Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
            Titel
            Kapitel 1
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            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
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Kapitel 3

Karli und Götz betraten den Hof. Dann kamen Martl und Stoffel, zwei steife vierschrötige Kerle - Martl, der einen grauen, struppigen Vollbart trug, in kurzer Lederhose, Hut und Joppe - Stoffel, dem unter dem pechschwarz gewichsten Schnurrbart eine spitz zulaufende Mücke hakenförmig abstand, in enger, langer, an den Knöcheln gebundener Tuchhose, in Hemdärmeln, die Zipfelmütze mit der baumelnden Quaste auf dem eckigen Schädel.

Die viere machten verdutzte Augen und schienen an dem gastlichen Tisch des Pointners vorübermarschieren zu wollen. So im Vorbeimarsch grüßte Karli: "Grüß Gott, Vater!" Und Götz grüßte: "Grüß Gott, Bauer!" Dabei rückten sie gleichzeitig die Hüte vom linken auf das rechte Ohr. Martl nickte nur, und Stoffel schlenkerte die Quaste der Zipfelhaube von der einen Schulter auf die andere.

"So? Kommts endlich heim?", fuhr der Bauer auf, der seine Verlegenheit hinter Strenge zu verbergen suchte. Aber gleich wieder fiel er aus dem groben Ton und lachte: "Da schau, Karli! Was ich für an Gast hab!"

Karli musterte die Fremde nicht besonders freundlich; als er ihren blitzenden Augen begegnete, sah er den Vater wieder an, verzog den Mund und nickte.

Einige Sekunden mühte sich der Pointner unter Zwinkern und Blinzeln, den Sinn dieses Nickens zu ergründen. Dann gab er die vergebliche Mühe auf und wandte sich scheltend an Martl und Stoffel. "Wo seids denn gar so lang gwesen? Wann von enk zwei einer draußen is, kann man 's Heimkommen nimmer erwarten!"

Stoffel schnitt eine Grimasse, beugte den Oberkörper nach vorn und stellte sich auf die Absätze. Martl erwiderte: "No, no! Es hat noch a halbs Stündl bis zur Futterzeit. Wir sind halt vorm Schulhaus gstanden. Und noch a ganzer Haufen Leut dabei. Was dös für Reden gwesen sind, über den Bygotter! Und was er für Sachen treibt! Wie wir so dagstanden sind, is er unter d' Haustür kommen, sein Madl an der Hand. Und hat an Ansprach an d' Leut ghalten, dass gmeint hast, Du hast an Pater Kapuziner im Schusterkittel vor Dir. Vom Josef in Ägypten hat er ebbes gsagt, als wie wann er der Josef wär und kämt jetzt heim zu seine Brüder, damit er ihnen ihre Sünden vorhalten kunnt. Und grad vermahnt hat er d' Leut, sie sollten Buß tun und sollten sich aussöhnen mit ihrem himmlischen Vater. 'Denn das Gericht ist nachche, das Gericht ist nachche, es schwebbt über Euch!', hat er allweil predigt. Da kannst Dir denken, wie d' Leut glacht haben. Und die Burschen haben sich gleich an Gspaß aus der Sach gmacht und haben a Litanei angstimmt: 'Heiliger Knotzensepp, bitt für uns! Heiliger Bygotter, erlöse uns!' Krumm werden hättst mögen vor Lachen! Dem andern is der Kampl gschwollen, und aufrebellt hat er, meiner Seel, der Moses hät net ärger schimpfen können, wie er vom Berg Sinai abigstiegen is und hat seine Juden mit'm goldenen Kalbl gfunden. Und die ganze Zeit hat er sein Madl an der Hand ghabt. Völlig erbarmt hat ein' dös Hascherl. Kaasweiß is 's gwesen und hat zittert am ganzen Leib. Na, na, söllene Sachen! Da möcht man gleich weinen, wann's net zum lachen wär!" Brummend wandte er sich und ging zum Stall.

Unter unwilligem Schnuffeln schlenkerte Stoffel die Mützenquaste in den Nacken und schlorpte seinem Kameraden nach.

"Was dös für Gschichten sind! Kuni, was sagst denn da?", lachte der Pointner und stieß seinen Gast mit dem Ellbogen an.

Kuni erwachte aus ihren Gedanken. Sie schien von Martls Worten wenig gehört zu haben. Eine Weile hatte sie forschend den Götz betrachtet; dann waren ihre Augen an Karli haften geblieben. Und offen hatte sich in ihren Mienen das Wohlgefallen verraten, das sie an der schmucken Erscheinung des Burschen zu finden schien.

Karli merkte nicht, welch einer eingehenden Betrachtung er unterzogen wurde. Während Martls Worten hatte er, eine leichte Blässe auf den Wangen, mit schwermütigen Augen ins Blaue hinausgeguckt. Was aber ihm entgangen war, das hatte Götz gewahrt. Und immer wieder glitt sein scharfer Blick hinüber zu dem hübschen Gast des Pointners. Dazwischen spähte er auch nach dem Himmel, den das dunkle Wettergewölk schon völlig überzog.

Jetzt fuhr um die Ecke ein jäher Windstoß, der das Tischtuch aufblähte und alles, womit der Tisch bestellt war, auf die Erde zu schleudern drohte.

Der Pointner und Karli griffen mit beiden Händen zu. Und Götz sagte: "Jetzt wird's aber ernst." Achtsam trug er den Tisch mit allem, was draufstand, in das Haus.

"Sakra! Da hätt's bald klappern können!", meinte der Pointner und wandte sich an Karli: "Aber was is denn mit Dir? Weswegen stehst denn so verdattert da? Geh, rühr Dich, komm a bissl ins Reden! Da schau her! A schönere Gsellschaft kannst Dir net aussuchen." Schmunzelnd griff er dem Gast unter das runde Kinn.

Unwillig wehrte Kundi die Freundlichkeit des Pointners von sich ab.

"Maderl? Was hast denn?", fragte der Bauer verblüfft. Da näherte sich auf der Straße ein johlender Lärm. "Höi? Was is denn schon wieder?" Der Pointner trippelte neugierig zum Zaun hinüber. "Jeh, Karli, da komm her! Der Bygotter!"

Zögernd machte Karli ein paar Schritte und blieb wieder stehen. Kuni wandte keinen Blick von ihm, und in Spannung erweiterten sich ihre Augen. Jetzt hörte man von der Straße her eine Stimme, die den Pointner grüßte.

Ein etwa vierzigjähriger Mann in einem frisch gewaschenen Leinwandanzug ging vorüber. Es war der Lehrer. Unbehangen und Erregung sprachen aus seinem Gesicht. An seiner linken Seite ging eine hoch gewachsene, hager und dennoch breitschulterige, steife Mannsgestalt. Die Füße staken in hohen, fuchsigen Stiefeln; die eine Hand trug einen breitkrempigen Filzhut, die andere führte einen knorrigen Hakenstock. Die langen Flügel eines schwarzen, eng zugeknöpften Rockes flatterten im Wind, und um die Schultern wehten die Spitzen eines mächtigen Bartes, über dessen silbernes Grau vom Kinn weg zwei schmutzig gelbe Strähnen herunter liefen. Der Mund verschwand unter dem zottigen Schnurrbart. Eine scharfe Hakennase krümmte sich aus dem steinernen Gesicht. Graue, rotumränderte Augen funkelten unter weißen, buschigen Brauen, über denen sich eine hohe, knochige Stirn wölbte. Diese Stirn war kahl bis über den Scheitel hinaus; am Hinterkopf und an den Schläfen flatterte ein halb ergrautes Haar in dicken, zerzausten Büscheln.

Der Pointner schüttelte den Kopf. "Der hat sich freilich verändert! Jesses, jesses! Der ganze Jeremias, wie er auf die Trümmer von Jerusalem hätt sitzen können!" Er lachte über den eigenen Scherz und guckte zu dem Mädel hinüber, das zur Rechten des Lehrers ging: Den Kopf gesenkt, das Gesicht verstört und blass, mit zitternden Händen am Schürzenband nestelnd.

So schritten die drei vorüber. Da richtete Sanni sich auf; ihr Blick traf sich mit Karlis Augen. Hastig nickte er einen Gruß. Sie winkte einen stillen Dank und überflog mit scheuem Blick den Tross der schreienden Buben, die dem Bygotter ein unliebsames Geleit haben, und hinter denen noch eine schwatzende Schar von Burschen, Mädeln und alten Weibern sich nachdrängte.

Karli folgte dem Sannerl mit den Augen, bis er Kuni mit halblauter Stimme dicht an seiner Seite sagen hörte: "Dös is aber a liebs Madl."

Er sah die Fremde verwundert an und wandte sich wortlos ab. Kuni musterte die Gestalt des Burschen, und in ihren Augen zuckte etwas auf wie spöttischer Übermut. Dabei merkte sie nicht, dass sie beobachtet wurde - von Götz, der mit verschränkten Armen unter der Haustür lehnte.

Jetzt kam der Pointner vom Zaun zurück.

"A gspassiger Nam: Bygotter?", sagte Kuni.

"Eigentlich heißt er Knotzensepp, Josef Knotz. Als Bursch is er amal im Allgäu im Dienst gstanden. Da hat er sich's angwöhnt, dass er allweil gsagt hat: 'By gott, by Gott!' Drum haben 's ihn den Bygotter gheißen."

Zwei dralle, blonde Mägde betraten den Hof. Grüßend gingen sie vorüber, rissen beim Anblick der Fremden die Mäuler auf, guckten über die Schulter und stießen sich kichernd mit den Ellbogen an.

Kuni schoss den Mägden einen zornigen Blick nach und nahm ihr Bündel. "Jetzt wär's Zeit für mich. Bei denen zwei is wohl die versprochene Wegweiserin dabei? Oder -" Lächelnd wandte sie sich an Karli. "Was is denn mit Dir? Wär's Dir arg zwider, wann mich zum Wirtshaus führen müsstest?"

"Zwider?", brummte Karli. "Wann's sein müsst, was liegt denn dran?"

"Du Leimlackl, du langweiliger!", zürnte der Pointner. "Mach Dir nix draus, Madl! Wann's Dir recht is, bin ich selber Dein Führer."

Kuni lachte und schlenkerte ihr Bündel gegen den Burschen hin. "Du! An Deim Vater kannst Dir a Muster nehmen! Der hat a liebers Reden als wie Du. Und freundlich aufgwart hat er mir. Ja! Und hat mir den Antrag gmacht, ich sollt dableiben im Pointnerhof. Natürlich, ich hab Na gsagt, weil ich mir gleich denkt hab, er macht bloß an Gspaß mit mir. Gelt, Bauer? Hast Dich lustig gmacht über mich?"

"Was? Lustig gmacht?" Der Pointner warf einen unsicheren Blick auf Karli, als wär' ihm jetzt die Sache doch nicht ganz geheuer. "Nix da! Mein Ernst is gwesen! Mein völliger Ernst! Aber Du hast ja schon gsagt -"

"Dös heißt, wann's Dein Ernst wär?" Kuni blitzte den Bauer mit ihren dunklen Augen an.

"Aber gwiss! Mein Ernst! Aber gwiss!", stammelte der Pointner. "Ich sag doch in der eine Stund net babb und in der andern bib? Gelt, Karli, dös gibt's net bei mir!" Er fasste den Sohn an der Weste. "Gelt, dös wär Dir net recht, wann beim Vatern sein Wort nix gelten tät! Und schau, da is jetzt dös Madl kommen, dös Madl da, Kuni Rauchenberger heißt's. Und weil's Madl kein' Dienst hat, hab ich mir denkt - weißt, weil an Micheli unser Kathl aussteht, die mir die Kuchl bsorgt hat - natürlich, dös Gansl, dös fürwitzige, muss heiraten! Ja, und drum hab ich mir denkt, die Kuni kunnt bei uns bleiben, zum kochen, weißt, so quasi als Hauserin. Dös wär kein schlechter Einfall! Meinst net auch?"

Karli schwieg, hob die Achseln und nickte bedächtig vor sich hin. Das war ein Ja - wenn es der Pointner so nehmen wollte. Er nahm es als Nein, schnitt eine verdrießliche Miene, und es schien ihm ein ärgerliches Wort auf der Zunge zu liegen. Da sagte Kuni bescheiden. "Wann's Dir net recht is, Karli, dass ich bleib - ich find überall mein Platzl. Dös möcht ich net, dass ich aufs Wort vom Bauern hin auf an Antrag eingeh, der dem gwachsenen Haussohn kei' Freud net macht. Freilich, Du kannst ja net wissen, wie ich mich bei der Arbeit anstell -"

"Was redst denn da!", sagte Karli verlegen. "Mir is im Traum net eingfallen, dass ich ebbes dagegen hätt. Der Vater wird schon wissen, was er tut."

"No also, nacher bleib ich gern, wann's Dir grad so recht is wie Deim Vater," fiel Kuni ein, "und arbeiten will ich, was ich kann, und auf enker Sach will ich schauen, wie ich's versteh. Da denk ich, dass wir mit der Zeit noch gute Freund werden, Du und ich." Sie streckte ihm lächelnd die Hand hin.

Karli schlug ein. "No, ja! In Gottsnamen! Musst halt richtig auf'n Vater schauen, und dass er sein Sach und sein bessers Essen in der Ordnung kriegt. Nacher werden wir schon auskommen mitanand."

"No also! No freilich!", jubelte der Pointner. "Madl, was sagst? Ja, mein Karli! Dös is einer! Der sorgt sich für sein Vater! Aber komm, Madl! jetzt zeig ich Dir gleich Dein Stüberl, und morgen muss der Martl nach Reichenhall ummifahren und Dein' Kufer holen." Er fasste Kuni lachend am Arm.

Götz, der noch immer unter der Tür stand, trat beiseite, um die beiden einzulassen.

"Schau, da is ja gleich wieder einer vom Haus?" Kuni befreite ihren Arm. "Du bist der Götz, gelt? Und wie ich schon gmerkt hab, wirst Du mein Fürgsetzter beim Schaffen sein. Musst halt a bissl Geduld haben mit mir."

Zögernd sagte Götz: "Wir zwei werden net gar z'oft mitanand im Gschirr sein. Deine Händ schauen sich net an, als täten s' gern nach der Bauernarbeit greifen."

"Dös is gar net nötig!", erklärte der Pointner. "Die Kuni is da zum Kochen und zur Nahterei, ja, und zu meiner Pfleg! Dös hat sich mein Karli zur Bedingung gmacht. Aber komm, Madl, komm!" Er zog die neue Hauserin über die Schwelle.

Karli zog die Brauen hoch. "Götz? Was sagst?"

"No, 's Madl is sauber!" Götz nickte. "Sie kann eim gfallen, so zum Aufputz in d' Stuben. Aber mir schwank, dös is a Täuberl, dös kein' Fried ins Haus bringt. Die gwissen Falterln ums Göschl ummi! Ich bild mir ein, die kunnten ebbes erzählen. Und in die Augen hat s' a Gspiel -"

"Geh weiter! Was Du net alles siehst! Gar so gfahrlich wird's net sein! Und über ihre Augen sollst gleich gar nix sagen! Die hat ja 's gleiche Gschau als wie Du! Is schon wahr, ich hab mich fragen müssen: Hast Du ihre Augen oder hat sie die Deinen im Kopf?"

Götz lachte. "No, ein Unterschied, mein' ich, wär doch dabei. Meine Augen schauen nach der Arbeit aus. Nach was dem Madl seine Augen ausschauen, weiß ich net, und wann ich mir's denken kunnt, möcht ich's net sagen." Er schritt, einen Blick auf den finsteren Himmel werfend, über den Hofraum einer Scheune zu.

Eine Weile stand Karli in Gedanken. Dann wollte er ins Haus treten, machte kehrt, schlug den Weg ein, den Götz genommen, stellte sich unter die Stalltür und sah den Knechten bei der Wartung der Pferde zu.

Da hörte er vom Brunnen her eine Mädchenstimme: "Du, Kathl, hast es schon gmerkt? Die bleibt im Hof!"

"Aber, Zenz! Wirst doch net denken, dass ich mich da drüber wundern soll?", gab eine spitz klingende Stimme zur Antwort. "Dös hab ich mir gleich denkt, wie ich 's Weibsbild gsehen hab. Da müsst ich unsern Bauern net kennen -" Die Magd verstummte und guckte verlegen den jungen Pointner an, den sie plötzlich vor sich stehen sah.

"Du, Kathl! Noch an einzigs solches Wörtl, und du brauchst Micheli nimmer abz'warten! Da kannst lieber heut als morgen Dein' Kufer packen." Karli wandte sich von dem maulenden Mädel und ging verdrossen dem Haus zu. Schließlich beeilte er sich, die Schwelle zu erreichen. Es fielen die ersten Tropfen. Das wurde ein rauschender Platzregen. Nun grollte, ohne dass man einen Blitz hätte aufflammen sehen, ein dumpfer Donnerschlag durch die Lüfte, und grober Hagel prasselte über die Dächer.

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