Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 11

   Herr Melcher zog den blassen, stumm gewordenen Lien zur Halle des Söldnerhauses und über eine steile Wendelstiege hinauf zum Losament des Serjanten. Als die beiden in die geräumige, einem kleinen Arsenal gleichende Stube traten, in der es sehr heftig nach Rotwein säuerte, zeigte sich ihnen ein höchst unkriegerisches Bild. Am Fußende eines Bettes war auf den grauen Dielen die untere Hälfte eines rot und grün gezwickelten Söldners zu gewahren, der den Eintretenden die dunkle Sonne seiner Leiblichkeit entgegenstreckte. Diesem sichtbaren Menschenfragmente versetzte Herr Melcher einen gelinden Fußtritt. Und Wulli knurrte in feindseligem Misstrauen. Hurtig kamen unter dem Bett heraus zwei Schultern, zwei Warme und ein von grauem Haar umstruwwelter Kopf zum Vorschein, dessen festes, ruhiges Gesicht, das zweifelhafte Weiße des Schnauzbartes ausgenommen, ein wirres Gesprenkel jener glühenden Farben aufwies, die beim Abschied eines schönen Tages am Himmel zu erscheinen pflegen. Dieser unkriegerisch beschäftigte Kriegsmann war der alte Trutzbergische Serjant Kassian Ziegenspöck. Aufrecht, stahlsehnig, ruhig und streng, mit allen Anzeichen unbezwefelbarer Nüchternheit, stand er nun vor seinem Burgherrn und verwahrte ohne jegliche Spur von Verlegenheit im Brustschlitz seines Wamses die lange, gelbe Weingurke, die er aus dem heimlichen Fässlein unter dem Bett gefüllt hatte.

   „Mein guter, redlicher Kassel!“, sagte Herr Melcher vorwurfsvoll. „Durst? Freilich, ja, ich versteh’s. Aber muss man denn allweil saufen? Man kann doch auch Pausen machen.“

   Streng schüttelte Kassian Ziegenspöck das graustruwwelige Heldenhaupt und sprach in rauem Bass und mit der Ruhe eine tiefgründigen Philosophen: „Pausen machen? Das wär’ Verschwendung. Ein neuer Rausch wird allweil eine kostspielige Sach. Hat man aber einen und man lasst ihn nit entrinnen und pflegt ihn fleißig, so ist er billig.“

   Herr Melcher verzichtete darauf, diesen goldenen Erfahrungssatz mit unzureichenden Vernunftsgründen zu bekämpfen. Er setzte sich auf die Bettlade. Bei seinem festen Hinplumpsen ließ sich auf die Bettlade. Bei seinem festen Hinplumpsen ließ sich unter der haarigen Wollkotze ein leises Krachen und Knirschen vernehmen. Wulli begann sofort zu schnuppern, und Kassian Ziegenspöck zog die dicken, grauen Augenbrauen scharf in die Höhe. Nur Herr Melcher, der daran gewöhnt war, dass alles krachte unter ihm, schenkte diesem schwer erklärlichen Knirschen keine Beachtung. Er sagte: „Kassel! Jetzt schau Dir einmal den Buben an! Den nimmst Du in Deine Hut! Man soll ihm ein gutes Bett in Deine Stub stellen. Du gibst ihm eine schmucke Söldnerwad und as beste Eisenzeug. Und willst Du mir eine Freud machen, so schulst Du ihn zu einem wehrhaften Mannsbild.“

   Kassel musterte den Schäfer und schüttelte streng den Kopf. „Herr, mit dem scheinheiligen Laufer ist nichts anzufangen. Der lügt schon, wenn er den Finger biegt.“

   „Gelt, ja? Heut bin ich ihm draufgekommen.“

   Der blasse Lien, der wie eine hölzerne Säule dastand und die braunen Fäuste um die alte Armbrust klammerte, sagte durch die übereinander gebissenen Zähne: „Ich tu’s nimmer. Ich will ehrlich sein.“

   Da nickte Herr Melcher freundlich. „Also! Nimm ihn, Kassel! Hast Du zu klagen über ihn, so komm! Was Gutes in ihm steckt, das brauchst Du mir nit zu sagen.“ Man hörte von außerhalb er Mauern den Trompetenruf eines Parlamentärs, vom Brückenturm die schmetternde Antwort des Wächters und aus den Burghöfen das Stimmengesumme vieler Menschen. „Guck, der Seeburgische Hasenspitzbub meldt sich.“ Schwer schnaufend erhob sich Herr Melcher, griff nach rückwärts, als hätte er da ein ungemütliches Gefühl und ging auf den Schäfer zu. „So, Du Stotz! Dir will ich das Lügen austreiben!“ Er schmunzelte ein bisschen. „Dem Kassel kannst Du sagen, wie’s mit dem Peter von Seeburg zugegangen ist. Redest Du aber sonst noch zu einem Menschen ein Wörtl davon – exempelmäßig zu meiner lieben Frau Engelein, der ich keine Sorgen nit verursachen mag – so kriegst Du wieder eine!“ Er zeigte die drei Finger.

   Während er die Stube verließ, bemerkte der schwer betrunkene und deshalb all seiner feinsten Sinne mächtige Serjant Kassian Ziegenspöck, dass sein Burgherr über die ganze Hinterbreite der grünen Strumpfhosen einen gelben Fleck hatte. Der Trutz vom Trutzberg war in seiner unteren Hälfte Puechsteinisch geworden.

   Den gleichen großen gelben Fleck konnte man auch auf der Bettkotze gewahren, als Durchschlag von unten herauf. Vorsichtig begann Wulli an dieser rätselhaften Sache zu lecken und bohrte im Verlauf seiner Untersuchung die Schnauze unter die Decke hinein. Schweigend erleichterte Kassel dem klugen Hund die wissenschaftliche Sache, schlug die Decke zurück und betrachtete kummervoll den auf dem Linnlaken ausgebreiteten Schlotterfladen von Eierschalen, Eiweiß und sieben zerquetschten Dottern.

   Halb wie ein Träumender und halb wie ein Gelähmter stand Lien noch immer auf der gleichen Stelle und sah mit großen, hilflosen Augen immer die Tür an, durch die Herr Melcher verschwunden war. Es fiel ihm nicht ein, um der sieben Eierdotter willen eine neugierige Frage zu stellen. Kassian Ziegenspöck aber fühlte die Notwendigkeit, diese gelbe Rätsel klarzustellen. „Weißt Du, Bub“, sagte er mit seinem krächzenden Bass, „wider das Gurgelbrennen, und dass mir die Stimm’ ein lützel liner wird, muss ich mannigs Mal ein paar Dötterlein schlucken. Wie mehr, so besser. Gelt, Du verratst mich nit?“

   Lien überhörte diese Frage.

   Inzwischen hatte Wulli so fleißig geschlappert, dass außer den weißen Eierschalensplittern auf dem Linnlaken nur noch ein feuchter, farbloser Fleck zurückblieb, der diesem Kriegsmannslager einige Ähnlichkeit mit einem Kinderbettchen verlieh.

   Nachdenklich sagte der bis zum Anschein klarster Nüchternheit betrunkene Philosoph: „Heut wird mir die Gurgel rau und schmerzhaft bleiben. Aber Dein Hundl, Schäfer, wird eine Stimm’ kriegen wie ein römischer Kapellensänger.“ Sorgfältig sammelte er die Eierschalensplitter und warf sie ins Ofenloch. „Komm, Bub, jetzt lass Dich anschauen!“ Er zog den Schäfer in die Fensterhalle und musterte ihn vom Wirbel bis zu den Holzschuhen. Als Zeichen seines Wohlgefallens zog er die gelbe Weingurke aus seinem Wams. „Da, trink!“

   Stumm schüttelte Lien den Kopf.

   „Ach, Bub, Du wirst noch merken, was das Leben ist!“, philosophierte Kassian Ziegenspöck und „pflegte“ seinen billigen Rausch mit einem festen Schluck. „Einen Trost muss man haben. Sonst geht’s nit. Himmelreich – sagen die Pfäfflein. Ich sag: Einen guten Trunk und einen festen Hieb! – Jetzt bleib! Ich such’ Dir ein schmuckes Söldnerzeug zusammen.“ Gerad und aufrecht ging er aus der Stube.

   Den Händen des Lien entfiel die Armbrust. Er hockte sich auf die Stufe der Fensternische hin. Und während er den sehr verwunderten Wulli mit beiden Armen um den Hals nahm und das entfärbte Gesicht in das zottige Fell des Hundes vergrub, sah er das blühende Bruchland, fühlte den Duft der Heideblumen, sah die Wanderfalken und Sperber im Blau, sah den leeren, verlassenen Pferch, die Schlachttiere im Winterstall, die Mutterschafe und das klagende Edelfräulein Silberweiß auf fernen Berghalden bei groben, unachtsamen Hirten, sah aus tiefem Wasser das Dach des Schäferkarrens herausschimmern wie eine grau Unbegreiflichkeit und sah bei allem, was ihm vor die heißen, trockenen, schmerzenden Augen kam, ein weißes, strenges Gesichtlein mit großen, gläubigen, glänzenden Veilchenaugen.

   Dem Schäfer Lien, der nimmer Schäfer war, begann das Leben eine harte Sache ohne Trost zu werden. Und er fühlte auf seiner Seele schon wieder eine so schwere Sehnsuchtssünde, dass es aus dem Profoßenstrick der Seeburgischen jetzt nimmer hinaufging zum Himmelreich, sondern tief hinunter, viel tiefer, als ein versunkener Schäferkarren liegen musste.

   Mit steinernem Gesicht streckte er sich auf und sagte hart vor sich hin: „Das hat nit Sinn und hat nit End!“ Er grub seine Faust in das Fell des Hundes. „Komm, Wulli! Wir müssen umziehen. Es geht nimmer anders.“ Immer die Hand am Hals des Hundes, eilte er hinüber zum Mauskäfig, um das Wolfseisen, den leeren Waldsack und seine Schäferschippe zu holen.

   Im Burghof hatte die Neugier auf den Seeburgischen Parlamentär alle Leute versammelt, die nicht auf der Mauer stehen mussten. An Seilen wurden die Pechfässer, die mit griechischem Feuerteig zusammen gekneteten Lumpenbündel und die mit Schwefelguss getränkten Strohbauschen zu dem Antwerk hinaufgezogen, das auf dem Söller des Brückenturmes stand.

   Aus einem Fenster des Herrenhauses guckte lachend der Ritter Korbin herunter und schob mit dem Ellenbogen immer wieder seine Frau und Tochter von sich weg, die erregt und bittend auf ihn einredeten.

   Unter dem Spitzbogentor der Halle stand Frau Engelein mit aschfarbenem Angstgesicht und harte ihres Gemahls. Der befahl seinem Sohn: „Empfang den Seeburgischen auf der Bruck, sei von geziemender Höflichkeit, lass ihm die Augen verbinden und bring ihn zu mir herauf in die Prunkstub!“ Er ging zur Halle.

   „Mann!“ Frau Angela umklammerte den Arm ihres Gatten. „Noch hast Du Zeit! Überleg Dir, was Du tun musst!“

   Er sagte ruhig: „Will man eine Nuss speisen, so beißt man sie auf. Anders kommt man nit zum Kern. Das braucht kein Überlegen. So macht’s der Dümmste und der Gescheiteste. Der Burgkaplan, der keine Zähne nimmer hat, muss klopfen.“ Seinen Arm befreiend, ging er zur Treppe.

   Frau Engelein hängte sich an ihn und keuchte: „Mann! Mann! Du reitest Dein Haus, Dein Weib und Deinen Sohn ins Elend hinein! Lass den Puechsteiner fahren! Er ist Not und Tod für uns! Lass ihn fahren!“

   „So?“ Herr Melcher betrachtete seine Hausehre mit funkelnden Augen. „Dann fahr’ ich mit. Oder willst Du Dich begnügen mit einem Mann, der schandbar ist?“ Er stieg die Treppe hinauf.

   Sie hastete ihm nach, mit einem neuen Argument ihrer Sorge. Doch bevor sie ihn einholen und die geängstigte Seele erleichtern konnte, musste sie einen Schreck erleben, der sie für ein paar Augenblicke sprachlos machte. Sie hatte auf der Schattenseite ihres Gemahls die schreckliche, dottergelbe Bekleckerung entdeckt. Alles andere Unglück der Stunde entschwand ihr beim Anblick dieser fürchterlichen Sache. „Jesus, Mann, um Christi willen, was hast Du schon wieder an Dir?“

   „Ich? Wo?“ Er kratzte schuldbewusst and en Trenzflecken, die seine Mannsbrust entstellten.

   „Aber nit da vorne!“, klagte Frau Engelein. „Da hinten!“

   Er fühlte mit der Rechten, und besah seine drei Finger. „Gelt? Ich hab’ mir’s aber gleich gedacht. Es hat allweil so gefeuchtelt.“

   „Du musst Dich in was hineingesetzt haben!“ Sie guckte näher hin und wurde von einer aufregenden Ahnung befallen. „Jesus, Mensch, das ist doch Eiergelb!“

   „Was Dir einfallt! Seit dem Frühmahl hab’ ich kein Ei mehr gesehen. Das hab’ ich doch vorne. Da bin ich doch nit gesessen drauf.“

   „Aber freilich, freilich, freilich!“ Frau Engelein hatte hurtig gekratzt und untersuchte nun das gelbe Sichelchen, das sie unter dem Fingernagel hatte. „Heilig, Mann, das ist ungekochter Dotter von einem Ei!“ Gleich erwachte in ihr der Gedanke: Hier war eine Fährte, um die Entdeckung des geheimnisvollen und himmelschreienden Verbrechens zu fördern, das seit dem Frühlingsanfang täglich an ihren Hennennestern verübt wurde. „Mann, jetzt sagst Du mir auf der Stell’, wo Du seit dem Frühmahl gewesen, wer geredet hat mit Dir und wo Du gesessen bist!“

   Die weitere Erforschung des Eierdiebstahls musste verschoben werden. Jungherr Eberhard erschien mit dem Seeburgischen Parlamentär, dem die Augen verbunden waren.

   Dann saßen Herr Melcher und der von seiner Binde erlöste Unterhändler in der Prunkstube und schluckten sehr würdevoll den reichlich aufgetragenen Willkommstrunk. Eberhard, gewaffnet, auf das blanke Eisen gestützt, stand hinter dem Sessel des Vaters; als er mit höfischer Zierlichkeit zu reden begann, sagte Herr Melcher: „Du schweigst!“

   Der Parlamentär verlangte: Anerkennung des Seeburgischen Jagdrechtes in den Seeforsten, Ersatz der gepfändeten Netze, Auslieferung des Puechsteiners zum Gericht und Zahlung von zehntausend Dukaten Blutgeld für den auf unritterliche Weis erschlagenen Peter von Seeburg.

   „Sonst nichts?“, fragte Herr Melcher ruhig. „Ist nit viel.“

   Eberhard, das gelassene Wort des Vaters missdeutend wollte loswettern.

   Wieder befahl ihm Herr Melcher: „Du schweigst!“ Und zum Unterhändler sagte er: „Euer Heini von Seeburg ist ein bescheidener Herr. Aber schad’, ich bin ein bockbeiniges Luder. Was der Seeburger fordert, ist abgelehnt. Alles!“

   „So ist mein Herr in Fehd wider Euch und es kracht in der Mittagsstund der erste grobe Schuss.“

   „Mit dem Herschießen allein wird’s nit getan sein. Man wird auch hinschießen.“

   „Besinnet Euch, Herr! Wir liegen zu Vierhalbhundert vor Eurer Mauer, mit Schlangen, die kopfgroß schießen. Es kann ein Mord nit ohne Sühn’ bleiben.“

   „Mord? Hat der Heini von Seeburg sein gutes Deutsch vergessen? Bei mir heißt’s: Notwendige Abwehr von übeln Dingen, die ich nit nennen mag. Man soll von einem Toten nur Gutes reden. Das kann ich nit. Drum müssen wir schweigen.“ Herr Melcher hielt es für nötig, auch den Münchener Botschaftsritt des Veitl unbesprochen zu lassen. „Was der Heini von Seeburg wider uns beginnt, ist Verstoß gegen das Landrecht und Überhebung. Der Entscheid steht beim Hofgericht des Herzogs. Ich will nit säumen, meine gerechte Klag beim gnädigsten Fürsten anzubringen.“

   Der Unterhändler lächelte.

   „Herr Trutz, da habt Ihr die rechte Stund’ verpasst. Wie jetzt ein Klagbot’ aus Eurer Burg noch hinaus käm’? Da wär’ ich neugierig.“

   „Wegen Euer Vierthalbhundert?“ Herr Melcher lachte. „Unser sind weniger. Ist wahr. Aber innen und außen ist zwiefach Ding. Wir haben die Inseit’. Für meinen Hosenlatz brauch’ ich nur einen Lappen, der spannenbreit ist. Ihr hocket mir außen herum. Da reichen bei mir zwei Ellen Tuch nit. Ein Magerer tät’ weniger brauchen. Mit solcher Weisheit, die mir der Heini von Seeburg nit bestreiten wird, wollen wir das nutzlose Gewörtel beschließen.“ Der Burgherr erhob sich; er hatte den gelben Eierfleck auf dem roten Samt des Lehnsessels in zwei unregelmäßigen, aber doch entfernt an getrennte Halbkreise erinnernden Figuren abgedrückt. „Nehmt für den mühsamen Weg noch einen festen Trunk, Herr! Nichts für ungut!“ Aus Kurtoasey gegen den Parlamentär fasste Herr Melcher den schweren Silberkupf mit der dreifingerigen Rechten. Das hatte zur Folge, dass auch seine Brust von dem Wein was Erkleckliches abbekam. Dabei war auch ein Vorteil. Der Wein wusch ein bisschen und machte die Frühstücksflecken blasser.

   Während Eberhard dem Seeburgischen die weiße Binde wieder um die Augen knüpfte, gewahrte Herr Trutz mit Missvergnügen die gelbe Symmetrie auf dem Sesselamt. Er befahl dem Knecht, der die Becher bedient hatte: „Tu da sauber machen! Sonst muss sich mein gutes Weibl wieder giften.“

   Als die drei hinunter kamen in die Halle, stand Frau Angela bei der Treppe, umgeben von ihren neun Mägden, die zusammen ein halbes Jahrtausend auf mehr oder minder gebuckeltem Rücken hatten. Bei dieser runden Ziffer brauchte man die zwanzig Jährchen der hübschen, rothaarigen Pernella gar nicht mitzuzählen, die neugierig aus der Küchentüre herausguckte.

   Frau Angela redete kein Wort; nur ihre angstvollen Augen fragten. Ernst nickte Herr Melcher seiner Gemahlin zu: „Ja, liebes Herz, es ist so wider Recht und Gesetz, wir haben Fehd.“

   „Jesus!“, stammelte die bleiche Frau. Ihre Mägde liefen händeringend davon, so dass Frau Angela völlig allein blieb. In diesem Schreck übersah sie die noch feuchte Weingasse auf der Brust ihres Mannes, dachte nimmer des gelben Dotterflecks, nimmer des sündhaften Unrechts, das ihren Hennennestern mit jedem neuen Tag widerfuhr. Ihre nass umflorten Augen sahen Rauch und Feuer, Schaden und Raub, davon hüpfende Dukaten, erdrosselte Enten, erstochenes Vieh, Verarmung und Not, Wunden und rinnendes Blut. Zugleich verwandelte sich ihr altes Misstrauen wider die Puechsteinischen in einen glühenden Hass. Und ein sinnloser Jähzorn befiel sie, als sie das heitere Lachen ihres Sohnes vernahm. Sie jagte auf ihn zu, umklammerte seinen Arm und keuchte: „Unmensch! Du! Wie kann man lachen in solcher Stund?“

   Er tröstete tapfer und fröhlich: „Sei guten Muts, liebe Mutter! So heiß, wie die Seeburgischen kochen, speist man nit auf dem Trutzberg.“ Für so fröhliche Tapferkeit hatte Eberhard zwei gute Gründe: Erstens wusste er, wie stark die Burgmauern seines Vaters waren, und zweitens freute er sich der Gelegenheit, sich vor den Veilchenaugen seiner Braut und Seelengattin so sehr als Held erweisen zu können, dass jene kleine Dummheit, zu der er sich auf dem Taubenturm und um einige Wehrböden tiefer hatte hinreißen lassen, in ewiges Vergessen versinken musste.

   Mit zitternden Knien war Frau Engelein in der Halle auf einen Sessel gefallen. Während sie das Gesicht mit den Händen bedeckt hielt, fing sie zu rechnen an: Wie man Trank und Speise und Viehfraß und Hennenfutter einteilen musste, um eine Belagerung von ungewisser Dauer überstehen zu können. Hundertundzwölf Mäuler in der Burg! Die rote Pernella gar nicht mitgezählt – diese hundertdreizehnte! Da musste man mit der Knappheit der Speisenreichung gleich am ersten Tag beginnen. Ihrem Melcher war’s nur gesund, wenn er Fett verlor – vielleicht würde er auch weniger kleckern, wenn ihm der Bauch nicht mehr so weit herausstand? Und welche Tiere musste man schlachten, um Heu und Stroh und Hafer zu sparen? Auf diese Frage antwortete Frau Engelein mit vielen Todesurteilen, die noch im Laufe des Tages vollzogen werden sollten. Alle Hennen wurden begnadigt. Auch die Tauben. Die brauchten kein Futter, konnten hinausfliegen auf die Felder, in die Freiheit, die ihnen kein Zorn der Seeburgischen und kein hirnkranker Edelmut des Herrn Melcher verriegelte.

   „Glückselige Vögel!“ Mit diesem neidvollen Seufzer begab sich Frau Engelein zu den Vorratskammern.

   Inzwischen geleiteten der Burgherr und Eberhard den Parlamentär zum Brückentor. Herr Melcher winkte zum Fenster der Puechsteinischen hinauf, deutete auf den Unterhändler und machte die Geste eines Schusses mit der Hakenbüchse. Das verstanden auch die Leute im Hof; die einen blieben schweigsam und ernst, die anderen steckten die Köpfe zusammen und wisperten. Droben am Fenster lachte der Ritter Korbin und ließ sich endlich von der weinenden Frau Schligg zur Bettruhe bereden.

   In der Torhalle, zwischen der hochgezogenen Brücke und dem niedergelassenen Balkenrost, musste der Parlamentär sich bei Eberhards zierlichem Gespräch so lange gedulden, bis droben auf dem Turmsöller alles bereit war zum Auswurf der Waldzünder. Er hatte bei dieser Geduldsprobe noch einen Kameraden: Den Wanderpfaffen, der seine Lehre vom ersiegbaren Himmelreich und der Allmacht des rechten Christenwillens unter einer anderen Linde zu verkünden gedachte. Herr Melcher hatte ihm den Abschied mit den Worten erleichtert: „Geh Deiner Wege, frommer Mann! Zu dem, was jetzt an heiligem Amt auf dem Trutzberg noch nötig ist, wird unser alter Kaplan wohl ausreichen.“ Nun stand der Scheidende mit geschürzter Kutte, mit langem Stab und gepolstertem Zwerchsack zwischen Gatter und Brücke, bekreuzigte sich häufig und harrte unter murmelnden Gebeten des Auslasses.

   Ein Hornruf versammelte alle Burgmannen, die nicht Wache auf der Mauer hatten, im kleinen Wehrhof um ihren Herrn. Der stand in ihrer Mitte, versteckte die dreifingrige Hand im Brustschlitz seines Wamses und begann mit kriegsherrlicher Kraft zu sprechen: „Meine wehrhaften und getreuen Leut! Ich muss euch sagen –“

   Herr Melcher stockte. Die Augenbrauen hochziehend, betrachtete er einen jungen, schlanken Söldner, der für die schmucke, grün und rot gezwickelte Kriegertracht, für den funkelnden Kürriss und den schimmernden Eisenhut wie geboren schien. Als glaubhafte Verheißung ausgiebiger Streiche hing ihm das feste, breite Schwert an der Gürtelkette. Der Hals war noch ohne Stahlberge und wuchs wie aus Kupfer gegossen zwischen den Rändern der Schulterplatten hervor, umzogen von einem dünnen Seidenschnürchen, das unter dem Kürriss verschwand. Braungebrannt von der Sonne, streng und hager, lugte das vom Bartflaum umkräuselte Jünglingsgesicht mit den traumhaft glänzenden Augen aus dem Schatten des Helmschirmes heraus. Neben dem Söldner hockte ein Schäferhund auf den Hinterbacken, spähte sehr aufgeregt an dem jungen Krieger hinauf, schien eine rätselhafte Sache nicht begreifen zu können und schüttelte immer die Ohren, wie es empfindsame Hunde bei grellen Geräuschen zu machen pflegen.

   Was dem Wulli die Seelenruhe störte, das war nicht die Stimme des Herrn Melcher. Der sprach jetzt in einem zu Milde und Freundlichkeit verwandelten Ton: „Ich muss Euch sagen, meine lieben und guten Leut, dass uns der Seeburger wider Recht und Gesetz mit Fehd überzogen hat. Das wollen wir mannhaft von uns abwehren. Wie ich selber stehen will, bis mir die Knie brechen, so erwart’ ich es von jedem unter Euch. Zucht und Ordnung ist das erste. In Zeiten, die grob sind nach außen hin, muss der Mensch einwendig umso feiner werden. Was sonst ein ’ringes Versehen ist, wird unter Eisen und Blei zu einer groben Sünd, die man büßen muss ohn’ Erbarmen. Ich hoff’, das wird bei den Meinen nit nötig sein. Wir sind keine Seeburger. Wir sind Trutzbergisch und Puechsteinisch. Gelt, Leut? Ein jeder von Euch soll hertreten und soll mir zum Treuverspruch die Hand bieten.“

   Einer nach dem anderen kam, eine lange Reihe. Weil Herr Melcher wusste, dass den Leuten um der zwei fehlenden Finger willen bei seinem Händedruck immer ein bisschen gruselte, bot er ihnen die Linke. Und immer übersah er den Jungsöldner, der ein Schäfer gewesen. Den sparte er sich als letzten auf.

   „So, Du Lugenschüppel! Willst Du jetzt ehrlich und treu sein?“

   Lien nickte.

   „Hat Dich der Kassel an der Mauer schon eingeteilt?“

   Lien schüttelte den Kopf.

   „Jetzt wünsch einmal! Wo wär’s Dir am liebsten?“

   „Auf der Bruck.“

   Herr Melcher lachte freundlich. „Schlecht gewunschen! Da wird’s heiß werden.“

   „Eben drum! Der Kassel hat’s auch gesagt: Da stürmen sie am ehesten.“

   „Für solchen Posten muss man geschult sein.“

   „Gar so viel wird’s nit brauchen. Wo ich hinhau, fleckt’s.“

   „So? Und den Kopf ducken, wenn die bleiernen Vöglein und die stahlschnäbligen Schwalben über den Söller pfeifen – das muss man auch können.“

   „Ich will schon die Näs nit hinhalten“, sagte der Jungsöldner ernst, „man hat bloß eine, die braucht man.“ Er griff an seien Hals und lächelte. „Mir geschieht nichts.“

   „Recht so, Bub! Ans Leben glauben, heißt sein Leben lang machen. Komm!“ Nach einigen Schritten blieb Herr Melcher wieder stehen. „Du? Wie hat Deine Mutter geheißen?“

   „Germeid.“

   „Richtig, ja, Germeid!“ Herr Melcher nickte nachdenklich. „Ist ein seltener Nam’. Den hätt’ man sich eigentlich merken müssen. Und ist ein feines Maidl gewesen.“ In seine Stimme kam ein verdrossener Ton. „Ja, ja, im Leben gibt’s Sachen, die man hart versteht! … In Gottes Namen, komm halt!“

   Während dieses Gespräches war Wulli ein paar Mal wie rasend zwischen Schafstall und Söldnerhalle hin und her gerannt. Nun kam er wieder hinter dem Jungsöldner nachgeschlichen, der mit Herrn Melcher durch das schwere Innentor zum Brückenturm hinüberging. Wulli sah aus wie das schlechte Gewissen, dem ein Pelz gewachsen. Scheu, mit Schlappohren, hinten geduckt, mit eingekniffenem Schweif, so schnupperte er an der Wade des Rätselvollen, von dem er nicht wusste: War’s der Lien oder war er’s nicht? Winselnd wollte Wulli davon sausen, kehrte wieder um und schnupperte noch gieriger. Es stimmte – und stimmte nicht! Unverkennbar roch dieser Rätselvolle genau so fest und gut nach Gesundheit wie der Schäfer. Aber dieses fettige Schuhleder, diese grün und rot gestreifte Wolle, dieses Eisen sogar – das alles roch beinahe wie der Kassian Ziegenspöck, der wesentlich anders duftete als das schöne Bruchland und die Heideblumen! Zum Verzweifeln war’s! Und während Wulli sich verstört und gemartert durch diese schwere, tiefe Tragödie seiner Hundeseele kämpfte, sagte Herr Melcher mit dem Anschein gleichgültiger Ruhe: „Durch eine Schießschart’ musst Du ohne Stahlhut nie von unten her hinausschauen, allweil von der Seit’. Besser: Ein Ohr weg, als ein Bolzeisen oder eine Kugel im Hirn.

   Der junge Söldner nickte. Und weil er etwas an seiner Hüfte spürte und jappenden Atem und leises Winseln vernahm, griff er mit der Hand hinunter und muschelte sie um das Auge des Hundes, wie es wohl tausendmal der freundliche Schäfer getan. „Wohl, Herr! Fürsichtig von der Seit’. Von unt’ her bloß, wenn mich mein Eisenhütl deckt.“ O Not, o Glück, das war doch auch die liebe, feste Stimme des Lien! Obwohl sie von fremden Dingen redete, die kein schönes, klares, klingendes „a“ besaßen wie die Seligkeitsworte Lamm und Schaf und Hammel. Wulli musste noch immer zweifeln, doch seine leidende Sehnsucht peitschte ihn zum Glauben hinauf. Und da schmiegte er sich hart an den Schenkel des Söldners und fing heftig zu zittern an. Das wurde ein Schüttern und Gerüttel aller Glieder, wurde wie ein epileptischer Krampf.

   Diese Katharsis in der Tragödie einer Hundeseele war so auffällig und sah für Menschenaugen so komisch aus, dass Herr Melcher lachend fragte: „Tut Dein Hundl sich fürchten?“

   „Mein Wulli? Ich weiß nit, was er hat. Geforchten hat sich mein Hund noch nie. Vielleicht ist eine Katz in der Näh.“

   Wahrhaftig, da gibt es Menschen, die sich zu rühmen getrauen: Wir wissen, was Tiere sind, und wissen, was lebt in ihnen. Hier starb ein Hund beinahe in aller Pein und Angst seiner Liebe. Und da sagte sein eigener Herr: „Vielleicht ist eine Katz in der Näh!“ –

   „Eine Katz?“ Herr Melcher schüttelte den Kopf und wurde ernst. „Die sind unsauber, mein Weibl mag sie nit leiden, obwohl wir das springende Kätzl im Wappen haben. Sie macht’s lieber mit Mausfallen und vergiftetem Speck. Aber eine Katz wird nit weit sein: Die Sturmkatz der Seeburgischen. Komm, Bub! Wir müssen zum Turm hinauf. Die Zünder fliegen schon.“

   Immer mit der Schnauze an der Hand des Lien, täppelte der zitternde Wulli zwischen den beiden. Er war eine einfach organisierte Natur im Vergleich zu den Menschen, unter denen es so vielseitige gibt, dass sie, ähnlich wie der Jungherr Eberhard von Trutzberg, mehrere Tragödien oder Lustspiele der Liebe gleichzeitig erleben können. Wulli ging in diesem einen Zweifelsdrama und Trauerspiel seiner treuen Seele so völlig auf, dass alle übrige Welt um ihn her versank und seine sonst so aufmerksamen Augen völlig blind wurden für die vielen anderen Unerklärlichkeiten dieses schmerzvollen Morgens.

   Sonst brennen doch die Steine nicht. Heute flammten und rauchten die Mauerscharten des Turmsöllers. Sonst fielen die Sternschnuppen nur in der Nacht, fielen vom Himmel zur Erde herunter; heute flogen sie am Tag, flogen von der Erde im Bogen gegen en Himmel hinauf; und einige waren so groß wie Monde und Sonnen – nur dass die gewohnte eine Sonne, die ruhig aus dem Blau des Himmels strahlte, keinen so Atem beklemmenden Qualm aushustete und nicht so entsetzlich nach Schwefel stank, wie es die Wanderpfaffen vom Teufel zu erzählen lieben.

   Draußen im Burgwald, der nach dem kriegskundigen Willen des Puechsteiners so weit wie möglich von der Mauer fortrücken musste, versuchten die Seeburgischen, weil sie ihre schöne Deckung nicht verlieren wollten, das einfliegende Feuerwerk mit allen Mitteln zu ersticken. Es half nichts. Die welken Blätter des verwichenen Herbstes und die dürren Reiser wurden zu einer laufenden Flamme. Und blad begannen auch die Bäume zu glühen und zu lodern. Die Belagerer bekamen harte Stunden, weil ihnen der scharf gegen die Berge ziehende Sonnenwind den Rauch und die Glut entgegenwehte. Dennoch ließen sie, getreu ihrem ritterlichen Worte, pünktlich zur Mittagsstunde das erste grobe Wort einer hauptgroß schießenden Belagerungsschlange ertönen.

   Die Kugel war schlecht gezielt, überflog die Mauer, das Herrenhaus, die Wehrtürme, traf nur aus üblem Zufall und schlug in das zierliche Taubenheim über dem Söller des Burgfrieds. Ein Geprassel in den Lüften und ein wirres, dickes, rauschendes Taubengeflatter. Mauerbrocken, Schindeln und ein Wetterhand, ein Wolke von Vogelmist, zerschmetterte Federklumpen, unflügge Jungtauben, leere Nester und eines mit unausgebrüteten Eiern – alles klatschte auf die Dächer und in die Höfe herunter.

   Der alte Burgkaplan fuhr mit dem Kahlkopf zu einem Fensterlein heraus und lallte sein zahnloses: „Weh, ach weh!“ Und Frau Engelein, deren blasses Gesicht in einer Kellerluke erschien, weinte vor Zorn und Kummer. Jetzt sagte sie nimmer: „Glückselige Vögel!“

   Sie sprach ein anderes Wort, das man nicht zu gebrauchen pflegt, wenn man die Männer als kluge Herren der Schöpfung bezeichnen will.

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