Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 22

   In der Stube des Puechsteinischen Perlenschreines brannte nur eine einzige Kerze. Ihr Lichtschein war abgeblendet durch den Blechschirm, ihr Flämmchen noch umhüllt von einem aus Pergament geformten Becher.

   Wie ein schwerer, grauer Schleier hing das Zwielicht um alle Dinge des schwülen Raumes. In der Trutzischen Betthälfte klangen von Zeit zu Zeit die wunderlich wechselnden Schnarchlaute des Herrn Melcher, dessen fester Schlummer so mannigfache Register wie eine kunstvolle Orgel hatte. Über der Puechsteinischen Grenze war es still. Keine Bewegung im Bett, kein Laut, kein vernehmlicher Atemzug. Nur manchmal raschelte leise ein Kleid, wenn Frau Scholastika vom Sessel aufstand und sich in Sorge über den Regungslosen beugte, von dem sie nicht wusste, ob er schliefe oder bewusstlos wäre. So zart, wie ein Schmetterling die Blume berührt, die ihm Honig geben soll, befeuchtete sie wieder und wieder mit dem Essigtüchlein die klaffenden Lippen ihres Mannes. Dann stand sie lange über ihn hingeneigt, um seinen Atem zu erlauschen, der nicht zu hören, nicht zu fühlen war; dass Herr Korbin atmete, verriet nur seine Brust, die sich schwach bewegte; und zuweilen rieselte ein Schüttelfrost über seinen Körper hin. Befiel dieses Zittern den Puechsteiner, so zitterte auch Frau Schligg an allen Gliedern und stammelte ihr banges: „Ach, Gott! Ach, Gott!“ Und jedes Mal, sooft sich dieser erloschene Himmelsschrei aus ihrer bedrückten Seele rang, hörte sie den gleichen hauchenden Trost, das gleiche lispelnde Glaubenswort ihres Kindes: „Nit sorgen, Mutter! Wenn die Sonn’ kommt, ist der Lien mit dem Medikus da.“

   Nie widersprach Frau Schligg diesem Wort, obwohl sie den festen Glauben ihres Kindes für träumende Torheit, für Irrsinn einer glühenden Hoffnung hielt. Gibt es Menschen, die Wunder wirken und fliegen können? Gibt es Mauern, die versinken? Gibt es Feinde, die ohne Augen und barmherzig sind? Wäre der Kranke, der des Arztes bedurfte, ein anderer, und hätte Herr Korbin, dieser klügste und stärkste aller Männer, sich bei gesunden Kräften solch einer Tat unterfangen, dann hätte Frau Scholastika glauben können, dass mit der Sonne die Rettung käme. Aber ein Schäfer? Solch ein dummer und töriger Bub? „Ach, Gott! Ach, Gott!“ Doch immer, wen sie das Trostwort ihres Kindes hörte, beugte sie sich nieder zu Hilde, die neben dem Bett auf dem Boden kauerte, und klammerte den Arm um ihres Kindes Hals, in heißer Sehnsucht, dass durch die körperliche Berührung ein Schimmer von Hildes leuchtendem Glauben überfließen möchte in ihre verzweifelte Seele.

   Aus dem Burghof drangen dumpfe, wirre Geräusche herauf. Die beiden Wachenden vernahmen sie nicht, obwohl es da drunten immer lauter und lauter wurde. Das klang nicht mehr wie ein Lärm in Sorge und Zorn, es klang wie Geschrei von Menschen, die froh berauscht sind. Noch immer hörte Frau Scholastika nicht. Nur Hilde machte eine lauschende Bewegung und stammelte: „Mutter? Da muss was geschehen sein! Was Gutes!“

   Das durch die Nacht heraufschallende Stimmengewirr wuchs zu einer Lärmwoge unverkennbaren Jubels. Und plötzlich bewegte sich Herr Korbin. Er öffnete die Augen wie ein vom Leben aus tiefem Schlummer halb Erweckter, richtete sich mühsam auf, hörte nicht, was Frau Scholastika zu ihm redete, sah mit brennendem Fieberblick ins Leere, fing wunderlich zu lächeln an und sagte: „Der Herzog kommt!“ Aufatmend fiel er zurück und schien erst jetzt das Bewusstsein zu finden und völlig zu erwachen. Er sah seine Frau und sein Mädel an, sah zu dem schnarchenden Bettgesellen hinüber und lauschte in die Nacht. „Was ist da? Lauf, kleine Maus!“ Ganz versunken klang seine Stimme. „Bring mir Botschaft und ruf ein Mannsbild her!“

   Während Hilde hinüber lief zur Türe, sagte der Puechsteiner matt: „Ich seh’ nit gut. Ist’s Tag oder Nacht?“

   Was Frau Schligg ihm antwortete, ging unter in Eisengerassel und lachendem Geschrei, das draußen von der Treppe herankam zum Mauergang. es war ein Spektakel, dass sogar Herr Melcher davon erwachte, obwohl er auch im Wundfieber noch einen so gesegneten Schlaf hatte wie ein Dachs im Winter. Aus den Kissen auffahrend, keuchte er in Schreck: „Gotts Not! Was ist denn? Hat der Seeburger die Mauer geworfen?“

   Hilde hatte die Tür geöffnet. Der Flackerschein von Kienlichtern fiel in die Stube. Vor einem drängenden Schwarm heiter lärmender Söldner und Knechte erschien Kassian Ziegenspöck mit dem blanken Eisen, ohne Leidenszug im Gesicht, nur das Maul noch ein bisschen geschwollen, viel aufrechter und helläugiger als in Zeiten, in denen er seinen Verstand mit vielen, vielen Gurken gepflegt hatte. Lachend stieß er einen vor sich her, der Zahnweh zu haben und aus dem Bett zu kommen schien; zwischen dem dicken, ein wenig verschobenen Gesichtsbund brannten zwei vor Wut blitzende Augen heraus.

   Herr Melcher, sich mit dem Stirnverband aus dem Bett beugend, hatte einen so verdutzten Blick. Schwer schnaufend, streckte er die acht Finger und brüllte: „Kassel? Bin ich besoffen? Oder bist Du der Nüchterne?“

   Die Söldner und Knechte kuderten vergnügt, während Kassian Ziegenspöck erklärte: „Herr, ich hab’ so viel Wasser verschluckt, dass ich einwenig hell bin wie ein Bergbrunnen. Die reinste Sonn hab’ ich unter dem Haardach. Nur die Händ dattern noch ein lützel. So weit ist die gesunde Sonn noch nit hinuntergetröpfelt.“

   Auf die Bekenntnisse des Sergeanten schien Herr Melcher nicht zu hören. Immer sah er den Gefangenen an und beugte sich noch weiter vor. Er wusste, wer das war, und konnte das Undenkbare nicht glauben. „Wer – wer ist das?“

   „Ja, Herr!“, lachte Kassel. „Die Fehd ist aus. Ein Mutiger, an dem ich in der Nüchternheit irr geworden bin, hat dem Kriegsfrosch den Kopf herunter gebissen.“

   „Gotts Teufel!“, schrie Herr Melcher. „Wenn Du in der Nüchternheit mühlradschen musst wie ein altes Weib, so besauf Dich wieder, dass Du das kurze Reden lernst!“

   Der Sergeant schüttelte den Kopf: „Mir graust!“

   „Reiß ihm das Tuch herunter!“

   „Es stimmt, Herr!“ Mit derbem Griff entledigte Kassian Ziegenspöck den Gefangenen seiner Zahnwehbinde, wie man im Fastnachtsspiel dem verkappten Teufel die Larve des jungen Weibes herunterreißt. „Der Heini von Seeburg ist’s, den der Lien gefangen und auf dem Buckel über die Mauer getragen hat wie eine abgestochene Sau.“

   Unter dem Jubel der Knechte und Söldner vernahm man einen leisen Mädchenschrei, ein von Tränen ersticktes Auflachen. Sich streckend, hob Hilde die Arme wie eine Heilige, die in den Flammen ihres Martyriums den Glanz des offenen Himmelreiches schaut. „Er hat geholfen!“ Bei diesem jubelnden Schrei blieb es unklar, ob sie Gott oder einen anderen meinte.

   Das Gesicht des Trutz von Trutzberg, schon glühend vom Fieber, bekam noch den Glanz einer staunenden Freude.

   „Ja, Herr“, sagte Kassian Ziegenspöck, der vom vielen Reden ein bisschen merklicher wulstete, „ich hätt’ Euch die Nachtruh bis zum Morgen gern vergönnt. Aber wie der edel Herr von Seeburg den Lien, der um den Medikus geritten, nimmer gesehen hat, ist er ein lützel anmaßig geworden. Der edel Herr ist ein schlechter Menschenkenner. Hat gemeint, ich wär’ angesäuselt – vom Wasser –“ Kassel lachte in Tönen, die so klar waren wie nach einem Dutzend ungepfefferter Eidotter, „und hätt’ mir gern das Eisen aus der Faust gerissen. Da ist mir die Serjantenstub nimmer sicher genug gewesen und ich hab’ wider den edlen Herren ein lützel unehrerbietig werden müssen. Es tut mir leid.“ Wieder fand Kassian Ziegenspöck diese feinen, hellen Lachtöne, die so komisch wirkten, dass die Knechte und Söldner sich unter Gelächter niederbuckelten bis zu den Knien.

   Dann plötzlich war lautlose Stille. Hinter der Puechsteinischen Grenze war ein kurzes, wildes, hohnfreudiges Auflachen herausgefahren. Das war wie ein Lachen aus einer anderen Welt. Das verzweifelte Mahnen der Frau Schligg und die zärtliche Bitte seines Kindes missachtend, hob und stemmte Herr Korbin sich auf. Obwohl er lachte, sah er mit den glühenden, weit geöffneten Hohnaugen aus, dass die anderen vor ihm erschracken. „Heini von Seeburg! Du Grimmiger, der die Trutzische Leinwand braucht? Wie viel verlangst Du jetzt für Deinen Bruder Peter?“

   Dem Seeburger war’s nicht gemütlich um die Seele. Mit der roten Brandwunde, die vom Ohr über die Wange bis zum Kinn herunterging, mit dem zerwirrten Haar, der fahlen Stirn und dem ohnmächtigen Zornblick in den Augen, sah er aus wie ein angeschweißter Keiler, den die Meute der Hunde stellt. Eine Weile schwieg er, mit den Zähnen knirschend. Dann sagte er: „Der Lümmel, dem ich mich ergeben hab’ müssen, hat mich meines adligen Lebens gesichert.“

   Gleich erklärte Herr Melcher in seiner Freude: „Was der redliche Lien verspricht, soll gelten!“

   „Nit so!“ Mit der mageren Faust umspannte Herr Korbin den Arm des Bettgenossen und schüttelte unwillig die Hände seiner Frau und seines Kindes von sich ab. „Melcher, Du bist von den dummen Deutschen einer, die meinen, sie kämen mit Treu und Redlichkeit wider die Schlechten auf!“ Die zerbrochene Stimme des Kranken schrillte in Zorn und Hohn. „Wer menschlich ist wider die Unmenschen, ist ein Rindvieh, dem sie das Fell scheren. Da muss es heißen: Rupf mich am Haar, und ich reiß Dir die Seel aus dem Leib!“

   Heini von Seeburg verfärbte sich. Nur die Brandnarbe blieb rot. Und seine Stimme war tonlos. „Puechstein? Bist Du adlig?“

   Herr Korbin hob sich auf die Knie, den mageren Leib umschlottert von den Falten des Hemdes. „Ich bin, wie Dein Bruder und Du mich gemacht haben.“ Wer den Puechsteiner ansah, fühlte ein scheues Grauen. „Tausend ungebüßte Sünden nehm’ ich mit hinüber. Da kommt’s mir auf eine letzte nimmer an. Wir müssen Dich ohnmächtig machen für Deine Lebenszeit. Mein Kind und meine Kindeskinder sollen schnaufen in Freuden, die Du nimmer störst. Wehrst Du Dich wider meinen Spruch, so hängst Du, eh die Sonn kommt.“

   Der Seeburger schien einzuschrumpfen um einen halben Kopf. Er fragte: „Was verlangst Du?“

   „Zehntausend Dukaten hast Du begehrt für Deinen toten Bruder. Billig gerechnet, bin ich das Doppelte wert wie der Peter Seeburg. Das musst Du zahlen an mein Weib und Kind. Noch höher wie das Tote steht das Lebendige im Preis. Du lebst. Ich will Erbarmen haben und will Dich rechnen als einen Toten vom Unwert Deines Bruders. Drum zahlst Du zehntausend Dukaten als Lösgeld an den Schäfer Lien, der Dich gefangen hat. Allen Schaden an Trutzberg und Puechstein wirst Du gutmachen bis auf den letzten Heller. Und bis zur Mittagsstund muss abgezogen sein, was Seeburgische Farben hat. Du bleibst. Man soll den Burgpfaffen holen mit Feder, Tint und Pergament! Diktieren musst Du, Melcher! So schreien kann ich nimmer, dass es der Burgpfaff hört. Und Kruzifix und geweihte Kerzen muss er mitbringen. Der Heini von Seeburg wird die Urfehd wächsnen unter Gottes Zeugschaft, wird die Kriegslust wider uns und den Jagdbann im Seeforst abschwören bei seiner Seligkeit!“ Nach dem mühsamen Herausstoßen dieser Worte kam ein heiteres Lachen. „Den Schwur tät der adlige Seeburg brechen. Drum müssen wir ihn rupfen und schälen, bis er ein lausiger Bettler ist, der nimmer mitredet in der Welt. Solang er nit gezahlt hat, bleibt er in Haft. Machst Du es anders, Melcher, so sterb’ ich in Feindschaft weg von Deinem Ellbogen.“ Herr Korbin taumelte ein bisschen, tastete mit den Armen wie ein Blinder, fiel auf die Kissen hin, umklammerte die Hand seines Kindes und sagte gleich einem Schlaftrunkenen: „So, liebe Maus! Soll’s kommen, wie’s mag! Jetzt habt ihr ein Heiratsgut.“

   In der beklommenen Stille, die diesen sinnlos scheinenden Worten folgte, sprach Herr Melcher auf eine Art, wie Knaben vor einem kraftvollen Mann staunen: „Korbi! Der Beste bist allweil Du! In Dir ist Hirn.“

   Eine schrillende Frauenstimme. Mit stoßendem Armen und schlagenden Fäusten drängte sich durch den Schwarm der Söldner die Trutzin über die Schwelle herein, anzusehen gleich einer Irrsinnigen, gleich einem Gespenst. Sie schien ein Stündlein geruht zu haben, schien aus dem Bett zu kommen, war halb entkleidet und hatte die Schlafhaube verloren. Die dünnen Haarschwänzchen hingen wirr über das fahle entstellte Gesicht herunter. Ihre verstörten Augen glitten in der Stube herum und suchten. „Wo ist er?“ Mit zuckenden Händen fasste sie den Heine von Seeburg am Hemd. „Wo ist mein Sohn? Wo hast Du meinen Sohn?“

   „Wie soll ich wissen, wo Euer Bub ist?“ Der Seeburger, mit einem Übligkeitsausdruck im verbrannten Gesicht, schüttelte das kreischende Weib von sich ab. „Ich bin nit seine Kindsmagd.“

   Frau Engelein war wie gelähmt, wie versteinert. Ihr Blick irrte im Leeren. Sie hörte nicht die halb erschrockenen, halb scheltenden Worte ihres Mannes, hörte nicht die Stimmen der anderen. Die zitternden Hände streckend, begann sie sich wie eine Nachtwandlerin zu bewegen und ging durch die Gasse hinaus, die der Schwarm der Söldner vor ihren langsamen Schritten aufmachte.

   Um die zerschossenen Fenster des Mauerganges dämmerte schon der erste Morgengrau.

   Mit einer wortlosen Geste wies Frau Engelein jeden Menschen zurück, der ihr nachkam und zu ihr redete.

   Sie ging und suchte, immer allein. Treppab und –auf. Durch Stuben und Kammern, durch Hallen und Gänge, durch Keller und Gewölbe. Überall suchte sie, wo sie wusste, das sie ihren Sohn nicht finden würde. Eine starre Ruhe war in ihrem Schritt, in ihren Bewegungen, in ihrem Blick. Sie glich einer kranken, aber klugen und überlegten Frau, die weiß: Ein Ding ist verlegt, ist nicht verschwunden von der Welt und muss sich wieder finden lassen. Den Mägden, die ihr begegneten, gab sie die häuslichen Befehle des Morgens, mahnte sie zu Vorsicht, Sparsamkeit und Fleiß. Immer wieder sagte sie: „Es taget. Ist jedes auf seinem Platz?“

   Nun stand sie schon zum dritten Mal vor ihrer Schlafstube und hatte wieder nicht den Mut, sie zu betreten. Sie kehrte um, kam bis zur Treppe und wurde gewaltsam wieder zurückgezogen von diesem ekelhaften und grauenvollen Gedanken, der sie nimmer verließ. Wie es Menschen machen, die einen Dieb überraschen wollen, so stieß sie die Tür auf.

   In der Stube, die schon hell werden wollte, war eine peinliche Ordnung. Nur die Decke des großen Himmelbettes war auf dem linksseitigen Drittel ein bisschen eingeknüllt; hier hatte Frau Engelein in ihrem kurzen Erschöpfungsschlaf gelegen, als sie beim Jubel der Burgleute wach geworden.

   Wie eine zitternde Aschensäule stand sie im grauen Zwielicht, sah immer die verriegelte Falltür über dem Wendeltrepplein an und lauschte auf die Murmelstimme, die von da droben herunter klang und wie das scheue Beten eines verzweifelten Weibes war.

   Langsam schlurfte Frau Engelein um das Bett herum und gegen die Ecke hin. Und kletterte wie eine schwache Greisin hinauf und schob den Riegel mit lautloser Vorsicht zurück und drückte mit der Schulter die Falltür in die Höhe.

   Inmitten der kleinen Kammer, in die durch das Dachfenster nur wenig Licht hereinfiel, kniete die rote Pernella angekleidet auf dem Fußboden, klein zusammengekrümmt, betend mit verkrampften Händen. Als durch die Luke das blasse Gespenstergesicht der Trutzin herauftauchte, stieß das Mädel einen erwürgten Schrei aus, wollte aufspringen, konnte die Glieder nicht bewegen, bleib auf dem Boden liegen und drehte nur in Entsetzen das verweinte Gesicht gegen das Fenster.

   Frau Engelein hatte verstanden. Mit einer Fingerspitze wischte sie unter dem linken Auge hin; dann hingen ihre Arme schlaff hinunter. So stand sie vor dem zuckend zusammen gekrümmten Mädel, starrte regungslos auf das Dachfenster und hörte, was sie vor Stunden gehört hatte: Ein schweres Kollern, ein Gerassel fallender Ziegel. Alles sah sie, was da draußen war: Das steile Dach, das erwachende Himmelreich und die tagende Ferne, ind er die Morgensonne blad kommen wollte. Wäre Frau Engelein beim Fenster gestanden, sie hätte was anderes nicht sehen können; nicht das Burggärtlein, nicht die Ringmauer; jeder Ziegel, der über das steile Dach hinaus glitt, wurde im Schwung des Falles über Garten und Mauer hinuntergeschleudert in das Geschröfe des Trutzberges.

   Große Tränen fielen von Frau Engeleins unbeweglichen Augen. In lallenden Worten wurden ihre Gedanken laut: „Ein Held der andere! Der Meinige ein feiges Schwein! Und der Puechstein ist schuld an allem! Und Du!“ Sie bewegte die Hände, als möchte sie Pernella an den Haaren fassen, und zog in Grauen die Arme wieder zurück.

   Unter ersticktem Heulen drückte die Magd ihren Kopf hinunter bis zum Rocksaum des starren Weibes und klagte sich an und beschwor doch bei allen Heiligen ihre Unschuld.

   Frau Engelein beugte sich nieder und hauchte: „Du! Das darf im Leben niemals wieder über Deine Lippen kommen.“

   In die Hände schluchzend, schüttelte Pernella den Kopf.

   „Das musst Du schwören.“

   „Ich schwör’s.“

   „Bei Gott und Deiner Seel!“

   „Bei Gott und meiner Seel!“

   „Und dass Du brennen müsstest in alle Ewigkeit!“

   „Und dass ich brennen müsst’ in Ewigkeit!“

   Sich hölzern aufrichtend, nickte Frau Engelein. „Nimm Leut! Die sollen suchen. Und haben sie – haben sie ihn – gefunden –, dann geh, wohin Du willst. Ich kann Dich nimmer anschauen.“

   Pernella schoss davon.

   Noch lange stand Frau Engelein regungslos inmitten der kleinen, stillen Kammer. Schrittlein um Schrittlein ging sie der Luke zu und stieg hinunter, mit einer zitternden Schwäche in den Knien, schloss die Falltür und schob den Riegel vor. Auf der Wendeltreppe strich sie, ohne s zu wissen, mit der Hand unter dem Geländer hin und sah die Fingerspitzen an – wie sie es zu machen pflegte, wenn sie an irgendeinem Hausgerät die Reinlichkeit ihrer Weibsleute prüfen wollte.

   Einer wandelnden Leiche ähnlich, glättete sie das Bett und strich, als die Decke schon in Ordnung war, noch immer mit den wachsbleichen Händen darüber hin. Und drehte immer wieder das verzerrte Gesicht gegen das Fenster. Nun sprang sie plötzlich wie eine Rasende auf die Nische zu, stieß die Guckscheibe in die Höhe und fuhr mit dem Kopf hinaus.

   Da drunten war die grüne Linde, das enge Gärtlein mit Blumen und Rasenflecken. Sonst nichts. Kein Mörtelschutt und keine Ziegelbrocken. Alles, was vom Dach gefallen, war hinausgeflogen über die Mauer.

   Und überall, in den Höfen und Schützengängen, war fröhliches Geschrei.

   Heftig zusammenschauernd, glitt Frau Engelein auf den Boden nieder, lag gekrümmt und weinte und betete, wie es droben in der Dachkammer die Magd getan hatte.

   Jählings hob sie den Kopf, als müsste sie auf den Schritt eines Kommenden lauschen. Was sie gehört hatte, war nur ein dumpfer Stimmklang ihres Mannes, der dem Burgpfaffen die Worte der Urfehd vorsagte und dabei mit aller Kraft seiner Lunge schreien musste, damit der halbtaube Greis ihn deutlich verstünde.

   Frau Engelein erhob sich, wusch die Augen, brachte ihr Gewand in Ordnung und versteckte die dünnen Haarschwänze unter der rot und grün gebänderten Taghaube.

   Als sie den Mauergang erreichte und die vier Söldner sah, die vor der Stube des Puechsteinischen Perlenschreins bei offener Türe die Wache hielten, verwandelte sich Frau Engeleins Gesicht in eine steinerne Maske mit unbeweglichem Lächeln.

   Langsam schreitend, hörte sie ihren Mann in der Stube sagen: „Sei verständig, Seeburg! Ich möcht’ mich freuen an der Tat des tapferen Buben. Erzähl mir, wie’s gewesen ist!“

   „Ich bin gerupft“, knirschte die Stimme des Gefangenen, „ich hab’ geschrieben und geschworen. Jetzt will ich Fried haben. Lass Dir’s von dem langen Lümmel erzählen. Nit von mir.“

   „Geh, Korbi, tu ihn nit reizen!“, fiel Herr Melcher ein. „Erzähl, Seeburg! Da kannst Du Dich einschmeicheln bei mir!“

   Eine unflätige Redensart. Dann kam der Mann mit der Zahnwehbinde und den schön gestickten Hemdärmeln aus der Stube, hinter ihm der aufrechte, augenklare, nur noch ein bisschen wulstmäulige Kassian Ziegenspöck, der sich durch festes Umklammern des Schwertgriffes alle Mühe gab, die Dattersucht seiner Hände zu überwinden. Die vier Söldner schlossen sich den beiden an, und so schritten sie an Frau Engelein vorüber, die sich in eine Fensternische drückte.

   In der Stube prägte Herr Melcher zwischen Behagen und Verdruss das weise Wort: „Was ein Ferkel ist, muss allweil das Schwänzl drehen.“ Ein rasselnder Atemzug, ein Plumps in die Kissen, dann die besorgte Frage: „Korbi, wie geht’s?“

   Als Frau Engelein über die Schwelle trat und die Türe schloss, sagte der schläfrige Puechsteiner: „Zum Unterschreiben hat’s noch gereicht. Jetzt krieg’ich bleierne Finger.“

   Am Tisch verwahrte der greise Kaplan gerollte Pergamentblätter in einer Blechkapsel; er hatte heitere Augen, murmelte sehr vergnügt und guckte verwundert auf, als Frau Engelein die Kerze ausblies, die noch brannte. „Licht verschwenden! Wenn es Tag ist!“, sagte sie und atmete unter der steinernen Maske auf, weil sie Frau Schligg und Hilde nicht in der Stube sah.

   „Geh, mein Weibl, mein gutes, jetzt ist nimmer Sparenszeit.“ Herr Melcher lachte ein bisschen, während der Burgkaplan mit Bücklingen und unverständlichen Apostelworten die Stube verließ. „Der Heini von Seeburg lasst die Dukaten fallen wie ein Regen die Tropfen.“ Die heitere Stimme wurde ernst. „Was ich fragen will – was ist das mit unserem Buben?“

   Frau Engelein, die in der Stube Ordnung machte, wandte sich schweigend gegen das Fenster und stand wie eine schwarze Säule in der Morgenhelle.

   „Traut er sich nit herein zu mir?“

   Keine Antwort kam.

   „Der gute Tag soll ausgleichen, was unsinnig und schlecht gewesen. Das schieche Pergament, das er heimlich an den Feind geschrieben, ist zerrissen und verbronnen. Sag em Buben, dass ich verzeihen will.“

   Eine kalte, ruhige Stimme. „Er wird sich kränken.“ Frau Engelein, mit dem Rücken gegen die Bettlade, glättete ein Stück Leinwand und wickelte es zusammen. „Allweil ist das so: Dass die guten Bäumlen die Birnen tragen, und dass die Landfahrer kommen und sie herunterschütteln.“

   „Weib?“ Herr Melcher hob sich aus den Kissen. „Deine Red hat einen Stachel. Wem soll er weh tun?“

   „Nit Dir, nit mir.“ Frau Engelein griff nach einem anderen Leinwandfleck. „Die Wahrheit muss an das Licht. Meines Buben Brief an den Seeburger ist eine List gewesen. Was der Schäfer getan, das hat der Meinige tun wollen. Gestern am Abend hat er’s beredet mit mir. Gegen die zehnte Nachtstund ist er über die Ostmauer hinunter gestiegen. Und ist zu spät gekommen. Einer, sorg’ ich, hat erlauscht, was der Meinige mit mir beredet hat.“ Das alles kam so glatt und ruhig, wie die Worte eines Gebetes fließen, wenn nur die Lippen beten, nicht Herz und Seele.

   Herr Melcher war sehr verdutzt und wusste nicht, ob er sich freuen oder sich ärgern sollte. Sich freuen: „eil er zwei so mutige Buben besaß? Sich ärgern: Weil dem Lien das Beste seines kühnen Streiches, der Einfall, genommen wurde? Das Gefühl des Ärgers überwog; auch kam der Zweifel dazu. Grob sagte Herr Melcher: „Weib! Das wirst Du erweisen müssen!“

   Bevor Frau Engelein antwortete, griff tastend aus der Puechsteinischen Hälfte des Bettes die dürre Hand des Kranken herüber. Mühsam sagte er mit seiner schwachen, von kämpfenden Atemzügen entzwei gerissenen Stimme: „Melcher – Du bleibst doch allweil – das gleiche Schaf!“

   „Gelt, ja?“, nickte Herr Melcher schuldbewusst.

   Wieder diese ringende Stimme: „Mir übelt – meine lieben Weibsleut – sollen kommen! – Der Mannshandel – ist aus – jetzt will ich – die Weibsleut – haben –“

   Die Trutzin ging abgewandten Gesichtes um die Bettlade herum. Bevor sie die Tür der Fürstenstube erreichte, klangen zwei Laute, in denen ein versunkenes Lachen war: „Frau – Engelein?“

   Sie drehte das steinerne Gesicht über die Schulter.

   Aus dem Perlenschrein hoben sich fünf gespreizte, hagere, lange Finger heraus. „Gebt mir – Eure Hand – Frau Engelein –“ Zögernd tat sie es.

   Wie ein stählerner Schraubstock klammerte sich die heiße Faust des Puechsteiners um die kalte, zitternde Frauenhand. Die Trutzin stöhnte und wollte ihre Hand befreien. Sie zog und zerrte. Und plötzlich erlahmte ihr Widerstand, weil sie immer in diese brennenden Augen schauen musste, die aus dem abgemagerten, von Schmerzen verzerrten und dennoch lächelnden Todesantlitz des Herrn Korbin herausglühten.

   Seine Brust tat tiefe Atemzüge. Er schien gewaltsam alle letzte Kraft seines versinkenden Lebens zusammenzuraffen, um ruhig und heiter schwatzen zu können:

   „Melcher! Pass auf! Dein Weib will reden. Gelt, Frau Engelein? Neugier ist an einem Mann wie ein Schnauzbart an einem Mädel. Aber zwischen hüben und drüben ist eine Bruck. Wer da steht und schaut hinauf oder hinunter, wird neugierig.“

   „Frag den Pfaffen! Du!“ Das stieß sie schauernd durch die Zähne heraus.

   „Vom Himmelreich weiß ich genug. Ich möcht’ ein lützel was wissen von der lustigen Welt.“

   Die Trutzin keuchte: „Meine Hand lass aus!“ Sie stemmte sich mit den Knien gegen die Bettlade und wand sich und zerrte mit allen Kräften, um ihre Finger zu erlösen.

   Der Puechsteiner lachte; seine Faust hielt fest.

   Erschrocken stammelte Herr Melcher: „Jesus, Korbi, Du kranker Narr, was tust Du denn da? So lass doch das gute Weibl aus!“ Um zu helfen, griff er mit seinen acht Fingern ins Puechsteinische Bettland hinüber.

   „Geduld, Herzbruder!“, lallte Herr Korbin. „Dein gutes Weibl wird reden. Gleich.“ Während ihn die Trutzin gegen die Bettkante hinzerrte und seinen starren Oberleib von den Kissen aufriss, heilt der Peuchsteiner die stählerne Faust geschlossen und sperrte weit die geröteten Lider auf, als müsste er gewaltsam ankämpfen gegen die lähmende Schlafsucht seines Leidens. Immer sah er mit heißem Blick in die von Angst und Pein und Schreck verstörten Augen des zerrenden Weibes. Und immer lächelte er. „Frau Engelein? Wer ist der dumme, tapfere Lien?“

   Herr Melcher, als er diesen Namen hörte, musste die Arme fallen lassen; er konnte seinem guten Weibl nimmer helfen. Auch in Frau Engelein schien jeder Widerstand erloschen zu sein; mit entgeistertem Gesicht, taumelnd wie eine Betrunkene, hing sie an der Faust des Korbin von Puechstein.

   Ein leises Lachen. „Frau Engelein? Wer ist der Vater des reinen und mutigen Lien?“

   Die Trutzin schwieg, ihre Zähne schnatterten; und während sie mit der gefangenen Hand das schreckvolle Zucken und Zerren wieder anfing, wurden die Fenster heller. Hinter der Brandruine des Puechsteines fing der östliche Himmel zu glänzen an.

   „Frau Engelein? Wie ist’s gewesen mit der Germeid?“

   Ihre blauen Lippen bewegten sich, doch es quollen nur tonlose Laute aus ihrer Brust. So riss und zuckte und kämpfte sie. Und irgendwo in den Lüften, hoch über dem Dach des Herrenhauses, schmetterte ein freudiger Hornruf, wie ihn die Türmer bliesen, wenn Gäste kamen.

   „Frau Engelein? Wie war’s im Stall? Wie war’s mit dem schweinischen Knecht, an den ich nit glaub’?“

   Immer fröhlicher klangen die Hornrufe. Und von der Nordmauer, auf deren Schützengängen man hinaussah über das Bruchland und die Seestraße, tönte ein jubelndes Geschrei.

   Der Puechsteiner schien nimmer zu hören. Seine Faust hielt fest, während er mit Kopf und Oberkörper unter dem Gezerr des stummen Weibes schaukelnde Bewegungen machte. Und Herr Melcher streckte wieder die acht Finger gegen Frau Angela hin und bettelte: „Sei ehrlich, mein gutes Weibl! Und sag’s!“

   Die Trutzin kicherte schrill und schlug mit der freien Faust gegen den Arm des Sterbenden los.

   Der lachte. Und seine Stimme hob sich zu wilder Kraft: „Frau Engelein? Wer hat gelogen?“

   In irrsinnigem Widerstand kreischte das Weib: „Leb oder stirb, Du Narr! Ich red nit!“

   Herr Melcher wollte wehren. Und aus der Fürstenstube, in blassem Entsetzen, kamen Frau Schligg und die alte Puechsteinische Magd gelaufen.

   Wieder diese Stimme voll wilder Heiterkeit: „Redet ein Zünglein nit, so redet die stumme Wahrheit. Das Recht muss siegen. Oder die Welt geht unter. Weib! Wer hat gelogen?“

   Frau Engelein blieb stumm; sie schlug und zuckte wie ein Fisch an der Angel; und während Frau Scholastika unter erwürgtem Schelten und Gestammel den schlagenden Arm der Trutzin einfing, machte die Magd, auf den Knien liegend, den nutzlosen Versuch, die stählerne Faust ihres Herrn zu öffnen.

   Ein klingender Laut. Und wieder, wieder, immer näher. Die andere Tür der Stube flog auf, und ein blühender Jubel des Lebens wirbelte herein. „Der Medikus ist kommen!“ Mit ausgebreiteten armen stand Hilde auf der Schwelle, glühend, atemlos, in den Augen die Sorge um den Vater, und dennoch lachend. „Mein Lien ist da! Noch eh die Sonn erschienen!“

   Herr Melcher gebärdete sich, als wäre er befallen vom heitersten seiner Räusche. Und der Puechsteiner, ohne die Faust zu öffnen, schrie seinem Mädel in Freude zu: „Hol ihn, liebe Maus! Der Bub ist Dein!“ Er wollte lachen, wollte mit der freien Hand seinem davonjagenden Kind nachwinken. Da rann ein Ausdruck so grauenvollen Schmerzes über sein mageres Gesicht, als hätte man ihm eine glühende Nadel durch Gehirn und Augen gebohrt. Alle, die in der Stube waren, schrieen auf. Nun wurde das Gesicht des Puechsteiners schon wieder ruhig. Ein bisschen verwundert sah er im Kreis umher; dann blieb sein fragender, etwas schläfriger Blick an Frau Scholastika hängen. Lächelnd sprach er noch eine einzige Silbe. „Schligg?“ Dann fiel er, seine Faust noch fester um die zerrende Hand der Trutzin spannend, auf die zerwühlten Kissen nieder.

   Die Puechsteinerin griff mit den Armen ins Leere, fasste sich und lief unter hastigen Stoßgebeten nach Riechsalz und Essigtüchlein.

   Herrn Korbin saugen waren halb geschlossen. Unter den bleichen, rot geränderten Lidern quoll ein feuchtes Blitzen heraus. Die schmalen Lippen lächelten. Das war wie lustiger Spott, wie wissender Hohn.

   Frau Engelein, die nur noch matte und ungeschickte Bewegungen machte, um ihre gefangene Hand zu befreien, fing heftig zu zittern an. Immer starrte sie auf diese halb geschlossenen, spöttisch blitzenden Augen. Und ihre Zunge, ihr Mund bewegte sich. Der Lebende hatte sie nicht bezwungen. Dieser Sterbende, der schon aussah wie ein Toter, überwältigte sie. Taumelnd schloss Frau Angela die Lider und stöhnte: „Ich – ich – erlöst mich von ihm, und ich will bekennen – ich – ich hab’ gelogen –“ Ohnmächtig, fast lautlos wie ein umkippender Kleiensack, fiel sie vor dem Puechsteinischen Perlenschrein auf den Boden hin.

   Frau Scholastika schrie gellend auf, sprang zu ihrem Mann und sah, dass er Atem hatte und lächelte. Nur das Leben lacht. Drum glaubte die Puechsteinerin nur an einen Anfall von Schlafsucht, nur an Erschöpfung.

   Da brachten Hilde und Lien den kleinen, schwächlichen Pater Medikus vom Kloster am See. Hinter den dreien huschelte Wulli drein, noch immer ein bisschen kränklich und scheu, dazu erschöpft, von Staub bedeckt, mit pumpenden Flanken und langer Geiferzunge.

   Wäre die Stunde nicht so weh und ernst gewesen, man hätte lachen müssen in der Stube des Perlenschreins – so drollig war es anzusehen: Wie Lien das ärgerliche, von einem jagenden Ritt in allen schwachen Knochen zerrüttelte Mönchlein um den Rücken gefasst hielt und hopfen und springen machte.

   Als das Paterchen bei der Bettlade seien Freiheit fand, guckte es den gewalttätigen Schäfer wütend an, bekreuzigte sich schnell und murmelte: „Apage, Satanas!“ Frau Schligg und Hilde fassten die Hände des Arztes, der den medizinischen Schnerfsack auf dem Rücken hatte. Das Mönchlein wehrte sich verdrießlich: „Nur aufschnaufen! Lasst mich nur aufschnaufen! Der Kerl ist geritten, dass mir’s die Seel aus dem Leib gebeutelt hat. Im Seeforst hat der edel Herzog von Bayern hintbleiben müssen wie ein Schneck. Und ist doch ein Herr, der reiten kann.“ Den Schnerfer abnehmend, guckte das Paterchen seine braune Kutte an, die sehr sonderbare Quetschfalten hatte.

   „Lien!“ Aus wortloser Erschütterung erwachend, streckte Herr Melcher die acht Finger nach dem Schäfer. „Mein Lien!“

   Der sah und hörte seinen Herrn nicht, musste was anderes tun, musste der Magd helfen, die ohnmächtige Trutzin aufzurichten, sie zu erlösen von dieser krampfhaft geschlossenen Faust. Dem Willen des Lien gehorchten die eisernen Finger.

   „Ja, Bub! Hast Recht!“, stammelte Herr Melcher. „Trag Deine gute Herrin zu ihrem Bett! Und tu die Weibsleut rufen, dass sie helfen!“

   Als Lien auf seinen Armen die ohnmächtige Trutzin aus der Stube trug, machte er eine Bewegung, wie um die Augen zu wenden. Er tat es nicht, sah sich nach dem Fräulein von Puechstein nimmer um. Nur seinem Hund rief er einen leisen Locklaut zu, er völlig überflüssig war – Wulli ließ die noch etwas geschwollene Nase nicht von der Wade seines Schäfers.

   Jammernd zappelte die Magd mit dem Lien aus der Stube.

   An der Kalkwand des Mauerganges glommen rosenrote Leuchtflecken auf. Die Sonne kam.

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