Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 23

   Frau Engelein lag auf ihrem Bett und wurde betreut. Und Lien, mit dem Wulli hinter der Wade, stieg die Treppe hinunter, langsam und müde. Sein Gesicht war hart und ernst, auch hässlich, vom Schmutz des eingetrockneten Schweißes und von den bläulichen Mahlen, welche grün und gelb die Puechsteinischen Farben zu spielen begannen.

   Wie ein Blinder schritt der Schäfer durch die Spittelhalle, in der es sehr munter zuging, und durch den Hof, wo die heiter lärmenden Knechte bei Frühmahl und Weinkrügen herumhockten. Lien hörte die jubelnden Rufe nicht, die ihm galten. Immer vor sich hinsinnend, ging er durch das Gewölbe des Burgfrieds, durch die Söldnerhalle hinauf in die Stube des Sergeanten, wo Wulli gleich auf das Bett sprang und sich niederduckte.

   Es war eine alte Magd da, die sauber machte.

   „Wo ist der Kassel?“

   „Der muss vor dem Losament, wo der Seeburg sitzt, die Wach halten.“

   „So tu ihn grüßen von mir! Hat er Zeit, so soll er mich im Bruchland einmal besuchen.“

   Das Weib riss die Augen auf. „Mensch? Willst Du denn fort? Jetzt? Wo die Herrenleut Dich ehren müssen?“

   Lien verzog in Unbehagen die Stirn. „Schuldigkeit ist mehr als Ehr. Jetzt haben wir Fried. Da muss ich nach meiner Schafherd schauen. Ich sorg’, die hungrigen Bauern fressen mir meine Lämmer auf.“ Er nahm die Salztasche aus der Truhe und reichte sie der Magd. „Die tu mir füllen! Fest! Und die Margaret soll mir den Zehrsack richten. Ein lützel gut! Mein Wulli wird Hunger kriegen, wenn er völlig gesundet.“

   Den Kopf schüttelnd, ging das Weib davon.

   Eine Weile blieb der Schäfer unbeweglich inmitten der Stube stehen, mit dem Arm vor den Augen.

   Sich schüttelnd, ging er auf sein Bett zu, griff unter den Polster und atmete auf, als er die Leinwandschnipfelchen fand, die er da versteckt hatte. Er setzte sich neben Wulli auf die Bettkante hin und fing eine bedächtige Arbeit an. Aus dem größten Leinwandfleck, ein bisschen größer als eine Hand, machte er ein Säcklein, gab alle die Leinwandschnipfelchen hinein, dazu die Seidenschnur mit dem goldenen Weihgroschen. Von einem der zerschnittenen Stricke, die umher lagen, dröselte er einen dicken Faden herunter und band sich damit das Säcklein um seinen Hals. „So, Wulli! Komm!“, sagte er mit bleichen Lippen und strich dem Hund mit der Hand über die Ohren hin. „Man muss zufrieden sein. Ein Schäfer haust im Bruch, die Sternlein hängen am Himmelreich.“ Er nahm die alte, schepprige Armbrust hinter den Rücken und hängte das Wolfeisen an den Gürtel. Den Dolch des Puechsteiners wollte er in die Söldnertruhe legen. Nein. Er behielt ihn.

   Wulli war neugierig geworden, schüttelte die dicke Schnauze und zeigte bei funkelnden Augen ein äußerst erregtes Ohrenspiel. Als er sah, dass der Schäfer die Schippe fasste, sprang er winselnd auf und begann trotz seiner Müdigkeit einen aberwitzigen Freudentanz. Für Wulli kam die gestörte Welt nun wieder völlig in Ordnung. Es fehlte zwar noch das Bruchland, die Herde, der Karren und der Pferch. Aber alles andere war vorhanden. Nur ein verlorener Schäferhut war noch abgängig – und die frohe zufriedene Ruhe des Lien.

   Der nahm der alten Magd das Zeug ab, das sie brachte, und als sie ihn im Namen der Margaret zu einem feinen Frühmahl in die Küche lud, sagte er mürrisch: „Ich mag nichts.“

   Er ging. Und Wulli sprang ihm kläffend voraus.

   Die Frühsonne glänzte schon in die Höfe herunter und vergoldete alle Verwüstung, die da verübt war. überall Geschäker und Lachen der Leute. Die vielen Tauben flogen umher, als hätten sie schon längst vergessen, dass ihr Türmlein im reinen Blau da droben eine Ruine mit verwesenden Vogelleichen geworden war. Und die Hennen, die ihre runde Morgenpflicht bereits erfüllt hatten, gackerten so freudenvoll, als hätte es nie eine gestörte Nachtruhe und ein Sodbrennen des Kassian Ziegenspöck gegeben.

   Mit den Leuten, die im Burghof waren, ließ sich der Schäfer nicht ein. Er nahm nur einem hörigen Bauernbuben den Hut weg und sagte: „Wie! Gib her! Ich brauch’ einen.“

   Wulli verursachte noch einen kleinen Aufenthalt. Er rannte zum Brunnen und schlapperte und war ein bisschen verwundert, weil er den gewohnten Durstkameraden beim Wassertrog nicht vorfand.

   Nun ging’s hinaus durch den in der Sperrmauer des Brückenturmes ausgesparten Steinschacht – durch das Dunkel in die Sonne. Auch da draußen Verwüstung und Schutt; doch alles funkelte, alles glitzerte, alles war schön in der Schönheit des Morgens.

   Das Horn des Türmers schmetterte wieder, und von den Burgleuten rannte jedes in Neugier zu einem Guckaus.

   Lien überschritt den von ekelhaftem Wust erfüllten Torgraben und sah nicht zur Linken, nicht zur Rechten, sah nur immer hinauf zu der fernen Berghöhe, wo seine geretteten Schafe waren. So ging er an einem kalten Elend des Lebens und an einem schimmernden Glanz der Erde vorüber. Denn zur Linken, am fuß des halb in Trümmer geschossenen Schützenganges, kamen aus dem Geschröf der Ostmauer vier Mannsleute heraufgestiegen, die etwas Blutfleckiges und Regungsloses herbeischleppten, während ein junges, rothaariges Weibsbild wie rasend über das Aschenfeld davonlief. Und zur Rechten klirrte und schimmerte in blankem eisen, in Blau und Weiß, auf schabrackierten Gäulen ein langer Reiterzug aus dem Tal herauf, das Schutzgeleit des Herzogs Albrecht von Bayern-München.

   Den Zug führte auf abgehetztem Ross der alte Veit des Puechsteiners; hinter ihm, an der Spitze der Reiterschwarmes, neben dem Leibarzt, der ein langer Mensch mit verbuckelten Schultern war, ritt der Herzog auf einer ruhigen Schimmelstute.

   Unter dem aufgeschlagenen Visier sah aus den Kanten des mit Adlerschwingen und Kronreif gezierten Helmes ein blasses, blauäugiges Gesicht heraus, in dem sich Strenge und kränkliche Scheu seltsam mischten mit Gutmütigkeit und schalkhafter Milde – das Gesicht eines Jünglings, durcheinander gewirrt mit dem Furchenantlitz eines Greises. Herr Albrecht, ein Fünfundvierzigjähriger, war vorzeitig gealtert. Seit man ihn den schönsten der deutschen Fürstensöhne genannt, und seit ihn sein Vater Ernst in der Allinger Schlacht mit eigener Faust herausgehauen hatte aus dem feindlichen Gewühl, waren ihm Stürme des Lebens zerstörend über Herz und Stirn gebraust. Nach dem jubelnden Liebesfrühling zu Augsburg und nach drei Jahren eines lachenden Glückes war das grauenvolle Trauerspiel der Straubinger Donaubrücke gekommen; nach Empörung und Kampf wider den Vater, der Frau Nesens Ermordung befohlen hatte, kam aus politischem Zwang die kalte Versöhnung; dann harte Jahre mit drückenden Regierungssorgen, ruheloser Vetternzwist, endlose Fehden wider das in wilder Zeit anwachsende Raubrittertum, stete Verdrießlichkeit mit Bürgerschaft, Landständen und Adelsbünden; dazu eine schmerzhafte, aus Seelenstürmen hervor geschlichene Kränklichkeit und der missliche Unfried in seiner Ehe mit der kühlen, herrschsüchtigen Anna von Braunschweig, von der er betrogen wurde, und die er selbst betrog. Alles versunkene Glück lag unter Asche begraben, doch es glomm noch immer in heimlicher Tiefe. Fromm aus Erziehung, aus Schreck und zärtlicher Sehnsucht, galt ihm der Sankt-Agnesentag noch immer als des Jahres heiligster, an dem seine Seele am inbrünstigsten beten konnte. Diese Sehnsucht war ein Besitz seines Herzens, den er mit keinem anderen teilen wollte. Niemand durfte Frau Nesens Namen vor ihm nennen, niemand die Erinnerung in ihm wecken.

   Der Brief des Puechsteiners hatte ihn zuerst in schäumenden Zorn versetzt, und erst nach missmutigen Tagen war die Güte, der Wille zur Hilfe in ihm wach geworden. Um Frau Neses willen. Mit der Erinnerung an diese Frau, an ihren Liebreiz und ihre Schönheit, blieb alles verknüpft, was neben der Verhärtung seines Wesens noch an Milde, Sanftmut und heiterer Laune seit den Tagen seiner blühenden Jugend in ihm verblieben war.

   Im Trutzbergischen Burghof, den er mit dem etwas unsicheren Schritt eines Gichtleidenden betrat, wurde er unter ehrerbietigem Jubel begrüßt. Den leisen Spott gegen den zu spät Gekommenen, dessen Hilfe nimmer nötig war, versteckte man.

   Als der Herzog die Verwüstung der schönen Burg gewahrte, von den Soldleuten die Geschichte der letzten Tage vernahm und im Gefangenenlosament vor Heini von Seeburg stand, zitterte er in Zorn und Empörung am ganzen Körper.

   „Lebendiger Gott! Wie liederlich und ohne Not ist eine gute, wehrhafte Burg bedrängt worden! Die Bosheit hat überhand genommen in der Welt! Falschheit und Untreu sind überall!“

   Der Seeburger, der klagen wollte wider den ihm abgenötigten Vertrag, musste verstummen; jedes Wort, das er sprach, schien den Herzog noch mehr zu reizen.

   Nur die dattrige Hymne, mit welcher Kassian Ziegenspöck aus einem unersichtlichen Grund die mirakulösen Heilwirkungen des reinen Brunnenwassers besang, konnte dem Herzog ein flüchtiges Lächeln abringen.

   Auf der Schwelle des Losamentes sagte der hohe Herr über die Schulter zu dem Gefangenen: „An meinem Hof will ich Dich nimmer sehen. Da hab’ ich schon Geschmeiß in Fülle. Wär’ ich der Kaiser, ich würde Dein Wappen zerbrechen und würde ein neues ersinnen für den tapferen Schäfer, der Dich übers Ohr gehauen. Dir geschah, wie es verdient war. Die Gerechtigkeit scheint eine Schwalbe zu sein. Immer fliegt sie, ist immer auf der Reise. Aber manchmal will sie zwitschern und rastet auf unserer Erde. Das sind die Augenblicke, in denen wir Menschen aufatmen.“ –

   Weil Frau Scholastika ihren Gatten auch um eines Herzogs willen nicht verlassen wollte und Frau Engelein an Fieber und Schüttelfrösten litt, musste Hilde Herrn Albrecht unter dem Hallentor des Herrenhauses empfangen. Die ungläubige Sorge, das gläubige Glück und die scheuen Hoffnungen, die in ihren feuchten Augen waren, während sie sich niederbeugte und leise und befangen die Worte der Begrüßung sprach, erhöhten allen Liebreiz ihres Wesens.

   Der Herzog lächelte, viel gütiger noch, als er über die Weisheiten des Kassian Ziegenspöck gelächelt hatte. Und heiter sagte er: „Ei, sieh doch, zwischen den Rabenhorsten des Lebens ist immer noch Platz für ein Taubennest.“ An Hildes Hand betrat er die Spittelhalle.

   Die Verwundeten sahen fröhlich aus und fühlten sich geehrt durch die Nähe des hohen Herrn. So störte kein Misston den freundlichen Eingang des Herzogs. Um die erste Stunde seiner Ankunft nicht zu bedrücken durch ein übles Bild, hatten die Söldner den zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Leichnam, den die Knechte aus dem Geschröf der Ostmauer herauf getragen, im Schützengang der zerschossenen Südmauer zurückbehalten; aus Aberglaube und Höflichkeit; hohe Herren leiben das Leben und sehen den Tod nicht gern; Unbehaglichkeiten muss man verzögern, wenn man sie ihnen nicht ersparen kann. –

   In der Stube des Perlenschreines, wo das Mönchlein mit dem schlafenden Puechsteiner beschäftigt war, übersah der Herzog die stumme Verbeugung der Frau Schligg und überhörte die feierliche Begrüßung des Hausherrn, der im Bett saß, ein frisches Hemd und einen frischen, unblutigen Stirnbund trug und den goldenen Willkommsbecher sehr vorsichtig zwischen den acht Fingern hielt, um sich nur ja nicht zu bekleckern.

   Herr Albrecht überschritt sofort die Puechsteinische Grenze, blieb am Fußbrett des Bettes stehen, das überleuchtet war von der Morgensonne, und betrachtete schweigend diesen blassen Schläfer, der in Frau Nesens Tagen und im Zerwürfnis des Prinzen mit dem Vater der getreueste seiner Getreuen gewesen war. Der Herzog richtete einen erschrocken fragenden Blick auf den Pater Medikus. Der sah zum Himmelreich hinauf und zuckte die Achseln. Lange blieb der Herzog mit den Augen an dem lautlos Schlummernden hängen, dessen Brust immer eine Weile unbeweglich blieb und dann eine rasche Bewegung machte. Sich abwendend, mit der kummervollen Scheu eines Knaben, der tief einen unbedachten Streich bereut, sagte Herr Albrecht: „Gilt es Hilf oder Dank, so kommen wir Fürsten immer zu spät.“ Er hob den Helm ab und strich mit der Hand über die faltige Stirn. „Man soll meinen Leibarzt holen. Der wird meinen Freund und Bruder Puechstein betreuen.“

   Dem kleinen Pater Medikus war es anzusehen, dass diese fürstliche Verfügung ihn kränkte, noch mehr, beleidigte. In Herrn Melchers Augen aber schimmerte feuchter Dank. Feierlich wiederholte er die Worte der Begrüßung, während Herr Albrecht auf ihn zutrat.

   „Schauet, edelster Herr, mit Treu und Dankbarkeit entbiet’ ich Euch in meines lieben Korbi und in meinem Namen den Willkumm mit dem besten Tropfen, den ich im Keller hab’! Des Himmelreiches allerbesten Segen über Euch und Euer edles Geschlecht.“

   Dabei machte Herr Melcher die schwierige Sache mit dem großen Goldbecher so vorsichtig und so überraschend geschickt, dass er sein zierlich bekräuseltes Hemd nicht mit dem winzigsten Tröpflein bekleckerte. Doch als er den Becher außerhalb des Bettes hatte, schwang er ihn mit so freudenvoller Empfindung, dass er den edlen Herzog zu Bayern-München von oben bis unten begoss. Ganz schrecklich war es. Erschrocken kamen Hilde und Frau Schligg mit Tüchern gelaufen und tupften und trockneten. Herr Trutz, den sein heißes Wundfieber nicht bleich werden ließ, war stumm entgeistert. Wohl sagte der Herzog unter gütigem Lächeln: „Das macht nichts. Die Seel ist rein geblieben.“ Aber Melcher Trutz von Trutzberg konnte sich nicht beruhigen und fing in Zerknirschung und Reue zu klagen an: „Ach, edler Herr, es ist ein Elend mit meinen acht Fingern. Allweil predigt mir mein gutes Weibl. Aber ich lern’s nit, ich lern’s halt nit.“ Der Kummerblick seiner guten Augen vertiefte sich noch. „Freilich, mein gutes Weibl könnt’ jetz sagen, dass ein Fortschritt in der Reinlichkeit nit zu verkennen ist: Weil ich die anderen bedreck’, nit mich.“

   Herr Albrecht musste lachen, obwohl er nur fünf Schritte entfernt stand von einem unverscheuchbaren Tod.

   Des Fürsten langer, buckliger Leibarzt, Doktor Hartlieb, der berühmt war als Vertreiber der Juden aus München, betrat die Stube. Zuerst sah er nicht den verbundenen Trutz und den todkranken Puechsteiner an, sondern den kleinen Pater Medikus vom Kloster am See. Die beiden Lieblinge des Äskulap tauschten Blicke, die wie geschliffene Dolchklingen funkelten. Jetzt hatte Herr Korbin zwei Ärzte. Nur einer – das wäre vielleicht auch umsonst und dennoch wesentlich besser für ihn gewesen.

   „Wo kann ich mich reinigen?“, fragte der Herzog.

   Man führte ihn zur Fürstenstube, aus der schon alles verschwunden war, was daran erinnern konnte, dass hier ein Mädchen gehaust hatte. Von Hildes bescheidenem Eigentum waren nur die beiden Bilder im Erker und der Kämmerleinsherrgott zu Häupten des mächtigen Himmelbettes zurückgeblieben.

   Es war nicht zum ersten Mal, dass Herr Albrecht diese Stube betrat. Einmal, vor zwölf Jahren, hatte er mit Frau Nesen hier genächtigt.

   Immer sah er in dem großen Raum umher, in dem es nach Wachs, Lavendel und vertrockneten Blumen duftete, sah immer wieder das mit verblichener Seide umhüllte Bett an und nickte schweigend seinem Marschalk zu, der mit dem Reisesack erschien, den Fürsten entwaffnete, ihn beim Waschen bediente und mit frischem Gewand versah.

   „Jörgi?“, fragte Herr Albrecht mit einer leisen Knabenstimme. „Weißt Du es noch?“ Wieder sah er über die Wände der Stube hin.

   Auch der alte Diener beschaute die stillen Mauern, das große, leere Bett. Schweigend nickte er und machte Ordnung und ging davon.

   In dem weiß gezwickelten Langwams aus blauem Samt und in linden, unhörbaren Schuhen trat der Herzog auf das Bett zu und strich mit zärtlicher Hand über die vergilbte Seide. Dann ging er zum Erker, tat einen schweren Atemzug, lehnte sich mit dem Arm gegen die verbleiten Scheiben und blickte hinaus in die sommerblühende Welt, die hinter den geringelten und gebuckelten Gläsern nur undeutlich und verzerrt zu sehen war.

   Unbeweglich stand er, während Hilde mit einer Magd in die Stube kam, um das Tischlein für ein Frühmahl zu decken. So lautlos machte sie alles, dass Herr Albrecht ins einem Sinnen nicht gestört wurde. Als der Tisch zierlich bestellt war, ging sie auf den Herzog zu und sagte mit ihrem feinen, von Erregung zerdrückten Stimmchen: „Edler Herr, Euer Mahl ist bereit.“

   Er nickte, wandte sich vom Fenster ab und gewahrte die beiden Holzschnitte, die an der Mauer hingen: Die Bilder vom Anfang und Ende der Joanne Darc, vom Glück und Sterben der Frau Nese Bernauerin. Die Augen des Herzogs erweiterten sich, schreckvoller Jähzorn entstellte sein Gesicht, und er machte eine Bewegung, als möchte er schreien: „Wer hat mir das angetan?“

   Hilde, eine zerbrochene Hoffnung im Herzen, wurde so weiß wie die Wand. Stumm redete eine flehende Trauer aus ihren Augen, die sich mit Tränen füllten. Beruhigte der Anblick ihres unverhehlten Kummers den Erzürnten? Oder umschlangen ihn begütigend die zärtlichen Erinnerungsmächte dieses Raumes? Er sah das Bild von Frau Nesens Glück und Ende wieder an und schwieg. Die Verzerrung seines kränklichen Gesichtes löste sich, und das Blut, das ihm dunkel in die Stirn geschossen war, verschwand wieder. Seine Brust tat tiefe Atemzüge. Einen Schritt gegen die Mauer tretend, betrachtete er nicht mehr die untere Hälfte des Doppelbildes: Den Brückenbogen mit den vielen aneinander gedrängten Menschen und den Storm mit den gesichelten Wellen, aus denen eine junge Frau die Hilfe suchenden Hände streckt, während zwei Henkersknechte sie mit langen Stangen an den Flechten fassen, um sie hinunter zu stoßen unter das Wasser, erbarmungslos, wie man ein Raubtier ersäuft.

   Das sah er nicht an. Immer betrachtete er nur die obere Hälfte des Bildes: Den zierlichen Augsburger Ballhaustanz, bei dem ein fürstlicher Jungherr und ein schmuckes, feinhälsiges Bürgermädchen Hand in Hand die lange Reihe der festlichen Paare führen.

   Immer ruhiger wurde er und fand ein irrendes Lächeln. Seinen träumenden Augen war es anzusehen, dass Glück und Süßigkeit und heimliche Freuden aus dunkler Tiefe hell heraufstiegen zu seiner sehnsüchtigen Seele. Mit der gleichen scheuen Knabenstimme, mit der er zu seinem vertrauten Marschalk geredet hatte, fragte er, ohne den Blick von dem Holzschnitt abzuwenden: „Kleine Puechsteinerin? Hast Du das Bild da lieb?“

   Regungslos, das Gesicht von Tränen überrieselt, umwoben von der Sonne des Fensters, antwortete sie leise: „Ja, Herr, um Frau Nesens willen, und weil mir einer das Bild an die Mauer gehangen, dem ich gut bin.“

   Lange schwieg er wieder.

   „Kleine Puechsteinerin!“ Im Klang seiner Stimme war eine zarte Wärme. „Bis ich wiederkomme, musst Du mir eine Freude machen. Willst Du?“

   Sie nickte gleich.

   „Du musst die untere Hälfte des Bildes wegschneiden, musst sie verbrennen an geweihter Kerze und die Asche begraben, wo eine weiße Rose blüht. Nur das halbe Bild, das von meinem Glück erzählt, sollst Du aufhängen in der Stube Deiner holden Jugend. Und beten sollst Du, wenn Du es betrachtest.“

   „Ja, lieber Herr, so will ich es tun.“

   Die Innigkeit ihrer Stimme machte ihn aufblicken. Freundlich streckte er die Hand und strich ihr über das wirre Haar. Und als sie das Wohlgefallen und die glänzende Güte in seinen Augen sah, erwachte in ihr alle Hoffnung wieder, die ihr Herz an diese Minuten, an das Alleinsein mit Herrn Albrecht geknüpft hatte. Was sie sagen oder fragen sollte, überlegte sie nicht. Aus ihren Worten redete, was sie empfand: „Herr Herzog, gelt, Ihr habt Frau Nesen arg lieb gehabt?“

   Erst schien es, als hätte sie sich mit dieser Frage übel vergriffen. Sein Gesicht wurde bitter, seien leuchtende Güte erlosch in Missmut und Verdrießlichkeit. So wandte er sich ab, sah schweigend in die Sonne des Fensters und begann mit dem Finger, an dem ein großer Rubin funkelte, die Bleifassungen und die trüben Ringer der grünlichen Gläser nachzuzeichnen. Dazu sagte er mit erzwungener Ruhe: „In der Luft, die um uns her ist, soll Dir gestattet sein, was außerhalb dieser Mauern niemand wagen dürfte vor meinem Gesicht. Da drüben, wo die welke Seide auf den leeren Kissen liegt, war das Glück an meinem Herzen, für eine der seligsten von unseren Nächten.“

   Hilde zitterte an allen Gliedern; ein heißes Brennen überhauchte ihre schmalen Wangen, und in ihren großen Augen war das gleiche Dürsten und dennoch ein anderes wie damals, als der Wanderpfaff unter der Linde vom siegreichen Willen zum Himmelreich gepredigt hatte.

   Immer zeichnete der Finger des Herzogs. „Wie alt bist Du, kleine Puechsteinerin?“

   Siebzehn Frühling, edler Herr!“

   „So war sie, als ich sie lieben lernte. Sie ist schön gewesen ohnegleichen. Drum musste sie sterben. Das Schöne empört die Hässlichen und macht ihnen die Erde unbehaglich. Sie wollen unter sich sein.“ Ein kurzes, raues Lachen. „Manchmal denke ich auch, Gott wollte einen Engel haben, schöner, als seine Engel seit Ewigkeit waren. Mein Beichtvater meint, das wäre ketzerisch gedacht. Kann auch sein, dass es töricht ist.“ Das alles hatte er mit seiner strengen, harten Mannsstimme gesprochen. Nun bekam er wieder die leise, innerlich bebende Stimme eines Knaben, der einem Freund kostbare Geheimnisse anvertraut. „Solche Schönheit kann Gott nur schaffen für die Erde. Den Himmel würde sie mit sündigen Wünschen erfüllen.“ Ein stockender Atemzug unterbrach seine flüsternden Worte. „Sie war das Weib, vor dessen Schönheit Gott empfand: Als ich Eva geschaffen, war ich Schüler, jetzt bin ich Meister. Zu ihren Augen verwandelte der Allmächtige zwei Veilchen in Sterne. Sie hatte langes goldenes Haar. Wenn sie roten Wein trank, sah man ihn hinunter rinnen durch das Hälslein. Und so schön, wie ihr holder Leib, war ihre Seele: Klug und fröhlich, gütig und verstandsam, bedacht und tapfer, sparsam und doch barmherzig, rein und adlig und getreu bis in den Tod.“

   Den Arm empor rückend, presste der Herzog seine Stirn an das sonnige Fensterglas.

   Da klang es hinter ihm in zaghaften und dennoch freudig zitternden Lauten: „Und ist doch auch nur ein bürgerliches Kind gewesen, eines Blutes, as die Törichten niedrig nennen.“

   Der Herzog blieb eine Weile unbeweglich. Hatte er nicht gehört? Oder musste er sich den Sinn dieser Worte erst überlegen? Nun drehte er langsam das Gesicht über die Schulter. „Auch?“ Was er in Hildes Augen erkannte, machte ihn näher treten. Lächelnd fragte er: „Kleine Puechsteinerin? Wer ist es, den Du lieb hast?“

   Ihr schlankes Figürchen streckte sich. „Ein Schäfer.“ Das sagte sie so stolz, als wäre der Sinn dieses Wortes: Ein Herr und König unter den Menschen. „Den hab’ ich lieb über alles.“

   „Schäfer? Meinst Du den Schäfer, der den Seeburg gefangen?“

   Sprechen konnte sie nicht, nur nicken.

   Nach kurzem Schweigen sagte der Herzog: „Eines Mannes Kraft ist hilfreicher als Turm und Mauer. Versprechen kann ich Dir nichts, Du kleine, tapfere Puechsteinerin. Aber ich will mir diesen Schäfer besehen.“ Er klatschte mit den Händen. In der Stille, die nun folgte, hörte man aus der Stube des Perlenschreins die heftig debattierenden Worte der beiden lateinisch redenden Ärzte, das Klagen der Frau Scholastika und die zur Ruhe mahnende Stimme des Melcher Trutz.

   Hildes angstvolle Augen irrten zu der Türe hinüber, durch die dieses Lautgewirr unverständlich hereintönte. Die Sorge um den Vater brannte in ihr, und die zur Glut erwachte Sehnsucht ihres Herzens zwang sie, um das Himmelreich zu kämpfen, nach dem sie dürstete mit Blut und Seele. Flüsternd, und doch in jagender Hast, begannen ihr die flehenden, um Hilfe ringenden Worte über die Lippen zu strömen. Da musste sie verstummen. Jörgi, der Marschalk, kam durch die andere Tür der Fürstenstube herein.

   „Kleine Puechsteinerin!“, sagte der Herzog und deutete auf das Bild der Joanne Darc. „So tapfer bist Du wie dieses Mädchen. Ich sehe Dich brennen auf dem Scheiterhaufen Deiner jungen Liebe. Asche sollst Du nicht werden.“ Er nahm ihre Hand und befahl dem Marschalk: „Hole mir den Schäfer, der den Heini von Seeburg fing!“

   Der Marschalk lief hinunter in den Burghof und begann zu fragen. Aber den Schäfer, den sich der Herzog besehen wollte, konnte er nicht finden. –

   Lien war schon weit von der Trutzburg.

   Auf heimlichen Waldwegen, dem Abzug der Seeburgischen ausweichend, errechte er gegen die Mittagsstunde die zwischen Bergwäldern versteckten Almen.

   Die Weiber, Kinder und Sennen kamen ihm schreiend entgegen gelaufen; vom Gang der Fehde wussten sie nur, was ihnen das Rauchgewirbel des Puechsteins erzählt hatte.

   Ohne Freude rief es ihnen der Schäfer zu: „Ihr könnet heimkommen! Fried ist!“

   Sie jubelten. Viele rannten gleich zu den Hütten, um ihren Kram zu packen; andere wollten wissen, ob sie neue Häuser bekämen? Oder ob ihre alten Hütten noch stünden?

   Lien nickte. „Zum Brennen ist dem Seeburger die Zeit entronnen. Es ist ihm nit hinausgegangen, wie er’s mögen hätt’.“ Aus diesem Wort, das er selbst gesprochen, wuchs dem Lien eine so drückende Schwermut heraus, dass er nimmer redete. Schweigend drängte er sich durch den Hauf der Jubelnden und stieg zu den höheren Almen empor, die anzusehen waren, als hätte man hier die Haustierkammern von Noahs Arche geöffnet. Schweine, Ferkel, Ziegen, viele Rinder, ein paar klapperdürre Rösslein, Gänse, Enten und Hühner wimmelten und lärmten in Menge umher. Und höher droben, auf steilem Gehänge, nachbarlich zu einem Rudel Gamsen gesellt, weidete die klein gewordene Herde des Lien.

   Während er aufwärts stieg, immer schneller, mit immer heißer brennendem Gesicht, fing er zu zählen an. Knirschender Zorn befiel ihn; außer den Schlachttieren, die Wulli in die Burg getrieben, fehlten vier Lämmer und ein Mutterschaf. Die hatten sich nicht versteigen; die Herde war gut zusammengewöhnt; und Kinder verlassen ihre Mutter nicht, die Mütter nicht ihre Kinder; so ist es bei den Tieren, bei den Menschen mag es anders sein. Um seines Zornes sicher zu werden, befahl der Schäfer: „Such, Wulli! Verloren!“

   Kläffend raste der Hund über den Berg hinauf. Die Schafe stutzten, wurden unruhig, schienen Freude und Schreck zu fühlen und sprangen auf einen Knäuel zusammen. Den umkreiste der Hund, zog immer weitere Ringe und schnupperte mit Nase und Lefzen über die Erde hin. Die Schärfe seiner Sinne war wohl noch immer ein bisschen gestört durch die Witterung des spanischen Pfeffers, von dem das eine und andere Körnchen sich in die innersten Falten von Wullis Schleimhäuten verkrochen haben mochte. Dennoch wurde er der Tatsache, dass kein Schaf und Lamm den Weideplatz überschritten hatte, so sicher, dass er schließlich stehen blieb, das ganze Fell mitsamt den Ohren schüttelte und fragend zu seinem Schäfer hinunterguckte. Nach dieser Pflichterledigung begann er sich mit Ausdauer und Behagen in den rot blühenden Almrosenstauden zu wälzen, um nach Möglichkeit die heftig beißenden Flöhe des Kassian Ziegenspöck loszuwerden. Das waren sehr gierige Tierchen; aus triftigem Grund; die Nährsäfte, die sie dem Sergeanten abzapften, hatten sehr säuerlich geschmeckt, doch Wulli hatte süßes Hundeblut; kein Wunder, dass sie es in der Sergeantenstube gelernt hatten, ihn zu bevorzugen.

   Lien – in einer Sorge, die ihm den Hals würgte – sprang mit dem Sälzerschrei auf die zusammengedrängte Herde zu. Der grau und weiß gesprenkelte Hauf kam in Bewegung. Blökend und schmälend, mit Wackelrücken und Klunkerschwänzen, trotteten ihm die Schafe entgegen, um aus des Schäfers Hand das lang entbehrte Salz zu empfangen. Er sälzte ein Schaf ums andere, immer mit brennenden Augen nach den Lämmern spähend, immer suchend. Viele der kleinen, weißen Herdenkindchen zogen mit den Müttern an ihm vorüber. Jetzt kam das letzte. Nein! Es musste noch eines kommen! Sein liebstes! Das musste kommen, oder der Lien meinte sterben zu müssen. Er spähte, mit vorgerecktem Hals. Es wollte kein Lamm mehr kommen. Den Schluss der Herde bildeten die Zuchthammel mit den bösen, durstvollen Augen. „Gotts Not und Elend!“ Eines von den vier Lämmern, die er vermisste, war sein „Silberweißlein“, sein „Edelfräulen“, dem er geschworen hatte, dass er es nicht schlachten ließe. „Gotts Not! Gotts Not!“ Das schrie er wie ein Verzweifelter mit allem Weh eines Menschenherzens in die schöne lachende Sonne hinaus und wusste nicht, dass mit dem Zorn und Kummer um den weißen Liebling aus seiner Seele noch etwas anderes herauszitterte, das alle Festigkeit seines Lebens entzweizubrechen drohte.

   Er fing von vorne zu suchen an, nahm Lamm um Lamm in seine Hände, sah jedem in die Augen und schüttelte den Kopf. Sein „Edelfräulen“, sein „Silberweißlein“ kam nicht, war verschwunden, für immer. Zerrissen von einem Wolf? Verschlungen von einem treuwidrigen Dieb, von einem gierigen Fresser?

   Was er in den Händen hatte, ließ er fallen und krampfte die Fäuste in seine Brust. „Gotts Not! Gotts Not!“ Es warf ihn nieder, seine Zähne knirschten. er biss in seine Arme, in seine Hände, dass sie bluteten. Seine Schultern begannen zu zucken, und etwas Unbegreifliches geschah – der Lien weinte. Er hatte das nie gelernt. Dieses Neue tat ihm so weh, als würde ihm mit glühenden Zangen der Leib zerrissen.

   Blökend oder äsend waren im Ring die Schafe um ihn her, teilnahmslos, ohne Verständnis und Barmherzigkeit. Was sich mit dem Lien ereignete, sah für die Schafe genau so aus, wie wenn sich der Schäfer froh und wohlig in den Blumen des Bruchlandes kugelte. Ein feister, kluger Hammel benützte die günstige Gelegenheit und fuhr mit dem halben Kopf in die Salztasche. Plötzlich stob die Herde scheu auseinander. Wulli hatte seinen Herrn vermisst und kam herangesaust, um ihn zu suchen. Erst stutzte er ein bisschen, als er dieses schwer verständliche Gebaren des Lien gewahrte. Dann bellte er und machte spielende Sprünge, weil er die Sache für eine von den lustigen Narreteien hielt, wie sie der Lien im Bruchland mit ihm zu treiben liebte. Es schien aber doch was anderes zu sein. Wulli stutzte wieder, äußerte sein Befremden in einem geheimnisvollen Ohrenspiel – links aufwärts, rechts abwärts und umgekehrt – schlich langsam mit Raubtierbewegungen auf den Schäfer zu, streckte die noch ein bisschen geschwollene Schnauze und schnupperte, stand ratlos, leckte vorsichtig an Hals und Ohr des Lien, setzte sich auf die Hinterbacken und sang zum Himmelreich hinauf, als stünde der Mond da droben, nicht die Sonne.

   Dieses misstönige Klagelied weckte den Lien. „Wulli? Heulen? Pfui Teufel!“ Er sprang vom Boden auf, fasste Hut und Schippe, stieg zu den Hütten hinunter und schrie seinen Lockruf über die Herde hin: „Höia! Höia!“ Gleich liefen ihm die Mutterschafe und die Lämmer nach, und Wulli hetzte die klugen Hammel, die gern auf der schönen Alpe geblieben wären, wo das Gras viel süßer war als im sauren Bruchland.

   Bei den Hütten gab’s einen Aufenthalt. Lien, schon wieder ruhig geworden, erwies sich als scharfer Menschenkenner und ging auf einen dickbäuchigen Sennen zu. „Gelt, Du! Sei zufrieden mit dem Fleisch! Und gib die Lammsfell’ her!“ Der Senn maulte ein bisschen, ging aber doch in die Hütte und brachte die weißen, noch blutfleckigen Fellchen. Eins davon, das kleinste, war die Lebenshülle des Silberweißleins. Das Schädelfell war nur ein zerfasertes Stücklein Haut mit zwei runden, starren Löchern. Dennoch erkannte Lien das Gesicht und sah zwei sanfte, schmerzvolle Augen. Sein halb beschwichtigter Grimm erwachte aufs Neue. Erst schlug er dem Sennen die zarten Felle so lange um das Maul, bis sie in Fetzen gingen. „Du Saukerl!“ Dann packte er ihn am Hals und verdrosch ihn unter Wullis kräftiger Beihilfe so fürchterlich, dass der Dickbäuchige auf die Knie fiel und um Barmherzigkeit bettelte. „Das merkst Du Dir, gelt! Es ist nit alles zum Fressen da! Für die Seel der Menschen muss auch was bleiben.“

   Noch niemals in seinem Leben hatte Lien einen Menschen misshandelt. Jetzt empfand er, dass es Stunden und seelische Verwirrungen gibt, in denen nichts so trostreich und wohltuend wirkt, als ein zweibeiniges Ekel mit aller Gründlichkeit zu verhauen.

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