Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 21

   In wachsender Sorge stieg die Trutzin in allen Turmböden hinauf und rannte durch die Schützengänge. Immer wieder hetzte sie aus ihrer Seele die Frage heraus: „Wo ist mein Sohn?“ Seit der zehnten Abendstunde hatte kein Söldner, kein Knecht den Jungherrn mehr gesehen. Und noch eine Stunde länger war es her, dass Herr Melcher den Namen seines Sohnes nimmer nennen wollte – seit er das eine der beiden Pergamente in kleine Fetzen zerrissen hatte.

   „Hätt’ ich nur geschwiegen!“, stöhnte Frau Engelein vor sich hin. „Hätt’ ich ihm nur vom Zorn des Vaters nit geredet!“ Während sie durch den Burghof zur Westmauer rannte, wo sie noch nicht gesucht hatte, wurde sie gepeinigt von einer schrecklichen Bilderflucht.

   Im schwach besetzten Schützengang über der Maistube fand sie einen, der in seiner kriegsmännischen Würde wissen musste, wo der Jungherr war. Sie fragte und fragte. der Unbegreifliche blieb stumm. Er hockte auf dem Boden des Schützenganges, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt, die zittrigen Hände um die aufgezogenen Knie geschlungen. Klare Wassertropfen glitzerten an seinem Bart und auf den Brustplatten. Mit den geschwollenen Lippen, auf die er beim Sturmgefecht in der Torhalle einen Flachhieb bekommen hatte, machte er sonderbare Bewegungen und sah mit pfennigrunden Triefaugen stumpf ins Leere.

   „Serjant, Serjant! Um Christi Barmherzigkeit! So tu doch reden! Wo ist mein Sohn?“

   Kassian Ziegenspöck blieb stumm. Aber einige Bewegung kam in den Regungslosen. Seine Stirne verkürzte sich zu eng gereihten Falten; es zwinkerte um seine Augen herum, seine Wangen schlotterten, seine zur Hälfte schon gebesserten Lippen verzogen sich grinsend in die Breite, und so fing er zu weinen an, leise und geduldig wie ein gutmütiges, verlassenes Kind.

   Die beiden Puechsteinischen Söldner, die bei der Mauer die Wache hatten, entfernten sich kopfschüttelnd, soweit es ihnen der kurze Schützengang gestattete.

   In Frau Engelein weckten die Tränen des Kassian Ziegenspöck eine gesteigerte Angst.

   „Serjant! Um Herrgotts willen! Weswegen musst Du so weinen? Ist was Übles mit meinem Sohn?“

   Das gleiche Schweigen, die gleichen Tränen.

   „Jesus, Jesus, was ist denn im Kassel?“

   Ein Söldner sagte: „Die trunkene Not!“

   Da richtete sich die Trutzin voll Empörung auf und sprach das gleiche Wort, das schon von anderen mehrfach wider den Sergeanten und seinen Zustand gebraucht worden war. Und Kassian Ziegenspöck, noch kläglicher weinend, deutete mit der Datterhand, als möchte er sagen: „Da haben wir’s wieder!“

   Frau Engelein wandte sich von ihm ab und wollte die Suche nach ihrem Sohn aufs Neue beginnen. Da gewahrte sie eine Strickleiter, die am Gebälk des Schützenganges befestigt war und über den Bord der Mauer hinaushing. Hastig guckte die Trutzin durch eine Scharte in die Nacht hinaus. Die Stricke der Leiter verschwanden in der Finsternis. Aus der Tiefe sah ein steiles Felsgeschröf mit schwarzen Staudenflecken herauf.

   Die Augen der Trutzin flackerten heiß. „Wer ist da über die Mauer gestiegen?“

   Der eine der beiden Söldner wurde verlegen, der andere sagte ruhig: „Wir müssen schweigen. Es ist Befehl.“

   Frau Engelein nickte erregt. Seit Herr Melcher in den Puechsteinischen Kissen lag, führte ihr Sohn den Befehl in der Burg. Hatte Eberhard dieses Gefährliche und Tollkühne gewagt: Mit dem Heini von Seeburg mündlichen Vergleich zu suchen? Es war das einzige, was ihr noch zu denken verblieb. Mit beklommener Stimme fragte sie: „Wie lang muss die Leiter da noch hängen?“

   „Wir müssen sie aufholen, wenn es tagen tät und der Aussteiger wär’ noch nit eingestiegen.“

   Freundlich reichte die Trutzin jedem Söldner die Hand: „Wachet, ihr guten Leut! Der ausgestiegen ist, wird wiederkommen!“

   Gläubig nickten die zwei Puechsteinischen, während Kassian Ziegenspöck unter Tränen ein böses, hohnvolles Lachen vernehmen ließ. Der Sergeant sah aus, als wäre sein sonst so weinheller Geist nun völlig gestört.

   Hastigen Ganges kehrte Frau Engelein zum Herrenhaus zurück. Immer sah sie die finstere Tiefe der Westmauer und das schwarze Staudengewirr im Geschröf. Zwei Gefühle begannen in ihr zu streiten: Bewunderung für die Verwegenheit ihres Sohnes und ein quälender Zweifel, der sie immer härter bedrängte.

   Sie kam zur Spittelhalle, in der alle Verwundeten wach waren und sich über den wunderlich aufgeregten Schäferhund belustigten. Auch Wulli mit seiner geschwollenen Schnauze und den verzerrten Lefzen schien zu lachen. Es sah nur so aus. In Wahrheit brannte in ihm eine Tragödie der Schmerzen und ein Trauerspiel der Sehnsucht.

   Die Trutzin, schon wieder den Ausdruck von Angst im irrenden Blick, stieg in die Küche hinunter. Zwei Mägde waren beim Herd beschäftigt, die anderen hockten duselnd auf Bänken und Schemeln. Die Margaret kam ihrer Herrin entgegengelaufen, um glückselig zu melden, was sie seit dem Abend noch nicht an die Frau hatte bringen können: „Heut ist’s gut gegangen im Hühnerstall! Wir haben Eier, soviel, als wir legende Hennen haben.“

   Ein unbegreifliches Wunder geschah: Kein Schimmer von Freude erwachte in Frau Engelein. Ihre qualvollen Augen irrten in der Küche umher. Ein tiefer Schreck schien ihre Seele zu befallen: „Wo ist die rote Pernell?“

   „Die ist müd gewesen zum Umfallen. Ich hab’ ihr aus Erbarmen gestattet, dass sie schlafen geht ein paar Stündlein.“

   Frau Angelas Hände tasteten ins Leere. „Meine Latern!“

   Als sie die kleine, dick verglaste Leuchte, die sehr rasch ein heißes Blech bekam, in der Hand hatte, jagte sie stumm davon und über die steilen Treppen hinauf. In den Mauergängen, durch deren zerschossene Fenster die Nachtluft hereinfiel, herrschte ein pfeifender Zug. Der fuhr auch, als Frau Engelein die Tür öffnete, in das stille, leere Trutzische Ehegemach. Beim Anblick des unbevölkerten, doch von den verwichenen Tagen her noch vielfach bekleckerten Himmelbettes ließ Frau Engelein ein paar Laute vernehmen, die der „trunkenen Not“ des Kassian Ziegenspöck zu vergleichen waren. Das Kleid schürzend, hastete sie über das Wendeltreppelein empor und wollte die unverriegelte Falltür hinaufdrücken. Das ging nicht; droben im Kämmerchen stemmte sich irgendetwas Schweres dagegen. Zornig hämmerte Frau Engelein mit der Faust gegen die Falltür und erhob ein zeterndes Schelten. Dumpf klangen droben die Sprünge nackter Füße, und eine undeutliche Mädchenstimme schien erschrocken immer das nämliche zu sagen: „Gleich, Frau! Gleich, Frau! Gleich, Frau!“

   Etwas Schweres wurde gerückt; dann gab die Falltür dem Armdruck der Frau Angela nach; im Kämmerchen klirrte was, als hätte die Zugluft beim Öffnen der Tür am Dachfenster gerüttelt.

   Mit erhobener Laterne leuchtend, stieg Frau Engelein vollends in das kleine Gelass hinauf. Sie sah eine hochbeinige Bettlade, in der, das Linnlaken bis an den Hals gezogen, die zitternde Pernella lag, sah die Magdtruhe neben dem Loch der Falltür stehen, sah das stille dunkle Fenster, sah die kahlen Wände – sonst nichts. Die Trutzin atmete erleichtert auf, ohne die Angst zu gewahren, die das Gesicht der lautlosen Magd verzerrte. Zu gewissenhafter Probe leuchtete Frau Engelein noch unter die Bettstelle und öffnete den Truhendeckel. Als sie die wirr durcheinander gewühlten Kleidungsstücke und Leinwandlappen sah, verzog ein Lächeln ihren Mund, und gallig sagte sie: „Wenn die Puechsteinischen Mägd so unordentlich und schlampig sind, ist’s kein Wunder, dass auf dem Puechstein allweil die Not hat hausen müssen. Wie das Gesind, so die Herrenleut!“ Sie ließ en Deckel zufallen. „Warum hast Du die Tür verrammelt?“

   Unter Zittern lallte das blasse Mädel: „Die Truh – ich weiß nit wie – die Truh muss sich verschoben haben –“

   „Jede Truh hat ihren Platz. Da muss sie stehen. Das merk Dir!“ Frau Engeleins Stimme wurde noch strenger: „Tu Ordnung machen in Deinem Sach! Dann kannst Du ich wieder niederlegen. Wir brauchen Dich nit. Es ist mir lieber, Du bleibst in Deiner Kammer. Auf dem Trutzberg ist man noch allweil ohne die Puechsteinischen fertig worden.“

   Das Laternlein hebend, wandte sie sich zur Falltür. Da dröhnte ein dumpfer Donner durch die Nacht – die Seeburgischen hatten den ersten Schuss getan. War die Steinkugel da draußen, nicht weit vom Fenster, in das Dach des Herrenhauses gefahren? Wohl hatte man keinen schweren Einschlag vernommen, kein Splittern im Gebälk – nur einen matten Aufklatsch, ein Rutschen und Kollern, ein Geprassel von zerschlagenen Ziegeln, die über das steile Dach hinunter glitten, und einen Laut, der dem Krächzen einer aufgescheuchten Eule glich.

   „Jesus!“, schrie Pernella in Entsetzen und griff mit beiden Händen gegen das Fenster hin.

   „Du feiges Weibsbild! Hat’s Dich getroffen? Den Schaden hab’ ich. Sonst niemand.“ Frau Engelein trat zum Fenster, um sich zu überzeugen, ob die Seeburgischen nicht eine Brandkugel auf das Dach geworfen hätten. Da draußen war alles finster. Nirgends ein Feuerschein. Sich hinausbeugend in die Nacht, leuchtete die Trutzin mit dem Laternchen vor dem Dachfenster hin und her. Sie gewahrte nichts Verfängliches, hörte nur noch ein leises Geriesel des Ziegelgebrösels.

   Während Frau Engelein zur Falltüre ging, brüllte wieder ein Schlangenschuss der Seeburgischen. Wie aus weiter Ferne hörte man von der Südmauer den Kugelschlag, ein Gepolter von Mauerbrocken und das Geschrei der Söldner.

   Pernella hielt noch immer die Arme gestreckt, hatte eine starre Angst in den Augen, wollte reden, brachte keinen Laut heraus und war wie gelähmt.

   Das Laternchen vor sich hinstreckend, tauchte Frau Engelein durch die Luke hinunter, ließ die Falltür zuklappen und stieß den Riegel vor. „Die ist aufgehoben.“

   Noch drei Schüsse der Seeburgischen dröhnten, bis die Trutzin hinunter kam in die Spittelhalle.

   Hier ging es zu wie in einer friedsamen Fastnacht. Die Verwundeten fanden ein heiteres Vergnügen an den wahnsinnigen Zuckbewegungen, zu denen Wulli durch das feindliche Schlangengebrüll veranlasst wurde.

   Wieder donnerte ein Schuss, der näher klang und deutlich zu hören war als die früheren. Aufheulend machte Wulli einen Sprung in die Luft, überschlug sich am Strick, kollerte um die Sesselfüße, sprang wieder auf und brachte durch sein wütendes Gezerr den dreibeinigen Stuhl ins Wanken, auf dem ein Lachender saß, mit dem Arm in einer weißen Binde. Um nicht zu Boden geworfen zu werden, sprang der Lachende unter dem lustigen Geschrei der anderen auf. Dadurch verlor der Sessel seine Widerstandskraft und machte, dem Zug des Strickes folgend, einen lärmenden Purzelbaum. Erschrocken, unter kläglichem Gewinsel, jagte Wulli wie der Blitz davon. Der am Strick hängende Sessel sauste gaukelnd und mit Geklapper hinter ihm her. Weil der Hund in seiner blinden Verzweiflung keinen Ausweg fand, ging die Jagd des gehetzten Tieres, das sich verfolgt sah von einem rasselnden, puffenden und gröblich zuschlagenden Ungeheuer, immer im Kreis zwischen den Strohbetten der Verwundeten umher. Rings erhob sich ein brüllendes Gelächter, bei dem die Leidenden aller Wunden un Schmerzen vergaßen. Aus der Küche kamen die Mägde gesprungen, schlugen die Hände zusammen und bogen sich vor Lachen.

   Der gezerrte Sessel machte aberwitzige Sprünge, schlug mit den Füßen, schlug mit der Lehne und schien verwandelt zu sein in etwas irrsinnig Lebendiges, in einen grausamen Dämon, der ein von Angst durchzittertes und von Zorn durchbranntes Geschöpf der Erde mit quälendem Hass verfolgte. In Wullis verstörter Seele wechselten mit rasender Schnelligkeit alle Regungen der Verzagtheit und des tapfersten Mutes. Bald rannte er mit geducktem Kopf und eingezogenem Schweif und ließ sich wehrlos prügeln von diesem schrecklichen Klapperdrachen; bald wandte er sich mit wütendem Gekläff und ging zu heldenhaftem Angriff über und biss in die Sesselfüße, biss in die Rad schlagende Lehne. Doch dieser tobende Ringkampf zwischen Holz und Leben war so possenhaft grotesk, so unsagbar komisch, dass das Hallengewölb erdröhnte von Gelächter und Geschrei. Die alten Mägde wurden wie kreischende Kinder. Die Verwundeten, aller Pein des beschädigten Leibes ledig, hockten auf dem Stroh und trommelten unter erschöpftem Lachen mit den Fäusten auf ihre Knie los. In alles Geschrei und Gelächter mischte sich das Donnergebrüll der feindlichen Schlangen, die eine klaffende Bresche in die Trutzische Mauer schossen.

   Da riss der Strick, der den Hund und das Holz verhängnisvoll aneinanderkettete. Der Sessel kam sofort zu ruhiger Vernunft und blieb als ungefährliche Sache liegen. Wulli, noch immer winselnd und kläffend, noch immer ins Leere beißend, hetzte über Stroh und Kissen, sprang über menschliche Bäuche und Köpfe hin, fand das Hallentor und sauste in die vom Feuerstoß erleuchtete Nacht hinaus.

   Augenscheinlich war in ihm kein Funke von Bewusstsein dafür, dass er eine Erlösungstat vollbracht und zwanzig Leidende mit schmerzstillender Heiterkeit überschüttet hatte. Nach der schreckvollen Hast seiner Flucht zu schließen, schien er in dieser Minute sehr schlecht von der unbegreiflichen Welt, von ihren grausamen, dreifüßigen Holzdämonen und ihren erbarmungslos brüllenden Zweifüßlern zu denken. Nur an ein einziges Geschöpf der Erde glaubte er noch: An seinen verzauberten Schäfer. In diesem Zustand seelischer Verstörtheit rannte er sogar am Brunnen vorüber, ohne die Glutgeschwulst seines Gaumens und seiner Lefzen durch einen Trunk zu kühlen. Winselnd jagte er durch den Burgfried zum Söldnerhaus, fand die Fährte des Lien, verfolgte sie unter ruhelosem Geschnupper und musste auf die Ergründung der Wahrheit eine angestrengte Mühe verwenden, weil sein feiner Geruchsinn durch Dotterwirkung und Pfefferdünste noch immer ein bisschen beeinträchtigt war. Alle in Wulli waltenden Natur- und Gemütskräfte waren so intensiv auf die Ausforschung des Lien gerichtet, dass jedes andere Ding der Erde für ihn versank. Jetzt erschrak er nimmer über den Seeburgischen Schlangendonner, hatte auch kein Ohr für das Geschrei der Trutzbergischen, die mit jedem Schuss die Bresche er Südmauer wachsen sahen.

   Immer schnuppernd, jeden neuen Zweifel durch die Einkreisung der Rückfährte stillend, gelangte Wulli zum ruhigen Schützengang über der Maistube. Beim Anblick des auf dem Boden hockenden Kassian Ziegenspöck schien er in Freude zu denken: ‚Jetzt ist mein Schäfer nimmer weit!’ Um dieses Seligkeitsgefühl zu äußern, schlapperte er mit der langen triefenden Zunge dem Sergeanten übers Gesicht. Auch im Stumpfsinn seines nüchternen Elends erkannte Kassel den Wulli noch als ein Stück des zum Lumpenkerl und Desertierer gewordenen Lien und beantwortete die Zärtlichkeit des Hundes mit einem wütenden Fußtritt. Freilich traf er dabei nur ins Leere. Wulli stand schon winselnd an der Mauer aufgerichtet, schnupperte nach den Stricken der Garnleiter und spähte in die schwarze Tiefe hinunter. Zu anderer Stunde, bei ruhiger Gemütsverfassung, hätte er sicher den Sprung in die bodenlose Nacht gewagt, hätte in Tapferkeit und Treue seinen Schäfer ausgeforscht, ihn durch ein Freudengebell den Feinden verraten, hätte den kühnen Nachtweg des Lien behindert, sein Leben gefährdet. Doch glücklicherweise war in Wulli vom Kampf mit dem klappernden Holzdrachen ein Restlein lähmender Vorsicht zurückgeblieben.

   Kassian Ziegenspöck ins einer stumpfsinnigen Verachtung spuckte immer gegen den winselnden Hund hinüber, während die beiden Puechsteinischen Wachposten den aufgeregten Wulli gar nicht beachteten. Bald spähten sie über die Mauer hinunter, bald lauschten sie wieder hinüber zum Lärm der Südmauer. Weil schon seit einer Weile kein Schuss der Seeburgischen mehr zu hören war, sagte einer von den Söldnern: „Ich sorg’, das Loch in der Mauer ist ihnen groß genug. Gib Acht, jetzt schwefeln sie gleich, und der Sturm hebt an.

   Doch Minute um Minute verging, ohne dass sich da draußen in der Nacht was rührte. Jetzt in der Ferne ein wirres Geschrei, kaum noch vernehmbar. Dann sah man hinter der Seeburgischen Schlangenschanze eine Rakete hoch hinaufsteigen in die Finsternis.

   „Was ist denn das? So befiehlt man doch nit den Sturm?“

   Eine zweite Rakete stieg, eine dritte. Tief drunten im Wiesental unter der Westmauer glomm bald hier und bald dort der Schein einer gaukelnden Fackel auf, und man hörte einen Stimmenlärm, der sich gegen den Wald unter der Nordmauer fortpflanzte.

   „Serjant! Spring her da und guck! Bei den Seeburgischen muss was los sein. Die haben Notbrander in die Luft geschmissen und haben um die ganze Burg her die Wachen lebendig gemacht.“

   Kassian Ziegenspöck versuchte sich aufzurichten, plumpste aber wieder auf die Schattenseite. Greinend streckte er die Hände nach Hilfe aus.

   Die beiden Söldner gewahrten seine stumme Klage nicht; sie lagen über den Bord der Mauer gebeugt und spähten in die Tiefe hinunter, in der ein wachsender Lärm immer näher heranbrandete gegen das Felsgeschröff unterhalb des Mauerfußes. Der Schuss einer Handbüchse knallte und eine angstvolle Stimme schrie da unten: „Nit schießen! Jesus Maria, nit schießen!“ Eine dem Wulli völlig fremde Stimme war’s. Dennoch begann der Hund zu winseln und benahm sich wie verrückt, sprang auf das Mauergesims, tänzelte und wedelte, spitzte die Ohren, schüttelte den Kopf, scharrte mit erhobenem Vorderlauf in die Nacht hinaus und erhob ein Gekläff, aus dessen lauten, obwohl sie noch immer sehr geschwollen und behindert klangen, alles tiefste Glücksgefühl einer Tierseele heraustrompetete.

   „So ein gottsvermaledeites Hundsvieh!“, schimpfte der ältere Söldner und befahl dem jüngeren: „Herrgott, Du, so pack doch den Hund und würg ihm den Hals zu! Der lockt ja die Seeburgischen zur Leiter her!“

   Nun musste Wulli neuerdings eine sehr unerquickliche Sache erleben. Weil seine ganze jubelnde Aufmerksamkeit in die schwarze Mauertiefe hinuntergerichtet war, gebrach es ihm an Vorsicht und Beobachtungsgabe nach rückwärts. Er fühlte sich plötzlich von zwei eisernen Armen umklammert, brachte keinen Laut mehr aus dem Hals, konnte nur mit der gedunsenen Schnauze hin und her pendeln und mit allen vieren ins Leere kratzen.

   Die am Gebälk hängenden Stricke der Garnleiter strafften sich und zitterten und zuckten. Während der schreiende Lärm da drunten immer näher klang, fast schon am Fuß der Mauer, griff der ältere Söldner mit beiden Armen über den Zinnenbord und begann aus Leibeskräften an einer gewichtigen Sache zu ziehen. Jetzt tauchte der hutlose Kopf des Lien herauf; sein erschöpftes Gesicht war zerkratzt von Staudenrissen, war blutig und von Schweiß überflossen. auf dem Rücken schleppte er einen großen schweren Pack, der in eine wollene Bettdecke gewickelt und mit Stricken umschnürt war und sich sonderbar bewegte. Mit den Knien den Mauerbord gewinnend und das Wolfseisen als lupfenden Hebel brauchend, keuchte Lien: „Die Leiter in die Höh!“

   Der jüngere Söldner ließ den Wulli fahren und zerrte die Stricke aus der Nacht herauf, während der ältere dem Lien mit seiner Last herein half in den Schützengang.

   Nun ereignete sich in zwei Geschöpfen etwas Wundersames. Das begreiflichere von diesen beiden Wundern vollzog sich im Wulli, als er seinen Schäfer völlig entzaubert sah, erlöst von allen schlecht richenden Dingen, umwittert vom Heideduft, der noch immer, wenn auch ein bisschne geschwächt, an dem mürben, von Dornen zerrissenen Kittel, an der von Schweiß durchfeuchteten Zwilchhose, an den um die Waden geschnürten Lammsfellen und am ganzen, geliebten, neu geborenen Schäfer hing. Alle Schrecken es Lebens, die Donnergeräusche der Turmschlangen, Frau Engeleins spanischer Pfeffer, der grausame Sesseldrache und die würgenden Eisenarme – alles, alles war versunken und vergessen, und die böse, unbegreifliche Welt war für Wulli jäh verwandelt in ein schönes, freudenfrohes Himmelreich mit einem glaubhaften, unanzweifelbaren Heiligen. Während der Hund im springenden Irrsinn seines Jubels den erschöpften Lien beinahe zu Boden stieß, wusste er trotz aller Behinderung seiner gekränkten Kehle so tiefe und überzeugende Glückseligkeitstöne zu finden, wie kein Minnesänger und Troubadour sie jemals gefunden hat.

   Wesentlich stiller, doch umso geheimnisvoller entwickelte sich das Erneuerungswunder, das sich beim Anblick des Lien im nüchternen Elendszustand des Kassian Ziegenspöck zu vollziehen begann. Er konnte sich plötzlich aus eigenen Kräften vom Boden erheben, allerdings sehr langsam, und mehrfach mussten dabei seine heftig wackelnden Hände die Mauer in Anspruch nehmen. Noch immer walteten dunkel Mächte unter seinem Haardach; denn dieser Kriegsmann erhob sich waffenlos und ließ sein Sergeantenschwert auf dem Boden liegen. Als er aufrecht stand, nur noch ein bisschen im Halswirbel knappend, glitzerten auf seinem maßlos erstaunten Gesicht noch ein paar winzige, halb vertrocknete Tränchen. In seinen weit aufgerissenen Augen fing es zu leuchten an. Das musste Freude und erneutes Leben sein – was ehemals Wein gewesen, hatte sich restlos aus Kassian Ziegenspöck entfernt, und Wasser, auch in mirakulöser Menge verschluckt, kann im Blick eines Menschen nicht so heilig erglänzen. Und während so die Freude stumm aus den Augen des Sergeanten schimmerte, machten seine beiden Zitterhände die gleichen Deutbewegungen, mit denen er wortlos zu Frau Engelein gesprochen hatte: „Da haben wir’s wieder!“ Nur war in dieser Zeichensprache jetzt ein wesentlich anderer Sinn. Denn niemand hatte den Kassian Ziegenspöck in den vergangenen Augenblicken ein besoffenes Schwein gescholten. Die beiden Söldner, ohne sich um den Sergeanten zu kümmern, schwatzten in Erregung auf den Schäfer ein, und Lien, seit er sich auf dem Boden des Schützenganges befand, hatte überhaupt noch kein Wort geredet.

   Tief erschöpft, nach Atem ringend, unter der schweren Last gebeugt, stand er auf das blutfleckige Wolfseisen gestützt, suchte mit der freien Hand den verrückten Wulli von sich abzuwehren und schüttelte immer den Kopf, um von seinem Gesicht die Schweißtropfen fortzuschleudern.

   Jetzt begann er mühsam zu reden: „Kassel! Komm! Ich brauch’ einen Verlässlichen.“

   Stumm machte Kassian Ziegenspöck einen Körperzuck, als hätte man ihm zur Erleichterung seiner aufrechten Festigkeit eine eiserne Stange durch den Kopf hinunter gestoßen bis zu den Knien.

   Lien wandte sich an die zwei Puechsteinischen Söldner: „Es geht ums Leben Eures guten Herrn. Wie viel ist die Glock?“

   „Nit weit von der ersten Morgenstund.“

   Leichter atmend, nickte Lien: „Die Zeit wird reichen. aber flink, Du! Leg der Puechsteinischen Fuchsstut’ einen Sattel auf. Die kenn’ ich. Und sattel dazu den schnellsten von den Trutzischen Gäulen! – Und Du! Spring zum Turm und lass vier Balken über den Torgraben legen, so breit, dass man die Gäul’ hinüberbringt.“

   Die Söldner zögerten. Und der ältere murrte: „Für das Leben meines Herrn tu ich alles. Aber darf ich davonlaufen von der Mauerwach? Darf man über den Graben eine Bruck legen? Jetzt? Eh die Seeburgischen anrucken zum Sturm?“

   Ein müdes und dennoch heiteres Lächeln ging um den Mund des Lien. „Die stürmen nimmer. Auf meinem Buckel trag’ ich die Ruh.“

   Noch immer zögerten die Söldner. DA wurde die starre Körpersäule des Kassian Ziegenspöck lebendig. Wie ein Feldherr hob er den Arm, datterte ein bisschen mit den Fingern und ließ eine völlig neue Stimme vernehmen, die noch niemand an ihm gehört hatte: „Der Lien befiehlt. Wer nit gehorcht, steht unter Kriegsrecht.“

   Die zwei Puechsteinischen sprangen davon. Und Lien sagte: „Gut so, Kassel! Kom! In Deiner Stub droben packen wir meinen Binkel aus.“

   Ganz hell war es im Sergeanten noch immer nicht. Er vergaß sein Schwert. Mit den Händen manchmal eine Stütze an der Mauer suchend, stelzte er dem Lien voran. Und Wulli huschelte hinter seinem Schäfer her, drückte immer die Schnauze an eine Wade des Lien und bildete in der verschwollenen Kehle so seltsame Laute, wie ein Mensch sie hat, der vor Freude schreien möchte, doch weder reden, noch lachen, noch weinen kann.

   In der Sergeantenstube schob Lien das Kienlicht, das er aus der Söldnerhalle mitgenommen, hinter den Eisenring beim Ofen, ließ den sonderbaren Pack von seinem Rücken vorsichtig auf das Bett des Kassel nieder gleiten und schlüpfte aus den Tragstricken. Er war vom schweren Schleppen so starr geworden, dass er sich nicht gerade aufzurichten vermochte. Gierig trank er von dem starken Wein, den ihm der gütige Jungherr geschickt hatte, konnte sich strecken, tat einen festen Atemzug und nahm einen Fleischrinken aus der Wildbretschüssel, die der Hund verschmäht hatte. Auch jetzt, als Wulli den Pfefferduft dieser Schüssel witterte, fiel ein leiser Dämpfer auf seine Freude. „So, Kassel!“, sagte Lien. „Pack aus derweil! Ich muss zwei Seeburgische Leut holen.“ In das Wildbret beißend, sprang er zur Türe, verschwand, und Wulli, der weder Durst noch Hunger hatte, huschelte winselnd hinter ihm her.

   Ähnlich wie dem Schäferhund erging es dem Kassian Ziegenspöck. Er betrachtete die Schüssel, schielte den Weinkrug an und wurde von grausen geschüttelt. Mit unsicheren Händen versuchte er die Stricke des Packs zu lösen, der auf seinem Bett lag. Er brachte die festen Knoten nicht auf, musste sie mit dem Messer entzweischneiden. Und da klappte plötzlich die wollene Decke auseinander. Wie ein Teufelchen aus der Schnappschachtel hüpft, so schnellte sich ein zusammengerollter Mensch in die Länge. Zurückfahrend, wollte Kassel sein Eisen ziehen, fand am Gürtel eine leere Scheide, packte das Schwert des Lien und zog es blank. Die Klinge zum Schlag erhoben, stand er regungslos und sah, dass der auf dem Bett liegende Mensch einen Strick um die Füße, einen Strick um die Handgelenke, einen Wundverband um das Gesicht und einen Hanfknäuel im aufgesperrten Mund hatte.

   Kassian Ziegenspöck ließ die Klinge sinken und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn, als traute er seinen Augen nicht.

   Der Gefesselte war ein schlankes Mannsbild, an die Dreißig, mit einem Wust von zerwirrtem Blondhaar um den Kopf herum; er war ohne Wams, hatte ein Hemd mit gekräuseltem Besatz, hatte feine Strumpfhosen und hirschlederne Schuhe, wie die Herren sie tragen. Was die verschobene Wundbinde von dem rasierten Gesicht sehen ließ, trug die Zeichen eines wilden Lebens und war entstellt durch die Knebelung. Eine Weile duselte der Gebundene wie in halber Ohnmacht. Jetzt schlug er die Augen auf, versuchte sich zu strecken, ließ den Blick herumirren und sah den Sergeanten an, mit Zorn und flehendem Gebettel.

   Immer näher rückte das Gesicht des Kassian Ziegenspöck. Nun begann er mit wulstigen Lauten ein Selbstgespräch: „Meiner Seel, ich muss nüchtern sein! So nüchtern wie der Burgkaplan am Ostermorgen! Wär’ ich besoffen und hell bei Verstand, ich könnt’ nit denken: Das ist der Heini von Seeburg!“ Seine lallende Zunge wurde stumm. Er hatte bei allem Stumpfsinn seines erbarmungswürdigen Zustandes das Seeburgische Wappen erkannt, das mit roter und blauer Seide in den Hemdärmeln des Gefesselten eingestickt war. Ein Zittern überlief die Gestalt des Sergeanten, und nach einem kurzen, wild ausbrechenden Gelächter strich er die blanke Klinge über den Boden hin und her und machte Bewegungen, als möchte er wachsen.

   Da kam der Lien mit zwei Seeburgischen, die man nach dem Höllenspiel der Pulverkiste gefangen hatte. Sie trugen nur das Hemd und die kurze Leibhose; alles andere hatte man als Siegerrecht von ihnen heruntergeschält. Ihre müden Gesichter erstarrten, als sie auf dem Bett den Heini von Seeburg liegen sahen. Auch sonst noch gewahrten sie etwas sehr Verwunderliches. Kassian Ziegenspöck – wie ein Baum, den ein letzter Beilhieb umschmeißt – stürzte vor dem Schäfer auf die Kniemuscheln und brüllte zwischen Ernst und Lachen: „Lien! Jetzt sag: Du bist der Teufel! Ich will Dich anbeten!“

   Wulli ließ einen heiseren Kläfflaut hören und fuhr hinter die Waden des Lien zurück. Der sagte unwillig: „Geh, Kassel! Du Narr! Steh auf! Warum hast Du nit völlig ausgepackt? Jetzt muss ich Zeit verlieren.“ Er sprang zum Bett, zerschnitt dem Heini von Seeburg mit dem Dolch des Puechsteiners die Stricke an Händen und Füßen und zog ihm den Hanfknebel aus dem Mund. „Vergebung, Herr! Das Versäumnis ist nit meine Schuld.“

   Der Seeburger konnte nicht reden; er bewegte die Arme, bewegte die Füße, rückte langsam den verschobenen Gesichtsverband zurecht und machte mit dem Mund Bewegungen, wie sie der Trutzbergische Jäger nach seiner Erlösung gemacht hatte.

   Lien fasste den Weinkrug und legte einen Arm um die Schultern des Schweigsamen. „Kommet, Herr! Das ist guter Wein. Der wird Euch zu Kräften bringen.“

   Der Gefangene trank unter mehrfachen Schwierigkeiten. Weil er den Mund nicht völlig schließen konnte, betrenzte er sich wie Herr Melcher Trutz in gesunden Zeiten.

   Während des Trunkes fragte Lien zu den zwei Seeburgischen hinüber: „Ist bei Euch im Geläger ein guter Medikus?“

   Einer von den beiden schüttelte den Kopf. „Bloß ein Feldscher. So ein dummes Luder, das nit viel versteht.“

   Herr Heini, der noch immer trank, nickte während des Schluckens.

   „Ich muss einen besseren haben!“, sagte Lien. „Herr! Da sind zwei Leut von den Eurigen. Denen müsst Ihr Auftrag geben, dass sie mir freien Weg zum Kloster am See verschaffen. Eh die Sonn’ kommt, muss ich den Medikus haben. Ich muss!“

   Der Seeburger schob den Krug fort, ließ sich zurückfallen, sah in Zorn und Staunen zum zerkratzten, unsauberen Gesicht des Lien hinauf und lallte: „Wer bist Du?“ Der Klang erinnerte ein bisschen an die Sprache des Burgkaplans.

   Hart wie Stahlklang kam die Antwort: „Ich bin der Schäfer Lien. Und krieg’ ich den Medikus nit, so stoß ich Euch mein Messer durch die Gurgel.“

   „Ist nit nötig!“, murmelte Herr Heini flink. „Bist eh schon grob genug mit mir umgesprungen. Du Lümmel!“

   „Nichts für ungut, Herr! Wie’s halt sein hat können in der Eil.“ Lien fasste den Griff des Dolches. „Also? Wie ist’s mit dem Medikus?“

   Ausspeiend, stemmte sich der Seeburger auf die Ellenbogen und keuchte: „Ich bin Dein Gefangener und will mich lösen. Sicherst Du mir ritterliche Ehr und mein Leben zu?“

   „Was ritterliche Ehr ist, weiß ich nit. Das Leben ist Euch zugesichert von der Stund an, wo der Medikus in die Mauer geht. Bei meiner Seligkeit!“

   Herr Heini schien an einem unbehaglichen Geschmack im Hals zu würgen. Mit den Augen winkte er einen von seinen geplünderten Leuten zum Bett heran und reichte ihm den Ring, den er mühsam von seiner geschwollenen Hand gezogen hatte. „Es muss geschehen, was der Lümmel will.“ Er ließ sich zurückfallen und drehte sich auf die Seite.

   „Flink, Ihr Leut! Mit mir!“, befahl der Schäfer. Zum Sergeanten sagte er: „Kassel! Auf Dich ist Verlass! Du hast bei dem edlen Herren die Ehrenwach!“

   Der Nüchterne stellte das blanke Eisen auf den Boden hin und spreizte die Beine. „Verlass Dich, Bub!“ Dabei zitterten ihm die Hände.

   Als Lien mit den zwei Seeburgischen und dem glückselig tanzenden Wulli die Stube verlassen hatte, wurde Herr Heini von einem schweren Übligkeitskrampf befallen.

   Beim Anblick dieses Leidens erwachte in Kassian Ziegenspöck ein Gefühl von barmherziger Verbrüderung. „Ja, Herr!“, sagte er mit nachdenklicher Wehmut und stützte den Ellbogen auf das Schwertgestänge. „Ich weiß, wie das ist. Das kommt vom verfluchten Wein. Allweil ist’s, als hätt’ man die Höll im Magen. Da gibt’s bloß ein einzigs Mittel. Man muss Eier schlucken, die gelegt sind, derweil man mit Feldschlangen geschossen hat. Und Wasser saufen, Wasser saufen, Wasser saufen. Pfui Teufel! Aber gesund ist’s.“

   Heine von Seeburg schien diese große, erprobte Weisheit nicht hören zu wollen und hüllte den faltigen Hemdärmel mit dem schön gestickten Wappen über sein Gesicht.

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