter Welt gestanden und hätte plötzlich ihre Heimat gefunden.

"Sannerl! Du Liebe! Jetzt kann meintwegen heiraten, wer mag! Weil nur wir zwei beinand sind!" Karli führte das Mädel zu einem halb von Gebüsch umwachsenen Steinblock und zog es an seine Seite. "Hast Dein Versprechen ghalten? Hast fleißig an mich denkt in die vier ewigen Wochen? So oft hast gwiss net an mich denkt, wie ich an Dich! Schau, wann ich 's Denken an Dich net ghabt hätt, ich hätt ja narrisch werden müssen in meiner Kümmernis. Aber was schaust denn so? Weißt denn net, was heut im Ort drin geschieht?"

Wie hätte Sanni das wissen können? Seit Karlis Abschied hatte sie keinen anderen Menschen gesehen als ihren Vater; seit Wochen war es heute zum ersten Mal, dass sie den Bereich des umzäunten Hofes überschritt.

Karli sagte ihr, was dieser Morgen über ihn gebracht hatte. Diese Nachricht schien auf Sanni nicht die niederschmetternde Wirkung zu üben, die Karli befürchtet haben mochte; als er sie an den ‚Bsuch' erinnerte, den sie vor Wochen an einem Fenster des Pointnerhofes gewahrt hatte, und als er nach Umschweifen damit herausplatzte, dass dieser ‚Bsuch' mit seinem Vater Hochzeit hielte, fand Sanni statt eines Jammerrufes nur ein freudiges "Gott sei Dank?"

Verdutzt guckte Karli drein. "Was? Gott sei Dank?"

"Dass derselbige Bsuch Deim Vater golten hat!" Weiter kam Sanni nicht; in Verwirrung drehte sie das Gesicht.

Nun verstand er und wurde ein bisschen verlegen. "Aber Schatzl! Wie hast denn da an Augenblick eifern können? Ich? Und so eine!"

"Sie hat so glanzige Augen ghabt!"

Karli drückte das Mädel glückselig an sich. "Ah na! Wer Dich hat, schaut sich auf nix anders nimmer um. Und weiter brauchst Dich net kümmern wegen der gspassigen Heirat da. Seit wir zwei mitanand auf gleich sind, kümmert mich gar nix mehr! Mag der Vater hausen mit seiner Bäuerin. Ich ahb zwei junge Arm, ich will mir schon a Heimatl schaffen für Dich und mich! Mein Muttergut kann mir der Vater net verwehren. Dös will er auch net. Heut in der Fruh erst hat er mir's gschworen, und unser Herrgott hört an jeden Schwur und straft an jeden, der brochen wird." Karli verstummte, erschrocken über die Wirkung seiner Worte.

Sanni war bleich geworden, ein Zittern befiel ihren Körper, angstvoll starrte sie ins Leere und schlug die Hände vor das Gesicht. "Er hört an jeden Schwur, und jeden straft er, der brochen wird! Und ich hab gschworen und -" Sie ließ die Hände sinken und sah mit nassen Augen zu Karli auf. "Ich kann nix dafür, ich hab net anders können, und es reut mich auch net, und wann ich's gleich büßen müsst an meim Leben."

"Aber Schatzl, Jesus Maria, was is denn?"

"Wie mir selbigsmal so an lieben Abschied gsagt hast, selbigs Mal in der Fruh, da is ebbes geschehen. Da muss meim Vater ebbes in Kopf einikommen sein, was Seltsames, ich weiß net, was. Und da hat er mich an der Hand in d' Stuben gführt, ganz zum Fürchten is er gwesen, und hat mich Sachen gfragt, dass ich ganz erschrocken bin. Und weil ich ihm nix anders hab sagen können, als dass ich brav gwesen bin mein Leben lang, da hat er aufgschnauft, und ghalst und druckt hat er mich, dass mir angst worden is. Und nacher hab ich bei Blut und Leben schwören müssen -"

"Was, Sanni, was hast schwören müssen?"

"Ich kann's net sagen, wie's der Vater gsagt hat. Weißt, er hat gmeint, es sollt für mich kein andres Mannsbild geben als wie der Herrgott und der Vater. An kein' dürft ich denken, mit keim sollt ich reden und kein' dürft ich gern haben."

"Da hört sich aber alles auf!", fiel Karli mit heißer Empörung ein. "So a Vater, der so ebbes von seiner Tochter verlangen kann! Und bei so einer Narretei soll unser Herrgott mithelfen? Ah na! Unsern Herrgott kenn ich besser. Wann sich Dein Vater gar so gut auskennt im Testament, da muss er wissen, dass unser Herrgott in seiner Gütigkeit gsagt hat: Liebet einander, und es is net gut, wann der Adam allein is!"

Aufatmend schmiegte sich Sanni an diesen zärtlichen Bibelkenner.

Karli predigte in glühendem Eifer: "Unser lieber Herrgott is gscheider als Dein Vater. Für so an unsinnigen Schwur, zu dem Dich Dein Vater zwungen hat, für so an Schwur hat unser Herrgott an Lacher! Bei so ebbes sagt man Ja, dass man vor der Narretei sein' Fried hat. Und weiter braucht man sich net dran z'halten. Dös sag ich, und wann's der Pfarrer hört. Und grad so sag ich's Deim Vater und geh auf der Stell zu ihm eini und sag's ihm schnurgrad ins Gsicht." Er schüttelte die Fäuste, als hätte er nichts Eiligeres im Sinn, als seine Worte zur Wahrheit zu machen.

Erschrocken zog ihn Sanni wieder auf den Stein zurück. "Jesus! Karli! Du kennst mein' Vater net! Und Gott sei Dank, heut is er net daheim! Am Sonnberg is er droben. Sonst hätt ich mich net wegtraut vom Haus. Aber mir is gwesen, als müsst ich wieder amal an andre Luft zum schnaufen kriegen als grad die unser."

"Hast schon recht! D' Viecher sperrt man hinter die Zäun, net die gwachsenen Leut. Aber der Sonnberg? Der ghört ja zu unserm Hof. Was tut denn Dein Vater da droben?"

"Ich kann mir's selber net denken. Er redt über seine Sachen nie mit mir. Aber oft schon is er draußen im Hof gstanden, und allweil hat er auffigschaut gegen d' Sonnbergplatten."

"Am End is er auffigstiegen, weil er meint, da droben redt er sich leichter mit seinem Herrgott. Kann sein, er zündt ihm wieder a Fuierl an?" Dazu lachte Karli. Dieses Lachen tat ihm leid, als er die Tränen sah, die aus Sannis verstörten Augen tröpfelten. Zärtlich drückte er das Mädel an seine Brust. "Geh, musst mir net harb sein, dass ich so dumm hab reden können! Mir is halt wieder eingfallen -" Und da erzählte er, wie er an jenem Morgen zum heimlichen Zeugen des seltsamen Opfers geworden.

In Kummer nickte Sanni vor sich hin: "Oft muss ich fürchten, als ob er nimmer ganz licht wär im Kopf. Aber d' Lieb redt mir's allweil wieder aus. Er schafft und hantiert, viel gscheider und anstelliger als hundert andere. Gahlings packt's ihn wieder, dass ich mir nimmer z'helfen weiß vor Ängsten. Im Zorn kann er sein, dass mir der Herzschlag völlig ausbleibt. Und net bloß im Zorn, grad so in seiner Lieb." Sie verstummte, und ein Schauer rüttelte ihre Schultern. - "Und da sollt's kein Helfen net geben?", grollte Karli, während er den Arm um Sannis Nacken schlang.

"Diemal redt er, dass ich kein Wörtl net versteh. Und 's andermal redt er wieder, dass ich glaub, dös hätt ich alles schon ghört, in der Schul oder in der Christenlehr. Ganze Täg und Nächt sitzt er über seine Bücher. In der Stuben tut er predigen für ihm selber. Wann ich's recht versteh, passt er auf die richtige Zeit, wo er alles in der Welt wieder so richten möchte, wie's um Abrahams Zeiten unter die Patriarchen gwesen is. Vom lieben Heiland und der heiligen Mutter därf ich kein Sterbenswörtl net sagen. Da kann er ganz ausanand kommen! Und auf die geistlichen Herrn hat er's abgsehen! Die heißt er ein' Baalspfaffen um den andern, dass ich mich heimlich oft kreuzigen tu."

"Wann da der Pfarr amal dahinter kommt, da kann's ebbes absetzen!"

"Und nie net därf ich mit ihm reden von überm Wasser drüben und von der Mutter selig. Ich möchte doch a bissl ebbes hören, wie's ihm in Amerika gangen hat. Aber wann ich mit ihm diskrieren möchte von der Mutter, da kann er ganz verblassen. Und wenn ich ihm zusprich, dass er 's Verdienen wieder anfangen müsst, da hat er gleich den leiben Herrgott in der Red, der d' Vogerln speist und die Blümln aufm Feld draußt gwanden tut. Allweil ärger wird's mit jedem Tag, allweil redt er von der ‚Erleuchtung' und von der ‚Vorbereitung zu Gottes Werk'. Und allweil sagt er ebbes von eim ‚Ausgang'. Was er meint, kann ich mir gar net denken. Ganze Täg lang tut er beten in seiner gspassigen Weis, und martern tut er sich und fasten, dass er ganz von die Kräften fallt."

"O mein Gott, Schatzl, da fehlt's aber weit!"

"Ja, gelt? Und am schwersten liegt's mir auf der Seel, dass mich der Vater mit Gwalt von meiner Christenpflicht abhalt. Es kann schon gar nimmer möglich sein, dass mich der liebe Herrgott noch a bissl gern hat!"

"Aber geh! Wen sollt er denn mögen, wann er Dich net mag? Du bist eine von dieselbigen, die unserm Herrgott sei' Sonntagsfreud ausmachen!" So tröstete Karli. Als ihm die Worte ausgingen, half er sich mit Küssen. Und plötzlich, wie beim Hall eines Schrittes, drehte er das Gesicht über die Schulter, sprang auf und riss das Mädel erbleichend an sich.

Hinter dem Stein, von Stauden halb verdeckt, stand der Bygotter. Sein Gesicht war grauenhaft verzerrt. Was aus seinen blutunterlaufenen Augen funkelte, war wie der Blick eines Raubtiers. Unter gurgelndem Laut schlug er die Büsche auseinander und stürzte mit erhobenen Fäusten auf Karli zu.

Sanni stieß einen gellenden Schrei aus und warf sich dem Vater entgegen. Karli riss sie an seine Seite zurück. "Sorg Dich net, Sanni! Ich fürcht mich net. Und sehen soll er's, Dein Vater, dass wir zamm ghören, ich und Du!"

Nun stand der Bygotter vor den beiden. Einen Augenblick schien es, als möchte er die erhobenen Fäuste niederschmettern auf das junge Paar. Dann ließ er die Arme sinken und stierte keuchend zu Boden, als könnte er den unerschrockenen Blick nicht ertragen, der ihm aus Karlis Augen entgegenblickte.

Aufatmend drückte Karli die Geliebte an sich. Sie wand sich aus seinen Armen und stammelte: "Vater!"

Der Bygotter richtete sich auf. Vor der unheimlichen Wildheit, die in seinen irrenden Augen flackerte, erloschen die Worte auf Sannis Lippen. Taumelnd trat er vor die Tochter hin; sich niederbeugend, raunte er mit zerdrückter Stimme seinem zitternden Kind zu: "Das Siegel der Vollendung warst Du mir, Deines Vaters Leben solltest Du sein und Deines Vaters Vernichtung willst Du werden. Tausend Wege sind, und einer nur ist Gottes Weg. Wähle zwischen Deinem Vater und diesem, der Deinen Sinn betört, auf dass Du buhlest mit ihm in Sünden!" Er drückte die Fäuste an seine Stirn und wankte in das Gebüsch, dessen Zweige hinter ihm zusammenschlugen.

Das junge Paar stand wie versteinert. Karli fand zuerst die Sprache. "Dös is ja die lichte Narretei! Sanni! Zu dem lass ich Dich nimmer! Komm, Sanni! Du gehst mit mir!"

Aus ihrer Betäubung erwachend, sah sie angstvoll zu ihm auf. "Er is mein Vater, Karli!"

"Und ich, Sanni? Was bin denn ich?"

Sie schlug die Arme um seinen Hals. "Mein alles bist mir! Aber -" Schluchzend riss sie sich von ihm los, raffte das Leinenzeug vom Ufer und floh davon wie ein gehetztes Reh.

Blass und zitternd erreichte sie das Zauntor des Gehöftes. Auf der Haustürschwelle kauerte der Vater, das Gesicht in die Hände vergraben. Als Sanni den Hof betrat, hob er den Kopf. Wilde Freude blitzte über sein Gesicht. Je näher ihm Sanni kam, desto härter wurden seine Züge wieder. Regungslos, mit lauerndem Blick, spähte er in ihre flehenden Augen, während sie vor ihm stand, keines Wortes mächtig. Er stellte keine Frage; schweigend wartete er, bis sie zu sprechen begann. Sie sagte ihm, es wäre nie der Gedanke in ihr gewesen, ihm das Herz zu betrüben, ihn zu hintergehen. Als er das Haus verlassen, hätte sie getan, wie er ihr befohlen: hätte seine leinenen Gewänder am Brunnen gewaschen. In dem moosigen Brunnenwasser hätte sie die Leinwand nicht rein und weiß bekommen. So wäre sie gegangen, um die Wäsche im Bach zu spülen. Da wäre plötzlich der Karli vor ihr gestanden. In ihrer Freude hätte sie vergessen, was sie dem Vater vor Wochen in die Hand gelobt. Zitternd verstummte sie. Immer noch schwieg der Bygotter. Da fing sie wieder zu sprechen an, unter Tränen. Alles sagte sie dem Vater, was sie ihm von Karli und von ihrem eigenen Herzen zu sagen wusste.

Der Bygotter erhob sich und winkte ihr, dass sie ihm folgen sollte. Er schritt ihr voran in die traurige Stube und trat auf den morschen Tisch zu. Hier lag ein großes Buch. Das schlug er auf. "Wenn Du die Wahrheit geredet hast, so lege Deine Hand auf Gottes Wort!"

Sie legte ihre Hand auf das Buch. "Dass ich d' Wahrheit gsagt hab, Vater!"

"Und dass Du mir nichts verschwiegen hast?"

"Dass ich nix verschwiegen hab!"

So beängstigend die finstere Starrheit des Vaters auf Sanni gewirkt hatte, ebenso beängstigend wirkte jetzt die unheimliche Freude, die aus seinen Augen brach. Er riss sie an sich und drückte sie an seine Brust, dass ihr der Atem fast verging. Er streichelte ihr mit zitternden Händen das Haar und bedeckte ihre Stirn mit Küssen. "Susanna, mein Kind! Mein Leben gibst Du mir wieder und die Hoffnung meiner Seele! Meines Ausgangs Schwelle bist Du, von reinem Holz und unbetreten! Die Leiter Jakobs bist Du mir, das Siegel der Vollendung! Meine Augen hatten wider Dich gezeugt, und Gott hat gezeugt für Dich. Seine Arme stehen Dir offen. Harren wird er und sitzen auf den Steinen des Weges, wenn Du mir vorangehst, auf dass ich ihn finde, der sich verschließt vor mir!" Wieder presste er sie an seine Brust, so wild, dass ihr unter stöhnendem Laut die Sinne vergingen.

Als sie wieder zum Bewusstsein erwachte, lag sie in ihrer Kammer auf dem Bett. Draußen in der Stube hörte sie den Schritt des Vaters, ein Poltern wie von fallenden Scheitern, ein Rascheln, als würden Späne auf die Dielen geworfen. In einem traumhaften Zustand lauschte sie den Geräuschen, die an ihr Ohr schlugen. Sie hörte eine Tür gehen, und es kam ihr vor, als verließe der Vater das Haus. Nun hörte sie seinen Schritt über den gepflasterten Vorplatz hallen, gegen den Kiesweg hinaus. Sie sprang vom Bett und fand die Tür verschlossen. Erschrocken starrte sie die Bretter an. Dann erwachte in ihr eine namenlose Angst. "Jesus Maria!", schrie sie und begann an der Tür zu rütteln. Unter ihrer schwachen Kraft zerbrach das vom Rost zerfressene Schloss. Aufatmend taumelte sie in die Stube. Auf dem Tisch sah sie zwei lange Kienholzfackeln und ein großes Bündel dünn gespaltener Späne neben schweren Fichtenscheiten liegen, die mit Stricken zu einem großen Pack verschnürt waren. Von ihrer ziellosen Angst getrieben, sprang sie in den Flur hinaus und fand auch die Haustür versperrt. Aber die Stubenfenster waren nicht vergittert! Sie riss von den Fenstern eines auf und sprang in den Hof. Zitternd lehnte sie sich an die von der sinkenden Sonne beschienene Mauer, drückte die Hände vor die Augen und wusste nicht, warum sie das alles getan hatte. Weshalb diese namenlose Angst in ihr? Da fiel ihr verstörter Blick auf das offene Zauntor. Sie sprang hinüber, trat unter die rauschenden Bäume hinaus und rief in die Dämmerung des Waldes: "Vater! Vater!"

Der Bygotter war schon weit von seinem Gehöft entfernt, hatte die Straße schon erreicht und wanderte dem Dorf entgegen. Die Flügel seines Rockes flatterten hinter ihm her; der graue mächtige Bart wehte über seine Schultern; unter seinen Schritten dampfte der Staub und legte sich weiß in die Runzeln der hoch schäftigen Stiefel. Seine Augen starrten mit irrem Geflacker ins Leere. Er sah nicht die Schönheit des Abends, dessen glühender Himmel die herbstliche Landschaft mit zauberhaftem Schimmer übergoss. Als er das Dorf erreichte, sah er nicht, wie die Leute aus den Türen sprangen, ihm nachdeuteten und lachend zueinander traten. Vor einem Haus hielt er an. Vor dem Kramladen des Dorfes. Der alte Krämer riss die Augen auf, als er hörte, was der Bygotter von ihm zu kaufen wünschte: Ein Messer, wie es die Schlächter führen, mit langem und breitem Stahl, scharf geschliffen, noch unbenützt. Kopfschüttelnd legte ihm der Krämer die Klinge vor. Mit funkelnden Augen betrachtete der Bygotter das Messer und prüfte die Schärfe des blitzenden Stahls an seinem Daumennagel. Was es kosten sollte? Zwei Mark und achtzig Pfennige; das wäre geschenkt, meinte der Krämer; nur aus alter Freundschaft könnte er das Messer zu diesem Preis lassen. Der Bygotter nickte, stieß das Messer in die lederne Scheide und schob es hinter den hohen Schaft des linken Stiefels. Dann sagte er, dass er nicht bezahlen könne; er wolle tauschen: Gold für Eisen. Dabei griff er in die Tasche und legte einen kleinen goldenen Reif auf den Ladentisch: Den Ehering seines Weibes. Der Krämer machte verdutzte Augen, war aber mit dem Tausch zufrieden. Das konnte er dem Bygotter nicht mehr sagen. Der hatte den Laden schon verlassen. Auf der Straße blieb er wie angewurzelt stehen. Meckernde Klarinettentöne und schmetternde Trompetenklänge schollen ihm entgegen.

Dem Pointner und seiner jungen Bäuerin wurde heimgeblasen. Der Zug füllte die ganze Straße. Voraus die Musikanten. Hinter ihnen der Hochzeitlader zwischen den Brautleuten; während Kuni frei an seiner Seite schritt, mit blassem Gesicht und gesenkten Augen, hatte der Hochzeitlader schwere Mühe, den taumelnden Pointner vorwärts zu bringen. Den dreien folgte ein einzelner Hochzeitsgast, die Zigarre schief im Mund, die beiden Hände in den Taschen der schwarz und grün karierten Jacke. Dann kam die lange Paarreihe der Mahlgäste, unter ihnen Karli, finster zu Boden starrend, Martl, Zenz und Stoffel mit lachenden Gesichtern. Ein Trupp johlender Burschen und schwatzender Weibsleute hatte sich dem Zug angeschlossen.

Näher und näher kam dieser Zug, und immer stand der Bygotter auf der gleichen Stelle. Aus seinen Augen sprühte wilder Zorn; an Stirn und Schläfen schwollen ihm die Adern. Jetzt hob er die Arme. Die Worte, mit denen er diese Gebärde begleitete, erstickten unter den Schmetterklängen der Trompeten.

Nun standen die Musikanten vor dem Bygotter; der Zug staute sich; die Leute reckten die Hälse und traten aus der Reihe. Da schien es, als möchten die Musikanten die Klügeren spielen; weil der Bygotter nicht zur Seite wich, schwenkten sie um ihn herum. Einen der Bläser schien aber doch die Neugier zu packen; er setzte die Trompete ab und schaute lachend zurück; ein anderer tat's ihm nach, die übrigen gerieten aus dem Takt; nach einem kurzen Tongewirr verstummte die Musik, und das Gelächter wurde hörbar, mit dem es durch die Reihen kreischte: "Der Bygotter, schauts her, der Knotzensepp!" Im Nu hatte eine lachende Schar den Bygotter umringt, dessen zornig rollende Stimme alles andere Geschrei übertönte: "Feste feiern sie, den Bauch füllen sie mit Fraß und Jauche. Mit Pauken und Zinken tanzen sie die Straße des Lasters und der Sünde, statt dass sie wandeln den Weg des Herrn in Sack und Asche. Aber kommen wird ein Tag, nahe ist er und eilt schon herbei! Ein Tag des Grimmes ist selbiger Tag, ein Tag der Vernichtung, ein Tag der Finsternis, ein Tag der Drangsal und Angst!"

"Miau, ouih, au, oooh!" So klang es mit Winseln und Gelächter von allen Seiten, während man den Hochzeitlader die Musikanten anschreien hörte: "Malefiz noch amal! Spielen, sag ich, und weiter! Wie könnts enk denn aufhalten lassen von dem alten Narren, dass mir der ganze Zug auseinand kommt!"

Dem Pointner schien diese Anordnung nicht zu taugen. "Nix da, blieben wird!", lallte er. "Ich möchte ebbes hören. Wann ich gleich an Rausch hab, ich bin der Hochzeiter!"

Dazu grollte die Stimme des Bygotters: "Das Unheil und die Rache seht ihr schwellen über Eurem Haupt, und nichts tut ihr, sie abzuwenden. Ihr zieht Euch die Strafe her an Stricken des Lasters, und an Wagenseilen den Sündenlohn. Das Rind kennt seinen Hüter und der Esel die Krippe seines Herrn. Ihr aber kennt nicht den Gott, von dem ihr ausgegangen. Ein Volk Gomorras seid ihr! Von Euren Köpfen bis zu Euren Füßen ist an Euch nichts Reines und Gesundes. Die sich Männer heißen, mästen sich vom Raub der Armen, der in ihren Häusern ist. Stolz dünkt ihr Euch, und Helden meint Ihr zu sein! Ja, Helden seid Ihr im Schlemmen und Völlern! Und hoffärtig sind Eure Weiber und Töchter. Sie gehen einher mit gerecktem Hals, frech die Augen werfend und klirrend mit silbernen Ketten, die Haare duftend von Öl. Aber ein Tag wird kommen, und statt des Wohlgeruchs wird Moder sein, Verwesung statt schwellenden Fleisches, und statt der duftenden Haare wird Glatze sein!"

Über das Johlen und Lachen, das die Reden des Bygotters begleitete, hob sich eine schrille Mädchenstimme: "Buben! Ös wollts Buben sein und lassts auf enkere Madln söllene Sachen sagen! Pfui Teufel! Von mir aus könnts heut Nacht mit die Besenstiel tanzen! Was a richtigs Madl is, halt's mit mir!" Aus der Schar der Weibsleute kam die Zustimmung: "Ja! Ja! Ös seids Buben! Schöne Buben!" Einer der Burschen lachte: "Recht hat d'Wabi, ganz recht!" Eine andere Stimme schrie: "Werfts ihn eini in Straßengraben!" Und eine dritte rief: "Hauts ihn durch, dass ihm d' Heiligkeit zu blaue Fleck auswachst!"

Der Bygotter streckte die Arme und donnerte in die Lüfte: "Ihr Schmähen hörst Du, Gott, und ihre Anschläge wider mich! Zahl ihnen Vergeltung nach ihrem Tun und Reden! Dein Fluch komme über sie! Verfolge sie im Zorn! Tilge sie hinweg!"

"Tilgen? Was? Tilgen? Wart, Dir will ich tilgen!", kreischte der Maurer-Hansl, stürzte auf den Bygotter zu und packte ihn an der Brust. Ein wilder Tumult erhob sich. Während die Besonnenen, unter ihnen Karli vergebens zu wehren suchten, regnete es Faustschläge über Kopf und Schultern des Bygotters.

Der rührte keinen Arm zur Abwehr. Mit jauchzender Stimme schrie er zum Himmel: "Sieh, Herr, Deinen Knecht sieh an, was er duldet um Deines Namens willen! Meinen Rücken gab ich den Stoßenden und meine Wange den Schlagenden. Mein Antlitz biet ich der Schmach und dem Speichel! Sieh, Herr, Deinen Knecht sieh an!"

Da hatte sich Karli durch den Knäuel der Raufenden Bahn gebrochen. Unter zornigen Worten schlug er die Arme nieder, die den Propheten gefesselt hielten, und stieß ihn gegen die freie Straße. Unter der Wucht des erlösenden Stoßes taumelte der Bygotter bis an den Zaun des nächsten Gehöftes. Er raffte sich auf, riss am Hals das Hemd entzwei und schrie: "Hier! Seht! Meine nackende Brust! Ich fürchte nicht Eure Fäuste. Nahe ist, der mir Recht schafft. Mit ihm zusammen will ich auftreten. Wer ist mein Gegner, er nahe sich mir! Siehe, sie alle, wie morsche Rinde zerfallen sie, und ihr Staub zergeht im fließenden Wa -" Das Wort erlosch ihm auf der Zunge, und während rinnendes Blut seine linke Backe färbte, stürzte er mit dumpfem Schlag zu Boden.

Über die Köpfe der Burschen hinweg hatte von irgendwo ein Stein die Schläfe des Bygotters getroffen.

Karli eilte auf den Ohnmächtigen zu. Wirres Geschrei erhob sich. Keiner wollte wissen, wer den Stein geworfen, keiner wollte es getan haben. In dieses Schreien und Schelten schmetterten die Trompeten der Musikanten hinein, die der Hochzeitlader endlich zu Paaren gebracht. Energisch fasste er den Pointner unter dem Arm und zerrte ihn an Kunis Seite. Den dreien folgten die vielen, die jetzt nicht mehr ‚dabei sein' wollten, und so ging es vorwärts unter lustigen Klängen, bis der Pointnerhof erreicht war. Hier ersparte der Hochzeitlader dem neu vermählten Paar den üblichen ‚Zuspruch'. Er schob den lallenden Pointner über die Hausschwelle bis unter die offene Stubentür. Dann warf er ihn in Kunis Arme, rückte den Hut und kehrte schnaufend in den Hof zurück, um die Musikanten zum Wirtshaus zu führen.

Während sich unter einem fidelen Marsch der Hof entleerte, zog Kuni in der dämmerigen Stube den schwankenden Pointner gegen die Kammertür. Der wollte nicht folgen; mit Gewalt suchte er sich loszureißen und lallte mit schwerer Zunge: "Na! Net! Ich mag net! Den Karli möcht ich haben, mein' Buben! Kreuz Teufel noch amal, ich lass ihn net draußen unter dene Wildling. Dass ihm ebbes gschieht! Söllene Räuber und Mörder! Spitzbuben! Halunken! Mordbrenner! Mein' Buben will ich haben!"

Kuni stieß ihn mit zorniger Faust in die Kammer und warf die Türe zu. Schwer atmend stand sie und presste die Hände an die Stirn. Eine Weile noch hörte sie den Pointner in seiner Kammer rumoren. Dann wurde es still da drinnen. Kuni fiel auf die Holzbank hin und warf sich über den Tisch. Das Gesicht in die Arme grabend, brach sie in Schluchzen aus.

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1 Füchsin ^

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