Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 14

   Von einer ruhelos drückenden Sorge halb erlöst, begab sich Frau Engelein kurz vor Mitternacht zur Ruhe. Nur zwei, drei Tage noch, und auf der Trutzburg musste der ungestörte Eierfriede wieder Einkehr halten. Wenn nur erst dieses Nötigste gesichert war! Da würde vielleicht der liebe Gott auch dem Melcher das Kleckern noch abgewöhnen, den Heini von Seeburg zur Vernunft bringen und die Puechsteinischen Blutzecken aus der Trutzburg hinaus blasen. vor allem dieses schamlose Weibsbild mit dem Hexenhaar und den unsittlichen Waden! Und dann wird die Erde verwandelt sein in einen Vorgeschmack des Himmelreiches.

   Frau Engelein musste sich freilich sagen, dass die Erziehung des Herrn Melcher Trutz zur Reinlichkeit auch für Gottes Wunderkraft eine fast hoffnungslose Sache wäre. Umso verlässlicher würde sich alles andere ergeben. Der Puechsteiner mit seiner brandigen Wunde hatte doch schon den nahen Tod hinter den weißen Ohren. Dieses Erlösungswunder würde sich vielleicht noch flinker vollziehen als die Entdeckung des Eierdiebes. das konnte Frau Engelein ruhig übersinnen, wie man an Bohnen und Erbsen denkt. Und war nur erst der unbequeme Puechsteiner nach Gottes sichtlichem Willen erledigt, so wird wohl auch im törichten Melcher Trutz die nötige Vernunft aufzuwecken sein, die ihn zu einem Vergleich mit dem Heini von Seeburg bereden muss. Einem Lebenden die nutzlose Treue halten? In Gottes Namen, Herr Melcher ist nun einmal solch ein Narr! Doch einem Toten gegenüber wird man aller Pflichten der Einbildung ledig. Und mit der Puechsteinischen Witib in ihrer hilflosen Trauer und mit dem zimperlichen Bräutlein wird Frau Engelein fertig werden. Leicht! Und die rote Pernella wirft man aus der Mauer. Oder man sperrt sie über Nacht zusammen mit einem jungen Knecht in die Stallkammer. Das wird einem Genäschigen im Herrenhause das Wohlgefallen verleiden. Was vor vierundzwanzig Jahren wider das Mädel mit dem seltenen Namen half, das wird auch helfen wider die rote Pernella.

   Unter solchen Christengedanken erreichte Frau Engelein ihr eheliches Schlafgemach. Herr Melcher lag bereits in bleiernem Schlummer, nahm die größere Hälfte des Bettes in Anspruch und sägte wie ein Zimmermann.

   Beim Schein des Laternchens huschte Frau Engelein noch über die Wendeltreppe in die Firstkammer hinauf, um sich von der einsamen Anwesenheit der roten Pernella zu überzeugen. Das Mädel, mit dem Gesicht gegen die Wand gedreht, heuchelte einen festen Schlaf und missbrauchte boshaft diese Verstellung, um der neugierigen Burgherrin ohne Hülle zu zeigen, was eine sittsame Jungfrau im Zustand des Wachens zu verbergen pflegt. Nach Frau Engeleins Meinung musste aber auch der Schlummer noch eine züchtige Sache bleiben. Um das der runden Pernella beizubringen, bedurfte sie keines lauten Wortes. Zur Rettung der Sittlichkeit genügte das heiße Laternenblech. Ein erstickter Schrei. Dann klirrte der schwere Eisenriegel an der Falltüre. Als die tugendhafte Frau in ihrem weiten Schlafkittel stak und das Schlummerhäubchen über die dünnen Haarschwänze gebunden hatte, warf sie durch das Fenster noch einen sorgenvollen Blick in die schwarze, vom Regen durchrauschte Nacht hinaus.

   Auf den Wehrtürmen glosteten die Pechfeuer wie große, rote Augen. Eisenschritte klirrten über den Burghof, und aus einem Schützengang war die überraschend klare Stimme des Kassian Ziegenspöck zu vernehmen, der zur Mitternachtsstunde die Wachen ablöste.

   Er war in guter Laune. Die eigene Stimme gefiel ihm, in seinem Inneren war nicht die leiseste Mahnung von Sodbrennen und unter dem Strohsack seines Serjantenbettes hatte er noch zehn Eier für die Stillung neu entstehender Magenschmerzen verstecken können. Auch hatte er zwei Stunden geschlafen, im Bett des Lien, der als Fürmann auf dem Turmboden die Wache hielt. Die Gurke war frisch gefüllt und der rauschende Regen galt dem Kassian Ziegenspöck nicht als schlechtes Wetter. Das würde wohl noch so weiterpritscheln, wer weiß, wie lang. Bis der liebe Herrgott das Himmelreich trockenlegte, hatte man auch Ruhe vor den Seeburgischen. Wenn es den Feldschlangen in die Weidlöcher und auf das Feinpulver regnet, unterlässt man das Schießen. Und auch die tapfersten Helden sind keine Freunde von nassen Hosenböden.

   Nach Ablösung der letzten Wache stieg der Serjant zu dem von rauchigem Zwielicht erfüllten Schützensöller des Brückenturmes hinauf. Die Luft war kühl geworden, und durch die Schießscharten leuchtete kein Glutschein mehr herein. Zwischen den Schützen, die schlafend auf den Holzbänken kauerten, stand Lien mit Hakenbüchse und brennender Lunte bei einem Mauerloch und spähte in die schwarze, rauschende Nacht hinaus. Neben seinen Füßen lag Wulli zu einer zottigen Pelzkugel zusammengeringelt; beim Schritt des Serjanten hob der Hund den Kopf, schnupperte gegen die Beine des Lien und schob die Schnauze wieder unter den Bauch.

   „Was Neues, Bub?“

   Ein bisschen verwundert über die sanfte, klare Stimme des Kassel schüttelte Lien den Kopf. „Die guten Herrenleut können schlafen ohne Sorg. Die Nacht hat Ruh.“ Seine leisen Worte waren wie das Flüstern eines Träumenden. „Die Feindesleut rühren sich nit. Bloß weit da draußen ist hinter Stauden und unter Dach ein Feuer.“

   „Wo?“ Der Serjant trat zur Scharte hin.

   Lien deutete: „Da draußen! Ich schätz’ vierhundert Gäng.“

   „Wo, Bub? Ich seh’ nichts.“

   „Den großen, schwarzen Brocken? Den musst Du doch sehen?“

   „Mir ist alles schwarz.“

   „Das ist ein mächtiger Stein oder eine Schanz. Daneben, zur Rechten, sind die Stauden. Und hinter den Stauden, unter einem Dächl, glostet das Feuer! Siehst Du’s nit?“

   „Ich seh’ bloß ein lützel was Milchiges.“

   „Das ist der Feuerschein im Regen. Beim Feuer sind vier Leut. Und guck, jetzt kommt ein Fünfter dazu!“

   „Hol’s der Teufel, ich nimm’s nit aus. Bub, Du könntest als Wappenvieh auf unseres Herren Helm hocken. Augen hast Du wie eine Katz!“ Kassel drehte das abgelaufene Dreistundenglas um, das in einer Mauernische stand. Nachdenklich betrachtete er den dünnen Sandfaden, der im Uhrglas zu fließen begann, und sagte mit herzlicher Milde: „Bub, jetzt kannst Du schlafen, bis der Jungherr die Frührund macht. Geh hinüber und streck Dich auf Dein Bett. Aber hock Dich nit aufs meinige. Das hat Eierfarb.“

   „Lass mich bleiben! Auf dem Boden lieg’ ich grad so gut. Und meinen Kopf kann ich dem Wulli auf den Buckel legen.“

   „Meintwegen! Es ist mir auch lieber, Du bist in meiner Näh. Ich hab’ Wein in mir, und Du hast Augen. Da machen wir selbander ein ganzen Menschen aus.“

   Lien legte den Eisenhut ab, wickelte sich in den braunen Söldnermantel und streckte sich auf die Bretter hin. „So, Wulli, jetzt musst Du geduldig sein!“ Mit der Hand den geweihten Petersgroschen an seinem Hals umschließend, schmiegte er die Wange in das Fell des Hundes und drückte die Augen zu.

   Wulli hob die Schnauze. Behaglich war ihm die Sache nicht. Doch als er gegen Ohr und Haar des Jungsöldners hingeschnuppert hatte, bewies er, dass ein ruhiges, jedem Zweifel entrücktes Glück aus den Augen eines Tieres reden kann. Er wusste: Was da schwer und warm in seinen Haaren lag, das war unleugbar der Kopf seines Schäfers.

   Sooft sich einer von den schlafenden Schützen bewegte, knurrte Wulli, und seine Augen funkelten.

   Manchmal juckte ihn das Fell. Er hätte sich gern gekratzt. Doch er tat es nicht, sondern machte nur symbolische Bewegungen mit dem rechten Hinterfuß, so zart, dass der schlummernde Jungsöldner davon nicht erwachte. Und die Flöhe, die den Wulli quälten, ließen den Lien in Ruhe. Der hatte jenes gesunde Blut, das allem Ungeziefer missliebig ist.

   Sehr unbehaglich schien auf Wullis Nase die Nähe des säuerlich duftenden Kassian Ziegenspöck zu wirken. Sonst aber gab der Serjant dem Hund keine Veranlassung, misstrauisch zu werden. Fast regungslos, wie eine hölzerne Säule, die zwei gespreizte Beine hat, stand Kassel mit Hakenbüchse und glimmender Lunte bei dem Guckloch und betätigte die seltene Kriegsmannskunst: zu wachen, mit scharfen Sinnen zu lauschen und dabei doch zu schlafen. Auf die Minute erriet er’s, dass die Dreistundenuhr abgelaufen war. Er ging zur Mauernische, drehte das Sandglas um und stellte sich wieder auf seinen Schlafwachposten.

   In dicken Schnüren fiel der Regen herunter. Das erste matte Zwielicht des Morgens war erfüllt vom Traufengeplätscher und vom schönen Rauschen der angeschwollenen Talbäche. Regen, Gewölk und Nebel verzögerten das klare Erwachen des Tages. Erst gegen die fünfte Morgenstunde, als es im Burghof, in den Losamenten und in Frau Engeleins Küche schon rührsam wurde und auf dem beschädigten Taubenturm das Geflatter begann, erhellte sich das trübe Grau. Nun konnte auch Kassian Ziegenspöck durch den Schleier des Regens erkennen, was Lien in der finsteren Nacht gewahrt hatte. Hinter dem grauen, von verkohlten Baumstrünken durchsetzten und von Wasserfäden überrieselten Aschenfeld des niedergebrannten Burgwaldes lag der „große Brocken“: Eine Schlangenschanze der Seeburgischen. Daneben die Stauden und das Dächlein, unter dem das erlöschende Wachtfeuer rauchte. Aus fernem Buschwerk guckten Zeltspitzen des feindlichen Gelägers heraus. Ein Kriegsmann in blankem Helm und mit wehendem Mantel stand auf der Schanze und schien den Trutzbergischen Brückenturm zu mustern. Ob’s der Heini von Seeburg war? Und an die hundert Leut gruben und schaufelten an einem Wegbau. Die hatten ein sicheres Arbeiten. Über vierhundert Gänge reichte keine Armbrust und keine Hakenbüchse. Und die Kugeln der Turmschlangen musste man sparen für bedrohliche Stunden.

   „Gotts Teufel!“, murrte Kassel und nahm zur Schärfung seiner Sinne einen pfleglichen Schluck aus der Gurke. Er wollte den Lien wecken. Der schlief so fest, dass Kassian Ziegenspöck barmherzig wurde. Er rüttelte einen von den Schützen auf: „Geh, Du! Und sag dem Jungherren die Frührund an!“ Seine Stimme klang viel rauer als in der Nacht; die mildernde Wirkung der Eidotter begann zu versagen.

   Der Schütz rannte zum Herrenhaus hinüber, brauchte aber den Jungherrn nimmer zu wecken. Der kam schon in seinem klirrenden Eisen über die Treppe herunter, verdrießlich, mit übernächtigen Augen. Die Gewitterscheu seiner Braut und Seelengattin hatte ihm eine ruhelose Nacht verursacht. Vielleicht hatte ihm auch der Gedanke an das schuldlose Leiden der roten Pernella die Ruhe gestört? Wenigstens glänzte in seinen missmutigen Hummelaugen ein wohlwollendes Erbarmen auf, als er das hübsche runde Mädel gewahrte, auf dessen Hals und Wangen der ungerechte Zorn der Frau Engelein eine rosige Färbung zurückgelassen hatte.

   In der Halle saßen fünf alte Mägde und das Weib des Jägers auf einer Bank, um das Austragen der Frühmahlschüsseln und Weinkrüge abzuwarten, die in der Küche unter Frau Engeleins Aufsicht gefüllt wurden. Nur Pernella stand. Sie vermied das Sitzen, weil sie eine Brandblase hatte. Als Eberhard an dem Mädel vorüberging, winkte er heimlich mit den Augen.

   Leise lachend spähte Pernella in die Küche, zuckte das rote Zungenspitzchen gegen Frau Engelein und huschte auf dem gleichen Weg davon, den Eberhard genommen hatte. Sie erreichte den Jungherrn am Fuß eines dunklen Treppleins, das zu einem Schützengang hinaufkletterte. Eberhard saß auf einer Stufe. Er hatte, weiß Gott, keine bösen Absichten, wollte nur gerechtermaßen durch Freundlichkeit ein bisschen gutmachen, was seine Mutter in Ungerechtigkeit verschuldete. Gütig fasste er Pernella um die Hüfte und wollte das rote Federspiel auf seinen Schoß ziehen. Gegen das Sitzen sträubte sich Pernella. Sonst aber ließ sie sich in ihrer Rachsucht wider Frau Engelein mancherlei gefallen und hing am Hals des Jungherrn, ohne vom Sterben zu reden. Doch plötzlich schrie sie sehr heftig auf und lief davon, erschrocken über den eigenen Schrei. Weil Eberhard von der Brandblase, die er unwissentlich etwas derb behandelt hatte, nicht die geringste Kenntnis besaß, glaubte er, in Pernellas unerklärlichem Verhalten eine Missachtung seiner wertvollen Persönlichkeit erkennen zu müssen und geriet darüber in sehr gereizte Stimmung.

   Unter dieser üblen Laune hatten die Söldner und Hörigen im Schützengang zu leiden. Ein Puechsteinischer sagte mahnend: „Jungherr! Wenn Feindsleut vor der Mauer liegen, redet ein kluger Ritter gütig mit seinen Knechten.“ Die Antwort war ein Hagel berserkerischer Flüche. Eberhard drohte mit Block und Rutenhieben. Im gleichen Ton ging die Runde weiter. Obwohl alles war, wie es am verwichenen Abend gewesen, missfiel dem Jungherrn jedes Ding, das er beschaute. Seine üble Laune kam zu jähzornigem Ausbruch, als auf dem Schützensöller des Brückenturmes der vom Kissendienst erlöste Wulli sehr unfreundlich gegen die Trutzbergischen Schienbeine losknurrte.

   „Gotts Tod!“, kreischte Eberhard. „Schmeißt das fremde Hundsvieh über die Mauer hinunter!“

   Erschrocken haschte Lien seinen Hund beim Hals und stammelte: „Verzeihet, guter Herr! Ein Tier ist unvernünftig. Wer es futtert, ist ihm lieb. Die anderen kennt es nit. Nichts für ungut! Ich will ihm beibringen, was Ehrfurcht vor den Herrenleuten heißt.“ Seine Stimme wurde streng. „Gelt, Wulli? Jetzt wirst Du Fried halten!“ Er schob den Hund auf eine Weise, die ihm die Notwendigkeit lautloser Ruhe flink verständlich machte, unter eine Holzbank und warf seinen Mantel dazu.

   Wulli muckste nimmer. Doch Eberhards Ärger blieb ungemildert. „Der Hund muss fort! Schäfer, hast Du keine Ohren? Hörst Du nit, was ich sag’?“

   Lien war bleich geworden. Und Kassian Ziegenspöck, der die Hakenbüchs und den Luntenzagel fortlegte, bekam einen sehr langen Hals und hatte so steife Augen, als begänne in ihm das nüchterne Elend. „He da, Leut!“, schrie Eberhard die Schützen an, die straff an der Mauer standen. Wullis Erdenwallen schien erledigt zu sein. Aber ehe Lien in seinem langsamen Denken und der Serjant in seiner Gewöhnung an Gehorsam und Kriegsgesetz ein hilfreiches Wort zu finden wussten, rettete dem Wulli ein Zufall das Leben.

   Als Lien sich beim Haschen und Verwahren des Hundes niedergebeugt hatte, war ihm der vergoldete Petersgroschen an dem grün und gelb gedrehten Seidenschnürchen aus dem Kürriss heraus geglitten. Nun gewahrte der Jungherr die schimmernde Münze, sah sie mit steif glänzenden Augen an und vergaß des Schäferhundes. War das nicht die gleiche Weihmünze, die er seit Jahren immer am Hälslein seiner Himmelsgattin und Braut gesehen hatte? Und war’s nicht die gleiche Seidenschnur in den Puechsteinischen Farben?

   „Schäfer, was hast Du an Deinem Hals?“

   Kassian Ziegenspöck und die Schützen, die dem Wulli gewogen waren, atmeten auf. Sie wussten, dass beim Jungherrn das Vergessen wie der Zorn eine schnelle Sache war.

   Eberhards Stimme wurde scharf. „Red, Schäfer!“

   Noch immer schwieg der Lien. Er schien aus seinem Sorgenschreck um den Hund zu erwachen und ein anderer Mensch zu werden. Sein Gesicht bekam harte Züge, und die Augen wurden ernst. Dabei streckte sich seine schlanke Jünglingsgestalt im Eisen, wie ein mutiger Mensch sich ruhig aufreckt, wenn er die Nähe einer Gefahr empfindet. Die Linke klammerte er um den Schwertgurt, mit der Rechten schob er die Münze hinter den Kürriss und ließ die Hand da liegen.

   „Was Du an Deinem Hals hast, frag’ ich?“

   „Was mein ist.“

   Der Jungherr streckte die Hand. „Den Groschen will ich sehen. Gib ihn her!“

   Lien trat einen Schritt zurück. „Das tu’ ich nit. Mein Blut und Leben ist Euer, Herr! Das Ding an meinem Hals ist mein.“

   Die Schützen guckten den Lien verwundert an und Kassel tappte nach der Gurke, als hätte er einen Schluck zur Auffrischung seines Verstandes nötig; er trank aber nicht.

   Dem Jungherrn trieb der Zorn eine dunkle Blutwelle ins Gesicht. „Du? Hast Du den Groschen in der Burg gefunden?“

   Lien blieb stumm, einen ruhigen Glanz in den Augen. Statt seiner sagte Kassel unter einem steifen Sorgenblick: „Herr, das ist nit so! Der Bub hat das Ding schon um den Hals gehabt, wie ich ihm den Schäfer ausgezogen und die Söldnerwad an den Leib getan hab’.“

   „Es redet, wer gefragt ist.“ Eberhards Stimme wurde dem ungerechten Zornlaut ähnlich, mit dem Frau Engelein zu Pernella geredet hatte. „Schäfer? Hast Du den Groschen gestohlen?“

   Lien, immer mit der Hand an Halse, sah den Jungherrn ruhig an und schwieg. Seine sonnverbrannte Stirn wurde noch dunkler und bekam eine tiefe Furche. Dabei lächelte er.

   Wie ein Verrückter schimpfte Kassian Ziegenspöck mit seiner rau gewordenen Stimme: „Bub! Du dummes Luder! So red doch ein Wörtl! Jedweder weiß, Du hast eine redliche Haut. So sag halt, was mit dem Gröschl ist! Gelt, das hast Du von Deiner seligen Mutter?“

   Lächelnd drehte Lien das Gesicht zum Serjanten hinüber. Im glichen Augenblick tat Eberhard einen flinken Griff und riss dem Jungsöldner die Seidenschnur mit der Weihmünze vom Hals.

   In der Kehle des Lien ein erwürgter Schrei. Mit erhobenen Fäusten sprang er auf den Jungherrn zu, der erblassend zurückwich und nach seinem Eisen griff. Ein Besinnen schien über den Lien zu kommen. Und die schützen und Kassel fassten ihn um den Leib und an den Armen. „Bub? Du Narr!“, keuchte der Serjant in Verdruss und Kummer. Unter der Holzbank hatte Wulli sich erhoben, zitternd, die Oberlippe von den Zähnen weggezogen. Ein stummer Blick seines Herrn zwang ihn wieder auf den Mantel hin.

   „So einer bist Du?“, sagte Eberhard mit dünnem Lachen. Langsam kehrte seinem Gesicht die Farbe zurück. Die Münze betrachtend, deren zerrissenes Seidenschnürchen ihm zwischen den Fingern hing, trat er auf eine Schießscharte zu. Schweigend sah er eine Weile durch den strömenden Regen nach dem Aschenfeld und zu der Schlangenschanze der Seeburgischen hinaus. Ohne den Kopf zu drehen, sagte er: „Kassel! Bist Du gestern so nüchtern gewesen, dass Du vergessen hast, Deinen Lehrling beizubringen, was Zucht und Ordnung unter Sold und Kriegsnot ist?“

   Kassian Ziegenspöck rüttelte den Lien. „Bub! Jetzt musst Du reden. Hab’ ich Dir Gehorsam und Zucht gepredigt?“

   Lien nickte. „Wohl!“

   Der Jungherr ging auf ihn zu. „So wirst Du wissen, was Dir zusteht.“

   Wieder nickte Lien. Immer hing sein Blick an Eberhards geschlossener Faust.

   „Serjant!“ Der Jungherr schmunzelte. „Man soll ihm zwanzig auf den Buckel geben. Wer gnädig sein wollt’, soll mich ungnädig finden. Was weiter geschieht, das wird ihm mein Vater sagen.“ Er sah die Münze wieder an und ging davon, um die Runde durch die nördlichen Schützengänge und Türme zu machen.

   Als Eberhards Schritt verhallte, klagte Kassian Ziegenspöck: „Du Narrenschüppel! Was ist denn mit Dir?“

   „Tu nit fragen, ich sag’s nit!“ Lien atmete tief. „Soll’s sein, wie’s mag! Rauben dürfen auch die Herren nit. Mein Gröschel krieg’ ich wieder.“

   „Was anderes kriegst Du aber auch noch! Viel flinker als Dein seltsames Gröschlein.“ Kassel musste die Gurke hervorholen, um seine schwach werdende Seele zu festigen. „Es muss geschehen, Bub! Tu Deine Hände her. Wir müssen Dich binden.“

   „Ist nit nötig, Serjant!“ Lien lächelte, in den Augen einen Glanz, als hätte er süßen Wein getrunken. „Ich geh’ mit Dir und will sein wie mein Lämmlein Silberweiß. Bloß den Wulli muss ich anriemen. Der tät’ den Strafknecht beißen, wenn er losprügelt auf mich.“

   Kassel und die Schützen guckten, als wäre der Bub ein unverständliches Wunder.

   Ruhig stülpte Lien seinen Eisenhut über den Schädel, nahm den Mantel um und fasste den Wulli bei den Halszotten. „So, Serjant! Ich bin fertig. Komm!“

   Kassel befahl einem Schützen: „Bis ich komm’, bist Du Fürmann!“ Auf der Stiege drückte er seine Faust gegen die vom Kürriss umschlossene Magengrube. „Gotts Teufel! Das saure Elend hebt schon wieder an!“ Seinen Kummer um den Buben, seinen verschluckten Zorn – alles schob er auf das Sodbrennen.

   Als die drei – Lien, Wulli und der langsamere Kassel – im Burghof durch den Regen sprangen, liefen die alten Mägde mit Frühmahlschüsseln und Weinkrügen zu den Losamenten.

   In der Serjantenstube legte Lien das Eisen ab. Auch das Wams. Den Hund schnallte er mit dem Schwertgurt an den Fuß seiner Bettlade. Wulli liebte das nicht: Am Riemen zu hängen. Dennoch gebärdete er sich, als möchte er vor Freude irrsinnig werden. Weil Lien jetzt nur noch das Hemd und die Strumpfhosen trug, erkannte Wulli mit völliger Sicherheit: as ist doch mein Schäfer. Nicht nur der Kopf da droben, auch alles andere ist gut riechender Schäferleib! So närrisch wurde der Hund, dass Lien darüber lachen musste: „Ein Glück, dass der Wulli nit weiß, was mir zusteht.“

   Kassel kam unter seinem Bett heraus gekrochen, mit frisch geladener Gurke. „Komm, Bub! Jetzt bin ich auch fertig.“

   Die beiden verließen die Stube, und hinter ihnen blieb das Gewinsel des Hundes. Da fragte Kassian Ziegenspöck: „Du? Eier wird der Wulli nit fressen? Gelt, nein?“

   „Doch! Die mag er gern. Im Bruch ist er allweil hinter den Kiebitznestern und Entenlöchern her wie der Teufel.“

   „Gotts Not!“ Kassel überlegte. „Geh derweil hinunter in die Strafstub’. Ich komm’ gleich.“ Er tappte in die Stube zurück – und richtig, Wulli schnupperte schon an der Bettlade des Serjanten. „Höi, liebs Hundl! Du hast nit Sodbrennen und brauchst keine linde Stimme nit zu haben.“ Kassian Ziegenspöck soff hurtig die zehn ersparten Eier aus, die er im Strohsack verwahrt hatte und warf die zerknüllten Schalen ins Ofenloch. Dann stieg er hinunter zur Strafstube, die zwischen den Kellergewölben des Söldnerhauses lag. Handhoch stand hier das eingeronnene Regenwasser auf dem Pflaster. Kassel sagte mit sehr linder Stimme: „Ui, da nässelt’s aber!“

   „Ein lützel, ja!“, brummte der Strafknecht, ein mürrisches Mannsbild. „Da brauch’ ich heut den Boden nit aufwaschen, wenn’s rot hinuntertröpfelt.“ Er brach von einem Birkenzweig das dünne Ende herunter. „Wie viel kriegt er?“

   Der Serjant deutete zweimal mit den zehn Fingern.

   „Da muss man ihn an die Stand binden.“ Der Knecht prüfte die Rute. „Sonst fallt er um.“

   „Wird nit geschehen“, sagte Lien, während er das Hemd über den Kopf herunterzog. „Ich spreiz’ die Füß auseinander und krall’ mich an die Stang.“

   „Ist nit der Brauch!“, murrte der Strafknecht.

   „Lass den Buben!“ Kassian Ziegenspöck schien an einer Anwandlung von Nüchternheit zu leiden. Immer tunkte er mit dem Kopf, während er den schönen, von der Sonne gebräunten Rücken des Lien betrachtete. Ganz fein und zart wurde seine Stimme: „Alles auf der Welt hat einen Schaden. Und da ist ein Stückl Fleisch, das keinen Makel nit hat. Und das muss man mit Ruten in Fetzen reißen. Es ist ein Elend. Wenn unser Herrgott die nächste Welt macht, muss er sich mancherlei Sachen ein lützel besser überlegen.“

   Lien hatte mit beiden Fäusten die Stange gefasst, die von der Decke zum Boden ging, und spreizte die Beine. „So, Mensch, fang an! Wir zwei müssen bald wieder auf den Turm.“

   Der Strafknecht stülpte den Hemdärmel hinauf.

   Da sagte der wankende Kassel leise: „Nimm vier Rütlein auf einen Bund!“

   „Ist nit der Brauch.“

   „Tu’s! Ein Bischof bist Du auch nit. Und ich bin Serjant. Wer weiß, wie bald Du mir unters Messer kommst?“

   „Befiehl’s halt!“, maulte der Knecht und griff nach den drei anderen Ruten.

   „Befohlen ist’s! Vier Rütlein auf einen Bund. Da ist’s geschehen im fünften Streich. Und zwanzig sieht man. Soll einer zählen, wie er mag.“ Mit seiner haarigen Geierhand strich Kassian Ziegenspöck zärtlich über die nackte, blanke, straffe Schulter des Lien. „Tu fest bleiben, Bub!“

   Lien nickte. „Ich bleib’s. Lass anheben!“

   Der Strafknecht hob die Ruten.

   „Wart noch ein lützel!“ Der Sergeant fasste den Arm des Knechtes. „Ich muss mich stärken.“ Er soff die ganze, frisch gefüllte Gurke aus, drehte die wässerigen Augen fort und brüllte: „Hau zu in Gottes und aller Heiligen Namen!“

   Pfeifend sauste der erste Streich herunter.

   „Viere!“, zählte Kassian Ziegenspöck.

   Dem Lien war nicht der leisteste Laut durch die Zähne gefahren. Unbeweglich stand er an die Stange geklammert. Vier rötliche Striemen. Kein Tropfen Blut. Die blanke, von der Sonne gekochte und vom Regen gegerbte Haut hatte standgehalten.

   Es klatschte. „Achte!“, zählte Kassian Ziegenspöck.

   Vier neue Striemen. Und wo sie sich mit den andern kreuzten, sickerte in feinen Tropfen das gesunde, mohnrote Blut hervor. Lien stand unbeweglich; nur die Waden zitterten ihm unter den Strumpfschläuchen; und ganz leise sagte er immerfort durch die Zähne: „Mein Silberweißlein, mein Silberweißlein, mein Silberweißlein, mein Silberweißlein…“

   Die Ruten pfiffen.

   „Zwölfe!“, zählte Kassian Ziegenspöck.

   Jetzt konnte man die Striemen nimmer zählen. Der Rücken des Lien war verwandelt in eine Sache, die aussah wie ein Mohnfeld in weiter Ferne. Ein heißes Lachen. In den weit geöffneten Jünglingsaugen ein Glanz wie von brennender Trunkenheit. Seine Fäuste klammerten sich um die Stange, dass ihm die Knöchel weiß wurden. Und unter diesem heißen Lachen immer das gleiche Wort: „Mein Silberweißlein, mein Silberweißlein!“ Und dazu mit erlöschenden Lauten noch dieses andere: „Du feines, Du liebes, Du herzsüßes Dinglein.“

   Die Ruten sausten herunter und klatschten im Blut. Rote Tropfen sprühten auf.

   Lien wurde stumm und taumelte. Die eine seiner Hände glitschte von der Stange weg. Gleich fing er sich wieder.

   „Zwanzig!“, brüllte Kassian Ziegenspöck. „Aus ist’s!“

   Der Strafknecht sah ihn verwundert an, und der wankende Jungsöldner lallte: „Serjant, Du hast Dich verzählt.“

   „Zwanzig!“, brüllte Kassian Ziegenspöck zum anderen Mal. „Die Straf ist gegeben, die Buß ist aus. Ihr Schöpsen! Ich bin der einzig’, der nüchtern ist und Gemerk hat und zählen kann.“ Er fasste einen von den beiden Wasserkübeln, die bereit standen, und leerte ihn über den Rücken des Gebüßten aus, nahm das Hemd des Lien, tauchte es in den anderen Eimer, rang das Wasser heraus, legte das nasskalte Linnen über die Wunden und band es dem Lien mit den Ärmeln um die Brust herum. „Komm, lieber Bub! Ich führ’ Dich hinauf.“

   Lien stand unbeweglich, mit geschlossenen Augen, und sagte leise: „Ein lützel tu warten. Ich muss nur ein paar Mal schnaufen. Nachher seh’ ich schon wieder.“ Man hörte das Rauschen des Regens, und schweigend patschte der Strafknecht durch das schmutzige Wasser davon, das spannenhoch über dem Pflasterboden der Bußstube lag. „So!“ Lien nickte. „Jetzt komm, Serjant!“

   „Tu Dein Hemd an den Ärmeln heben, dass es fest anliegt und nit rutscht!“

   Die beiden stiegen über die dunkle, steile Wendeltreppe hinauf. Als sie zu einem Absatz kamen, sagte Kassel: „Tu rasten, Bub, und schnauf!“

   „Wär’ nit nötig!“, sagte Lien, blieb aber stehen und atmete tief. „Kassel?“ Man hörte aus diesem flüsternden Wort ein Lächeln heraus, das man bei der Dunkelheit des engen Mauerschachtes nicht sehen konnte. „Jetzt weiß ich, was ich mir nie hätt’ denken trauen.“

   „Was denn, Bub?“

   „Dass es ein leichtes Ding ist, um der himmlischen Jungfrau wegen ein seliger Marterer werden. Bloß glauben muss man und leiden in Freud.“ Ein schwellender Atemzug. „Ich glaub’, Kassel! Und soll es einmal ans Leiden gehn, so will ich es tun mit Freuden.“

   „Ach, Du Narr!“, brummte Kassian Ziegenspöck. „Aber ein Glück ist’s, dass ich heut kein Seliger bin. Da tät’ ich schimpfen und fluchen im Himmelreich. Auf der Welt muss ich das Maul halten. Komm!“

   Als die beiden in die Serjantenstube traten, begann Wulli am Schwertriemen unter Gekläff und Gewinsel einen Jubeltanz.

   „So, Bub! Hock Dich her da! Auf mein Bett! Dass der Hund nit an Dich ankann. Ist ein gutes Vieh. Aber besser als Hundlieb’ ist Sauberkeit. Also? Hockst Du gut?“

   Lien nickte.

   „Legen därfst Du Dich nit.“ Kassel beschaute den Rücken des Lien. Ein bisschen kam ihm das Gruseln. Doch ruhig sagte er: „Ist nit so arg. Ein Bröselein tröpfelt’s noch. Ich bind’ Dir das Hemd als Blutfang um den Hosenbund herum. Aber wart! Erst muss ich die Gurk füllen. Mir nüchtert’s ein lützel.“ Er kroch unter die Bettlade. Als dieses Notwendige erledigt war, drehte er das nasse, rot getränkte Hemd zu einer Wulst zusammen und band sie dem Lien um die Hüften. „So! Jetzt bleib’ so hocken, bis das Blut dürr wird. In einem Stündl komm’ ich und tu, was sein muss. Da kannst Du morgen wieder auf der Mauer stehen.“

   Lien drückte seine Wange an die haarige Geierhand des Söldners und sagte: „Vergeltsgott, Mensch!“

   „Geh, Du!“ Kassel lachte und bürstete mit der Hand über das kurze Haar des Lien. „Dich mag ich, weißt.“ Wieder lachte er. „Ist schon wahr: Wenn ich die runde, rote Pernella wär’, mich könntest Du haben auf der Stell.“

   Da hob der Jungsöldner die heiß glänzenden Augen und sagte ernst: „Ich tät’ nit mögen.“

   „Ui, guck, wie heikel der Grashupfer ist.“ Und lachend ging Kassian Ziegenspöck davon.

   Lien saß unbeweglich auf dem Serjantenbett, den Rücken gekrümmt, mit aufgezogenen Knien, die Arme draufgelegt, mit der Stirne auf seinen Händen.

   Vor der anderen Bettlade hing Wulli am gespannten Schwertgurt, als wäre das Bett ein Wagen, den er ziehen müsste. Der Wagen ging nicht von der Stelle, und wie sich Wulli auch streckte, er konnte den Lien mit der Schnauze nicht erreichen. Winselnd klappte er die Ohren herunter und stellte sie wieder auf und windete und schnupperte da hinüber, wo sein Schäfer so gesund und köstlich duftete wie noch nie.

   Das Winseln des Hundes ermunterte den Lien. Er legte das Gesicht auf die Wange, dass er den Wulli sehen konnte. Und lächelte immer. Und fragte leise und geheimnisvoll: „Wulliwulli? Bist Du klug? So sag mir, wer mein Silberweißlein ist? Mein Edelfräulen Silberweiß? Red, Wulli. Weißt Du das?“

   Wulli schien der Meinung zu sein, dass man bei aller geistigen Arbeit sitzen muss. Er ließ sich auf die Hinterseite nieder, streckte den Hals und machte die Ohren spitz. Eine wundervolle Klugheit funkelte in seinen Lichtern.

   Da lachte Lien. „Tu Dein gescheites Köpfl nit plagen. Wer mein Silberweißlein ist, das weiß nur einer. Der sagt es nit.“ Er schloss die leuchtenden Augen und beugte wieder die Stirn auf seine Hände.

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