Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
            Kapitel 1

            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20
            Kapitel 21
            Kapitel 22
            Kapitel 23
            Kapitel 24

Kapitel 20

   Dröhnend rollten die zwei groben Schüsse der Trutzischen Mauerschlangen durch die sinkende Nacht, in deren stahlblauer Höhe die kleinsten Sterne noch nicht sichtbar waren.

   Tief im Westen, schon hinunter sinkend gegen die Stauden des fernen Bruchbodens, stand die dünne Sichel des wachsenden Mondes und winkte aus dem Himmelreich heraus gleich einem gebogenen Flammenfinger.

   Wie ein stilles, steinernes Inselchen inmitten eines rauschenden Meeres lag im Herzen des Trutzbergischen Gemäuers die weiße Pfaffenstube.

   Unter schwarzem Blechschirm brannte eine Talglampe, und auf dem Tisch stand ein Holzschüsselchen, aus dem der Kaplan seine Milchsuppe gelöffelt hatte; in dem Lichtkreis, mit dem die Lampe en Tisch übergoss, war eine Legende aufgeschlagen. Der Alte las nicht. Er saß im Lehnstuhl, hörte bei seiner Taubheit nichts von dem wirren Lärm, der durch die offenen Fensterchen herein scholl, fühlte die Nacht als heilige Stille und betete für die armen Seelen er törichten Kindlein, die er hinuntergesegnet hatte in den Acker der Auferstehung.

   Der Lichtfleck an der weißen Stubendecke überwebte den engen Raum mit einem milden Dämmerlicht. Motten und kleine Nachtschmetterlinge schwirrten umher, stießen immer wieder mit den Köpfen gegen die beleuchtete Mauerstelle, flogen unter den Schirm der Lampe und fielen mit versengten Flügeln herunter. Zwischen den Toten, für die kein Priester betete, krochen die lebendig gebliebenen Krüppel auf den Blättern des Legendenbuches umher.

   Eine von den Tauben, die das Gebrüll der Mauerschlangen aufgeschreckt hatte, flog durch das Fenster herein, umkreiste ein paar Mal die Stube, blieb ein Weilchen unter sichtbarem Herzpochen auf dem Bücherkasten sitzen und flog durch ein anderes Fenster, in dem sie den winkenden Feuerfinger des Himmelreiches gesehen hatte, wieder in die Nacht hinaus.

   Vor der Tür raschelte was Flinkes über die Holztreppe des Burgfrieds herauf. Der Greis hörte nichts. Er sah von seinen gefalteten Händen erst auf, als die offene Tür, deren Geräusch er nicht vernommen hatte, einen schwülen, von Kiengeruch und Rauchschmack erfüllten Luftzug in das kühle Stübchen herein streichen ließ.

   Beim Anblick des Fräuleins von Puechstein zappelte der Greis sich froh erschrocken und in mühseliger Hast aus dem Lehnstuhl.

   „Nit, Ehrwürdiger!“, bat Hilde unter schweren Atemzügen. „Ich tät’s für Sünd halten, wollt ich Euch betrügen um Eure Ruh.“ Sie klammerte die Hände um die Lehne des Sessels und lauschte gegen die Tür.

   Verlegen und in Freude lallte der Greis ein paar von seinen zahnlosen Wörtchen, wurde still und täppelte, mummelte was schwer Verständliches, flocht die Hände vor seiner Brust ineinander und betrachtete das Fräulein mit glücklichem Lächeln. Nun war es seinen aufglänzenden Augen anzusehen, dass ein schöner Gedanke in ihm erwachte. Krumm gebeugt, die Hände streckend, humpelte er auf den Bücherkasten zu und nahm ein großes, in roten Samt gebundenes Messbuch heraus, das silberne Schließen hatte. Immer schmunzelte er und öffnete mit drolliger, heimlich tuender Wichtigkeit die Silberspangen. Zwischen seinen Händen fiel das schwere Buch von selbst an einer Stelle auseinander, wo zwischen den mit Holzschnitten von Christi Leidensweg gezierten Blättern eine getrocknete, flach gequetschte Blume lag. Das war einmal eine rote Nelke gewesen. Jetzt war’s wie ein bräunlicher, zierlich ausgezähnelter Tuchfleck mit vergilbtem Grün daran. Eine zarte Röte, kaum noch ein Hauch von Farbe, glitt über das weiße, frohe Faltengesicht des kahlköpfigen Greises, während er dem Fräulein stumm das Messbuch mit der gepressten Blume entgegenhielt.

   Hilde erinnerte sich nimmer an die rote Nelke, die sie an jenem Sonntag nach der Himmelreichspredigt aus ihrem Kränzlein gezogen und dem Kaplan in ein Knopfloch seiner Kutte gesteckt hatte. Verwundert – auch zerstreut, weil sie immer lauschen musste, ob nicht einer käme – sah sie das offene Buch und die dürre Blume und den greisen Priester an, der so kindlich lächelte, so froh und verlegen war und so schimmernde Augen hatte, als ginge ein stiller und zärtlicher Frühlingstraum durch sein neunzigjähriges Herz.

   Heiter nickend, ein paar leise Laute murmelnd, klappte er das Buch zusammen und musste es auf die Tischplatte heben, um mit seinen welken Händen die silbernen Spangen wieder schließen zu können. Das Schweigen des Fräuleins war ihm nicht wunderlich; für ihn schwiegen die Menschen fast immer; er hörte sie nur, wenn sie brüllten wie Herr Melcher im Rausch, oder kreischten wie Frau Engelein im Zorn. Drum vernahm er auch nicht das flinke Eisenklirren, das über die Holztreppe des Burgfrieds heraufkam. Mit dem kostbaren Buch beschäftigt, sah er auch das jähe Erglühen des Fräuleins nicht. Er hob erst das Gesicht, als ihn der Luftzug wieder anwehte und Lien schon auf der Schwelle stand.

   „Gottes Gruß zum Abend, hochwürdiger Herr!“ Das sagte Lien sehr laut. Dann leise: „Vergeltsgott, Fräulen, dass Du gekommen bist! Ich tu Deinen kranken Vater um nötige Pfleg berauben. Aber hätt’s nit sein müssen, ich hätt nit gebeten drum.“

   Er legte ein Bündel dicker Stricke und den Helm, den er im Arm getragen hatte, auf den Boden.

   „Viel ist’s nit, was ich sagen muss. Wirst gleich wieder gehen können.“

   Nun trat er auf das Fräulein zu, in den entzündeten Augen einen heiligen Ernst und ein andächtiges Trinken ihres Anblicks. Stumm reichte sie ihm die beiden Hände. Die nahm er. Und da vermochte er nicht gleich zu reden.

   Neben dem Tisch stand der Kaplan, hielt mit dem einen Arm das Messbuch ans seine Brust gedrückt und hob mit der anderen Hand den Blechschirm von der Lampe. Flackernde Helle beleuchtete die zwei jungen Menschen. Der mummelnde Greis, die beiden betrachtend, nickte schmunzelnd vor sich hin. Schnell verstand er, was das bedeutete: Dass die beiden sich so bei den Händen hielten, sich so ineinander tranken mit den Augen. Kein Schreck, kein Staunen war in ihm, nur Wohlgefallen und Freude. Und kein Jungherr fiel ihm ein. Er selbst hatte vor zehn Jahren die Kinderehe zwischen Eberhard und Hilde gesegnet. Das war vergessen, lange schon, wie vieles andere, das älter als einen Monat oder eine Woche war. Kaum haftete in ihm noch eine blasse Erinnerung daran, dass dieser junge, starke Kriegsmann – oder war das der Schäfer Lien gewesen? – bei ihm gebeichtet hatte als frommer und andächtiger Christ mit vielen unverständlichen Sünden. Er sah die beiden, Hand in Hand und Aug in Auge, und wusste nur, was er seit zwei Mannesaltern nie an sich erlebt, doch zu hundert Malen an anderen gesehen hatte: Wie es die Jugend zur Jugend zieht, das Herz zum Herzen, das Blut zum Blut. Und weil er des Blutes dachte, geriet er nun doch ein bisschen in Sorge und musste fragen: „Habet ihr was zu beichten, ihr zwei?“ Er selber wusste wohl, was er sagte. Für Lien und Hilde blieb es unverständlich. Sie schienen die lallenden Laute des Greises gar nicht zu hören.

   Lien atmete tief. „Heut bin ich dumm gewesen. as muss ich bekennen. Ich hätt des Schweigbefehls nit achten sollen, hätt reden müssen und hätt nit kommen dürfen ohne den Medikus.“

   „Nit, Lien!“ Mit heißen, nassen Augen sah sie zu ihm auf. „Tu Dich nit schelten! Was Du tust, ist allweil, wie Du bist. Da muss es das Rechte sein.“

   Er schüttelte den Kopf und sagte streng: „Du bist viel zu gütig. Das ist nit recht. Ich hätt den Medikus bringen oder sterben müssen.“

   Ein banger Schreck durchrieselte sie.

   Obwohl er’s an ihren Händen fühlte, sprach er in Ruhe weiter: „Es ist nit das einzige, was ich verschuld’t hab’. Den Stein im Seeforst hab’ ich werfen müssen. Ist wahr! Aber viel Elend ist draus gewachsen. Dem will ich ein End machen in der heutigen Nacht. Und eh der Morgen da ist, hol ich den Medikus.“

   Sie stammelte seinen Namen, zitterte in heißer Sorge um sein leben und war doch in Herz und Blut durchleuchtet von einem starken und frohen Glauben. „Was willst Du tun?“

   „Ich sag’s nit. Man soll nit essen, was halb gebacken ist und teigig schmeckt. Ich tu’s. Deswegen musst Du Dich nit sorgen! Es ist ein leichtes Ding. Ein jeder könnt’s machen. Bloß ein lützel Glück muss man haben. Mein Gröschl behütet mich, und am Glück kann’s nit fehlen, wenn Du hilfst dazu. Magst Du knien an meiner Seit, wenn der geistliche Herr mich segnet? Mehr braucht’s nit. Magst Du?“

   „Ja, Lien! Das tu ich von Herzen gern.“

   „So komm! Wir müssen’s eilig machen. Die Nacht ist kurz. Ich muss noch allerlei schaffen.“

   Er führte sie an der Hand vor den greisen Priester hin und sagte sehr laut: „Ich bitt schön, hochwürdiger Herr, jetzt tu mich segnen! Fest!“ Den Kopf gegen die Halsberge drückend, ließ er sich niederfallen auf die stählernen Kniemuscheln. Und Hilde, mit zitterndem Händchen die ruhige Hand es Lien umschließend, kniete an seiner Seite.

   „Meine Hand musst Du auslassen!“, flüsterte Lien. „Wir müssen beten.“

   Vor dem Kürriss faltete er auf eine steife, hölzerne Art die Hände, die nicht reinlich waren; seit zwei Tagen hatte er nimmer Zeit gefunden, sich zu waschen; wie zwei braun- und grau gesprenkelte Sperberflügel sahen sie aus, während die Hände des Fräuleins wie die Schwingen einer jungen, weißen Tauben waren. Unbeweglich die groben Flügel, unbeweglich die zarten Schwingen – so flogen zwei Herzen, die keiner tragenden Kraft bedurften, in heißem Gebet zum Himmelreich empor; keines betete für sich, jedes dachte vor Gott nur des anderen.

   Lächelnd, unter etwas erregtem Kopfgewackel, hatte der alte Kaplan sein kostbares Messbuch fortgelegt. Das greise Pfäfflein besaß wahrhaftig nicht den Blick eines Adlers. Doch auch das matte Lichtempfinden seiner fast hundertjährigen Augen genügte, um deutlich zu sehen, dass um seinen Segen zwei Menschenkinder baten, die einander angehörten in Liebe und rein aller Sünde waren. Lateinische Verse mummelnd, segnete er die beiden mit dem Zeichen des Kreuzes. Vor den offenen Fenstern ging ein Geräusch durch die Lüfte wie das leise Lachen vieler Geisterstimmen; es war das wachsende Flammengeprassel des Holzstoßes, den man im Burghof angezündet hatte. Die Fenster füllten sich mit rotem Schein, und züngelnde Feuerreflexe brannten immer heller über die weißen Mauern des Pfaffenstübchens, während der Greis die welken Zitterhände auf die in Andacht gebeugten Köpfe des knienden Paares legte. Von den nicht übermäßig zahlreichen Heilworten, die seine schwachen Geisteskräfte noch unverloren bewahrten, gab er ihnen das heiligste und beste: „Kindlein, liebet einander!“ Doch weil er dieses Wort in so froher Erregung und so zärtlich sagte, klang es unverständlicher als je. Freundlich nickend, fasste er die Hände der Knienden und wollte sie aufrichten. Dazu reichten seine Kräfte nicht; aber Lien erkannte, dass die heilige Handlung zu Ende war. „Amen!“, sagte er mit inbrünstiger Stimme und bekreuzigte sein Gesicht so langsam, wie e ran friedlichen Tagen zu essen pflegte. Klirrend sprang er vom Boden auf, half noch mit scheuer Achtsamkeit dem Fräulein, sich zu erheben, und dann war er plötzlich von einer unruhig treibenden Hast befallen.

   „Vergeltsgott, Hochwürden!“, schrie er dem Greis in das Ohr. „Jetzt müsset Ihr das edel Fräulen hinüberführen ins Herrenhaus! Es nächtet schon arg.“ Er packte seinen Helm und das schwere Strickbündel, während der Kaplan in flinker Zustimmung nickte. „Ich spring hinunter und leucht dem Fräulen mit einem Kienbrand über die finstere Stieg.“ Schon hatte er die Türklinke in der Faust.

   „Lien?“, flüsterte Hilde, als dürfte er so nicht gehen.

   Er wandte das Gesicht, kam zu ihr und fasste ihre Hand. Ein schöner Glanz erwachte in seinen Augen, und ein Lächeln war um seinen Mund. „Jetzt kann ich’s. Eh die Sonn kommt, bring ich den Medikus. Mir helfen zwei feste Leut: Du und der liebe Gott.“ Ohne zu sehen, dass sie sprechen wollte, befreite er seine Hand uns sprang zur Tür.

   Ein Gerassel auf der Stiege draußen. Dann aus der Tiefe herauf die Stimme des Lien: „So, ihr zwei, kommet nur! Jetzt ist’s hell!“ Während die beiden sich hinuntertasteten über die steile Holzstiege – Hilde den Kaplan, nicht der Kaplan das Fräulein führend –, stand Lien am Fuß der Treppe, über dem Kopf einen Kienbrand, den er aus einem Eisenring der Halle gerissen hatte. Und sobald die zwei heruntertauchten in das Fackellicht der Halle, sagte Lien: „So, da ist’s hell genug. Und draußen leuchtet der Holzstoß. Ich muss mich schleunen.“ Er sprang davon.

   Mit dem wehenden Kienbrand rannte er über den Innenhof, durch die Halle des Söldnerhauses, hinauf zur Stube des Sergeanten. Helm und Stricke warf er auf sein Bett, das Kienlicht streckte er beim Ofen in den Eisenring.

   In der Stube war’s nicht still. Unter dem Bett des Lien ließ sich ruhelos ein leises Klopfen vernehmen, und Kassian Ziegenspöck, der auf dem Rücken lag, schnarchte trotz seiner nassen Maulbinde sehr hörbar.

   „Höi! Kassel!“ Lien rüttelte den Schlafenden an den Schultern. „Auf!“

   Der Sergeant erwachte, riss die Lider auseinander, guckte ein bisschen stumpfsinnig in die Welt, zerrte die Maulbinde herunter und fragte schwammig, doch immerhin ganz verständlich: „Wo steht der Krug?“ Er meinte den Wasserkrug.

   Lien dachte an des Kassels ewigen Weindurst und sagte streng: „Jetzt sauf nit! Du hast den Wachwechsel verschlafen. Es muss schon ein Dutzend Vaterunser über die neunte Stund sein. Und ich sorg, der Feind wird stürmen in der heutigen Nacht.“

   „Gotts Not!“ Kassel fuhr aus dem Bett heraus und begann sich zu waffnen, sehr flink, doch mit sonderbar ungeschickten Bewegungen, wie er sie sonst nicht hatte. Einmal griff er mit seiner heftig wackelnden Hand an die Lippen. „Guck her, Du! Ist’s besser?“

   Lien, der sein Eisen vom Leib herunterzerrte, sah flüchtig hin. „Wohl! Ganz gut ist’s! Tu ich schleunen, Mensch!“

   Ganz gut war der rätselhafte Flachhieb noch immer nicht, aber doch merklich gebessert.

   Während Kassian Ziegenspöck seien kriegsmännische Tracht vollendete, geriet er immer wieder für einige Sekunden in einen traumhaften Stillstand, als müsste er sich auf irgendetwas besinnen, was ihm um die Welt nicht einfallen wollte. Und plötzlich klagte er in seinem nüchternen Elend: „Bub, ich bin geliefert! Mein Magen ist wie neu geboren. Aber ich sorg, ich hab’ mein Gehirn verspielt. Ich kann keinen Wein mehr saufen. Sooft ich aufgewacht bin, hab’ ich’s versucht. Aber wenn ich das Fässl bloß riech, so geht mich ein Grausen an, wie den Teufel vor einer andächtigen Klosterfrau, die noch Jungfer ist.“

   Lien, auf seinem Bett sitzend, entwirrte das Strickbündel. „Kassel, das wär ein Glück für Dich!“

   „Nit wahr ist’s! Ein Elend wär’s. Beim Wassersaufen muss ich vertrotteln. Es hat mich schon so weibisch gemacht, dass ich keinen Gestank nimmer schmecken kann. Guck die Stub an. Die hab’ ich aufputzen müssen. Sonst hätt’ ich’s nimmer ausgehalten.“ Ein schweres Stöhnen. „So weit kommt ein Mannsbild beim Wasserschlampen.“ Vom vielen Reden begann ihn der Flachhieb zu schmerzen. „Gotts Not! Gotts Not!“ Er tauchte die Hand in den Wasserkrug und netzte die geschwollenen Lippen. „Hat das unerforschliche Himmelreich mit mir nit bald ein Erbarmen, so geh’ ich drauf.“ Den Eisenhut über den Kopf stülpend, schlürfte er in Schlangenlinien und wie ein müder Greis der Richtung zu, wo er die Tür vermutete. Doch er kam zum Ofenloch.

   Wirklich, um den Verstand des Kassian Ziegenspöck war es übel bestellt. Er – dieser sonst im Rausch so Verlässliche, im Suff so Besonnene – fragte im Gehirn zermalmenden Zustand seiner Nüchternheit mit keiner Silbe nach Herr oder Feind. Er sah, dass Lien in sorgenvoller Stunde nicht bei der Mauer war, sondern auf dem Bett saß – und fragte nicht: Warum? Er sah, dass Lien in ruheloser Hast aus festen Stricken eine Leiter zu knüpfen begann – und fragte nicht: Wozu? Es war in ihm nur ein einziger Wissenswunsch. Und weil er ihn aus eigener Kraft nicht zu erfüllen vermochte, musste er fragen: „Guter Lien? Wo ist denn eigentlich die Tür?

   „Mensch!“ In Zorn sprang Lien auf den Sergeanten zu, fasste ihn am Arm und rüttelte ihn. „Bist Du denn so besoffen? Wo der Feind vor der Mauer liegt?“

   Mit geschwollenem Lächeln und kummervollen Augen sah Kassian Ziegenspöck in ihm auf und schüttelte klagend den Kopf: „So nüchtern bin ich! Das ist mein Elend!“

   Wieder rüttelte Lien den Taumelnden. „Kassel! Ich brauch’ Dich zu einer ernsten Sach.“

   „Da musst Du Dich tummeln. Noch zehn Vaterunser, und es ist zu spät. Da bin ich ein Wickelkind.“

   In den Augen des Lien war Feuer und seine Zähne knirschten. „Mensch! Das musst Du machen: Dass mit der elften Stund zwei gute Puechsteinische Leut auf der Westmauer die Wach haben.“

   Kassian Ziegenspöck wurde nicht neugierig. Er nickte: „Meintwegen! Ich will’s besorgen. Gleich. Sonst rinnt’s mir mit dem verfluchten Wasser aus meinem leeren Hirnkastl hinaus.“

   „Du! Mensch!“ Die Faust des Lien presste sich wie eine stählerne Klammer um Kassels haarige Geierklaue. „Wär’ nit Verlass auf Dich, so müsst’ ich Dich niederschlagen im Zorn.“

   Kassel fühlte sich nicht als Sergeant, der solche Rede eines Untergebenen übel aufnehmen musste. Unter wohligem Seufzer sagte er sehnsuchtsvoll: „Da wär’ ich erlöst. Und könnt’ in Nüchternheit auffahren zum lieben Himmelreich.“ Er machte eine Besinnungspause. „Erst muss ich zum Brunnen. Hab’ ich Wasser im Bauch, so besorg’ ich’s. Gleich.“ Während er hinausduselte in den finsteren Treppenschacht, memorierte er mit seiner wulstigen Stimme: „Elfte Stund – zwei Puechsteinische – Westmauer –“

   Lien stand unschlüssig. Eine Sorge schien zu wühlen in ihm. Er warf sie von sich ab mit dem Wort: „Besoffen oder nüchtern, der Kassel ist der Kassel!“ Dann sprang er zum Bett hinüber und begann wieder in Hast an der Garnleiter zu flechten, spannte den Strick mit Fuß und Knie, zog die Knoten mit Fäusten und Zähnen.

   Unter der Bettlade klopfte der unsichtbare Wulli immer mit der Schweifquaste.

   Lien hörte nichts; er flocht und knüpfte, sprang ein paar Mal zum offenen Fenster hin und guckte nach dem Stand der Sterne.

   Noch ehe die Lichter des Himmelreiches auf die elfte Nachtstund wiesen, war die Leiter fertig. Lien prüfte grob ihre Festigkeit. „Die reißt nit! Da könnt’ ich auf dem Buckel einen Ochsen tragen.“ Er warf die Leiter auf das Bett des Kassel, riss seine Söldnertruhe auf und kramte sein Schäferkleid heraus. Kein Gedanke des Erinnerns an die Herde, am Pferch und Karen, an das Bruchland und die schöne Schäferzeit befiel ihn. Er, der einst des Glaubens gewesen, dass er sterben müsste, wenn man ihn fortnähme von der Heide, hatte jetzt andere Dinge in Hirn und Herz. Sein Schäferhund war ihm in dieser Stunde nur eine notwendige Hilfe für den Weg, den er gehen musste. Missrät ihm, was er will, so haben die Seeburgischen einen Schäfer, der stehlen wollte und den man hängt. Und Herr Melcher hat keine Ungelegenheiten.

   Er begann sich zu entkleiden, streifte die Söldnerschuhe von den Füßen und wollte schon die Strumpfschläuche herunterziehen. Da knurrte der kranke Wulli unter der Bettlade, und Lien fuhr lauschend mit dem Kopf in die Höhe. Durch den Treppenschacht tappte ein schritt herauf, einer, den Lien nicht kannte. Er warf die Betdecke des Kassel über die Strickleiter und das Schäferkleid, sprang in sein Bett und sah wie ein Erwachender aus, als der Reitknecht des Jungherrn in die Sergeantenstube trat, mit einer reichlich gefüllten Schüssel und einen großen Weinkrug.

   „Ich komm’ schon“, sagte Lien und fuhr mit den nackten Füßen aus dem Bett, „grad hab’ ich mich waffnen wollen.“

   „Kannst liegen bleiben!“, lachte der Knecht. „Dem Jungherren ist leid wegen seines Jähzorns. Und weil er meint, dass Du müd sein musst, soll ich dir Freinacht ansagen bis um die dritte Morgenglock. Und feste Zehrung hab’ ich Dir bringen müssen.“

   „So? Vergeltsgott! Das kommt mir gelegen.“ Lien fasste den Krug und trank, weil ihn dürstete. Er trank, wie man Wasser trinkt. „Ui! Der ist gut!“

   „Gelt, ja?“ Der Knecht lachte wieder, sah sehr aufmerksam in der Stube herum, maß den Kienbrand, wie lang er noch brennen würde, musterte das Schwertgehäng des Lien, zog das Eisen unter freundlichen Späßen aus der Scheide, schob es wieder zurück und stellte die Waffe hinter das Fußbrett des Bettes.

   Lien aß von dem kalten Wildbret und trank wieder.

   Immer knurrte Wulli.

   „Du?“, sagte der Knecht, „ist Dein Hundl allweil so feindselig?“

   Erschrocken nahm Lien den Bissen, den er zwischen die Zähne genommen, wieder aus dem Mund und stammelte: „Jesus, der Wulli! Der hat nichts mehr gekriegt, ich weiß nit, wie lang!“ Er schob die Schüssel gegen das Bett hin und lockte zärtlich, eine schwarze Schnauze kam zum Vorschein. Auch Wullis Leiden schien gebessert zu sein, der dicke Bullbeißerschädel nahm schon wieder die Linien eines schlanknäsigen Schäferhundkopfes an. In den Augen ein heftiges Misstrauen gegen Reitknecht und Schüssel, aber doch getrieben von seinem Hunger, rutschte Wulli halb unter dem Bett heraus. Doch weil das kalte Wildbret ein bisschen gepfeffert war, befiel den Wulli ein fürchterlicher Schreck. Winselnd fuhr er wieder unter die Bettlade und missachtete jeden Locklaut seines Herrn.

   Lien sagte in Sorge: „Der muss noch allweil krank sein!“

   Wulli knurrte, kratzte, raschelte und klopfte.

   „Da wirst Du nit schlafen können“, meinte der Reitknecht, „wenn der Hund allweil so lärmet.“

   Sich aufrichtend, nickte Lien. In seinem Gesicht war ein strenger Ernst. „Da hast Du mir einen guten Einfall gegeben. Wahr ist’s: Den Wulli muss ich versorgen.“

   Der Reitknecht fragte rasch: „Soll ich ihn mitnehmen?“

   „Mit Dir geht er nit.“ Lien lockte. Wulli klopfte immer, kam aber nicht. Auf den Boden niederkniend, griff Lien unter die Bettlade. Ein Schnapplaut, ein Klappen fester Zähne. „Höi? Wulli? Schnappen wider den eigenen Herren? Pfui Teufel!“ Lien tat einen festen Griff und zog den Hund unter dem Bett heraus. Das ging so schnell, dass der Knecht, der lautlos gegen den auf dem Boden liegenden Jungsöldner zugesprungen war, das Messer nicht aus der Scheide brachte. „Sooo, mein guter Wulli! Gelt, jetzt kannst Du folgen?“ Hastig knüpfte Lien dem zitternden Hund einen festen Strick um den Hals, ohne gleitende Schlinge, mit einem unverrückbaren Knoten, damit sich Wulli, wenn er Sehnsucht nach seinem Herrn bekäme, nicht würgen könnte. „Komm, Du!“, sagte Lien zum Reitknecht, sprang barfüßig mit dem Hund davon und gewahrte nimmer, dass der Knecht in der Sergeantenstube zurückblieb.

   Wohin mit dem Wulli? Auf die Mauer? Da konnte man den Hund nicht brauchen. In die Küche? Da würde Margaret schimpfen. aber die verwundeten Leut in der Spittelhalle? Die würden sich wohl gern die Zeit vertreiben mit einem guten Tier.

   Das Flackerlicht, das von der Hirschkrone der Halle herunterfiel, beleuchtete die zwanzig, die auf dem Stroh lagen und nach Essig dufteten. Die einen schliefen, andere schwatzten miteinander, während zwei Mägde umhergingen und den Dürstenden gesäuertes Wasser zu trinken gaben. Einer, mit dem Arm in weißer Schlinge, saß auf einem dreibeinigen Sessel. „Gelt, Du, bist so gut und tust mir Obacht geben auf mein Hundl!“ Lien knüpfte den Wulli fest an den hölzernen Stuhl. Und während er dem Hund über Augen und Ohren strich, sagte er ernst: „Tät’ ich den Wulli am Morgen nimmer holen können, so schick ihn zum Fräulein von Puechstein hinauf, mit einem ehrerbietigen Gruß von mir.“ Seine Brust hob sich. „Aber ich mein’ schon, dass ich den Wulli selber wieder hol’.“ Sich niederbeugend, presste er die Wange an die geschwollene Schnauze des Hundes. Wulli benahm sich sehr wehleidig, begann aber gleich am Strick zu ziehen, als Lien auf seinen nackten Sohlen lautlos davon sprang.

   Im Hof prasselte der Feuerstoß. Turm und Südmauer waren ruhig, obwohl da droben an die sechzig Leute standen. Von der Westmauer klang ein Eisengerassel, als zöge über dem Losament der Maistube eine neue Wache auf, und undeutlich konnte Lien die kummervolle Elendsstimme des Kassian Ziegenspöck vernehmen.

   „Gott sei Lob und Dank! Er hat’s besorgt.“

   Lien jagte zum Söldnerhaus, hinauf in die Sergeantenstube. Bei der Hast, mit der er die Strumpfschläuche herunterriss, bemerkte er nicht, dass der Kienbrand, obwohl er noch einen spannenlangen Stumpf hatte, unter Qualm zu erlöschen drohte wie eine Fackel, die nass geworden.

   Das Söldnerwams klebte am Rücken des Lien. Es musste herunter. Ein fester Riss, und die Sache war erledigt. Jetzt pickte nur das Hemd. Das konnte bleiben. Geht’s schief, so werden die Seeburgischen wohl nicht fragen. Wie kommt der Schäfer zu einem Söldnerhemd?

   In die kurze Zwilchhose! Die Lammsfelle um die Waden herum! In die schwer genagelten Holzschuhe! In den Schäferkittel! Und das mürbe Hütl aufs Haar! Nur flink, flink, bevor der Kienbrand erlöschen will!

   Jetzt war der Schäfer fertig und hatte das Wolfseisen in der Faust. Nur drei fremde Dinge waren an ihm: Das klebende Söldnerhemd, an seinem Gürtel der unter Stricken verborgene Dolch des Puechsteiners und an seinem Hals das heilige Gröschlein.

   Er tat noch einen festen Trunk von dem feurigen, Kraft schenkenden Wein, den der gütige Jungherr ihm geschickt hatte.

   Die Strickleiter über die Schulter und den grauen Mantel darüber!

   Tief atmend streckte Lien sich auf und betete, mit dem Wolfseisen im Arm, die steif gefalteten Hände am Kinn.

   Eine rote Dämmerung war in der Stube. Glimmende Funken fielen vom glühenden Kienbrand, an dem nur noch ein winziges Flämmchen lebte.

   Hätte Lien nicht so aufmerksam mit Gott und seinem Himmelreich geredet, seine scharfen Ohren hätten in dieser Stille hören müssen, dass außer ihm noch der Atem eines anderen Menschen in der Stube war.

   Die Kienfackel erlosch.

   „Amen!“, sagte eine klare, ruhige Stimme in der Finsternis.

   Feste Schritte klappten gegen die Türe hin. Während sie durch den Treppenschacht hinunter klangen, knirschte in der Sergeantenstube ein leiser Fluch, und unter dem Bett des Kassian Ziegenspöck raschelte was, als hätte Wulli einen Doppelgänger mit verbranntem Maul.

   Wieder tappte einer durch die finstere Stube hinaus in den Treppenschacht, rannte atemlos zum Brückenturm, suchte den Jungherren auf allen Turmböden, in den Schützengängen der Südmauer und fand ihn nirgends. Als der Reitknecht zur Nordmauer laufen wollte, rannte er in dem vom Holzfeuer überflackerten Burghof an den Sergeanten hin, der von der Maistube kam.

   „Kassel? Hast Du den Jungherren nit gesehen?“

   „Such ihn in seiner Haut! Kann sein, da steckt er.“

   „Gotts Jammer, so red doch ernst, ich muss ihn haben, wo ist er?“

   „Lass mich in Ruh! Ich versteh’ die Welt nimmer.“ In Bogenlinien bewegte sich Kassian Ziegenspöck gegen den Brunnen hin, tat einen schweren Trunk und trat in die Spittelhalle. Hier ging es munter zu. Ein Spaßvogel hatte dem Wulli ein weißes Leinwandmäschlein an die Schwanzspitze gebunden. Hin und her wirbelnd, immer behindert durch den Strick, mit dem er an den Sessel gefesselt war, suchte Wulli den lästigen Schmetterling zu fangen. Während der Hund bei dem aufregenden Spiel halb rasend wurde, gerieten die Verwundeten auf dem Stroh in so lustige Laune, dass sie Tränen lachten. Nur Kassian Ziegenspöck beheilt sein kummervolles Gesicht mit dem unwillkürlichen Lippengrinsen und torkelte brummend über die Treppe hinauf, um seinem Herrn eine Meldung zu machen, die – wie Kassel auch in seiner hinzerquetschenden Ernüchterung noch erkannte – nicht verschwiegen werden durfte.

   Vor der Türe der Krankenstube sagte ihm auch das bescheidene Restlein seines Verstandes noch, dass er jeden gröblichen Lärm vermeiden müsste. Die Knie hoch aufziehend, machte er Schritte wie ein Hahn mit verletzten Klauen. So trat er in den Leidenstempel des Puechsteinischen Perlenschreins.

   Der Kerzenschein war durch einen Blechschirm abgeblendet. Das Bett lag in tiefem Schatten; beleuchtet war nur Frau Engelein, die ein entstelltes Gesicht hatte und mit zitternden Händen eine Leinwandbinde säumte. Sie sollte wachen bis Mitternacht; dann sollte sie abgelöst werden von Hilde und Frau Schligg; ein Machtwort des Puechsteiners hatte die beiden zur Ruhe geschickt; in Müdigkeit und Erschöpfung wider ihren Willen vom Schlaf befallen, lagen sie auf dem großen Bett der Fürstenstube in den Kleidern aneinander gehuschelt, Wange an Wange, eins das andere mit den Armen umschlingend.

   Als Kassian Ziegenspöck mit seinem lautlosen Hahnentritt auf der Schwelle erschien, sprang Frau Engelein auf und wehrte mit den Händen und wollte den Sergeanten wieder hinausdrängen in den Mauergang.

   Herr Melcher erwachte und stemmte sich in den Kissen auf. Weil er glaubte, dass sein Herzbruder Korbin schliefe, fragte er leise: „Was bringst Du, Kassel?“

   Der Sergeant machte den Versuch, gerade zu stehen, blieb stumm und sah mit kreisrunden Augen die Burgfrau an.

   „Kassel! So red doch!“

   Der Nüchterne schwieg, immer mit dem gleichen Sorgenblick auf Frau Engelein.

   „Kannst Du nit reden vor meinem Weib?“

   Ein kurzes, spitziges Lachen der Burgfrau. „So? Bin ich schon wieder überflüssig? Ich geh’ schon!“ Sie schoss zur Türe und verschwand, getrieben von ihrem Zorn, gezogen von der quälenden Angst um den Sohn.

   „Also, Kassel, red!“

   „Herr, jetzt muss ich melden, was ich lieber als Wasser verschlucken tät. Aber melden muss ich’s!“

   Ein Laut in Sorge: „Was?“

   „Der Lien ist ein Lump worden.“

   Nach kurzem Schweigen ein raues Lachen. „Kassel! Du bist nüchtern!“

   „Gotts Not, Herr, ich bin’s! Mein Verstand ist Sägmehl, und mein Blut ist Buttermilch. Aber Augen hab’ ich noch. Mit eigenen Augen hab’ ich’s gesehen, Herr, wie der Lien in seiner Schäferwad auf einer Garnleiter über die Mauer geflohen ist.“

   In der anderen Hälfte des dunklen Perlenschreines rührte sich was.

   „Ich hätt’s noch hindern mögen. Da hat der untreue Kerl mich Nüchternen ein besoffenes Schwein gescholten, hat mir einen Stoß vor die Brust gegeben, dass ich torkeln hab’ müssen, und ist am Garn hinuntergefahren über die Mauer.“ Die wulstige Stimme des Kassian Ziegenspöck bekam einen schmerzvoll klangenden Ton. „So geht’s zu auf der Welt! Ein Mensch, den man bei hellem Weinverstand für den Besten gehalten und lieb gewonnen hat! Ein Kerl wie ein heiliger Baum! Und sündigt wider Eid und Pflicht, wird feig und untreu, schmeißt seine Kriegsmannswad in den Dreck, schlupft in seine Schäferlappen und hupft aus der notvollen Mauer hinaus! Und beredet noch zwei Puechsteinische Leut zur Mithilf bei seiner Untreu! Und dreht seinen guten, redlichen, bloß ein lützel nüchternen Serjanten um den Daumen! So geht’s zu auf der Welt! Und melden muss ich’s auch noch! Pfui Teufel! Da mag ich nimmer leben!“ In einer heftigen Kreise seines Wasserelends drückte Kassian Ziegenspöck das Gesicht in die dattrigen Hände und fing so bitterlich zu schluchzen an wie ein grüner Junge, der des ungewohnten Weines zuviel verschluckte.

   Herr Melcher schnaufte schwer. Bevor er reden konnte, griff eine hagere Hand über die Puechsteinische Grenz ins Trutzbergische Bettland herüber. „Denk nit Unsinn, Melcher!“ Mit solch einer müden, schleppenden Stimme reden die Schlaftrunkenen. Dennoch schien Herr Korbin bei wachem Verstand zu sein. Denn er befahl: „Kassel! Geh Wein saufen!“

   „Ich kann nit!“, flötete der in Tränen aufgelöste Sergeant. „Mir graust!“

   „So leg Dich ins Bett und schlaf Deine Nüchternheit aus! Eh Du Dich niederlegst, befiel meinen Leuten: Wenn die Seeburgischen schwefeln, soll man’s melden. Fangen sie bloß mit Steinkugeln an, so hör’ ich es selber, da bleib’ ich liegen. Ich muss mein Fadenrestlein sparen für die letzte Not. Hast Du verstanden?“

   Der Sergeant nickte unter einem schluchzenden Schnapplaut.

   „So mach, dass Du weiterkommst, Du nüchternes Schwein!“

   „Jetzt hab’ ich’s!“, heulte Kassian Ziegenspöck. „Jetzt mögen mich auch die Herren nimmer. Besoffen bin ich ein Schwein, und nüchtern bin ich eines. Mich hat niemand leib, niemand auf der weiten, weiten Welt!“ Heftig weinend verließ er mit seinem vorsichtigen Hahnentritt die Stube.

   Der sonderbare Zustand des Sergeanten schien die Gedanken des Herrn Melcher nicht zu beschäftigen. Was anderes wühlte in ihm. Das stieß er aus sich heraus, bevor der Kassel die Türe geschlossen hatte. „Korbi? Was ist das? Mit der Untreu des Lien?“

   „Unsinn!“ Langsam, mit schwerer Zunge, kam Wort um Wort. „Die Wahrheit redet man im Rausch. Der Kassel ist nüchtern über Maß. Was los ist mit dem Lien? Ich weiß nit. Dass der Bub eine verwegene Sach beginnt, das hab’ ich schon aus den Glanzaugen meines Mädels gelesen, wie sie der Mutter die heimliche Tröstung zugewispert hat: ‚Der Lien wird helfen!’“ Ein mattes Lachen. „Ach, Melcher! So fest, wie meine liebe Maus an Deinen Schäfer glaubt, so fest möcht’ ich zwischen heut und morgen an Gott und Himmelreich glauben können!“

   Aus diesen Worten, die mancherlei sagten, hörte Herr Melcher nichts heraus. Sein Gehirn konnte immer nur eine Sache umschließen. Jetzt umschlang es den Lien. „So red doch, Korbi! Kannst Du Dir denken, was er außer der Mauer tut?“

   „Melcher, ich plag’ mich nit gern umsonst. Was wir Gescheiten denken können, das tut er nit. Und was er tut, das können wir Dummen nit denken. Wir vom Leben Gebeizten und Gepfefferten verstehen die unversäuerte Einfalt der Jugend nimmer. Tu Dich nit sorgen, Melcher! Der Lien? Und feig und untreu? Nein!“ Wieder jenes matte Lachen. „Es heißt: Gott züchtigt, die er lieb hat. Meintwegen! Soll’s wahr sein! Glauben kann ich’s nit. Aber hätt’ der Allgütige auch Freud am Zorn und am Peitschen mit Ruten – so grausam ist er nit, dass er einen Vater am gleichen Tag um zwei Söhn’ betrügt. Ob Du noch mehr hast, weiß ich nit.“

   Eine Weile schwieg Herr Melcher, als hätte er zu seinen schweren Stirnwunden noch einen festen Schlag auf den Kopf bekommen. Dann griff er plötzlich mit beiden Fäusten in die Puechsteinische Betthälfte hinüber und packte, was er zu fassen bekam. „Korbi! Dass der Lien mein Blut ist? Von wem weißt Du das?“

   „Von Dir.“

   „Ich hab’ doch nie geredet!“

   „Nit viel mit der Zung. Genug mit Herz und Augen.“ Die Stimme des Korbin von Puechstein wurde ein schwaches, mühsames Lispeln. „Und was Du glaubst, Melcher? Das weiß Deine Frau. Frag sie!“

   Ein Keuchen in Zorn und Sehnsucht. „Sie redet nit! Und sie redet nit!“

   „Ein Weib redet allweil einmal! Tu Dich gedulden, Melcher! Sie wird reden, bevor ich sterb’. Jetzt lass mich aus! Du druckst mich. Und vor den Augen ist mir’s, als wär’ ich der nüchterne Kassel –“ Die Stimme erlosch, und der Perlenschrein knarrte ein bisschen, weil der Puechsteiner sich streckte.

   „Jesus! Tu mir verzeihen, Korbi!“ Mit den Fäusten am blutigen Stirnbund fiel Herr Melcher in seine Kissen zurück. Das war ein fester Plumps. Von der Erschütterung wurde auch das Tischlein neben dem Bett befallen; der Blechschirm, der die Kerzenflammen abblendete, fiel um, und der Leuchter mit den zwei brennenden Lichtern kleckerte heiße Wachstropfen aus und wollte einen Purzelbaum in die Trutzbergische Hälfte des Bettes machen. Ein Glück, dass im gleichen Augenblick Frau Engelein in die Stube getreten war. Erschrocken aufkreischend, haschte sie den gaukelnden Leuchter, bevor er den Purzelbaum vollenden konnte.

   „Da hast Du’s wieder!“, zürnte sie. „Wär’ ich nit gewesen, so täten wir brennen lichterloh!“

   Herr Melcher schwieg. Es schien ihm sehr schwül zu sein. Mit zuckenden Beinen arbeitete er gegen die Bettdecke und entblößte sich halb.

   Das übersah Frau Engelein. Außer dem Schreck des Augenblicks redete noch etwas anderes aus ihrem Gesicht. Sie hatte den Sohn gesucht und nicht gefunden, hatte das Umfragen nach ihm unterbrochen, um auf dem Posten zu sein, wenn sie die Puechsteinischen um Mitternacht aus dem Schlaf zu reißen hatte. Dann wollte sie wieder suchen. Nur ein kleines Restlein des Stundenglases musste noch ablaufen.

   Mit so ungeschickten Bewegungen, wie Kassian Ziegenspöck sie im nüchternen Elend hatte, versuchte sie den bucklig gewordenen Blechschirm wieder aufzustellen. Da fiel ihr Blick in das noch erhellte Puechsteinische Land hinüber. Ihr Gesicht wurde scharf, und ihr magerer Leib streckte sich. Sie fasste flink den Leuchter, trat zum Fußbrett des Perlenschreines, ließ das Kerzenlicht über den Puechsteiner fallen und sagte mit kalter Ruhe: „Der stirbt. Jetzt gleich. Da muss man den geistlichen Herren zum Beten holen.“

   Erschrocken raffte Herr Melcher sich auf und tat einen Atemzug der Erleichterung, als er seinen Herzbruder ein bisschen lachen hörte.

   Korbin von Puechstein hatte groß die Augen aufgeschlagen, sah die Trutzin spöttisch an und sagte mit seiner schlaftrunkenen Stimme: „Noch nit. Ein lützel Geduld, Frau Engelein! Sterben muss ich. Aber hetzen mag ich mich nit lassen. Und muss es geschehen, so wag’ ich’s allein. Einen Helfersmann, der halb blind und dreiviertel taub ist, hab’ ich nit nötig.“

   „Liebster!“, stammelte Herr Melcher. „Wie ist Dir?“

   „Besser. Menschliche Güt hat allweil was Belebendes.“

   Frau Engelein schien den Wunsch zu fühlen, den schwülen Raum noch vor Mitternacht zu verlassen. Sie öffnete die Tür der Fürstenstube und rief mit scharfen Lauten hinein: „Auf, Ihr da drinnen! Mitternacht! Postenwechsel!“

   Zwei taumelnde Stimmen und ein Geraschel.

   In Erwartung der beiden, die da kommen würden, wollte Herr Melcher die Schwüle geduldig ertragen und sittsam seine Blößen bedecken. Dabei machte er eine grauenvolle Entdeckung und keuchte: „Weib, Gott steh uns bei! In der Burg ist die Pest. Ich hab’ schon die schwarzen Flecken.“

   In Entsetzen kam die Trutzin gesprungen und beschaute mit scheuer Vorsicht das sehr gewichtige Bein ihres Gatten. „Du Narr!“, schalt sie erleichtert. „Das sind doch Tintenspritzer!“

   „Wieso?“

   „Seit Du mein schönes Bett und Dich selber bekleckert hast mit der Tintenkapsel des Wanderpfaffen, hast Du Dich von Hals nach abwärts nimmer gewaschen.“

   Seufzend drehte Frau Engelein das Stundenglas um und verließ in großer Eile die Stube.

   Herr Melcher lachte. Und Korbin von Puechstein lachte mit.

   Das war für Hilde und Frau Schligg ein beruhigender Willkomm.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.