Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 2

Der alte Pointner verließ, um die Hausbank wieder aufzusuchen, den Zaun, bei dem er die erstaunliche Neuigkeit von des Bygotters unerwarteter Heimkehr mit dem Nachbar verhandelt hatte.

Karlis Vater war ein Mann zwischen fünfzig und sechzig Jahren, schon ein wenig gebeugt, aber infolge der schweren Bauernarbeit als vom Druck des Alters. Das Grau, das sich in die braunen Haare mischte, war noch nicht allzu vordringlich. Gesundheit, Freude an behaglichem Leben und vergnügliche Zufriedenheit sprachen aus dem vollen, leicht geröteten Gesicht. Immer spielte ein Lachen um den Mund, über dem ein dicker Schnurrbart zu kecken Spitzen aufgedreht war; und lustig funkelten unter den buschigen Brauen die kleinen, lichtbraunen Augen.

Hang zur Bequemlichkeit verriet sich in der Kleidung, die der Bauer trug: In dem leichten Janker, in der weiten, unter den Knien lose gebundenen Lederhose, in den locker sitzenden, dunkelblauen Strümpfen und in den unförmlichen, aus schwarzen und roten Filzstreifen geflochtenen Hausschuhen.

Er streckte die Füße mit diesen Schuhen wohlig von sich, während er im Schatten des vorspringenden Daches auf der Hausbank saß, mit den Händen in den Hosentaschen wühlte und sorglos die drohenden Wetterwolken beobachtete, die sich, einer blaugrauen Mauer gleich, immer höher empor schoben über die Kette der westlichen Berge. Was konnte das nahende Ungewitter den Pointner kümmern? Feste Ziegel schützten die Dächer der Ställe, der Scheunen und des stattlichen Wohngebäudes. Auf seinen Wiesen lag kein Heu, das der Regen hätte verderben können. Und hoch, wie die Halme auf seinen Feldern standen, so hoch waren die Felder gegen Hagelschlag versichert. Er war ein 'Aufgeklärter', der Pointner, und hielt es mit den neuen Erfindungen, wenn sie sein Leben um eine Sorge ärmer machten.

"Der lässt sich's wohl sein wie der Bauer auf der Point!" Das war ein Sprichwort im Dorf geworden. Seit einigen Jahren erst! Früher, als die hochselige Kätter, die Pointnerin noch gelebt hatte, war ein anderes Sprichwort im Umlauf gewesen: "Auweh zwick! Der muss sich ducken wie der Bauer auf der Point."

"Ja, so eine Geldheirat! Der Pointner hatte alle Ursache, seinem Buben die gute Lehre zu geben: "Karli, schau net aufs Geld, schau aufs Gmüt!"

Sie hatte ein ungutes Regiment geführt, die Pointner-Kätter, und hatte sich mit massivem Quartier auf den dicken Geldsack gesetzt, den sie mit in die Ehe gebracht. Der junge Pointner, der als ein halbfertiger, unselbständiger und allzu gutmütiger Charakter auf seines Vaters Willen in diese Heirat hineingesprungen war, hatte seiner mehr als energischen Frau gegenüber gleich am Anfang das Gleichgewicht verloren. 'Ums lieben Friedens willen' hatte er klein beigegeben und hatte sich mit der Hoffnung auf 'seine Zeit' vertröstet. Aber 'seine Zeit' hatte lang auf sich warten lassen; sie war erst gekommen, als man die Kätter zum Hof hinausgetragen hatte, mit den Füßen voraus. Am Werkeltag die Arbeit, am Sonntag das Hochamt und der Rosenkranz, und zwischen allen Mahlzeiten die endlosen Litaneien der Kätter: Das war durch fünfundzwanzig Jahre des Pointners Leben gewesen. Seit dem fidelen Räuschl, das er sich an seinem Hochzeitstag angetrunken, hatte er keine vergnügte Stunde mehr gehabt bis zu dem Tag, an dem, im siebenten Jahr seiner Ehe, sein Bub, der Karli, getauft worden war. Dann nahm sein Leben wieder den alten unguten Gang bis zum letzten Tag dieser Ehe, der in einem Punkt jenem ersten glich: Denn als der Pointner nach dem Leichenbegängnis beim 'Gsturitrunk' im Wirtshaus saß, rühmte er vor seinen 'Mitklägern' so unermüdlich die guten Eigenschaften der Verblichenen, dass ihm die Zunge trocken wurde; drum musste er netzen und netzen, und das Ende war, dass der Pointner auf den Füßen der Nachbarn vom Leichenschmaus nach Hause ging.

Ehe noch die vier 'schwarzen Wochen' verflossen waren, führte der Bauer eine Neuerung in seinem Hof ein, die das Dorf zu dem lachenden Kommentar veranlasste: "Der Pointner rührt sich!" Was er in den unfreundlichen Jahren seiner Ehe der Kätter am allermeisten zum wohlweislich verschwiegenen Vorwurf gemacht hatte, war ihr gänzlicher Mangel an jeglichem Schönheitsgefühl gewesen. Nach den 'wirtschaftlichen' Prinzipien der Pointnerin mussten die Mägde, die im Pointnerhof dienten, das kanonische Alter noch um ein Erkleckliches überschritten haben. Und da suchte jetzt der Pointner den Beweis, dass nun 'seine Zeit' gekommen wäre, vor allem dadurch zu erbringen, dass er den beiden zahnlückigen Unholden, die mit Gezänk in Küche und Ställen umherrumorten, den Abschied gab und an ihrer Stelle zwei junge, dralle, muntere Weibsleute auf die Point berief. Dadurch gewann das Leben im Pointnerhof allerdings mit einem Schlag ein neues, ein 'junges' Gesicht; der Tag, der bisher mit Schelten begonnen, mit Schelten geendet hatte, nahm von nun an mit trällerndem Gesang seinen Anfang, mit Scherz und Gekicher sein Ende. Und da nannte es der Pointner: In Haus und Hof nach dem Rechten sehen - wenn er den lustigen Dingern bei der Arbeit zuschaute, mit ihnen schwatzte und sie zur Versicherung seiner Zufriedenheit in die Backen kniff. Geschah es manchmal, dass die Nachbarn den Pointner um dieser 'Renavürung' willen in die Zwickmühle nahmen, so verteidigte er sich lachend: "Ich schau halt auf mein' Nutzen! A jung Hand greift allweil riegelsamer bei der Arbeit zu als an alte." Etwas Einseitigkeit verriet sich allerdings in dme Umstand, dass der Pointner diesen Satz nicht auch bei der männlichen Hälfte seines Gesindes zur Anwendung brachte. Freilich, dass er seinen 'Meier', den Götz, nicht entließ, das war begreiflich; aber Martl, der 'Rosserer', und Stoffel, der 'Hausl', trugen doch auch zusammen schon ihre hundert Jährlein auf dem Rücken; aber in ähnlicher Weise, in der die 'Renavürung' auf den Bauer gewirkt hatte, wirkte sie auch auf die beiden Knechte, die zu den gestrengen Zeiten der Pointnerin zwei griesgrämliche Kerle gewesen waren und jetzt mit lachenden Gesichtern umherspazierten, als hätte man ihnen ein Päcklein Jahre von den Schultern genommen. Nur einer war sich bei diesem Wandel gleich geblieben: der Götz. Der ging seinen ruhigen Weg wie zuvor, tat zehnmal mehr, als seine Pflicht und Schuldigkeit war, und hielt dabei unter dem Gesinde die Zucht aufrecht, die sich bei der lustigen Nachsicht des Bauern häufig zu lockern drohte.

Während Götz in seinem Schweiß schaffte, ließ der Pointner die Arme ruhen und streckte die Füße. Er hatte sich genug geplagt in seinem Leben, so versicherte er bei jeder Gelegenheit; nun wollte er auch einmal den Dank der Arbeit genießen. Auf den Götz durfte er sich verlassen; der kannte kein anderes Interesse als den Vorteil seines Herrn; und was der Götz dem Pointner anriet, gedieh immer am besten. "Lasst's mir mein' Fried!", pflegte der Pointner zu greinen, wenn eines vom Gesinde in einer wirtschaftlichen Angelegenheit den Rat des Bauern einholen wollte. "Lasst's mir mein' Fried und geht's zum Götz! Der weiß eh alles besser wie ich!"

So kam es nach und nach, dass die Knechte und Mägde den Götz als ihren eigentlichen Herrn erkannten, daneben aber den Bauer, wie das Sprichwort sagt, in die wärmste Wolle wickelten.

Wie das Gesinde zwischen Bauer und Meier stand, so ähnlich stand Karli zwischen Götz und dem Vater. Er war dem Vater von Herzen zugetan; Respekt aber hatte er vor dem Götz. Daneben bewahrte er in seinem Herzen ein freundliches Gedenken an die verstorbene Mutter, obwohl sie den Bestrebungen des Pointners, den Buben gründlich zu verziehen, stets mit doppelter Strenge entgegenwirkte, wobei Götz ihr nach Kräften an die Hand ging.

Über die Wandlung auf dem Pointnerhof hatte sich Karli wenig Gedanken gemacht. Trotz seiner ehrlichen Trauer um die Mutter sagte auch ihm der lustige Ton besser zu als die unwirsche Stimmung, in der die Tage früher vergangen waren. Und dass seinem jungen Blut das muntere Dirnenvolk nicht gefährlich wurde, das auf dem Pointnerhof eingezogen war, dafür wusste Götz zu sorgen.

Bald nach der Mutter Tod war Karli zum Militär einberufen worden, hatte in München drei Jahre als Schwerer Reiter gedient, war dabei nach Soldatenweise aufgetaut und hatte auch ab und zu den 'verfluchten Kerl' gespielt, ohne jedoch aus diesen kleinen Scharmützeln zwischen Ernst und Leichtlebigkeit irgendwelchen Schaden an Leib und Seele davonzutragen.

Bei seiner Rückkehr in das Vaterhaus hatte er die Dinge genommen, wie er sie vorgefunden, und hatte sich in die entwöhnte Arbeit wieder eingeschickt. Und das ihm jetzt, da er manches mit anderen Augen ansah als früher, der leichte Ton im Pointnerhof nicht mehr gefährlich werden konnte, dafür war ein Zauber gut, der im Herzen des Burschen sacht zu wirken begann, als er ein freundliches Dingelchen, dem er als Knabe schon gut gewesen, nach der Heimkehr in ein schmuck erblühtes Mädel verwandelt sah.

Bei den sentimentalen Stimmungen, in die dieses aufkeimende Empfinden den Burschen versetzte, dachte er auch praktisch an die Zukunft und meinte, dass bald eine Stunde kommen könnte, in der er den Vater bei besonders guter Laune finden müsste. Drum tat er sein Bestes, um dem Vater das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Und wie sich's der Pointner wohl sein ließ! Es schien Wahrheit in dem Sprüchlein zu liegen, das der Stoffel - der 'schwäbische Stoffel', wie er um seiner Herkunft willen genannt wurde - verfasst und in Umlauf gebracht hatte:

"Beim Bauern auf der Point
Ist der luschtbare Frieden dahoint."

Dieser 'luschtbare Frieden' sprach aus den zwinkernden Äuglein und schmunzelte um den Schnabel des Pointners, während er sich im Schatten auf der Hausbank dehnte, die Hände in den Taschen, den Steinkrug an der Seite, in behaglicher Ruhe sein friedvolles Haus behütend.

Nun plötzlich schnitt er eine missmutige Miene. Es war ihm eingefallen, dass das Haushüten eigentlich eine Arbeit wäre. Drum guckte er nach der Gasse und brummte: "Dös hat einer davon, wann er sollene Lausmadln recht freundlich halt! Da rennen s' davon, lassen den Bauern in der Einschicht sitzen, und bei keiner is a Heimkommen zum erwarten! Ich sag's, grad plagen muss sich der Mensch allweil für andere Leut!"

Verdrießlich spähte er über Hof und Gemüsegarten gegen die bergwärts ziehenden Wiesen, ob nicht etwa der Götz von dorther nach Hause käme.

Da macht er große Augen. Hoch oben in der Wiese hatte er eine weibliche Gestalt gewahrt, die sich dem Gehöft näherte. Sie musste aus dem Wald gekommen sein und schien sich verirrt zu haben. Wenigstens schloss der Pointner so, als die Person in der Wiese stehen blieb, ringsum Ausschau hielt, dann wieder vorwärts schritt und flink den Staketenzaun überstieg, der den Gemüsegarten von den steilen Wiesen trennte. "Hoho, die geht aber schön gradaus!", lachte der Bauer. "Was is denn jetzt dös für eine? A Hiesige is dös net!" Er stützte die Hände auf die Knie und schaute neugierig der Fremden entgegen, die leichten Ganges zwischen den Gartenbeeten einher schritt und jetzt den Hof betrat, wobei sie in der einen Hand ein weißes Bündel schlenkerte und mit der anderen das geblumte Kopftuch tiefer in die Stirn zupfte. Es war eine mittelgroße Gestalt mit festen Formen und dennoch von geschmeidigem Wuchs. Die üppige Brust war umschlossen von einem schwarzen, straff anliegenden Tuchleibchen. Aus den engen Ärmeln spitzten die schmalen Säume weißer Manschetten hervor. Über die runden Hüften schwankte in schmalen Falten ein schwarz und weiß gestreifter Rock, der kaum bis zu den Knöcheln reichte. Die ganze Gestalt macht den Eindruck bewusster Sauberkeit, wenngleich die hohen, mit baumelnden Quästchen besetzten Seidenstiefelchen in üblem Zustand waren.

Der Pointner legte den Kopf auf die Seite und spitzte, nach einwärts pfeifend, die Lippen. In Wohlgefallen gingen ihm die Backen auseinander, als er das Gesicht der Fremden besser gewahren konnte, dieses runde, weiße Gesicht mit den lebhaften schwarzen Augen, mit den molligen Grübchen im Kinn und auf den leicht geröteten Wangen, auf denen einige Sommersprossen nur vorhanden schienen, um das reine Weiß und Rot der übrigen Haut noch besser zu heben.

"Ja was is denn jetzt dös?", rief der Pointner mit Schmunzeln der Näherkommenden entgegen. "Was krieg ich denn da für an bildsaubern Bsuch? So ganz hinterrucks? Wo kommst denn her, Madl? Wer bist denn?"

"No, jetzt bin ich schon zfrieden!", lachte die Fremde und zeigte, während sie vor dem Bauer stehen blieb, zwischen den roten Lippen die festen weißen Zähne. "Ich hab mich schon auf a Donnerwetter gfasst gmacht. Soviel weiß ich schon, dass a Bauer wenig Freud dran hat, wann man ihm so einistapft über d' Wiesen."

"Macht nix, Madl, macht nix! Kannst ja nix dafür. Wie ich mir denk, wirst Dich verirrt haben?"

"Ja! Drei Stund bin ich da droben im Holz umanand kraxelt. Wo bin ich denn eigentlich jetzt?"

Der Pointner nannte den Namen des Dorfes. "Jetzt bist im Pointnerhof, und ich bin der Bauer."

Musternd sah die Fremde am Haus hinauf und nickte unter leichtem Gähnen: "A schöner Hof, der Pointnerhof! Gfallt mir, ja!"

"So? Und vom Bauern sagst nix? Der gfallt Dir leicht net a bissl, was?"

Lachend sah die Fremde dem Pointner in die Äuglein. "Dös kannst net wissen! So grad eini ins Gsicht kann ich Dir d' Schönheiten doch net sagen!"

"Allweil zu! Musst kein' Schenierer net haben! Ich nimm mir auch kein Blattl vor'n Schnabel. Ah na, schau, ich sag Dir's gleich ins Gsicht, wie d' mir gefallst, Du teufelmaßig saubers Madl Du!"

Die Fremde lachte wieder. "Bist a lustiger Bauer! Aber 's Lachen hilft mir net weiter. Wirst mir wohl verraten können, ob im Ort a Wirtshaus is, wo man über Nacht pasabel aufghoben wär?"

"No freilich is a Wirtshaus da! Aber dös gibt's fein net, dass man sich durch'n Pointnerhof durchtummelt wie a Mäuserl durch d' offene Stubentür. So a Gsellschaft krieg ich net wieder. Da, setz Dich a bissl her zu mir!" Mit Beiden Händen zog der Pointner die Fremde zu sich auf die Hausbank. "So, da bleibst sitzen, bis eine von meine Weibsbilder heimkommt! Die kann Dich nacher führen, dass Dich net wieder verirrst."

"Meintwegen! Ich kann's Sitzen jetzt schon verleiden. Der Marsch, den ich gmacht hab, liegt mir ordentlich in die Füß."

"Wo kommst denn her?"

"Von Rosenheim."

"Was? Dös is ja a Weg von a paar Tag!"

"Ich bin auch schon drei Tag unterwegs. Am Mittwoch bin ich aus'm Dienst ausgstanden und hab mir denkt, ich möcht auch amal a bissl Sommerfrisch machen. Und weil ich nach Reichenhall ummi hätt mögen, wo ich an neuen Dienst suchen will, hab ich meine Sachen mit der Eisenbahn vorausgeschickt zum Rösselwirt und bin drauf los marschiert. No, und bis heut Mittag is alles gut gangen. Aber da droben durchs Holz durch hab ich den richtigen Weg verloren, ja, grad umanander schliefen hab ich müssen. Ich bin nur froh, dass ich mein Gwandl ganz davon bracht hab. Aber meine armen Schucherln hab ich mir sauber vertreten!" Sie hob die Füße und zog den Rock ein wenig in die Höhe.

"Jesses, Jesses! Ah, ah, ah, ah!", jammerte der Pointner, wobei der vergnügliche Ausdruck seines Gesichtes mit dem kläglichen Ton seiner Worte wenig übereinstimmen wollte. Um den Schaden, den die armen 'Schucherln' genommen, besser sehen zu können, beugte er sich vornüber und suchte die bauschigen Falten des Rockes beiseite zu schieben. Flink fuhr die Hand der Fremden mit klatschendem Schlag auf seine Finger nieder.

"Jetzt den schau an!" Sie streifte das Gesicht des Bauern mit einem halb belustigten, halb gering schätzenden Blick. Auch in der Art, in der sie den Bauer mit dem Ellbogen von ihrer Seite drängte, verriet sich kein allzu ernstlicher Unwille. Das sah sich eher an wie eine gewohnheitsmäßige Bewegung.

"Jeh! Du bist aber a Schneidige!", brummte der Pointner, während er sich die Finger rieb. "Ghörst leicht zu die Igel, weil man gar net ankommen därf an Dich? Aber -" Da tappte er nach dem Arm des Mädels, das sich erhoben hatte. "Was is denn? wirst mir doch am End net ausreißen wollen?"

"Ja. Ich denk, ich find 's Wirtshaus allein auch. Dös kannst Dir doch denken, dass man auf so an Marsch auffi an Hunger kriegt."

"Was? Hungern tut Dich? O Du arms Madl! Weswegen hast denn dös net gleich gsagt! Essen und trinken kriegst im Pointnerhof besser als wie im Wirtshaus. Wart a bissl, da is gholfen auf der Stell!"

Während ihm die Fremde lächelnd nachguckte, trippelte er davon und verschwand im Haus. Bald kam er wieder und stellte vor das Mädel ein kleines Tischchen hin, das von einer weißen, mit grober Kreuzsticharbeit gezierten Leinwand bedeckt war. Schwatzend eilte er wieder davon, kehrte zurück, verschwand aufs neue, und da sah nun die Fremde vor sich auf dem Tisch frisches Bier in einem geschliffenen Deckelglas, einen Brotlaib und zwei zinnerne Teller mit Rauchfleisch und Käse. Zuletzt brachte der Pointner ein Silber beschlagenes Besteck, kratzte mit der Gabel die angeklebten Brotreste von der Messerklinge, griff nach dem Brotlaib, machte mit der Messerspitze das Kreuz darüber, schnitt ihn zur Hälfte durch und reichte ihn seinem Gast hin.

"So, Madl, jetzt iss und lass Dir's schmecken!"

"Dös is aber schon a bissl z' viel Freundlichkeit!", meinte die Fremde spöttisch. "Is dös allweil so der Brauch im Pointnerhof?"

"Was denn anders?" Der Pointner setzte sich an die Seite des Mädels. "Selig sind, welche die Durstigen tränken und die Hungrigen speisen, sagt der Herr Pfarr."

"Aber was sagt denn die Bäuerin zu Deiner christlichen Nächstenlieb?"

"Gar nix. Die hat der liebe Herrgott selig. Ich bin Witiber."

"So? Witiber bist?" Die Fremde maß von der Seite die Gestalt des Bauern mit einem wägenden Blick. Dann verzog sie den Mund, und während über ihre schmal gewordenen Lippen ein kurzes Lachen klang - als lache sie über einen Gedanken, der plötzlich in ihr aufgestiegen - drückte sie den Kopf in den Nacken und hob die Schultern in die Höhe.

"Jetzt da schau her!", staunte der Pointner, als er diese Bewegung gewahrte. "Grad, als hätt's einer vom andern glernt!"

"Was?"

"No, weißt, an Meier hab ich, Götz heißt er, der macht's fein grad so wie Du - so!" Dabei suchte er jene Bewegung nachzuahmen, was bei seinem kurzen Hals possierlich anzusehen war.

"So werden's auf der Welt noch mehr Menschen machen!", sagte die Fremde und griff nach dem Bierglas. Sie klappte mit dem Daumen den Zinndeckel auf, blies den Schaum zurück, nippte, und streifte mit der flachen Hand den Deckel wieder zu, ganz in der Weise, wie es die Gewohnheit der Kellnerinnen in den Dorfwirtshäusern ist.

Schmunzelnd fragte der Pointner, wie der Trunk ihr gemundet hätte. Dann war er ihr beim Zerlegen des Fleisches behilflich und bediente sie unter endlosem Zureden mit freundlicher Aufmerksamkeit. Das schien die Fremde entweder nicht zu bemerken oder wie etwas Gewohntes zu dulden. Gleichmütig aß und trank sie und gab auf die lachenden Reden des Pointners trockene Antworten, als begänne ihr die Sache langweilig zu werden. Manchmal klang aus ihren Worten ein Spott, für den das glückliche Selbstbewusstsein des Pointners keine Ohren hatte. Als sie einmal mit ihm anstoßen wollte, 'auf lange, gsunde Witiberzeit', rannte er davon, um seinen geleerten Steinkrug wieder zu füllen. Und während er dann weiterplauderte, trank er so tapfer, dass der sanfte Glanz auf seinen wohlgenährten Backen zu hellem Leuchten wurde und die Wirkung des raschen Trunkes nicht nur in seinen sprudelnden Reden sich bekundete. Schließlich fiel ihm ein, dass er seinen Gast noch gar nicht um den Namen gefragt hatte. "Wie man so ebbes vergessen kann! Aber jetzt sag mir nur gleich, wie heißt denn?"

"Kuni Rauchenberger."

"Kuni? A schöner Nam! Kuni, Kuni, dös sagt sich schon so gwiss! Da weiß man gleich, dass ebbes dahinter is. Und wo hausen denn Deine Leut?"

"Aus 'm Oberisartal bin ich her." Ein Zug von Schwermut erschien auf ihrem hübschen Gesicht. "Mei' Mutter is lang schon verstorben." Seufzend schüttelte sie den Kopf und fügte mit harten Worten bei: "Mein Vater is auch schon in der Ewigkeit, ja. A Wirt is er gwesen."

"Unser Herrgott soll s' selig haben, alle zwei!", wünschte der Pointner, der sich in rührseliger Vertraulichkeit an Kunis Schulter lehnte. "Wie Du mich dauern tust, Du arms Madl, Du! Und jetzt stehst ganz allein in der Welt?"

"Ah na! Zwei Brüder hab ich. Und was für Brüder! Der älter is in Lenggries. So a Pamperlwirt. Und der ander, von dem unser Herrgott wissen mag, wo er umanand fahrt, der is Metzger. Schon mehr a Schinder wie a Metzger! Dös is a ganz braver! Der!"

Der Pointner machte die Augen rund. "Du redst aber schön von Deine Brüder!"

"Sie sind auch danach!", klang es scharf. "Die zwei haben sich bei mir kei' gute Nachred net verdient. Und gar der Metzger!" Als wäre ihr schwül geworden, riss sie das Kopftuch herunter.

"Haben s' Dich schlecht ghalten?", jammerte der Pointner, während er gustiös zu dem kleinen rosigen Ohr des Mädels hinaufblinzelte und zu den dicken rotbraunen Zöpfen, die über dem weißen Nacken zu einem straffen Netz verflochten waren. "So zwei Teufelsbraten von Brüder! Und so a Schwester haben! Ja, Du, ich wann Dein Bruder gwesen wär, ich hätt Dich anders ghalten, ich schon, ich! Da hättst es fein ghabt! Überhaupt, auf'm Pointnerhof, da is 's gute Leben daheim. Grad wohl sein lass ich mir's! Im nächsten Fruhjahr übergib ich meim Buben den Hof. Nacher hab ich gar kein Arbeit nimmer und las mir 's Leben erst recht schmecken!"

"So? An Buben hast?", sagte Kuni zerstreut. "Und jetzt schon willst übergeben? Wer wird sich denn so frühzeitig auf die linke Seit legen? Bist ja noch gut beinand. Aus Dir lacht ja noch 's helle Leben aussi."

"Wahr is, Madl! Du hast amal die richtigen Augen!" Der Pointner fuchtelte vor Vergnügen mit den Fäusten. "Und mir gfallst auch! Weißt was? Bleibst bei mir! Und haltst mir 's Haus in Ordnung! Und kochst mir gute Sachen zum essen! A saubers Stüberl kriegst, und Lohn kannst haben, was d' magst!"

"Ah was! Dummheiten!", wehrte Kuni und runzelte die Stirn. "Für die freundliche Bewirtung sag ich Vergelt's Gott. Im übrigen mach ich, dass ich bald weiter komm. Was tät denn ich da heraußen auf dem Nest? Ah na! Ich geh nach Reichenhall."

"Was? Net bleiben willst? Bei mir net bleiben?", kreischte der Pointner. "Oho! Ausgredt is ausgredt! Da hast gleich d' Hand drauf! Und jetzt eingschlagen auf der Stell!" Er wartete nicht lang auf den Handschlag; mit allen zehn Fingern haschte er die Hand des Mädels.

Sie befreite sich unwillig. "Geh, lass mir mei' Ruh!"

Der Pointner zappelte, rollte die Augen, blies die Backen auf und hub zu kollern an: "Madl! Madl! Ich sag Dir's! Ich sag -" Er verstummte und schielte halb geärgert und halb verlegen nach dem Türchen des Straßenzaunes.

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