Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 12

   Von Tal zu Tal, quer über den Hügelrücken des Trutzberges hin, brannte der Wald immer näher gegen das Lager der Seeburgischen. Die hatten schwer zu schaffen, um eine Gasse durch den Buchenbestand zu hauen und den Brand von sich abzuwehren.

   In der Trutzburg schaffte man nicht minder. Aber man hatte Zeit gewonnen, um alle Vorbereitungen zur Abwehr eines Sturmes zu treffen. Von Norden, Osten und Westen war ein ernstlicher Angriff bei der Steile des Berghanges und der Höhe der Mauern nicht zu besorgen, nur ein Scheinkampf, um die Verteidigung des Brückenturmes zu schwächen. Und solange das freundliche Waldfeuer loderte, war auch ein Sturm wider Graben und Fallbrücke ausgeschlossen. Ein ganz verlässlicher Bundesgenosse war diese riesige Flamme freilich nicht. Trotz des kräftig zeihenden Gegenwindes hauchte sie auch über die Trutzburg eine Hitze hin, dass die Leute bei der Arbeit schwitzen mussten wie Schmiede und Bäckergesellen. Die Burghöfe verwandelten sich in Provinzen des Schlaraffenlandes – Tauben und andere Vögel, die sich im Qualm des Waldbrandes verirrt hatten, fielen mit verkohltem Gefieder und halb gebraten auf das Pflaster herunter.

   In den Stuben des Herrenhauses wurde die Hitze fast unerträglich. Frau Schligg betreute ihren fiebernden Gatten im dünnen Schlafkleid, und der ruhelose Ritter Korbin, der, kriegserfahrener als Herr Melcher, vom Perlenschrein der Frau Scholastika aus die Verteidigung der Trutzburg spiritualiter leitete, trug einen kühlenden Essigbund um die Stirn herum und streckte immer wieder das kranke Bein in eine Kufe voll kalten Brunnenwassers, obwohl Frau Schligg der schluchzenden Meinung war, dass ihm diese Rosskur erst recht die Hitze zu Kopf triebe. Auf seinen Wangen blühten so schön gefärbte Rosen, als vollzöge sich im Puechsteiner ein Verjüngungswunder.

   Man spürte die quälende Hitze sogar in den gewölbten, kleinfenstrigen Vorratsräumen und Kellern, wo Frau Engelein und Hilde mit vier Mägden beschäftigt waren, die Rationen zu teilen und die Masse des Fleisches einzupökeln, das vom Schlachthof gebracht wurde.

   Das mörderische Werk der Metzgerburschen, die nach einem kriegstechnischen Ausdruck das Blut in Strömen rinnen machten und die vielen Todesurteile der Frau Angela an Rindern, Schweinen, Ferkeln, Hammeln und Schafen vollzogen, verursachte eine Verschärfung im Gemütszustand des Wulli. Wenn der Jungsöldner – von welchem Wulli beinahe schon glaubte, dass es der Lien wäre – sich vom Kassian Ziegenspöck in der Handhabung einer Hakenbüchse, in der Bedienung eines Turmgeschützes und sonst noch in eisernen Arbeiten unterweisen ließ, die wahrhaftig mit den Pflichten eines Schäfers nicht die entfernteste Ähnlichkeit hatten, wurde im Wulli der halb schon niedergerungene Zweifel wieder lebendig. Für solche Qualmomente hatte er den Trost gefunden, vom Turmsöller auszukneifen, in den Schafstall zu rennen, sich mit lechzender Zunge da niederzulegen und zu fühlen: ‚Hier weiß ich, was ich habe, hier bin ich daheim, hier ist klarverständliche Wahrheit, hier eine Welt, die ich restlos verstehe!’ Doch diese wollige, blökende, trippelnde Welt des Wulli wurde kleiner von Stunde zu Stunde. Und als er in der Abenddämmerung wieder einmal kam, eines tröstenden Anblickes heiß bedürftig, war die Welt des Wulli in ein leeres Nichts verwandelt. Verzweifelt setzte er sich aufs Hintergestell und heulte zur Decke des entvölkerten Stalles hinauf, als ginge da droben der Mond spazieren. Diese Helligkeit war aber nur ein Widerschein des mächtigen Pfannenfeuers, das im Burghof brannte. Nun blieb dem Wulli nichts anderes mehr übrig, als zu glauben, dass in dem jungen Söldner wahrhaftig der nach Gesundheit und Heideblumen duftende Lien verborgen wäre. Es erging ihm wie vielen unchristlichen Menschen, die ein Leben lang immer mäkeln und leugnen, um in Verzweiflung und Todesnot erleuchtet zu werden für den Glauben ans Himmelreich.

   Wulli machte sich mit Schlappohren und in kummervollem Trott auf die Suche und fand den nun wesentlich glaubhafter gewordenen Lien im Burghof, inmitten von etwa hundert Menschen, die ähnlich und noch viel übler rochen als die neue Außenseite des verzauberten Schäfers.

   Beim Flackerschein des Pfannenfeuers und unter dem Widerglanz der versinkenden Walglut knieten die hundert Menschen auf dem Pflaster und hielten in Andacht die Hände gefaltet. Mit Albe und Stola über ihre gebeugten Köpfe und variierte mit schwer verständlichem Lallen das tiefste und schönste von allen Apostelworten: „Kindlein, liebet einander!“

   Die kleine Glocke der Burgkapelle läutete dazu mit etwas heftigem Klang. Und hoch in den dunklen Lüften war ein Rauschen, das sich anhörte wie etwas Heiliges, wie Schwingennähe von Engeln. Da droben – in einer Höhe, bis zu der die Helle des Pfannenfeuers nimmer hinaufreichte – flogen noch immer die Tauben umher, die ihre Nester und Höhlen nicht mehr fanden.

   Schweigsam ging die Trutzbergische Gemeinde auseinander, jeder zu seinem Posten auf der Mauer. Die Mägde trugen den gewässerten Abendtrunk und die schmalen Rationen zu den Schützengängen. Der Burgkaplan kehrte zu seinem Lehnstuhl zurück. Herr Melcher, Fraun Engelein und Hilde traten ins Herrenhaus, um das Nachtmahl in der Krankenstube des Korbin von Puechstein einzunehmen. Der Burgherr hatte das, dem Widerstreben seiner Hausehre entgegen, so angeordnet. „Man weiß nit, wie lang man noch schnauft. Da soll man jedes Stündl nützen zu herzlichem Beisammensein.“

   Jungherr Eberhard musste in der Halle ein paar flinke Bissen verschlucken, weil er noch die Abendrunde durch die Schützengänge und Wehrtürme zu machen hatte.

   Auf der Mauer gegen Osten, Norden und Westen waren nur Wachtposten aufgestellt, die beim Schein der Pfannenfeuer den vom Mauerfuß steil ins Tal hinunterfallenden Berghang im Auge behalten mussten. Doch Mann an Mann stand die Besatzung in den nach Süden gelegenen Schützengängen und auf dem Brückenturm, vor dem der Hügelrücken des Trutzberges flach gegen die höheren Berge hin verlief. Am verwichenen Abend hatte da noch der schöne Buchenwald gerauscht. Jetzt bog sich ein breites und lang gestrecktes Glutfeld von Tal zu Tal über den Hügel hinüber; das war im rauchigen Dunkel des Abends anzusehen wie der feurige Sattel eines riesenhaften Höllenrosses, auf dem die Qualmgestalt eines gigantischen Dämons ritt: Die Gestalt des Krieges! Sein wehender Rauchmantel umhüllte den Himmel. Funkelten die Sterne da droben? Oder hing ein Wettergewölk zwischen dem Himmelreich und allem Christenwillen der Erde? Von den Bergen fauchte ein scharfer Wind einher, der sich über der Glut erhitzte und ein feines Geriesel von Asche durch die Schießscharten der Mauer und des Brückenturmes hereinwehte in die Wehrböden und Schützengänge. Man hörte ein unbestimmtes Rauschen, hörte fernen Stimmenlärm und wirres Gehämmer, hörte den Hall von Axtschlägen und das dumpfe Krachen stürzender Bäume.

   Jedem vergitterten Fensterloch und jeder Schießscharte gegenüber brannte vom Widerschein der Waldglut ein rosenroter Streif am Gemäuer der vom Flackerlicht der Spanfackeln und Talglampen unruhig erhellten Räume. die Leute der Besatzung, angeblasen von der mit dem Wind hereinströmenden Backofenglut, schwitzten unter den Kürissen und Eisenhüten. Dabei waren sie guter Laune, machten derbe Scherze und schäkerten mit dem an Jahren gesegneten Weibsvolk der Frau Engelein und mit der jungen Pernella, die sich, wo sie ging und stand, der zwischenden Fäuste und der Söldnerspäße erwehren musste. Sie tat es mit Lachen, immer heiter, immer mit einem schneidigen Wörtlein auf der Zunge, und lockte dadurch die lustigen Kletten, statt sie loszuwerden. Wo Pernellas muntere Stimme klang und ihr rotschwänziges Köpfl surrte, dachte keiner von den Söldnern an seinen nahen Tod, jeder nur an ein schmackiges Zusammenleben mit dem apfelrunden Mädel. Sehr viele von diesen willigen Christen ersehnten sich da das gleiche Himmelreich. Frau Engeleins wachsame Tugend hatte die Biederen ausgehungert.

   In dem Schützengang neben dem Brückenturm verwandelte sich das lustige Schwatzen und Lachen zu ernstem Schweigen, als Jungherr Eberhard, klirrend in der Menge des Eisens, auf der Abendrunde über die Holztreppe heraufgestiegen kam. Er schnaufte heftig und war sehr erhitzt. Den blanken Degen gebrauchte er wie ein Wanderstab. Der Helm, den er abgenommen hatte, hing mit dem Sturmriemen in der linken Armbeuge. Der kurzhalsige, dicke Kopf unter dem steifsträhnigen Blondhaar wuchs zwischen den Schulterplatten hervor wie eine große Runkelrübe mit gelb gewordenen Blättern.

   Die Mannsleute strafften sich auf, die Weibsbilder mit den leeren Körben und Kannen liefen davon. Als Pernella an Eberhard vorbeikicherte, haschte er trotz der ernsten Stunde das Mädle am Schürzenbändel. Es war ein Gelegenheitsscherz ohne tugendwidrige Absicht. Seit dem Einzug der Puechsteinischen trachtete des Jungherrn gereinigter Christenwille nach einem holderen Himmelreich. Doch wie er – von jener kleinen Vergesslichkeit auf dem Söller des Taubenstürmchens abgesehen – im Angesicht seiner Braut und Seelengemahlin die höfischen Sitten bevorzugte, so liebte er’s, unter Knechten und im Verkehr mit niederem Volk sich leutselig und dörpisch zu geben. Nur aus diesem einzigen Grund zog er dem kichernden Mädel symbolisch die Schlinge des Schürzenbändels auf und fragte scherzend: „Du rotes Federspiel? Wo steht Dein Bett?“

   „Auf vier Füßen!“, antwortete das Mädel flink. „Einer ist kürzer als die anderen. Darum wackelt meine Bettlad. Eure Frau Mutter hat mir die beste nit ausgesucht!“

   Die Söldner schmunzelten. Und Pernella guckte im Davonhuschen lachend über die Schulter. Man sah es ihr an, dass sie gerne mit dem Jungherrn noch ein bisschen weiter gespäßelt hätte. Erstens würde ihr das vor den Söldnern und Bauernbuben ein gewisses Ansehen gegeben haben, und zweitens wär’s eine völlig gefahrlose, jeder ernsthaften Versuchung weit entrückte Sache gewesen. Denn Frau Engelein, in ihrem abergläubischen Misstrauen gegen rote Haare, hatte das hübsche Mädel in ein winziges Firstkämmerchen einquartiert, zu dem es nur zwei Wege gab. Der eine führte auf einem Wendeltrepplein durch das Ehegemach der Burgfrau – der andere, zum Fensterloch des Kämmerchens, hätte von außen über das stiele Dach des Herrenhauses führen müssen, ein Weg, so halsbrecherisch, dass nur ein Verrückter oder ein Mondsichtiger ihn zu beschreiten gewagt hätte.

   Jungherr Eberhard war weder das eine noch das andre. Und sobald das lustige Rotschwänzchen seinem Blick entschwand, verwandelte er sich wieder ganz in den würdevollen Sproß des Trutzbergischen Kriegsgottes. Mit kurzen, strengen Worten gab er Befehl und Losung aus und beschaute gewissenhaft jeden Mann nach Wehr und Waffen, untersuchte die Hakenbüchsen und Luntenschnüre, die Armbrusten und Bolzenbündel, die Pulverkisten und Kugelbeutel, wie alles, was zur Abwehr von Stürmenden bereit war: Die fünfzinkigen Stoßgabeln, die Sandsäcke, die zu Haufen aufgeschichteten Felsbrocken, die Pechkränze und die mit Wasser gefüllten Kupferkessel. Unter ihnen brauchte man vor einem drohenden Sturm nur das Feuer anzustecken, um die Mauerkletterer mit brühheißen Grüßen empfangen zu können.

   Zufrieden nickte der Jungherr und sagte wohlwollend: „Gute Rast, ihr Leut! Der Himmel soll uns mit einer friedsamen Nacht beschenken.“

   „Der Himmel tät’s wohl!“, antwortete ein fürwitziger Bauernbub. „Bloß wir auf der Welt sind die unsinnigen Kälber…“ Er konnte seine Weisheit nicht zu Ende bringen; ein strenger Kriegerblick des Jungherrn machte ihn verstummen.

   Um den Buben außer Gefecht zu setzen, sagte einer von den Puechsteinischen Söldnern: „Das Glutfeld da draußen meint’s himmelreichisch. Aber ich sorg’, der heilige Wettermacher ist kein Trutzbergischer Patron. Meine Gichtknöchelen sagen: ‚Es ist ein Regen nit weit.’ Wir haben Ruh, solang da draußen der Boden glüht.“ Er nahm den Eisenhut herunter und betete ernst: „Bitt’, heiliger Petrus, tu Dein Wasser verheben, bis mein Herr gesund ist!“

   „Bitt’, heiliger Petrus!“, fielen die anderen ein wie bei einer frommen Litanei.

   Diese ehrliche Andacht schien den Jungherrn verdrießlich zu machen. „Kerl? Meinst Du, wir auf dem Trutzberg sind ohne den Puechsteiner nit Manns genug?“ Ohne auf die Antwort des verblüfften Söldners zu hören, ging er klirrend davon und betrat den Brückenturm durch ein schweres, schmales Eisentürchen, das nur einem einzigen Menschen knappen Durchlass gewährte.

   Auf dem ersten Turmboden, den Eberhard betrat, und durch den die Ketten der Fallbrücke liefen, standen die zwei Mauerschlangen der Trutzburg, plump und grob gegossene Rohre, deren Mäuler im roten Glutschein der Schießscharten lagen. Ihre drehbaren Gestelle waren verkeilt durch ein federndes Gefüge von Holzklötzen, die beim Schuss den Rückstoß des Geschützes aufhielten. Die kinderkopfgroßen, mit Blei umgossenen Steinkugeln waren in zwei Pyramiden aufgebaut, die Pulverkisten beschlagen mit dickem Eisenblech – wie Schatztruhen eines reichen sahen sie aus.

   Die sechs Grobschützen, die das Schlangenpaar zu bedienen hatten, lagen auf der Diele und schliefen. Nur der Fürmann wachte und tat mit halblauter Stimme die Meldung: „Ist alles gut für den groben Schuss!“

   Während Eberhard Kisten und Kugeln musterte, zärtlich das Erz der Rohre streichelte und über den Weidlöchern der Schlangen die Deckelchen aufklappte, um das in den Pfannen liegende Feinpulver auf seine Trockenheit zu prüfen, klang vom höhern Turmboden ein dumpfes Gerassel herunter und dazwischen manchmal der zornige Kläfflaut eines Hundes.

   „Was ist da droben?“

   „Der Kassel schult den Jungsöldner im Zwiehänderfechten.“

   „… Wen?“

   „Den Schäfer Liendl.“

   „Der ist Söldner worden?“ Eberhard lachte. „Ui! Der wird das Trutzbergische Kraut aber fett machen.“

   „Ist ein schickiger Bub, Herr!“

   „So? Da bist Du der erste, der’s glaubt.“ Der Jungherr stieg über die Holztreppe hinauf.

   Ein Raum wie eine große Stube, erhellt durch eine rußende Talglampe, reichlich bewehrt mit Büchsen, Armbrusten und Schießvorrat. Zwei Wachposten gingen bei den rot glühenden Scharten hin und her. Zehn Feinschützen hockten und lagen am Fuß der Mauer, im Halbschlaf duselnd und schlechter Laune, weil sie bei dem Geschepper, das der Kassel und der Lien verursachten, keine Ruhe fanden. In der Mitte des Raumes standen sich die beiden gegenüber, in den dickledernen Schulpanzern, die Gestalten halb schwarz im Schatten, halb angestrahlt von dem roten Glutschein, der durch die Schießscharten hereinfiel. Sie rückten im Kreis herum, sie stießen vor und sprangen zurück, schlugen, parierten und keuchten unter der Mühe dieser Kriegsmannsarbeit. Hinter dem ausgebauchten Eisengitter der Schulhelme glitzerten ihre Gesichter von Schweiß. Und während die Hiebe der langen, stumpfen Schwerter fielen, grölte Kassel mit seinem rauen, heute durch keinen Eiertrunk gemilderten Säuferbass in gleichmäßigen Zwischenräumen: „Deck Dich! … Streck Dich! … Hau!“ Und immer wieder: „Gut so!“ Und hieß es von neuem: „Streck Dich! Hau!“ – dann machte der Schäferhund einen Reim dazu und bellte zornig: „Wawawawau!“

   Wulli, obwohl er seines Lien noch immer nicht völlig sicher war, schien wenigstens über den so sauer wie Essig duftenden Serjanten Kassian Ziegenspöck ganz im klaren zu sein und schien ihn grimmig zu hassen. Er fletschte die Zähne zu ihm hinüber, ließ in den glühenden Augen das Spiegelbild eines erbitterten Seelenzornes funkeln, blieb aber doch mit der Vorsicht eines klugen Geschöpfes außerhalb des Bereiches dieser blitzschnell umherzuckenden Schwerter, deckte sich hinter den Waden des Lien, sprang kläffend nach vorne und kniff mit weiser Schnelligkeit wieder nach rückwärts aus.

   Diesem halb ernst, halb drollig wirkenden Fechterspiel sah Jungherr Eberhard eine Weile schweigend zu und schüttelte immer wieder den Kopf, als missfiel ihm etwas. Nun schrie er unwillig: „Kassel? Bist Du nüchtern, Du Lappschwanz? Wie soll der Bub was lernen, wenn Du allweil scherzest? Mach Ernst! Wisch ihm eins über den Schädel!“

   Ohne diesem Befehl zu gehorchen, trat Kassel aus der Fechterstellung zurück, nahm den Schulhelm herunter und sagte mit groben Lachen, aus dem es wie Zärtlichkeit herausklang: „Herr! Wenn ich ihm keinen Streich hinein bring’, ist’s nit meine Schuld. Der Bub ist ein Luder.“ Er zog die Gurke unter dem Lederpanzer heraus und „pflegte“ seinen Rausch, der sich so tadellos ausgewachsen hatte, dass im Serjanten Kassel alle fünf Sinne und alle Kräfte seines mageren Leibes beinfest beisammen waren.

   Auch Lien hatte den Schulhelm heruntergenommen. Er tat einen tiefen Atemzug und sagte ehrerbietig: „Gotts Gruß, edler Jungherr! Beim Kassel ist gute Schul’. Da lernt man was.“ Er beugte das brennrote Gesicht nach vorne und beutelte heftig den Kopf, um die Schweißperlen abzuschlenzen.

   Eberhard hatte seinen blanken, mit dem springenden Kätzlein und einem Federstoß gezierten Helm auf eine Pulverkiste gelegt. „Gib her!“ Er nahm das Langschwert und die eiserne Schulhaube des Serjanten.

   Kassel mahnte: „Herr, da müsst Ihr fürsichtig sein!“

   „Wart’s ab!“ Der Jungherr legte sich in Fechterstellung aus, und mit Verblüffung betrachtete Wulli diesen Wandel der Dinge. „Also, Schäfer! Jetzt denk, es wird Ernst!“

   „Gut, Herr!“ Die Augen des Lien blitzten unter dem Helmgitter. Die Füße breit stellend, zog er die lange Klinge über den Boden nach rückwärts und übersah dabei die mahnenden Blinzelbewegungen des Kassian Ziegenspöck.

   Ein paar von den Feinschützen standen auf, um besser zugucken zu können. Sie wussten, dass der Jungherr ein gut geschulter und in Finten gewandter Fechter war.

   Eberhard rückte hin und her, mehrmals zuckte seine Klinge zum Scheinschlag auf. Lien rührte sich nicht. Nur seine Augen funkelten. Und Wulli begann zu knurren. Jetzt kam der Hieb wie ein Blitz – das Eisen des Lien zischte nach aufwärts, aus Eberhards Fäusten klirrte unter diesem wilden Gegenstreich das Langschwert zu Boden, und von seinem Helmdach sprühten die Funken weg.

   Kassel und die Schützen mucksten nicht. Nur Wulli wollte eine Dummheit machen und gegen den Jungherrn losspringen. Gleich hatte ihn der Lien bei den Halszotten und beförderte ihn nach rückwärts – ein Griff, der den Glauben des Hundes an seinen verwandelten Schäfer sehr wesentlich stärkte. Harmlos lachend stellte Lien das Eisen vor sich hin, nahm den Schulhelm herunter und fragte: „Edelherr, ist’s gut gewesen, so?“

   „Nit schlecht!“ Eberhard enthüllte das Haupt. Seine steifen Blondsträhnen starrten wirr durcheinander, und sein Gesicht, in einer Mischung von Zorn und Ärger, war anzusehen, als hätte man die Trunkenheitsfarbe seines Vaters mit einem heftigen Gallenerguss seiner Mutter durcheinander gerüttelt. Sehr freundlich sagte er zu Lien: „Dich wird man brauchen können.“

   Der Jungsöldner freute sich dieses Wortes. Doch der wohl gepflegte Rausch des Kassian Ziegenspöck schien plötzlich verwandelt in unzurechnungsfähige Nüchternheit; der Serjant betrachtete mit steifen Augen den Lien, blieb schweigsam und machte eine taumelnde Bewegung.

   Eberhard, den Helm mit dem springenden Kätzlein an seinen Arm hängend, schien die völlige Unbrauchbarkeit des Kassel zu erkennen und fragte die Feinschützen: „Wie lang ist der Schäfer schon in der Söldnerschul’?“

   Einer antwortete: „Seit dem Morgen, Herr! Viel Schul’ ist da nit nötig. Der Bub hat’s im Blut.“

   Der Jungherr lachte und ging zur Treppe hinüber. Wulli huschelte hinter ihm her, roch misstrauisch an den Trutzbergischen Waden, schüttelte die Ohren, kehrte zum Lien zurück und schnupperte. Das Ergebnis dieser letzteren Erkundung war für Wulli wesentlich freudenreicher.

   „Was ist denn?“, fragte Lien verwundert und sah der Reihe nach die schweigsamen Leute an. Sie blieben stumm und zwinkerten gegen die Treppe hin.

   Als die Schritte des Jungherrn auf dem unteren Turmboden verhallten, erwachte Kassian Ziegenspöck aus seinem nüchternen Elend wieder zu besoffenem Verstand und sagte ernst: „Bub! Jetzt hast Du einen Feind!“

   „Ich? Warum?“ Lien lachte. „Geh, was Du redest! Wenn er wissen will, ob mich die Herrenleut brauchen können? Da muss ein Knechtl doch ehrlich sein. Gotts Tod, ich hab’ mich fest zusammengenommen.“ Das Lachen des jungen Söldners wurde zu wunderlichem Ernst. „Der Jungherr kann’s. Hätt’ ich nit eine Hilf gehabt, so hätt’ ich wohl schlecht bestanden.“ Mit der Geste eines Betenden hüllte er die im Fechterfäustling steckende Hand um seinen von Schweißperlen überronnenen Hals.

   Kassian Ziegenspöck sah zuerst die Feinschützen an, dann trat er dicht vor die Brust des Lien, fasste ihn an beiden Ohren und knurrte: „Bub! Entweder bist Du ein Heiliger oder ein lieber Kindskopf oder ein unseliges Rindvieh!“ Sich abwendend, spuckte er heftig aus, zog die Gurke hervor und wollte seinen Verstand erziehen. Es gluckerte nur ein bisschen. „Gotts Teufel, schon wieder leer! Dass der Himmel so groß ist und die Gurken so winzig bleiben müssen! Bub, ich geh füllen! Bis ich komm’, bist Du Fürmann auf dem Schützenboden.“

   Im Burghof brannte ein Feuerstoß. Zwei alte Bauern behüteten die Flamme und rösteten an langen Stecken die zerschmetterten Jungtauben, die sie vom Pflaster aufgelesen hatten.

   Als der steife, aufrechte Kassian Ziegenspöck zum Söldnerbau hinübersteuerte, hörte er den jungen Trutz in der Halle des Herrenhauses rufen: „Flink, Du rothaariges Federspiel! Bring mir ein Kürglein Wasser zu meiner Kammer! Ich muss mich schönmachen.“

   Diese Befehl vernahm auch die Schlosshauserin Margaret, die im nahen Hühnerstall auf Anordnung der Frau Engelein den beiden Puechsteinischen Hähnen die Hälse umdrehen sollte, weil es seit dem Morgen viel Eifersucht und Rauferei zwischen dem fremden und einheimischen Hühnervolk abgesetzt hatte. Mitschuldig an solchem Zerwürfnis waren wohl auch die Trutzbergischen Gockel, die sich ebenfalls auf Unterschiede und Rassebewahrung nicht verstanden; aber Frau Engelein schob die Sache ausschließlich den sündhaften Charakterzügen der beiden Puechsteinischen Hähne zu. Und nun sollte die Margaret im Hühnerstall das Todesurteil an den zwei schlechtrassigen Eindringlingen vollziehen; doch als sie, auch eingeweiht in alle sonstigen Tugendsorgen der Burgfrau, von der Sehnsucht des Jungherrn nach frischem Wasser Kenntnis erhielt, ließ sie die Sittenverwilderung des Hühnervolkes einstweilen auf sich beruhen, ließ unbedachterweise auch die Tür des Hühnerstalles offen stehen und rannte ins Haus, weil sie der rothaarigen Pernella das verdächtige Wasserkrüglein noch rechtzeitig zu entwinden hoffte. Sie kam zu spät und huschelte flink über die Treppe hinauf, um Frau Angela, damit sie selbst nach dem Rechten sehen möchte, von der Mahlzeit wegzurufen.

   Das hatte für Kassian Zeigenspöck eine willkommene, für die hübsche Pernella eine sehr unliebsame Wirkung zur Folge. Erstens brauchte der in seinem gepflegten Rausch mit scharfen Sinnen beobachtende Serjant für diesmal nicht heimlich durch die Dachlucke des Hühnerstalles zu klettern; er konnte aufrecht durch die offene Türe schreiten, um an diesem Tag etwas verspätet noch zu seinem Eiertrunk zu gelangen, der ihm nicht nur die Stimme locker machte, sondern auch die Weinsäure beschwichtigte. – Und zweitens wurde Frau Engelein, als sie sich in Eberhards Kammer unter dem Zwang voreiligen Misstrauens an das Kaplanstübchen des Burgfrieds erinnerte, zu einer folgenschweren Ungerechtigkeit hingerissen. In Wahrheit hatte sich nichts Schlimmeres ereignet, als dass die rote Pernella ein ganz harmloses Krüglein frischen Wassers mit einer Handzwehle brachte, und dass der Jungherr sie zur Anerkennung für diese freundliche und flinke Dienstleistung in die Wange kniff. Aber die leicht missdeutbare Nähe, in die bei diesem unschuldigen Vorgang das kichernde Mädel und der seines kriegerischen schmuckes wie auch schon mehrfacher Gewandstücke entkleidete Jungherr zueinander gerieten, verursachte in Frau Angela, als sie mit geisterhafter Lautlosigkeit auf der Schwelle des Kämmerleins erschien, eine schwer zu missbilligende Verstörung aller Überlegungskraft.

   Mag sein, dass bei dieser völligen Vernichtung eines menschlichen Gleichgewichtes noch andere Dinge mitwirkten: Die schlechte Beleuchtung, der Anblick des etwas zerkrümpelten Jungherrnbettes, alle in Frau Angela angesammelte Erbitterung wider die Puechsteinischen, die schweren Belagerungssorgen, das ruhelose Denken an die zur Verminderung kostbarer Kellerwerte in der Burg vereinigten hundertdreizehn Mäuler, das peinigende Rätsel des Hühnerstalles, die Aufregungen der Mahlstunde, bei der die Trutzbergerin sich mit hundert heftigen Gründen einer irdischen Beschleunigung der Seelenheirat ihres Sohnes widersetzt hatte, und dazu noch der gallige Ärger, unter dem sie eine neuerliche, böse Selbstbekleckerung ihres Gemahles mit ansehen und dulden hatte müssen. Das alles wirkte wohl zusammen, um eine Katastrophe herbeizuführen, eine jähe Entladung des in Frau Engelein kochenden Zorngewitters.

   In den schrillsten Tönen keifend, mit den Bewegungen einer Rasenden, riss sie der verdutzten Pernella die Handzwehle vom Arm und schlug dem Mädel in sinnloser Wut dieses aus Leinwand gewobene Schwert, welches rote Säume in Kreuzstich hatte, von links und rechts um die kleinen, hübschen Ohren herum, mit einer Schnelligkeit, die den gewandtesten Fechter hätte beschämen können. Die klatschenden Hiebe fielen so flink und schmerzend, dass Pernella unter lähmendem Entsetzen keinen hilfreichen Gedanken zu finden wusste, sich in lautloser Duldung zusammenkrümmte und nur den Versuch unternahm, mit den gekreuzten Armen ihre Augen zu schützen.

   Auch Eberhard, das Wasserkrüglein in der Hand, blieb schweigsam. Mit scheuen Hummelaugen die zu einem Schreckbild der Ungerechtigkeit verwandelte Mutter betrachtend, schüttelte er vorwurfsvoll den Kopf, ließ geschehen, was er nicht zu hindern wagte, und begann sich zu waschen und schön zu machen. Dem bedrängten Rotschwänzlein musste ein anderer zu Hilfe kommen.

   Herr Melcher, durch den schrillen Diskant seiner Hausehre vom Weinkrug weggerufen, erschien auf der Schwelle, mit reichlichen Beweisen zwischen Kinn und Gürtel, dass es Zwiebelsuppe und Wildbret in Einbrenntunke mit grünen Bohnen zum Nachtmahl gegeben hatte. „Ach, Herr Jesus!“ Mit beiden Händen haschte er den aufzuckenden Arm der Frau Engelein und entwand ihr die Leinwandwaffe. „Was ist denn los?“

   Eberhard, der beim Waschbecken plätscherte, sagte ruhig: „Ich weiß nit, was die Mutter schon wieder hat.“

   Während des kurzen Schweigens, das diesen Worten folgte, hatte Pernella den rettenden Einfall, flink davonzulaufen. Und draußen im langen Mauergang, mit beiden Händen das gedunsene Gesicht befühlend, Schmerz und Zorn und Tränen in den Augen, flüsterte das ungerecht misshandelte Mädel rachsüchtig vor sich hin: „Jetzt grad mit Fleiß!“

   Herr Melcher gab seiner Neugier weiteren Ausdruck. „So red doch, Weib! Was ist denn los?“ Streng betrachtete er den Sohn, der eine reichliche Menge von Seifenschaum erzeugte. „Ich will doch nit hoffen –“ Er wurde stumm.

   Ebenso wortkarg verhielt sich Eberhard; entweder fühlte er sich doch ein bisschen schuldig, oder es reichte, wenn er sich schuldlos wusste, seien Logik nicht so weit, um die unterbrochene Redewendung seines Vaters zu Ende zu denken.

   Der Burgherr wurde ungeduldig. „Gotts Not! So red doch, Weib!“

   Erschöpft und keines Wortes mächtig, wankte Frau Engelein unter krampfhaften Schlucklauten in den Flur hinaus. Zögernd folgte Herr Melcher. Und hinter ihn schloss Eberhard rasch die Türe und schob in seiner Kammer den Riegel vor.

   Unter dem trüb brennenden Talglämplein des Flures fiel Frau Angela auf eine Bank, bekam einen Weinkrampf und zitterte fast so heftig, wie Wulli in den Zweifelkämpfen um seinen verzauberten Schäfer gezittert hatte.

   Freundlich und barmherzig streichelte Herr Melcher seiner Hausehre den Rücken. „Geh, Weibl, sei gut und geduldig! Und tu nit übertreiben! Gar so was Schieches wird’s nit gewesen sein! Hätt’ der Bub sich unsauber benommen, das tät’ ich ihm arg verübeln. Aber Jugend, weißt Du –“ Abermals konnte er einen Gedanken nicht zu Ende bringen.

   Frau Engelein fuhr auf, als wäre das Wörtlein Jugend für ihre Empfindlichkeit wie eine glühende Nadel gewesen. „So? Ist jetzt die Jugend im Buben? Wie lang ist’s her, dass Du allweil von Deiner hungrigen Jugend geredet hast?“ Ein erwürgtes Schluchzen. „Wie der Baum, so der Apfel, wie der Apfel, so der Kern!“

   Diese sprichwörtliche Weisheit verleitete nun auch Herrn Melcher zu ungerechten Folgerungen und zerdrückte in ihm jede gütige Regung. Er sagte hart: „Geboren hast ja doch Du den Buben! Gib nit mir allein die Schuld an allem!“ Mit den drei Fingern schlenkerte er die mannigfachen Erinnerungszeichen des Zwiebelsüppleins und der grünen Bohnen von seinem Wams. Seine unmutigen Augen waren ins Leere gerichtet und schienen in unerquickliche Vergangenheiten zu schauen. Dann drehte er langsam das Gesicht gegen die Kammer seines Sohnes. „Freilich! Wie hätt’ der Bub anders ausfallen können, als dass er nach allem Genießbaren greift! Sooft Du mir in den Armen gelegen, hast Du an Deine Hennennester im Stall und an die Krautfässer im Keller denken müssen.“ Ein kummervoller Zug verdüsterte dem Trutz von Trutzberg das gutmütige Antlitz. „Einmal … ich hab’ gemeint, ich wär’ bei den Seligen im Himmelreich … da hast Du mich jählings gefragt: ‚Wir haben doch heut keinen Met gewürzt, wo hast Du denn einen getrunken?’ Ja, Weib! Wie man die Kinder drechselt, so schauen sie aus.“ Er dachte an die sechs kleinen Särge in der Trutzbergischen Gruft, wurde wehmütig und murmelte: „Was munter schnaufen soll, muss freudiges Blut und fröhliches Leben mitkriegen.“ Aus dunklem Zusammenhang dachte Herr Melcher auch an den Schäfer Lien und an ein feines Mädel mit dem seltenen Namen Germeid. Doch diesen Gedanken behielt er für sich.

   Schon die wenigen Worte, die er gesprochen hatte, waren ausreichend gewesen, um Frau Engelein unter allen Anzeichen von Empörung und frauenhafter Scham in einen Zustand sprachloser Erstarrung zu versetzen.

   „Ja, ja“, nickte Herr Melcher, „und solche Sachen müssen geschehen bei uns, derweil das holdselige Bräutl im Haus ist und der Feind vor meiner Mauer liegt!“ Er wurde freundlicher. „Jetzt geh! Komm herein zu den Gästen! Ich will sagen, es wär’ Dir eine Maus unter die Röck’ gefahren. Die Weibsleut glauben das. Aber mein Korbi hat Verstand. Der wird sich was denken. Weit wird er nit fehl raten.“

   Er nahm Frau Engelein bei der Rechten, stapfte mit schweren Schritten auf die Türe zu und zog die wortlos widerstrebende Trutzin hinter sich her, die zum Trocknen ihrer Tränen nur die Linke frei hatte.

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