Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Unfried

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      Ludwig Ganghofer
         Der Unfried
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Kapitel 1

Nicht ein einziges Wölklein trübte das sommerliche Blau des über Berg und Tal gespannten Himmels; auch die Rauchsäulen, die von den Dächern senkrecht in die Höhe stiegen, erweiterten sich zu dünnem Dunst und zerflossen spurlos in den von Sonnenglut erfüllten Lüften. Die Berge waren von flimmerndem Duft umwoben. In den dunkelgrünen Forst, der sich von steiler Höhe den Wiesen des Dorfes entgegensenkte, rührte kein Windhauch die Wipfel. Man hörte nur das schläfrige Gemurmel der spärlich rinnenden Bächlein, die durch Bergfurchen ihren Weg zum Tal suchten, um dem breiten, sacht rauschenden Bach entgegenzueilen. Einem hell blitzenden Silberband gleich, umspannte er das Dorf in weitem Bogen, verlor sich in Laubgehölzen und blitzte wieder zwischen Wiesen und Getreidefeldern, auf denen das Grün der hoch stehenden Halme sich schon zu gelber Reife zu wandeln begann.

Auf den Wiesen gaukelten weiße Falter, über den Getreidefeldern standen schwärzliche Schnakensäulen in der vor Hitze zitternden Luft, und auf der Straße summten graue Bremsen und blaugrüne Fliegen um die heißen, verstaubten Steine.

Sonst nirgends eine Spur von Leben in der weiten Talflur. Auf den Wiesen kein Mähder, auf den Feldern kein Schnitter, kein brüllendes Rind, kein Ross im Geschirr. Es war Sonntag. Dazu diese Sonne, diese drückende, glühende Sonne. Im Dorf hatten sich selbst die Schwalben schläfrig unter die vorspringenden Dächer geduckt. In den Grasgärten lagen die Hühner und Enten regungslos in spärlichen Schatten der nach Regen lechzenden Obstbäume. Aus den geschlossenen Ställen ließ sich kein Klirren vernehmen, kein Brüllen und kein Wiehern. Aber diese sengende Hitze störte nicht die 'Sonntagsruhe', welche die Menschen im Dorf hielten. Die Kinder trieben auf der Straße ihre lärmenden Spiele. Es klang das schnatternde Gelächter der Mädchen und Weiber, die sich auf den Hausbänken in der brennenden Sonne so wohl zu fühlen schienen, als säßen sie im kühlsten Schatten. Ein johlender Gesang hallte aus den offenen Fenstern der überfüllten Wirtsstube, und Lachen, Schelten und Schreien ließ sich vom Wirtsgarten her vernehmen und mischte sich mit dem Poltern der rollenden Kugel und dem Gerappel der fallenden Kegel.

Ein armes Ding, so eine Kellnerin im Dorf, deren schwerster Werktag der Sonntag ist. Da rennt sie hin und her zwischen Haus und Garten, atemlos, mit dunkel geröteten Backen, die weiße Schürze nass von verschüttetem Bier. Kaum ist sie im Haus verschwunden, so kommt sie schon wieder über die Schwelle gehastet, in jeder Faust vier steinerne Krüge, von denen der Schaum in dicken Flocken nieder rinnt. Keuchend erreicht sie die Kegelbahn, ein Dutzend Hände strecken sich ihr entgegen, im Nu ist sie ihrer Bürde ledig, und ehe sie noch richtig weiß, von wem sie ihr Geld zu fordern hat, werden ihr schon wieder von allen Seiten leere Gläser und Krüge auf die Arme geschoben. Schelten und keifen muss sie, um zu ihrem Geld zu kommen, und muss sich herumbalgen in dem dichten Knäuel der hemdärmeligen, von Trunk und Spiel berauschten Burschen. schreiend, spottend und streitend drängen sich die Spieler durcheinander, die Kugel poltert, die Kegel rasseln und auf dem Laden klirren die Marktstücke und die blanken Taler.

Draußen über die Kugelrinne stehen in langer Reihe die Zuschauer, solche, die gerne mittäten und mit Ärger das magere Beutelchen in der Tasche befühlen, aber auch solche, die missbilligend dieses prahlerische Umwerfen mit dem sauer verdienten Geld verfolgen.

Zu diesen letzteren mochte der Bursch zählen, der aus der Schar der Zuschauer sich löste, den Wirtsgarten verließ und dem offenen Feld zustrebte.

Eine schlanke, elastische Gestalt von jugendlicher Kraft und Frische. Er hätte nicht die blaue Hose der Schweren Reiter mit den roten Streifen tragen müssen; schon die stramme Haltung und der feste Gang hätten verraten, das es noch nicht allzu lange her war, seit er den Rock des Königs wieder gegen die Lodenjoppe vertauscht hatte.

Er trug die Joppe lose um die Schultern gehängt, und unter ihr zeigte das faltige Hemd im Sonnenschein ein blendendes Weiß, von dem sich der hochrote Zackenbesatz der Hosenträger schimmernd abhob.

Der Wohlstand des Hauses, das der Bursche sein Heim nannte, verriet sich in der schweren Silberkette, die an der offenen, grünen Weste baumelte, in dem faustgroßen, bei jedem Schritt klappernden Charivari, in den großen, teuren Hirschhornknöpfen der Joppe und in dem wertvollen Adlerflaum, der eine schmucke Zierde des grünen Hutes war. Schief und keck saß dieser Hut über dem braunen Haar; nur kärglich beschattete er mit seiner schmalen Krempe das gesunde, sonnverbrannte Gesicht, dem das spitz aufgedrehte Schnurrbärtchen einen leichten Zug von Stolz und Trotz verlieh, wogegen freilich der gutmütige Frohsinn Einspruch erhob, der aus den braunen Augen lachte.

Raschen Ganges schritt der Bursch über die Wiesen und durch die Ährenfelder, verfolgt von summenden Fliegen. Einmal blieb er stehen, lüftete den Hut und brummte: "Saxen! Is dös a Hitz! Verschmelzen möcht einer gleich!"

Es war kein Weg, den er machte - es war ein Umweg. Den Hügel, dem er sich nach halbstündigem Bummel zuwandte, hätte er vom Dorf aus in wenigen Minuten erreichen können, wenn er dem breiten Sandsteig gefolgt wäre, der vom Marktplatz zu jener Höhe führte, über deren mächtige Linden ein Kirchlein sein spitzes, braunrotes Turmdach reckte.

Je näher der Bursch den Büschen kam, die den Fuß des Hügels umsäumten, desto langsamer wurden seine Schritte, desto flinker die spähenden Blicke, mit denen er durch die Lücken des Laubwerkes die grasige Plattform musterte, auf der das Kirchlein sich erhob.

Jetzt spielte ein Lächeln um seinen Mund. Lautlos stieg er zwischen den Büschen empor. Als er die Plattform erreichte, blieb er stehen und teilte mit den Armen das Laubwerk. Wenige Schritte vor ihm stand eine alte Linde, deren knorriger Stamm von einer verwitterten Holzbank umzogen war. Ein Strohhut mit einem verblichenen blauen Band auf ein plumper Sonnenschirm lagen auf dieser Bank, und daneben saß das Mädel, dem die Sachen gehörten. Ein schwarz und blau gewürfeltes, verwaschenes Perkalkleid umschloss den schlanken Körper, dessen knospende Formen sich trotz der starren Falten des groben Gewandes noch gefällig verrieten. Unter dem Rock lugten die gekreuzten Füße hervor, in roten Strümpfen und geflickten, aber spiegelblanken Halbschuhen. Die Hände hielten ein Strickzeug und rührten emsig die Nadeln - zwei braune Hände, die an Arbeit gewöhnt schienen. Auch auf den Wangen des mehr kindlichen, als mädchenhaften Gesichtes lag ein leichtes Braun, umzogen von Schwarz der Haare, die in zwei schweren Flechten um die Stirn geschlungen lagen. Das Mäulchen hatte ein frisches, feuchtes Rot, und in lichter Bläue glänzten die Augen, die das Mädel fürsorglich zu dem kleinen Korbwagen hob, der unter dem grünen Vorhang des aufgespannten Dächleins in geblumten Kissen das pausbäckige Gesicht eines schlummernden Kindes gewahren ließ.

Wieder hob das Mädel die Augen; diesmal zu den raschelnden Büschen. Ein leichtes Rot überflog die Wangen beim Anblick des Burschen, der auf die Linde zugeschritten kam.

"Grüß Dich, Sanni!"

"Grüß Gott, Karli!" Das Mädel beugte das glühende Gesicht über die zitternden Nadeln.

"Hast Dich auch a bissl in' Schatten gemacht?"

"A bissl, ja!"

"Hast schon recht! Heut möcht einer in Boden einischliefen, bloß dass er der Sonn auskommt." Er lüftete das Hütl. "Is verlaubt?", fragte er, schob Sannis Hut und Sonnenschirm beiseite und setzte sich auf die Bank.

"Aber ich bitt schön!" Sanni, von neuem errötend, rückte hastig beiseite.

"Was bleibst denn net sitzen?", schmollte Karli und rückte nach. "Is ja Platz grad gnug! Ah, Saxen! So a Hitz!"

"Ja! So a Hitz!", bestätigte Sanni, legte das Strickzeug in den Schoß und drückte die Hände auf die heißen Wangen.

"Da kommt noch ebbes bis auf'n Abend."

"Ja, ich hab mir's selber schon denkt."

Gleichzeitig neigten sich die beiden vornüber, um nach dem westlichen Himmel auszuschauen. Dabei berührten sich ihre Schultern, das schienen sie nicht zu bemerken; lang und ruhig hielten sie in dieser Stellung aus.

"Ganz blau! Noch alles ganz blau!", versicherte Sanni und meinte den Himmel.

"Ja, wunderschön blau!", erwiderte Karli und meinte Sannis Augen. Dabei drohte er das Gleichgewicht zu verlieren und kippte mit dem Ellbogen bis auf die Bank herunter, als Sanni plötzlich aufsprang, um eine Hummel zu verscheuchen, die summsend das Dächl des Korbwagens umflog. Sie strich mit sanfter Hand dem schlummernden Kind die dünnen Härchen aus der Stirn. Achtsam zog sie die grünen Vorhängelchen zu, ging um den Wagen herum und setzte sich auf die andere Seite der Bank, wobei sie nicht zu gewahren schien, dass Hut und Sonnenschirm nun zwischen ihr und dem Burschen lagen.

Karli zog die Brauen hoch und richtete die großen Augen auf das ruhige Gesicht des Mädels, das mit tippender Nadel am Strickzeug die Maschen zählte.

"Ah ja!", seufzte er nach einer stummen Weile, streckte die Füße und presste den Rücken gegen den Stamm der Linde. Dann rückte er unauffällig ein bisschen näher und sagte: "Völlig wachsen sieht man dös Strümpferl unter Deine Händ. Für Dich wär's ein bissl z'klein. Wem ghört's denn?"

"Für 's Lehrer-Sepherl."

"Drum! So ebbes hab ich mir gleich denkt. A bissl Augenmaß hat man ja doch im Kopf."

Sanni errötete bis unter die Haare, und während sie das Gesicht über das Strickzeug neigte, zog sie hurtig die Füße unter den Rock zurück.

Lächelnd nahm Karli den Strohhut des Mädels auf den Schoß und zupfte an der blauen Masche. "Wie geht's denn der Frau Lehrerin?" Er legte den Hut auf die andere Seite und rückte näher.

"Dank der Nachfrag! Es macht sich schon. Gestern hat s' den ersten Kirchgang ghalten."

"Is a fleißiger Vogel, der Storch im Lehrerhaus! Sechs Kinder springen umanand, eins liegt da im Wagerl und 's jüngste daheim in der Wiegen. Da hast es auch net zum Besten dabei. Statt dass Dich am Sonntag a bissl ausschnaufen kunntst, musste drauf los nadeln, dass Dir d' Fingerln krumm werden möchten."

"Allweil sind s' noch ganz grad!" Sanni schaute freundlich, beinahe dankbar zu dem Burschen auf. "Es is net so arg mit der Arbeit, gwiss net! Die Frau Lehrerin greift selber fest mit zu, und fürs Gröbere is d' Magd da. Was ich zum tun hab, tu ich gern. Ich hab ja in fünf Jahr, seit mein Ahnl gstorben is, im Lehrerhaus a zweite Heimat gfunden. So viel gut is der Herr und d' Frau zu mir. Und die Kinderln hängen mir fürchtig an."

"Ja, ja, ich kann's ihnen net verdenken!", beteuerte Karli, ergriff den Sonnenschirm und unterzog den plumpen Mechanismus einer Probe.

"Gwiss wahr, wann wir oft von meim Vater reden, kann d' Frau Lehrer net gnug sagen, wie s' a ganze Angst davor hätt, dass er amal aus Amerika schreiben tät, ich sollt zu ihm ummikommen."

"Dös wird ihm doch net einfallen!" Karli legte erschrocken den Sonneschirm zum Hut und rückte dicht an Sannis Seite. "Hat er leicht wieder ebbes hören lassen von ihm?"

Traurig schüttelte Sanni den Kopf. "Vor zwei Jahr, wie er gschrieben hat, dass d' Mutter verstorben is, dös war der letzte Brief - weißt es ja noch, wie selbigs Mal im Ort so viel drüber gredt worden is, weil so gspassige Reden drin gstanden sind."

"Ja! Die einen haben gsagt: Der schreibt wie a Heiliger. Die andern haben gmeint: Der schreibt wie einer, bei dem's nimmer ganz sauber is im obern Stüberl."

"Karli! Aber geh!"

"No, schau, da musst net beleidigt sein! Der Kummer wird halt so gspassig aus ihm gredet haben. Er hat doch dei' Mutter selig a bissl gern ghabt? Net?"

"Oh, gewiss! Wann s' net zammghalten hätten, da hätten s' ja gar kein' Trost net ghabt im Elend. Ich sieh s' noch völlig sitzen vor mir, d' Mutter mit ihre guten Augen und den Vater mit seim sinnierlichen Gsicht. O mein lieber Gott! Jetzt wird er anders ausschauen! Elf Jahr! Und wie's ihm gangen is! 's Bessere hat er gsucht über'm Wasser, ja, und 's Schlechtere hat er gfunden. Wie oft hat er in die ersten Jahr gschrieben, dass er gern wieder zruck möcht, wann er nur 's Geld aufbringen kunnt zum Heimreisen."

"Da wird's jetzt auch noch net anders sein mit ihm. Wie kunnt er da denken, dass er Dich amal ummi kommen lasst? Dös kann ich mir gar net einbilden."

"Leicht hat unser Herrgott doch amal an Einsehen ghabt und hat ihm 's Glück zugwendt."

"Geh! Am end haltst es schon gar nimmer aus bei uns?"

Sanni blickte verschüchtert in das finstere Gesicht des Burschen und beugte sich wieder über das Strickzeug.

"Und so leicht kunntst fort von da?", forschte Karli weiter. "Gar nix kunnt Dich halten?"

Eine stille Weile verstrich, ehe Sanni leise erwiderte: "Da dürft ich net drauf denken, was mich halten kunnt. Da müsst ich bloß hören, was mich ruft. Mein Vater ist mein Vater. Und so gut ich auch ghalten bin im Lehrerhaus, die eigene Heimat is halt doch ebbes anders. Und was mir 's ärgste is: Dass ich net amal an meiner Mutter selig ihrem Grab a Vaterunser beten kann!" Sanni legte das Strickzeug in den Schoß und fuhr mit dem Handballen nach den Augen.

Sachte zog ihr Karli die Hände vom Gesicht. "Geh, Sannerl! Wer wird denn gleich alles von der schwarzen Seit anschauen!"

"Du hast leicht reden! Du hast Heimat, Haus und Vater. Du bist der Pointner-Karli. Und ich - ich bin 's Bygottermadl!"

"Jetzt so was! Wie magst denn so an Unterschied machen? Ein Mensch is wie der ander! Was einer hat, dös macht kein' Unterschied. Aufs Einwendige kommt's an. So denk ich! Und dös wird noch amal aufkommen, dass ich so denk!" Karli nickte mit anzüglicher Wichtigkeit. "Ich bin keiner, der meint, wo a Geldhaufen is, muss noch an andrer dazukommen. So denkt auch mein Vater jetzt. Der hat's an ihm selber erfahren, dass eim 's Leben ungut wird, wann alle Tag zum hören kriegst, wie viel Geld Dir der Pfarr ins Haus kopuliert hat. Wie oft schon hat er gsagt: 'Bub, schau net aufs Sach, schau aufs Gmüt!' So will ich's halten. Ich nimm mir eine, die mir gfallt und die mich gern hat." Noch enger drückte sich Karlis Ellbogen an Sannis Arm. "Und wer weiß, leicht kunnt ich dieselbige schon gfunden haben, die mir gfallt, und -" Karli verstummte und sah verdrossen gegen den Pfad, der vom Dorf heraufführte. "Jetzt da schau! Wie verirrt sich denn der auf amal daher?"

Die unmutigen Worte galten einem etwa fünfundvierzigjährigen Mann, der auf der Plattform erschien; eine gedrungene, sehnige Gestalt mit ruhigen Bewegungen; das abgetragene Gewand verriet den Bauernknecht. Kein silbener Knopf, kein Schmuck war an ihm zu sehen; die Pfeife, die er zwischen den Zähnen hielt, trug einen deckellosen Porzellankopf; keine Schnur, keine Feder zierte den grobfilzigen Hut, unter dessen Krempe die früh ergrauten Haare in dichten Büscheln hervorquollen. Die Ohren verschwanden hinter einem kurzen Backenbart, der ähnlich einer erstarrrten Schaumflocke an den faltigen Wangen klebte. Kinn, Hals und Oberlippe waren glatt rasiert. Kleine Fältchen reihten sich strahlenförmig um den farblosen Mund und um die Augen, die dunkle und ernst aus dem verwitterten Gesicht blickten.

Als der Knecht die beiden gewahrte, die unter der Linde saßen, flog über sein Gesicht ein leises Lächeln; er nahm die qualmende Pfeife aus dem Mund, duckte auf eine ganz eigene Art den Kopf in den Nacken, wobei er die Schultern ein wenig in die Höhe zog, und näherte sich mit den Worten: "No also, ich hab mir ja denkt, wo ich hingehn muss."

"Was willst denn, Götz?", fuhr Karli auf, während Sanni errötend von der Seite des Burschen wegrückte. "Is leicht bei uns daheim ebbes auskommen?"

"Bei uns daheim? Ah na! Aber d' Sanni sucht man im ganzen Ort."

Erschrocken sprang das Mädel von der Bank und wickelte das Strickzeug zusammen. "Jesus! Was hat's denn geben?"

"Da musst Dich net aufregen!", erwiderte der Knecht mit ruhigen Worten. "Ebbes Schreckhafts is net dabei. Übrigens weiß ich selber net gnau, warum s' Dich eigentlich suchen. Was d' Leut so gredt haben, kommt's mir für, als hätt Dein Vater wieder ebbes von ihm hören lassen."

Sanni erblasste und warf einen huschenden Blick auf Karli, ehe sie stammelnd fragte: "Tust mich net spotten?"

"Spotten? Weswegen denn spotten? Du tust ja grad, als ob ich Dir gsagt hätt: Dein Vater selber wär kommen! Übrigens, was Sicheres weiß ich net! Wie d' Leut gredt haben, hat man so und so denken können. Am besten ist, Du gehst heim und schaust amal selber nach, ob's wahr is, dass Dein Vater kommen is."

Mit weit offenen Augen hing Sanni an dem Knecht. "Jesus Maria!" Zitternd raffte sie Hut und Sonnenschirm auf, und bevor sich Karl von seiner Verblüffung erholen konnte, hatte sie den Korbwagen in Bewegung gesetzt und verschwand in der Senkung des Pfades.

"Sannerl! Sannerl!", fuhr Karli auf. Er wollte folgen, Götz hielt ihn am Arm zurück.

"Lass dös Madl allein! Was hast denn davon, wann mit ihr laufst. Ihr gehst im Weg um, und Dir kann's nix nutzen."

"Dass Du s' aber auch grad daheroben hast finden müssen!"

"Ich hab' halt Dich vor einer Stund über d' Felder daher spazieren sehen."

"Der reine Zufall!"

"Natürlich!" Götz lächelte. "Geh weiter! Wirst Dich doch vor mir net hinter d' Latten stellen? In die zehn Jahr, wo ich auf Deim Vater sein Hof bin, hab' ich Dich ausglernt. Hab' ja selber aus Dir gmacht, was bist. Und im übrigen, was wär denn dabei? D' Sanni gfallt mir selber. Dös gibt amal a Pointnerbäuerin, wie s' Dir Dein bester Freund net richtiger wünschen kann. Ehnder möcht ich schelten, dass Dich net besser tummelt hast. Was Dir z'erst ganz leicht worden wär, kunnt Dir von heut an a bissl schwerer werden."

"Aber is denn wahr? Is er denn wirklich kommen?"

"No freilich! Ich hab' ihn selber gsehen. Aber ich hab's dem Madl net so gradaus sagen mögen."

"Was so eim Menschen einfallt! Daher z' kommen! Meinetwegen hätt' er bleiben können, wo er gwesen is."

"Er hat auch die Stund, seit er da is, 's ganze Ort schon rebellisch gmacht. Der Bygotter, der Bygotter, jesses, der Bygotter is wieder da! So kannst es schreien hören straßauf und straßab. Und d' Leut, die ihn früher kennt haben, können sich net gnug verwundern über sein Ausschauen. Ich hab' ihn net kennt. Aber wie er jetzt ausschaut, gfallt er mir net bsonders. Er hat ebbes Gspassigs in die Augen, und -"

Karli fragte in Unruh: "Was willst denn sagen?"

"Sagen lasst sich so ebbes schwer. Aber denken tu ich mir: Dös arme Madl wird's bei ihm net am besten haben. Und dei' Liebessach kunnt a harbe Seiten kriegen. Viel bsondere Reichtümer muss er net mitbracht haben aus Amerika. Aber jeh, da schau!" Mit der Pfeifenspitze deutete Götz gegen den westlichen Himmel. "Es zieht völlig schwarz auf. Da gibt's noch ebbes, heut auf'n Abend, was Ordentliches! Geh, schaun wir, dass wir heimkommen. Wann so was losgeht, is man lieber unter Dach."

Ruhig schritt der Knecht auf den Weg zu, und Karli folgte ihm schweigend, mit studierenden Augen. Zum ersten Mal in seinem Leben fand er, dass die Welt nicht so eingereichtet wäre, wie es zum Glück der Menschen eigentlich sein müsste. Augenscheinlich hatte Amerika auf der Erdkugel nicht die richtige Lage. "Dass einer ummi fahren kann? No ja, meintwegen! Aber is einer drüben, so sollt er bleiben müssen. Dass dö von da drenk wieder ummi därfen? Dös gfallt mir net."

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