Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 16

   Lien, mit der Nase des Wulli hinter den Waden, kam über die Wendelstiege heruntergerasselt in die Söldnerhalle. Hier standen nur die Zinnkrüge und Becher auf dem langen Tisch. Die Trinker waren zur Mauer und zu den Türmen gelaufen. Und den einen, der sich unter den Treppenstufen in den Schatten drückte, konnte Lien, der es eilig hatte, nicht sehen. Wulli ließ wohl einen zornig aufheulenden Laut vernehmen, musste aber springen, weil Lien schon hinausklirrte in die Sonne des Türbogens. So flink war das gegangen, dass der Harrende im Stiegenschatten umsonst nach seinem Gürtel gegriffen hatte.

   Nun kam er langsam aus dem schatten heraus, noch immer die Hand am Heft seines Eisens. Das gallig verzerrte Gesicht hatte ein Lächeln, wie es junge Menschen zeigen, wenn ihnen übel ist und sie wollen es nicht merken lassen. Ratlos stand er, sah zum sonnigen Türbogen hinüber und wieder hinauf in den dunklen Treppenschacht. Aus der Küche hörte er das Gejammer der alten Weibsleute und ein paar Mal die schrille Stimme seiner Mutter.

   Wieder krachte ein Schlangenschuss. Steine polterten beim Brückenturm, und ein wirres Gesumme von Stimmen war zu hören.

   Immer den Hals nach dem Stiegenschacht hinüberdrehend, tappte Eberhard mit den Schritten eines Betrunkenen über die Stufen zur Küchentür hinunter.

   In der Küche fand er seine Mutter. Mit dem Kopf zwischen den Händen saß sie auf einer Bank. Alte Weiber waren um sie her; die einen klagten, die anderen trösteten voll Gottvertrauen.

   „Mutter!“

   Bei diesem schrillen Laut, der sich anhörte wie eine kreischende Kinderstimme, hob Frau Engelein erschrocken das blasse Gesicht.

   „Komm! Feine Botschaft!“ Er fasste die Mutter am Arm und zog sie hinaus in die große, stille Burghalle, zog sie in einen Fensterwinkel und lachte grell. „Mein Beilager wirst Du nit zu rüsten brauchen!“

   In ihrer Betäubung sah sie ihn schweigend an. Die Antwort kam, ohne dass sie fragen musste.

   „Das Puechsteinische Weibsbild hat einen anderen lieb.“

   Erst meinte Frau Engelein, er spräche von der roten Pernella. Der Anblick seines verzerrten Gesichtes erschütterte ihre Vermutung. In dunkel erwachender Sorge fragte sie: „Lieb? Einen anderen? Wen?“

   „Den Schäfer Lien!“

   Schon wieder beruhigt, konnte sie lachen. Das schien ihr zu gefallen: Die rote Sündenföhl mit den verwerflichen Gottesgaben und dieser Schäfer, den das Mädel mit dem seltenen Namen ins Leben gesetzt hatte, wie Ungeziefer geboren wird!

   In jagenden Worten fing Eberhard zu flüstern an. Und die Augen der Trutzbergerin erweiterten sich und wurden kreisrund. Doch als ihr Sohn vom Balsamtiegel der Frau Scholastika redete, war Frau Engeleins Verständnis erst zur Hälfte ausgebrütet, so dass sie mit galligem Auflachen noch sagen konnte: „So? So? Deswegen hat sie droben mein Heilkästl plündern müssen! Alles für die Puechsteinischen! Alles! Wenn heut oder morgen, Gott behüt’, meinem Melcher oder Dir was Unliebsames begegnet, kann ich meine guten Salben vom brandigen Puechsteiner herunterschaben!“ Nach diesen Worten blieb sie stumm, weil sie völlig zu verstehen begann.

   „So ist das, Mutter! Ich rühr’ das treuvergessene Weibsbild nimmer an. Für eines Schäfers Nachkost bin ich mir zu gut.“

   Eigentlich hätte Frau Engelein in Freude lächeln und aufatmen müssen. Nun hatte ihr der liebe Himmel doch das gegeben: Dass Pergament und Siegel zerbrachen, und dass die Puechsteinischen Blutzecken ins Wandern kamen. Aber sie lachte nicht, sondern hatte ein gelbversteintes Gesicht, als Eberhard murrte: „Und wie’s der Vater mit dem Lauskerl von Schäfer treibt! Mutter, ich kann’s nit sagen, wie! Als wär’ ihm der Schäfer sein Liebling. ‚Den Besten von den Meinen’ hat er ihn geheißen. Und gegen mich ist er grob gewesen, als wär’ ich der letzte im Haus!“ Verstummend, weil ein Seeburgischer Donner krachte, griff Eberhard in Unbehagen an seinen Hals. Erziehung und Gewohnheit zogen ihn zur Mauer, Zorn und Galle hielten ihn fest, auch das Staunen über das aschig gewordene Steingesicht der Mutter.

   Ins Unbestimmte blickend, sagte Frau Engelein mit erloschener Stimme: „Dein Vater macht Flecken auf alles. Da kann ich putzen, wie ich mag! Allweil schlagt die Unsauberkeit wieder durch!“ Sie umklammerte den Arm des Sohnes. „Der Schäfer muss aus der Mauer!“ In ihren Augen funkelte der aus der Asche vergangener Zeiten aufbrennende Hass. „Du! Bist Du hilflos wie eine Flieg’ ohne Stachel? Hast Du unter Deines Vaters Knechten keinen, auf den Du Dich verlassen kannst?“

   Eberhard verstand nicht gleich. Als ihm die Erleuchtung zu kommen begann, verbündet mit seinem verspäteten Einfall unter der Wendelstiege, machte Frau Angela ein Schweigezeichen. Ihr glasiger Blick richtete sich auf das Tor der Halle. Eberhard drehte den Hals und bekam eine krebsrote Stirn.

   Mit dem weißen Bündel stieg Hilde aus dem Burghof über die Stufen herauf, ruhig und froh, wie eine kleine, liebe Heilige, die beim Wunderwirken war.

   Sohn und Mutter sprangen ihr entgegen. Während Eberhard nach einer hohnvollen Anrede suchte und dabei schon wieder ein lästiges Dürsten nach dem gefährdeten Himmelreich empfand, warf Frau Angela dem Fräulein von Puechstein das schrille Gelächter einer Wahnsinnigen ins Gesicht.

   Hilde schien die lachende Trutzin nicht zu gewahren. Sie sah nur den Jungherrn an, mit einem Blick, als müsste sie sich besinnen, wer das wäre. Dann sagte sie ernst: „Du bist nit auf der Mauer, Eberhard? Die anderen sind alle, wo sie sein müssen.“ Nun machte sie eine auflauschende Bewegung gegen die Treppe und vernahm ein zorniges Schelten ihres Vaters und verzweifelte Klagelaute der Mutter Schligg. Das kam nicht aus der Stube des Perlenschreins! Das war da droben im Mauergang, schon nah bei der Stiege! „Ach Gott, was ist denn mit Mutter und Vater?“ In Sorge sprang sie der Treppe zu. Und als sie atemlos hinaufkam in den Mauergang und ihr Bündel auf eine Holzbank schob, sah sie die Mutter auf den Fliesen knien. Unter Gebettel und Schluchzen suchte Frau Scholastika mit ausgebreiteten Armen den Weg ihres Gatten zu sperren, der rot von Zorn und Fieber vor der Knienden stand, das eine Bein geschient, das andere klumpig umwickelt, sein Schwert wie eine Krücke führend, vom Gürtel aufwärts mit blauem Stahl gerüstet. Die Sonne, die durch alle Fenster fiel, machte den Puechsteiner leuchten und flimmern.

   „Schligg!“, drohte Herr Korbin. „Gib meinen Weg frei!“ Er wollte schreiten.

   Frau Scholastika warf sich ihm entgegen. „Ach, Mann! Das ist doch Unverstand, nit Tapferkeit! So krank, wie Du bist –“

   „Ich bin nit krank. Nur wollen muss man, hat der Wanderpfaff gesagt. Ich will gesund sein. Und ich bin’s.“ Er stieß das Eisen auf den Boden. „Lass aus!“

   „Ich lass Dich nit! Und nit ums Leben!“, schluchzte die Puechsteinerin. „Ich häng’ mich an Deinen Schuh, ich lass mich treten und schleifen –“

   Er beugte sich hinunter zu ihr. „Ich hab’ den Melcher in Not gestoßen. Soll ich ihn drin hocken lassen? Lieber das Bein verlieren, als tun wie ein Lumpenkerl!“ Da gewahrte er sein Kind, verlor die Hälfte seines Zornes und lachte. „So, Mädel, kommst Du vom Pflasterpicken? Also? Willst Du mir auch das Eisen lind machen mit einer Milchsupp?“

   „Vater!“, stammelte Hilde. Und Frau Scholastika haschte ihr Kind am braunen Kittelchen und bettelte weinend: „Hilf mir! Dein Vater ist unsinnig! Hilf mir, Kindl!“

   Keins von den dreien sah, dass die Köpfe der Trutzin und des Jungherrn über die Treppe herauftauchten.

   „Vater!“ Während Hildes Augen zu ihm empor flehten, suchte sie den Griff des Eisens aus seiner Faust zu winden. „Dein kostbar Leben ist nit Dein Gut allein! Ist meiner Mutter Himmelreich und ist mein Haus.“

   Er sagte ruhig: „Weib und Kind ist viel. Für einen Mann nit alles. Du Kind, in dem mein Blut ist, sei meine Richterin! Gehört Dein Vater heut ins Bett, wie’s Deine Mutter will? Mein Melcher mit acht Fingern ist auf dem Turm, Dein Brautherr wird nit weit von der Mauer sein, jedwedes Mannsbild ist, wo es sein muss. Nit? So red doch, liebe Maus? Der Lien mit seinem ungerecht verhauenen Buckel? Wo ist er? Liegt er wehleidig auf seinem Kreister?“ Er lachte, als er das Glühen im Gesicht seines Kindes sah. „Gelt? Dein Vater weiß, was ein redlicher Mensch ist.“

   Verzweifelt klammerte Frau Schligg die Arme um den blauen Stahl ihres Mannes. Ehe sie reden konnte, schrillte eine höhnende Weiberstimme: „Der Puechstein brennt!“

   Von den dreien sah keines nach der Richtung hin, aus der diese Stimme kam. Ihre Augen flogen zum Fenster. Und da drüben, über dem schön bewachsenen Tal und über den grünen Buckeln des Waldes, sahen sie das Flammengezüngel und den schwarzen Qualm.

   Hilde stand unbeweglich, die blassen Wangen von Tränen überrieselt. Frau Scholastika, für die sich tausend Kostbarkeiten des süßesten Erinnerns in Rauch und Asche verwandelten, presste das Gesicht in die Hände und wurde auf den Knien ein kleines Häuflein Elend. Herr Korbin bekam tiefe Furchen auf der Stirn und einen verzerrten Mund. Ihm hatte seit seiner Knabenzeit das Puechsteinische Mauerloch nie viel gegolten. Jetzt zum ersten Mal empfand er: Das war seine Heimat! Und jetzt verbrannte sie. „Kind!“, sagte er rau. „Ist mein Blut in Dir, so schieb Deine Schulter unter meinen Arm! Mir wird das Stehen sauer! Und bis zum Turm hinüber ist’s weit.“ Zärtlich rüttelte er den gebeugten Kopf seiner Frau. „Komm, Schligg! Steh auf! Pack mich beim anderen Flügel. Ich möcht’s erleben, dass Du mein Weib sein kannst, auch wenn die Sonn’ scheint. Nit bloß, wenn die Kerzen stinken.“

   Wortlos taten die beiden, was er wollte. Langsam ging’s über die Treppe hinunter. „Auf dem Büchsensöller kann ich sitzen1“, tröstete Herr Korbin sein stummes Weib. „Was ich brauch’ beim Sitzen, ist zum Denken nit nötig. Fechten wird mein Gehirn.“

   In einer sonnigen Fensternische tuschelte der Jungherr: „Mutter? Darf man’s geschehen lassen? Der holt sich den Tod.“

   Frau Engelein antwortete mit harter Ruhe: „Jeder holt sich, wovon er meint, es wär’ das Beste für ihn. Lass die Narren wie Narren tun! Du sei klug!“ Sie lächelte. „Auf dem Turm sind schon ein paar zuviel. Nimm die Führung auf der Mauer, die gegen Norden ist.“

   „Mutter?“ Die Schamröte war ihm ins Gesicht gefahren. „Da bin ich der Mindere.“

   „Umso länger lebst Du.“

   Sie tastete nach ihrem Schlüsselbund und ging davon. Und konnte schon wieder an die Metkufen und an die Krautfässer denken. Und an das Rätsel des Hühnerstalles. Blieben auch heut die Nester nicht ungebrandschatzt, so war’s erwiesen: Dass ein Weibsbild die Eier stahl – weil alle Mannsleute auf der Mauer waren, ausgenommen den alten Burgkaplan, den die fromme Christenseele der Frau Engelein nicht verdächtigte.

   Als die Trutzin verschwunden war, stand Eberhard noch immer in der Fenstersonne. Unter seinem hartsträhnigen Blondhaar gaukelten wirre Gedanken. Mit den Bewegungen eines Nachtwandlers suchte seine Hand das Treppengeländer. Da vernahm er von der Stube des Puechsteinischen Perlenschreins zwei Magdstimmen, eine scheltende und eine, die heiter war. Diese Stimme kannte er, und nach den mannigfachen Erlebnissen des Morgens erwachte in ihm das entschuldbare Verlangen, über den Wert seiner Persönlichkeit ins klare zu kommen.

   Am Ende des Mauerganges öffnete sich die Tür, und Pernella trat heraus, mit einem Pack Wäsche unter dem Arm. Als sie den Jungherrn gewahrte, warf sie alles, was sie trug, in eine Fensternische, zeigte mutige Augen und hütete sich nur, in die Nähe einer Bank zu geraten.

   Wie ein Zürnender klirrte Eberhard durch den Gang hinunter und fasste das rote Federspiel an den Schultern. „Du? Warum bist Du mir am Morgen ausgeschlitzt?“

   „Ich hab’ wen kommen hören.“

   „Du lügst! Da ist kein Mensch in der Näh’ gewesen.“

   Sie machte erstaunte Augen. „Nit?“

   Er schüttelte den Kopf, dass seine Blondsträhne gleich schwingenden Fächern in die Höhe stiegen.

   Mit unverhehltem Bedauern sagte sie: „Ach, wie schad.“

   Da packte er das Mädel, küsste wie ein Blinder, war des Wertes seiner Persönlichkeit wieder völlig sicher und empfand noch eine Art von Rechtsgefühl. Wer beraubt wird, darf sich entschädigen. Schon maß er die Entfernung bis zur Tür seiner Jungherrnkammer. Doch das Gebrüll einer Seeburgischen Schlange und die Sorge, der Vater könnte seinen Heldensohn vermissen und suchen lassen, vergiftete ihm den schönen Augenblick. „Mädel?“, zischelte er an Pernellas Ohr. „Wenn sich zur Nacht was rührt in Deiner Kammer? Wirst Du eine Gans sein und schreien?“

   Sie wand sich kichernd aus seinen Armen, guckte lustig über die Schulter und verschwand in der Tür, aus der sie gekommen war.

   Nach der anderen Seite schritt der Jungherr in Siegerlaune davon und baute auf seine nun klar bewiesene Unwiderstehlichkeit allerlei kühne Pläne. Redet man nicht von sieben Himmeln? Da muss man, ehe man den höchsten ersteigen kann, doch erst die niedrigen erklettern. Mit wachen Augen hatte Eberhard einen Traum, der halb an ein Jakobskapitel der Bibel erinnerte. Er sah die Himmelsleiter. Über die oberste der goldenen Sprossen schwang sich der junge Trutz von Trutzberg in das Reich aller Seligkeiten, während am dunklen Erdenfuß der Leiter ein unkenntlich Zerschellter lag – einer, den man nach dem Ratschluss der Frau Engelein über die Mauer hatte stoßen lassen, wo sie am höchsten war.

   Kampflustig rasselte der Jungherr über die Treppe hinunter, während in sonniger Fensternische vergessen ein Häuflein Wäsche liegen blieb. Es war ein Leilach dabei, auf dem ein Verblutender gelegen zu haben schien: Das Puechsteinische Leintuch, über das Herr Melcher unter Blitz und Donnerschlag seinen Rotwein ausgekleckert hatte.

   Ein heftiges Geschepper. Glasscherben spritzten auseinander und über die Steinfliesen hüpfte etwas Kleines und Schweres hin, gleich einem schwanzlosen, bleiernen Mäuschen, das sich verkriechen wollte.

   Immer wieder klang’s an der Mauer wie kurzer Hammerschlag. Aus den Wiesentälern tönte ruhelos ein krachendes Gebelfer herauf, als hätte der Schlangendonner kleine Kinder bekommen. Ihre lärmvolle Schulstube war das Waldversteck unter den nördlichen Schützengängen, in denen der Jungherr seine strengen Kriegsbefehle herumschrie. Häufig griff er selbst zu einer Hakenbüchse und schoss gegen die Waldlöcher hinunter, aus denen die grauen Pulverwölklein herauspufften. Da drunten war keine Nase eines feindlichen Mannes zu sehen. Aber nach jedem Schuss, den Eberhard hinunterschickte, verkündete er mit stolzer Sicherheit: „Den hat’s überworfen!“ Obwohl er auf solche Weise zahlreiche Feinde vertilgte, geriet er in immer größere Besorgnis um die nördliche Mauer und schickte aufgeregte Botschaften zum Brückenturm.

   Bei diesen Kassandrarufen des Sohnes drohte Herr Melcher die Besonnenheit zu verlieren. Schon wollte er von der Südmauer einen teil der Besatzung zu Eberhards Beistand entsenden. Doch Herr Korbin, der auf den „Krähgockel“ im Norden schlecht zu sprechen war, ließ keinen Mann von der Südmauer abziehen und richtete die Frage an den Burgherrn: „Wer befiehlt? Jedweder? Oder wer’s versteht?“

   Herr Melcher sagte begütigend: „Das beste Hirn hast Du! Befiehl, Herzbruder! Ich will gehorsamen.“

   Beruhigt nickte der Puechsteiner: „Bist doch allweil der Richtige!“ In dem von Mörtelstaub durchwirbelten Zwielicht des Büchsensöllers saß er rittlings auf einer Holzbank, die zwischen den beiden Mauerschlangen senkrecht gegen die Turmwand geschoben war; da brauchte er sich nur in den Hüften hin und her zu beugen, um rechts oder links durch eine Schießscharte ausspähen zu können nach der von Pulverdampf umqualmten Schlangenschanze des Heini von Seeburg. Über die Schulter rief er dem Lien und Kassel seine kurzen Befehle zu. Beim Schlenkern des kranken Beines traf er manchmal den Wulli, der an die Holzbank gebunden war und bei jedem groben Schuss der Seeburgischen einen Knurrlaut vernehmen ließ. Machte dem Puechsteiner das Fieber die Lippen trocken, so nahm er einen Trunk aus der Kanne. Immer war er in heiterer Laune und brachte mit seinen derben Späßen die Söldner zum Lachen. Nur einmal wurde er ungemütlich. Als Frau Scholastika das kreideblasse Gesicht durch den Söllerboden heraufstreckte, schrie Herr Korbin auf eine Weise, wie man kleine Kinder schreckt: „Wirst Du machen, dass Du weiterkommst!“ Frau Schligg verschwand wie der Blitz. Nun lachte der Puechsteiner wieder: „Das arme Weibl hat’s von uns allen am härtesten.“

   Den Bumbardendonner des Feindes beantwortete Herr Korbin manchmal mit dem Schuss einer Turmschlange: „Nur, dass die Hundsfötter merken, wir schlafen nit.“ Die alten Trutzbergischen Rohre waren zu schwach, um Schaden an der feindlichen Schanze anzurichten; aber nach jedem Schuss gab’s auf dem Büchsensöller ein Gelächter über die wahnsinnigen Zuckbewegungen des Wulli, der sich wohl an den fernen Donner, aber nicht an die heftigen Krachgeräusche in solcher Nähe gewöhnen konnte. Erst nach längerem Zureden des Lien wurde das gequälte Tier etwas ruhiger, ließ die Schnauze geduldig auf den Pfoten liegen und verwandte keinen Blick von seinem Schäfer. Der hatte viel zu springen und machte manchmal mit den Schultern eine Bewegung, als müsste er etwas Lästiges vom Rücken fortschütteln. Dabei war aber immer ein stiller Glanz in seinen Augen, ein Lächeln um seinen Mund. Alles, was geschah und was er selber tat, schien für den Lien eine fröhliche Sache zu sein.

   Herr Korbin beobachtete ihn sehr aufmerksam; und Herr Melcher, der gern stand, wo der junge Söldner war, sagte einmal zum Puechsteiner: „Ich weiß nit, wie das kommt. Wo der Bub ist, spür’ ich eine seltsame Sicherheit.“ Dieses Wort war prophetisch. Als eine der Seeburgischen Schlangen wieder brüllte, riss Lien den Burgherrn mit groben Zuck von einer Scharte weg. Im nächsten Augenblick flogen die Steintrümmer durch den Söller, und der schmale Turmschlitz war verwandelt in ein rundes Loch. Während die Mörtelknechte gelaufen kamen, um den Schaden zu verpflastern, hob Herr Melcher die Zinnmuschel, die von der zersplitterten Steinkugel abgesprungen war, vom Boden auf. „Bub! Da lass ich Dir einen Deckel auf einen festen Weinkrug gießen.“

   Die Seeburgischen, obwohl sie starke Schlangen hatten, schossen nicht gut, richteten aber trotzdem mancherlei Schaden an: Bald hier und bald dort gab’s Löcher, und vier durch Steinsplitter verwundete Leute mussten in der zum Spittel verwandelten Halle des Herrenhauses verbunden werden. Erst um die Mittagsstunde hatten die Seeburgischen ihre Schlangen eingeschossen und brachten fast jede Kugel gegen den Brückenturm. Treffer um Treffer machte das schwere Gemäuer zittern, während die hörigen Knechte den Wein und die Mahlkost für die Söldner umher trugen. Und der Puechsteiner wurde nicht zornig und brüllte nicht, als Frau Scholastika und Hilde mit Körben und Krügen kamen; er redete freundlich, nannte Frau und Tochter seine „tapferen Geißlen“, hatte immer die Augen bei den Scharten, schlang wie ein Wolf und soff wie ein dampfendes Ross. Mit Herrn Melcher ereignete sich ein Wunder, das Frau Engelein leider nicht zu sehen bekam; es war die erste Mahlzeit, bei der sich der edle Trutz von Trutzberg nicht bekleckerte, weil ihm Hilde die Schüssel hinauf hob bis unter den Bart. Als er satt geworden, ging sie auf den Jungsöldner zu: „Komm, Lien! Tu Dich stärken! Ich hab’ gesorgt für Dich.“

   „Vergelt’s Gott! Ich hab’ das Meinige schon gekriegt!“

   Das Fräulein lächelte mit blassem Mund. „Dass Du verschmähen könntest, was ich für Dich gebracht hab’, Lien, das glaub’ ich nit.“

   „Gelt, nein?“, sagte er schnell, in Scheu und Freude. Das Knie beugend, begann er langsam und reinlich aus der Zinnschüssel zu essen, die sie auf ihrem Schoß hielt. Nie sah er zu ihren Augen hinauf, immer heilt er den von Eisen umhüllten Kopf gebeugt.

   Der Turm erzitterte unter einem Kugelschlag. Frau Scholastika tat einen Schrei und klammerte den Arm um ihres Mannes Hals. Er lachte sie aus und sagte: „Guck Dein Mädel an! Die merkt nit, dass die Kugeln fliegen.“

   Mit erwürgten Lauten stammelte Frau Schligg: „Tu mich erlösen, Korbi. Sag mir ein einziges Wörtl! Ist Dir gut?“

   „Besser als im Bett. Heut bin ich ein Genesender, morgen ein Gesunder. So ist’s, mein liebes Weib. Dein Korbi lügt nit.“

   Frau Scholastika atmete gläubig auf. Und Hilde stellte die leer gewordene Schüssel fort und hob dem Jungsöldner die Weinkanne an den Mund.

   „Komm, Lien! Tu trinken!“

   Beim Weinschlucken musste er das Gesicht erheben. Nun sah er in ihre Augen. Als er nach bescheidenem Trunk den Krug fortschob, sagte er: „Jetzt hast Du mir Kraft gegeben. Ich will’s erweisen.“

   Bevor er sich aufstrecken konnte, fasste sie seine Hand. „Hast Du noch Schmerzen?“

   Er schüttelte den Kopf und log: „Nit ein lützel!“ Lächelnd wischte er nach Bauernart mit dem Handrücken über seien Mund, sagte „Vergeltsgott!“ und ging auf die Scharte zu, bei der sein Posten war. Das Gewoge des Mörtelstaubs umschleierte ihn.

   Als Hilde sich zögernd von ihm abwandte, sah sie ein Lachen im glühenden Gesicht des Vaters. Und Frau Scholastika war erfüllt von ihrer gläubigen Freude: „Kind, dem Vater ist besser! Jetzt muss ich mich nimmer sorgen.“

   „Gelt nein?“ Hildes Augen glänzten, als sie die Wange an den blauen Stahl ihres Vaters schmiegte.

   Herr Korbin nahm sein Mädel auf das gesunde Bein und legte den mit Eisen geschienten Arm so schwer um ihren schlanken Leib, dass sie ein bisschen stöhnen musste. „Sei tapfer, Maus! Geh mit der Mutter, und hilf ihr schaffen!“ Er küsste sie auf die Wange. Dieser Kuss war wie der gierige Biss einer wilden Zärtlichkeit. „Und lus! Ich sag’ Dir noch ein Wörtl.“ Sein Mund war an ihrem Ohr. „Kind! Jede saubere Menschenfreud ist eine Gnad aus Gottes Hand. Du darfst sie genießen ohne Scheu.“

   Heiß erschrocken sah sie den Vater an. Da befahl er mit grober Stimme: „Schligg! Nimm das Mädel! Flink! Weiter!“ Er sah sich nimmer um, als sein Weib und Kind hinunter tauchten durch die Falltür.

   Das war geschehen unter dem Gebrüll der Seeburgischen Schlangen, unter dem Beben des Turmes, unter dem Staubgewoge, in das die Sonne hereinglitzerte gleich verblichenen Goldbändern, und unter dem Lärm und Geschrei der Männer, die den Turm besetzt hielten. Von ihnen hatte keiner was anderes gewahrt, als dass mit den hörigen Knechten die Puechsteinerin und das Fräulein gekommen waren, um Trank und Speise herbei zu tragen. Auch Herr Melcher, der über seinen unbekleckerten Zustand eine fast kindliche Freude empfand und mehrmals sagte: „Jetzt sollt mein gutes Weibl mich anschauen!“ – auch Herr Melcher hatte nichts Überraschendes entdeckt. Im Brückenturm befand sich nur ein einziges Geschöpft, das über den Vorgang der letzten Viertelstunde maßlos verwundert war: Der nervös erregte Schäferhund unter der Holzbank. Dass keiner von den vielen, schmatzenden Menschen an den Hunger des Wulli gedacht hatte, nahm den Hund nicht wunder. Solche Missachtung seiner dringendsten Lebensbedürfnisse war Wulli von der fremden Welt gewöhnt. Dass aber auch sein sonst so makelloser Schäfer eine große, große Schüssel leeren und völlig den sehnsuchtsvollen Wulli vergessen konnte – das war eine unbegreifliche Sache. Freilich, Wulli war mitschuldig. Er hatte sich vornehm verhalten, war nicht zudringlich geworden, hatte nicht gewinselt, nicht gebettelt. Er handelte nach dem Lehrsatz: Brave Hunde verlangen nichts. Und nun war es so, dass Wulli, eben weil er sich tadellos benommen, die pessimistische Erfahrung registrieren musste: Brave Hunde bekommen auch nichts.

   Seinem Schäfer wurde Wulli deswegen nicht gram, doch mit unverhehltem Missmut betrachtete Wulli den gefräßigen Kassian Ziegenspöck. Der suchte aus Mangel an frischen Eidottern die saure Pein seines Innern durch ein halbes Dutzend süßer Käslaibchen zu beschwichtigen, goss nach Leerung des eigenen Kruges aus der Weinkanne des Lien seine hohl gewordene Gurke voll und schluckte den noch übrigen Inhalt der Kanne mit unglaublicher Flinkheit in seine brennende Seele.

   Diese schwere Ladung machte den Sergeanten so hirnhell und scharfsinnig, dass er, als der Puechsteiner und Herr Melcher die harte Arbeit der kommenden Nacht beredeten, sehr nützliche Winke erteilen konnte. Und wenn die Steinsplitter durch die zerhackten Scharten hereinspritzten, sprang Kassian Ziegenspöck nimmer auf die Seite. Er stand wie ein Baum. Sehr ernst. Nur manchmal musste er ein bisschen lachen: Weil er weiße Eier über den Söllerboden kollern sah, genau so flink, wie die Mäuschen laufen.

   In den Turmscharten wurde die Sonne rot, der Abend wollte kommen, und die Schlangen des Heini von Seeburg brüllten in immer rascherer Folge. Den schweren Quaderbau des Turmes konnten die Kugeln nicht fallen machen; sie zerbissen ihn nur, wie Spechte einen Baum zerhacken; auch trafen den Turm nur die irrenden Schüsse, die richtigen Treffer fuhren in die hochgezogene Fallbrücke, durchbohrten das Eisenbeschläg, zerfetzten die schweren Bohlen und zerrissen die Sandsäcke, mit denen man den Raum zwischen der Fallbrücke und dem Balkenrost der Torhalle ausgepolstert hatte.

   Um die siebente Abendstunde, als der greise Kaplan wie in friedlichen Zeiten zum Mariengruß das Glöcklein der Burgkapelle läutete, zerquetschte ein feindlicher Schuss eine der zwei schweren Eisenketten, mit denen die Fallbrücke hochgezogen war. Das schon grob zersplitterte Bohlengefüge schwankte halb gegen den Torgraben hinaus, und die aufgestapelten Sandsäcke rollten nach. Von der feindlichen Schanze quell verschwommen ein johlendes Gebrüll herüber. Die Männer auf dem Turmsöller hatten strenge, ahrte Gesichter. Kassian Ziegenspöck machte seinen Zwiehänder blank und prüfte mit dem Daumen die Schärfe des Eisens. Lien, straff aufgerichtet, war neben den Puechsteiner hingesprungen. Der guckte von seinem hölzernen Sattel zu Herrn Melcher auf und sagte ruhig: „In Deiner Burg sind gute Christen. Eh die Nacht kommt, musst Du sie beten lassen. Sie sind’s gewöhnt.“

   Schweigend nickte Herr Trutz, ging zur Falltür, kehrte wieder um und legte seien drei Finger auf die Schulter des Lien: „Komm mit! Das Eisen an Deinem jungen Leib ist alte War’. Ich will Dir besseres Zeug geben.“

   Das friedsame Glöcklein tingelte, und die Seeburgischen Schlangen brüllten, während die beiden hinübereilten zum Herrenhaus. In der großen Halle, wo schon sieben Verletzte auf dem Stroh kauerten, lagen die edlen Frauen und Mägde auf den Knien und beteten unter dem Geläut der Marienglocke den christlichen Notschrei zum Vater des Himmelreiches. Aus den vielen Stimmen schrillte die Stimme der Frau Engelein heraus, die mit Gott redete, wie sie mit ihrem Melcher zu reden pflegte, wenn er eine gesäuberte Wad wieder neu beschädigt hatte. Nun wurde sie stumm. Weil sie neben ihrem Gatten den Lien gewahrte, wollte sie aufspringen. Herr Melcher winkte mit der Hand: „Ich muss nur in die Rüstkammer. Bleib, gutes Weibl. Und bet! Könnt sein, wir haben in der Nacht den Beistand des Himmelreichs nötig.“

   Auf der Schwelle der Rüstkammer wandte Lien das Gesicht. Zwischen den gebeugten Frauenhauben sah er einen tief gesenkten Mädchenkopf und hörte ein Stimmchen, das mit heißer Inbrunst betete. Sein Leib streckte sich, als wären seine Muskeln geschmeidiger Stahl geworden.

   In der dämmerigen Waffenkammer sagte Herr Melcher: „Such Dir einen festen Zwiehänder aus, der Dir gut in den Fäusten liegt. Nit zu lang. Im Bruckentor ist der Raum ein lützel eng.“

   Lien prüfte einen Stahl nach dem anderen. „Darf ich den behalten?“

   „Einen feinen Griff hast Du!“ Herr Melcher lachte in seltsamer Erregung. „Das ist der meinige gewesen, wie ich noch als Zehnfingriger gefochten hab’. Jetzt muss ich einen leichteren führen. Sonst schnappen mir die kunstbaren Finger aus.“ Er sah dem Lien in die Augen, lang und forschend, fasste ihn an der Kürrisskante und rüttelte. „Tu das Gelump herunter. Ich will Dir aussuchen, was Dir verlässlich das junge Blut beschirmt.“

   „Herr, da bin ich schon gut versorgt.“ Lien muschelte die Hand um seine Kehle.

   In der Tür, die offen geblieben, erschien das fahle Gesicht der Frau Engelein und verschwand wieder. Das Geläut des Glöckleins und die Gebete der Frauen waren verstummt. Man hörte nur noch das Stahlgeklirr in der Rüstkammer und in der Halle die Stimmend er Verwundeten, die auf dem Stroh miteinander schwatzten, beinahe fröhlich; der Tag hatte ihnen übel mitgespielt – die böse Nacht, die jetzt heranrückte, konnte ihnen nimmer schaden. Und besser, warm bleiben mit Wunden, als kalt werden! So dachten die Knechte.

   Als Herr Melcher und Lien wie zwei lebendig gewordene Eisensäulen aus der Waffenkammer herausrasselten, sprang Frau Engelein von ihrem Lauerposten aus der Küche herauf. Beim ersten Blick erkannte sie am Lien die schwere Augsburger Feldrüstung, die Eberhard bei seinem Ritterschlag vom Herzog zu Bayern-München als Geschenk erhalten, aber noch nie getragen hatte. In Zorn schrillte Frau Angela den Gatten an: „Vergeudest Du unseres Sohnes Gut an einen Knecht?“

   „Lien!“ Herr Melcher blieb ruhig. „Such den Kaplan, und heiß ihn die Mannsleut segnen!“ Mit der eisernen Rechten, die jetzt drei Finger und zwei zangenförmige Stahlhaken hatte, fasste Herr Melcher das Kleid seiner Frau. „Mein gutes Weibl! Sei verständig! Es geht in der heutigen Nacht um Burg und Leben.“

   Sie schrie: „Hättst Du den Unsinn nit gemacht!“

   „Das ist ein ander Ding. Jetzt ist’s, wie es ist. Unserem Buben wird nichts genommen. Das Augsburger Eisen hat er noch nie am Leib gehabt.“ In die Stimme des Herrn Melcher kam ein kummervoller Ton. „Auf der Mauer hat er sich ein Fleckl ausgesucht, wo ihm die leichte Wehr genügt. Meintwegen! Ich denk: Das hast Du ihm als fürsichtige Mutter geraten. Ich will’s nit ändern. Beim Turm, Weibl, müssen die Aufrechten stehen. Da muss ich mir meine Verlässlichen wahren. Der Bub ist von den Besten einer!“

   Die Trutzin lachte höhnisch. „Ist ein Verlässlicher nit auch der Kassel? Warum tust Du den nit rüsten mit Deines Sohnes Wehr? Warum den Schäfer bloß? Den ein lüderliches Weibsbild im Stall geheimset und im Stall verloren hat!“

   Herr Melcher bekam eine glühende Stirn, bezwang sich aber und sagte leise: „Vergiss nit die Knechtleut, die hinter uns auf dem Stroh hocken! Aber weil Du Stall sagst: Im Stall ist schon mancherlei Guts auf die Welt gekommen.“

   Erschrocken keuchte sie: „Willst Du lästern?“

   „Ich nit. Ich bin ein schlechter Christ. Es lästern nur allweil, die sich für fromm halten. Wer weiß, wie lang ich noch schnauf. Drum will ich jetzt ehrlich sein. Einmal – lang ist’s her – da ist harte Reu in mir gewesen, und ich hab’ mich gedemütigt vor Deinem fleckenlosen Rocksaum.“ Zwei Schüsse der Seeburgischen donnerten ineinander. Herr Melcher schien nicht zu hören. „Eine brave Frau ist ein heilig Ding. Ich tu Dich ehren, Weibl, und weiß, um wie viel minder ich bin. Was Mannsbild heißt, ist allweil ein Fleckschmirber. Jede Mutter hat das Recht, dass sie Mauern baut um ihr sauberes Sach herum. Aber Blut ist Blut. Und auch für Sünden muss man einstehen und sollt nit ins Elend fallen lassen, was man stützen müsst in schuldloser Not.“

   „Mann, ich versteh Dich nit!“, sagte Frau Engelein kalt. „Bist Du krank? Oder hast Du getrunken?“

   „Ich bin nit der Kassel, nit der Korbi.“ Er fasste ihre Hand mit der Linken, weil die Stahlhaken seiner Rechten sie hätten schmerzen können. „Weibl! Hab’ ich was verschuld’t, so lass mich’s ausgleichen in geziemender Weis! Das soll Dir den Ärmel nit unsauber machen, soll unseren Sohn um kein Quentl seines Rechts berauben.“

   Ihr Gesicht versteinerte. „Ich weiß nit, was Du meinst.“

   Er sagte langsam: „Oft schon hab’ ich denken müssen, dass Du mir selbigs Mal mit Deiner Botschaft von der lüderlichen Germeid und dem genäschigen Stallknecht nit die Wahrheit gesagt hast.“

   Frau Engelein lächelte dünn. „Hab’ ich die zwei nit selber in der Sünd gefunden?“ Sie schien in würdevollen Zorn zu geraten. „Willst Du Deine Edelfrau der Lüg bezichten?“

   Den plumpen Kopf beugend, sagte Herr Trutz mit Trauer: „Da gibt’s kein Wörtl nimmer! Ich muss Dich ehren. Aber eins ist wahr, Weib: Den Glauben, der mir ins Blut gefallen, ich weiß nit wie, den wirst Du mir nimmer herausreißen.“ Er ging davon, im Klingen seines Eisens.

   Erst lachte die Trutzin ein bisschen. Dann stieg sie müd in die Küche hinunter, wo Frau Schligg und Hilde an einem langen Tisch beim Austeilen der abendlichen Rationen halfen. Frau Engelein begann zu arbeiten, mit Bewegungen, wie man sie an Menschen in schwerer Schlafsucht gewahren kann. Ihre Augen gingen irr, während sie an die Schlosshauserin die leise Frage richtete: „Margaret? Bist Du schon bei den Hennennestern gewesen?“

   Die Alte tuschelte: „Noch nit, Frau! Im Stall ist wenig Licht und meine Händ sind rau. Ich könnt die Merkzeichen nit spüren. An einer schiechen Verwechslung möcht ich nit schuld sein.“

   „Komm! Nimm das Laternlein mit!“

   Die beiden huschelten im letzten Abendglanz über den von Lärm durchsurrten Burghof. Wie sonst in friedlicher Dämmerung stiegen viele Hennen unter leisem Glucksen über die Hühnerleitern hinauf und verschwanden in den Einschlupfen. Nur eine Kleinigkeit war anders als sonst: Ein Trutzbergischer Gockel stelzte in später Abendstunde noch einer Puechsteinischen Henne nach und ließ sich auch durch das Gebrüll der Seeburgischen Geschütze nicht vom Weg seines rassewidrigen Leichtsinns verscheuchen.

   Frau Engelein spähte nach der Nordmauer und musste fragen: „Wo ist die rote Pernell?“

   „Die muss das Leinenzeug ihrer Herrschaft waschen.“

   „Freilich! Die Puechsteinischen haben so wenig Leinwand, dass sie waschen müssen jeden anderen Tag.“ Ein leises, galliges Lachen.

   Im Hühnerstall fand Frau Engelein eine überraschende und erfreuliche Sache. Die zwanzig Pfefferfallen und die Peuchsteinischen Nestgeschenke abgerechnet, lagen in den Legkästen so viele Eier, als gäbe es in der Trutzburg keinen rätselhaften Dotterschlucker.

   „Jetzt ist’s erwiesen. Der Dieb ist ein Mannsbild, das heut die Mauer nit hat verlassen können. Wie halt die Mannsbilder allweil die Verbrecher sind!“

   Mit den Fingerspitzen fühlend, entrückt jeder Möglichkeit eines Irrtums, sonderte Frau Angela die frischen Eier von den gepfefferten und wurde sich klar darüber, dass sie den Dieb, weil er ein Mannsbild war, nicht entdecken würde, bevor nicht friedliche Zeiten kamen. Dennoch richtete sie in jedem Nest die Pfefferschlinge wieder auf. Für alle Fälle.

   Das geschah in der gleichen Dämmerstunde, in der die feindlichen Schlangen verstummten und der greise Kaplan im Brückenturm mühsam auf den Büchsensöller kletterte, um die knienden Kriegsleute zu benedeien. In den starren Linien des Eisens, mit den steif gefalteten Händen und von grauem Staub überbröselt, sahen sie aus wie steinerne Gruftgestalten.

   Herr Korbin war der einzige, der nicht kniete, sondern auf der Holzbank ritt. Er betete mit lauter Stimme, was er schon viele Jahre nicht mehr getan hatte. Nach dem ernsten Amen schmunzelte er lustig und rief sehr laut: „Gutes Pfäfflein! Sag uns zur Seelenstärkung noch ein heiliges Wörtl!“ Der zahnlose Mund des Greises lallte. Völlig unverständlich war’s. Dennoch wusste jeder, wie es lauten sollte. Ein freundliches Lächeln ging über die harten Mannsgesichter. Und Herr Melcher sagte: „Wenn nur auch die Seeburgischen das verstünden!“

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