Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
            Kapitel 1

            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20
            Kapitel 21
            Kapitel 22
            Kapitel 23
            Kapitel 24

Kapitel 18

   Unter johlendem Siegesgeschrei, wie Narren und Berauschte, polterten die Schützen, Söldner und hörigen Knechte über alle Treppen hinunter.

   Im Burghof, den die schöne Morgensonne überglänzte, saß Herr Melcher zwischen Rauch und Flammengezüngel auf einem Sandsack, ohne Helm, mit zerhackter Stirn, rot übergossen von seinem Blut. Neben ihm stand der wankende Lien mit zersplittertem Helmvisier, die Augen geschlossen, die Beine weit gespreizt, noch immer den Zwiehänder in den Fäusten; hinter ihm hockte Wulli in einem Pflasterloch, heftig zitternd, schüttelte immer den Kopf und musste keuchen und niesen. Beim Brunnen, den der Hund verlassen hatte, lag Kassian Ziegenspöck auf den Knien, mit dem ganzen Kopf im Trog. Schwer gewaffnete in den Farben der Trutzburg und des Puechsteines taumelten zwischen Seeburgischen Söldnern im Hof umher – sie alle hatte der Luftdruck der Pulverflamme gleich einer mächtigen Sturmwoge aus der Turmhalle heraus geblasen, in der nur die Toten noch langen und ein paar Verwundete an der Mauer hockten, umstreut von den üblen Dingen, die aus dem Sturmwagen über den Sandwall herübergeflogen waren.

   Während man neun lebendige Seeburger gefangen nahm, ihrer Wehr entkleidete und mit Stricken band, öffnete sich das Hallentor des Herrenhauses. Die Frauen und Mägde kamen gelaufen, Entsetzen und Hoffnung in den blassen Gesichtern. Frau Scholastika, deren Augen immer suchten, rannte zum Brückenturm und schrie: „Der Meinige? Wo ist denn der Meinige? Wo ist mein Mann?“ Sie verschwand im Turm. Und Hilde wollte ihr folgen, klammerte sich an den Pfosten des Treppentürleins und sah einen jungen Söldner, der im Stehen zu schlafen schien. Sie stammelte seinen Namen, hörte vom Turm herunter einen gellenden Schrei ihrer Mutter und sprang ihr nach.

   Vor dem rot überflossenen Burgherrn schlug Frau Engellein sprachlos die Hände über dem Kopf zusammen. Herr Melcher missdeutete diese Bewegung, die er seit vielen Jahren kannte, und sagte schläfrig: „Ach, gutes Weibl, schimpf jetzt nit, weil ich mich so schiech bekleckert hab’ mit meinem Blut.“

   „Wasser!“, kreischte Frau Angela. „Da muss man Wasser bringen!“

   Sie warf sich neben ihren sitzenden Mann auf den Boden hin, riss ihm die Schnallen des Panzers auf, bekam blutfleckige Hände und klagte: „Gelt, jetzt hast Du’s!“

   Auf dem Zinnensöller des Brückenturmes schrillte eine verzweifelte Mädchenstimme: „Lien! Lien! Hilf meinem Vater, Lien!“

   Der junge Söldner glich einem Erwachenden. Er ließ den Zwiehänder fallen und dreht, weil er die Schnalle nicht fand, mit der Faust den Sturmriemen seines Helmes entzwei. Schwer tappend ging er zum Turm hinüber und zerrte den Eisenhut vom Kopf. Sein hartes Gesicht war von Schweiß überronnen, blutfleckig und mit blauen Malen bedeckt. Auf den steilen Treppen wurden seine Sprünge immer rascher. Der zitternde Wulli schlich niesend und winselnd hinter ihm her.

   Als auf dem Zinnensöller das Fräulein dem Lien entgegen sprang, hatte dieser Lebendige jenes leise, matte Lächeln, das auf den Gesichtern von Sterbenden ist, die mit ihrem Leben zufrieden waren.

   „Lien?“ Hilde umklammerte seinen blutigen Schuppenfäustling. „Kannst Du meinen lieben Vater tragen?“

   „Ich bin müd. Aber wenn Du dabei bist, kann ich’s.“

   In brennender Sorge sah sie an ihm hinauf. „Lien? Bist Du verwund’t?“

   Er verneinte. „Ich hab’s leichter gehabt als die andern. Mir hat nichts geschehen können. Mein Gröschl hat mich behütet.“

   Tief atmend befreite Lien seine Hand und ging auf den Puechsteiner zu, dessen Kopf im Schoß der starr weinenden Frau Scholastika lag. Herr Korbin hatte die Lider offen, rührte sich aber nicht und sagte nichts. Nur seine glänzenden Augen bewegten sich ein bisschen und schienen etwas zu betrachten, das in der sonnigen Luft hing, unsichtbar für die anderen.

   Lien reichte dem Fräulein seinen Helm und die Schuppenfäustlinge, die er heruntergezogen hatte. Auf dem Pflaster kniend, schob er seine geschienten, blutigen Arme unter den Puechsteiner. Mühsam stemmte er sich mit seiner Last in die Höhe. „Wohin muss ich den guten Herren tragen?“

   Frau Schligg tat einen gellenden Schrei. Dann sagte sie schluchzend: „Zu meinem Bett.“

   Als Lien den Puechsteiner über den Burghof trug, war Frau Engelein damit beschäftigt, ihrem entwaffneten Gatten das Blut von den schweren Stirnwunden zu waschen. Obwohl Herr Melcher in duseligem Zustand war, erkannte er seinen Herzbruder. „Lebt mein Korbi?“

   In Zorn sagte Frau Engelein: „Unkraut verdirbt nit. Sorg Dich um Dich selber. Sobald Du wieder heil bist, müssen wir sauber machen in der Trutzburg.“

   „Weibl“, lallte Herr Melcher, „heut könntest Du’s gut sein lassen mit Fleckputzen. Wär nit der Korbi mit seinem hilfreichen Hirn gewesen, so hätten wir jetzt die Seeburgischen Strick um die Fäust herum.“

   Frau Engelein war anderer Meinung: „Wär der Puechsteiner nit gewesen, so hätten wir Fried gehabt. Mann! Das ist eine kostspielige Lieb.“

   Ohne zu antworten, winkte Herr Melcher einen Knecht herbei und ließ den Kassian Ziegenspöck vom Brunnen holen.

   Der Sergant kam aufrecht einhergegangen, den Panzer von Wasser übertröpfelt. Er hatte nur fremdes Blut an seinem Leib. Aber einen groben Flachhieb schien er auf das Maul bekommen zu haben. Seine Lippen waren aufgedunsen wie Würste. Im übrigen hatte er ein fröhliches Aussehen und war augenscheinlich ohne schmerzen in seinem Innern.

   „Kassel!“ Herr Melcher reichte dem Sergeanten die Hand. „Ich muss Dir ein Vergeltsgott sagen. Du hast Dich gehalten wie ein Held, der nüchtern ist. Du und mein guter Lien!“

   Diesen Namen schien Frau Engelein nicht gern zu hören.

   „Aber jetzt, lieber Kassel – ich weiß nit, ob ich nach einem Vaterunser noch bei Verstand bin – jetzt muss ich Dir was befehlen. Du haftest mit Leib und Leben: Dass man mir das Wundlager aufschüttet neben meinem Bundsbruder Korbi! Verstehst Du?“

   „Wohl, Herr!“

   Die zwei kurzen Worte des Kassian Ziegenspöck hatten einen so absonderlich wulstigen Klang, dass Frau Engelein beim Blutfleckenputzen aufblickte. In ihrer mit Galle gemischten Sorge für den Gatten nahm sie sich aber nicht die Zeit, die Wirkung des Flachhiebes, den der Sergeant über den Schnabel bekommen hatte, genauer zu betrachten.

   Während sie den Notverband um die Stirn ihres Mannes legte, war der Burghof durchwirbelt von Lärm und Leben. Auch auf der Nordmauer war das Geschrei und Büchsenkrachen seit einer Weile stumm geworden, und die Besatzung kam von dort gelaufen, um anzustaunen, was beim Brückentor geschehen war.

   Als Kassian Ziegenspöck und zwei Söldner den taumelnden Trutz von Trutzberg unter Frau Engeleins Leitung in die Herrenhalle gängelten, vernahm die Trutzin den Schrei einer müden Stimme: „Mutter!“ Sie verließ den Gatten und lief mit ausgestreckten Armen gegen den Burgfried, aus dessen Halle ihr Sohn herausgetreten war. Wohl wusste sie, dass die Seeburgischen gegen die unbezwingbare Nordmauer nur einen Scheinsturm unternommen hatten, um Mannschaft vom Brückenturm abzuziehen. Aber Kugeln und Bolzen war auch dort geflogen, ihr Sohn hatte in Gefahr gestanden, sah so verwüstet aus wie der Puechsteiner, hatte Brandlöcher im Waffenrock, war fleckig von Öl und Schwefel und hatte alle Zeichen der Erschöpfung im Gesicht. Mit der Sorge um den Sprössling ihres Leibes paarte sich in Frau Engeleins Seele der schreckhafte Gedanke an den gefährlichen Glauben, der aus dem verbrecherischen Herzen ihres Mannes nimmer herauszureißen war. Nicht so, als wäre Eberhard gesund einer Not entronnen, sondern so, als wäre ihr Sohn erst jetzt bedroht von einer dunklen, tückischen Gefahr, umklammerte sie seinen gepanzerten Hals und brach in schreiendes Schluchzen aus. In diesem Augenblick war alles Kleine, Gallige und Hässliche aus ihr hinausgeschoben. Obwohl sie mit ihrem verstörten, einer Schwäche gleichenden Geschrei für die in der Brückenhalle schanzenden Söldner und Knechte lächerlich wurde, war Frau Engelein bei diesen Tränen erfüllt von aller Kraft eines Weibes und von Gottes tiefstem und bewunderungswürdigstem Gedanken: Vom Ewigkeitsgefühl der Mutter, die lieben muss, ohne die Frucht ihres Leibes werten zu können, und immer gezwungen ist, das eigene Kind für das kostbarste Leben der Erde zu halten.

   Für dieses Heilige in den Tränen seiner Mutter hatte Eberhard keine sehenden Augen. Er wollte sich waschen, wollte essen, wollte schlafen. Die Ekstase ihrer Sorge wurde ihm lästig. Auch deutete er beim Gedanken an die Nordmauer das Schmunzeln der Söldner in einer Weise, die ihm Unbehagen verursachte. Seien übernächtigen Hummelaugen musterten scheu die Verwüstung der Brückenhalle, die Toten, die Verwundeten, die neue Sicherungsarbeit, zu der die Knechte Gebälk und Steine schleppten. Unmutig schob er die Arme der Mutter von seinem Hals. „Was tust Du so? Ich bin doch am Leben. Und hab’ mir Ehr gewonnen.“ Er hob die Stimme so laut, dass alle im Hof ihn hören mussten. „Wie tät’s mit der Trutzburg ausschauen, wenn ich nit gewesen wär? Der Sturm, den ich abgeschlagen hab’, ist härter gewesen, als man’s je berichtet hat in einem Kriegsbuch. Nit bloß der Vater, auch der Puechsteiner wird müssen gelten lassen, was ich geleistet hab’.“

   Den Sohn mit nassen, starr glänzenden Augen betrachtend, sagte Frau Angela eintönig: „Der Puechsteiner muss sterben. Der Vater ist verwund’t.“

   „Ist’s arg? Mit dem Vater?“, fragte Eberhard in einer Hast, bei der es unklar blieb, ob Schreck oder etwas anderes aus ihr redete.

   „Ich sorg, der Vater wird liegen müssen, lang.“

   „So muss ich als Regent in der Mauer walten!“ Des Jungherrn müde Augen belebten sich, während er den Arm der Frau Engelein unter jagendem Geflüster umkrampfte: „Erst muss ich ausschlafen, Mutter! Dann will ich weisen, wer ich bin. Jetzt muss Verstand regieren. Ich und Du, wir halten’s miteinander! Gelt? Eh wir verwüsten lassen, was unser ist, will ich guten Vergleich mit dem Heini von Seeburg suchen. Den toten Puechsteiner und seine Knechtleut soll er haben. Meintwegen auch den halben Jagdbann im Seeforst. Wir brauchen Ruh. Ich will meines jungen Lebens genießen, will Beilager halten und will –“ Eberhard verstummte.

   Aus dem Hallentor des Herrenhauses waren Lien und Kassian Ziegenspöck mit dem kränklich ausschauenden Wulli herausgetreten. Der Sergeant ging flink zum Brunnen, um zu trinken und seine brennende Maulgeschwulst im Wasser zu kühlen; Wulli, der nimmer zu wissen schien, wer sein Herr war, lief dem Kassel nach; und Lien, barköpfig, den verbeulten Helm im Arm, das Gesicht erschöpft und blaufleckig, im heißen Blick ein kummervolles Sinnen, hob seinen Zwiehänder von den Pflastersteinen auf und ging starrknochig in der übel zugerichteten Augsburger Rüstung zum Brückentor, um die Befehle des Burgherrn auszuteilen, die Verteidigungsarbeit anzuordnen und die Wachen zu stellen.

   Eberhard, der die Rüstung erkannt hatte, sah wortlos die Mutter an.

   Mit verstörtem Lächeln nickte sie zu ihm hinauf, als wüsste er um alle Gedanken, die in ihr brannten.

   Er wusste nur, was er am Perlenschrein der Frau Scholastika und in der Sergeantenstube gesehen hatte. „Mein Panzer ist nit gestohlen, Mutter? Wieder geschenkt? Wie das Gröschlein meines Himmelreichs? Ist alles vernarrt in den da? Der Vater auch?“ Sein Gesicht bekam eine Farbe, als wäre ihm übel. „Mutter!“ Ganz ruhig sprach er. „Heut lauft noch einer um Dich herum, den Du morgen nimmer sehen wirst. Es ist gesorgt dafür.“ Leise lachend, im Geklapper seines schmutzfleckigen Eisens, ging er zum Hallentor des Herrenhauses.

   Frau Engelein wollte aufatmen, wollte lächeln, wollte sich freuen an der in ihrem Sohn lebendig werdenden Erlösungskraft und hatte doch einen scheuen Sorgenblick ind en Augen, den Ausdruck einer hilflosen Angst im Gesicht.

   Mit dem Staunen einer aus geistiger Entrückung Aufgerüttelten sah die zwei Knechten nach, die einen Verwundeten zur Spittelhalle trugen. Sie musste folgen. Hier rief eine Frauenpflicht. Und Herr Melcher? Nun plötzlich dachte sie wieder an ihn und fing zu laufen an und blieb erschrocken stehen, weil sie aus dem Hühnerhaus ein aufgeregtes Gegacker von dreißig oder vierzig Hennen hörte, die in den Legkästen das gewohnte Ermunterungsbild vermissten und nicht wussten, wohin sie ihre zum Licht strebenden Eier legen sollten.

   Als Frau Engelein in des Kassels heimlicher Apotheke die geplunderten Legkästen und die ausgestreuten Eierschalen sah, geriet auch sie in einen Zustand, in dem man die Welt nicht mehr begreift.

   Vom Abend bis zum Morgen warn doch alle Mannsleut bei der Mauer gewesen. War hier der Teufel oder Geisterspuk im Spiel? Oder gab es ein Weibsbild, das so frech und schlecht sein konnte? Verbrecherischer, als Mannsleut sind? War es so, dann saß die Eierdiebin jetzt verlässlich in der Falle, musste ein Maul haben wie ein Kürbis und im Pfefferbrand sich krümmen vor Schmerzen.

   Am Brunnen vorüber, wo Wulli sich höchst sonderbar benahm und Kassian Ziegenspöck geduldig die Geschwulst eines Flachhiebes kühlte, eilte Frau Engelein mit keuchender Hast ins Haus, befahl der Margaret, die geplünderten Nester mit Ermunterungseiern zu belegen, und musterte auf dem Weg zu ihrem verwundeten Gatten in spähendem Misstrauen jede Magd, die ihr begegnet.

   Auch die rote Pernella nicht ausgenommen, die flink mit einem leeren Wasserkrüglein aus der Jungherrnkammer gelaufen kam und um Frau Engelein herum einen erschrockenen Bogen machte, hatten alle Weibsleut erhitzte, sorgenvolle Gesichter. Doch keine von den Mägden schien an Pfefferbrand zu leiden, jede hatte den gleichen, unverschwollenen Schnabel wie sonst.

   Frau Engelein fuhr sich ruhelos mit den Fingerspitzen über die Stirn, ähnlich, wie es die Fieberkranken machen, wenn sie an Kopfschmerz leiden. Immer dachte sie an Eier, Hexen und Hölle, erwog den Plan, die Legkästen ihres Hühnerstalles durch den Burgpfaffen aussegnen zu lassen, und war schon verstört an allen Sinnen und völlig ratlos, als sie im Mauergang auch noch die vielen zerschossenen Fensterscheiben gewahren und gleich überschlagen musste, wie teuer das Einglasen kommen würde. Und die vielen Erneuerungsarbeiten an Türmen und Gemäuer! Und die wochenlange Pflege der Verwundeten! Da würde von dem eingesalzenen Fleisch und dem gesurten Wildbret nimmer viel übrig bleiben! Und während Frau Engelein durch diese bösen Dinge fast zu einem neuen Schreikrampf erschüttert wurde, lief sie dem grausamen Lebensschreck entgegen: Den ihr angetrauten Gatten in eines anderen Weibes Bettlade finden zu müssen, in die er auch als Verwundeter ebenso wenig hineingehörte wie ein Gesunder.

   Herzbrüderlich zueinander gesellt, lagen der Puechsteiner und Herr Melcher Seite an Seite im Perlenschrein der Frau Scholastika. Herr Korbin hatte die Augen offen und redete mit Anstrengung von der beim Brückenturm nötigen Arbeit, während Frau Schligg, das erschöpfte und gramvolle Gesicht von Tränen überflossen, mit Balsam und Verband beschäftigt war und beschwichtigend immer saget: „Ja, lieber Korbi! Ja, lieber Korbi! Ich sag’ dem Lien und dem Kassel alles!“

   Herr Melcher war schweigsam, lag mit geschlossenen Augen, atmete in harten Stößen und schauerte immer ein bisschen unter dem Essigwasser, mit welchem Hilde in blasser Sorge die Wunden auf seiner Stirn wusch.

   Als Frau Engelein an jeder Seite des Perlenschreiens einen barmherzigen Engel betätigt sah, blieb sie steif und beleidigt auf der Schwelle stehen und sagte in einer Mischung von Zorn und Kummer: „Ach so? Ist jeder schon versorgt? Da bin ich wohl nimmer nötig? Mir steht wohl als Hausfrau nichts Besseres zu, als dass ich die Knechtleut betreuen muss?“ Unter schmerzhaftem Auflachen machte sie kehrt, hörte nimmer auf Hildes herzlich flehende Worte und zog hinter sich die Türe zu. Während sie durch den Mauergang davon hastete, empfand sein Gefühl der Reue. Gern wäre sie umgekehrt. Aber stärker als das Bewusstsein, dass sie ein Unrecht begangen, war in ihr der Trieb des falschen Zornes und ihr Widerwille vor dem Puechsteinischen Perlenschrein.

   Dennoch schuf in ihr die Reue ein Gutes. Als sie in der Spittelhalle, wo schon siebzehn Verwundete auf dem Stroh lagen, unter Beihilfe der Margaret als Samariterin zu wirken begann, war sie so geduldig, dass die eigenen Knechte sie verwundert anguckten. Und einer von den drei Seeburgischen, die man aus der Torhalle herbei getragen hatte, sagte zu seinem Strohkameraden: „Guck! Wie die Menschenleut lügen! So ein verschrienes Weib! Und ist barmherzig wie eine Mutter von vielen Kindern!“

   Noch immer brachte man Verwundete und Bewusstlose getragen. Erst beim einundzwanzigsten sagten die Schleppknechte: „Das ist der letzte. Jetzt kommen die Toten zu ihrem Recht.“

   Gegen die neunte Morgenstunde begann die kleine Glocke auf dem Kapellentürmchen zu tingeln. Im Burggarten – nicht weit von der schönen alten Linde, unter deren Zweigen der Wanderpfaff vom redlichen Christenwillen und vom erfechtbaren Himmelreich gepredigt hatte – feilte man die drei Trutzischen und die sieben Seeburgischen Toten in eine gemeinsame Grube hinunter. Alle waren geschält bis auf das blanke Hemd. Bekleidet und noch mit Eisenstücken bewaffnet waren nur die zerrissenen Gliedmaßen, die man hinter dem Sandwall der Torhalle hervorgezogen und aus dem Brückengraben herausgefischt hatte.

   Knechte und Mägde standen betend um die Grube her, mit müden Gesichtern, mit trockenen Augen, jedes den tröstenden Gedanken im Herzen: Tot sind die anderen, ich bin lebendig. Nur ein einziger weinte. Der greise Kaplan. Sein Gesicht war so weiß wie die Albe, die um seinen zitternden Körper hing. Er benahm sich wie ein klagendes Kind und hatte so viele Tränen, dass sein schwer verständliches Lallen noch viel unverständlicher wurde. Neben ihm stand Kassian Ziegenspöck, steif und aufrecht, mit dem Aussehen eines grotesk erheiterten Mannes und mit einem ganz merklich aufgetriebenen Wasserbauch; seine klein gewordenen Augen blickten klar und zufrieden; sie waren unleugbar ein ehrlicher Spiegel schmerzloser Innenzustände; Kassel dachte gewiss sehr ernst vom Tod, der vor seinen Füßen mit Erdschollen überschüttet wurde; doch immer schien der Sergeant zu lachen; seine glanzvoll aufgedunsenen Lippen hatten, ob sie wollten oder nicht, den unveränderlichen Ausdruck einer grinsenden Heiterkeit. Kassian Ziegenspöck sah bei dem betrauernswerten Vorgang einer zehnfältigen Bestattung so komisch aus wie ein Menschenkind mit doppelseitiger Zahngeschwulst.

   Während er in seinem Herzen als frommer Christ für die Toten betete, war in seinem Hirn die ruhelose Gedankenfrage, wie und wodurch dieses gegensätzliche Wunder sich an ihm vollzogen hätte: Innerhalb seiner Zähne diese himmlische Milde, außerhalb seines Gebisses diese brennende Hölle? Seine Maulgeschwulst erklärte er sich mit einiger Leichtigkeit durch die Vermutung, dass beim Höllentrubel der hilfreichen Pulverkiste irgendetwas Gewichtiges gegen seinen Kopf geflogen wäre und ihm das federnde Stahlvisier gegen die Zähne geschmettert hätte. Früher, im Wirbel des Hauens und Stechens unter dem Brückengewölbe, hatte es ihm an Zeit und Ruhe gefehlt, um das Ziehen, Schwellen und Brennen seines Lippenhäutchens merklich zu empfinden. Aber das milde, immer nach gesundem Wasser sich sehnende Wunder in seinen Eingeweiden? Wie hatte sich das vollzogen? Hier blieb dem Kassian Ziegenspöck nach längerem Gedankenwälzen nur die einzige Hypothese: Dass der seelische Aufruhr, den die Hennen während des unaufhörlichen Bumbardengedonners überstanden haben mussten, ganz unerklärliche Heilkräfte in ihren Dottern lebendig machte. Das war vor Gott kein unmögliches Ding. Man weiß doch auch, dass Eier, die während eines heftigen und blitzreichen Gewitters gelegt werden, wesentlich anders schmecken als Eier, die das Licht der Welt unter blauem Himmel erblicken. Kassian Ziegenspöck glaubte sich auch noch deutlich zu erinnern, dass die verschluckten Dotter, vom vierten oder fünften Ei nach aufwärts, einen unverkennbaren Feuergeschmack besessen hatten, und dass ihm immer was sonderbar Knirschendes zwischen den Zähnen gewesen war. So oder so – die Sache blieb ein erstaunliches Wunder.

   Der Hügel über der Totengrube war aufgeschüttet, das Kapellenglöcklein schwieg, die Knechte und Mägde liefen zu ihrer schweren Arbeit, und der greise Kaplan, der das Grab seiner geliebten Kindlein nicht verlassen konnte, setzte sich weinend auf den mit Erdkrumen überpfefferten Grasboden.

   Auch Kassian Ziegenspöck hatte als Christ das heilige Kreuzzeichen über Stirn und Nase gemacht; bei dem dritten Kreuz, das über seine wulstigen Lippenwürste ging, musste er mit dem Daumen etwas weiter ausholen, um zum Kinn zu gelangen. Vom Grab der gefallenen Freunde und Feinde führte ihn sein erster Weg zum Brunnentrog. Er konnte nicht trinken wie ein Mensch, musste mit zusammengepressten Lippen saugen, wie es die Kühe machen. Triefenden Bartes, an dem die Wasserperlen statt der gewohnten Weintropfen schimmerten, ging er zur Tormauer, wo er dem Lien die Arbeitsaufsicht und das Austragen der Befehle hatte überlassen müssen, weil er selber nicht reden konnte, wenigstens nicht verständlicher als der Burgkaplan. Wenn Kassel auch die Bewegung des Mundöffnens machte, seine Lippen blieben immer geschlossen.

   Lien war ruhelos von Turm zu Turm, von Mauer zu Mauer gelaufen. Wo die Befehle, die er austragen musste, nicht reichten, fand er mit eigenem Griff das Notwendige und Richtige. Bei allen Wegen war Wulli hinter ihm her, immer klein geduckt, mit eingezogenem Schweif; wo der Hund an einem Wasserkübel vorüber kam, fing er zu schlappern an; und etwas Sonderbares hatte sich mit seinem Kopf ereignet, der nimmer einen spitznäsigen Schäferhundskopf, sondern dem dicken Schädel eines Bullbeißers glich.

   Zu allem, was Lien befohlen hatte, konnte Kassian Ziegenspöck zufrieden nicken. Er sagte immer: „Wwu, wwu!“ Das sollte heißen: Gut, gut! In der Brückenhalle war eine zwei Ellen dicke Sperrmauer mit schmalen, schräg ausgespartem Durchgang fast vollendet; in Turm und Schützengängen klang das Steingeklopfe der Maurer und das Kellenpochen in den Mörtelkufen; neuer Schießvorrat war vom Burgfried zu allen Mauern ausgetragen. Jene Söldner, die noch Kraft in den Knochen hatten, standen auf Wache. Die Erschöpften hatte Lien zum nötigen Schlaf in die Losamente geschickt. Er selber sah übel aus, hatte rot entzündete Augen im hageren, blaufleckigen Gesicht, und in seinem ruhelos spähenden Blick war eine ergreifende Mischung von schlafsüchtiger Müdigkeit, ekstatischer Verklärung und zehrender Sorge. Zwischen Arbeit und Plage war er seit dem Morgen ein dutzend Mal zum Trutzischen Haus hinüber gesprungen, mit der Frage: „Wie geht’s meinen zwei guten Herren?“ Es waren keine erfreulichen Nachrichten, die vom Perlenschrein der Frau Scholastika zur Spittelhalle herunter drangen.

   Gegen die Mittagsstunde, nachdem die Toten zur Ruhe gebracht und alle Verwundeten betreut waren, konnte Frau Engelein auch der Lebendigen und leidlich Gesunden denken. Mägde und Knechte schleppten die Suppenschüsseln, die Mahlkörbe und die reichlich gefüllten Weinkrüge zur Mauer und in die Losamente. Die Mannsleute schlangen und soffen wie Tiere, wenn es nach dürren Zeiten wieder zu grünen beginnt. Auch Lien, der sonst so Genügsame und bedächtig Speisende, litt an einem Heißhunger, den er in Hast zu stillen suchte. Für Kassian Ziegenspöck, der in Grausen den Wein verschmähte und nur Wasser schlürfte, wurde die Sättigung ein schwieriges Kunststück; mit zwei Fingern der Linken musste er die gedunsenen Lippen auseinanderspreizen, während die Rechte den Bissen in die enge Scheuer brachte. Und Wulli, obwohl ihm sein Herr sehr reichlich zuteilen wollte, verweigerte die Aufnahme jeglicher Nahrung; sooft man ihm einen Bissen hinhielt, sträubte er das Rückenhaar, zog den dick gewordenen Kopf zurück und bewahrte eine sehr gedrückte Stimmung. Er schien satt zu werden vom unaufhörlichen Lecken an seinen Lefzen.

   Draußen, bei der feindlichen Schanze, rührte sich nichts. Auf dem Aschenfeld sah man noch immer die Barmherzigkeitsknechte mit den weißen Armlappen umher springen und die Verwundeten auflesen, die bei der Flucht zu Boden gebrochen waren. Und vor dem Brückengraben lag eine wirre, qualmende Sache: Der glimmende Aschenhaufen des Sturmwagens, gespickt mit gerolltem Eisenblech, verkohlten Knochen und zerknüllten Pavesenschilden.

   Als nach der Mahlzeit die Söldner, die ein paar Stunden geruht hatten, auf Wache zogen, knüpfte Kassian Ziegenspöck einem alten Puechsteinischen Doppelsöldner die Sergeantenschärpe um den Leib, rüttelte den Lien an der Schulter und presste zwischen den geschwollenen Lippen eine unentwirrbare Tonfolge heraus, deren lallender Klang einige Ähnlichkeit mit dem schönen Apostelspruch des greisen Kaplans besaß. Aber as sollte heißen: „Bub, jetzt musst Du Dich schlafen legen!“ Weil Kassel sah, dass er nicht verstanden wurde, half er sich mit einer pantomimischen Darstellung des Schlummers.

   Lien schüttelte den Kopf und trat zu einer Schießscharte hin.

   Dem Kassel fuhr ein unartikulierter Laut aus den Schnabelwülsten heraus. Er machte eine kriegsmännisch befehlende Geste, fasste den Lien am Arm und zog ihn mit sich fort.

   Von den dreien, die den Weg zum Söldnerhaus nahmen, war Wulli der erste, der die Sergeantenstube erreichte. Er wollte aus einer Schüssel mit rot gefärbtem Wasser saufen. Aber weil die Schüssel neben dem Ofen stand, witterte Wulli die im Feuerloch versteckten Eierschalen. erschrocken zog er den Schweif ein, unterließ es, in so gefährlicher Nähe seinen Durst zu stillen, und fuhr wie der blitz unter das Bett des Lien.

   Nun kamen die zwei anderen. Während Kassel gleich sein Eisen herunterzuschnallen begann, blieb Lien auf der Schwelle des wenig sauberen Raumes stehen wie ein Mensch, der in frommer Scheu ein Heiligtum nicht zu betreten wagt. Seine müden Augen, in denen ein strahlender Glanz erwachte, glitten langsam umher, mit dürstendem Blick. Er sah die Schüssel mit dem roten Wasser, sah den Krug, den eine kleine, barmherzige Hand gehoben hatte, sah den starr und braun gewordenen Mohnkranz seines Bußhemdes am Fenster hängen und sah auf dem grauen Boden weiße Leinwandschnipfelchen liegen. Während er lächelte, fuhr er langsam mit dem geschienten Arm über die Augen. Wie lang war’s her, seit diese weißen Sternchen gefallen waren? Dreißig Jahre? Oder dreißig Stunden? Oder dreißig himmelschöne Herzschläge nur?

   Kassian Ziegenspöck, der schon in Hemdärmeln und barfüßig war, machte wieder ein kriegsmännische Befehlsgeste und knurrte was Unverständliches.

   Schweigend sammelte Lien die weißen Leindwandstückchen, alle, und schob sie unter das Kopfpolster seines Bettes. Mit raschen Händen schnallte er die Wehrstücke der Augsburger Rüstung von seinem Leib herunter und streifte die Schuhe von den Füßen. Als er das Wams ausziehen wollte, ging’s nicht; das Leder, mit der Leinwand des Hemdes, klebte unlösbar an seinem Rücken. Lächelnd nestelte er das Wams wieder zu, streckte sich so auf das Bett, bekam seinen heißen Sorgenblick und sagte: „Kassel! Ach, gütiger Herrgott! Wie wird’s ihrem lieben Vater und unserem Herrn gehen?“

   „Wwu, wwu!“, antwortete Kassian Ziegenspöck, nahm den leeren Wasserkrug und ging zur Tür.

   „Und mein Wulliwulli! Jesus! Wo ist denn mein krankes Hundl?“

   Wulli erschien nicht, klopfte nur unter dem Bett mit der Schweifquaste auf den Fußboden. Und da tat der Lien einen tiefen Atemzug und legte sich auf die Seite, weil er auf dem Rücken nicht liegen konnte.

   Als Kassel nach einer Weile wieder in der Stube erschien, mit Wassertropfen am Bart, in jeder Hand einen bis zum Rand gefüllten Brunnenkrug, lag der Jungsöldner schon in bleiernem Schlaf. Unter seinem Bett klopfte Wulli noch immer mit der Schweifquaste.

   Besorgte Kassian Ziegenspöck, dass die Seeburgischen ihre Schwefelkometen wieder fliegen lassen könnten? Er band sich eine mit Wasser getränkte Handzwehle um den geschwollenen Mund herum. Die Nase ließ er frei. Das hatte zur Folge, dass der Sergeant trotz seiner schweren Müdigkeit nicht einschlafen konnte, weil er immer einen grauenhaft säuerlichen Weingeruch verspürte. Das wurde für ihn eine unerträgliche Qual. Undeutlich unter der Maulbinde fluchend, kroch er aus der Decke, zog unter dem Bett das kleine Weinfässchen heraus und stellte es vor der Türe in den dunklen Treppenschacht. Dann riss er noch die beiden Fenster auf. Jetzt schien ihm die Luft behaglicher zu sein. Wieder ausgestreckt im Bett, faltete er über seinem kugeligen Wasserränzlein die Hände, ließ unter der Schnabelbinde einen knurrenden Laut vernehmen und schloss als völlig schmerzloser Mensch die Augen, ohne zu gewahren, dass sein Scharfsinn und seine Geisteskräfte in diesem Zustand wachsender Nüchternheit eine erschreckende Einbuße zu erleiden begannen.

   Der Schlummerfriede in der Sergeantenstube hatte keine lange Dauer. Schon nach einer Stunde begann Wulli so ruhelos in der Stube umherzuwandern, wie Raubtiere in winterlichen Nachtfrösten traben. Obwohl er immer an der Tür winseln und kratzen musste, ließ er sich durch seinen Pfefferdurst aufs Neue verleiten, bald aus dem einen, bald aus dem anderen Krug des Kassian Ziegenspöck reichliche Wassermengen heraus zu schlappern, wodurch sein explosiver Zustand noch wesentlich verschärft wurde. Wulli war wirklich ein wohlerzogener Hund. Aber wenn die Stubentür andauernd geschlossen bleibt, geht schließlich auch die beste Wohlerzogenheit eines braven Tieres flöten. Dieses Naturgesetz vollzog sich in so turbulenter Weise, dass Kassian Ziegenspöck davon erwachte; und wie man blinzeln muss, wenn man in die Sonne sieht, wie man Tränen vergießt in der Nähe von Zwiebeln, wie man sich kratzt, wenn von Ungeziefer die Rede ist, so werden in einem Menschen, der ohnehin schon nahe dran war, beim Anblick eines von Schwächezuständen befallenen Tieres ähnliche Erscheinungen wachgerufen. Es war für das Bett des Kassian Ziegenspöck ein Glück, dass er um den geschwollenen Schnabel herum eine feste Binde trug, und dass er auch im dumpfen Schlafdusel noch so vorsichtig war, sie erst zu lösen, als er as Fenster schon erreicht hatte. Die Knechte, die im inneren Burghof arbeiteten, konnten die Wahrnehmung machen, dass auch bei schönem Wetter und unter blauem Himmel ein gotischer Wasserspeier überaus reichlich zu funktionieren vermag.

   Dank den Pfefferfallen der Frau Engelein wurde der Seelenhandschuh des Kassian Ziegenspöck umgestülpt bis zur innersten Fingernaht, und die entfesselten Wasserfluten rissen gewaltsam alles mit sich fort, was für den von gärender Weinsäure belagerten Innenmenschen des Sergeanten seit Wochen und Monaten eine Quelle der bittersten Leiden geworden war. Der Brunnen seiner Schmerzen wurde restlos ausgepumpt und ausgewaschen. Als die Wunderkur schließlich doch ein Ende nahm, hatte Kassian Ziegenspöck in sich das Gefühl einer unsagbaren Leere und griff nach den beiden Wasserkrügen. Er bemerkte wohl, dass die Krüge, die er voll neben sein Bett gestellt hatte, zur Hälfte leer erschienen. Aber durch die ungewohnte Nüchternheit waren die spirituellen Kräfte des Sergeanten schon so sehr dem Stumpfsinn genähert, dass er sich diese Erscheinung nicht mehr erklären konnte. Er nahm sie für ein neues Wunder, trank den einen Krug bis auf den letzten tropfen aus, feuchtete im anderen die Schnabelbinde an, band sie um den schon etwas zurückgegangenen „Flachhieb“ herum, legte sich wieder aufs Bett und schnarchte schon nach wenigen Minuten.

   Wie die groben Belltöne, die Kassian Ziegenspöck im Verlauf seiner Kur ausgestoßen hatte, so drängten sich auch die Rasselgeräusche seines erneuten Schlummers als grausame Lautbilder in die schweren, unruhigen Träume des Lien. Immer bewegten sich die krampfhaft geschlossenen Fäuste des Jungsöldners, immer zuckten und stießen seine Beine, immer war sein Gesicht verzerrt von Zorn und Sorge, immer keuchte seine Brust, und unter den braunen Lidern bewegten sich die Augäpfel wie junge Vögelchen unter den Schwingen der Mutter.

   Als er im Träum sein Silberweißlein aus dem brennenden Bruchland gerettet und vor einem Rudel bellender Wölfe behütet hatte, hörte er die Ketten rasseln, die der Heini von Seeburg dem Edelfräulein und allen Herrenleuten der Trutzburg um die Hände schmieden ließ. Halb erwachend, halb noch an Herz und Geist umklammert von diesen fürchterlichen Träumen, sprang er aus dem Bett und begann sich im Taumel seines Halbschlafes mit jagender Hast zu waffnen, während Kassian Ziegenspöck unter lang gezogenen Schnarchtönen weiterschlummerte. Lien erwachte erst völlig, als er den zerbeulten Helm schon auf dem Kopf, das Schwertgehäng schon um die Hüften hatte. Und da sah er kein Edelfräulein, keinen Seeburger, keine Ketten, sah nur die übel zugerichtete Stube und den unter Gewissensbissen zitternden Wulli, der in einer Ecke saß und die Ohren hängen ließ.

   „Wulli! Du Schweinkerl Du!“, schrie Lien in Zorn.

   Flinker, als eine verdammte Seele vor dem Teufel entfliehen möchte, fuhr Wulli unter das Bett des Kassel.

   Und Lien, der sich lauschend aufstreckte, schien plötzlich in Stein verwandelt. Ihm war, als klänge aus weiter, weiter Ferne eine liebe, in Ängsten schreiende Stimme: „Lien! Der Lien? Wo ist der Lien?“ Kam es näher wie Schwalbenflug? War es schon drunten beim Burgfried? Schon im Innenhof? Schon in der Söldnerstube? Er stammelte: „Jesus!“ Und sprang zur Tür und sauste klirrend durch den Treppenschacht hinunter – jeder andere hätte sich im Gewicht des Eisens überschlagen und den Hals gebrochen.

   Am Fuß der Treppe – in deren Schatten am verwichenen Morgen einer gestanden hatte, mit der zitternden Faust am Dolchgriff – kam Hilde ihm entgegen geflogen, Schmerz und Erschöpfung und Angst im schmalen Gesicht, ein verzweifeltes Betteln in den Augen. „Lien, ach Lien, tu meinem Vater helfen!“ Sie klammerte sich an seine Schulter. „Der Vater ist letz zum Sterben, die Mutter weiß nimmer Rat, ein Medikus muss kommen. Tu reiten, Lien, mit dem weißen Fähnl, zum Heini von Seeburg! Du sollst ihm die gefangenen Leut als Lösung bieten, dass der Medikus freien Weg hat in die Burg. Den musst Du holen im Kloster am See –“

   Da schob er sie mit dem geschienten Arm beiseite und sprang, dass ihm Hilde in ihrer schwäche nicht folgen konnte.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.