Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 13

   Eine fünfmäulige Lampe, die von der Holzdecke herunterhing und mehr Ruß als Helle gab, beleuchtete Frau Scholastikas grün und gelb überhimmelten Perlenschein.

   Ritter Korbin, mit den Glanzlichtern des Fiebers in den Augen, lag gegen einen Berg von Kissen gelehnt, hügelte mit aufgezogenen Knien die Bettdecke in die Höhe und klammerte die Faust um den Henkel der Weinbitsche, als bedürfte er eines festen Haltes wider die Schauerstöße seines Fiebers.

   Der gedeckte Tisch war an die Bettlade herangerückt. Neben Herrn Korbins Kissen saß Frau Schligg, das Gesicht von Angst verstört und so glühend, dass man hätte glauben können, sie wäre viel kränker als ihr Mann. auf der anderen Seite des Tisches, neben der Fußstelle des Vaters, saß Hilde in ihrem braunen, weißärmeligen Hauskittel, das ernste Gesichtchen von Blässe bedeckt, in den Augen einen ratlos suchenden Blick, der immer wieder in irgendeinem dämmerigen Winkel der Stube hängen blieb und etwas Unbegreifliches, etwas für die Augen der anderen gar nicht Vorhandenes in Schreck und Neugier zu betrachten schien. Neben der Sorge um den Vater war in ihrem Herzen nun auch noch dieses neue, wunderliche Rätsel. Es war erwacht in ihr, als der Vater, die Mutter und Herr Melcher bei der Mahlzeit davon zu reden begannen, dass die Not der Zeit es rätlich erscheinen ließe, das irdische Zusammengehören der Kinder zu beschleunigen. Lachend unter einem Rüttelstoß seines Fiebers hatte der Vater sie gefragt: „Was meinst Du, Mädel, willst Du Hochzeit halten, eh der Seeburger den ersten Sturm versucht?“

   In kindlicher Ruhe hatte sie noch sagen können: „Ich will tun, was meines Vaters Will und der Wunsch meiner Mutter ist!“ Dann war ihr plötzlich ein seltsames Rieseln durch Leib und Seele geronnen und hatte einen schmerzenden Schreck in ihr geweckt. Warum? Würde nicht alles so sein, wie es immer gewesen? Und blieben nicht Vater und Mutter bei ihr auf dem Trutzberg? Warum musste sie zittern? Warum wünschte sie die Augen zu schließen und nichts mehr von dieser abscheulichen Welt zu sehen? Weil sie ihrem Bräutigam und Seelengatten noch immer zürnte? Wegen seiner unhöfischen Widersitte auf dem Taubenturm? Nein! Ganz ruhig konnte sie jetzt an jene Stunde denken, die sie damals erschreckt hatte bis ins tiefste Blut. Das war so fern, wie längst vergangene, spurlos versunkene Dinge sind. Und doch diese Angst in ihr? Warum? Sie fand keine Antwort. Aber den quälenden Widerwillen, den sie fühlen musste, kannte sie. Seit ihrer Kindheit gab es eine Speise, die sie nie zu essen vermochte: Mehlmus mit gezuckerten Himbeeren. Wenn man das Schüsselchen zur Tür hereinbrachte, fühlte sie gleich einen peinigenden Ekel, bevor sie die entsetzliche Speise noch gesehen hatte – nur, weil das Näschen sie witterte. Nun war der gleiche Widerwille in ihr, bei jedem Gedanken an den Trutzbergischen Jungherrn, nein, bei jedem Gedanken an das ewige Zusammenleben mit ihm – nein – sie wusste nicht, warum, und fühlte nur, dass es ein Unerträgliches war, ein bei Gottes Barmherzigkeit ganz Unmögliches! Und als Frau Angela zuerst in Ruhe und dann in wachsender Schärfe gegen die „sinnlose“ Beschleunigung der Hochzeit zu reden begann und sie bezeichnete als „übermütigen Spott auf die böse Zeitgefahr“, hatte Hilde dankbar aufgeatmet und zum ersten Mal ein Gefühl der heißesten Zärtlichkeit für diese kluge, liebe, treffliche Frau empfunden.

   Da war die Margaret erschienen und hatte die Hausfrau aus der Stube gewunken. Und Herr Melcher war neugierig geworden. Und beim Klang der schrillenden Stimme da draußen hatten der Vater und die Mutter einander sonderbar angesehen. Frau Schligga hatte ein heiß glühendes Gesicht bekommen. Und Herr Korbin hatte ärgerlich ein paar unverständliche Worte gemurrt. Jetzt guckten Frau Scholastika und der Puechsteiner über die drei leeren Sessel des Tisches erwartungsvoll zur Flurtüre hinüber. Und in Hildes verwirrter Seele war immer eine schreiende Stimme: „Lauf davon! Spring über die Mauer hinunter! Lauf in die Welt hinaus, bis wo sie ein End hat!“ Nein, nicht so weit! In der Trutzburg musste sie bleiben. Sie musste! Nur nicht bleiben an diesem Tisch, vor diesen drei leeren Sesseln, von denen einer auf einen wartete, der noch schrecklicher war als Mehlmus mit gezuckerten Himbeeren! Ach, nur hinauslaufen dürfen in ihre große, öde, fremde Stube, deren Bett ihr, auch wenn sie sich streckte und die Arme auseinanderlegte, noch viel zu breit und zu lang war! Und die da drüben durch die offene Türe hereinsah wie ein Viereck voll schwarzer Finsternis.

   Es war die Trutzbergische Ehrenstube, in der die Herzöge von München und Landshut und die Bischöfe von Chiemsee und Salzburg schliefen, wenn sie zu Gast kamen. In dieser Stube roch es nach Lavendel, Wachs, Wacholder und muffiger Seide. Auch ein mutiges Mädel hätte sich da ein bisschen fürchten können, weil man immer an hochselige Fürstlichkeiten und an erloschene Kirchenlichter denken musste, die früher einmal diese Bettlade beschwert hatten und längst unter marmornen Blöcken begraben lagen. Und dennoch wäre diese gruselige Stube für Hilde jetzt wie eine Heimat der Erlösung gewesen – diese leibe, sichere, von schönen Dingen und lächelnden Träumen erfüllte Stube, in der ihr kupferner Kämmerleinsherrgott winzig von der großen Kopfwand des Himmelbettes herunternickte, und in deren Erker zwei gerettete Kostbarkeiten des Puechsteins hingen: Die leise redenden Bilder der tapferen Joanne Darc und der unglückseligen Frau Nese Bernauerin. Bilder? Nein! Die kleinen Täfelchen waren wie Blumen und rochen stärker als Wacholder, Wachs und Lavendel; sie hatten den Duft der Heide, der Steinnelken im Bruchland, hatten den Duft von Treue, Gesundheit und Kraft. Ach, nur die sieben Sprünge bis da hinüber machen dürfen! Und bei diesen rettenden Bildern sein!

   Mit viel Geräusch wurde die Flurtür aufgerissen. Hilde erschrak und atmete wieder auf, als sie nur Herrn Melcher und die hilfreiche Frau Engelein kommen sah. „Gott straf mich, lieber Korbi, es ist ein Jammer mit den Weibsleuten! Was für ein unschuldsvolles ding ist ein Mäusl! Und für die Weiber ist’s ein Ungeheuer, vor dem sie nach dem heiligen Jörgi schreien!“ Lachend nahm Herr Melcher seinen Tischplatz ein. „So ein Geschrei machen! Wegen einer Maus, die einem über den Fuß hupft!“ Heiter beugte er sich hinter dem noch leeren Sessel des Jungherrn gegen Frau Angela hin, die sich mit unverhehlter Erbitterung am Tisch niedergelassen hatte. „Und Du, liebs Weibl, brauchst ja schon gar keine Sorg nit haben. Eine Maus ist bloß gelustig auf Speck. Da beißt sie doch Dich nit an. Ein Speckschwartl bist Du wahrhaftig nit.“ Er griff nach der Weinbitsche.

   Frau Engelein war wie geistesabwesend und sah mit nassen Augen zur Stubendecke. Ritter Korbin guckte sie von der Seite an. „So, so? Ein Mäusl?“, sagte er und trank seinem Freund Melcher nachdenklich zu. „Wie hat’s denn ausgeschaut?“

   „Grau halt, mit einem langen Schwänzl.“

   „So sind die Puechsteinischen Mäus. Deine Trutzbergischen Rätzlein, lieber Melcher, müssen außerdem noch was Seltsams haben. Sonst wär’ Dein verständiges Weibl nit gar so über Maß erschrocken.“

   Jetzt fing Frau Engelein zu reden an, hart, in unbeweglicher Haltung: „Schreck macht fürsichtig und weckt die Besinnung auf. Ich hab’ mir’s überlegt. Ich will, dass mein Sohn zu Ruh und Ordnung kommen soll. Morgen will ich alles zurichten, was nötig ist. Und übermorgen, in Gottes Namen, mögen die zwei ihr eilfertiges Beilager halten.“ Frau Angelas Gesicht entstellte sich. „Soll’s kommen, wie’s mag! Da bin ich als Mutter außer Spiel.“ Sie schoss einen unfreundlichen, fast boshaften Blick zu der blassen Braut hinüber. „Warum soll denn ich allein allweil merken müssen, was das heißt: Ein Mannsbild auf dem Buckel haben?“

   Nach diesem heftigen Rätselwort der Burgfrau bleib es in der Stube sehr still. Ein erschrockenes Mädchenherz pochte wohl wie ein irrsinnig gewordener Hammer; aber das geschah in verschlossener Brust und blieb unhörbar für die anderen. Hildes Augen sahen entgeistert über den Tisch zu dieser unbegreiflichen Frau hinüber, die vor wenigen Minuten noch ein gutes, verständiges und hilfreiches Mütterchen gewesen war und jetzt wie eine Schrecken erregende Steinsäule auf ihrem Sessel saß: Das feindseligste und gefährlichste Weib der Welt! Hätten Herr Korbin, Frau Scholastika und Herr Melcher einen Blick in Hildes Augen geworfen, so hätten sie reichliche Ursach zum Erstaunen gefunden. Doch sie betrachteten alle drei mit einigem Verwundern nur die säuerlich lächelnde Frau Engelein.

   Der Puechsteiner räusperte sich wie bei einem Kitzel im Hals und richtete einen fragendne Blick auf seinen Freund und Bundesgenossen. der trank, verkleckerte die Hälfte des zornigen Schluckes auf Wams und Strumpfhosen, stellte die tröpfelnde Bitsche nieder und sagte zu seiner Hausehre: „Auf den Buckel bin ich Dir noch nie hinaufgestiegen. Obwohl Du mich schon des öfteren dazu eingeladen hast!“

   Frau Schligg wurde verlegen, während der Puechsteiner heiter zu lachen begann: „Melcher, jetzt hast Du den erlösenden Stoß getan. Die Schlacht ist gewonnen.“ Mit der Weinkanne winkte er spöttisch zur Burgfrau hinüber: „Gelt, Fraun Engelein? Wie die Wörtlein klingen, so zählen sie nit. Allweil kommt’s drauf an, was sie fertig bringen. Mit redlichem Christenwillen habt Ihr nach meines Kindes baldigem Himmelreich getrachtet. Der Wanderpfaff hat Recht gehabt. Jetzt tut sich das selige Pförtlein auf. Und gucket, herzgütige Frau –“ Er deutete nach der Stubentür, die sich öffnete. „Flink ist der unschuldsvolle Heilige da, der sich freuen kann!“

   Ein Fieberschauer rüttelte den Puechsteiner, als Eberhard mit höfischem Tanzschritt in die Stube trat, gewaschen und gestrählt, voll Unschuld lächelnd, im Schmuck seiner grünroten Sonntagswad.

   „Komm, Bub!“ Herr Melcher erhob sich. Die am Gürtel hängenden Weintropfen kollerten ihm übers Knie herunter. „Tu Deinem holden Bräutlein die Hand bieten! Um der Zeitnot willen soll Euer Glück einen Vorsprung kriegen. Mit Zustimmung Deiner gütigen Mutter haben wir ausgemacht, dass man Euch übermorgen das Beilager rüstet.“ Er geriet in eine wehmütige Stimmung. „Bub! Was Glück heißt, muss man verdienen. Alle Freud der Menschen hat flinke Füß. Man muss ihr gütig zureden, wenn sie bleiben soll. In Gottes Namen, ihr lieben Kinder, jetzt kommet her, ich will Euch segnen!“ Bei seiner milden Rührung blieben ihm wohl die Lider trocken, aber sein Bauch glich einem breiten Gesicht, das ohne Augen war und sich doch darauf verstand, viele Tropfen fallen zu lassen.

   Im Blick des Jungherrn glänzte nach der ersten Verblüffung eine heiße, dürstende Freude auf, die ihn merklich verschönte. In dieser strahlenden Befriedigung über die greifbare Nähe des nun siegreich erfochtenen Himmelreiches glich er einem guten, wahrhaft beglückten Menschenkind. Der wohlgefällige Wandel, der sich in seinem Wesen vollzog, schien sogar auf die steife Härte der Frau Engelein mildernd einzuwirken, während Frau Schligg, der Sorge um den Gatten für einen Augenblick entrissen, alle redliche Freude ihres Muttergefühls in fließenden Tränen erschimmern ließ. Nur Herr Korbin schien dieser allgemeinen Rührung nicht teilhaftig zu werden. Halb aus den Kissen sich aufrichtend, im hageren, vom Fieber erhitzten Gesicht die Zeichen eines heftigen Wundschmerzes, betrachtete er zuerst verwundert, dann in wachsender Sorge sein stummes, blasses Kind.

   Wie Hilde sich beim stürmischen Näherkommen ihres Bräutigams vom Sessel erhob, das glich dem erschrockenen Zurückweichen vor einer finsteren Tiefe, vor einer mörderisch anrauschenden Flutwoge. In ihren starren Bewegungen war’s wie lallende Sprache eines erwürgten willens zur Flucht. Als der Jungherr sie berühren wollte, riss sie ihre kleinen Hände bis an den Hals zurück. Verzweifelt irrten ihre Augen zum Bett hinüber. Die paar Wörtlein, die sie sagte, waren nur ein scheues Flüstern. Dennoch wirkten sie wie ein Schrei aus aller tiefsten Qual eines Menschenherzens: „Vater! Das kann ich nit.“

   Eberhards gelb befranste Hummelaugen, die noch eben in gieriger Himmelsfreude gefunkelt hatten, guckten ein bisschen dumm in die Welt; wie mit kaltem Wasser begossen, stand er neben dem Tisch. Auch Herrn Melcher schien der Verstand ein wenig aus den Fugen zu geraten. Frau Schligg war erschrocken, dass sie zittern musste. Und Frau Engelein, in der bei jäh verwandeltem Gemütszustand der Sorgenmut einer Löwin um ihr Junges erwachte, sprach ein zorniges Wort über den zweifelhaften Segen, den alles Puechsteinische, Mensch und Federvieh, über den Trutzberg ausgoss, und eilte kampfbereit an die Seite ihres ratlos stotternden Sohnes.

   Nur Herr Korbin blieb ruhig und fragte ernst: „Was, mein gutes Kind? Was kannst Du nit?“

   Auch Hildes Antwort hatte ruhigen Klang und war doch wie der inbrünstige Hilferuf einer in bodenlosem Wasser Versinkenden: „Ich kann nit das rote Kränzlein tragen, kann nit essen und nit das Becherlein heben, kann nit lachen und mich freuen, kann nit die Geigen hören und den Reihen tanzen, derweil man Vater in Schmerzen leiden muss.“

   Da lachte Herr Melcher. Nun tröpfelten ihm auch die Augen, nicht nur das Wams und der Gürtel. „Ach geh, Du Dummerlein, Du liebes! Wir wollen doch nit rauschig werden und dudeln bei Deinem Glück. Bloß ein stilles Festlein wollen wir rüsten zu Eurer Freud, eh der Seeburger dreinredet mit Feldschlangen und Hakenbüchsen. Wenn’s Ernst wird, sollet ihr zwei doch wissen, dass ihr zueinander gehört.“

   In Schauder sich zurückbeugend, schlug Hilde den Arm vor die Augen. „Ich kann nit! Ach, Vater Melcher, ich kann doch nit! Und wenn ich drum sterben müsst’, ich kann’s nit erzwingen von meiner Seel!“

   „Jesus, Kindl?“, weinte die Puechsteinerin. „Was ist denn mit Dir?“ Und Frau Engelein fing in galliger Schärfe zu reden an. Sie sprach von Leuten, die nehmen wollen, ohne dass sie was Rechtschaffenes zu geben hätten, erinnerte sich nimmer des Pfaffenstübleins im Burgfried, sondern stimmte ohne Rückhalt ihrem gekränkten Sohn bei, der aus seiner übel verwandelten Himmlreichsfreude eine etwas unzusammenhängende Reihe von stolzen, doch immer noch höfisch bleibenden Worten hervorholte.

   Mit der befehlenden Geste eines erfahrenen Schlachtenlenkers streckte Herr Korbin seine Hand über den Tisch. „Ein lützel Ruh, ihr guten Leut! Ich merk’, das Mädel ist verschüchtert, und ich will nit fragen, durch was. Frau Engelein, mein’ ich, könnt’ wissen, was für ein schreckhaftes Mäusl meinem Kind über die junge, saubere Freud gelaufen ist. Lassen wir’s gut sein! Das wird sich klären.“ Er sah den Jungherrn an, dessen edel gedämpfter Stolz sich unter diesem funkelnden Blick in eine Mischung von Ärger und Verlegenheit verwandelte. „Das wird sich auch ändern müssen! Den Glücksboden soll man reinlich pflügen, er ist kein Krautfeld, das man düngen darf mit allem Dreck des Tierischen.“ Herr Korbin schob den Tisch von der Bettlade weg, fasste seine Tochter am weißen Leinenärmel und zog sie neben seinem Schoß auf die Kante des Bettes nieder. „So, liebes Kind! Jetzt schau Deinem Vater grad und ehrlich in die Augen!“

   Langsam hob Hilde das blasse, von tiefem Ernst versteinte Gesichtchen. Die Brauen waren hart zusammengezogen, und die großen Weilchenaugen flehten um Hilfe.

   „Kind, was ist in Dir?“

   „Die Sorg’, Vater, und – ich weiß nit, was –“

   Frau Scholastika wollte sprechen. Ihr Gemahl wehrte mit der Hand. „Tu jetzt den Schnabel halten, liebe Schligg! Das Stündl, in dem Du als Mutter reden musst, wird kommen.“ Er strich das dunkle Haargeringel aus Hildes Stirn. „Mir scheint, lieb Kind, in Deiner jungen Narretei und Unschuld weißt Du noch allweil nit, was das heißt: Eines Mannes Weib werden? Kränzlein tragen, Becherlein lupfen, Geigen hören und Reihen tanzen? Das ist es nit. Es ist was anderes, Kind. Und kann das Härteste im Leben eines Weibes werden. Aber auch das Beste, Schönste und Seligste.“ Er drehte das fieberheiße Gesicht und lächelte. „Gelt, lieb Schligg?“

   Die beglückte Puechsteinerin sah nicht das heiße Fieberbrennen in diesem Blick, der fast wie das Abschiednehmen eines Sterbenden war. Sie fühlte nur die Freude über das kostbare Wort, das ihr Mann gesprochen hatte. Und während in den starren Augen der Frau Engelein, die steif und mit dünnen Lippen neben ihrem Sohn stand, ein neidischer Zorn der Armut aufglomm, erglänzte in dem sonst ein bisschen hausbackenen Milchgesicht der Frau Scholastika etwas wunderbar Schönes. Darüber schien Jungherr Eberhard sich zu erheitern, und Herr Melcher, der es gewahrte, wurde ärgerlich: „Du! Lus auf, mit ziemendem Ernst! Was mein Korbi redet, ist ein Heiliges.“

   Wieder strich der Puechsteiner mit der Hand über die dunkle Lockenfülle seines Kindes. „Die Mutter wird Dir alles sagen. Und morgen wirst Du mein mutvolles und verständiges Kind sein. Gelt?“

   Stumm nickte Hilde. Ihr Köpfchen blieb gesenkt, als läge ihr ein drückender Stein auf dem Nacken.

   „Dass ich wund bin und leiden muss, ist wahr. Der Himmel wird ein Einsehen haben und mich genesen lassen von der dummen Läpperei. Deiner Mutter Balsambüchsl und ein paar Fetzen Pechpflaster werden mithelfen. Wenn’s Ernst wird, muss ich bei meinem Melcher auf der Mauer stehen. Aber mein Vaterherz ist ganz und heil. Des musst Du nit Sorg haben. Du sollst Dich freuen, Kind! Lieber morgen als übermorgen. Dass ich Dich sehen soll in einem festen, notfernen Glück und gut geborgen – Kind, das wird mir von allem Pflaster das beste sein und wird mithelfen zu meiner Genesung. Jetzt red, Du liebe Maus, die kein schreckhaftes Schwänzl hat? Willst Du gescheit sein und Deinen Vater gesund machen? Und mich herauslupfen aus aller Sorg’ um Dich?“

   Geschüttelt von einem Schluchzen, das ohne Schrei und ohne Tränen war, umklammerte Hilde den Hals des Vaters. „Ich tu’s, ich tu’s, ich tu’s, mein Vater soll leben, und wenn ich sterben müsst’!“

   „Jesus“, stammelte Frau Schligg erschrocken, „Kindl, Du tust ja dem Vater das Wundbein drucken.“

   „Das hat mir wohl getan, nit weh.“ Herr Korbin lachte und richtete das Köpfchen seines Mädels auf. „Dich spürt man nit. Wie ein Federlein bist Du!“

   Welch ein Schreck verbarg sich in diesem zärtlichen Wort? Wieder war in Hildes Augen jenes irrende Suchen. Jetzt hatte doch ihr Vater gesprochen, das war doch seine Stimme gewesen: „Wie ein Federlein bist Du!“ Und immer, immer klang es wieder, klang mit der Stimme eines anderen, im Duft der Heide und beim Gehämmer jagender Hufe: „Wie ein Federlein bist Du!“

   Ganz heiter wurde der Puechsteiner. „Sterben? Was sagst Du, Melcher? Dass die feinen Maidlen, wenn sie aufwachen sollen zum rechten Leben, doch allweil vom Sterben reden müssen! Solche Späßlein machen der Herrgott und das Blut im Menschen.“

   Über diese fröhliche Weisheit konnte Herr Melcher nicht lachen. Er musste an ein feines Mädel mit seltenem Namen denken, das vor vielen, vielen Jahren vom Sterben geredet hatte, als es in heimlicher Nacht an seinem Hals gehangen.

   „So, Kind!“, sagte Herr Korbin. „Jetzt tu Dich tapfer aufrichten und tu Deinem Brautherrn die Hand bieten! Er ist schon ein lützel ungeduldig und will seinen Mannskuss haben von Deinem lieben Schnabel.“

   Hilde erhob sich so langsam, als lägen ihre Glieder in eisernen Bändern gefangen. Ihre Augen waren erweitert und unbeweglich wie die Augen einer Blinden. Ein schmerzhaftes Lächeln irrte um ihren entfärbten Mund. „Wie Vater und Mutter es haben wollen …“, sagte sie leise und streckte die zitternde Han.

   Hastig fasste Eberhard ihre Finger, umspannte ihre Hand, umklammerte ihren Arm, zog die Braut an sich und sprach ein himbeersüßes Wort seines hungrigen Glückes.

   „Mit Gottes Will und gütigem Segen!“, flüsterte Frau Scholastika in mütterlicher Andacht. Und Herr Korbin hob lachend die Weinkanne: „Komm, Bruder, wir stoßen an auf einen gesunden Trutz, der nit ausbleiben wird!“ Auch Herr Melcher lachte, schlang den Arm um seine schweigsame Hausehre, lupfte vergnügt die Bitsche mit der dreifingrigen Hand, kleckerte sehr reichlich und holte ein Bröcklein von dem Latein heraus, das von der Ministrantenzeit seiner Knabenjahre in ihm verblieben war: „Benedictus, qui venit in nomine Domini! Den Seeburger mein’ ich nit.“ –

   Ein Wehlaut. Er klang wie das Fieberlachen eines kranken Kindes. Und während Hilde unter einem Schauer den Kopf zurückpresste in den Nacken, erstarrte ihr Blick. In dem heißen Gesicht, das sich zu ihr niederbeugte, sah sie den glichen schrecklichen Augen, die sie auf dem Taubenturm gesehen hatte.

   Die anderen, mitten in ihrer lachenden Freude, vernahmen einen Zornfluch des Jungherrn. Sie wussten nicht, was geschehen war – sie sahen nur, dass Hilde in ihre finstere Stube flüchtete, wie gejagt von einem Höllenschreck. Und Frau Scholastika, in sprachloser Sorge, lief ihrem Kind nach.

   Mit scharfer Stimme sagte Frau Engelein: „Da wird man doch fragen müssen –“ Vor Schreck verstummte sie, flink das Gesicht bekreuzigend, umlodert von einer blendenden Feuerhelle, die in mehrmaligem Aufzucken die Stube taghell beleuchtete, jedes Gesicht einer grünlichen Gespensterlarve ähnlich machte und alles Gerät des Raumes, die Mauern, den Zimmerboden und die Decke in weiß und bläulich wabernde Flammengebilde verwandelte.

   Auch die Trutzbergische Ehrenstube, in die sich Hilde geflüchtet hatte, war erfüllt von diesem zuckenden Feuergeloder – und Frau Scholastika, zwischen beiden Räumen auf der Schwelle, sah in diesem grellen Flammenschein ihr Kind auf dem großen Fürstenbett knien, den Oberkörper hingeworfen gegen die Kopfwand des Betthimmels, mit beiden Händen Hilfe suchend den Kämmerleinsherrgott umklammernd, den der Schäfer Lien aus der verlassenen Burg des Puechsteiners gerettet hatte.

   Alles Helle erlosch, und die geblendeten Augen sahen eine schwarze Finsternis, in der sich die trüb brennende Talglampe nur langsam bemerkbar machte.

   „Gott sei Lob und Dank“, sagte Herr Melcher ein bisschen beklommen, „es ist ein kalter Strahl gewesen, der nit gezunden hat.“

   Mit Gerassel fiel der Donner aus den Lüften und rollte und dröhnte, dass alles Gemäuer zitterte.

   Ritter Korbin brummte: „Jetzt wird der gütige Weltvater unmutig und wirft die himmlischen Milchschüsseln über die Kellerstieg herunter.“

   Wieder Blitz und Donner, flammende Helle und Ohr betäubendes Gerassel. Keine Pause mehr dazwischen, Feuer und Dröhnen ineinander gewirbelt, und jetzt ein schweres und dumpfes Rauschen, als hätte irgendwo in der Höhe ein großer See das Ufer auseinander gerissen, um mit seinen Wasserfluten den Trutzberg und die ganze Welt zu ersäufen. Auf den stielen Dächern ein Getrommel wie von Millionen Fäusten, dazu das Gegurgel in den Dachrinnen, das Geplätscher der Wasserspeier, und immer wieder das wilde Zorngelächter des Donners und das blendende Blitzgeloder.

   Frau Engelein betete mit lauter Stimme, gefoltert von der Sorge, dass der Blitz in die Eierkörbe schlagen könnte. Herr Melcher und der Puechsteiner sahen einander schweigend an. Sie wussten: Dieser Regen löscht die Waldglut, dann werden die Schlangen des Heini von Seeburg donnern und es kommt die blutige Arbeit beim Brückentor. Keiner von den beiden sprach. Sie reichten einander schweigend die Hände. Und während Frau Engelein sehr hastig das Vaterunser hersagte und sich bei jeder neuen Blitzflamme bekreuzigte, hörte man aus der Trutzbergischen Ehrenstube die Stimme der Frau Scholastika, die sehr aufgeregt zu ihrem Kind redete.

   Jungherr Eberhard, in Verblüffung, Zorn und Ratlosigkeit, stand noch immer auf dem gleichen Fleck und guckte mit weit offenen Hummelaugen zur Tür der Ehrenstube hinüber. Nun sah er die Mutter an und wartete, bis sie mit dem Vaterunser zu Ende kam; bevor sie ein neues beginnen konnte, sagte er rasch: „Wie ist das jetzt? Mit meinem Beilager?“

   Ein neuer Blitz bewahrte ihn vor einem Zornwort seiner Mutter; sie musste sich wieder bekreuzigen, musste wieder beten.

   Unter dem Rollen des Donners erklärte Herr Korbin: „Deine Sehnsucht, Jungherr, wird sich gedulden müssen. Mein Mädel ist wetterscheu geworden. Da ist nichts mehr zu machen heut. Morgen ist wieder ein Tag. Ich sorg’ nur, es wird kein guter werden.“ Er wandte sich an den Burgherrn. „Geh, Melcher, und tu Dich schlafen legen! Morgen musst Du gut ausgerastet sein!“ Ein eiserner Wille spannte alle Züge seines fieberheißen Gesichtes. „Und ich muss genesen in der heutigen Nacht. Ich will und muss!“

   „Gott soll’s geben, mein Gesell und Bruder!“, sagte Herr Melcher ernst. „Komm! Da lass uns drauf noch einen festen Trunk tun!“

   Frau Engelein betete sehr zerstreut; sie hörte aus der Tiefe des Herrenhauses herauf ein wirres Geschrei der Mägde; und da wollte sie zur Türe laufen.

   Eine flammende Blitzhelle. Von dem schein geblendet, fuhr Herr Melcher beim Griff nach dem Bitschenhenkel daneben. der hohe Holzhumpen plumpste unter dem Gerassel des Donners auf die Seite, goss die reichliche Menge seines Weines über das Tischtuch hin und schickte noch einen festen Guss in den Perlenschrein der Frau Scholastika.

   „Höi!“, lachte der Puechsteiner und rückte beiseite, um trockenen Grund zu finden.

   Sehr erschrocken sah Herr Melcher seine Hausehre an und stotterte: „Tu mir verzeihen, liebs Weibl, es ist nit gern geschehen!“

   „So! Ja!“, kreischte Frau Engelein in Zorn und Schadenfreude. „So hat’s noch kommen müssen! Jetzt ist der Sauhirt römischer Kaiser worden!“ Unter schrillem Gelächter, das sie mit abgerissenen Worten des Vaterunsers untermischte, lief sie aus der Stube. Bevor sie die Türe zuschlug, konnte sie den Puechsteiner noch heiter sagen hören: „Das Unglück ist nit so groß. Dein Wein, lieber Melcher, ist allweil fein gekühlt. Er wird mir die Hitz meines Fiebers lindern.“

   Das Geschrei der Weiber, das Frau Angela vernommen hatte, klang aus der Küche herauf.

   Hier musste die Burgfrau eine schreckliche Bescherung finden. Man watete auf dem Küchenpflaster bis über die Fußknöchel im schlammigen Regenwasser, das vom Burghof und aus der Söldnerstube heruntersprudelte. Händeringend klagte Frau Engelein, dass sie die leibe, schöne Küche bis an ihr Lebensende nimmer sauber bekäme.

   Die alten Weibsleute, die mit Gezappel und Geschrei gegen die Überschwemmung kämpften, trugen die Röcke bis übers Knie geschürzt; was man dabei zu sehen bekam, erinnerte entweder an dürre Bohnenstängelchen oder an fleischfarbene Schmalztöpfe. Nur die rote Pernella, die sich mit verschwollenem Gesicht und in sehr übler Laune an der nassen Arbeit beteiligte, glich im Schatten der gebauschten Röcke dem unteren Viertel einer hübsch und rund gedrechselten Eva. Das war ein Anblick, den Frau Engelein nicht ertragen konnte. In Zorn befahl sie: „Tu Deinen Rock hinunter, Du Unzüchterin, Du ausgeschämte!“ Pernella gehorchte stumm, mit einem spöttischen und rachsüchtigen Blick.

   Auch bei den Türen des Söldnerhauses gab es schwere Arbeit, um die eindringenden Wasserbäche abzuleiten. Immer hörte man die befehlende Stimme des Kassian Ziegenspöck. Sie klang sehr deutlich. Sein rauer Säuferbass hatte sich wie durch ein Wunder in ein Organ von auffallender Klarheit verwandelt.

   Erst spät in der Nacht, als der Wolkenbruch des erlöschenden Gewitters sich zu einem gleichmäßigen Schnürchenregen milderte, wurde man der Überschwemmung Herr.

   Nun hätte Frau Engelein aufatmen können. Doch von der Maragaret musste sie jetzt ein böse Nachricht hören. Innerhalb der kurzen Zeit, die die Schloßhauserin gebraucht hatte, um die Burgfrau vom Abendtisch wegzuwinken, war aus jedem der zwanzig Legnester des Trutzbergischen Hühnerstalles das einschichtige Ermunterungsei verschwunden.

   Zwanzig Eier! So unverschämt hatte es der rätselhafte Nesterdieb noch nie getrieben. Unter Zorntränen tat Frau Engelein den heiligen Schwur: Das gotteslästerliche Naschmaul entdecken zu wollen, ehe drei Tage vergangen wären.

   Eintönig rauschte der Regen durch die Nacht herunter, während die edle Burgfrau mit der Schlosshauserin in der Speisekammer beim schein der Laterne ein geheimnisvolles Werk betrieb. Zwanzig Eier wurden vorsichtig angepickt. Die Margaret musste mit einem Strohhalm aus jedem ei den halben Dotter heraus blasen. Dann wurde spanischer Pfeffer durch ein spitziges Trichterchen in das Ei hineingeschüttet, bis es wieder voll war. Das Löchlein der Eischaler wurde mit Gipsteig glatt verstrichen, das Ei durch ein unauffälliges Zeichen gemärkt. Und mit diesen bös geladenen Ermunterungseiern musste Margaret die zwanzig Nester beglücken.

   In die eine oder andere dieser Pfefferfallen musste der Dieb hineintappen. Dann wehe ihm!

   Auf solche Weise hatte Frau Angela schon einmal vor vier Jahren eine Eierdiebin entdeckt. Der spanische Pfeffer hatte der Spitzbübin den Schlund und Gaumen zu brennendem Feuer entzündet, und das Naschmaul war aufgeschwollen wie ein Kürbis.

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