Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 8

Seit drei Tagen war Karli beim Regiment. Der angestrengte Dienst gestattete ihm nicht, sich allzu viel mit den Angelegenheiten zu beschäftigen, die er daheim verlassen hatte. Das alles ging ihm freilich keinen Augenblick aus dem Kopf; aber es lag wie eine Betäubung über ihm, die sich nur löste, wenn er an Sanni dachte, um dann einem hoffnungslosen Kummer Platz zu machen. Sobald ihm aber seine Zukunft so schwarz erschien, dass er sie schwärzer nicht mehr malen konnte, kam auch immer wieder in ihm zum Durchbruch, was er von der leichtlebigen Natur des Vaters geerbt hatte. Dann war er geneigt, alles, was er mit wachen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hatte, für einen bösen Traum zu halten, aus dem er jäh zu glückseligen Behagen erwachen musste. Und da konnte er sich was anderes gar nicht vorstellen, als dass er nach seiner Rückkehr von den Manövern im Pointnerhof alles so finden würde, wie es seinen Wünschen am besten taugte. War aber seine steigende Hoffnung auf solcher Höhe angelangt, dann kam der Rückschlag, unter dessen Wirkung ihm wieder schwarz vor den Augen wurde.

Am vierten Tag, vor dem Abmarsch ins Lager, hatte er dienstfreien Nachmittag. Und als er da, nach der Mittagsstunde, müde auf seiner Pritsche lag, wurde es ein wenig heller in seinem Kopf. Er begann sich zu sagen, dass ihm aller Zorn und Kummer keinen Nutzen brächte. Irgend etwas musste unternommen werden. Aber was? Karli vergrübelte eine Stunde, bis ihm einfiel, dass er an den Vater schreiben und ihm in Güte vorstellen könnte, was eben dem Pointner 'verstandsamer Weise' vorzuhalten war.

Er sprang von der Pritsche und setzte sich zum Schreiben ans Fenster. Das Datum schrieb er dich an den oberen Rand des Bogens, mit winzigen Buchstaben. Ihm war das Herz so voll, und das alles musste jetzt heraus und auf das Papier hin. Da hieß es sparen mit dem Platz. Dann kam die Überschrift, mit einem schönen Schnörkel um das Ganze: "Mein liber Vatter!"

Weiter kam er nicht; der Schweiß brach ihm aus allen Poren; vor Aufregung zitterten seien Hände; mit knirschenden Zähnen zerkaute er die Spitze des Federstiels, fuhr in die Tinte, bekleckste das Fenstergesims und seine Finger. Weiter kam er nicht.

Es war aber auch ein waghalsiges Unterfangen, schreiben zu wollen bei dem Spektakel, der hinter seinem Rücken tobte. Die Kameraden putzten sich für den Ausgang und genossen das Vorgefühl der kommenden Nachmittagsfreuden. Von dem Schabernack, den sie trieben, bekam auch Karli sein Teil zu kosten. Als er zornig wurde, lachten die andern vor Vergnügen. Dann wollten sie wissen, was er denn so Wichtiges zu schreiben hätte; ob er um ein 'Busserl' ans 'Schatzerl', oder um eine 'Rauchwurst' schriebe. Schließlich zogen sie ihm die Feder aus den scheckigen Fingern, rissen ihm das Papier unter den Händen fort, und da half ihm kein Sträuben, er musste seine gute Montur aus der Truhe holen, und dann ging's hinaus zum Tempel, geraden Weges zum 'Schimmelwirtsgarten', wo die Blechmusik unter grünen Bäumen schmetterte und das Hofbräu schäumte in steinernen Krügen.

Karli saß da wie ein 'angmalter Türk' inmitten der lustigen Schar. Als aber das Gespräch aufs 'Dahoam' kam und jeder mit leuchtenden Augen von seinem 'Ort' erzählte, begann er doch die Ohren zu spitzen. Er sah es nicht als einen Zufall, sondern als eine offenkundige Fügung Gottes an, dass einer der Kameraden in Rosenheim zu Hause war, ein anderer im Oberisartal, in Kunis Heimat.

Der Kamerad aus dem Oberisartal kannte die Kuni, obwohl er sie seit Jahren, seit dem Begräbnis ihrer Mutter nicht mehr gesehen hatte. Das wäre eine saubere, stattliche Frau gewesen, die 'Bachwirtin'; nur hätte sie 'allweil so viel traurig' in die Welt geschaut. Alle Leute wären ihr gut gewesen und hätten ihr schließlich das Sterben wie eine Erlösung vergönnt; bei ihrem Mann, der eine Berühmtheit als der größte Grobian des Tales genossen, hätte sie es nicht zum Besten gehabt; von dem hätte sie mehr Schimpfnamen als gute Worte, mehr Schläge als gute Bissen bekommen. Die erste Frau war ihm plötzlich weggestorben, und da hatte er sich seiner Wirtschaft und seiner zwei kleinen Buben willen zu einer neuen Heirat entschließen müssen. Im ganzen Umkreis des Tales hatte er keine gefunden, die es mit ihm hätte wagen mögen. Da war er einmal für einige Wochen verschwunden und hatte zur Überraschung des Dorfes eine bildsaubere, blutjunge Frau von irgendwo mit nach Hause gebracht. Fleißig hatte die junge Bachwirtin zugegriffen, hatte die verlotterte Wirtschaft 'auf den Glanz' wiederhergerichtet und hatte durch ihr stilles, freundliches Wesen viele Gäste in ihre Schenkstube gezogen. Ein paar Monate war die Sache gut gegangen. Als aber der Bachwirt etwas von dem verschwiegenen Heiratsgut zu merken begann, das ihm die junge Frau unter dem Herzen mit inn die Ehe gebracht, da nahm's mit dem Frieden ein jähes Ende. Von dem Tag, an dem die Bachwirtin der Kuni das Leben schenkte, hatte sie keine gute Stunde mehr, ausgenommen ihre letzte. Und von der Art, wie der Bachwirt mit der Mutter umsprang, lernten es die beiden Buben, ihre jungen Fäuste auf Kunis Rücken zu üben. Man kannte sie im Dorf nur unter dem Namen: 'das Prügeldeandl'. Bei solchem Leben war es völlig zu verwundern, dass nicht ein Krüppel aus ihr wurde, sondern eine saubere, musper gewachsene Person. Sie war noch nicht siebzehn Jahre alt, da fingen schon die Burschen an, ihr nachzusteigen. Wenn einer mit einem Antrag herausrückte, lachte sie ihm ins Gesicht, huschte in die Küche und tätschelte ihrer Mutter die eingefallenen Wangen. Jeder Korb, den sie austeilte, trug ihr ein Dank von sechs groben Fäusten ein; der Bachwirt und seine Buben hätten es gern gesehen, wenn ihre Tischrunde um einen hungrigen Magen ärmer geworden wäre. So arg sie es aber auch trieben, es gelang ihnen nicht, ihr das Bleiben bei der Mutter zu verleiden. Nach Kunis Meinung schien die Welt nur von zwei Menschen bewohnt: Von der Mutter und von ihr. Diese Dinge spielten sich fort, bis die Bachwirtin zu kränkeln begann. Der Doktor vermochte ein bestimmtes Leiden nicht zu erkennen, doch die Sache wurde immer schlimmer. Tag und Nacht wich Kuni nicht von dem Bett der Mutter. Als die Bachwirtin trotz dieser aufopfernden Pflege eines Tages die Augen schloss, um sie nie wieder aufzumachen, gebärdete sich Kuni wie eine Verrückte. Man musste sie, als der Sarg gebracht wurde, mit Gewalt von der Leiche reißen. Zwei Tage später, als man die Bachwirtin zur ewigen Ruhe trug, schien Kunis Schmerz sich ausgetobt zu haben.

"'s Madl is dagstanden, wie von Stein auf und auf!", erzählte der Oberisartaler. "Kein' Greiner hast ghört von ihr, die Zähn hat s' überanand bissen, gradauf in d' Höh hat s' allweil gschaut, und kein Zahrl is in ihre Augen gwesen. Bei der Totenmess, da hat man s' noch gsehn, ganz z'hinterst in der Kirch. Wie aber nach der Mess der Bachwirt mit die Klagleut heimgangen is zum Schmaus, da war die Kuni nimmer da. Und seit der Zeit hat sich 's mdl daheim im Ort nimmer anschauen lassen. Erst zwei Jahr darnach, wie der Schnaps übern Bachwirt Herr worden is, und wie man d' Hinterlassenschaft ausgschrieben hat, is a Brief von der Kuni kommen. Auf alles tät s' verzichten, hat s' gschrieben. Und 's ganze Dorf hat sich krank glacht über den Brief, bloß die zwei Bachwirtbuben haben a Wut ghabt, das ihnen d' Haar aufgstiegen sind, so spöttisch hat er sich glesen! Ja, und der Brief ist aus Rosenheim gwesen."

"Was? Was is?", mischte sich der Rosenheimer ins Gespräch, als er seine Heimat nennen hörte.

"Von eim Madl is d' Red, Kuni Rauchenberger heißt's."

"Kuni Rauchenberger? So eine von der mittlern Größ, net? Schön mollet beim Zeug, a mudelsaubers Gsicht, kohlschwarze Augen und a bissl fuchsige Haar? Hab ich recht? No also! Dö is beim Bräu in Rosenheim Kellnerin gwesen."

"Was? Kellnerin?", fuhr Karli auf.

"Ja! Dö hat ihr Gschäft verstanden, wie wann s' mit'm weißen Schurz auf d' Welt kommen wär. Ja! Beim Bräu is d' Stuben allweil voller Leut gwesen, da hat er a guts oder a schlechts Bier haben dürfen. Die Kuni hat allweil zogen, besonders, wann s' grad beim richtigen Hamur war. Aber oft hat s' ihre Täg ghabt, wo kein Wörtl net aussibracht hast aus ihr, und wo s' an jeden nur so angschaut hat über d'Achsel. Aber grad so was hat bei die Leut verschlagen. Es hat sich schier a jeder verschaut in ihre Teufelsaugen. Ich selber bin so dumm gwesen. Aber für an jeden hat s' den gleichen, spöttischen Lacher ghabt."

"Geh? Als Kellnerin? So ebbes is a bissl hart zum Glauben?", fragte Karli in Spannung.

"No, weißt, einer is schon allweil zukehrt in der letzten Zeit, so a Schlari, so a gspassiger, mit dem man 's Madl zammgredt hat. Aber es kann nix dahinter gwesen sein. Vor der ganzen Stuben voll Leut hat's dem Kerl amal eine abigfuiert übers Gsicht, und hinther hat's gheißen, es wär ihr Bruder gwesen. Und d' Stadtleut erst! Die hat's Dir weiters net anlaufen lassen! Und doch is keiner davonblieben, weil s' ihr Gaudi ghabt haben an ihre gschnappigen Reden. Und der Bräumeister, natürlich, der hat glacht, was er lachen hat können. Dem hat's am besten taugt. Dafür hat er auch d' Händ überm Kopf zamm gschlagen, wie 's Madl im letzten Herbst amal über Nacht auf und davon is, und wie nach a paar Wochen d' Fliegen in jener Wirtsstub die einzigen Zehrgäst gwesen sind. No, und d' Leut haben a Zeitl gredt. Nacher hat kein Mensch mehr 'ans Madl denkt. Und da kannst Dir fürstellen, was man für Augen gmacht hat, wie 's Madel heuer im Fruhjahr über Nacht auf amal wieder da war. Der Bräu, natürlich, der hat's aufgnommen mit offene Arm. Es is auch die alte Gaudi gleich wieder angangen. Aber ich weiß net, der richtige Zug is nimmer drin gwesen. Mir scheint, sie hat die alte Freud nimmer ghabt zu ihrem Gschäft. A paar Monat hat sie sich ghalten, nacher hat s' wieder aufkündt. Es heißt, sie wär ins Reichenhallerische ummi. Wer weiß, leicht hat sie sich gärgert über d' Leut. Sie wird halt ebbes von dem Gred erfahren haben, dös selbigs Mal im Ort umgangen is. No ja, wie d' Leut halt reden! Aber ich glaub's net. Wann ich mir denken will -"

Was sich der Rosenheimer denken wollte, sollte Karli nicht mehr erfahren. Die Blechmusik stimmte mit schmetternden Klängen eine Münchener Volksweise an, und dazu erhob sich ein johlender Gesang:

'So lang der alte Peter,
Der Petersturm noch steht,
So lang die grüne Isar
Durch d' Münchnerstadt noch geht -.

Säbelgerassel, lautes Klappern der zinnernen Krugdeckel und taktmäßige Stockschläge begleiteten diesen Gesang.

Einer von den wenigen Gästen im Schimmelwirtsgarten, die bei diesem Gesang nicht mittaten, war Karli. Er saß mit aufgestützten Armen und guckte in seinen Krug. Dann erhob er sich, um ohne Abschied von seinen Kameraden davonzuschleichen.

Jetzt wusste er, was er dem Vater schreiben musste. Mit glühendem Kopf erreichte er die Kaserne. Er warf Mütze und Waffenrock beiseite, suchte den angefangenen Brief hervor und setzte sich wieder ans Fenster.

"Mein liber Vatter!" Das sagte er nur. Geschrieben war es schon.

Erst ging es langsam vorwärts. Doch immer rascher kritzelte seine Feder über das von den Händen der Kameraden beschmutzte und zerknitterte Blatt. Zuerst verallgemeinerte er den Fall und stellte den Vater in herzlichen Worten vor, was eine Heirat in seinen Jahren zu bedeuten hätte. Nun gar eine Heirat mit einer 'Bersohn', die den Jahren nach seine Tochter sein könnte! Und was die Leute dazu sagen, die bisher von der 'Hochehrensamkeit' des Pointnerhofes den Hut bis auf die Erde gezogen? Und gar nicht zu reden davon, was er mit dieser Heirat einem Gewissen zufüge, der freilich mit seinen 'hitzigen Händen' Das Recht zum Reden verspielt hätte - "aber doch, das es mir Mein liben Vatter verzeichn würd, weil ich mir allweil noch bihaupten trau, das es mein liben Vatter auch nich anders ankommen wär, wenn ihm der libe Ahnl selig auch so gmacht hätt, und nur so für die Tir hinsetzen und ein Tritt und zuschlagen, wo ein drinnen sliebe Mutterl Selig in schmerzen gebohren hat."

Während er diese Worte schrieb, fiel ihm eine Träne auf das Blatt; er suchte sie mit dem Handballen fortzuwischen und verlöschte dabei die nasse Schrift. Seufzend fuhr er sich mit dem Ärmel über die schweiß betropfte Stirn, schluckte ein paar Mal, trocknete die Augen und kritzelte mit zitternden Fingern weiter. "Und überhaupts, wenn Mein liber Vatter leicht glaubt, das ich soh bin und von Heiratn überhaupts nich Wissen wil, wenns eine von Ort is und wo zu Mein liben Vatter bassen tut und man eine Achtung haben kan. Aber dass is was ahnders, weil es mir mein liben Vatter zlib schier das Herz Abdruckt wenn man sicht, das es Soh Eine is eine solchene. Wo man in Schimmelwirt beim Bier davon Reden hert was dass für eine is. Einmal schon di Familli wo man sich schamen muss, wenn man mit ihnen beinander kommt, wo sich der Vatter in Schnaps versoffen hat, und die miserablichten Brüder wo ihre Stifmutter schier Umbracht haben und die Schwester nich viel mehr. Dann auch will die Kuni iberhaupts kein erlichen Namen nicht hat und bis iber ihrene Ohren rott werden muss, wehn Man sie nach ihrem Vatter fragt. Und dass ich nur Mein liben Vatter verzel, wo er sie fragen kann obs nich Durchbrennt is und hat in Rossenheim eine Kellnerin gemach. Und dass wiß mer schon das eine Kellnerin nichs ist nur ein Handtüchl, für ein Jeden seine Händ, wo er Sich dran hinbutzt. Wo man auch in Rossenheim nur nachfragen braucht was d'Leit reden -"

Karli stockte; es war ihm, als hätte sich eine Hand mit schwerem Druck auf seine Finger gelegt, um ihn am Weiterschreiben zu hindern. Verdrossen blickte er auf, und während er durch das Fenster nach dem Himmel starrte, verschwamm das lichte Blau da draußen in eine trübe, graue Fläche, aus der er Kunis Gestalt herauftauchen sah. Drohend blickte sie ihn an - nein, nicht drohend - mit dem Ausdruck müder Traurigkeit. Und das war auch die Kuni nicht, das war ein Kind, ein kleines Mädel mit rötlichen, zerzausten Haaren, mit einem schmalen, blassen Gesicht, auf dessen Wange sich blutige Nägelspuren zeigten. Es trug nur ein rotes Unterröckl und hielt mit den kleinen Händen das Hemd an den Hals gezogen - dann plötzlich streckte es die zitternden Ärmchen in Zorn und Angst von sich, und da fiel ihm das Hemd über die Schultern, die bedeckt waren mit blauen Striemen. Nun stand an des Kindes Seite eine junge Frau mit gramvollen Augen, und das Prügeldirnlein flog auf die Mutter zu, krampfte die Ärmchen um ihre Knie, drückte das Gesicht in ihren Schoß und schluchzte.

Missmutig neigte Karli den Kopf und schrieb mit schwerer Hand noch die Worte an den Brief: "Aber ich Glaube das es genug is und dass Mein liben Vatter sich dass überlegen würd. Und indehm ich mein Liben Vatter auf das beste grisse, verbleibe ich mit den herzlixten Grissen Mein liben Vatter bis in den Tott - sein Liber Karli."

Tief atmend sprang er auf und blies so lange auf den Brief, bis die Tinte eingetrocknet war. Dann rannte er aus der Kaserne, um den nächsten Briefkasten zu suchen. Und da kam's ihm wieder so in die Augen - auf dem ganzen Weg brachte er dieses Bild nicht mehr aus den Gedanken, dieses zerraufte, zerschlagene Dirnlein. Welch ein entsetzliches Leben, das Leben dieser Mutter und dieses Kindes! Da war es wirklich zu verwundern, dass eine 'so saubere, musper gewachsene Person' aus diesem Kind geworden und nicht ein Krüppel! Oder war es unter dem grausamen Druck dieser bitteren Jugend nicht doch zum Krüppel verwachsen? Zum Krüppel an Herz und Seele? Zu einem Krüppel des Glückes, mit dem man Erbarmen haben müsste, statt in Zorn mit ihm zu rechten? Geschlagen, gepeinigt bis aufs Blut, verlassen von Gott und Menschen, umher gestoßen in fremder Welt, ohne Trost und Tat! War es nach solch einem Leben zu verwundern, dass Kuni mit beiden Armen sich an einem Ort festzuklammern suchte, an dem sie zum ersten Mal sich wohl und behaglich fühlte, lachende Gesichter sah und freundliche Worte hörte? Freilich hätte ihr die Dankbarkeit einen andern Weg zeigen müssen als jenen, den sie für ihren Zweck gewählt. So meinte Karli. Und eines war unter keinen Umständen zu entschuldigen: Die schlaue Scheinheiligkeit, mit der sie es zu vertuscheln verstanden, was zwischen ihr und dem Vater im Gange war. Die Sache musste doch seit langem reif gewesen sein; sonst hätte die Bescherung an jenem Unglücksmorgen nicht so Knall und Fall über ihn herplumpsen können, gerade in der Stunde, in der er sich durch seine 'unsinnige Einbildung' vor Kunis Augen in den Anschein lächerlichster Eitelkeit gebracht hatte. Aber mochte sie so grundschlecht gehandelt haben, wie keine andere gehandelt hätte - ein gutes und gesundes Fleckchen musste doch in ihrem verkrüppelten Herzen sein; sonst hätte sie nicht mit solch einer abgöttischen Liebe auf Leben und Tod an ihrer Mutter hängen können.

Da gewahrte Karli an einer Mauerecke den Briefkasten. Hastig schob er dne Brief in den schmalen Spalt. Als er ihn niederfallen hörte, zwängte er die zitternden Finger unter die Klappe, wie um den Brief noch zu haschen. Der lag aber schon in der unerreichbaren Tiefe des Kastens.

"Meintwegen! Jetzt kann ich's auch nimmer anders machen!"

Am andern Morgen ritt das Regiment ins Lager. Es kamen Tage, deren Strapazen dem Burschen nur selten Einkehr bei sich selbst gestatteten. Wenn er wirklich einmal darüber grübelte, welche Wirkung sein Brief auf den Vater geübt haben könnte, überkam ihn ein Gefühl von Unbehangen, über dessen Ursache er sich keine Rechenschaft abzulegen wusste. Er schüttelte unwillig den Kopf, schluckte alles mit Gewalt hinunter, was in ihm aufstieg, und redete sich in eine Hoffnungslosigkeit hinein, die ihm statt des zweifelhaften Gesichtes der Gegenwart eine Zukunft mit lachenden Augen zeigte.

So war eine Woche vergangen. Als Karli eines Nachmittags vom Manövergefecht in sein Quartier einrückte, wurde ihm durch die Post eine kleine Kiste überbracht. Sie kam von daheim und war mit allerlei Fleischwaren voll gepackt. Auf dem Boden der Kiste fand sich ein kleines Säckchen angenagelt, das zwanzig Preußentaler und einen Brief des Pointners enthielt.

"Mein lüber Karli! Da schig ich dir was zum Schnabulüren weil mir ein Sau gschlacht haben und ein Lampl, das du mir nich vom Fleisch fahlen dust mein armer Bub, beim Esserzieren und der filen Plach und slechte Kohst. Un ein bisl Geld auff ein gute Mas Bier und das dein Gschtrenge Herr Wachtmeister ein bisl einreiben kannst, dass er Dich beser halten duht. Und so ietzt las dir Schmeggen und nur gwis nix lass dir nix abgehen was dein alten Vater in Herzen kimmern dät. Sonst get es mir gutt nur das Du nicht da bis, was ich in mein Draurigkeit immer dran denke. Und als Dir kein graus Haar nich waxen wo ich Dir son verzichen hab. Weil ich kein solchener bin, wo sein libben Son des sein kann, und dass ich gwis alles Recht mach, das es Dir recht is. Wo es schon einmahl so sein muss, und wies ich auch, dass der lübe God schon noch die Stund kommen last, wo ich mit mein gutten Karli alles dadrüber mit einand ausred, das er sein alten dummen Vater nich bes is. Was ich Dir auch sreiben Wil dass der Stoffel gestern auf sein nas gfallen ist und sich ganz blüedig schlagen hat im Gsicht, grad derwil die Kuni fort is in ihr Heimahd, und das sie Dich schön grießen lasst. Und musst nich derschreggen, weild er Schiml, wo du so hitzig gfahren hast, ganz dempfig heim Komen is und leicht grebieren mus. Aber, machtnichs und gibts auch ned, das ich zwegen ein lausigen Ros mein lieben Karli bes sein kunt. Und also mach dir nigs draus und pfiet dich Gott mein lüber Bub, womid ich dich grisse und so auch der Getz und ale und isbesonder dein alter
dalketer Vader
mit sein Gsalbader."

Karli las, und las zum zweiten und dritten Mal, und während ihm die Tränen über die Backen rieselten, lachte er. Und das war ein übermütig seliges Lachen!

Dass sein Brief solch eine rasche, radikale Wirkung üben könnte, hätte er sich denn doch nicht träumen lassen. Wohl kam ihm in des Vaters Brief die eine und andere Stelle etwas dunkel vor. Um so deutlicher las er die Erfüllung seines ganzen Hoffens aus jenen anderen Worten: Dass der Vater alles so richten wolle, wie es seinem lieben Buben recht wäre - das die Kuni bereits ihren Laufpass erhalten und den Weg nach ihrer Heimat genommen. Der Vater hätte nicht deutlicher schreiben können! Und wie zufrieden und fröhlich musste den Pointner der verständige Entschluss gestimmt haben! Das verriet sich aus dem lustigen Verslein, mit dem der Vater seinen Brief geschlossen. Nach diesem Schluss konnte Karli die Stelle mit der 'Draurigkeit', die ihn anfangs so schwül berührt hatte, nur als einen gut gemeinten, aber etwas missglückten Scherz betrachten. Dass sein eigener Brief vom Vater mit keiner Silbe berührt wurde, fiel ihm nicht auf. Die Freude war in ihm zu mächtig, als dass sie ihn hätte zu langem Denken kommen lassen. Nun war alles wieder gut! Das war sein einziger Gedanke. Der ließ in ihm nur noch Raum für die Erwägung, wie lieb der Pointner seinen Buben haben musste, da er nicht einmal wegen der Geschichte mit dem Schimmel ein hartes Wort für ihn fand. Dass ihm der Vater die 'hitzigen Händ' vergessen konnte, und dass er die Kuni aus dem Haus gestampert, das waren in Karlis Augen für die Liebe des Vaters zwei Beweise, die noch von diesem dritten übertrumpft wurden: Dass ihm der Bauer auf der Point den in Zorn und Erregung zu Schanden gehetzten Schimmel verzieh.

In seligem Taumel durchschwärmte Karli die Nacht. Jetzt waren Glück und Sanni in seinem Herzen wieder oben auf. Wie im Flug verflossen ihm die folgenden Tage, und dennoch meinte er die Stunde der Heimkehr kaum erwarten zu können.

Die Manöver gingen zu Ende; in drei Tagesmärschen kehrte Karlis Regiment nach München zurück, und dann kam der ersehnte Mittag, an dem er, als der eiligste von der ganzen Schar der 'Urlauber', aus der Kaserne nach dem Bahnhof stürmen konnte.

Gegen zehn Uhr Abends erreichte er die Endstation seiner Bahnfahrt. Hier nächtigte er, weil es ihm die größere Freude schien, das Wiedersehen bei hellem Sonnenlicht zu feiern, statt den guten alten Vater mitten in der Nacht aus dem besten Schlaf zu reißen.

Bei grauendem Morgen brach er auf, nachdem er für die Heimschaffung seines Koffers Sorge getragen hatte.

Rosige Gedanken kürzten ihm den Weg, der hügelauf und hügelab durch Wiesen, Wälder und kahle Felder zog. Der Herbst verriet sich schon in dem kränkelnden Grün; an manchen Stellen deckte ein dünner Reif das Gras; und die schweren Frühnebel schienen sich untrennbar in den Bäumen verfangen zu haben; dennoch war es Karli zumut, als hätte er nie noch einen schöneren Morgen gesehen. Das war ein Morgen, der in seiner Wirkung jenem Abend glich, an dem ein Stern sich über dem Bygotterhäuschen geschneuzt hatte. Wie damals auf der Straße, so jodelte und dudelte Karli durch den Wald dahin. Als er dem Dorf bis auf eine halbe Wegstunde nahe gekommen war, schlug er einen Umweg ein. Auf der Straße musste man ihn im Pointnerhof schon von weitem kommen sehen; er wollte aber den Vater überraschen, wollte sich von der Waldseite über die Weisen in das Haus schleichen.

Schon traten die Bäume auseinander, und Karli konnte schon den Wiesenhang gewahren. Da fiel im Dorf drunten ein Schuss, nun wieder einer, ein dritter und vierter, dann mehrere zugleich, und in das Knattern und Krachen mischten sich viele Jauchzer. Wurde da drunten eine Taufe gefeiert? Nein! Jetzt trug der bergwärts ziehende Wind auch die Töne von Trompeten und Klarinetten, die Klänge eines lustigen Marsches herauf. Das musste eine Hochzeit sein! Und das hörte sich an, als käm' es aus nächster Nähe? Aus dem Hof des Nachbars? Karli lachte. Er gönnte der Huber-Kathl diese Freude. Es war bei dem Mädel hoch an der Zeit gewesen, dass die Hochzeit kam!

Karli trat vom Waldsaum auf die Wiese - und das Lachen verging ihm. Zu seinen Füßen lag das elterliche Haus, der Hofraum war mit Menschen angefüllt, das Zauntor weit geöffnet; über den Köpfen der Leute schwankte der bunte Bänderstab des Hochzeitladers; ein langer Zug entwickelte sich aus der Haustür; ihm schlossen sich die Menschen an, die den Hofraum füllten; und während die Musikbande unter schmetternden Klängen in die Straße schwenkte, blitzten hinter den Scheunen der Nachbarhöfe die krachenden Schüsse.

Karli war bleich geworden. Die dünne Gerte mit der Blätterquaste, die er sich im Wald geschnitten, fiel ihm aus der Hand. Eine Weile stand er, als hätte der Anblick eines Gespenstes seine Glieder gelähmt. Die lustigen Töne des Hochzeitsmarsches entfernten sich und der Zug da drunten verschwand hinter den Häusern. "Vater! Vater!" Karli schlug die Hand in den Nacken, um die sinkende Mütze auf seinem Kopf zu halten, und keuchend stürmte er talwärts über die Weisen. Mit jeder Sekunde steigerte sich die Hast seines Laufes. Als er die Stelle erreichte, an der sich der Wiesengrund steil gegen den umzäunten Garten senkte, verlor er die Gewalt über seinen Körper. Er stürzte und wurde gegen den Gartenzaun geschleudert, dass die Staketen krachend unter ihm zusammenknickten.

Rasche Tritte. Der Götz erschien. "Jesus! Karli! Du!" Er zog den Halbbewusstlosen vom Boden auf. "Und grad heut muss Dich Dein Unstern heimführen!"

"So? Du?", fragte Karli tonlos. "A Knecht daheim? Wann sein Bauer Hochzet macht?"

"Wer soll denn 's Haus hüten, wann alles bei der Gaudi is?" Götz führte den Taumelnden zu einer Gartenbank. "So! hab Dich stad, dass ich um an Trunk Wasser schauen kann."

Schwer atmend, das bleiche Gesicht von Schweiß bedeckt, saß Karli auf der Bank und sah dem Knecht nach, der um die Scheune verschwand.

Götz brachte einen Krug Wasser. Karli trank und ließ es geschehen, dass ihm Götz mit nassem Tuch das Gesicht erfrischte. Dann krampfte er die Hände um den Arm des Knechtes. "Götz! Därf's denn wahr sein, dass der Vater so ebbes tun kann?"

"Was hilft 's Reden jetzt? Mag's sein, wie's will. Jetzt heißt's halt: tragen! Dass Dich zum Schaden net auch der Spott trifft! Schau, von die Nachbarsleut spitzt schon einer her über d' Hecken! Geh, komm mit eini ins Haus!"

Als Karli die Stube betrat, suchte sein Blick die Stelle, an der das Bild der Mutter gehangen. Die Mauer war leer. "So, Mutter? Hast Platz gmacht? Für mich wird's auch bald Zeit sein!" Er fiel auf die Bank, warf sich über den Tisch und fuhr wieder auf: "Alles kunnt ich ihm verzeihen! Aber dass er mir net amal den Tag anzeigt, an dem er Hochzet macht -"

"Dein Vater hat Dir gschrieben. Gestern muss der Brief in München gwesen sein."

"Gestern bin ich fort! Aber ins Lager hat er mir doch gschrieen, dass alles gut wär, und dass die Kuni fort is in ihr Heimat?"

"Fünf Tag später war s' wieder da, mit die Schriften, die s' zur Heirat braucht hat. Bei der kunnt a Fuchs in d' Schul gehn. Im Haus hat man kein Wörtl ghört. Kannst Dir denken, wie d' Leut gschaut haben am letzten Sonntag! Da is Dein Vater mit der Kuni verkündt worden in der Kirch, ein Mal für drei Mal. Und gleich am andern Tag is d' Hochzet ausgmacht worden."

"Und Du, Götz? Du hast zugschaut? Statt dass meim Vater fügstellt hättst -"

"Was willst von mir? Ich bin der Knecht, Dein Vater is der Bauer. Amal, da hab ich ihn drum angredt. D' Antwort hab ich von der Kuni kriegt. Und 's Madl is Deim Vater nimmer von der Seiten gwichen. Wo ich gangen und gstanden bin, war die Kuni net weit. Ich weiß, dass ich ihr nie net taugt hab. Und unrecht hat s' net. Beim ersten Schritt ins Haus hab ich's kennt: Die bringt nix Guts unters Dach eini! Aber manchmal is mir's doch wieder gwesen, als ob ich mich täuscht hätt mit meim unguten Glauben. Ich will Dein' Vater net weiß malen. Aber sie hat ebbes in ihr, dös eim ankann."

Mit höhnischem Gelächter schrie Karli gegen die Decke: "Jetzt is schön! Du auch! Leicht bist am End gar noch eifersüchtig auf mein' Vater?"

Ruhig sagte Götz: "Dir kann ich nix verübeln. Heut schon gwiss net! Dass ich in der Kuni 's Weibsbild gsehen hab, dös glaubst ja doch net von mir. Nur an einzigs Mal haben meine Augen nach so ebbes ausgschaut. Kein zweits Mal nimmer im leben!" Er fuhr mit der Hand über die geschlosssenen Augen. "Was mich diemal an der Kuni so gspassig anpackt hat? Ich kann's net sagen. Lang hat so ebbes nie net dauert bei mir. Oft war's bloß a Schnaufer, und im nächsten hab ich 's Madl schon wieder angschaut wie selbigs Mal, wo s' mir die erste Hand hinboten hat. Ich hab's von Anfang gwusst, dass mit der Kuni der Unfried zur Tür einitanzelt. Und dass ich Dir's offen eingsteh: Ich hab gforchten für Dich. In junge Jahr is halt 's Blut oft stärker wie aller Verstand im Menschen. Dös kann Dir keiner besser sagen als ich. Und um Dich wär mir leid gwesen. Und um d' Sanni!"

"Für mich hast gforchten, Götz?" Eine heiße Röte huschte über Karlis verstörte Züge. "No schau, dei' Offenheit is die meinig wert!" Mit ehrlichen Worten berichtete er dem Knecht, was in jener Nacht nach seinem lustigen Abschied vorgefallen. "Wie ich am andern Morgen nachdenkt hab über alles, ahb ich nix anders glaubt, als dass die Kuni ihr Rechnung gmacht hätt mit meim rauschigen Blut. Was für an Unsinn dös gwesen is, hab ich gleich erfahren müssen, wie ich eini kommen bin in d' Stuben -"

Karli verstummte und sah betroffen in die Augen des Knechtes, der mit heftigem Griff seinen Arm umklammert hatte und in leisen Worten auf ihn nieder sprach: "Und wie in d' Stuben kommen bist, hast zum spötteln angefangt, gelt? Und hast es ihr hingrieben, was sie für eine wär? Und z'erst, da hat s' Dich angschaut, wie wann s' kein Wörtl net verstünd? Und nacher hat s' Dir ins Gsicht einiglacht und hat Dir gsagt, wie Du so ebbes von eim Madl denken kannst, dös über a paar Wochen Hochzet mit Deim Vater macht?"

"Ja, Götz!", stammelte Karli. "Aber wie kannst denn Du erfahren haben -" Wieder verstummte er und betrachtete verwundert den Knecht, der unter heiserem Lachen den Kopf zwischen die aufgezogenen Schultern drückte.

In dieses Lachen mischten sich die Klänge von Trompeten und Klarinetten, mischten sich die Jauchzer und Schüsse, die den von der Kirche kommenden Hochzeitszug auf seinem Weg begleiteten.

Erbleichend schnellte Karli von der Bank auf und wollte zur Tür. Götz hielt ihn zurück. "Wo willst denn hin?"

"Soll ich da in der Stub stehn müssen, wann der Vater die Bäuerin zur Tür einiführt?"

"Die kommen net heim. Der Zug muss am Hof vorbei, wann er zum Wirtshaus will. Da, schau zum Fenster aussi, da sind d' Musikanten schon!"

Draußen auf der Straße zogen die Bläser vorüber, Paar um Paar, die hohen Spitzhüte mit dicken Blumensträußen geschmückt. Ihnen folgte der Hochzeitlader; in tanzendem Gang schwenkte er den hohen Stab, dessen bunte Bänder lustig im Wind flatterten. Dann kam der Pfarrer, zwischen dem Paar, das er verbunden 'für Leben und Sterben, für Erde und Himmel'. Kuni, in reichem bäuerlichen Gewand, trug den Kopf mit der schimmernden Brautkrone stolz erhoben; leichte Blässe lag auf ihrem hübschen Gesicht; sie blickte gerade vor sich hin, mit einem leisen, fast verächtlichen Lächeln, das um ihren Mund herum wie versteinert schien. Mit dem energischen Gang dieser beiden vermochte der Pointner nicht Schritt zu halten. Er ging gebückter als sonst und hob keinen Blick von der Straße.

"Götz! Schau ihn an, den Vater!", fuhr Karli auf. "Schaut er net aus, wie wann er die schwere Sünd am Buckel spürt, die er an mir verübt? An mir und noch mehr an ihm selber?" Er schlug den Arm vor die Augen und ging aus der Stube.

In Sorge sah Götz ihm nach. Dann wandte er die Augen gegen die Kammertür und nickte unter rauem Lachen vor sich hin: "Ja, Bauer, jetzt erbarmst mich! Dös Räuscherl, dös Dir anzecht hast zum Abschied von Deim Buben, dös kommt Dir teuer z'stehn." Draußen im Flur steig Karli schwer über die Treppe hinauf. Als er die oberste Stufe erreichte, musste er sich am Geländer festhalten. Keuchend streckte er sich und suchte seine Kammer. Hier fand sein erster Blick das verblasste Bild der Mutter, das am Haupt des Bettes an der Wand hing. "Mutter! Gelt, wir zwei, wir ghören zu anand!" Er warf sich über das Bett und grub das Gesicht in die Kissen. So lag er und rührte sich nicht; nur die Schultern zuckten unter lautlosem Schluchzen.

Eine Stunde mochte vergangen sein, als sich Stimmen im Flur und Schritte auf der Treppe vernehmen ließen. Erschrocken fuhr Karli in die Höhe. Da öffnete sich schon die Tür, und Götz erschien: "Karli, Dein Vater is da. Er meint, Du sollst mit ihm ummi ins Wirtshaus!"

"Ich? Ah na! Nie net!", schrie Karli in Zorn. "Ehnder fall ich um am Platz!"

"Karli! Bub!", tönte von draußen eine schüchterne Stimme, und in der Tür tauchte der Pointner auf.

"Vater!" Dem Buben schoss das Blut in die Stirn. Und dem Pontner zitterten die Backen; er flocht die Hände ineinander, wie es Leute machen, die nicht reden können. "Lass gut sein, Vater!", stieß Karli mit versagender Stimme vor sich hin. "Rechten därf ich net mir Dir. Und dass wir zwei in güt mitanand reden, dazu is's lang schon z'spat!"

"Na, Karli, schau, lass Dir sagen - schau, grad erst hab ich ghört, dass kommen bist. Und da hat's mir kei' Ruh nimmer lassen. Vom Mahl bin ich weg. Und schau, da wirst mir doch so ebbes net antun können, dass net amal zu meiner -", der Pointner würgte das Wort hinunter, das er hatte sagen wollen, "dass Du daheim bleibst, wo 's halbe Dorf Dein Vater die Ehr gibt! Schau, Karli, grad dös einzig tu mir net an!"

"Ich kann net, vater, ich kann net!"

"Bub! Jesus Maria! Tu mir so was net an!"

Karli vermochte nicht zu antworten; er schüttelte nur den Kopf und wandte sich ab.

Da schien der Pointner am Erfolg seiner Bitte zu verzweifeln. Er ließ die Hände fallen und tat einen tiefen Seufzer. "No also, wann halt gar net kannst, nacher kannst halt net! Und schau, Karli, ich bin Dir net harb drum. Gwiss net! Aber was mir jetzt antust, dös kann ich Dir net sagen!" Langsam wandte er sich zur Tür, und immer tiefer sanken ihm die Schultern, während er mit tastenden Füßen über die Schwelle schlich. Es schien, als wäre in diesem Augenblick das Alter über ihn gekommen.

Karli fuhr auf, und als wollte er vom Götz einen Rat hören, flogen seine Augen nach der Stelle, wo der Knecht gestanden. Götz war verschwunden. Eine Weile stand Karli wie versteinert auf dem gleichen Fleck; in seinen Zügen spiegelte sich der quälende Kampf seines Herzens. Dann stürzte er aus der Stube, und als er auf der Treppe den Vater gewahrte, rief er ihm mit versagender Stimme zu: "Vater, tu warten a bissl - nacher komm ich halt!" Bevor es der Pointner zu einer Antwort brachte, war Karli wieder in seiner Stube, schlug hinter sich die Tür zu, riss mit zitternden Händen die Uniform vom Leib und warf sich in seinen bäuerlichen Sonntagsstaat.

Als er so verwandelt die Treppe hinunter stieg, streckte ihm der Pointner von drunten die Arme entgegen. "Karli, dös vergiss ich Dir net! Und mag's jetzt gehn, wie's will. Eh lass ich mir d' Haut übern Buckel zeihen, eh ich zugieb, dass Du in Deim Recht verkümmert wirst! Na, Karli, dös vergiss ich Dir net! Und komm jetzt, komm!"

Mit beiden Händen fasste er den Sohn am Arm und zog ihn mit sich fort ins Freie. Auf der Hausbank saß der Götz. Karli atmete erleichtert auf, als er den herzlich ermunternden Blick gewahrte, der ihn aus den Augen des Knechtes traf. Zu einem Wort ließ ihn der Pointner nicht mehr kommen. Er riss ihn mit sich fort, durch das offene Zauntor, auf die Straße hinaus, vorüber an Häusern und Gehöften. Wer den Weg der beiden kreuzte, bekam es vom Pointner mit Lachen zu hören: "Du, da schau, mein Karli is kommen! Ganz extra auf den heutigen Tag! Gelt, da schaust!" Und als die zwei das Wirtshaus erreichten, in dessen ebenerdiger Stube die 'halbeten' Hochzeitsgäste, die nicht zur Tafel geladenen Burschen und Mädchen, auf den Beginn des Tanzes warteten, füllten sich alle Fenster mit neugierigen Gesichtern. Das sah der Pointern nicht; er sah nur immer seinen Buben an, zog ihn über die Schwelle, schleppte ihn hinter sich die Treppe hinauf und zerrte ihn gegen die Tür des leeren Tanzsaales. Hier ließ er die Hände von ihm und stotterte in Sorge: "Karli, gelt, tu's mir z'lieb! Und nimm Dich zamm!"

Aus der Tür des Nebensaales, in dem an langer Tafel die Mahlgäste saßen, kam ihnen Kuni entgegen. Während hinter ihr die Tür sich mit Leuten füllte, streckte sie dem Burschen lächelnd die beiden Hände hin: "Grüß Dich Gott, Karli! A größere Freud hätt ich net haben können, als dass der Haussohn net fehlt an mein Ehrentag!" Ein spöttischer Zug kam in ihr Lächeln, und während sie Karlis Hände schüttelte, dämpfte sie die Stimme: "Jetzt komm nur gleich! Grad ummi von mir musst sitzen! Von meiner Familli is keiner da. Weißt, dass Dich net schamen musst! Und ich? ich bin jetzt die Bäuerin auf der Point. Dös is halt doch a bissl ebbes als so a lumpige Kellnerin, die nix anders net is als a Handtüchl für alle Pratzen. So geh, so komm doch, Bub!"

Karli war bleich geworden. Mit zornigem Blick suchten seine Augen den Vater. Der machte ein Gesicht, dem es deutlich anzusehen war, dass er nicht wusste, was er zu Kunis seltsame Rede denken sollte. Jetzt war aber auch für ihn keine Zeit zum Denken. "So geh, Bub, und komm!" Er fasste Karli am Arm und zog ihn gegen die Tür des Nebensaales. Mit dem Ellbogen stieß er die Leute beiseite, die sich zur Begrüßung herandrängten, und kreischte: "Da schauts her, was für a Gast kommt!" Was noch auf den Stühlen saß, erhob sich; nur der Hochwürdige Herr blieb sitzen. Der Pointner zog seinen Buben zur Tafel, ergriff ein Glas und stieß es auf den Teller, dass er in Scherben auseinander fuhr. "Stad sein, sag ich! Jetzt muss ich ebbes reden! Da schauts her! Mein Bub is kommen zum heutigen Tag! Und dass ich a größere Freud net hätt erleben können, dös is wahr! Da gibt's fein nix zum lachen - hörst es, Holzerbauer? Ja! Und grad freuen tut's mich, dass man mich als Hochzeiter noch net leben hat lassen! Denn der, wo z'erst heut leben soll, dös is mein Bub! Leben soll er hundert Jahr, na, gleich tausend Jahr. Für so an Buben sind hundert Jahr wie gar nix! Gelt, jetzt könnts lachen, ja! Dös is der Neid, weil keiner von enk Glatzköpf so an Buben hat wie ich! Und drum soll's ihm gut gehn, und alles soll er haben, was er sich einbildt! und leben soll er! Blasen, Musikanten! Blasen, sag ich! Kreuzsaxen! Grad blasen! Und leben soll er! Dreimal, na, hundertmal hoch!"

Gerührt und lachend schlang der Pointner den Arm um Karlis Hals und leerte in glucksenden Zügen das Glas bis auf die Neige.

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