Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 17

   Es fiel die Nacht, und eine hetzende Arbeit begann. Wer sich auf Maurerei und Zimmermannswerk verstand, musste mithelfen bei der Heilung der Schussschäden. Um nicht beleuchtetes Ziel zu werden, musste man alles im Dunklen oder bei abgeblendeten Lichtern machen. Doch überall standen die Holzstöße und Pechpfannen bereit, um aufzuflammen, wenn es nötig wäre. Mit keuchender Mühsal arbeitete man in der Torhalle, um den verbogenen Balkenrost in die Höhe zu bringen und die Sandsäcke zu lupfen, die in die Nuten der halb nach auswärts hängenden Fallbrücke gerutscht waren. Im Stand wurden die eingedrungenen, zwischen den Säcken hängen gebliebenen Kugeln gefunden. Mit Eisenhaken an langen Stangen suchte man den aushängenden Brückenteil wieder gegen die Mauer zu zeihen. Das zerschossene Bohlengefüge war wie in Brocken geklopft. Wo man mit einem Haken anzog, rutschte ein zersplittertes Balkenstück aus dem Beschläg heraus.

   Während die Knechte sich abzappelten an dieser aussichtslosen Arbeit, standen zum Schutz des halb erschlossenen Tores die Schwergerüsteten zwischen Hof und Brückenhalle: Herr Melcher, Kassian Ziegenspöck, der Lien, zwölf Trutzbergische und vier Puechsteinische Söldner.

   Weil gegen die völlige Zerschlotterung der Fallbrücke und des Hallentores kein Rat mehr zu finden war, befahl Herr Korbin: „Hinter dem Sand die Hall vermauern! Mit einer Legmauer, anderthalb Ellen dick!“ Die Knechte begannen herbeizuschleppen, was man an Quadern vorrätig hatte, und rissen die großen Pflastersteine aus dem Hofboden. Da hörte man vom Büchsensöller die schreiende Stimme des Herrn Korbin, und ein Schütz kreischte durch ein Mauerloch herunter: „Der Lien? Wo ist der Lien? Der Puechsteiner braucht den Lien!“

   „Spring, Bub!“, sagte Herr Melcher.

   Lien surrte über die steile Turmtreppe hinauf, als trüge er seinen leichten Schäferkittel am Leib, nicht einen halben Zentner Eisen.

   Auf dem Söller brannte eine Wachsfackel, deren Licht gegen die Schießscharten abgeblendet war. Die Glutpfanne, die zum Anbrennen der Lunten diente, verbreitete einen roten Schein. Zwischen den Schlangen, neben denen die Schützen mit glimmenden Schnüren standen, saß Herr Korbin. Sein rechtes Bein war geschient, sein linker Schenkel, von dem er den Verband heruntergewickelt hatte, war nackt. Als der Puechsteiner den Lien kommen sah, fragte er unwillig: „Wo sind meine Weibsleut?“

   „Soll ich sie holen, Herr?“

   „Du Narr Du! Nit um des Kaisers Kron! Ich frag’, weil ich sicher sein muss vor ihnen. Wo sind sie?“

   „Mit dem geistlichen Herrn beten sie in der Burgkapell.“

   „Gut! Wenn Weiber beten, das dauert länger, als Mannsleut zum Sterben brauchen. Da bin ich sicher.“ Herr Korbin lachte. „Komm her, Bub! Es steht nit gut mit meinem angeläpperten Haxen. Ich halt’s nit länger aus. Jetzt musst Du brennen, Lien! Hast Du Mut?“

   „Wohl, Herr! Ich will’s fürsichtiger machen, als ich’s tät an mir selber.“ Lien stellte flink den Zwiehänder fort, nahm den im Glutschein rot funkelnden Helm herunter und zerrte die geschuppten Fäustlinge von den Händen. Den Wulli, der sich bemerklich machen wollte, schob er mit dem stählernen Knie beiseite. In diesem Augenblick, in dem die Sorge um den Vater des edlen Fräuleins dem Lien das Herz zerdrückte, war ihm sein Hand eine fremde Sache. Wulli zog sich gekränkt unter die Bank zurück, hatte vorwurfsvolle Hungeraugen, ließ zwischen den Zähnen die Zunge lang herunterhängen wie einen roten Haken und begann nach einer Weile, um sich auf andere Gedanken zu bringen, den Riemen zu benagen, mit dem er an die Holzbank gefesselt war.

   Herr Korbin hatte die blutfleckige Leinwand seiner kurzen Leibhose bis zur Bauchschlaufe des Panzers heraufgezerrt. „So! Jetzt brenn! Meinen Dolch, der so sauber ist wie die Seel’ meines Mädels, hab’ ich schon in die Glut gelegt.“

   Während Lien den mit Lappen umwickelten Griff des Dolches fasste, aber den Stahl noch in den Kohlen ließ, beugte er das Gesicht über das kranke Bein des Peuchsteiners. Seine heißen Wangen verfärbten sich und in seinen Augen war ein Entsetzen, das eine stumm schreiende Sprache hatte. Er richtete sich auf. Ganz steif wurde sein Körper. Seine Stimme blieb ruhig, aber sie klang, als wär’s die Stimme eines anderen Menschen: „Guter Herr! Ich sorg’, es ist mit dem Brennen zu spät.“

   Der Puechsteiner sah ihn verdrießlich an. „Du dummer Bub! Die Wahrheit ist ein köstliches Ding. Aber man muss sie nit allweil sagen.“ Er beschaute aufmerksam die Wunde; sie glich einem wulstigen Mund, der schwarze Kirschen gegessen hat. „Zu spät oder nit. Man tut seine Schuldigkeit.“ Den Lien beiseite schiebend, fasste Herr Korbin den Griff des Dolches und drückte den glühenden Stahl in den Wundschnitt. Ein kleines Wölklein pfurrte in die Höhe, der Puechsteiner keuchte einen dumpfen Laut durch die Zähne und sagte: „Ich kann mir viel denken, was süßer schmeckt.“ Unter einem irrenden Lächeln reichte er dem Lien den Dolch und die Scheide. „Den schenk’ ich Dir, Bub! Blut härtet gut. Da drüben steht ein Hafen mit Öl. Da stoß den Stahl noch ein lützel hinein!“

   Stumm gehorchte Lien. Das Öl zischte und rauchte.

   Herr Korbin legte vorsichtig den Pflasterstreif auf die Wunde und begann die lange Leinwandbinde um den Schenkel zu wickeln. Plötzlich hielt er inne und schloss die Augen. „Lieber Lien! Gib mir einen Trunk! Mir übelt.“

   Lien hob den Krug an den Mund des Dürstenden. Der sog, wie es außer ihm nur der Kassian Ziegenspöck fertig brachte.

   Nun ließ sich Lien auf die eisernen Kniemuscheln fallen. Seine Hände zitterten ein bisschen, während er dem Puechsteiner die letzten Leinwandschlingen um den Schenkel herumlegte und achtsam den Strumpfschlauch hinaufzog. Dabei nestelte Herr Korbin mit den Fingern immer am Panzer des Lien. „Gute Augsburger Arbeit!“ Er lachte sonderbar. „Der Herzog, wenn er kommt, wird Augen machen.“ Wieder lachte er. „Jeder Deckel findet sein richtiges Häflein. Das ist von aller verdrehten Weisheit des Lebens die feinste.“

   Lien hob die Augen, weil er den Sinn und Zusammenhang dieser Worte nicht verstand, und weil er fürchtete, das der Puechsteiner im Fieber irr spräche.

   Langsam fasste Herr Korbin das blasse Gesicht des Lien zwischen seine Hände, sah ihm in die Augen und sagte ernst: „Kann sein, dass Du wieder der Gescheitere gewesen bist und saubere Händ’ behalten hast, Du weißt nit, wie, und weißt nit, warum.“ Er atmete tief, und sein Ernst wurde ein spöttisches Schmunzeln. „Wär’ ich Du, ich wüsst’, was ich tät’.“ Nun lachte er lustig. „Schad! Als Vater muss ich Dir meinen kostbaren Rat verschweigen.“

   Lien betrachtete den Puechsteiner in wachsender Sorge. „Herr, ich versteh’ kein Wörtl.“

   Zärtlich packte ihn Herr Korbin an seiner Halsberge und zog ihn hin und her, wie ein Alter seinen Jungen rüttelt. „Drum bist Du die beste Augsburger Arbeit wert! Weil Du so dumm bist, Lien!“

   Bei den Schießscharten rief eine Schildwach: „Herr! Allweil hör’ ich ein Kreisten in der Nacht da draußen und kann’s nit deuten. Sehen tut man nichts.“

   Mit drei rasselnden Sprüngen war Lien bei der Scharte, Herr Korbin erhob sich und humpelte: „Guck! Es geht ja! Und gar nit schlecht!“ Bei der Scharte hängte er sich an die Schulter des Lien. „Bub? Siehst Du was?“

   „Wohl, Herr! Auf dem Aschenfeld, da schlupfen Leut umeinander. Jeder hat ein Ding wie eine ausgehobene Tür.“

   „Sind Pavesenschilde, hinter denen die Schützen sich decken. Was siehst Du noch?“

   „Weit draußen seh ich eine große schwarze Sach. Die ist wie ein Haus. Das kreistet und wackelt mühsam auf uns her.“

   „Höi! Der Sturmwagen!“, keuchte Herr Korbin. „Wo siehst Du ihn, Bub?“

   „Wo sie den Weg gegen das Burgsträßl geschaufelt haben. Ich schätz’ dreihundert Gäng. Da wird’s nit fehlen um einen Kappenwurf.“

   Der Puechsteiner, der nimmer hinkte, sprang zu einer Schlange hin. Noch bevor es Nacht geworden, hatte er die beiden Rohre gegen den Weg gerichtet, auf zweihundert Gänge. Mit dem Richtgestänge senkte er das Hinterteil der Schlangen, damit der Schuss um hundert Gänge gehoben würde.

   „Glut ins Weidloch!“

   Fast gleichzeitig krachten die beiden Schüsse. Weit blitzen die Feuergarben in die von winzigen Sternen überfunkelte Nacht. Da draußen ein wirres Geschrei. Und auf dem Söller machte der erschrockene Wulli einen so fürchterlichen Riss, dass die Holzbank einen Purzelbaum schlug und der angenagte Riemen entzweiging. Der Hund, sich kurz zusammenschiebend, sauste über die Treppe hinunter, während die Schützen die Puffhölzer aus der Spannung schlugen und die Schlangen zurückschoben, um sie frisch zu laden.

   In der Ferne glomm ein Lichtschein auf. Und durch die Nacht kam etwas Leuchtendes geflogen, das aussah wie ein blauer Komet mit einem langen Rauchschwanz.

   „Sie schwefeln!“, brüllte der Puechsteiner. „Die nassen Tuchbinden um Maul und Nasen!“

   Der brennende Schwefelklumpen klatschte gegen die Turmmauer. Vom Zinnensöller schleuderte man Sand und Asche gegen die Schwefelflamme. Wie eine höllische Ratte kroch sie über die Mauer hinunter, floss gegen die zerschossene Fallbrücke und steckte die splitterigen Bohlen in Brand. Immer neue Kometen kamen geflogen; und Stinkschachteln, die beim Zerplatzen einen grauenhaften Geruch verbreiteten; und große, schöne, wundervoll glitzernde Sterne aus griechischem Feuer, das im Wasser des Torgrabens weiter brannte, die dunkle Nacht hell machte und einen Atem würgenden Rauch verbreitete. Schweren Schaden richtete das alles nicht an; es sollte nur dem Feind behilflich sein, den Sturmwagen unbeschossen an die Mauer heranzubringen.

   Obwohl der stickende Qualm auf dem Turm schon so dick geworden, dass man hinter den nassen Maulbinden kaum noch atmen konnte, feuerte Herr Korbin mit den zwei Mauerschlagnen noch immer durch die wallenden Schleier ins Blinde hinaus und lauschte nach jedem Schuss, ob er kein Geschrei vernähme, das ihm einen Treffer bestätigt hätte.

   Die Holzstöße flammten auf, die Pfannenfeuer loderten und rauchten, Schüsse und kreischende Stimmen klangen auch von der Nordmauer, in den Ställen brüllten die Rinder und hämmerten die Gäule, die aufgescheuchten Tauben durchschwirrten die Luft wie Gespenstervögel, und die im Hof rennenden Gestalten waren schwarz vom Schatten und rot vom Pechfeuer. Auf dieses Bild, das sich ansah wie eine diabolische Orgie, guckte der greise Kaplan aus einem Fensterchen der Pfaffenstube herunter. Immer machte er verzweifelte Armbewegungen. Was er unter Tränen lallte, hörte niemand.

   Und im Höllenspektakel des Hofes rannte ruhelos etwas Pelziges umher. Das war der hungrige Wulli, der eine verzehrbare Sache suchte. Seine feine Nase, sonst sein Glück und Stern, verlockte ihn zu einem verhängnisvollen Weg. Er wusste, dass er was Böses tat. Im Hunger musste er’s tun. Und Frau Engelein hatte an diesem Schreckensabend die Tür des Hühnerstalles nicht verschlossen. Geschult an den Nestern der Kiebitze und Wildenten, haschte Wulli die Ermunterungseier aus sieben Legkästen. Mit den Zähnen hob er das Ei, streckte den Kopf in die Höhe, zerknackte die Schale und schluckte, was heraus rann. Schon beim vierten Ei war ihm nimmer ganz geheuer; nach dem siebenten unterbrach er kopfschüttelnd und niesen das verbrecherische Mahl; die Pfefferfallen der edlen Trutzin schmeckten wesentlich anders als die guten Kiebitzeier und Wildentendotter.

   Mit höchst sonderbaren Bewegungen begab sich Wulli in den lärmvollen von Qualm und üblen Gerüchen durchpesteten Hof zurück.

   In der Brückenhalle hatten die Knechte, verjagt von den Schwefeldämpfen, die kaum begonnene Arbeit an der Sperrmauer unterbrechen müssen. Die Fallbrücke war weg gebrannt, kriechende Flammen verzehrten den Zwilch der Sandsäcke, die Menge des Sandes rieselte auseinander, und der Balkenrost begann zu glühen. Auf dem Büchsensöller musste man immer Wasser über den Boden ausschütten, damit der Torbrand nicht hinauf fräße in den Turm.

   Zu beiden Seiten der von Qualm erfüllten Torhalle standen die Schwergepanzerten, hustend, mit entzündeten Augen. Diesen Ausharren und tatlose Warten war etwas Schreckliches. Am härtesten litt Kassian Ziegenspöck, weil sich zur Qual seiner Augen und Nase noch die innere Säuferpein gesellte; sie wurde so grässlich, als hätten ihm die Seeburgischen eine Schwefelkugel in den Magen geschleudert. Manchmal krümmte er sich im Panzer klein zusammen. Dann heilt er’s nimmer aus; er musste ein paar schmerzstillende Dotter hinunterschlucken. Taumelnd trat er vor den schwer schnaufenden Herrn Melcher hin. „Gnädigster Herr! Ich muss austreten!“ Das klang wie eine Stimme aus Gräbern.

   Ein paar von den Söldnern lachten. Und Herr Melcher brummte: „Tummel Dich!“

   Hurtig segelte Kassian Ziegenspöck gegen den Hühnerstall und warf einen forschenden Blick zum geschlossenen Tor des Herrenhauses und nach den erleuchteten Hallenfenstern, hinter denen die Schatten der Frauen und Mägde vorüber glitten. Das Türlein seiner heimlichen Apotheke fand Kassel offen. Er schloss es hinter sich. In diesem heiligen Raum der Genesung fand er sich nach der vielen Übung dreier Monate auch zurecht bei stockschwarzer Finsternis. Er griff in den ersten Legkasten. Leer. ER griff in den zweiten. Leer. Kassian Ziegenspöck tat einen schauerlichen Fluch, tappte weiter und sakramentierte immer lästerlicher. Erst im achten Nest fand er das erste Ei. Er trank es aus und fand im neunten Nest das zweite, im zehnten das dritte. Als er den vierten Dotter verschluckte, klang im Lärmgewühl des Hofes die erschrockenen schreiende Stimme des Lien: 2Herr Jesus! Was hat denn der Wulli? Ob Du herkommst! Wulli! Wulli! Ach gütiger Himmel! Mein Hund ist vergiftet! Mein gutes Hundl ist krank zum Sterben!“ Ganz deutlich hörte das der Kassian Ziegenspöck. Aber was ging ihn die bedrohte Gesundheit des Schäferhundes an? Er war dem Wulli gut, gewiss. Doch die eigene schmerzhafte Gesundheit war ihm wichtiger. Als er den neunten Eidotter verschluckt hatte, wurde er ein bisschen stutzig und schalt: „Gotts Not und Elend! Ist denn heut es Teufels Großmutter in den Nestern gesessen?“ Er griff und griff, beschleunigte seine Kur – und weil ihm von den Ermunterungseiern eines entschlüpfte und auf dem Boden zerbrach, verschluckte Kassian Ziegenspöck nur zwölf Genesungsdotter, ohne durch einen dreizehnten besonders gefährdet zu werden. Die vielen Hennen, die durch das Eisengeklirr des Gepanzerten aus dem ohnehin nicht festen Schlummer aufgeschreckt wurden, glucksten und gackerten leise auf ihren Hohen Stangen. „Ja, ja! Vergeltsgott, meine hilfreichen Vögelen!“, sagte mit milder Stimme der dankbare Sergeant, der an Stelle des völlig erloschenen Sodbrennens etwas wundervoll Belebendes in seinem ausgepichten Inneren empfand.

   Als Kassian Ziegenspöck den hilfreichen Arzneikasten verließ, befand sich im Flackerschein des Holzstoßes eine aufgeregte Truppe von Schwergepanzerten beim Brunnentrog. Vier hielten den Wulli an den Beinen fest, Herr Melcher hatte ihn mit den künstlichen Fingern am Hals gepackt, und während Wulli gurgelte, keuchte und zappelte, suchte Lien mit der Hand im Rachen und Schlunde des Hundes. Alle sechs Helfer hatten ein heißes Erbarmen mit dem leidenden Tier, und Lien, dem die Tränen wahrhaftig nicht locker saßen, war dem Weinen nahe. „Ich find’ nichts“, schrie er, „ich kann nichts finden, ein Knöchelein hat er nit im Hals, aber alles, was ich da drinnen angreif’, ist wie siedendes Öl.“ Als er die Hand zurückzog, machte Herr Melcher beim Feuerschein eine Entdeckung.

   „Bub? Was hast Du an den Fingern?“

   Die ganze Hand des Lien war übertüpfelt von kleinen schwarzen Körnchen.

   „Jetzt ist’s klar!“, entschied Herr Melcher, dem es darum zu tun war, flink wieder zum Tor zu kommen. „Dein Hundl hat auf dem Büchsensöller Pulver gefressen. Das tut ihm nichts. Im Gegenteil. Der Salpeter putzt ihn aus.“

   Lachend ließen die Söldner den Wulli los. Der jagte im Hof umher wie von einem Schreckgespenst gehetzt, heulte und winselte, machte mannshohe Sprünge, schüttelte den Kopf und begann zu niesen und zu husten, wirbelte sich im Kreis herum, wälzte sich auf dem Boden, scheuerte mit allen vier Pfoten an seinem Rachen – und jetzt putzte er sich aus, getreu nach der Prophezeiung des Herrn Melcher, nur in konträrer Richtung. Es war eine schreckliche Katastrophe, die an faul gewordene Eier erinnerte; doch neben dem Schwefelqualm und den fürchterlichen Düften der feindlichen Stinkschachteln verursachte dieser Vorgang keine merkliche Verschlechterung der Lüfte. Wesentlich erleichtert, raste Wulli dem Brunnen entgegen, sprang auf den Rand des Troges, tauchte den Kopf ins Wasser und schlapperte und sog und soff, wie es in solcher Ausdauer nicht einmal der Kassian Ziegenspöck verstand.

   „Ihr guten Leut!“, schrie Lien in Freude. „Mein Wulli gesundet. Er sauft schon wieder.“

   „Ja, ja“, sagte der Sergeant mit einer überraschend zarten Stimme, „sausen können ist allweil das Zeichen einer Gott gesegneten Leibsbeschaffenheit. Was hat’s denn gegeben mit Deinem Hundl?“

   „Ich weiß nit.“ Lien trat wieder in die Reihe der Schwergewaffneten. „Allweil ist der Wulli gesund gewesen. Jetzt jählings ist er erkrankt.“

   Kassian Ziegenspöck ließ das Lachen eines überlegenen Philosophen hören. „So teilt das liebe Himmelreich seine Gnaden unterschiedlich aus. Allweil ist mir schmerzhaft zumut gewesen. Jetzt jählings bin ich gesund. Ich spür mich, als wär’ ich jünger um zwanzig Jährlein. Ein feines Feuer ist in mir, wie bei der ersten Lieb. Herrgott! Täten jetzt die Seeburgischen kommen, da möcht ich Streich machen wie der Goliwat.“ Der in seiner steten Besoffenheit immer nüchterne Sergeant war sonst kein Aufschneider und Krakeeler. Doch jetzt, wie unter einem Johannistrieb seiner befeuerten Lebenskräfte, fuchtelte er mit dem Zwiehänder um den Stahlhut herum, dass das breite Eisen im Feuerschein blitzte, als flögen sieben funkelnde Klingen durch die Luft. Lachend stellte er das Schwert zu Boden. „Herrgott! Und dürften tut mich! Wie verruckt! So saumäßig gesund bin ich!“ Er holte die Gurke heraus und setzte sie glich einer Trompete an den Mund.

   Beim ersten Schluck erschien im Gesicht des Kassian Ziegenspöck der Ausdruck eines namenlosen Staunens. Und plötzlich, geschüttelt von mirakulösem Ekel, schleuderte er die Gurke in den flammenden Holzstoß. Der lachende Philosoph verwandelte sich in einen ungemein ernsten Denker. Er guckte drein, wie Wulli zu gucken pflegte, wenn er die Ohren hängen ließ und die Welt nicht begriff. „Das ist gespaßig!“, schwatzte Kassel vor sich hin. „Bis zu meinem fünften Jahr hab’ ich meiner Mutter Milch gesoffen, nachher meines Vaters Wein. Wasser nie! Gespaßig! Jetzt zum ersten Mal im Leben durstet mich nach dem Brunnentrog!“

   Ohne zu melden, dass er austreten müsste, gaukelte er in seinem schweren Eisen zum Brunnen, hängte, dicht neben dem ruhelos schlappernden Wulli, den Oberleib über den Rand des steinernen Troges und trank sich den ersten, gespaßigen Wasserrausch seines Lebens in die jugendlich brennende Seele.

   Das Bild des Burghofes war noch immer das gleiche wie vor Stunden. Doch das blaue Himmelreich, das seine ewigen Gottessterne und auch die irdischen Kometen des Heini von Seeburg verloren hatte, fing zu erblassen an.

   Im frisch wehenden Morgenwind begann sich der dicke Qualm zu verflüchtigen, der die Mauern und Türme umschleierte. Und plötzlich tönte auf dem Zinnensöller des Burgfrieds ein wildes Horngetute. Gleichzeitig vernahm man einen Kommandoschrei des Puechsteiners und zwei Schüsse der Turmschlangen donnerten ineinander. Von der Nordmauer hörte man Geschrei und Büchsengebummer. Von allen Schützengängen der Südmauer, von allen Söllerböden des Brückenturmes klang das aufgeregte Gebrüll der Männerstimmen, das Krachen der Hakenbüchsen, der Schnurrlaut vieler Armbrusten und das Gepolter der Felsbrocken, die Herr Korbin gegen den anrückenden Sturmwagen schleudern ließ.

   Die Schwergepanzerten, die das ausgebrannte Brückentor bewachten, sahen gegen die leere, halbmannshoch mit Sand und Steinen angefüllte Halle von außen etwas heranwackeln wie ein großes Balkenhaus, dessen Dach mit Eisenblech beschlagen und mit triefenden Kuhhäuten bedeckt war. Während von den Söllern dampfende Wassergüsse, qualmendes Öl, flammende Pechkränze, geschwefelte Lumpenbündel und die Kugeln der Handbüchsen auf das feindliche Dach herunterprasselten, schob sich das lange, mit Bewaffneten erfüllte Balkenhaus über den Brückengraben gegen das Tor. Man sah noch keine Feinde; sie waren gedeckt durch die hohen, dicht aneinander geschichteten Pavesenschilde, aber das Dach hatte schon Löcher bekommen; man hörte befehlende Stimmen, hörte das Keuchen der unsichtbaren Gäule, die den Sturmwagen schoben, hörte das Aufkreischen der Verwundeten, das Gewimmer der vom kochenden Öl und Wasser, vom flammenden Pech und Schwefel Gebrannten.

   Schweigend standen zwischen Hof und Tor die Gepanzerten. Jeder heilt den Zwiehänder ausgezogen zum ersten Streich. Und da kam noch einer in schwerem Eisen vom Brunnen her gesprungen und jubelte mit klarer Mannesstimme: „Los! An den Feind!“

   Herr Melcher riss ihn mit zornigem Griff zurück und schimpfte: „Kassel, Du Narr, Du bist ja nüchtern!“ Im gleichen Augenblick verwandelte sich der Sturmwagen unter wirrem Geknatter in eine Rauch und Feuer speiende Höhle. Die Büchsenkugeln pfiffen durch die Torhalle über den Hof und klatschten gegen den Burgfried. Dabei hörten man von der Nordmauer immer eine Trompete, die feindlichen Sturm meldete und um Verstärkung bettelte. Jetzt verlor Herr Melcher die Besonnenheit nimmer; er kannte seinen Sohn und murrte in Grimm: „Der braucht wohl eine frische Hos?“

   Da verstummte das Büchsengeknatter im Sturmwagen, dessen First die Mauer berührte. Man vernahm das Gerassel der auseinander fallenden Pavesenschilde; Schwertklingen und eiserne Köpfe tauchten über den Sandwall der Halle herauf. Herr Melcher brüllte: „Los! Mit Gott und der silbernen Katz!“ Diesen Ruf und allen tobenden Lärm übertönte ein gellender Jünglingsschrei, gleich der Trunkenheitsstimme eines Gepeitschten: „Mein Silberweißlein! Mein Silberweißlein!“ Als erster war Lien am eindringenden Feind. Seine frohe Stimme schrillte einen Gepanzerten an: „Wie, Du, komm her!“ Die schwere Klinge, die der alte Trutz in seiner zehnfingrigen Zeit geführt hatte, sauste durch das Dunkel der Halle, und ein Seeburgischer Söldner rollte als schwerfälliger Eisenklumpen über die Steine hin. Ein Hauf der Feinde rannte gegen den Buben los. „Jesus!“, schrie Herr Melcher und sprang mit geschwungenem Stahl an die Seite des Lien. Und Kassian Ziegenspöck, in dem die spanischen Pfefferkörnchen der Frau Engelein im Verein mit gesundem Brunnenwasser ein Heldenwunder wirkten, war der dritte im Bund und drosch mit wahren Goliwatstreichen auf die Köpfe und Schultern und Arme der Stürmenden. Die drei mit ihren Eisenleibern und ihren zischenden Hieben sperrten die Breite der Halle, und die anderen, die hinter ihnen waren, halfen die feindlichen Hiebe parieren und stachen mit ihren Langschwertern durch die Lücken des ersten Gliedes. Herr Melcher, dem ein Pflasterstein – oder war’s ein Toter? – gegen die Füße rollte, kam ins Wanken und stürzte zu Boden. Gleich stand der Lien mit gespreizten Beinen über ihm; die Hintermänner rissen den Burgherrn nach rückwärts, drückten ihm die künstlichen Stahlfinger wieder um den Schwertgriff, und Herr Melcher drängte sich von neuem ins erste Glied. Ein schauerliches Gerassel war’s. Das Gewölb der Halle dröhnte, als wäre der Brückenturm beim Erwachen des Tages verwandelt in eine Kesselschmiede mit hundert Gesellen.

   Über den Stahlhüten der Kämpfenden war immer das Kreischen einer Stimme. Vom Schlangensöller spähte ein Schütz durch ein Guckloch in die Halle herunter, und was er gewahrte, schrie er einem anderen zu, der auf der Treppe des höheren Schützenbodens war. der rief es hinauf zu einem dritten, und so kam jede Meldung zum Puechsteiner, der auf dem Zinnensöller des Turmes den Kampf gegen den Sturmwagen befehligte und die Arbeit mit Stein und Feuer und Wasser und Öl und Büchsen so werktätig mitmachte, als hätte er zwei gesunde Beine. Neben den qualmenden Kesseln waren bei ihm an die zwanzig Leute, die schleppten und schleuderten; mehr konnte er nicht von den Schützengängen herziehen, die immer von Plänklern beschossen und von Sturmleitern bedroht waren.

   Herr Korbin, dessen Stimme vom Befehlsschreien ganz erloschen war, sah zum Erschrecken aus, mit den brennenden Augen in dem fahlen, halb von Ruß geschwärzten Gesicht, mit den verkohlten Lappen des Wappenrockes um den blind gewordenen Panzer. Seine geschuppten Fäustlinge waren starr vom erhärteten Pech, und von der Brust bis zu den Füßen hinunter war er noch reichlicher bekleckert, als es Herrn Melcher bei einem üppigen Festmahl zu widerfahren pflegte.

   Während die schöne Morgensonne kommen wollte, lauteten die Meldungen, die man durch die Turmböden herauf schrie, immer ängstlicher. Und auf dem Zinnensöller ging schon zu Ende, was man schütten und schleudern konnte.

   Der Mann bei der Treppe kreischte: „Man druckt die Unseren nach ruckwärts. Aus dem Sturmwagen springen allweil mehr heraus.“

   In suchender Gedankenqual verzerrte sich das Gesicht des Puechsteiners zu einer grauenvollen Fratze.

   Der Mann bei der Treppe schrie: „Unser Kassel torkelt, der Burgherr ist schwer verwundet, der Lien wird müd!“

   Da keuchte Herr Korbin: „Vier Leut zum Schlangensöller, eine Pulvertruh herauf, die schwerste von allen.“

   In der Ungeduld des Wartens schlug er immer mit beiden Fäusten gegen seine Brust. Und sobald die Vier mit der schweren Truhe auf der letzten Treppe polterten, warf er sich neben der Falltür auf den Bauch, griff mit beiden Armen hinunter und half an der Truhe ziehen. Als die dick mit eisen beschlagene Kiste auf dem Söller war, konnte Herr Krobin sich aus eigener Kraft nimmer aufrichten. Zwei Männer mussten ihn stützen, mussten ihn vom Steinpflaster in die Höhe lupfen. Nun saß er auf einer Bank, und ein wildes Lachen war in seinem entstellten Gesicht. Dem Mann bei der Treppe schrie er zu: „Meld hinunter, sie müssen im Tor noch aushalten zwei Vaterunser lang.“

   Das tönte wie ein dreifaches Echo durch den Turm hinunter, immer schwächer.

   „Leut!“ befahl Herr Korbin. „Schlagt mit den Beilen die mittlere Zinn hinaus.“

   Zehn droschen mit Äxten gegen das Gemäuer los. Und während die Steinbrocken auf den Sturmwagen hinunterpolterten, saß Herr Korbin auf dem Boden neben der Pulvertruhe, vernagelte den Deckel, bohrte mit der Schwertspitze ein Löchlein in das Kistenholz, schob eine Luntenschnur ins Pulver und brannte sie an.

   „Leut! Die Truh hinauf ins Zinnenloch!“

   Die Schützen hatten blasse Gesichter und wollten nicht zugreifen, weil sie die Lunte schon dicht am Zündloch der Truhe rauchen sahen.

   „Ihr Hosenklunkerer!“, brüllte der Puechsteiner. „Flink! Die Truh hinauf in das Mauerloch! Ein halbes Vaterunser ist noch Zeit. Wer nit gehorcht, soll hängen.“

   Da griffen die Leute zu, hoben den zentnerschweren Pulverkasten auf den Mauerbord und wollten ihn in die Tiefe stürzen.

   „Nit, nit!“, keuchte Herr Korbin. „Ist noch zu früh.“

   Einige Pulverkörnchen, die an der Lunte klebten, verpufften zu einer kleinen Flamme, und erschrocken stoben die Leute davon.

   Da krallte sich der Puechsteiner lachend an der Mauer empor, stand auf dem gesunden Bein, ließ das kranke baumeln und guckte in regungsloser Spannung zu, wie die kleine rote Luntenglut hinein brannte ins Holz der Pulvertruhe.

   „So, Leut“, rief er lustig über die Schulter, „Jetzt wollen wir mit redlichem Christenwillen für die Seeburgischen das Himmelreich erstreben.“ Er schob die Schulter unter die Pulverkiste und wartete noch, bis die Luntenglut völlig im Holz verschwunden war. Dann stemmte er sich auf und lupfte mit einer Anstrengung, dass er blauschwarze Aderwülste am Hals bekam. die Kiste legte sich auf die Kante, kippte über den Mauerrand hinüber und fiel. Flink spähte Herr Korbin nach und achtete der Kugeln nicht, die vom Aschenfeld herüber pfiffen. Ein heftiges Krachen.

   „Höia!“, schrie der Puechsteiner vergnügt, als er das tischgroße Loch sah, das die Truhe durch das Sturmwagendach geschlagen hatte. Hurtig zog er den Kopf von der Mauer zurück. Ein Getöse, als spränge die Hölle mit hundertfachem Schlangengebrüll durch den Erdboden herauf. Das Gemäuer zitterte, alle Leute auf dem Söller taumelten, und höher, als der Turm war, stieg eine Rauch- und Feuersäule in die Luft, durchwirbelt von Balkentrümmern, Pavesenschilden, Pferdeköpfen und menschlichen Gliedmaßen.

   Wankend an eine schwarz gewordene Zinne geklammert, sagte der Puechsteiner ruhig:“ Wär das erste Mal gewesen, dass ich mich verzählt hätt.“ Er hörte das frohe Geschrei, das vom Burghof und aus den Schützengängen zu ihm herauf scholl, und sah draußen auf dem Aschenfeld zwischen scheu umher rasenden Gäulen an die hundert Menschen in besinnungsloser Flucht gegen die Seeburgische Schlangenschanze rennen. Dann wurde ihm schwarz vor den Augen. Während die Erschöpfung seine letzte Kraft erwürgte, konnte er noch befehlen: „Alle Leut in den Hof. Nehmt gefangen, was im Tor noch ein lebendiger Seeburger ist!“

   Indes die Leute davon sprangen, wollte der Puechsteiner zur Bank hinüber, torkelte mit tappenden Händen an ihr vorbei und rollte bewusstlos gegen die Mauer.

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