Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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            Kapitel 1
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            Kapitel 9
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Kapitel 5

Am anderen Morgen warf Karli sich schon zu früher Stunde in sonntäglichen Staat und verließ den Pointnerhof. In der Nähe der Kirche stellte er sich auf, um die aus der Frühmesse kommenden Leute zu mustern, und blieb auch gleich das halbe Stündl noch stehen, bis die Leute zum Hochamt kamen. Das ganze Dorf wanderte an ihm vorüber. Aber weder Sanni erschien noch der Bygotter. Als schon die drei Glocken zum Segen läuteten, kam der Pointner getrippelt, an Kunis Seite, die sich schmuck geputzt hatte. Lustig nickte der Bauer seinem Buben einen Gruß zu. Und Kuni rief ihn lächelnd an: "Geh, komm mit, versäumst ja den Segen!"

"Auf dös eine Mal wird's net ankommen!", meinte Karli. Dennoch betrat er, als die beiden in der Kirche verschwunden waren, den Friedhof. Hier setzte er sich auf die Mauerbrüstung und spähte gegen das Binderholz hinaus. "Jetzt dös is arg! Net amal in die Kirchen gehn!" Er schüttelte den Kopf und ging nun endlich dem Portal zu. Eben noch rechtzeitig erreichte er seinen Platz auf der "Pori", um den Hochwürdigen zur Predigt die Kanzel besteigen zu sehen.

Auch der Geistliche schien jemand in der Kirche zu vermissen; mit suchenden Augen musterte er die Schar der "in Christo Versammelten". Dann begann er zu sprechen: Über das Kapitel von den falschen Propheten, die Hader und Unfried zwischen die Saat des frommen Friedens werfen, wie der Teufel den Samen des Unkrauts in den blühenden Weizen wirft. Er verallgemeinerte das Thema und beschloss es nach einer Stunde mit dem schon öfters wiederholten Refrain: "Hütet Euch, meine geliebten Kindlein, hütet Euch vor den falschen Propheten!"

Als der Hochwürdige die Kanzel verließ, huschte ein leises Summen durch die Kirche. Jeder fühlte sich verpflichtet, an den Nachbar die schmunzelnde Frage zu richten: "Weißt, wen er gemeint hat?"

Diese Frage flüsterte im "Pointnerschen Weiberstuhl" auch die Zenz der Kathl zu.

"Dumm müsst ich sein, wann ich's net gmerkt hätt!", lautete die kichernde Antwort. "Aber grad so gut, wie von die falschen Propheten, hätt er auch von die falschen Prophetinnen predigen können, von dieselbigen, dö so sanfte Gsichterln machen und die Klupperln einziehen hinterm Buckel, dass man die scharfen Nagerln net sehen sollt, vor's ans Kratzen geht. So eine is erst der wahre Unfried!"

So leise diese Worte gesprochen waren, Kuni hatte sie gehört. In ihrem hübschen Gesicht rührte sich keine Miene; aber es war kein guter Blick, den sie auf das offene Gebetbuch senkte. Als der Gottesdienst zu Ende war, trat sie als erste aus dem Betstuhl und ging mit trotzig erhobenem Kopf an den wispernden Leuten vorüber.

Der Pointner und Karli verließen miteinander die Kirche. Erst wohnten sie der Gemeindeversammlung bei und machten dann einen Rundgang durch die Gassen des Dorfes. Mit dem Glockenschlag zwölf betraten sie den Hof und fanden in der Stube schon die dampfende Suppenschüssel auf dem gedeckten Tisch, der mit einem duftenden Resedenstrauß geschmückt war. "Ich sag's!", schmunzelte der Pointner. "Grad freuen kann ein 's Heimkommen, seit die Kuni im Haus is! Soll mir nur einer ebbes sagen gegen dös Madl!"

"Sagt ja kein Mensch ebbes!" Karli lachte, während er die Joppe auszog und an den Türnagel hängte.

"Nnno?", erwiderte der Pointner zögernd. "Du hörst halt net überall hin. Ans die einen redt der Gift, aus die andern der Neid." Verdrießlich schob er sich hinter den Tisch. Sein rundes Gesicht heiterte sich wieder auf, als Kuni die Stube betrat, in dem braunen Rock mit der frischen Leinenschürze, in dem knapp sitzenden schwarzen Mieder, über dem das weiße Hemd, das die runden Arme fast bis zu den Schultern nackt ließ, mit einer zierlichen Krause den Hals umschloss. Der hübsche Kopf war ein wenig zur Seite geneigt, als trüge er schwer an dem Gewicht des rötlich schimmernden Haars, das mit zwei dicken Flechten um die Stirne gelegt war.

Schon am zweiten Tag nach ihrer Ankunft hatte Kuni das halb städtische Gewand gegen die im Dorf übliche Tracht vertauscht, als wollte sie auch äußerlich zeigen, dass sie sich allem fügen würde, was im Pointnerhofe Brauch und Ordnung war. Tapfer griff sie die Arbeit an, und wirtschaftete eifrig in Haus und Küche. obwohl sie alles tat, wie es bisher getan worden war, wusste sie doch allem eine bessere Art und ein gefälligeres Ansehen zu geben.

Dieses Schaffen, Sorgen und Bessern schien ihr selbst Vergnügen und Freude zu bereiten. Für Götz aber, der sie misstrauisch betrachtete, gewann es den Anschein, als wäre ihr Eifer nur so eine Art von "Gspaß", den sie am Neuen fand - und noch etwas anderes. So sehr Kuni den Pointner verhätschelte und alles tat, was seinem Hang zur Behaglichkeit willkommen war, meinte Götz doch zu gewahren, dass es nicht der Pointner, sondern Karli wäre, dem das Beste dieser Fürsorge zugute kam, und dass diese Sorge der Absicht entspränge, mehr dem Sohn als dem Vater das Leben im Haus angenehm zu machen.

Schon nach wenigen Tagen wusste Kuni die bescheidene Haltung, die sie anfangs dem Haussohn gegenüber eingenommen, in einen vertraulichen Verkehr umzuwandeln. Und Karli war eine viel zu gutmütige Natur, als dass die Zurückhaltung, die er gegen Kuni zeigte, lange bei ihm gedauert hätte. Bald hörte er gern auf ihr lustiges Geplauder, und das um so lieber, als ihm bei den Sorgen, die er sich um Sanni machte, wenig lustig zumut war. Er nahm die kleinen Vertraulichkeiten, die sich Kuni ihm gegenüber mehr und mehr erlaubte, harmlos hin und sah in ihnen nichts anderes als den Beweis, dass sich die Hauserin im Pointnerhof eingewohnt hätte. Auch machte es ihm Freude, dass der Vater so gut versorgt schien. Daneben hatte er genug von des Vaters Natur geerbt, um die aufmerksame Fürsorge, die Kuni in allem betätigte, mit Behagen zu genießen. Er nickte zu den sprudelnden Lobhymnen des Vaters, und es war bei ihm ein beliebtes Wort, von dem "guten Zug" zu sprechen, der mit Kuni in das Haus gekommen wäre.

Als er einmal nach solch einem Wort die Stube verlassen wollte, stand Kuni vor ihm und bot ihm lächelnd die Hand. "Karli, dös is lieb von Dir, dass Du mein bisserl Arbeit ebbes gelten lasst!"

"Was wahr is, muss wahr sein!", sagte er ruhig und ging aus der Stube.

Seit diesem Tag verdoppelte Kuni ihren Eifer. Dabei versuchte sie auch alles, um sich mit den anderen Mannsleuten in gutes Einvernehmen zu setzen. Wenn sie auch genau zu wissen schien, wie sie sich gegen die beiden Knechte verhalten sollte, so konnte sie doch Götz gegenüber die richtige Art des Verkehrs nicht finden. Bald probierte sie es mit ruhiger Freundlichkeit, bald mit Lachen und Schwatzen. Dann wieder zeigte sie ohne äußere Ursach eine fast scheue Zurückhaltung, die einen merkwürdigen Widerspruch zu ihrem sonst so sicheren Wesen bildete. Vielleicht fühlte sie, dass sie von ihm schärfer beobachtet wurde, als von den anderen. Während der Mahlzeit, wenn alle zusammen in der Stube saßen, begegnete ihr Blick immer wieder diesen ernsten Augen; dabei bekamen ihre hübschen Züge manchmal einen eigenartig verlorenen Ausdruck; wurde sie angesprochen, so fuhr sie auf wie eine Erwachende; mit lustigen Worten verstand sie ihr seltsames Gebaren rasch vergessen zu machen. Gewöhnlich waren es Martl und Stoffel, die bei solchen Gelegenheiten für Kunis Späße die Zielscheibe abgeben mussten. Die beiden ließen sich das gern gefallen, zum Ärger der Zenz und der Kathl, mit denen Kuni seit dem Sonntag, an dem der Pfarrer von den falschen Propheten gepredigt hatte, scharf auf dem Kriegsfuß stand. Früher, wenn sie eine der beiden Mägde zur Hilfeleistung in Haus und Küche rief, hatte es immer geheißen: "Sei so gut, Kathl!" Oder, "Zenz, ich bitt schön!" Jetzt hieß es: Mach weiter, komm her!" Mit jedem Tag steigerte sich Kunis herrische Art, während die Mägde mit jedem Tag bockbeiniger wurden. Einmal kam es zwischen Kuni und Kathl in der Küche zu einem ernsten Gefecht, und das Ende war, dass die Kathl heulend und mit brennender Wange zum Pointner lief. Der besänftigte die Magd mit einem Preußentaler und mit dem Versprechen, der Hauserin tüchtig den Text zu lesen. Kaum war die Kathl aus der Stube, als er in die Küche trippelte, um Kuni zu beruhigen: "Ganz recht hast! Lass Dir nix gfallen! Da kann gschehen, was mag, ich hilf zu Dir!"

Seitdem verging kein Tag, ohne dass eine der Mägde mit einer Klage zum Pointner kam. Dem wurde die Sache schließlich zu bunt, und da begann er sich aufs Jammern zu verlegen. "So lasst's doch grad mir mein' Fried! Und lasst's mir die Kuni in Ruh! Is so a guts Madl! Und schaut auf mich, wie man net besser auf mich schauen kunnt." Solche Worte waren es, auf die er eines Tages von Kathl die maulende Antwort erhielt: "Wer is denn schuld dran, dass kein Fried net hast? Hättst Dir den leibhaftigen Unfried net einizarrt ins Haus!" Einen Augenblick war der Pointner sprachlos vor Staunen. Dann hub er ein lautes Kreischen an, warf der Magd den Lohn vor die Füße, jagte sie aus der Stube, schrie nach der Kuni und jammerte, bis er einen "völligen Anfall" bekam und in seinen Sessel taumelte. Lange Stunden musste Kuni an seiner Seite sitzen, musste ihm kalte Umschläge machen und ihm ihre weiche, kühle Hand auf die heiße Stirn legen. Besonders das letztere Mittel schien wohltätig auf seinen Zustand zu wirken.

Von nun an ließ er Kuni tagsüber kaum für Minuten aus seiner Nähe. Wenn es geschah, dass Kuni von Götz zur Mithilfe bei seiner Feldarbeit aufgefordert wurde, die wegen eines drohenden Gewitters rasch bewältigt werden musste, so greinte der Bauer, dass man ihn, den der Pflege Bedürftigen, mutterseelenallein ließe, und dass er behandelt würde, als wäre er der Letzte, der "Garniemand" im Haus. Er gab keine Ruhe, ehe nicht Kuni mit ihrer Näharbeit wieder bei ihm in der Stube saß. Sie selbst machte dazu ein Gesicht, dass es ihr ein anderer als der Pointner leicht angesehen hätte, um wie viel lieber als dieses Stubensitzen ihr die lustige Arbeit auf dem Feld gewesen wäre, wo es Karli den anderen zuvortat mit Eifer, Geschick und jugendlicher Kraft.

Karli wurde von den Zwistigkeiten, die es im Pointnerhof absetzte, kaum berührt. Da er Tag für Tag mit Götz auf dem Feld oder in den Holzschlägen arbeitete, erfuhr er wenig von diesem Hader, und was ihm zu Ohren kam, gewann durch die Darstellung des Pointners immer ein Gesicht, dass auch Karli das Recht auf Kunis Seite sehen musste.

Auch die Leute im Dorf hüteten sich, von dem, was sie über den Pointnerhof zischelten, vor Karli ein Wort fallen zu lassen. Es waren nicht die freundlichsten Augen, mit denen man die "Hergelaufene" und ihre Stellung im Haus des Pointners betrachtete. Nur einer war im Dorf, der zu Kuni aufschaute wie zu einer Heiligen. Das war der alte Spinner-Veit. Der hatte bei einem rauschigen Wirtshausstreit seinen besten Freund geschlagen. Mit mehrjähriger Zuchthausstrafe hatte er gebüßt, was mehr ein Unglück als ein Verbrechen gewesen, und war als graues Männlein mit halb zerstörtem Geist in die Heimat zurückgekehrt, für die Erwachsenen ein minderwertiges Exemplar der Schöpfung, für die Kinder ein schutzloses Ziel des Spottes. Der Spinner-Veit konnte kaum einen Schritt vor die Tür machen, ohne dass die Rangen lärmend hinter ihm her waren. Sie reizten den irrsinnigen Alten durch die Geste des Spinnens und schrieen ihm sein Unglück in die Ohren: "Zuchthäusler! Zuchthäusler!' Solch einen Auftritt hatte Kuni eines Tages vom Hof aus mit angesehen, und da war sie in Zorn hinausgelaufen auf die Straße, hatte ein paar von den Buben derb beim Schopf erwischt und den misshandelten Alten ins Haus gerettet. Von dieser Stunde an war der Spinner-Veit ihr Schützling. Sie steckte ihm manchen guten Bissen und manch ein klingendes Almosen zu, und sooft er auch im Pointnerhof vorsprach, immer fand er bei Kuni freundliche Worte und herzlichen Trost für seinen wirren Jammer. Wohl brummte der Pointner gegen den Stammgast, den ihm Kuni ins Haus gezügelt hatte. Aber auch er gewöhnte es sich ab, den Spinner-Veit einen Zuchthäusler zu nennen, seit Kuni, die doch sonst für den Pointner immer nur zuckrige Töne säuselte, ihn einmal mit grober Heftigkeit angefahren hatte: "Ich möcht mir a Gwissen draus machen, dass man dem armen Teufel sein Unglück allweil wieder um d' Ohren haut! Hat er net alles verbüßt? Und Zuchthaus? Im Zuchthaus is schon mancher gsessen, der besser in a Kirch einipasst hätt."

Die Dienstboten des Pointnerhofes zuckten die Achseln über Kunis Samaritertum. Götz allein, obwohl er nie ein Wort darüber äußerte, betrachtete Kunis Gebaren mit freundlichen Augen. Es schien, als hätte er in ihrer Mildherzigkeit eine Entschuldigung für manches gefunden, was an ihr bedenklich war. Seit jener leisen Warnung, die er bei Kunis Eintritt in das Haus dem Sohn des Pointners zugeraunt, suchte er mit keinem mahnenden Wort mehr auf Karli zu wirken. Karli selbst, wenn er von der Arbeit oder von seinen abendlichen Spaziergängen heimkehrte, war allzuviel mit seinen Sorgen woanders, um durch eigene Beobachtung hinter Dinge zu kommen, die sich ihm nicht von selbst vor die Augen stellten.

Zu dutzend Malen war er hinaus geschlichen ins Binderholz. Der Bygotter und Sanni schienen wie verschollen in ihrer Waldeinsamkeit. Und im Dorf wussten die eifrigsten Zungen über den Bygotter nichts Neues zu berichten, seit der Hochwürdige wenige Tage nach jener Predigt von den falschen Propheten ins Binderholz gewandert und eine Stunde später mit zornrotem Gesicht heimgekommen war. Das Gerede, das sich an diese Begebenheit knüpfte, fand weitere Nahrung, als auch am zweiten Sonntag und an einem in die Woche fallenden Feiertag weder der Bygotter noch Sanni in der Kirche erschien.

Wenn Karli auf seinen abendlichen Wanderungen mit Gasselgängern zusammentraf, wurde ihm bei den Reden, die er über den Bygotter zu hören bekam, bald heiß und bald kalt in Kopf und Herz. Fragte man ihn um seine Meinung, so äußerte er sich mit vorsichtiger Zurückhaltung dahin, dass ihn die ganze Geschichte eigentlich gar nichts anginge. Was der Pfarrer mit dem Bygotter hätte, das wäre eben des Pfarrers und des Bygotters Sache. Aber das eine müsste auch einem Blinden einleuchten, dass die Gefangenschaft, in der dieser biblische Narr die erwachsene Tochter hielte, allen Gesetzen von Recht und Menschlichkeit zuwiderlief. Karli erschrak vor der Zustimmung, die seine Worte fanden, vor den Drohungen, die er gegen den Bygotter laut werden hörte. Es fiel ihm ein, dass der Bygotter trotz allem Sannis Vater war, die ihm anhing als gutes Kind, und dass jeder Dorfgroll, der den Vater träfe, auf die Tochter zurückfallen würde. Drum suchte er wieder einzulenken und die erregten Gemüter zu beruhigen.

Von Tag zu Tag mehrte sich seine Sorge um Sanni, so dass ihm die Aufheiterung, die er in Kunis lustigem Wesen fand, mehr als je vonnöten war. Oft saß er, wenn der Pointner seinen von Ruh und Frieden ermüdeten Leib schon in die Federn gewickelt hatte, noch stundenlang in der Stube mit Kuni beisammen, lauschte ihrem unermüdlichen Geplauder, schmunzelte zu ihren Anekdoten, und wenn der Übermut sie packte - wie er das nannte - ließ er es sich lachend gefallen, dass sie ihn mit der Schere oder mit dem Messerheft auf die Finger schlug, oder ihm mit beiden Händen in die Haare fuhr.

Manchmal, wenn sie besonders freundliche war, stieg der Gedanke in ihm auf, Kuni zur Vertrauten seiner Herzenssorgen zu machen. Oft lag ihm das bekennende Wort schon auf der Zunge. Es war ihm selbst ein Rätsel, warum er es nicht herausbrachte.

Eines Abends, als er wieder einmal von einem nutzlosen Weg ins Binderholz zurückkehrte, nahm er sich vor: "Heut red ich mit der Kuni. Sie muss mir raten."

Er fand sie in der Stube. Sie saß am Tisch, auf dem ein Talglicht brannte, und putzte aus ihrem Schoß grüne Bohnen in eine Schüssel. Als er eintrat, erhob sie sich lächelnd, schüttete den Inhalt ihrer Schürze auf die Bank und zündete die Hänglampe an. "Geh, setz Dich her, ich bring Dir gleich Dein Essen!", sagte sie und huschte aus der Stube.

Karli ließ sich nieder, stützte die Ellbogen auf den Tisch und guckte verdrießlich in die Lampenflamme.

Nun brachte Kuni einen dampfenden Suppenteller. Dabei betrachtete sie forschend das grämliche Gesicht des Burschen. "Was machst denn schon wieder für a Göschl?" Sie fuhr ihm mit der Hand über die zerwirrten Haare. "Gelt, bis müd?"

Er nickte und rührte mit dem Löffel in der Suppe. "Wo is denn der Vater?"

"Zum Nachbar is er ummi auf a Sprüngl. Recht gsorgt hat er sich wegen Deiner. Weißt, gegen Abend is ebbes Schriftliches kommen, mit Deiner Adress, und da hat er gmeint, es müsst ebbes Amtliches sein." Sie ging auf einen kleinen Wandschrank zu und öffnete ihn. "Da hast es!"

Karli nahm das Schreiben und las die Aufschrift. "Was kann denn dös bedeuten? Es wird doch net -" Er stockte und erbrach das Siegel. Kaum hatte er zu lesen begonnen, als er wütend auffuhr: "No also, da hab ich's jetzt! Himmel Kreuz Saxen!"

Neugierig näherte sich Kuni. "Was is denn?"

"Einrucken muss ich, zu die Manöver! Und übermorgen in der Fruh soll ich mich schon beim Regiment stellen. Da soll ja doch gleich -" Ärgerlich warf er das Schreiben auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare.

Mehr noch, als er selbst, war Kuni erschrocken. Eine Weile stand sie schweigend. Dann legte sie die Hand auf seine Schulter. "Karli? Gehst ungern fort?"

"Gern soll ich auch noch gehn!", brummte er. "Ich bin mit Leib und Seel Soldat gwesen. Und hab noch allweil Freud und Lieb dazu. Aber wann's nur net jetzt grad wär! Grad jetzt!"

"Wie lang kann's denn dauern?"

"Unter vier Wochen wird's net abgehn."

"Vier Wochen?" Kuni begann nachdenklich an der Lippe zu nagen.

Er aß ein paar Löffel Suppe und schob den Teller von sich. "Jetzt is mir der ganze Appetit vergangen!"

Gleich rückte sie den Teller wieder vor ihn hin und sagte freundlich: "Schau, essen musst doch a bissl ebbes! Jetzt wirst so wie so recht harte Zeiten kriegen." Sie verließ die Stube und brachte eine Schüssel Rohrnudeln und eine irdene Raine, in der das Kraut noch schmorte. "Komm, lass Dir's schmecken!"

Karli begann zu essen, als gäbe es gegen so herzliche Mahnung keine Widerrede. Auch schien nach dem ersten Bissen der Appetit in ihm zu erwachen, so dass er loslöffelte, als hätte er den ganzen Tag gehungert.

Kuni hatte sich ihm gegenüber an den Tisch gesetzt, die Arme über die Eichenplatte gekreuzt, und so guckte sie ihm schweigend zu. Ihre roten Lippen waren unmutig vorgeschoben, und zwei kleine Furchen lagen zwischen den zusammengezogenen Brauen. Keinen Blick verwandte sie von dem Gesicht des Burschen, und immer mehr verschärfte sich der wägende Ausdruck in ihren Augen. Nun huschte es hell über ihre Züge, wie der Abglanz eines innerlichen Lachens. Flink verschwand das wieder. Unter den zwinkernden Lidern wurden die Augen klein, und die winzigen Fältchen - die sich neben den Mundwinkeln wie Grübchen ansahen, wenn sie lachte - wurden länger und tiefer, ließen ihr Gesicht um Jahre gealtert erscheinen und gaben ihm einen müden Ausdruck. Nun huschte es wie Spot um ihren Mund. In den Augen blitzte etwas Funkelndes auf. Rasch erhob sie sich, als wäre sie in einer wohl zu erwägenden Sache zu einem Entschluss gelangt. Und langsam guckte sie nach der Tür - da draußen kam einer mit Gepolter ins Haus.

Während dieser stummen Minuten hatte Karli eine Nudel um die andere verschwinden lassen, die Krautschüssel geleert und dazu ein Gesicht geschnitten, als wäre ihm jeder Bissen eine gallige Bitterkeit.

Kuni legte ihm die Hand auf die Schulter, rüttelte ihn zärtlich und sagte lächelnd: "Jetzt kommt er, Dein Vater!"

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