Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 19

   Söldner und Knechte liefen zusammen, als Lien wie ein Irrsinniger zur Brückenhalle gesprungen kam, einer Magd die weiße Schürze vom Gürtel riss und die Leinwand an einen Langspeer knüpfte. Was die Leute durcheinander kreischten, hörte er nicht. Immer sah er dieses blasse, von Gram entstellte Gesichtchen, immer diese flehenden Augen. Er brauchte nicht viel zu denken. Wieder war es so, dass alles in seinem Gehirn als fertige Sache stand, die geschehen musste. Reiten? Durch das ausgesparte Gänglein der Sperrmauer war ein Gaul wohl durchzubringen. Doch über den Torgraben – der auch zu breit war für Sprünge, wie Lien sie machen konnte – musste man für das Ross eine Brücke aus Balken legen. Bevor das geschehen konnte, getraute sich Lien die vierhundert Gänge bis zur feindlichen Schanze zweimal hin und her zu rennen. Und ist der Heini von Seeburg barmherzig, so gibt er dem Lien auch einen Gaul, um zum Kloster am See zu reiten. Auch kann ein Medikus viel näher sein. Im Geläger der Seeburgischen. Und Soldleut mitnehmen als Geleit? Wozu? Ehrt der Seeburger das weiße Fähnlein der kranken Not, so tut’s auch ein einziger, der flinker ist als vier oder fünfe mitsammen. Und sündigt der Seeburger wider den friedsamen Kriegsbrauch? Warum dann den guten Herrn Melcher um brauchbare Leut betrügen? Da ist’s genug an einem einzigen. Kommt er nimmer, so spürt man’s nicht.

   Das alles stand fertig im Lien, noch ehe der weiße Magdschurz an den Langspeer gebunden war, noch ehe das Fräulein von Puechstein, das aus dem Burgfried heraustauchte, die Brückenhalle erreichen konnte.

   Vom Tor des Herrenhauses klang eine heiser schreiende Stimme: „Was geschieht da?“ Ausgeschlafen, frisch gekleidet und neu gerüstet, war Eberhard in den Hof getreten, um als Regent bei der Mauer zu walten. Über den köpfen der Söldner sah er das weiße Fähnlein gaukeln, sah zwei Knechte ein langes Brett herbeischleppen und geriet in Sorge, dass da geschehen könnte, was seinen Vergleichsplänen zuwiderlief. Sein verdutztes Misstrauen wuchs noch, als er bei dem weißen Fähnlein den Helm seiner Augsburger Rüstung gewahrte. „Ui, guck! Der Schäfer! Schon wieder!“ Er wurde flink und schrie: „Bei Tod und Ruten! Ohne mein Geheiß geht niemand aus der Mauer.“

   Irrende Angst in den Augen, sprang Hilde ihm entgegen und breitete die Arme auseinander, um seinen Weg zu sperren.

   Eberhard lachte und rief zu den Knechten hinüber: „Wer ein Brett über den Graben tut, steht unter Gericht.“ Dann machte er eine höfische Reverenz und sagte mit zierlicher Geste gegen Hildes ausgebreitete Arme: „Das sieht so aus, als tät’ mein Bräutlein mich halsen mögen? Vor niederen Augen? Das wär’ nit fürnehm. Tu Dich gedulden auf meine Kammer, Du Süße!“

   Ihr Gesicht versteinerte, während sie mit erloschenen Lauten bettelte: „Tu nit hindern, was nötig ist! Ein Medikus muss kommen …“

   „Ich bin gesund.“

   Hildes Augen erstarrten, während ihre Stimme weiterredete mit dem gleichen versunkenen Laut: „Dein Vater fiebert. Der meine ist nah dem Sterben.“

   Er fragte zögernd: „Was der Schäfer tun soll? Hat mein Vater das geboten?“

   Lügen konnte sie nicht. Stumm schüttelte sie den Kopf.

   Da lächelte Eberhard. „Will’s der Deinige so haben?“

   „Mein Vater ist dawider gewesen und ist zornig worden. Mich hat die Mutter geschickt. Ich hab’s geboten.“

   „Mein Herz und Leben will ich Dir unter die kleinen Füßlein legen!“, sagte der Jungherr zärtlich. „Doch der Himmel soll mich behüten, dass ich geschehen ließ, was gegen den willen Deines edlen Vaters wär’. Das wirst Du rühmen müssen als gutes Kind.“

   Von der Brückenhalle, aus dem Lärm der Söldner, klang die zornig schrillende Stimme des Lien: „Her mit dem Brett! Mein Weg hat Eil.“

   Der Jungherr kreischte dem erregten Hauf der Leute zu: „In meiner Mauer gilt mein Befehl!“

   Hildes Arme fielen schlaff hinunter. Ihre feine, zarte Gestalt schien zu wachsen. Immer sah sie die Augen ihres Verlobten an. „Tu, was Du musst! Ich kann’s nit raten. Dich kenn’ ich nit. Wer der Lien ist, weiß ich.“ Sie wandte das blasse Steingesicht über die Schulter und wollte gehen.

   Dem Jungherrn fuhr eine Blutwelle über die Stirne. Zorn und Unsicherheit kämpften in seinem suchenden Blick. Hastig fasste er die Hand des Fräuleins und sagte wie ein Zerstreuter, welcher redet und dabei an andere Dinge denkt: „Das Leid in Deinen Augen hat größere Macht, als der pflichtsame Verstand in mir. Aus Lieb will ich tun, was ich versagen müsst’ aus Bedächtigkeit des Kriegsmannes. Der Schäfer soll gehen dürfen. Ich will helfen dazu, will ihm geschriebene Botschaft mitgeben. Auf das Wort eines niederen Knechtes tät’ der Heini von Seeburg nit hören.“

   Sie nickte schweigend, entzog ihm ihre Hand und ging durch den Schwarm der schreienden Leute auf den Lien zu, der in der Linken den Langspeer hielt und den rechten Arm um das Brett klammerte, das er den Knechten entrissen hatte.

   „Nit, Lien! Mein Gebot ist unwahr gewesen. Tu dem Sohn Deines Herrn gehorchen. Wir haben nit anderen Weg.“

   Stumm und ratlos sah er in ihre Augen und ließ das Brett fahren, das die Knechte wieder packten.

   Während die beiden so voreinander standen, wurde der Lärm der Männer still, und verdutzte Augen guckten die zwei jungen Menschen an.

   Hilde erhob die Hand und berührte scheu die blaufleckige Wange des Lien. „Tu Dich nit sorgen! Tu das Zornfeuer auslöschen in Deinen Augen! Du kannst, was Du willst. Gut ist auch das Plätzlein, auf dem Du stehen und harren musst. Darf ein Redlicher nit laufen, so lauft sein Weg. Gott soll Dich behüten, Lien! Ich geh’ zu meinem Vater.“ Ein halbes Lächeln war um ihren entfärbten Mund. So nickte sie zum Lien hinauf. Dann ging sie.

   Schauen und Ellbogenstupfen, Geflüster und halblaute Worte, auch Kiechern und leises Lachen.

   Unbeweglich, mit gespreizten Beinen, den weiß gefähnelten Langspeer zwischen den Fäusten, stand Lien in der Torhalle. Immer sah er zum Herrenhaus hinüber, in dem das Fräulein von Puechstein verschwunden war.

   Der Abend fing schon zu glühen an, als Eberhards Reitknecht ein verschnürtes und gesiegeltes Pergament brachte. „Befehl des Herren: Das sollst Du zum Heini von Seeburg tragen. Dir ist geboten unter Kriegsrecht, dass Du nit reden sollst aus eigenem, nit Antwort geben auf eine Frag des Feinds. Den Ruckbrief sollst Du dem Herren bringen ohne Verzug. Das ist Dir geboten bei Deinem Kopf.“ Der Knecht sagte zu den anderen: „Man soll ihm das Brett legen!“

   Den Langspeer senkend, klirrte Lien durch den schrägen, finsteren Steinschacht, den man in der Sperrmauer ausgespart hatte. Hinter ihm brachten zwei Leute das Brett getragen, das sie über den Wassergraben hinüber fallen ließen zum Brückenpfeiler. Als Lien darüber schritt, bog sich unter dem Gewicht seines Körpers und Eisens das schwache Brett hinunter bis in das schmutzige Grabenwasser, auf dem ein wüstes Gemenge übler Dinge schwamm. Zur anderen Hälfte seines Notsteges musste Lien das Brett vom Brückenpfeiler hinüber schwingen zum Bord des Sträßleins. Beim Weiterschreiten sanken seine Beine bis zu den stählernen Kniemuscheln in die noch heiße Asche des Sturmwagens. Von den Schützengängen und aus den Schießscharten des Brückenturmes sahen ihm hundert Augen nach; da droben war ein undeutliches Stimmengewirre. Als seine Füße freien Grund fanden, fing er zu laufen an, dass ihm unter dem rasselnden Eisen der Atem fast verging. Die rote Sonne war um ihn her, und obwohl sein Kürriss, seine Schienen und sein Helm von Schmutz, Asche und Blutrost halb erblindet waren, hüpften Hunderte von rot glühenden Lichtfunken auf dem Stahlkleid des Springenden umher. Immer schwang er den Langspeer mit der weißen Magdschürze.

   Bei der Schanze begann es lebendig zu werden. Man empfing den Lien nicht feindselig, doch mit Hohn und unflätigen Spottreden. Kein Seeburgischer hatte diesen jungen Kriegsmann je gesehen; jene, die beim Sturm in die Nähe des Lien gekommen waren, hatten den Heimweg nimmer gefunden.

   Er musste den Stahlhut und alle Waffen ablegen; man band ihm eine Schärpe dick und fest um die Augen. Zwei Fäuste führten ihn an den Armen. Er dachte nicht: Jetzt musst Du lauschen, um zu erkunden, was sich erkunden lässt. Ohne Wissen und Willen tat er’s, weil er Sinne hatte, die scharf und immer lebendig waren wie die Sinne freier und gesunder Tiere der Wildnis.

   Deutlich hörte er das Geholper von schweren Karren, das Aneinanderklingen der Steinkugeln und das dumpfe Poltern der Pulvertruhen, die zur Schlangenschanze gefahren wurden. Und da wusste er: Man rüstet zu einem neuen Sturm. Wann wird er beginnen? Noch am Abend? Oder erst am Morgen?

   Er hörte Beilhiebe und Hammerschläge, hörte das eigentümliche, unverkennbare Klanggezitter von langen Holzstangen, die zu Boden fielen – und wusste: Da werden Sturmleitern gezimmert. Der neue Sturm wird gegen eine Stelle der Mauer gerichtet sein, nicht gegen Tor und Brückenturm.

   Nun kam ein kotiger, von unzähligen Stapfen durchsulzter Weg: Die Lagergasse, die seit dem Gewitter noch immer sumpfig war. Im Abendwind, der kräftig von den höheren Bergen herunterhauchte, hörte Lien das Gepluder von Zelttüchern. Es waren viele Zelte, mehr, als man vom Turm aus hatte zählen können; der größte Teil des Seeburgischen Leuthaufens musste sich hier versammelt haben. Vor der Mauer gegen Osten, Norden und Westen konnten nur schwache Kräfte zurückgeblieben sein.

   In der Luft war der Geruch von Feuerstätten – so riechen die Feuer, wenn sie erlsöchen; nicht, wenn sie zu brennen beginnen. Und im Lager, das sich quer über den Rücken des Hügelgrates hindehnte, war wenig Lärm, fast Stille. Man hatte sich da gesättigt, ehe der Abend kam; und wer nicht auf Wache stehen musste, lag im Schlaf. Weil die Seeburgischen muntere Augen brauchten in der kommenden Nacht? Oder früh am Morgen?

   Der Weg wurde besser. Das Zelt des adligen Führers musste außerhalb des Gelägers stehen. Lien zählte siebzig Gänge, bevor man ihn warten hieß. Jetzt fühlte er den Zug des Abendwindes nimmer, hörte kein Rauschen eines Zelttuches. aber ein Zelt musste da irgendwo sein; Lien spürte den Duft von Räucherwerk und von Wachskerzen. Weil er den Bergwind nimmer fühlte, musste das Herrenzelt am Saum eines dichten und hohen Waldes stehen, der den Luftzug abhielt. Und neben dem Eisengeklirr der Söldner, die ihn geführt hatten, hörte Lien das leise Waffenklingen zweier Wachen.

   Wechselnde Stimmen, gedämpft, hinter Zelttüchern. Nun ein grobes Lachen.

   Man führte den Lien, ohne ihm die Binde abzunehmen, in die leinene Feldstube des Heini von Seeburg. Lien hatte das Gefühl eines engen und schwülen Raumes. Noch stärker als der Duft des Räucherwerkes und des brennenden Wachses war ein anderer Geruch. Wie Essig war’s – und so, wie das Balsamtiegelchen des barmherzigen Engels geduftet hatte, der in die Sergeantenstube gekommen war, um die Rutenstriemen des Lien zu kühlen.

   Unter der Augenbinde begann dem Lien das Gesicht zu glühen bei dem Gedanken: Der Heini von Seeburg ist verwundt! Ins Handgemenge war der Seeburger nicht gekommen. Er musste im Sturmwagen gewesen sein und aus dem Höllenspuk der Pulverkiste eine Brandwunde davongetragen haben. Keine leichte. Weil er liegen musste. Deutlich hörte Lien zu seiner Rechten das Gerassel des Lagers, von dem der Verwundete sich aufrichtete.

   Wieder jenes grobe Lachen. „Bringst Du die Übergab?“ Die Stimme hatte noch jungen Klang und erinnerte doch an die raue Kehle des Kassian Ziegenspöck, an seine Knurrlaute unter der Wirkung des Flachhiebes.

   Schweigend streckte Lien die Hand mit dem Pergament und musste denken: Der Heini von Seeburg hat ein geschwollenes Gesicht. Kann nit befehlen und muss hinter dem Zelttuch liegen bleiben, wenn seine Kriegsleut stürmen.

   Nach einer Weile sagte die Stimme: „Das sind nit die Kritzelfüß des alten Trutz! – Du? Wer hat den Brief geschrieben?“

   Lien blieb unbeweglich und stumm.

   „Red, Du langer Lümmel! Liegen der Puechsteiner und sein töriger Bundsgenoss auf dem wohlverdienten Schragen? Weil der Jungherr siegeln muss in seines Vaters Namen? Du? Hörst Du nit?“

   Das gleiche Schweigen.

   „Bist Du aufs Maulhalten eingeschworen?“

   Lien nickte.

   „So steckt dahinter, ich weiß nit, was. Die sich nit scheuen müssen, reißen den Brotladen auf.“

   Eine lange Stille. Lien hörte das Knistern des Pergamentes. Dann kam ein tobendes Zorngeschimpf, ein lästerliches Sakramentieren. „So ein Grasaff und Hinterhälter! Möcht’ sich loskaufen mit den mageren Puechsteiner Mäusen! Bietet für meines Bruders Blut und Leben einen Taubendreck. Dem will ich Antwort geben! Ist die Burg nit mein auf Gnad und Ungnad, eh die Stern’ erscheinen, so schieß’ ich die Trutzischen Mauern auf einen Haufen zusammen, in dem man ein Menschengesicht nimmer scheidet von einer zerquetschten Katz. Hinaus mit dem maultoten Lümmel. Meinen Schreiber her!

   Lien fühlte eine Faust am Arm und wurde aus dem Zelt geführt. Sein Schreck darüber, dass der Seeburger von keinem Medikus geredet hatte und die Sorge um die Mauern seines Herrn und um alle, die sich hinter ihnen bargen, legte sich wie eine stählerne Klammer um seinen Hals. Undeutlich stieg der Gedanke in ihm auf, als wäre die Botschaft, die er getragen hatte, kein redliches Ding gewesen. Doch ehe sich das klären konnte in ihm, war es schon wieder versunken. Und neben der Sorge, die ihn bedrückte, war wieder dieses unbewusste, tierische Lauschen da, dieses Wissen ohne Denken. Keine Stimme mehr im Zelt? Nur der wunde Seeburger auf seinem Kissen? Vor dem Zelt zwei Wachen, hinter dem Zelt der Bergwald, in dem der Lien jeden Schlupf und Winkel kannte.

   Mit dem Söldner, der zum Geläger hinüber gelaufen war, kam der Schreiber gesprungen, der ein schwächliches Männlein sein musste und den kaum vernehmlichen Täppelschritt eines Kindes hatte.

   Die feindlichen Geleitsleute des Lien begannen mit den Wachen sehr spaßhaft über die Trutzbergischen zu reden. Auch sehr laut. Die Stimme, die dem Schreiber im Zelt die Antwort vorsagte, wurde undeutlich unter diesem Schwatzen und Lachen. Erst nach einer Weile, als der Seeburger einen Namen gerufen hatte und ein Söldner in das Zelt gesprungen war, konnte Lien wieder deutliche Worte vernehmen und ein grobes, höhnendes Lachen dazu: „Schließ die Anfrag unter die Schnur mit ein! Und schreib, das Trutzische Pergament wär’ nit mürb genug zu verdientem Aufbruch! Ich will mir lieber die Leinwand der Frau Engelein holen. Man sagt, sie spinnt einen feinen Faden.“ Nun wieder das Lachen des Seeburgers. Und die Söldner und Wachen lachten mit.

   Dem Lien, der stumm und wehrlos diesen Hohn wider die Trutzbergischen verschlucken musste, begannen die Fäuste zu zittern. Immer musste er des Schweigbefehls seines Herrn denken, um nicht laut zu schreien: „Heini von Seeburg! Hütet Euch, dass wir uns nit im Bruchland begegnen, wenn ich wieder bei meinen Schafen bin. Da könnt’s geschehen, dass Euch einer das zärtliche Häutl mit Disteln und Dornen rippelt.“

   Noch immer brannte der Zorn in ihm, als die Söldner ihn zurückführten durch die Lagergasse; dazu die wachsende Sorge, die ruhelose Frage in seinem Herzen: Was ist mit dem Medikus? Der wird doch kommen?

   Außerhalb der Schlangenschanze wurde ihm die Binde abgenommen. Die farbige Dämmerung eines schönen Abends war über Welt und Himmel gegossen. Nach der stundenlangen Finsternis erschien sie dem Lien wie strahlende Tageshelle. Seine Augen suchten. Er sah nur Männer in Waffen. „Der Medikus?“, fragte er mit erwürgter Stimme, des Schweigbefehls vergessend. „Wo ist der Medikus?“

   Ein brüllendes Gelächter. Der lange Mensch mit der wunderlichen Angst, die ihm aus Blick und Zügen redete, wurde für die Seeburgischen eine heitere Sache. Einer spaßte: „Brauchst Du eine stopfende Arznei? Hast Du Bauchweh?“

   Lien überhörte den Hohn, hörte nur die Sorge, die in ihm schrie: „Nit, Leut! Das ist ein ernstes Ding. Ich muss dem Silberweißlein doch sagen können …“ Während er den Eisenhut über den blau gedroschenen Schädel stülpte und das Schwertgehäng um die Hüften nahm, durchzuckte der tröstende Einfall sein Gehirn: Es wird im Brief stehen, was mit dem Medikus ist. Und wann er kommt: Wie flinker ich den Brief in die Mauer bring’, umso flinker ist das edel Fräulen in Ruh. Den Langspeer fassend, fing er im schweren Eisen zu laufen an wie ein Narr. Ein vergnügtes Johlen blieb hinter ihm – und wahrhaftig, der Lien sah aus wie ein heiß Erschrockener, der mit jagenden Beinen Reißaus nimmt vor einer Gefahr.

   Sogar auf er Trutzischen Mauer gab es Leute, die lachen mussten, als sie den Lien in der purpurfarbenen Dämmerung diese Heuschreckensprünge machen sahen. Eberhard, der auf dem Büchsensöller bei einer Scharte stand und in Ungeduld die Antwort des Heini von Seeburg erwartete, ließ die rote Pernella aus seinem Arm und sagte vergnügt: „Ui, guck, wie er hupft! Der Lauskerl hat die Angst in den Waden, es könnten ihm die Seeburgischen einen bleiernen Frosch auf die Ruckseit schmeißen.“ Lachend fasste er mit beiden Händen sein rotes Federspiel an den Zöpfen, kümmerte sich nicht um die Gegenwart der Schützen, küsste mit Behagen und flüsterte an Pernellas Ohr: „Heut Nacht ist Ruh in meiner Mutter Ehgemach. Sie muss den Vater pflegen. Du! Da wird sich’s weisen, ob Du eine Ganz bist oder nit.“ Dieses Wörtchen – Ganz – war eine von seinen sieghaften Erobererwaffen und hatte ihm schon des öfteren die Erfahrung vermittelt, dass die Weibsleute gern als ein Ausbund menschlicher Weisheit erscheinen möchten.

   Seines Sieges völlig sicher, klingelte Eberhard in seiner leichten, schmucken Eisenschale über die Holzstiege hinunter und kam zur Sperrmauer in der Torhalle, als draußen schon das Brett auf dem Brückenpfeiler klapperte. Söldner und Knechte liefen zusammen.

   Aus dem schwarzen Steinschacht tauchte der keuchende Lien heraus. Er warf den Langspeer fort und stammelte: „Wo ist das Fräulen?“

   „Den Brief gib her!“ Zwei Hände griffen nach dem verschnürten Pergament, das Lien in der Faust hatte.

   Noch war es nicht dunkel. Man konnte die Gesichter sehen. Aber die erregte Stimme des Jungherrn klang so verändert, dass Lien sie unter dem Lärm der anderen nicht erkannte. „Tu die Händ’ weg, Du!“ Er trat einen Schritt zurück. „Das ist für den Herrn!“

   „Dein Herr bin ich!“ Eberhards Stimme wurde so schrill, wie im Zorn die Stimme seiner Mutter war. „Den Brief gib her!“

   Nun wusste Lien, wer mit ihm redete. Und als er das Gesicht und die Augen des Jungherrn betrachtete, schob er plötzlich das Pergament hinter die Halsberge seiner Augsburger Rüstung. Ohne zu denken, musste er sagen: „Mir ist befohlen, den Ruckbrief meinem Herren zu bringen. Ihr seid meines Herren Sohn, in schuldiger Ehr. Mein Herr ist Euer Vater. Dem bring’ ich den Brief, wie’s befohlen ist.“ Er ging mit raschen, klingenden Schritten zum Herrenhaus hinüber.

   „Leut! Leut!“, kreischte der Jungherr mit seiner dünn gewordenen Weiberstimme. „Reißt den unbotmäßigen Lauser zu Boden!“

   Die Söldner zögerten. Sie hatten aus den Worten des Lien Verstand herausgehört.

   „Wer mir den Brief bringt, soll mir der beste von den Meinen sein. Wer nit gehorcht, soll’s büßen.“

   Jetzt sprangen viele.

   Lien hörte das Getrampel, wandte sich, riss das Eisen blank und sagte ruhig: „Ihr guten Leut! Der Jungherr muss trunken sein. Da müssen wir Knecht’ die Nüchternen bleiben. Ich tu’ nach unseres Herrn Befehl. Wer’s hindern wollt’, den müsst’ ich niederschlagen.“ In der Faust die blanke Waffe, rückwärts schreitend, erreichte er das Tor des Herrenhauses und verschwand.

   Hinter den lärmenden Söldnern schrie der Jungherr einen Namen. Immer wieder. Seine Stimme klang wie das Geschrill eines Tobsüchtigen. Eberhards Reitknecht kam gelaufen. Und der Jungherr fasste den Knechte am Arm und riss ihn mit sich fort, aus der Hörweite der anderen.

   „Du! Der treueste von den Meinen bist Du! Was ich Dir geboten hab’ in der Nacht – jetzt muss es anders geschehen. Sicher! Nit so, dass ein Zufall helfen kann oder nit. Sicher! Ich selber will helfen. Ich geb’ ihm Freinacht, ich schick’ ihn schlafen, ich lass ihn einen Krug vom schwersten Wein meiner Mutter saufen. Um die zehnte Nachtstund ruf’ ich den Kassel zur Mauer. Da legt der Bub allein in der Stub. Stoß ihm das Eisen in den Hals! In den Sack mit ihm! Und über die Mauer! Das ist sicher. Vor Mitternacht muss es geschehen sein. Melden brauchst Du es nit in der Nacht. Da hab’ ich nit Zeit. Du tätst mich nit finden.“ Ein heiseres Lachen. „Aber kommst Du am Morgen und meldst, es ist geschehen, so musst Du’s mit vielen Wörtlein sagen. Die will ich zählen und zahlen. Einen Goldgulden für jedes.“

   „Herr!“, stammelte der Knecht. „Das ist eine kitzlige Sach.“

   „Bei Seel und Leben, ich steh’ für Dich ein. Du und ich! Das soll so bleiben für alle Zeit. Und Du bist, was Du sein willst!“

   Ein kurzes Zögern. „Gut, Herr! Ich tu’s.“

   Leise auflachend, eilte Eberhard zum Herrenhaus hinüber, sprang durch die Spittelhalle, in der auf dem Stroh die Verwundeten miteinander schwatzten, und jagte über die Treppe hinauf, so flink es sein Eisen ihm gestattete. Bevor er den Mauergang erreichte, vernahm er die auf den Steinfliesen klingenden Schritte des anderen.

   Nun sah er den Lien im letzten Licht des Tages an der grau gewordenen Mauer hinschreiten zur Tür der Herrenstube. Erschrocken streckte er die Hand und wollte rufen, wollte noch eine Lüge suchen, die ihm half – und tat es nicht – und meinte in seiner Feigheit, das wäre Trotz und Mut: Meintwegen! Soll der Vater im Ärger schreien nach mir. Ich lass mich nit finden. Wer weiß, wie’s morgen ist? Und ich bin Herr! Und mein ist das Himmelreich.

   Unter spöttischem Lächeln hielt er den Kopf über die Mauerecke vorgeschoben und sah den Lien zur Stube des Puechsteinischen Perlenschreines hintreten.

   Vor der Schwelle zögerte Lien. Mit halblauter Stimme rief er: „Höi? Darf ein Soldknecht eintreten?“

   Die Tür wurde aufgetan, und grau vor einem grauen Raum erschien Frau Engelein. „Wer redet da?“

   „Ich bin’s, gute Frau! Mit einer Botschaft.“

   „Die bring’ meinem Sohn! Mein Mann muss Ruh genießen.“

   Neben Frau Engelein tauchte etwas Dunkels auf, mit weißen Ärmeln geflügelt, und ein ersticktes Stimmchen frage: „Lien?“

   Da klang die müde Kehle des Herrn Melcher: „Komm nur, Bub! Pflicht geht über alles.“

   Es roch in der dunklen Stube so ähnlich wie im Zelt des Heini von Seeburg. In der vorderen Hälfte des Perlenschreines war viel Bewegung und heftiges Schnauben; in der hinteren Hälfte lag eine lange, magere Sache unbeweglich in den Kissen. Aus der finsteren ecke hinter dem Himmelbett zitterte die bange Stimme der Frau Scholastika: „Kommt ein Medikus?“ Und Hilde, die den Lien bei der Hand genommen hatte, sagte leise: „Tu reden, Lien! Mein Vater und Herr Melcher wissen alles.“

   Lien, dem das Atmen eine harte Mühe wurde, fragte scheu: „Wie geht’s, ihr guten Herren?“

   In der Puechsteinischen Hälfte des Perlenschreines ließ sich ein mattes Lachen vernehmen, in der Trutzbergischen Halbscheid sagte Herr Melcher mit schwerer Zunge: „Es könnt’ noch schlechter sein. Wie’s kommt, so muss man es haben. Tu reden, Lien! Bringst Du den Medikus für meinen Korbi?“

   „Bringen nit! Hab’ ihn auch nit gesehen, Herr!“ Nach dieser mühsamen Stimme zu schließen, schien der gesunde Lien viel kränker zu sein als sein verwundeter Herr. „Wie’s ist mit dem Medikus, das wird wohl in dem Brief da stehen.“ Er beugte sich gegen das Fräulein hin. „Nit sorgen. Er muss doch kommen in der Nacht. Der Brief wird’s weisen.“

   Als Herr Melcher die Schnur des Pergamentes entzweigerissen hatte und das Blatt entfaltete, glitt ihm ein zweites in den Schoß. „Geh, liebes Weibl, tu ein Kerzenlicht bringen und zünd die Ampel an.“

   „Viel Licht wird Deinen Augen nit gut sein!“, sagte Frau Engelein rasch, mit einer merklichen Unruh in der Stimme.

   „Wie soll ich lesen? Und lesen muss ich. Hol das Licht. Ich will Dir versprechen, dass ich das Bett mit dem Wachs nit bekleckern tu.“

   Die Trutzin verließ die Stube.

   Es war so dunkel geworden, dass von den Linnlaken des großen Bettes nur noch ein matter Schimmer zu sehen war. Lien und Hilde standen gleich schwarzen, unbeweglichen Bildsäulen vor dem schwachen Dämmerschein der kleinen Fenster, und völlig verschwand Frau Schligg in ihrer finsteren Ecke.

   „Wie ist’s gewesen, Bub, erzähl!“

   „Die Waffen hab’ ich abtun müssen. Die Augen haben sie mir zugebunden. Vier Schlangen stehen in der Schanz. Pulver und Kugeln hat man zugefahren, einen festen Haufen. Von einem neuen Sturmwagen hab’ ich nichts gemerkt. aber hohe Sturmleitern haben sie gezimmert. Die liegen nach links hinunter, gegen die Puechsteiner Seit’. Wenn sie stürmen heut Nacht, geht’s wider die linksseitigen Schützengäng’ zwischen Turm und Haus.“

   Aus der hinteren Hälfte des Perlenschreins klang langsam eine kämpfende Stimme: „Da müssen sie wieder schwefeln, um die Leitern unbeschossen an die Mauer zu bringen. Eh sie nit schwefeln, stürmen sie nit. Bis das Stinken anhebt, können wir liegen bleiben.“

   In der finsteren Ecke ein tonloses Angstgestammel: „Jesus! Mann! Du wirst doch nit –“

   „Tu den Schnabel halten, liebe Schligg! Man redet um ernstes Mannswerk. Täten die Weibsleut nit schweigen, so müsst ich sie aus der Stub schicken! – Weiter, Lien!“

   „Das Geläger hinter den Schlangen ist seit dem Morgen gewachsen. Man hat viel Kriegsleut von den Talseiten heraufgezogen.“

   „Lien!“, keuchte der Puechsteiner. „Sechs Wachen und der Jungherr – das ist genug für die Nordmauer. Alle anderen Leut zum Schützengang zwischen Mauer und Haus.“

   „Will’s ausrichten, Herr! Ich selber sorg: Der Sturm kommt in der Nacht oder gegen Morgen. Im Geläger hat man abgespeist um die fünfte Stund nach Mittag. Die Kriegsleut unter den Zelten sind im Schlaf gelegen, dass sie munter sein können in der Nacht. Beim Sturm wird der Heini von Seeburg nit gebieten. Der hat einen Stimmschaden. Muss eine Brandwund haben zwischen Ohr und Maul. Ums Gesicht hat er einen Bund herum.“

   Da stemmte sich Herr Korbin aus dem Kissen, und seine kämpfende Stimme bekam einen Klang ins Heitere: „Hat’s ihn? Hat’s ihn? Gottselige Pulverkist! Du leibreiches Kästlein!“ Unter Tönen, die halb wie ein lachen waren, fiel er zurück.

   Immer, wie in sprachlosem Staunen, hatte Herr Melcher geschwiegen. Jetzt lallte er: „Bub! Du Weltsteufel! Wie hast Du das alles sehen können? Mit verbundenen Augen?“

   Lien wusste keine Antwort. Statt seiner lispelte der Puechsteiner: „Ein richtiger Mensch sieht mit den Ohren, hört minder großen Zeh und spürt –“ Die leise Stimme erlosch in einem lang strömenden Atemzug. Hilde sprang zur Bettseite des Vaters hin, und Frau Scholastika, unter gewaltsam bezwungenem Schluchzen, wusch mit dem Essigtuch das regungslose Gesicht ihres Mannes.

   „Korbi?“, stammelte Herr Melcher erschrocken.

   „Nit sorgen, nit sorgen!“, flüsterte Lien. „Er schnaufet schon wieder leichter. Ich hör’s.“

   „Gott sie Dank!“ Die Stimme des Burgherren wurde leise. „Lien! Komm her! Ob mein oder nit, ich glaub’s. Du bist ein Mannsbild. Tu mir die Hand bieten.“

   „Ist die Red nit wert, Herr!“ Immer waren die Augen des Lien bei der Peuchsteinischen Hälfte des Perlenschreins. „Wär nur das Licht schon da! Dass man lesen könnt! Wann der Medikus kommt?“

   „Di Hand tu her, Du Lümmel!“, schalt Herr Melcher aus dem Dunkel heraus. Und als er die Hand des Lien zwischen seinen Tatzen hatte, bekam seine raue Kehle, ohne dass sei eines lösenden Eidotters bedurft hätte, einen milden, fast träumerischen Klang. „Wahrhaftig, Bub! Die Ohrfeig, die ich Dir geben hab’ müssen, ist Gottesgnad und Erleuchtung gewesen! Wär der andere bloß halb wie Du, ich tät den Kopf heben, bis er oben anstoßt in meiner Stub.“

   Lien hörte nicht. Er hatte im Schlüsselloch der Tür einen feinen Schimmer gewahrt und stammelte: „Das Licht ist da, das Licht. Jetzt kann man lesen.“

   Die Tür ging auf, und die schmale Glanzgarbe, die zuerst hereingefallen war und senkrecht einen Goldstrich an die Mauer gezeichnet hatte, floss auseinander und machte die Stube hell. Frau Engelein brachte einen Eisenleuchter mit zwei Wachskerzen, deren wehende Flämmchen im Dunst des Raumes von einem sternigen Strahlenschein umgeben waren.

   „Jesus! Hinter den Himmel mit dem Licht!“, bettelte Frau Scholastika. „Das blendet den Korbi. Nit die Ampel zünden. Nit! Nit! Nit!“

   „Mein Mann hat die Ampel geboten.“ Frau Engelein hatte eine scharf gespitzte Nase im blassen Gesicht. „Die Puechsteinerin will allweil was anderes haben.“

   Herr Melcher mahnte: „Sei gütig, Weibl! Stell das Licht auf mein Tischlein her! Da hat der Korbi Schatten, und ich kann lesen.“

   Stumm und starr, die zitternden Fäuste an die Bauchschalen des Panzers geklammert, stand Lien hinter dem Fußbrett des Perlenschreins. Der erste Lichtschein, der übers Bett gefallen, hatte ihm den wulstig verbundenen Schädel des Herrn Melcher gezeigt, mit den Blutfäden im glühenden Gesicht, mit den roten Klunkern im struppigen Bart. Das war hart zu sehen, war aber doch das Bild eines Lebens, and as man glauben durfte. Dann war das Licht hinüber geglitten über die Puechsteinische Grenze. Und da drüben lag der verlässliche Tod. Der hatte noch offene, langsam gleitende Feueraugen, hatte noch ein Lächeln des starken Lebens um den bläulichen Mund. Unter den Falten der Hemdärmel und unter dem dünnen Linnlaken lag etwas Langes und Knochiges, mager und regungslos. Im Kloster am See, vor Jahren, hatte Lien als Schäferlehrling das unterirdische Steingewölb mit den Nischen gesehen, in denen die toten, dürr gewordenen Mönche lagen. So, wie diese Mönche, so sah der Korbin von Puechstein aus. Nur dass die Mönche im Kloster am See nicht lächelten, keine offenen Augen, keinen Pulverruß am Hals und in den weißen Ohrmuscheln hatten; und dass von den Mönchen ein jeder verlassen und einsam lag, nur überbeugt vom glitzrigen Steingewölb. Der lächelnde, noch lebendige Tod in der Puechsteinischen Halbscheid des Perlenschreins war nicht einsam. Vier kleine, rosenblasse, zitternde Hände betreuten ihn, und zwei in Müdigkeit hoffende Gesichter waren über ihn hergebeugt mit nassen Augen, die in Angst und Liebe jedes Zucken seiner haarigen Knochenhand und jede leise Regung seiner Augenwimpern als eine Verheißung des Himmels empfanden.

   Lien atmete mühsam unter dem gewichtigen Stahl. Er drehte den Hals in der Berge, bewegte die Schultern unter den eisernen Kacheln und drückte am Kürriss mit den Fäusten die Kanten krumm. Wie einer, der im Zorn grob ist und sich doch behütet, knirschte er gegen den Burgherrn hin: „Was steht im Brief? Wann kommt der Medikus?“

   Da knüllte Herr Melcher in Wut zwischen seinen Fäusten das Pergament zusammen und schrie: „Gotts Not und Tod! Dem Hundsfott schütt ich alle Häfen meiner Burg auf den Grind hinunter. Der soll sich den letzten Stockzahn ausbeißen an meiner Mauer!“ Frau Engelein begann zu mahnen und zu schelten, die Puechsteinerin bettelte mit Augen und Händen, aber Herr Melcher schien blind und taub zu sein und brüllte weiter: „Lus nur, Korbi! Lus! Wie bescheiden das Luder ist! Alles ausliefern, was Peuchsteinische Farben hat! Jedes Puechsteinische Feld soll Seeburgischer Acker werden, der Seeforst mit Holz und Wild sein gesiegeltes Gut! Hunderttausend Dukaten als Kriegskosten und Schadenlohn. Und eh die Stern scheinen, will er die Trutzburg haben auf Gnad und Ungnad! Ist das ein Narr oder nit? Und nit bloß ein Narr! Ist noch ein Sauglockenschwengel dazu! Und schließt den Brief mit einer Red, die ich verschluck, weil ich sie nit ausspeien mag vor unseren guten Weibern und Deinem lieben Kind.“

   Herr Melcher verlor den Atem und fuhr mit der Faust nach seinem verbundenen Kopf. Und die Hände der Trutzin, die mit geschlossenen Augen stand, tasteten ins Leere, als möchte eine Ohnmacht sie befallen.

   In der schweren Stille ein leises Kichern des Puechsteiners.

   Das Gesicht von kalkiger Blässe überronnen, fragte Lien: „Vom Medikus? Was steht vom Medikus?“

   Ruhig und unbeweglich fing Herr Korbin mit seiner erloschenen Stimme zu reden an. „Wär ich der Heini von Seeburg, so hätt ich schreiben lassen: Wer hat den Medikus geholt, wie mein Bruder Peter im Bachtal verbluten hat müssen?“ Er lachte.

   „So eine Red hätt Witz und Verstand gehabt!“, schrie Herr Melcher, ohne die heitere Ironie in den Worten des Peuchsteiners zu fassen. „Aber nit ein Wörtl schreibt er vom Medikus. Als wär nit die Red davon gewesen in meines Sohnes Brief. Und find’t bloß eine schweinische Red! Freilich. Sauglocken läuten ist leichter, als ein Kirchenglöckl ziehen! Jetzt soll er die Antwort hören! Lien! Hinüber zum Turm! Noch hängen nit alle Stern da draußen am Himmelreich! Brenn meine beiden Mauerschlangen in die Nacht hinaus! Das ist die Antwort, ie ich dem Heini von Seeburg schick.“

   Lien blieb unbeweglich. Hatte er nicht verstanden? Oder nicht gehört? Langsam glitten seine erweiterten Augen. Es schien etwas Dunkles und Strenges in ihm zu kämpfen.

   Nach dem ersten Schreck wollte Frau Engelein reden, wollte mahnen. Herr Melcher schrie: „Mein Feind ist, wer ein Wörtl dagegen sagt.“ Seine Hände entfalteten das andere Blatt. „Korbi? Hab’ ich Recht oder nit?“ Auf eine Antwort schien er nicht zu warten, fing gleich zu lesen an.

   Aus den Kissen des Puechsteiners klang es mit versunkenem Laut: „Recht ist bei jedem, der tut, was er muss.“

   Da nickte Lien in einer wunderlich steifen Weise vor sich hin und sagte mit harter Stimme: „Gut so. Ich tu’s.“ Er wollte zur Tür, blieb stehen und sah seinen Herrn an, dem der verbundene Kopf hinunter gesunken war bis zu den Knien. Auch die anderen waren erschrocken. Herr Korbin stemmte sich aus den Kissen, und Hilde stammelte: „Vater Melcher? Ist Dir was?“

   Er schüttelte stumm den Kopf, hatte ein verzerrtes Gesicht und begann das Blatt, das mit der zierlichen Schrift seines Sohnes bedeckt war, in kleine Stücke zu zerrupfen. Das ging nicht leicht. Und einmal lachte Herr Melcher wild hinaus: „Recht hat der Seeburg! Mürb ist das Blatt da nit!“ Dann fasste er das Häuflein der Pergamentfetzen zwischen die zitternden Hände. „Weib, komm her! Heb Deinen Schurz auf!“ Frau Engelein gehorchte, mit einem Gesicht, das wie aus versteinter Asche geschnitten war. Er warf die Fetzen in ihre Schürze. „Das tu verbrennen. Flecken, die so tief sind, putzt man nimmer aus.“ Ein Klirren machte ihn aufblicken. Er sah den Lien in seinem klingenden Eisen zur Tür gehen. „Bub! Komm her zu mir! Und tu Dich niederbeugen!“ Langsam griff er mit seinen acht Fingern in die Höhe, fasste den Lien an der Halsberge, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn auf die blaufleckige Wange.

   Lautlos war Frau Engelein auf einen Sessel hingeknickt und presste die geraffte Schürze an ihre magere Brust. „Höi?“, sagte der Puechsteiner, ließ sich in die Kissen zurückfallen und streckte sich aus.

   Lien erhob sich wie ein Träumender. „Vergelt’s Gott, Herr! Jetzt hab’ ich einen leichten Weg.“ Bei der Tür, in der Hand schon die Klinke, drehte er das Gesicht und sah das Fräulein von Puechstein an, mit einem heilig dürstenden Blick. Sein Mund bewegte sich. Doch schweigend wandte er sich ab und ging aus der Stube.

   Im dunklen Mauergang, schon bei der Treppe, hörte er hinter sich das Rauschen eines Kleides. Ein Zittern befiel ihn.

   Jetzt holte sie ihn ein. „Lien? Willst Du was?“

   Er nickte. „Wohl! Ich tät gern ein Wörtl reden. Das muss heut noch sein.“ Verstummend tat er einen tiefen Atemzug. Es war so finster, dass er die Züge ihres Gesichtes nicht klar unterscheiden konnte und nur das Glänzen in ihren Augen sah. „Jetzt muss ich nach Befehl die Mauerschlangen hinausbrennen in die Nacht. Ist’s geschehen, so hab’ ich beim geistlichen Herren zu tun, im Pfaffenstübl.“ Er sprach nicht weiter.

   „Ja, Lien! Ich komm.“

   „Vergelt’s Gott, edel Fräulen!“

   Klirrend stieg er die Treppe hinunter, über die das Schwatzen und Lachen der Verwundeten herauf klang aus der Spittelhalle.

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