Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
            Kapitel 1

            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20
            Kapitel 21
            Kapitel 22
            Kapitel 23
            Kapitel 24

Kapitel 15

   In der Trutzbergischen Ehrenstube, in der es nach Wachs, Wacholder und Lavendel roch und nach einer jungen, frischen, warmen Menschenblume duftet, lag noch ein graues Zwielicht um den Brokathimmel des großen Fürstenbettes. Ein Bilderteppich hing über die Scheiben des Erkers herunter und ließ von dem trüben Regenmorgen nur eine matte Helle hereinglimmen.

   Draußen das Gurgeln und Plätschern eines Wasserspeiers. Aus der anderen Stube klang durch die geschlossene Tür undeutlich die laute, erregte Zwiesprach, die der Puechsteiner und Herr Melcher um Dinge der Verteidigung miteinander hielten, während sie gemeinsam das Frühstück genossen.

   Auch in der Ehrenstube, auf einem Stühlchen neben dem Bett, stand eine Zinnplatte mit Milch und Honig und Weizenbrot. Alles noch unberührt. Von den beiden, die in der Stube waren, dachte keines an Hunger und Speise.

   In dem träumenden Zwielicht keine Stimme, kein Laut. Nur der leise Hauch beklommener Atemzüge.

   Frau Scholastika, von der Dämmerung umwoben wie von einem grauen Schleier, saß gebeugt auf der Kante des Bettes, in einer wirren Glücksbetäubung und dabei durchzittert von der Sorge um ihren Mann. Er hatte eine böse Fiebernacht mit Ungeduld, mit derben Lebenswünschen und eigensinnigen Genesungswillen überstanden und immer von einer nötigen Kur geredet, die so grausam und schrecklich war, dass Frau Schligg lieber sterben wollte, als solchen Wahnsinn geschehen lassen. Ihr Korbi war doch nur verwundet von einem blanken Eisen, nicht gebissen von einem tollen Hund. Und zu dem herzlähmenden Schreck, den sie übertauchen musste, hatte er noch lachen können, als wäre ihr Jammer ein drolliges Fastnachtspiel. Ach, manchmal verstand sie ihren Korbi nicht. Je heißer sie ihn liebte, je tiefer sie sich sorgte für ihn, umso weiter rückte er weg von ihr. Seiner Nähe war sie nur sicher, wenn er sie in seinen Armen hielt und ihren Körper umschraubte, dass ihr vor Schmerz und Seligkeit fast die Sinne schwanden. Und als er sie beim Ergrauen des Morgens von seiner heißen Brust hinüber gehoben hatte in das kühl gebliebene Drittel des Perlenschreins, da hatte er mit seinem unbegreiflichen Lachen gesagt: „Jetzt wirst Du doch wissen, wie Du mit unserem Mädel reden musst. Geh, Schligg! Und bring’ mir die Botschaft, die ich hören will. Es eilt ein lützel, dass unser Kind eines notfernen Lebens sicher wird.“ Nach diesen fröhlichen Worten hatten seien glänzenden Augen wunderlich ernst geblickt, beinahe traurig. „Ihr Glück muss die Trutzburg sein. Was dreingeht, wird schmecken wie überständiges Kletzenbrot. Könnt’ ich’s ändern, ich tät’s. Geh, Schligg, und lüg das liebe Mädel mit allem an, was für Dich eine süße Wahrheit ist.“

   Nun hatte Frau Schligg am Bett ihres Kindes geredet, fast eine Sunde lang, und sie selber wusste nimmer, was. Ihrem flüsternden Wirrsal von Sorge, stolzer Seligkeit und verlegener Scheu hatte Hidle stumm und mit groß geöffneten Augen gelauscht, klein zusammengehuschelt unter der Seidendecke des mächtigen Bettes, in dem sie lag wie ein Mäuschen in der Haferkiste. Schon seit einer Weile wartete Frau Scholastika auf eine Antwort ihres Kindes. Hilde schwieg noch immer, brennende Scham auf den Wangen, in den blauen Augen einen ungläubigen Schreck und ein wachsendes Grauen.

   „Kind?“

   Da stütze sich Hilde aus den Kissen auf, ihr Blick irrte in diesem grauen Zwielicht umher, und wie ein Träumende, die gequält wird von bösen Bildern, redete sie ins Leere: „Der Kaiser und die Kaiserin, der Herzog und die Herzogin, ein jeder Mann und seine Frau? Das hab’ ich ihn sagen hören. Ich weiß nimmer, wann. Was hat’s mich angegangen? Nur weil er sagte: Mutter und Vater …“ Ihre leise Stimme wurde wie ein erwürgtes Schreien: „Mutter, da hat mir gewidert vor ihm.“

   „Kind?“, stammelte Frau Schligg. „Ich versteh’ Dich nit.“

   Mit beiden Händen umklammerte Hilde den Arm der Mutter. „Ich kann’s nit glauben, ich mag’s nit denken – Mutter, Mutter, sind wir Menschen denn nit ein besser Ding als die Ziegen und Ferken im Hof?“

   Frau Scholastika war gekränkt. Dieser üble Vergleich entweihte alle süße Heiligkeit ihres verspäteten Eheglücks. „Kind? Willst Du klüger und besser sein, als Vater und Mutter sind? Ein dummes, unwissendes Mädel bist Du. Steh auf! Der Vater wird reden mit Dir.“

   Immer schüttelte Hilde den Kopf, dass ihr das gelöste Braunhaar um Schultern und Wangen rieselte.

   „Der Vater hat die besseren Wörtlein als ich. Er wird Dir sagen, dass Lieb und Glück die süßeste Kostbarkeit eines Weibes sind.“ Frau Scholastika unterbrach ihre zürnende Rede mit einem schluchzenden Laut, weil sie an die Gefahr hatte denken müssen, von der die kostbare Süßigkeit ihres sonst so armen Lebens bedroht war. „Ach, Kind! Du mein liebes Kind! Hast Du so reiches Glück nur erst erfahren an Deinem eigenen Blut und Herzen, so klammerst Du Dich dran mit Augen und Händen! Und sagst: Das ist das Schönste und Heiligste! Und sagst: Das ist mein Himmelreich auf der Welt! Und sagst: Das ist die seligste von allen Ganden, die Gott uns Frauen auf Erden vergönnen mag!“

   „Nein, Mutter!“ Hilde saß regungslos in den Kissen, die leise zitternden Hände über dem Schoß, das blasse Gesicht umhangen von dunklem Haar, die Augen geschlossen. „Was schön und heilig sein soll, ist mir widerlich und ein Grausen. Ich muss es fortstoßen mit meinen Fäusten.“ Ein wehes Lächeln. „Himmelreich sagst Du? Ich tät’ es spüren müssen wie eine Höll. Gott weiß, ich bin nit schlecht. Er kann nit wollen, dass ich verbrennen muss.“ Sie öffnete die Augen und sah die Muter an. „Das sollst Du meinem Brautherren sagen! Aus Lieb zu Vater und Mutter will ich seinen Namen tragen und will ihm eine redliche Hausfrau sein. Will schnaufen und sterben mit ihm. Sein Weib mag ich nit werden. Im Leben nit! Da tät’ ich lieber, was mich reuen müsst’ um meiner ewigen Seligkeit willen.“

   In Schreck und Ratlosigkeit nahm Frau Schligg ihre Zuflucht zu einer Lüge. „Kind, Jesus, hörst Du nit, wie da draußen der Vater nach Dir ruft? In seinen Schmerzen?“ Das wirkte. „Steh auf! Und lass Dir helfen, komm!“ Sie zappelte in der grauen Dämmerung hin und her, brachte ihrem Kind das Unterkleid und das braune Hauskittelchen, die Strümpfe aus weißer Hasenwolle und die Schuhe mit den blauen Bändeln. Auf dem Bänklein rückte sie das Zinnschüsselchen mit dem Waschwasser zurecht, die Seife, das leinene Zahnläpplein und die Handzwehle. Mit zitternden Händen strählte sie ihrem Kind das Haar, flocht ihm die Zöpfe, wand sie um ihres Kindes Stirn und suchte mit einem Band die Fülle der widerspenstigen Löcklein zu fesseln. Dann mahnte sie: „Ein Bröslein musst Du noch essen!“

   „Mich hundert nit. ich will zum Vater.“

   „So komm!“ Frau Scholastika huschte zur Tür und sah nicht, dass Hilde, wie von einem Schwindel befallen, den Arm vor die Augen schlug und mit der anderen Hand nach einer geschnitzten Säule des großen Himmelbettes tastete.

   Als die Puechsteinerin hinauskam in die helle Stube, saß Herr Korbin schweigend in seinen heißen Kissen, und Herr Melcher, an der Brust mit Milch und Honig bekleckert, hockte breit auf dem Bettrand. Beide lauschten der Meldung Eberhards, der beim Fußbrett des Perlenschreines stand und von der Schlangenschanze und dem Wegbau der Seeburgischen berichtete.

   „Guck! Einen Weg bauen sie? Für den Sturmwagen?“, sagte Herr Korbin lachend. „Was gibt es sonst noch?“

   „Viel Wasser!“ Auch Eberhard lachte. „Auf der Rund hab’ ich alles in leidlichem Stand gefunden. Nur so einen Lauskerl hab’ ich zur Bußstub schicken müssen. Ein Goldgröschel hat er gestohlen. Wie ich ihn des Diebstahls überführt hab’, will mir der Lump an den Hals springen. Die Schützen haben ihn festgemacht. Und zwanzig Grobe hab’ ich ihm zugesprochen. Jetzt hat er sie droben auf dem Buckel.“

   „Recht so!“, nickte Herr Melcher mit einem gerechten Zornfluch. „Für Diebsgesindel und Revolter ist nit Raum in meiner Mauer. Ich schmeiß den Kerl aus dem Tor hinaus, noch eh mir’s die Seeburgischen in Brocken schießen. Wer war’s? Von den Hörigen einer?“

   Eberhard antwortete nicht. Mit etwas verlegenem Lächeln sah er zur Tür der Ehrenstube hinüber.

   Hilde stand auf der Schwelle. Sie wollte zu ihrem Vater und blieb erschrocken stehen und zitterte und schloss die Augen.

   Eine Stille, in der man das matter werdende Rauschen des Regens und das Geplätscher des Dachwassers hörte.

   Frau Schligg, die Kissen aufschüttelnd, flüsterte ihrem Mann was ins Ohr. Und Herr Melcher sagte mit freundlichem Lachen: „Schön guten Morgen, Du liebe Maus!“ Er winkte mit den drei Fingern, hörte zu lachen auf, guckte verwundert drein und richtete einen fragenden Blick auf Frau Scholastika.

   In höfischer Zierlichkeit, die zu dem schweren, vom Regen besprühten Eisen nicht passen wollte, schritt Eberhard auf Hilde zu: „Gottsfröhlichen Frühgruß, holdes Bräutlein! Das liebe Himmelreich hat mein Herz begnadet, Dir einen schönen Morgen bieten zu dürfen mit Freud und kostbarem Angebind.“ Er griff in seine Gürteltasche und lächelte himbeersüß. „Vermisst mein liebes Bräutlein nit ein heiliges Gut?“

   Hilde hatte die Augen aufgeschlagen. Schweigend bog sie den Kopf zurück, mit weißem, steinernem Gesicht.

   Eberhard schmunzelte und zog die Faust aus der Gürteltasche. „Willst Du nit an Dein Schwanenhälslein greifen und suchen, was Dir fehlt?“

   Stumm, mit der Bewegung einer Blinden, hob sie den Arm und tastete nach ihrer Kehle. Da streckte ihr Eberhard lachend die flache Hand entgegen, auf der die Weihmünze mit dem zerrissenen Seidenschnürchen lag.

   Ihre Augen öffneten sich weit. Rasch nahm sie die Münze und schauerte, als sie mit den Fingerspitzen seine Hand berührte, und fragte streng: „Wie kommst Du zu seinem Gröschl?“

   „Höi, Mädel?“, rief Herr Korbin und streckte den Hals. „Was ist mit dem goldenen Ding da? Das ist doch Dein gewesen?“

   Sie sah den Vater an und sagte ruhig: „Das hab’ ich einem geschenkt und um den Hals gebunden, dem ich danken hab’ müssen für meines Vaters Leben. Wen ich mein’, das weißt Du, Vater. Herr Melcher weiß es auch. Und die Mutter. Und er. Sonst keiner.“ Sie betrachtete das goldene Gröschlein und lächelte in Schmerzen. „Sieh, Vater, das Schnürlein ist gerissen. Er muss es verloren haben und weiß es nit. Mit Willen hätt’ er es nie von seinem Hals gegeben.“ Die Lider senkend, verbarg sie mit zitternden Händen die Münze an ihrer Brust.

   Halb verwundert und halb erschrocken riss Eberhard seien gelb befransten Hummelaugen auf und stotterte: „Geschenkt? Nit gestohlen?“

   Herr Melcher stemmte sich schnaufend vom Bettrand auf. Das rote Gesicht von einem wunderlichen Schreck überronnen, schrie er: „Bub, wer ist der Knecht, den Du peitschen hast lassen?“

   Der Jungherr stammelte verblüfft: „Wie ich ihm den Diebstahl vorgehalten, hat er geschwiegen. Wie hätt’ ich denken mögen…“

   „Dass Du kein Denker bist, das weiß ich.“ Herr Melcher fasste den Sohn am Arm und rüttelte ihn. „Ich frag’, wer der Knecht ist, den Du peitschen hast lassen?“

   „Der Schäfer Lien.“

   Ein Schrei. Und Frau Scholastika sprang erblassend zu ihrem wankenden Mädel hin.

   „Du Narr! Du Narr Du!“, schalt Herr Melcher in Zorn und Kummer. „Vor meiner Mauer liegt der Feind. Jeder feste Mann ist Gold wert. Und Du tust mir den Besten unter den Meinen zuschanden hauen? Ohne Schuld! Das wirst Du gutmachen! Wo liegt der Bub?“

   Eberhard war bleich geworden. „Man hat ihn hinauf getan in die Stub des Kassel.“

   „Gotts Not! Gotts Not! Da muss ich aber gleich…“ Herr Melcher wurde stumm. Und alle, die in der Stube waren, sahen mit großen Augen das Fräulein an, das wie irrsinnig auf eine Truhe zustürzte und in einem weißen Tuch die Arzneischachtel der Mutter, Schere und Salbenspachtel, Balsamtiegel und mit Essig gesäuerte Bauschen, Leinwandstreifen und Wundbänder an ihre Brust und zwischen die Arme raffte.

   „Höi!“, rief Herr Korbin unter dem verdutzten Schweigen der anderen und ohne zu lachen. „Ist das die Wetterscheu?“

   Taub für die Stimme des Vaters, blind für die drei anderen Menschen in der Stube, jagte das Fräulein von Puechstein mit ihren hilfreichen Schätzen zur Tür hinaus, das blasse, verstörte Gesicht von Tränen überkollert.

   Schweigend wollte Frau Scholastika ihrem Kind den Weg verlegen, nicht weil sie durchhellt war von einer seelichen Ahnung, nein, nur weil sie nicht dulden konnte, dass man für einen Schäfer davon schleppte, was sie dringend nötig hatte für ihren leidenden Mann. Herr Korbin schien anders zu denken. Sich halb aus dem Perlenschrein heraus werfend, haschte er mit beiden Händen eine Rockfalte seiner Gemahlin, zog sie zur Bettkante und befahl mit einer den Willen seines Weibes lähmenden Stimme: „Schligg, Du bleibst!“ Jetzt lachte er. Und in unverhehlter Schadenfreude blitzten seine lustigen Fieberaugen den Jungherrn an, der bei der offen gebliebenen Tür stand wie ein Vetter der in Salz verwandelten Frau des Lot.

   Auch unter dem struweligen Haardach des Herrn Melcher, der mit beiden Händen auf seiner Brust verschiedene Bewegungen der Ratlosigkeit ausführte und die Honigflecken in die Breite rieb, wollte der klare Verstand nicht erwachen. „Korbi? Was ist das?“

   „Nur christliches Erbarmen, mein guter Herzbruder! Und Redlichkeit eines Kindes. Du weißt, wie mein Mädel das Leben des Vaters wertet!“ Frau Scholastika wollte sorgenvoll in die Worte ihres Mannes hineinreden. Er wehrte mit der Hand und befahl: „Tu Deinen Schnabel halten, Schligg!“ Und sagte zu Herrn Melcher: „Für mein Mädel ist eine Ungerechtigkeit, was für eine Maus der vergiftete Speck ist, für Frau Engelein der bestohlene Eierkorb. Ob Herr oder Knecht, einen schuldlos Gebüßten kann mein Mädel nit leiden sehen!“

   „Recht hat sie!“, bekräftigte Herr Melcher. „Mich selber treibt’s hinüber zu dem guten, ehrlichen Buben. Heulen möcht’ ich, wenn ich an seinen stracken, gesunden Buckel denk. Ich pick’ ihm ein Pflaster auf. Ich geh’ hinüber.“ Mit der Linken, die fester als seine dreifingerige Rechte greifen konnte, umschloss Herr Melcher das Handgelenk seines Sohnes. „Du gehst mit! Du gibst dem Buben eine freundliche Red um Deines unseligen Irrtums willen!“

   Eberhard, dem der Zorn auf der Stirn brannte, wollte seien Hand befreien. „Das tu’ ich nit. Es steht mir eher zu, den Vater und die Mutter meiner Braut zu fragen –“ Weiter kam er nicht.

      „Ui? Aufmucken willst Du? Wider den Burgherren?“, schrie Herr Melcher mit einer Stimme, wie Eberhard sie vom Vater noch selten gehört hatte. „Weißt Du nit, dass Kriegszeit ist? Und meinst Du, Dein füreiliger Unsinn redet sich unter den Knechten nit herum? Musst Du die Leut, die uns treu sind, boshaft machen? Wenn der Seeburger stürmt? Und Du stehst auf der Mauer? Töriger Bub? Wer hütet Dich, wenn Dir einer das Eisen durch die Gurgel stoßen will?“

   „Ich hüt’ mich selber.“

   „Ja, freilich, weil du allmächtig und allwissend bist. Und Augen nach hinten hast wie der griechische Argus. Komm!“

   Dieses Gleichnis, das von Herrn Melcher harmloser gemeint war, als es von Eberhard in rasch erwachendem Misstrauen gegen die eigenen Knechte gedeutet wurde, dämpfte den stolzen Widerstand des Jungherrn.

   Sohn und Vater ging den gleichen Weg, den Hilde genommen hatte. Hinter ihnen blieb das heitere Lachen des fieberkranken Puechsteiners und das kummervolle Gestammel der Frau Schligg.

   Den hilfsbereiten Engel, der so flink davongeflogen war, holten die zwei Trutze nimmer ein. Als sie sich vom Puechsteinischen Perlenschrein entfernten, jagte Hilde schon mit wehendem Kittelchen und pludernden Leinenärmeln über den Burghof.

   War das Himmelreich bei diesem Werk der Barmherzigkeit ihr Bundesgenosse? Wollte der heilige Petrus auf die heilsamen Schätze, die sie an ihrem Herzen trug, keinen schädlichen Wassertropfen fallen lassen? Der Regen war versiegt, nur ein feines Nebelstäuben schwamm noch durch die Lüfte, und irgendwo in der Höhe erwachte ein feines, freundliches Leuchten, als möchte die Sonne ein Guckloch durch die Wolken brennen und die gründlich gewaschene Welt betrachten.

   Die Kriegsknechte, die in der Söldnerhalle beim Frühtrunk saßen und sich vom Nachtdienst ausruhten, sprangen verwundert auf, als das Fräulein von Puechstein wie in Angst und Schmerzen an ihnen vorübereilte und mit erwürgtem Stimmchen nach der Stube des Kassel fragte.

   Hildes linde Bundschuhe machten, so flink es auch hinaufging über die steile Wendeltreppe, auf den Steinstufen keinen merklichen Lärm. Doch ihr Kittelchen rauschte ein bisschen, ihr versagender Atem war vernehmlich – und in der Stube des Kassian Ziegenspöck befanden sich zwei, die scharfe Ohren hatten.

   In dem gleichen Augenblick, in dem ein wässeriger Sonnenstrahl durch die kleinen Fenster hereinblinzelte, hob Wulli mit jähem Ruck den Kopf, spitzte die Ohren und betrachtete misstrauisch die Tür. Lien sah das nicht; er hatte die Stirn auf den Händen liegen und saß noch immer in der gleichen Stellung auf dem Kellerdach und entleerten Eierkorb des Kassel, gekrümmt und unbeweglich, um die Wunden trocknen zu lassen. Jetzt blickte sein Kopf in die Höhe. So blieb er, wie versteinert, und das Lauschen grub ihm eine Furche in die Stirn. Zuerst verfärbte sich sein Gesicht, dann fing es zu brennen an. Wer da kam, das hörte er so deutlich, wie er das wilde Gehämmer unter seinen Rippen fühlte. Aber glauben konnte er nicht und war wie gelähmt. Erst als die Tür aufgestoßen wurde und vor der Dunkelheit des Flurs diese feine, zierliche, in Erschöpfung atmende Figürchen stand, tastete Lien unter einem Laut der Scham und des Schreckens nach seinem Mantel und wollte aufspringen.

   Ein Schrei in Sorge: „Bleib sitzen, Du!“

   Er rührte sich nimmer. Und Hildes Hand schien festgewachsen an der Türklinke, während ihr linker Arm, mit dem sie das Bündel der hilfreichen Kostbarkeiten an ihrer Brust umschloss, sehr heftig zitterte.

   Wulli knurrte nicht und ließ keinen Kläffer hören. In Erinnerung des freundschaftlichen Vorganges, den er im Losament der Maistube beobachtet hatte, bekundete er eine wohlwollende Neugier, guckte aufmerksam zwischen den beiden stumm gewordenen Menschenkindern hin und her und kehrte mit seinem buschigen Schweif den Stubenboden.

   Immer heller und reiner wurden die glänzenden Fenster, immer dunkler das Gesicht und die Brust des Lien im Schatten Etwas Rotes leuchtete, als wäre dem Lien ein Mohnblumenkranz um die Hüften geflochten. Erschrocken blickten die weit geöffneten, nassen Augen des Fräuleins nach diesen roten Blüten.

   „Lien! Ach, Lien!“ Ihr Stimmchen verzitterte zu einem Hauch. „Warum hast Du ihm nit die Wahrheit gesagt? Warum hast Du nit geredet?“

   Er schüttelte den Kopf, blieb wieder unbeweglich und sagte leise: „Was einem heilig ist, das redet man nit aus.“

   Zögernd ging sie auf ihn zu, Schrittlein um Schrittlein. Die Tür stand offen, und aus der Söldnerstube klangen dumpfer Lärm und Geklirr von Eisen herauf. Hilde blieb stehen, schloss die Augen und fragte: „Hast Du leiden müssen? Arg?“

   „Ein lützel. Es ist nit grob gewesen. Die Ruten haben mich eh nur treffen können, weil ich mein Gröschl nit um den Hals getragen hab’.“ Er lachte mit einem wunderlich frohen Klang. „Gelt, Fräulen, mein Gröschl krieg’ ich wieder?“

   Sein Lachen machte sie mutig. Jetzt war sie eine ganz andere, flink und ruhig, ohne Zittern. Auf der Truhe des Kassel knüpfte sie das Bündel auf und kramte über dem weißen Tuch auseinander, was sie gebracht hatte. Und sagte: „Ja, Lien! Das sollst Du wiederhaben. Ein lützel später, weißt Du! Erst muss ich Dir helfen, gelt!“ Erblassend schauerte sie zusammen beim Anblick der roten Schrift, die ihr Brautherr und Seelengatte auf den Rücken des Lien hatte schreiben lassen. Ein erloschener Hauch: „Tu verzeihen, Lien!“

   Er wollte reden, blieb aber stumm. Das Fräulein hatte sich jäh zu ihm hingebeugt. Und da fühlte Lien auf seiner Schulter etwas Lindes und Zartes, wie eine Rosenknospe, die in der Sonne warm geworden – und fühlte zwei hieße Tropfen, die auf seinen Nacken fielen und über seine Schmerzen rieselten. Er lachte auf. Ganz leise. Ein Laut, der wie ein Wunder des Lebens war. lachen die begnadeten Seelen so, wenn sich das Himmelreich vor ihnen öffnet?

   Drüben bei der leeren Bettstelle machte der angefesselte Wulli plötzlich mit dem Kopf und dem ganzen Körper sehr sonderbare Bewegungen, streckte die Schnauze senkrecht in die Höhe und zog die Oberlippe von den Zähnen zurück. Es war unverkennbar, dass sich Wulli in fröhlicher Stimmung befand.

   „Lien?“, fragte das Fräulein, wieder ganz die ruhige Helferin. „Ist da nit ein sauberes Wasser?“

   Er schwieg und sah bei seinem stillen Seligkeitslächeln mit den schimmernden Augen immer ins Dunkel der offenen Tür.

   Sie selber musste suchen und fand einen irdenen Krug. „Jetzt tu Dich stillhalten, gelt! Es wird Dir ein lützel wehtun!“

   Er schüttelte stumm den Kopf, und plötzlich presste er die Augen auf seine Hände. So blieb er unbeweglich sitzen.

   Hilde tauchte ein mürbes Stücklein Leinwand in das Wasser und begann mit zarter Vorsicht die aus den Wunden niedergeronnenen Blutgäßleinvom Rücken des Lien zu waschen. Manchmal musste sie die Lider schließen, um den nassen Schleier loszuwerden, der immer wieder vor ihren Augen schwamm. Und wenn sie mit dem kühlen Läpplein wieder wusch und tupfte und trocknete, dann schauerte die glatte, goldbraune Haut des Lien wie das Fell eines empfindsamen Tieres. Das wurde so heftig, dass Hilde bekümmert fragte: „Tut es denn gar so weh?“

   Wortlos schüttelte Lien den Kopf, lachte ein bisschen, bekam schnatternde Zähne und schauerte bei jeder Berührung, als säße er in kaltem Schnee. Das war so drollig, dass auch Hilde, obwohl ihr Gesichtchen so weiß war wie die Mauer, einwenig lächeln musste. „Guck, jetzt bin ich fertig mit dem kalten Wasser, jetzt kommt das Essigbäuschlein und das Balsamläppel. Das lindert und kühlt.“ Aber die Haut des Lien wurde immer empfindlicher, begann zu glühen und wurde ganz rosig unter dem Braun.

   Weil die dicke, mit Blut vollgesogene Hemdwulst, die dem Lien um die Hüfte gebunden war, das Heilwerk behinderte, musste er auf Hildes Gebot den Knoten lösen. Er tat es so langsam und ungeschickt, als hätte er Hände, so dumm, wie noch nie ein Mensch sie besaß.

   Hilde fasste die blutgetränkte Leinwand mit den Fingerspitzen, war hilflos und zitterte. Auf den unsauberen Boden konnte sie doch das treue Blut des Lien nicht fallen lassen. Drum hängte sie den schweren Mohnkranz an den Riegelhaken des sonnigen Fensters. Kleine, rote Tropfen fielen auf das Gesimse. „Ach, Lien! Ach, Lien! Wie arg hast Du bluten müssen um meinetwegen! Hast Du denn noch ein Tröpfl in Deinem Herzen?“

   „Ui mein!“ Wieder sein leises Lachen und wieder sein feines Schauern, ohne dass ihre Fingerspitzen ihn berührt hatten. „So viel hab’ ich, dass ich glaub’, es brennt mir durch die Augen heraus.“

   Da knurrte Wulli gegen die offene Tür hin. Aus dem Schacht der Wendelstiege war ein Schnauben und Scharren zu hören, als müsste ein schwerer Gaul über die steinernen Stufen klettern und täte das nicht gern. Lien hörte nichts. Auch Hilde war schon wieder so eifrig bei ihrem barmherzigen Werk, dass sie für andere Dinge nimmer Aug und Ohr hatte. Aber Wulli wurde immer aufgeregter, und nun fing er wütend zu kläffen an.

   „Jesus! Bub, Du guter!“, klang von der Türe her die Stimme des Herrn Melcher.

   Jetzt erwachte Lien. Und weil er hinter dem alten Trutz den Jungherrn gewahrte, geriet er in Sorge um den bellenden Wulli, griff erschrocken hinüber, fasste den Hund bei den Halszotten, warf ihn auf die leere Bettstelle hinauf und knirschte durch die Zähne: „Nit mucksen, Du!“ Wulli, der mit dem Hals am Schwertgurt hing, machte in der Luft eine etwas unnatürliche Schwenkung, blieb auf der Bettkotze liegen, wie er hinfiel, und hatte feindselig funkelnde Augen.

   Das Fräulein, das über die heftige Bewegung des Lien erschrocken war, schalt in Kummer und Zorn: „Was tust Du denn da? Jetzt musst Du stillhalten! Sonst brechen die Wunden wieder auf.“ Hurtig tauchte sie ein kleines Leinenbinkelchen in den Balsamtiegel, betupfte sehr flink die roten Striemen des schauernden Lien und sah weder den schwer herantappenden Herrn Melcher noch ihren Bräutigam und Seelengatten.

   Der war auf der Türschwelle stehen geblieben, und während er mit weit aufgerissenen Hummelaugen den Lien und seine eifrige Samariterin betrachtete, wischte er mit dem Zipfel der Seidenschärpe von seinem Handgelenk den klebrigen Honig fort, den der Faustgriff seines Vaters da zurückgelassen hatte. Je länger Eberhard die beiden betrachtete, umso mehr verwandelte sich sein verblüfftes Staunen in ein zorniges Unbehagen. Sein in die Länge gezogenes Gesicht wurde gelb wie verregnetes Heu. Und plötzlich drehte er sich um und versank sehr hastig im Schacht der Wendelstiege. Niemand in der Sergeantenstube gewahrte das. Nur Wulli. Seine Feindseligkeit dämpfte sich. Misstrauisch blieb er noch immer. Aber auch dieses Misstrauen begann sich zu mildern, als Wulli den alten Trutz von Trutzberg, der ihm die breite Rückseite zudrehte und zwischen den beiden Betten stand, genauer beschnupperte. Herr Melche roch ungemein deutlich nach verschiedenen guten Speisen, besonders nach Blütenhonig, der den Wulli an das blumige Bruchland und an die Stöcke der wilden Immen erinnerte.

   Während Hilde in der Sonne beim Fenster stand und von einer Leinwand flink mit der Schere fingerbreite Streifen herunter schnitt, betrachtete Herr Melcher stumm und mit dunkelrotem Gesicht den Rücken des Lien und diese rosen- und veilchenfarbenen Hieroglyphen der Ungerechtigkeit.

   Lien guckte ein bisschen scheu an seinem Burgherrn hinauf.

   Da sagte Herr Melcher rau: „Mein Sohn hat Dir ungerecht getan. Er sieht’s ein. Ein lützel gähzornig ist er, aber sein Herz ist gut. Und arg erschrocken ist er über seinen füreiligen Spruch. Freiwillig ist er hergesprungen, um Dir die freundliche Red zu geben, die Du verdienst! … Komm, Eberhard!“

   Niemand kam.

   Herr Melcher guckte zur Tür hinüber, tat in Zorn einen Fluch und wollte zur Wendelstiege. Lien, dem das Gesicht brannte, haschte den Burgherrn am Schwertgehenk und stammelte erschrocken: „Nit, lieber Herr! Ist alles schon gut! Viel besser, als von eh. Mein Gröschl hab’ ich nit lassen wollen. Ich hab’ gemeint: Was mein ist, muss mein sein dürfen. Aber wahr ist’s: Ich hab’ unbotmäßig aufgemuckt wider den Jungherren und bin schuldig worden meiner Straf. Saget ihm, Herr: Er soll mir den Unverstand nit nachtragen. Ich will ihm dienen in Treu!“

   Da fasste Herr Melcher mit seinen acht Fingern auf eine wunderlich plumpe Art den glühenden Kopf des Lien, drückte ihn an seine von Honig glitzernde Brust, wurde sehr ernst und murmelte das rätselvolle Wort: „Mein oder nit! Mir bist Du lieb geworden.“

   Weil Hilde bei ihrer hilfreichen Arbeit merkte, wie still sich der Lien jetzt hielt, sagte sie rasch und froh: „Recht so, Vater Melcher! Tu’ ihm das Köpfl halten, dass er sich nimmer rühren kann! Da geht’s mir leichter von der Hand.“

   Lachend hielt Herr Trutz den Lien bei den Ohren fest und guckte zu, wie diese kleinen, hurtigen und doch so achtsamen Mädchenhände ihre barmherzige Kunst betätigten. Eins ums andere von den veilchen- und rosenfarbenen Hieroglyphenzeichen verschwand unter fest pickenden Pflastern. Wenn Hilde hinüber sprang zur Truhe des Kassel, um die Harzsalbe auf ein neues Leinwandbändchen zu streichen, musterte Herr Melcher mit dem sachverständigen Blick eines alten Kriegsmannes den straffen Körper und die spielenden Muskeln des Lien. Er sagte ernst: „Bub, in Dir ist so viel Kraft, als ein gesunder Vater hat geben können.“ Seine grobe Stimme wurde lind. „Von der Mutter hast Du auch was: Ein Häutl, wie es ein blondes Mädel nit glätter haben könnt’!“

   „Vergelt’s Gott!“, sagte Lien, weil er von seiner Mutter reden hörte, und wartete in regungsloser Ungeduld auf die feinen Fingerspitzen, die er genau so fühlte wie einst beim Baden im Bruchwasser die kleinen, blauen Schmetterlinge.

   Obwohl die Sonne auf den Fenstergesimsen schimmerte, war plötzlich ein dumpfes Dröhnen und ein wie Donner rollendes Echo zu hören. Dann ein Gerassel von fallenden Steinbrocken.

   Wulli fuhr mit einem Knurrlaut in die Höhe, Lien zerrte ungebärdig seinen Kopf aus den acht Fingern, die ihn zärtlich gestreichelt hatten, und Herr Melcher sagte ernst: „Hui, jetzt fangt der Seeburger das Pumpern an!“ Nach diesen Worten ging er schwer und doch so hurtig auf die Türe zu, dass die ganze Sergeantenstube ein bisschen zitterte, und tauchte fast so flink, wie Eberhard verschwunden war, in as Dunkel der Wendelstiege hinunter.

   Nur Hilde schien den rollenden Hall nicht vernommen zu haben oder dachte nur, es käme ein neues Gewitter, und stand über die Truhe des Kassel gebeugt und strich mit achtsamer Genauigkeit die Harzsalbe auf den letzten Pflasterstreif. Mit den Fingerspitzen fasste sie das lange Bändchen vorsichtig an den Enden, zog es von der leinenen Unterlage weg, wandte sich um, sah erschrocken das leere Bett an, sah hinter dem Bett den niedergebeugten Rücken des Lien und stammelte in heißer Sorge: „Aber Mensch! Was tust Du denn? So komm doch her! Ich muss Dir ja noch das letzte Pflästerlein auflegen.“

   „Nit nötig! Ist alles schon gut!“ Auf den Knien liegend, riss er unter der anderen Bettstelle seine Söldnerlade heraus und zerrte ein frisches Hemd hervor. „Ich hab’ nimmer Zeit, ich muss mich rüsten, ich muss auf den Turm.“ Und Wulli wedelte, tänzelte, kläffte, war wie närrisch vor Freude und schnappte liebevoll nach Ohr und Schulter des Lien, der ihn mit dem Ellenbogen beiseite warf: „Wie, Du, gib Ruh!“

   Tränen in den Augen, zwischen den Fingerspitzen die dünne, klebrige Pflasterschaukel, eilte Hilde um das rot beträufelte Sergeantenbett herum und klagte: „Nur das letzte, lieber Lien! Ach, schau! Nur das letzte noch!“

   Ohne zu antworten, straffte er sich auf und schüttelte das Hemd auseinander. Die Pflasterstreifen auf seinem Rücken bekamen Runzeln, und aus der letzten, noch unbedeckten Rutenstrieme quollen winzige Granatperlen. Mit Kopf und Armen fuhr Lien in das Hemd.

   „Nit! Nit! Das darfst Du nit!“, schrie das Fräulein, ließ das eine Ende der Pflasterschaukel fallen und umklammerte den Arm des Lien. „Du blutest wieder! So lass Dir doch helfen!“

   „Ich hab’ nimmer Zeit. Was liegt an meinem Buckel? Der Herr ist in Not. Und Du! Und Dein Brautherr, Dein Vater und Deine Mutter!“ Wieder krachte der Schuss einer Seeburgischen Feldschlange, und undeutlich war der Lärm vieler Männerstimmen zu vernehmen. „Hörst Du denn nit? Die Feindsleut schießen. Lass luck!“ Er zerrte. „Ich muss in mein Eisen schlupfen! Lass aus!“ Mit heftigem Zuck befreite er seinen Arm.

   Aus Hildes Hand flog das Pflasterbändel davon, blieb an Wullis Nase kleben und wickelte sich unter dem Gezappel des Hundes wie ein weißes Schlänglein um seine schnauze herum. Bei der gewaltsamen Anstrengung, mit der sich Wulli von dieser unbehaglichen Sache zu erlösen suchte, vergaß er seines Lien, der hastig das Hemd hinter den Hosenbund stopfte, in das Wams schlüpfte und den Kürriss drüberschnallte. Als er die abgenähte Helmhaube übers Haar zog, schien ihn etwas an seinen Händen zu belästigen. „Was ist da? Was pickt denn allweil so?“ Er betrachtete seine Hände und roch daran. „Gotts Elend, ich schmeck’ nach Honig und hab’ doch keinen gegessen.“ Da sah er die kämpfende Not des Wulli, musste lachen, zog dem Hund die weiße Natter von der Schnauze, machte ihn frei vom Riemen, schnallte den Schwertgurt um den Kürriss und tappte mit der einen Hand nach seinem Eisen, mit der anderen nach dem schweren, blinkenden Stahlhut. Alles tat er in einer seltsam heiteren Gehobenheit, mit einem frohen Leuchten in den Augen. Und Hilde stand daneben, unbeweglich, und sah ihn immer an, mit schimmernden Tropfen and en Wimpern, zwischen den Brauen noch ein Sorgenschnitt, im Blick den Glanz einer gläubigen Freude.

   Mit klingenden Sprüngen jagte Lien auf die Türe zu, umtollt vom verrückten Jubel des Wulli, der zum ersten Mal ohne Zweifel begriff, dass dieses Mannsbild im blinkenden Eisen sein unverzauberter Schäfer war.

   Auf der Schwelle riss es den Lien herum. „Jesus, mein heiliges Gröschl!“ Ganz zaghaft bettelte er: „Gelt, das krieg’ ich wieder?“

   Sie lächelte. „Ja, Lien! Das bind’ ich Dir um. Komm her!“ Er kam, in der Rechten das Eisen, auf dem linken Arm den Stahlhut. Schwer und steif, wie ein ungeschickter Beter, fiel er auf die beiden Knie.

   Schweigend beugte sich Hilde zu ihm nieder, knüpfte das Seidenschnürchen um seinen Hals und schob ihm die funkelnde Goldmünze hinter die eiserne Halskante seiner Wehr.

   In Andacht sah er zu ihren Augen hinauf und sagte langsam und streng: „Edel Fräulen! Du Silberweißlein! Für Dich leb ich und sterb ich!“

   Sie blieb gebeugt, hatte die Hände auf seinen stählernen Schultern liegen und flüsterte: „Lien! Jetzt ist ein Schönes unverdorben in mir!“

   Ein Donner des Heini von Seeburg rollte.

   „Höi!“ schrie Lien mit glockenhellem Lachen, sprang auf und war verschwunden.

   Hilde stand noch immer unbeweglich, mit vorgestreckten Händen. Nun lächelte sie wie eine Träumende, ging zur Truhe des Kassian Ziegenspöck hinüber und kramte mit zitternden Fingerchen die hilfreichen Dinge in das Bündel.

   Von den beiden Fenstern glänzten zwei breite Sonnenbänder bis zur Türschwelle, und der viele Staub der Sergeantenstube, wo Frau Engelein selten saubermachen ließ, qualmte wie Weihrauch durch den leuchtenden Schein.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.