Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 24

   Der Herdentrieb in das Bruchland wurde eine langsame und müde Reise. Die Schafe waren sprungfröhlich, immer zum Ausgrasen bereit; auch Wulli, obwohl er Hunger zu fühlen schien und Kleeblätter fraß, war ruhelos bei der Arbeit. Müde war nur der Lien. Immer sah er vor sich hin auf die Erde und ging so gebeugt, als wäre der Zehrsack eine drückende Last für seine sonst so kraftvollen Schultern.

   Achtlos schritt er an den Feuerstellen und Unratstätten der abgezogenen Seeburger vorüber. Als er mit der Herde durch das Wiesental am Fuß des Trutzberges kam, war es ersichtlich, dass Wulli sich der Forelle erinnerte, die er da gefangen hatte; aber im Schäfer schien keine Erinnerung an die Trutzburg wach zu werden; er warf keinen Blick zur Mauer hinauf und machte trotz seiner schweren Müdigkeit so rasche Schritte, dass die Herde traben und Wulli die säumigen Hammel immer hetzen musste.

   Da klang ein rufender Laut.

   Es überrieselte den Lien. Doch er sah nicht auf, machte nur noch flinkere Schritte.

   Wieder klang es: „Lien – Lien – Lien!“ Es kam von irgendwo aus den Lüften. Kam’s aus dem lieben Himmelreich? Oder nur von der Trutzischen Westmauer?

   In den Augen des Schäfers war ein Blick voll Trauer und Zorn. Unter hastigem Schreiten bohrte er den Kopf voraus, wie er es damals bei dem jagenden Ritt zum Puechstein getan hatte, mit dem Edelfräulein an seiner Brust.

   Immer klang die rufende Stimme, immer schwächer, immer ferner. Sie wurde zu einem Laut, der wie das Schmälen eines irrenden Rehes war.

   Seit dem Morgen hatte der Schäfer diese Stimme immer, immer und immer vernommen, bei jedem schritt, bei jedem suchenden Blick in die leere Welt. Und immer war’s Lüge gewesen, immer nur ein Schrei seines eigenen Herzens. Der war erloschen in ihm, seit er an dem blutigen Fell seines Silberweißleins die leeren Augenlöcher gesehen und allen gram und Zorn seiner Seele aus sich herausgeprügelt hatte, zu seiner eignen Erleichterung, zum Unbehagen eines anderen. Nun ist’s vorbei, für ewige Zeiten, verschwunden, vom gefräßigen Leben verschlungen wie sein liebes, weißlockiges Lamm mit den sanften, zärtlichen Augen. Bei diesem Gedanken klammerte Lien die zitternde Faust um das Leinwandsäcklein an seinem Hals. Da drinnen war alles eingesargt, das Silberweißlein, der ganze Lien, sein Leben und Sterben. Jetzt ist das so: Man ist wieder Schäfer, dem Himmel sei Dank, betreut seinen Pferch und hat den Wulli, wird alt und verschnauft im Karren. So muss es sein. Ist eh schon genug! Warum sich noch plagen lassen bei Tag und Nacht? „Schrei nur, ich hör’ nit, ich mag nimmer hören!“ Stehen bleibend, presste er die Augen zu, weil die Sehnsucht in ihm war, sich umzuschauen. Was ging ihn die Trutzburg an, seit sie nimmer in Not war? Da droben braucht man jetzt keinen Schäfer mehr. Da wird’s ein Fest geben, mit großen Schüsseln, mit silbernen Krügen und feinem Trompetenblasen. Und festivieren sie nicht am heutigen Abend schon, so tun sie es morgen oder übermorgen, wenn Herr Korbin und Herr Melcher wieder genesen sind und jede letzte Sorge von dem edlen Fräulein genommen ist – „Gotts Lob und Dank!“

   War es das Rauschen seines Blutes, war es der hämmernde Schlag seines müden und wehen Herzens, war es das Keuchen seiner erschöpften Lunge – immer war ein quälendes Geräusch in seinen Ohren, wie ein misstöniges und dennoch festliches Trompetenblasen. Und viele schön geschmückte Leute sah der graukittlige Schäfer, der wie die anderen Knechte bei der Tür stehen und hineingucken durfte in den Saal. Und einer war da drinnen, der das Silberweißlein bei der Hand fasste –

   „Gotts Not! Gotts Not!“ Den Arm vor die Augen schlagend, schrie er alle Qual seines Lebens in den leuchtenden Abend hinaus, in dem schon, tief gegen Westen, die stärker gewordene Mondsichel schimmerte gleich einem blass gebogenen Silberfinger, der herauswinkte aus dem Himmelreich.

   Die Schafe, die zu glauben schienen, der Schäfer hätte ein bisschen undeutlich sein: „Höia, höia! geschrieen, drängten sich um ihn her und sahen ihn verwundert an, weil seine Hand nicht in die Salztasche griff. Auch Wulli kam, verstaubt, mit pumpenden Flanken, mit langer Geiferzunge, doch in den Augen eine glänzende Zufriedenheit, ein ungetrübtes Verständnis der schönen Welt.

   Und während der Hund und die Schafe ruhig standen und immer den Schäfer anguckten, war eine halbe Stille um ihn her.

   Da klang es wieder, schon ganz erloschen: „Lien – Lien –“ Jetzt war es wie der ferne, ferne Schrei eines Falken, der so hoch in den Lüften fliegt, dass ihn die Augen eines Menschen nimmer sehen können.

   Wie ein von Wölfen Gehetzter fing Lien zu rennen an, gegen das Bruchland hinaus, und Wulli und die Schafe hinter ihm her – und als es hinunterging über einen Waldhügel, hinter dem die letzten Turmzacken der Trutzburg verschwanden, atmete er auf und lächelte ein bisschen. So müssen Gefolterte lächeln, wenn sie den letzten Grad der Marter überstanden haben.

   Sein Schritt wurde langsam, eine bleierne Ruhe überkam ihn, sein erschöpftes Gesicht war hart und streng. so ging er seiner Herde voran, auf der Seestraße, die zerrissen war von den Schlangenrädern und Trosskarren der Seeburgischen. Viele Spuren ihres eilfertigen Abzuges waren noch so frisch, als hätten ihre letzten Karren erst vor kurzer Zeit diese Furchen in den Grund geschnitten.

   Das Bruchland leuchtete im Glanz des Abends, die Weiher und Tümpel schimmerten wie metallene Schilde. Verspätete Schmetterlinge gaukelten noch umher, Wildgeflügel strich über die Röhrichtfelder, und überall war Geschnatter und Vogelgeschrei. Das hing wie ein frohes und ungestümes Lebenslied in der milden Abendluft, im Wohlgeruch der vielen, unzählbar vielen Sommerblumen.

   Von der brennenden Schönheit des Abends sah der Schäfer nichts. Seine Augen hatten einen stumpfen Blick, wie Augen, die nach einwärts schauen. Doch plötzlich schien ihm die Gewohnheit seiner Schäferfüße zu sagen, wo er war. Er hob das strenge, von allen Farben gesprenkelte Gesicht. Und sah umher. Und schrie: „Höia! Höi!“ Und sprang über die Straßenböschung hinunter auf den Bruchboden. Die Herde hinter ihm her.

   Er ließ die grasenden Schafe in Wullis Hut und eilte hinüber zu den Stauden, hinter denen der unfertige Pferch darauf wartete, dass einer käme, ihn zu vollenden. Lien warf ab, was er auf den Schultern hatte, und begann zu schanzen, schlug die letzten Pfähle und verband die Pferchgeflechte. Alles tat er wie ein Blinder, der die gewohnte Arbeit sicher in seinen Fäusten hat.

   Es dämmerte, als die Schafe Stücklein um Stücklein einzogen in den Pferch.

   „So, Wulli!“ Mit müder Hand strich Lien dem Hund über die Ohren hin. „Jetzt musst Du noch ein lützel Geduld haben. Erst muss ich unseren Karren in die Höh lupfen und zum Trocknen aufhängen.

   Wulli, der sich neben dem geschlossenen Pferchtürlein niederstreckte, schien dieses Notwendige zu begreifen – wenigstens verstand er deutlich: Dass vorerst noch nicht gekocht wurde. Ganz war also die Welt noch immer nicht in Ordnung.

   Am Ufer des großen Weihers, in dessen Tiefe der versunkene Schäferkarren auf seine Erlösung harrte, warf Lien die Kleider ab, knüpfte das Leinwandbinkelchen von seinem Hals und verwahrte es vorsichtig in der Kitteltasche. Der Versuch, sich des Söldnerhemdes zu entledigen, begegnete einer unüberwindlichen Schwierigkeit; es schien mit dem Rücken des Schäfers unlösbar verwachsen zu sein. Die Sache war nicht anders zu machen: Lien musste mit dem Hemd ins Wasser springen, wie ein schämiges Mädle beim Baden. Ein Pferchseil mitziehend, schwamm der Schäfer gegen die Mitte des Weihers. Obwohl es schon dunkel geworden, sah er beim Widerschein des noch blassen Himmels das Karrendach in der tiefe schimmern. Er sog seine Lunge voll mit Luft und tauchte kopfüber hinunter; für einige Sekunden sah er aus wie eine umgestülpte weiße Ente, wenn sie gründelt; dann verschwand er. Luftblasen quirlten herauf, und der klare Weiher wurde trüb. Das lange, auf dem Wasser schwimmende Seil bewegte sich immer wie eine dünne, endlose Schlange, die aus der Tiefe stieg und ans Ufer will.

   Jetzt erschien der Lien, schnappte und prustete, fing mit Armen und Beinen zu schlagen an und ruderte hinaus. Als er auf den Rasen kletterte, klebte das nasse Söldnerhemd gleich einer zweiten, weißen, straffen Haut an seinem stählernen Körper. Erst musste er unter schauerndem Grauen zwei Rossegel fortschleudern, die sich an seiner Wade festgebissen hatten. Dann nahm er das Seil über die Schulter und begann zu ziehen. Er zog, dass seine Adern zu platzen, seine Sehnen zu reißen drohten. Der Karren bewegt sich nicht. „Er muss! Er muss!“ Lien band sich das Leinwandbinkelchen mit dem Weihgröschlein um den Hals und spuckte in die Hände. „Silberweißlein! Jetzt hilf!“ Keuchend stemmte sich der Schäfer gegen das Seil. Da rührte sich der Karren. Es gurgelte und gluckste im Weiher. Die Deichsel erschein, das Dächlein, und immer schneller ging’s. Jetzt gaukelte der triefende Karren, der aussah wie ein Sarg auf Rädern, über das Ufer heraus und stand.

   „So!“, sagte Lien. „Man muss nur die richtige Hilf haben.“

   Bei sinkender Nacht riegelte der Schäfer das Türlein des Karrens auf und warf die Steine und alles im Wasser Verdorbene heraus, den in einen Teigklumpen verwandelten Mehlsack, die schwammigen Brotfladen, den leer gewordenen Salzbinkel und die noch übrigen Schmalzkrapfen der Margaret. Nur die Käslaibchen waren noch brauchbar; sie waren sogar besser geworden, sehr milde.

   In schwarzer Dunkelheit, während die schimmernde Mondsichel hinter den westlichen Erdsaum hinuntertauchte, prasselte im Reisig das Feuerlein auf, dessen Schein und Geknister den Wulli mit gespannten Erwartungen erfüllte.

   Die Tierstimmen des Bruchlandes waren verstummt. Das weite, stahlblaue Himmelreich war dicht behangen mit lebhaft funkelnden Sternen. In der südlichen Ferne war ein mattes, rötliches Glosten zu sehen; es kam von der letzten Glut der Puechsteinischen Brandstätte. Und daneben, vor schwarzen Waldmauern, hingen kleine trübe Sternchen, die dem lieben Herrgott bei ihrer Erschaffung nicht recht gelungen zu sein schienen- es waren die Fensterlichter vom Söldnerhaus und den Herrenstuben der Trutzburg.

   Rot beleuchtet vom Schein des Feuers, warf der Schäfer einen schwarzen Schatten weit hinaus über die schlafenden Blumen des Bruchlandes. Neben ihm hockte Wulli und beobachtete mit funkelnden Augen die sonderbaren Bewegungserscheinungen des Nockenteiges, der sich in der Pfanne, von Schmalz umbrodelt, bald aufblähte, bald wieder nieder senkte. Form, Geräusch und Duft dieses geheimnisvollen Vorganges hielten die Sinne des Wulli so ganz gefesselt, dass er keinen Blick mehr für die Tätigkeit seines Schäfers hatte.

   Der auflösenden Wirkung des Wassers vertrauend, machte Lien einen neuen Versuch, sich des Söldnerhemdes zu entledigen. Mit Vorsicht und Güte ging es nicht. Wieder sagte Lien: „Es muss!“, dachte mit heißer Seele an die hilfreiche Macht, die ihm beigestanden hatte beim Lupfen des Karrens, stülpte das Hemd über den Kopf und tat einen festen Riss. Es war erledigt. Und der Schäfer fühlte auf seinem Rücken weder Blut noch einen rauen Schorf, nur ein Gitterwerk von feinen Häutchen, die ein bisschen empfindlich waren. Das gesunde Blut des Lien hatte diese Erneuerung, für die das Blut eines anderen einige Wochen gebraucht hätte, in drei Tagen zustande gebracht. Den Lien erfreute das nicht; im Gegenteil; als er seinen Rücken so glatt und leer fand, stammelte er in Schreck und Kummer: „Gotts Not! Wo sind denn ihre lieben Pflästerlen?“ Er fand sie; angeklebt an der Innenseite des Hemdes, sahen sie aus wie eine etwas sinnlose, aber doch sehr kunstvolle Stickerei. Bei ihrem Anblick erschien im harten Gesicht des Lien der Ausdruck einer klagenden Sehnsucht. Langsam beugte er den Kopf und küsste inbrünstig das umgedrehte Wunderwerk des Fräuleins von Puechstein. Dieser Vorgang war ein bisschen unverständig – das schwere Herz des Lien empfand dabei keine Erleichterung, aber seine Lippen wurden klebrig.

   Heiß quälte ihn die Frage: Was soll jetzt geschehen mit diesem kostbar gewordenen Hemd? Soll er’s zu lebenslangem Gedenken an die Innenwand seines Karren nageln, so, dass er es immer fühlen kann mit der Hand, immer sehen in schlaflosen Nächten? Nein, das geht nicht. Da wird die Trutzin, die jeden Leinwandfaden in ihrem Haushalt kennt, bald kommen und fragen: ‚Mir geht ein Söldnerhemd ab. Wo ist’s?’ Und der Lien wird nicht lügen dürfen, wird sagen müssen: ‚Ich hab’s.’ Und dann wird es den alten Waschmägden unter die groben Fäuste kommen, und Frau Engelein wird es einem Söldner zuteilen, der’s nicht wert ist und nicht weiß, welch ein kostbares Heiligtum seinen schmierigen Lieb umschmeichelt. „Nit ums Leben! Und wenn ich stehlen und betrügen müsst’!“ Keinem Söldner auf Erden, nicht einmal dem Kassian Ziegenspöck, dem er von Herzen gut und dankbar war, hätte er dieses Heilige vergönnt.

   Mit zitternden Händen wickelte er das Hemd zusammen, schob die an der Eisengabel hängende Pfanne beiseite und legte die Leinwandrolle ins kleine Feuer. Erst fuhr unter siedendem Gezisch ein weißes Dampfwölklein aus den nassen Fäden, dann gab’s eine dicke Rauchwolke und jetzt ein schlankes, feines Flammengezüngel, aus dem der Geruch des heilsamen Balsams wie ein Waldfrühling herausduftete. Dann lag inmitten des roten Reisigfeuers ein silberweißes Aschenhäuflein, aus dem noch ein paar winzige Sternchen davonflogen in die Nacht.

   Unter einem Laut, wie Menschen mit krankem Hals sich räuspern, beugte Lien das Gesicht in die Hände. Sein ganzer Körper zitterte heftig. Nicht von der kühlen Nacht.

   Wulli wurde unruhig. Das Schicksal der Pfanne, in der das Brodeln verstummte, begann ihm ernste Sorgen zu verursachen. Erst winselte er ein bisschen, dann wurde er lauter. Und als der Schäfer noch immer nicht hören wollte, kratzte Wulli mit der Pfote, ohne zu wissen, dass eine nackte Menschenhaut etwas anderes ist als eine Zwilchhose.

   Lien hob das Gesicht. Schweigend zog er die Pfanne über das Feuer, stand auf und kleide sich an. Wenn man Schäfer ist, geht es auch ohne Hemd. Wozu braucht das Herzweh des Lien in feiner Leinwand zu stecken? Der mürbe Kittel genügt.

   Nun aßen sie. Das Kochwerk des Lien, der sonst für den deutschen Kaiser hätte kochen können, war heute nicht glänzend ausgefallen. Er schien’s nicht zu merken und aß in der gleichen langsamen Art wie sonst. Auch Wulli, ganz gegen seine Gewohnheit, ließ sich Zeit, obwohl er an gierigem Hunger litt. Lien hatte die größere Hälfte der Speise in die Hundsschüssel geschüttet, ohne daran zu denken, dass sie für den Wulli erst noch verkühlen musste. Und als nun Wulli gleich zuschnappte, zog er die vom spanischen Pfeffer noch immer ein bisschen leidende Schnauze erschrocken zurück. Aber nun erwies es sich, welch ein geistig hoch stehender Hund er war. Er scharrte mit der Pforte vorsichtig die Speisenbrocken aus der Pfanne heraus und kollerte sie in den Blumen herum, bis sie so kühl wurden, dass er sie schlingen konnte. Als nach geraumer Weile die Schüssel leer war, trabte Wulli zu einem Tümpel, soff sehr ausgiebig, kam vergnügt zurück, huschelte sich neben dem unbeweglichen Schäfer ins Heidekraut und schob die Schnauze unter den buschigen schweif. Jetzt war die Welt für ihn völlig und tadellos in Ordnung.

   Immer finsterer wurde die Sommernacht, immer schöner und heißer funkelten die zahllosen Sterne.

   Seufzend streckte sich endlich auch der Lien ins Kraut. Er legte sich so, dass er die trüben Fenstersternchen der fernen Trutzburg nimmer sehen konnte. Sie wollten nicht erlöschen in dieser Nacht, die Zahl der trüben Sternchen vermehrte sich sogar; aber dem Lien, der sich ein paar Mal umdrehte, schlich ein bleischwerer Schlaf aus den von Müdigkeit zerbrochenen Gliedern herauf ins Herz und in die Augen.

   Er schlief so fest, dass er das Gebell der Füchse im Seeforst nicht vernahm und auch die fein tingelnde Kapellenglocke nicht hörte, die von der Trutzburg durch die schweigsame Finsternis einher scholl wie das Gewimmer eines Käuzleins.

   Diese Glocke läutete nicht für den Jungherrn Eberhard Trutz zu Trutzberg. Für ihn hatte man schon geläutet, während Lien auf den Almen war. Jetzt läutete man für einen anderen, an dessen Bett sich die beiden Ärzte seit dem Morgen unablässig gezankt hatten wie zwei Raben um einen Köderbrocken. Der eine wollte dem Bewusstlosen das „schwarze Blut“ abzapfen, der andere wollte ihm das brandige Bein herunter schneiden. So stritten sie neben den Tränen der beiden Puechsteinerinnen den ganzen Tag miteinander, bis in die Nacht; und während sie sich lateinisch beschimpften, fiel es ihnen gar nicht auf, dass Herr Korbin unter dem spöttischen Lächeln seiner Bewusstlosigkeit, ohne ein Wort zu sagen, das Zeitliche segnete. Sie merkten es erst, als Frau Scholastika aufschrie: „Jesus! Meines Mannes Hand ist kalt!“

   Nun war erfüllt, was sie bei der Predigt des Wanderpfaffen für sich erfleht hatte vom Himmelreich: Dass Herr Korbin sie niemals verlassen, nie wieder ausziehen sollte zu Streit und Fehde. Jetzt blieb er bei ihr, für immer, unter steinernem Deckel, der seine ruhelose Wanderlust auf ewig beschwichtigte.

   Im ersten Jammer war sie wie irrsinnig und ließ sich nicht trösten durch den mit leidenden Gram ihres Kindes, nicht durch die gütigen Worte des Herzogs, nicht durch das herzliche, ein bisschen wirre Gestammel des Herrn Melcher, der selbst eines ausgiebigen Trostes bedürftig war und seinen Herzbruder Korbi fast heißer betrauerte als den eigenen Sohn.

   Nach einem Strom von Tränen fand Frau Schligg eine aufrichtende Festigkeit, die aus ihrem eigenen Herzen kam, aus ihrem Frauenstolz. Das Weib des klügsten und stärksten aller Menschen gewesen zu sein – solch ein Lebensgeschenk verpflichtet. Seines Angedenkens muss man würdig bleiben in Kraft und Ehre. Hätte solch ein Mann, solch ein Riese an Leib und Seele, weiterleben können als Verstümmelter, als Krüppel? Das zu denken, wurde für Frau Scholastika unmöglich. Die haben Berge stehen, oder sie stürzen; aber sie können sich nicht verwandeln in Maulwurfshügel. Der Tod war für Herrn Korbin das Mildere als das Leben auf einem Bein. Drum musste Frau Schligg das Härteste ihrer Seele überwinden, weil es das Bessere war für ihren Mann. Niemals war in dieser schwachen, von kleinen Zärtlichkeiten und bescheidener Sehnsucht zehrenden Frau eine starke Kraft gewesen; jetzt erachte in ihr ein Zug von Größe; bevor ihre Tränen noch versiegten, war in ihrem Herzen ein Tempel erbaut, in dem der herrlichste aller Menschen als Heros gefeiert wurde von einer beneidenswerten Priesterin, von der reichsten aller Frauen. Und da konnte sie auch ihrem Kind Trost zusprechen, konnte ihm sagen: „Du bist seines Blutes, Du musst Dich aufrichten, musst leben und tun nach dem Willen Deines großen Vaters!“ Sie konnte sorgen für die anderen, konnte arbeiten in dieser trauervollen Nacht und konnte Herrn Melcher betreuen, den man umgebettet hatte nach seiner eigenen Stube.

   Dem Korbin von Puechstein das lächelnde Wachsgesicht zu waschen und ihn zu kleiden für den letzten Erdenweg – diese Ehre gönnte Frau Schligg keiner anderen Hand. Während es geschah, musste Hilde bei Herrn Melcher bleiben. Sie saß an seinem Bett und hielt mit ihren Händen seine fünffingrige Linke umklammert. Die Fenstertür der kleinen Altane stand offen. Immer wieder und wieder sah Hilde hinaus in die Nacht; sie sah nicht die funkelnden Sterne des schwarzblauen Himmelreiches; immer suchten ihre nassen Augen in der finsteren Tiefe, suchten das winzige, trübe Erdensternchen, das zu Beginn der Nacht da drunten geleuchtet hatte und vor Stunden erloschen war – das Pferchfeuer des Lien.

   Schweigend saßen sie, während Herr Melcher unablässig redete. Er war ein bisschen kurzatmig und schwatzte dunkle durcheinander. Sein Wundfieber hatte sich vermindert, er war bei ungetrübten Bewusstsein, unverkennbar auf dem Weg der Besserung, obwohl er jede Fieber stillende Arznei, die ihm gereicht wurde, zur Hälfte auf Bett und Hemdkrause verkleckerte. Doch allem klaren Bewusstsein zum Trotz redete Herr Melcher sehr wirr. In seinem guten Herzen vollzog sich eine ähnliche Verschiebung der wirklichen Dinge, wie in Frau Scholastikas groß gewordener Seele. Er brachte immer durcheinander, was der Lien getan und der selige Jungherr hatte tun wollen, und begann dem Toten zuzutrauen, was er dem Lebenden niemals zugetraut hätte: Ein kühnes, waghalsiges Heldenstück. „Gelt, liebes Kind; wenn einer will, das ist doch auch schon was! Und ist was Schönes! Man wird meinen Buben ehren müssen. Auch wenn’s ihm ein lützel gefehlt hat am rechten Glück. Wollen, und Glück haben, und die richtige Kraft dazu – freilich, das ist halt das Beste!“ Und da redete er nun wieder vom Lien, immer vom Lien, wurde dabei so heiß und erregt, als hätte sein Fieber wieder zugenommen, und war immer in Sorge, ob der gnädigste Herr Herzog auch sein Wort halten und bei Tageserwachen, vor dem Heimritt, kommen würde, um ein „notwendiges Ding“ mit ihm zu besprechen.

   Herr Melcher wurde schlafsüchtig, hielt sich aber durch ruheloses Schwatzen munter, nur um die Aussprache mit seinem gnädigsten Herren nicht zu verduseln.

   Als der Morgen zu grauen begann, kam die Margaret und winkte das Fräulein aus der Stube. „Die Frau lasst fragen, man müsst’ ihn zumachen, bevor es taget.“

   Während die Margaret bei Herrn Melcher blieb, eilte Hilde in jagender Hast hinunter zum Burggraben und brach einen Strauß von weißen Rosen. Die Dornen zerstachen ihr die Finger. Das fühlte sie nicht.

   Der Frühwind machte im Dämmergrau die mächtige Krone der alten Line rauschen. Die hohen, schmalen Kapellenfenster waren rot erleuchtet. Man hörte murmelnde Gebete und immer wieder das harte, eintönige Reden einer Frauenstimme.

   Mit den weißen Rosen trat Hilde vom Garten in die Burgkapelle. Durch die andere Tür des kleinen Kirchleins gingen und kamen Leute. Die einen lagen auf den Knien und beteten mit murmelnden Stimmen; man verstand sie; was der greise Burgkaplan mit lauter Stimme vorbetete, blieb unverständlich. Andere waren um den Chorstuhl her, in dem Frau Engelein saß, schwarz gekleidet, mit unkenntlichem Gesicht, wider die Sitte ohne Haube, das dünne Haar zerwirrt. Immer sprach sie mit einer unveränderlichen, harten Stimme und erzählte von der Tapferkeit und dem mutigen Unternehmen ihres seligen Jungherrn. Jetzt verstummte sie, stand auf, blieb unbeweglich, die Augen erweitert.

   Sie sah, wie Hilde erschüttert mit den weißen Rosen hintrat vor den noch offenen Eichensarg, in dem etwas Menschenähnliches lag, bedeckt mit weißer Leinwand und einem schwarzen Schleiertuch. Beim Flackerschein der zwölf dicken Wachskerzen, die den Sarg umstandne, sah Frau Engelein die Tränen glänzen, die über das blasse Mädchengesicht herunterfielen – sah, wie Hilde in Gram und Andacht betete, und sah, wie ihre Hand den Strauß der weißen Rosen an die Lippen hob, bevor sie ihn niederlegte zu Füßen des Sarges.

   Frau Engelein fing zu zittern an, mit versteinertem Gesicht und doch mit einer ängstlichen Sehnsucht in den verstörten Augen. Und als sie sah, dass Hilde wieder hinaustrat in den dämmernden Gärten, schob die schwarze Frau die verwunderten Leute fort, die vor ihr standen, und huschte dem Fräulein nach, durch den Burggarten, durch die Söldnerhalle, durch den Innenhof zum Gewölbe es Burgfrieds. Wenn Hilde ein Geräusch vernahm und sich wenden wollte, verbarg sich die Trutzin. Und folgte wieder, durch den Burghof, durch die Spittelhalle, in der die Verwundeten schnarchten, und über die Treppe hinauf, so scheu wie eine mutlose Verbrecherin, die etwas Übles begehen möchte.

   Im Mauergang vernahm das Fräulein von Puechstein dieses Geraschel wieder. Das Gesicht wendend, sah Hilde die schwarze Trutzin erschrocken in einer Fensternische verschwinden, durch die der blass erwachende Tag hereinblickte.

   „Mutter Engelein?“

   Zärtlichkeit, Kummer und Sorge waren in diesem fragenden Laut.

   Da kam die Trutzin aus der Nische herausgeschossen wie ein hilfloses Weib, das vor einem grauenhaften Verfolger flüchtet und den rettenden Beistand eines Menschen sucht. Hilde mit den Armen umklammernd, fiel Frau Engelein auf die Knie, presste das entstellte Gesicht in den Schoß des Mädchens und stöhnte: „Ich bin schlecht, mein Sohn ist gut gewesen, wahr ist alles von seiner redlichen Tapferkeit, aber ich bin schlecht! Tu mir helfen! Sei barmherzig! Schau, ich kann nit leben, wenn ich nit Mutter bin! Lass mich Mutter sein – zu Dir – und zu dem anderen – den Du wählen musst – obwohl er der Mindere ist, der Schlechtere –“ Sie wurde stumm, geschüttelt von einem heftigen Krampf.

   Erschüttert, ohne Verständnis, fast in Schreck und doch in heißem Erbarmen, klammerte Hilde ihre Hände um den zuckenden Frauenkopf und presste ihn wie schützend an sich. Ratlos und unbeweglich stand sie so eine Weile. Ihr Blick irrte hinaus in den jungen Tag, weit hinaus über das hell werdende Bruchland. Da draußen sah sie etwas. Das war kein Feuerstern – um Sterne zu sehen, war der Morgen schon viel zu hell – nur eine feine, aufrechte Rauchsäule war es. In Hildes müdem Gesicht erwachte ein Hauch von Farbe, ein hoffender Glanz in ihren nassen Augen.

   Aufatmend, sagte sie leise: „Tu mir verzeihen, Mutter Engelein, ich kann nit anders!“ Unbeweglich sah sie hinaus ins ferne Bruchland.

   Da draußen, zwischen schimmernden Wasserspiegeln, stieg die schlanke, ruhige, aufrechte Rauchsäule aus der Tiefe empor zum erhellten Himmelreich, gleich dem Rauch vom Opfer eines Abels, den sein Bruder Kain nicht hatte erschlagen können, weil Abel der Stärkere war, er von Glück und Himmel Begnadete, der in Torheit Kluge, der wunschlos Gewinnende.

   Es war die Rauchsäule vom Morgenfeuer des Lien, der selber nicht essen wollte, doch für den Wulli kochte.

   An diesem Morgen trieb der Schäfer seine grasende Herde wieder gegen die Seestraße hin, so, wie es seit Hundegedenken und nach ewiger Ordnung festgesetzt war für den Lauf aller wichtigen Dinge auf Erden.

   Aus Wullis Kläfflauten und aus seinen Sprüngen redete die reine Freude, die seine Seele erfüllte. Ein satter Hund! Gut ausgeschlafen! Ein Hund, der an der Welt nicht das geringste mehr auszusetzen findet. Und ein mangelhaftes Gedächtnis hat für üble Vergangenheiten. Kein Wunder, wenn solch ein Hund eine Freude fühlt, die ein bisschen blind ist und das physiognomische Erkenntnisvermögen beeinträchtigt. Für Wulli genügte es an diesem Morgen, zu sehen, wie ruhig der Schäfer hinter der Herde schritt, das blinkende Schippenschäufelchen zu sicher gezielten Würfen schwang und wieder stehen blieb, um Kinn und Hände auf den Schaft seiner Schippe zu legen. Bis zu der dunklen, strengen Trauer, die in den Augen des Schäfers brannte, guckte Wulli nicht hinauf.

   Seine Freude erhöhte sich noch und wurde zu übermütigem Getoll, als nach der kühlen Frühe die warme Sonne kam und lange, in närrisch gewordenen Farben funkelnde Feuerbänder hinwarf über das Bruchland und die Wasserflächen.

   Auch die Schafe begannen rascher und froher zu äsen, machten heiter bockende Sprünge und schüttelten das feuchte Fell, das in der Wärme zu trocknen und sich zu lockern begann. Zu dreien und vieren scherzten die Lämmer, sammelten sich zu ruhelosen Spielschwärmen, sausten durch Blumenbüsche und seichte Tümpel, huschten durch alle Stauden, rannten im Ringelreihen, pufften in lustiger Fehde gegeneinander und überkugelten sich.

   In der Nähe der Herde schwiegen die Lebensstimmen des Moores. Doch in weitem Kreis, ringsumher, tönte das Sonnenlied der Frösche, das Entengeschnatter, das Pfeifen der Bekassinen, zärtlicher Amselschlag und der heitere Lärm der Kiebitze. Dieser wirre Gesang des Bruchlandes schien plötzlich verstummen zu wollen. Nein. Er dämpfte sich nur für wenige Sekunden – weil ein Wanderfalk aus dem Blau herunter gestoßen war und die kläglich schreiende Ente davontrug, die er geschlagen hatte. Alle Tiere sahen und hörten das. Nur der Schäfer stand unbeweglich auf die Schippe gelehnt wie ein Blinder und Tauber. Ehe seine halb erwachenden Sinne dieses Atemholen im Lied der Natur vernahmen, tönte über das weite Bruchland hin schon wieder das frohe Stimmengewirr, das zu singen schien: „Was ist der Tod? Er kommt und schwindet. Das Leben geht weiter und hat sein ewiges Lachen.“

   Über den Stauden, Blumen und Gewässern war nirgends eine Nebelflocke zu sehen. Alles funkelte in Farben, alles leuchtete in reinem Glanz. Der graue Schäfer wurde blau und schimmerte von goldenen Kanten, sein Schatten war wie ein Purpurstreif, herunter geschnitten vom Mantel eines Fürsten. Die Schafe wurden rosenrot und himmelfarben. Jeder Schmutz der Erde begann zu glänzen. In der Ferne verwob sich das Blau der Berge duftig mit dem Blau der Lüfte. Und in der Nähe, über den Silberschilden des Wassers, über den Vergissmeinnichtbeeten, rings um den roten Blutschein des Heidekrautes und um die Dukatenhaufen der Dotterblumen, gaukelten in traumhafter Menge die kleinen Bläulinge, die weißen und gelben und sandbraunen Falter. Es war, als hätte die frohe Erde alle lieblichen Gedanken ihres Morgenglückes ausgehaucht, und jeder von ihnen wäre verwandelt in ein selig schwebendes Leben. Und gegen Osten, hinter dem blendenden Feuergespinst der Wipfel und Stauden, schwamm die strahlende Sonne immer höher gegen das Himmelreich hinauf und sang im Schweigen ihres Glanzes: „Ich bin die treue, ewige Freundin des Lebens! Ich bin die große Mutter!“

   Da kläffte der Schäferhund. Sausend kam Wulli zur Wadendeckung des Lien herangefahren, wie befallen von einer sorgenvollen Erinnerung an die mannigfachen Unerquicklichkeiten der Belagerungstage. Auch die Herde wurde unruhig und drängte aus der Nähe der Seestraße in den tiefen Bruch zurück.

   Lien bedurfte einiger Zeit, um aus seiner dumpfen und müden Trauer zu erwachen. Als er die Augen wandte, fuhr ihm ein heißes Erglühen über das strenge, von den Gefechtsmalen entstellte Gesicht. Dann kam ein aschfarbenes Erblassen.

   „Komm, Wulli, was geht das uns an?“

   Er zwang sich von der Stelle weg, die ihn festzuhalten schien, folgte der fortdrängenden Herde und warf mit der Schippe die Rasenbrocken. Was kümmerte ihn das herrische Gepräng, das mit Glanz und Klirren auf der Seestraße herkam von der Trutzburg: Ein langer Reiterzug, voraus ein gefürsteter Herr auf einem sanften Schimmel, an seiner Seite das Fräulein von Puechstein auf dem noch viel sanfteren Rösslein der Frau Scholastika? Wie seltsam, dass sie nicht ihren feinen, flinken Goldfuchs reitet? Es wird doch dem prächtigen Gaul nicht was Ungutes geschehen sein? Das tät’ sie doch kränken müssen? Bei diesem Kummergedanken befiel den Schäfer ein wühlender Zorn. Und weil es der Zufall wollte, dass er auf einem Föhrenbusch eine sich putzende Elster sitzen sah, fasste er mit der Schippe einen Kisel. Seien Zähne knirschten. „Wart, Du! Jetzt musst Du sterben!“ Er wollte werfen.

   Da kam ein klingender Ruf von der Seestraße hergeflogen.

   „Lien!“

   Es war der gleiche Ruf wie gestern auf der Trutzbergischen Westmauer.

   Die Arme des Schäfers erlahmten. Der Stein blieb ungeworfen, und gackernd flog die aufgescheuchte Elster davon. Das unruhige Völklein der Schafe drängte den nahen Stauden zu, und Wulli, der etwas Schreckliches zu vermuten schien, begann in so scharfen Lauten zu bellen, dass er selber nach jedem Kläffer die schmerzhaft berührten Spitzohren schütteln musste.

   Als Lien das blasse Gesicht gegen die Straße drehte, sah er den fürstlichen Herren und das Fräulein über die Böschung herunter reiten in den Bruch, umschimmert vom Glanz der Morgensonne, umwirbelt von vielen Schmetterlingen. Und vom Ende des Zuges, der auf der Straße stehen blieb, lösten sich noch andere Gäule: Ein fester Rapp mit dem Kassian Ziegenspöck und der feine Puechsteinische Goldfuchs, der nicht das Frauensesselchen trug, sondern einen Männersattel mit Packwulsten und Ledertaschen, keinen Reiter hatte und geführt wurde von einem langen, mageren Bauernbuben in Schäfertracht, doch ohne Salztasche, ohne Schippe.

   So viele Dinge konnte der Lien nicht auf einmal in die Augen fassen. Er sah nur das Fräulein und tat dabei, was bei ihm eine seltene Sache war: Er zitterte. Und mit den Händen, die sehr ungeschickt geworden, nestelte er an Brust und Hals seinen mürben Kittel zu, um nicht merken zu lassen, dass er ohne Hemd war. Der Zorn, der in seinen Augen gebrannt hatte, war verwandelt in einen fragenden Schreck. Auf dreißig Gänge konnte er nicht sehen, welche stumme Sprache in den Augen des Fräuleins glänzte; er sah nur, wie blass und verhärmt dieses schmale Gesichtchen war. Sie trug das gleiche braune Hauskittelchen wie damals, als Lien die Elster nicht getroffen hatte und das Braunhaar und die Stirne waren eingefangen von einem schwarzen Schleiertuch.

   So kam sie neben dem fürstlichen Herren über die Blumen des Bruches und durch das Gewirbel der Schmetterlinge geritten und sagte mit einem leisen, von schmerzen umschleierten Lächeln: „Schauet, edler Herr! Das ist mein Lien!“

   Was kränkte den Schäfer an diesem Wort? Er sagte hart: „Puechsteinisch bin ich nit. Ich bin noch allweil Trutzisch.“

   Sie beugte sich aus dem Sattel, mit leuchtenden Augen, und mahnte leise: „Lien, Du musst ehrerbietig sein! Das ist unser gnädigster Herr von Bayern.“

   „So?“ Er sah den Herzog an und zog mit einem hölzernen Griff den Hut herunter, der nicht sein eigen war.

   Herr Albrecht lachte. Immer besah er den Schäfer, der ihm zu gefallen schien, ungeachtet der vielfarbigen Male, die das Gesicht des Lien beinahe hässlich machten. „Du? Bist Du der Schäfer, der den Heini von Seeburg fing?“

   Die Stirn des Lien bekam Furchen. Er gab keine Antwort und nickte nicht. Aber ruhiger wurde er. Es schien ihm lieb zu sein, dass er Ursach hatte, immer den Herzog anzusehen. Das war minder quälend als ein anderer Anblick.

   „Lass meine Neugier nicht warten! Wie hast Du das angestellt? Erzähle, Lienhard!“

   Ein wunderliches Staunen war im Blick des Lien. Zum ersten Mal im Leben hatte er seinen ganzen Namen gehört.

   Wieder beugten sich die leuchtenden Mädchenaugen zu ihm herunter. Und eine süße, frohe, herzliche Stimme sagte: „Tu reden, Lien! Von Dir darfst Du alles sagen. Da ist nichts, was Du verhehlen müsstest.“

   Ein tiefer Atemzug wölbte seine Brust. Er sagte rau und hastig: „Viel ist nit dran. Ein jeder hätt’s tun können. Wie ich beim Seeburg gewesen bin mit dem weißen Fähnl, hab’ ich doch alles gesehen“

   „Mit verbundenen Augen?“

   „Man hat doch Füß und Ohren.“

   „Du!“ Herr Albrecht lachte wieder. „Meine Zehen sind taub und in meinen Ohren hör’ ich das Gezwitscher von kranken Schwalben, ohne dass ich sie fliegen sehe.“ In seinen Augen war ein freundlicher Neid. „Wie gesund Du bist! Erzähle!“

   „Mein – weil ich halt gewusst hab’, wie alles ist, bin ich hingesprungen in der Nacht. Im Holz kenn’ ich doch jeden Weg. Beim Zelt hab’ ich gehört, wie der Seeburger schnarkelt. Fürsichtig hab’ ich einen Schnitt in das Zelttuch gemacht, bin auf den Herren zugesprungen, hab’ ihm das Maul verstopft und Händ und Füß gebunden. Ein lützel hat er noch kreisten können. Und ein Seeburgischer springt herein. Den hab’ ich mit dem Wolfeisen nieder geschmissen. Es hat sein müssen. Eh die anderen gekommen sind, hab’ ich den Herren auf dem Buckel gehabt. Im Holz ist’s finster gewesen. Das hat mir geholfen. Hinter mir hat ein Lärmen angehoben. Unter der Mauer hätten mich die Seeburgischen gern gefangen. Mein, ist halt ein Glück gewesen, dass ich ein lützel besser spring wie die anderen. So ist’s gewesen. Jeder hätt’s machen können.“

   „Ich nicht!“, sagte Herr Albrecht zu Hilde. „Das ist eine kurze Geschichte, kleine Puechsteinerin! Was fehlt, müssen wir uns denken. Ich denke mir viel.“ Wieder sah er mit Wohlgefallen den Schäfer an.

   Der achtete nimmer des Herzogs, sah verstört zu dem blassen, schmerzmüden Gesicht des Fräuleins hinauf und musste flüstern: „Silberweißlein? Deine Augen sind froh, Dein Gesicht ist traurig. Was tut Dir weh?“

   Sie trieb das sanfte Schimmelchen dicht an seine Seite und legte dem Schäfer die Hand auf die Schulter. „Was traurig ist, will ich Dir heut nit sagen, Lien! Du sollst froh bleiben, sollst freudig fort reiten.“

   „Reiten?“ Als er das Wort schon gesprochen hatte, bewegte er noch immer die Lippen.

   „Ja, Lienhart!“, fiel Herr Albrecht ein. „Mit mir.“

   Der Schäfer warf einen raschen Blick über das Fräulein hinauf, hinüber zu den Stauden, in denen seine letzten Schafe verschwanden, und auf den Wulli, der sich in Unbehagen und verschüchtert zwischen das Heidekraut geduckt hatte. „Fort? – Jesus! – Muss das sein?“

   Das Fräulein von Puechstein nickte stumm, und der Herzog sagte: „Herr Melcher will, ich soll Dich erziehen zum Hauptmann der Trutzburg und des Puechsteins.“

   In den erweiterten Augen des Lien war alles andere, nur nicht Freude. Er stammelte: „Ach, Du liebes Himmelreich –“

   „Wie denkst Du das zu machen?“, fragte Herr Albrecht heiter. „Diese schöne, stolz Burg zu führen?“

   Lien in seiner quälenden Verlorenheit stotterte: „Ich weiß nit, Herr, das müsst’ ich erst lernen. Aber mit der Trutzischen Schafzucht tät’s aufwärts gehen. Da versteh’ ich mich drauf.“

   Jetzt lachte der Herzog. Und auch das Fräulein von Puechstein fand ein glückliches Lächeln.

   „So komm, Du Schafkundiger!“, sagte Herr Albrecht. „Dort wartet Dein Sattel. Mir eilt es. Und hier in der Sonne wird es schwül.“ Freundlich zu Hilde hinübernickend, wandte er das Pferd. „Dein Schäfer, Du kleine Puechsteinerin, wird mich einholen. Er ist ein guter Reiter. Gestern vor Tag, im Seeforst, hätt’ er mich fast über den Haufen geritten.“ Er lenkte den Schimmel gegen den Seestraße, drehte sich im Sattel und hatte wieder ein bisschen Neid in den Ernst gewordenen Augen. Oder war’s nur ein schmerzendes Erinnern an die eigene Jugend, die ein Glück hatte verlieren müssen, das diese beiden gewannen?

   „Jesus!“ Ein paar Mal sagte Lien dieses gleiche Wort. Dabei schien er nicht zu merken, dass ihm der lange Bauernbub, der wie ein Schäfer gekleidet war, die Salztasche vom Gürtel und die Schippe aus der Hand nahm. Seine Seele sah in die kommende Zeit, seine Augen sahen das Fräulein von Puechstein an – und da sah er ein ewiges Elend, eine ewige Not seines Herzens. Schwer atmend streckte er sich. „Wenn es sein muss, in Gottes Namen, so muss es sein! Ich will meinem gütigen Herren gehorsamen.“ Schon wollte er zu dem wartenden Gaul hinüber schreiten. Und wandte sich und umklammerte den Arm des neuen Schäfers mit beiden Fäusten. „Du!“ Mehr als seine Worte, sagten seine bettelnden Augen. „Mit meinen Schafen ist nit hart auskommen. Gut muss man sein. Da folgen sie gern. Und täten sie boshaft werden, so muss man streng sein in aller Ruh. Solang Du’s noch nit verstehst, wird Dir Wulli helfen. Den musst Du –“ Dem Lien riss die Stimme entzwei. Er wollte zu dem Hund hinüber sehen und tat es nicht. „Den Wulli musst Du halten wie ein Maidl sein Herzgeschmeid, wie ein Herr seine Burg.“ Wieder versagte ihm das Wort.

   Da klang es leise: „Lien?“

   Ein Schauer befiel ihn bei diesem zärtlichen Laut. Er blickte hinauf zu ihr und sah ihre nassen Augen in Freude schimmern, sah ihre schmalen Wangen überhaucht von einer Farbe, wie die dunklen Rosen sie haben.

   „Lien? Er tät’ es besser haben bei mir. Ich möcht’ ihn behalten. Magst Du mir Deinen Hund nit schenken?“

   Er schloss die Augen. „Dir geb’ ich alles.“

   Sie beugte sich aus dem Sattel und legte den Arm um seinen Hals. „Dich selber auch?“

   Ein erwürgtes Wort. „Jesus!“ Zitternd löste er sich von ihrem Arm. „Wo ist denn mein Gaul? Jetzt heißt’s aber reiten – Gotts Not –“ Er tappte mit den Händen ins Leere. So taumelte er auf den reiterlosen Gaul zu, den der Sergeant Kassian Ziegenspöck am Zügel hielt; drum datterten die Riemen ein bisschen.

   Lien wollte schon in den Sattel springen, trat aber wieder zurück. Er hatte den Gaul erkannt. Die feine Puechsteinische Fuchsstute war’s.

   Diesen Augenblick des Schweigens benutzte Kassian Ziegenspöck, um mit einer etwas tuscheligen, aber doch überraschend klaren Stimme zu sagen: „Bleib gescheit, Bub! Mit Dir geht’s aufwärts. Tu alles, was Recht ist! Bloß nit Wein saufen im Übermaß! Das Wasser treibt einen auf, ist schon wahr. Aber gesünder ist’s. Und tätst Du krank werden einmal, so musst Du ein Dutzend Eier schluckten, die gelegt sind, derweil man mit Feldschlangen schießt. Die wirken Wunder. Das wissen die lateinischen Doktoren nit. Mir kannst Du’s glauben.“

   Von dieser redlichen Freundespredigt hatte Lien nicht ein einziges Wort vernommen. Es ging ihm wieder wie damals, als der Wanderpfaff unter der Burglinde vom gründlichen Christenwillen und vom ersiegbaren Himmelreich gepredigt hatte. Im rauschenden Blut und Herzen des Lien war immer nur dieser eine stumme Schrei: „Das ist ihr Rössel! Das ist doch ihr Rössel! Ihr eigenes Rössel!“

   Er wandte das zwischen Glut und Blässe wechselnde Gesicht. Stumm nickte sie ihm zu. Dann kam sie auf dem sanften Schimmel heran. „Ja, Lien! Ich muss Dir zum Abschied auf ein Jahr doch auch was schenken. Was mein ist, Lien, ist Dein!“

   Eine Weile blieb er stehen wie eine eherne Säule, suchend mit weit geöffneten Augen, lauschend mit allen Sinnen, grübelnd mit allen Kräften seines Lebens. Und plötzlich spähte sein jagender Blick nach der Seestraße, auf der sich der Reiterzug des Herzogs gegen den Seeforst entfernte. Sich räuspernd wie einer, der zu ersticken fürchtet, sprang er in den Sattel und nahm die Fuchsstute zwischen die Schenkel, dass sie stöhnen musste.

   Mit der Hand machte Hilde eine Bewegung gegen den Sergeanten. „Tu wegreiten, Kassel! Was ich noch sagen muss, ist für den Lien allein.“

   Einer mit Weinverstand unter dem Haardach hätte sich durch solchen Befehl beleidigt und schwer gekränkt gefühlt. Doch gesundes Wasser macht hell und lässt die geheimnisvollsten Dinge des Lebens begreifen. Zufriedne lächelnd, entfernte sich Kassian Ziegenspöck mit seinem Rappen gegen den Wulli hin, der sehr heftig winselte und sich die Strickschlinge des neuen Schäfers nicht gefallen lassen wollte.

   „Komm, Lien! Gib mir Deine Hand!“, sagte Hilde von Puechstein mit bebendem Stimmchen, in Antlitz und Augen eine heilige Strenge. „Tu mir wieder heimkommen, wie Du gehst! Ich hab’ Dich lieb und will warten auf Dich. Wenn Du kommst, so will ich Dir gehören mit Leib und Herz. Und es wird kein Glück auf der Welt so rein und kostbar sein wie das unsre. Gott wird Dich behüten, bis wir uns haben. Jetzt tu reiten, mein Lien! Schau, der Herzog ist schon im Wald! Große Herren warten nit gern. Wir kleinen Weiblen bringen es besser fertig.“ Sie beugte sich nieder und wollte ihre Wange hinschmiegen auf die sonnverbrannten Finger des Lien. Es gelang nicht recht. Der sanfte Schimmel hätte wohl kein Hindernis verursacht. Aber die zitternde, keuchende Fuchsstute wollte nicht still halten.

   Um des erregten Pferdes Herr zu werden, brauchte der Schäfer die beiden Fäuste. Er saß im Sattel wie einer, der sich aufs Reiten nicht versteht, wie ein Berauschter, der zu stürzen droht. Und stammelte: „Jesus – Herr Jesus – ich versteh’ nit –“ Und riss die Stute herum, sah noch mit dürstenden Augen über die Schulter und ließ den Goldfuchs davonrasen, dass Heideblumen, Rasenflocken und Moorfetzen unter den schlagenden Hufen herauswirbelten wie Spreu aus einer Kornmühle.

   Jetzt sauste er über die Böschung der Seestraße hinauf und hob sich im Glanz der Sonne vom westlichen Blau des Himmelreiches ab wie eine schimmernde Goldgestalt. Er jagte weiter, gegen den Seeforst hin. Bei diesem Rasen, das wie eine irrsinnige Sache aussah, schien aber doch im dummen Lien eine Art von kluger Erkenntnis der Dinge zu erwachen, die mit ihm geschahen. Er wandte sich im Sattel. Und da klang ein schrei in die Sonne, so wild und gellend, dass er eine minder feste und gesunde Brust zerrissen hätte. Und nun verschwand der Lien.

   In Hildes Augen war ein träumendes Leuchten, um ihren Mund ein stilles, allem Schmerz entwundenes Lächeln.

   Auch Kassian Ziegenspöck war heiter und konnte, als er den bockbeinigen Schäferhund am Stricklein herbeizerrte, die erfreuliche Wahrnehmung machen, dass seine Hände jetzt viel weniger datterten als am verflossenen Abend.

   Nur Wulli war mit dem augenblicklichen Zustand der Welt höchst unzufrieden, obwohl er aus der etwas groben Faust des Kassian Ziegenspöck in die sanfte, zärtlich ziehende Hand des Fräuleins von Puechstein geriet. Weil ihm keine Ahnung seiner vierbeinigen Seele sagte, dass er sich für die Zukunft aus einem niedrigen Pferchköter in einen begnadeten Herrenhund verwandeln sollte, missverstand er die Erscheinungen der Gegenwart sehr gründlich. Er empfand sie als schmerzhafte Trennung von seinem geleibten Schäfer, war unsagbar traurig, winselte und heulte, guckte sich hundertmal um, zerrte und riss und biss am Stricklein, überpurzelte sich, ließ allen üblen Eigenschaften eines braven Hundes die Zügel schießen und gebärdete sich so widerspenstig, dass seine gewaltsame Verbringung auf die Trutzburg sich für das edle, gütige Fräulein von Puechstein zu einem Hand zerquetschenden und Kräfte zermürbenden Kampf gestaltete.

   Immer kleiner wurden auf der Seestraße die zwei berittenen Figürchen mit dem zappelnden Hund dazwischen.

   Höher und höher stieg die Sonne, und immer heißer begann sie zu brennen.

   Die Blumen des Bruchlandes dufteten schwül, unzählbar summten die Immen und Hummeln, die vielen Schmetterlinge gaukelten wohlig durch das weite Moor, und über dem Farbenglanz der Erde wölbte sich rein und wolkenlos die Glocke des blauen Himmelreiches.

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