Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 10

   Gegen die sechste Morgenstunde erwachte Lien. Bei der ersten Bewegung, die der Schäfer machte, richtete auch Wulli sich auf, der neben seinem Herrn auf dem von Mauslöchern durchwühlten Lehmboden gelegen.

   Als Lien am verwichenen Abend dem Fräulein von Puechstein die drei nötigen Sachen, das kupferne Kreuz und die Bilder der Joanne Darc und der Frau Nese Bernauerin, ins Herrenhaus hinaufgeschickt und nach einem Tag, welcher Hunger und Plage gewesen, den Wulli und sich selber gefüttert hatte, war er in einen bleiernen Schlaf gefallen. Jetzt beim Erwachen fand er sich nicht zurecht. Er suchte das Moorland, den Pferch und seine Herde und musste sich erst an das Bild gewöhnen, das ihn umgab. Ein großer, kahler, matt erhellter und unsauberer Raum – eins von den Losamenten, die zwischen den Ställen unter die Schützengänge eingebaut waren. Solcher Stuben gab es in der Trutzburg für das niedere Gesind und die hörigen Wehrleute genau ein Dutzend. Die Herrschaft bezeichnete sie nach den Monatsnamen. Die Stube, wo der Lien geschlafen hatte, hieß die Maistube. In der Gesindsprache hatten die Losamente ganz andere Namen: Zeckenloch, Ratzenstadel, Flohkeller usw. Bei den Knechten hießt die Maistube: der Mauskäfig. Dass es ein Wohnraum war, das sah man nur an dem aus Feuerstein gemauerten Ofen, an den paar Schüsseln und Krügen, die umherstanden, an dem Kram, der die Gesimse der Fensternischen füllte, und an den Zapfenbrettern, von denen Kleidern und Waffen herunterhingen. Sieben Strohsäcke lagen rings um die Wände herum. Sechse waren leer; die Bauern und Buben, die da bis Mitternacht gelegen, waren seit der Morgenwende auf Wache. Den müden Lien hatten sie schlafen lassen.

   „Wulliwulli!“ Nach dem Erwachen war das sein erstes Wort. „Gotts Not! Wie stinkt’s da in der Stub! Draußen auf der Heid schmeckt’s besser.“

   Er bekreuzigte das Gesicht und betete. Als er sich erhob, brauchte er, um fertig gekleidet zu sein, nur die nackten Füße in die Holzschuhe zu stecken. Vor der Türe bürstete er mit einem Besen den Fluchtstaub der Herde von seinem Gewand. Am Brunnen wusch er sich. Sehr sauber. Die Seeburgischen sollten, wenn man ihn auslieferte, nicht sagen: „So ein Schmierfink hat unseren Herren tot geschmissen.“

   Nach dem Sechsuhrläuten kamen die Kameraden des Mauskäfigs von der Mauerwache. Der Stubenälteste brachte die Arbeitslosung mit, die der Jungherr schon ausgegeben hatte. Lien war der Schmiede zugeteilt und musste beim Kugelgießen helfen. Das sollte nach der Frühmahlstunde beginnen. Zwei von den alten Mägden des Trutzberges trugen die Suppenschüssel herbei, den Korb mit Brot und Selchfleisch, dazu die große hölzerne Weinbitsche. Es gab im Mauskäfig über den reichlich zugemessenen Wein ein gerechtes Staunen; doch gleich beim ersten Trunk merkte man, dass Frau Engelein die größere Hälfte des Gesindweins aus dem Brunnen kelterte. „Zur Tapferkeit hilft das nit“, sagte einer von den Bauernbuben, „aber die Nasen bleiben weißer.“

   Unter dem Geschwatz der anderen verzehrte der Schäfer schweigend seine paar Bissen; was er vom Frühmahl absparte, gab er dem Wulli. Dann wies er ihn auf den Strohsack. „Da tust Du warten! Schauen wir halt, wie’s geht!“ Er schritt zur Türe.

   Der Ältestmann des Mauskäfigs rief ihm nach: „Hast ja noch Zeit!“ Er meinte: Zur Arbeit.

   Lien schüttelte den Kopf und ging davon. Im Burghof, über den die Sonne schon herunterblinzelte, liefen Söldner und Mägde die Kreuz und Quer. Aus allen Losamenten hörte man die Männerstimmen. Überall ein ruhiges Reden. Nur droben auf dem Söller des Brückenturmes ging es lustig zu. Hier verteilte die junge, hübsche, rothaarige Pernella das Frühmahl. „Die Supp ist mager, da muss man Fleisch einbröckeln!“, sagte ein alter Söldner und zwickte das nette, lachende Mädel in die Schattenseite.

   „Du?“, fragte Lien im Hof eine alte Magd. „Ist das edel Fräulein von Puechstein schon auf?“

   „Was geht’s Dich an? Mach, dass Du weiterkommst!“

   „Gut, mir eilt’s nit!“ Er trat in die Halle des Burgfrieds und stieg zum Pfaffenstüblein hinauf. Von einem der Wehrböden klang die Stimme des Jungherrn herunter, und undeutlich hörte man das Gurren vieler Tauben.

   In der kleinen, weißen Turmstube griff die Morgensonne mit rosiger Hand zum Fenster herein und streichelte die runzlige Wange des greisen Priesters, der neben dem unberührten Bett im Lehnstuhl schlummerte. Erst der Handkuss des Schäfers weckte ihn.

   „Oh?“ Die gütigen Kinderaugen des Greises fragten.

   „Tätst Du mir nit die Beicht’ hören, guter Herr? Könnt’ sein, dass ich sterben müsst’, ich weiß nit, wie bald.“

   Ein gähnendes Lallen. „Wa willtu?“

   Lien hob die Stimme: „Beichten, Herr!“

   Der Kaplan verstand erst völlig, als der Schäfer eine Handbewegung von seinem Mund zum Ohr des Priesters machte. Nickend erhob sich der Greis, wobei ihm Lien behilflich war, legte die Stola um den mageren Hals, holte ein weißes Tuch, nahm es gleich einem Schleier über Kopf und Gesicht, ließ sich wieder in den Lehnstuhl fallen und neigte die Wange gegen den Schäfer hin.

   Auf beiden Knien liegend, über der Sessellehne die braunen Hände ineinander klammernd, redliche Andacht in den blanken Augen und in dem strengen Jünglingsgesicht, fing Lien am Ohr des Priesters zu flüstern an. Immer nickte der Greis, um sein Beichtkind glauben zu machen, dass er alles gut verstünde. Die Sonne spielte über die beiden hin. Neben dem Taubengurren und dem Gepolter auf den Wehrböden des Turmes, neben dem Stimmengeräusch, das aus den Burghöfen und von den Schützengängen kam, tönte auch aus dem tiefen Tal herauf ein dumpfes Gelärme, während der Schäfer flüsternd seine Sünden bekannte: Fluchreden und schieche Gefräßigkeit; Speisenstehlen aus den Körben und Schüsseln der Margaret; arge Trotzgedanken wider die Herrenleute; Unachtsamkeit bei der Sonntagspredigt; Zorn und Grobheit gegen Hund und Schaf; verstecktes Lügen, um nicht ein Söldner werden zu müssen; arge Not am jungen Leib und im jungen Blut; unsauberes Träumen, das so kommt in der Nacht, man weiß nicht, was es ist und was es will; nach der toten Mutter ein Sehnen, das oft stärker ist als die Christenlieb zu Gott und den guten Heiligen; um der toten Mutter willen ein böses Denken wider ein Mannsbild, das man nicht kennt und nie gesehen und nie hat nennen hören; unchristliche Verachtung gegen solche, die schwach sind und sich fürchten müssen; ein grausliches Lügen und Heucheln mit Wort und Stein; vom Vaterunser bloß den Anfang und das Amen sagen; verderben müssen, was einem gütigen Maidlein ein Schönes ist; und das Ärgste von allem Argen: Schuld haben am Tod eines Menschen und nicht bereuen können und denken müssen, man tät’ es wieder und allweil wieder, wenn’s dem Herrn von Puechstein ans Leben geht.

   Der Sünder schwieg. Und der greise Priester hielt noch immer das Ohr hinunter gebogen und nickte und nickte, als ginge die Beichte immer noch weiter. Dass sie schon zu Ende war, merkte er erst, als Lien nach geduldigem Harren das heiße Gesicht erhob und auf den Knien den schlanken Körper streckte. Das weiße Beichttüchlein vom Kahlkopf herunterziehend, drehte der Greis den mageren Hals und sah dem Schäfer ängstlich forschend in die bittenden Augen. Der Glanz des Morgens schimmerte breit und schön um die beiden her. Je länger der alte Burgkaplan dem Lien in die jungen Augen sah, umso freundlicher wurde sein Blick. Jetzt lächelte er ein bisschen und hob die Hand mit gespreizten Fingern. Das bedeutete: fünf Vaterunser zur Buße!

   „Guter Herr“, stammelte Lien erschrocken, „das ist zu wenig für so viel Sünd!“

   Lächelnd bekreuzigte der Priester die Stirn und den Mund des Schäfers, strich ihm freundlich mit der zitternden Runzelhand über das kurz geschorene Haar und lallte lateinische Worte, zu denen Cicero und Horaz, die sich gut auf die Sprache Roms verstanden, sehr verwundert den Kopf geschüttelt hätten. Der Schäfer Lien, der kein Latein verstand, lauschte diesem Gestammel in Andacht und mit aufatmender Seele. Dankbar küsste er die Hand des Greises.

   Flink hinunter über die Holzstiege des Burgfrieds. Der Schritt des Schäfers federte, als wären seine Sehnen aus toledanischem Stahl geschmiedet. In seinen Augen war ein froher Glanz – freilich, das Leben wird manchmal ein hartes Ding, es ist schon wahr – aber ein leichtes ist der Tod, wenn man eine frisch gewaschene Seele hat. Da geht es aus dem Seeburgischen Profoßenstrick geradeswegs hinauf ins liebe Himmelreich.

   Ob wohl das Fräulein von Puechstein jetzt schon auf ist? Zu sehen war nichts von ihr. Da muss man geduldig sein. Die Herrenleute mögen das nicht gern, wenn man sie stört in ihrer Morgenruhe.

   Der Schäfer sprang in die Schmiede, um sich zur Arbeit zu stellen. Hier war um die rote Esse herum ein lautes, aufgeregtes Gerede; die Leute wussten schon, dass die Seeburgischen während der Nacht den ganzen Trutzberg umzingelt hatten und sich im Burgwald, dem Brückenturm gegenüber, hinter festen Schanzen eingruben.

   Man verstand nur nicht: Warum es drüben auf dem Puechstein so still wäre.

   Lien lächelte. Schweigsam tat er seine Arbeit und schwenkte die schwere Bleikelle aus der Essenglut heraus, als wär’s ein Suppenschluck. Bis die anderen ihre drei Kugelsätze gossen, hatte der Schäfer schon viere und fünfe fertig. Sie sahen aus wie silberne Kronreife, die man entzweigeschnitten und gestreckt hatte zu geraden Stänglein – heiße Kronreife eines kalten Königs, der ohne Vater und ohne Kinder ist und immer regiert für sich allein. Mit den zwölf Kügelsätzen, die der Lien hatte gießen müssen und mit der Beißzange ging er in den Mauskäfig, damit der Wulli auf seinem einsamen Strohsack nicht Langweil bekäme. Wem das feine Hundl wohl gehören wird? Morgen? Oder später? Vielleicht so einem groben Unverständling, der nicht weiß, dass gesunde Prügel nur helfen, wenn man sie aufschmälzt mit freundlichen Worten?

   Während Lien im leeren Mauskäfig auf dem Strohsack hockte und die schimmernden Kugeln sauber von den Bleihälsen herunterzwickte, rieb er immer wieder die Wange an der Schnauze des Wulli, der den Hals auf seines Herren Schulter gelegt hatte und bei der kriegerischen Tätigkeit des Kugelzwickens verwundert zuguckte. Plötzlich fuhr der Hund mit der Nase in die Luft und begann zu knurren. Als der Schäfer aufblickte, stand Hilde auf der Schwelle der Maistube, in dem braunen Hauskittelchen, das sie beim Morgenritt ins neblige Moorland getragen hatte. Ihr Gesichtl war blass und kummervoll, doch in ihren Augen war ein Lächeln. „Schäfer, ich muss Dir ein Vergeltsgott sagen.“

   Stumm und unbeweglich blieb er auf dem Strohsack sitzen.

   „Du hast mir gestern mein Kammerkreuzlein und meine zwei lieben Bilder hinaufgeschickt. Wie ist das gekommen, Schäfer, dass Du auf dem Puechstein warst?“

   „Ich selber weiß nit, wie!“ Lien erhob sich und umschloss mit der Faust die Schnauze des Wulli, der noch immer knurrte. „Aber gut ist’s, edel Fräulein, dass Du da bist! Ich muss dir was sagen.“

   Gleich rieselte ihr ein feiner Bluthauch über die Wangen. „Was, Lien?“ Dabei lächelte sie, als wüsste sie schon alles.

   Mit Worten brachte er’s nicht heraus. Außerhalb der Pfaffenstube bekennt man nicht gerne, dass man gelogen hat. Durch das offene Fensterloch hinausspähend, neigte er sich vor und deutete mit dem Arm. „Siehst Du das kleine Wetterfähnl auf dem Hausfirst droben?“

   Sie nickte.

   Er nahm aus seinem Hütl eine von den abgezwickten Bleikugeln. „Das ist so weit, wie im Bruch die Elster gewesen ist.“ Das eine Knie nach vorne stellend, beugte er das andere und bog den Körper nach rückwärts. „Guck, Du!“ Er warf. Dieses Bleiklümplein, das man nicht fliegen sah, war die erste treffende Kugel, die bei der Belagerung des Trutzberges verschossen wurde. Droben auf dem Hausfirst gab’s einen scharfen Klirr. Dann fuhr das Wetterfähnchen ein dutzend Mal wie rasend um die Stange herum. Ernst sagte der Schäfer: „Weißt Du’s jetzt?“

   Ihre Wangen wurden wie reife Pfirsiche, und das junge Brüstlein hob sich unter einem frohen Atemzug. „Ich hab’s doch allweil schon gewusst. Aber mein Vater hat mir’s nit glauben mögen. Auch Herr Melcher nit. Komm, Lieni! Denen musst Du es selber sagen!“

   Diese Notwendigkeit begriff er. „Gelt, ja! Nachher wird der Herr schon wissen, was er tun muss. Und der Puechstein hat wieder Ruh!“ Er streckte sich, wie es Menschen tun, die einer unlieben Pflicht gerecht geworden. Freilich, manches auf der Welt ist hart. Aber ein schönes Ding ist das Leben halt doch! Lien sah das Fräulein von Puechstein an. Schön oder nicht – wenn’s sein muss, macht man ein Kreuz drüber. Und besser heut als morgen. Wer weiß, ob er nicht morgen schon wieder ein Häuflein Sünden auf der Seele hat? Dann ist, wenn das liebe Leben schon hin sein muss, auch das Himmelreich noch verloren. „So komm halt!“, sagte Lien zu dem Fräulein und deutete, als Wulli ihm folgen wollte, auf den Strohsack. „Du, sei gescheit und bleib!“ Er strich dem Hund mit zärtlicher Hand über die Stirn. Wie ein Abschied war’s. Und Wulli, von einer sorgenvollen Ahnung befallen, ließ die Ohren schlappern und fing zu winseln an, als die beiden aus der Maistube gingen.

   Seite an Seite schritten sie durch den lärmvollen, schon sonnig gewordenen Hof. Keines von den beiden hörte die aufgeregte Stimme des Jungherrn, die von irgendwo aus einem Schützengang herunter scholl. Die kleinen Füße des Fräuleins huschelten so flink, dass der Schäfer lange Schritte machen musste, um nicht zurückzubleiben. In der Halle des Herrenhauses kam ihnen Frau Angela entgegen, sehr eilfertig, mit unruhigen Sorgenaugen und gallblassem Gesicht. In der grauen Hauskutte und der großen weißen Haube hatte sie was Gespenstiges und war anzusehen wie eine aus dem Grab heraufgestiegene Klosterfrau. So hatte Hilde die Trutzbergin schon oft gesehen. Das konnte also nicht die Ursache sein, weshalb das Fräulein so wunderlich erschrak und eine Bewegung machte, als möchte sie den Lien an der Hand fassen.

   Der Schäfer schien Frau Angela nicht sehen zu wollen. Ihr Blick vermied ihn so geflissentlich, als wäre er Luft. Sie guckte nur das Fräulein an und hatte ein zorniges Staunen in den Augen. Schon wollte sie eine strenge Frage stellen. Da zappelte eine alte Magd, die etwas in der gerafften Schürze trug, aus der Küchentür heraus und jammerte: „Frau, Frau, heut sind schon wieder um sieben Eier zu wenig in den Nestern gewesen!“ Dieses Unglück schien für Frau Engelein viel schwerer zu wiegen als alles andere, was ihr missfiel. Während sie mit der Magd in einen heftigen Wortwechsel geriet, winkte Hilde dem Lien und eilte wie eine Flüchtende über die Stiege hinauf. Als er sie einholte, musste er fragen: „Warum tust Du so zittern?“

   Schweigend schüttelte sie den Kopf.

   Da beugte er sich zu ihr hin und frage leise: „Ist Dir noch allweil was Schönes verdorben?“

   Wieder schüttelte sie stumm den Kopf; aber nun konnte sie lächeln, und ihr Schreck erlosch in einem Aufglänzen der blauen Augen. Sie ging so rasch davon, dass ihr braunes Kittelchen rauschte.

   Trepplein auf und Trepplein nieder. Ein langer, enger Gang, durch dessen schmale, hohe Fenster die Morgensonne goldene Streifen auf die weiße Mauer warf. Und eine schwere, braune Tür, durch welche die lauten Stimmend es Burgherrn und des Korbin von Puechstein herausklangen.

   Lien streckte seinen Arm vor das Fräulein hin. „Eh wir da hineingehen, muss ich Dich noch was fragen.“

   Sie sah zu ihm auf. „Was, Lieni?“

   „Magst Du mir versprechen, dass Du dem Wulli eine gute Herrin sein willst?“

   „Wer ist das?“

   „Mein Hund. Der ist mein. Sonst hab’ ich nichts. Der Wulli hat’s nit verdient, dass er schlechte Zeiten erleben müsst. Wirst Du ihm gut sein?“

   Lächelnd sagte sie: „Du bist ihm doch selber der beste Herr.“

   „Wer weiß, wie lang.“

   Was er meinte, verstand sie nicht. Sie glaubte nur, dass er an die Gefahr der nächsten Tage dächte. „Gelt, ja! Die Zeit wird hart werden für uns alle. Der liebe Gott soll Dich schützen, Lieni, derweil Du fechten wirst für uns!“

   „Fechten?“ Unter einem etwas unfrohen Lachen griff er an seinen Hals.

   „Und gut ist’s, Lieni, dass Du mich gemahnt hast an die ernste Zeit! Dir bin ich ein Vergeltsgott schuldig. Du hast mir den Vater am Lebern erhalten. Gelt, Lieni, jetzt darf ich auch was tun? Für Dich!“ Sie hob die Hände und knüpfte von ihrem Hals ein seidenes Schnürchen los, an dem eine kleine, schimmernde Münze hing. „Das ist ein Petersgroschen. Den hat der Heilige Vater zu Rom geweiht. Komm, Lieni, tu Deinen Hals ein lützel herunter zu mir! Das heilige Ding wird Dich schützen in aller Not.“

   Der Schäfer sah aus, als hätte ihm ein Sonnenstich das Gesicht verbrannt. Ungeschickt und hölzern beugte er sich und schauerte ein bisschen, als die zarten Finger des Fräuleins seinen Nacken berührten.

   „So, Lien! Da musst Du Obacht geben drauf! Gelt, ja?“

   Er nickte stumm und straffte sich in die Höhe, zog mit beiden Fäusten vor seiner braunen Brust den mürben Kittel zusammen und schloss die eiserne Hafte, wie er es sonst nu im Frost des Winters tat. „Edel Fräulen!“ Ganz erschrocken klang seine Stimme. „Jetzt will ich’s mit Freuden bekennen.“ Er selber streckte die Hand nach der Türklinke.

   Als die beiden eintraten, sagte Herr Korbin aus dem Bett heraus zu Melcher Trutz: „Vor dem Bruckentor müssen wir uns Luft schlagen. Da steht der Wald zu nah. Ich hab’ Dir schon oft gesagt, dass Du da roden musst.“

   Herr Melcher, der rittlings auf einem Holzstuhl saß, brummte sorgenvoll: „Allweil ist mir leid gewesen um die schönen Bäum’.“

   „Jetzt kann sich der Seeburger hinter ihnen eingraben. Sobald der Sonnenwind fester gegen das Bergland zieht, schmeißen wir die Pechfässer in den Wald.“ Herr Korbin verstummte, sah lachend sein Mädel an und zog die Bettdecke über seine Blöße herauf.

   „Geh, Korbi, tu Dich doch ein lützel stillhalten!“, mahnte Frau Schligg mit sorgenvoller Sanftmut, während sie die lange Leinenbinde des Verbandes vom nackten, haarigen Schenkel ihres Gemahls herunterwickelte.

   An der mauer der etwas kahlen Gästestube standen noch die Bretter des abgeschlagenen Bettes, das dem grün und gelb überhimmelten Perlenschrein der Frau Scholastika hatte Platz machen müssen. Waffenzeug und Kleider lagen zu hohen Stößen geschichtet. Um Ordnung zu machen, war der Puechsteinerin noch keine Zeit verblieben. Ihr Mann hatte eine unruhige Nacht verbracht, und nun blühten auf seinen hageren Wangen die Knospen werdender Fieberrosen. Das konnte ihm die gute Laune nicht verderben. „Mädel?“, rief er heiter und hob das Bein, um seiner Frau die ärztliche Mühe zu erleichtern. „Was willst Du mit dem Schäfer? Glaubst Du, wir sind Hammel, die man sälzen muss?“

   Minder lustige Augen hatte Herr Melcher; er betrachtete den Lien so unfreundlich, als hätte seine wohlwollende Seele sich plötzlich verwandelt in das Gallengemüt der Frau Engelein.

   Hilde war zum Bett getreten. Sie vermochte nicht gleich zu sprechen. Was sie vom Gesicht der Mutter las, erneute ihre Sorge um den Vater. Nun war ihr „das Schöne“ wieder verdorben. Zwischen Schreck und Freude stammelte sie: „Schau, Vater! Da steht der Lien! Er hat es getan. Jetzt hat er selber eingestanden.“

   „Was?“, fragte Herr Korbin.

   „Tu reden, Lien! Sag es so ehrlich, wie Du’s mir gesagt hast!“

   Der Schäfer, der wie ein Träumender aussah, streckte sich gleich einem Erwachenden und nickte ein paar Mal rasch mit dem Kopf. „Wahr ist’s, ihr Herren! Ihr müsst Unfried leiden um meinetwegen. Ich bin’s, der den Seeburger vom Gaul geworfen hat.“

   Der kurze, dicke Hals des Herrn Melcher schien plötzlich wachsen zu wollen. Und der Puechsteiner rief mit Lachen: „Bub? Wahrhaftig? Du?“ Heiter stupfte er mit den Zehen des gesunden Beines nach dem schweigsamen Trutz von Trutzberg. „Höi, Melcher? Was sagst Du jetzt? So ein Lümmel und Unschick von einem Schäfer! Und schmeißt mit einem Stein, wie der beste Schütz nit schießt mit Büchs oder Armbrust!“

   Wieder nickte Lien. „Ist schon wahr, Herr! Ein lützel unschickig hab’ ich’s angestellt. Ich hätt’ besser zielen können, es wär’ genug gewesen, wenn ich ihm den Arm, mit dem er zugestochen, in Scherben geworfen hätt’. Da wär’ dem Puechstein viel Unliebsames erspart geblieben. Aber wie man’s halt macht in der Hitz!“

   Immer vergnügter wurde Herr Korbin. „Komm her a, Bub! Und red! Wie bist Du dazu gekommen?“

   Um das zu sagen, brauchte Lien keine vierzig Worte. Dann sah er das Fräulein an, legte den Kopf in den Nacken zurück und sprach gegen die Stubendecke hinauf: „In Gottes Namen, Ihr Herren! Jetzt lasst mir halt die Händ’ binden! Man soll mich dem Seeburgischen Bruder zur Buß hinunterschicken! Und alles ist gut. Und der Puechstein hat wieder Fried.“

   Hilde erschrak, dass sie eine weiße Stirn und erweiterte Augen bekam. Auch Herr Korbin stellte das Lachen ein, wurde ernst und betrachtete erwartungsvoll den Burgherrn. Der hatte, obwohl er in der Morgenfrühe noch ziemlich nüchtern war, ein so krebsrotes Gesicht, wie man es sonst nur zu Beginn einer schweren Trunkenheit an ihm gewahrte. Man konnte diese Blutwallung für aufsteigenden Zorn, aber auch für etwas anderes halten. In diesem unklaren Gemütszustand sprach er seit dem Eintritt des Schäfers das erste Wort. Ein sehr grobes. „Du Schafskopf! Weißt Du nit, wer ich bin?“

   „Wohl, das weiß ich gut. Ihr seid mein Herr und könnet jetzt machen mit mir, was Euch ein Nutzen ist!“ Lien verlor seine Ruhe ein bisschen. „Aber, was ein Schaf ist, das weiß ich besser als die Herrenleut, die nit merken, wie viel Klugheit in so einem Viechlein steckt. Schafskopf muss man sagen zu einem Menschen, den man loben will. Zu einem, der gescheiter ist als ander Leut und besser sieht und besser hört. Und in der Nacht ein Giftkräutl wegscheidet von einem gesunden Halm. Und folgsam ist und treu und gelehrig. Freilich, so ein alter, unguter und ewig brunftiger Hammel! Der ist halt, wie er ist!“

   „So? So?“, knurrte Herr Melcher.

   „Wohl, Herr, aber meine guten Schaf’, die lass ich nit durch ein unbedächtigs Wörtl verschimpfen.“

   Herr Korbin hatte sein heiteres Lachen wieder gefunden, wurde aber unterbrochen durch einen leisen Schreckensruf seiner Gattin. Mit der Lösung des Verbandes beschäftigt, hatte Frau Schligg auf das Gerede der Mannsleute nicht geachtet. Beim Anblick der heiß entzündeten Wundränder schossen ihr die Tränen in die Augen. „Mann, ach, Mann, ich bitt’ Dich“, bettelte sie, „so bleib doch ruhig ein lützel! Ich muss das Essigwasser holen. Kindl, Du musst mir helfen! So komm doch, komm!“

   Hildes verstörte Augen irrten ratlos zwischen Lien und dem Vater hin und her. Dann eilte sie stumm der Mutter nach, die in der Türe des anstoßenden Raumes verschwunden war.

   Nun betrachtete auch Herr Korbin die Wunde. Sie schien ihm nicht zu gefallen. Er saget: „Pfui Teufel!“ Dann lachte er wieder und winkte dem Lien. „Du! Ein Schäfer, heißt’s allweil, kann mehr wie Kirschenessen. Komm her da und schau!“

   Weil Lien nicht schnell genug zum Perlenschrein der Frau Scholastika hintrat, brüllte Herr Melcher unbegreiflicher Erregung: „Wie, Du! Wenn Du gar so gescheit bist! So rühr’ Dich halt ein lützel!“

   Aufmerksam betrachtete der Schäfer die Wunde; aus dem anderen Raum vernahm er das Geklapper einer Kupferschüssel und das Plätschern von Wasser; er drehte das ernste Gesicht zur Türe, sah den Ritter Korbin wieder an und dämpfte die Stimme. „Herr, so ist’s einmal bei mir gewesen, wie mich ein halberschlagener Wolf noch gerissen hat. Da ist kein ander Mittel nimmer. Das muss man ausglühen. Sonst könnt’ sich der Brand dazuschlagen. Bei mir hab’ ich’s mit der Schippenschaufel gemacht. Mit einem neuen Messer tät’s besser gehen. Das könnt’ ich ja schnell noch machen, ehe ich hinunter muss zu den Seeburgischen.2

   „Du Narr!“, stammelte Herr Melcher in Zorn und Schreck und stieß mit seiner dreifingerigen Faust den Schäfer von der Bettlade weg.

   „Lass den Buben!“ Der Puechsteiner war nachdenklich und bedeckte das wunde Bein mit dem Linnlaken. „Kann sein, dass er Recht hat. Aber meine gute Schligg wird’s nit leiden wollen. Da muss ich heut Nacht erst reden mit ihr. In der Finsternis sind die Weibsleut allweil gescheiter als wie am Tag.“ Während er diese Worte langsam vor sich hinredete, hatte er sich in den Kissen aufgesetzt. Durch das offene Fenster, durch das der Lärm der Tiefe in die stille Stube herein quoll, sah er immer zu dem von der Morgensonne umzitterten Puechstein hinüber. Und plötzlich, mit einer ganz anderen Stimme, sagte er: „Dass sich auf meiner Mauer noch allweil nichts rührt? Ich versteh’s nit.“

   „Gar so flink kommen die Seeburgischen nit hinein, Herr!“, tröstete Lien. „Gestern vor Nacht hab’ ich die Bruck noch hinaufgezogen.“

   „Was hast Du?“, schrie Herr Melcher.

   Diesem sonderbaren Zorn gegenüber wurde Lien verlegen. „Wahr ist’s, Herr, schon gestern am Abend hätt’ ich’s dem Puechsteiner gern gesagt, dass ich allein an allem Unfried schuld bin. Aber Hof und Stuben da drüben sind leer gewesen. Ich hab’ gemeint: So dürft’ man das Tor nit stehen lassen. Und hab’ die Bruck hinaufgehaspelt und hab’ mich abgeseilt über die Mauer.“

   Herr Melcher und Herr Korbin sahen einander an und musterten wieder den Schäfer, dem unter diesen Blicken unbehaglich zumut wurde.

   Frau Schligg und Hilde kamen mit der Kupferschüssel und dem Verbandzeug. „Die fremden Leut müssen aus der Stub“, klagte die Puechsteinerin, „schaut mir einer zu, so hab’ ich keine ruhigen Händ.“

   Wie die zürnende Justitia einen üblen Verbrecher fasst, so packte Herr Melcher den Lien an der Schulter. Um besser greifen zu können, tat er’s mit der fünffingerigen Linken. „Weil Du gar so gescheit und schickig bist – und weil wir schon eh nit bleiben dürfen – jetzt komm einmal! Dich muss ich ein lützel besser anschauen.“

   Mit rauschendem Kittelchen kam das Fräulein von Puechstein zur Tür gelaufen, fasste den empörten Burgherrn am Arm und flehte: „Er hat’s doch nur getan, um meines Vaters Leben zu wahren! Deswegen darf man ihn doch nit leiden lassen!“

   Herr Melcher hatte kein Ohr für dieses Argument, dem einige Gerechtigkeit nicht abzusprechen war. Knurrend und brummend stieß er den Lien zur Türe hinaus, während der Puechsteiner im umfangreichen Schatzkästlein der Frau Scholastika mit Lachen rief: „Höi! Mädel! Spinnst Du? Dem feinen Buben geschieht doch nichts!“

   Im weißen Treppengang, wo Hilde dem Schäfer das hilfreiche Petersgröschlein um den Hals gebunden hatte, guckte Herr Melcher zur Linde des Burggartens hinunter. „Ei wohl! Da üben sie grad mit den Brusten. Jetzt komm!“ Um eine Begegnung mit Frau Engelein zu vermeiden, nahm er mit seinem Häftling den Weg zum Burggarten nicht über die Hauptstiege des Herrenhauses, sondern durch die verwinkelte Mauerschlüfte und über beschwerliche Holztreppen des Söldnerbaues. In der Wehrhalle huschte die hübsche, rothaarige Pernella lachend und mit heißen Wangen an den beiden vorüber, und dann lief ihnen der Jungherr Eberhard, der es eilig hatte, in den Weg. Verdutzt betrachtete er das blaurote Gesicht seines heftig schnaufenden Vaters und fragte: 2Was ist mit dem Schäfer? Hat er ein schlechtes Ding getan?“

   „Schau zu Deinen Pflichten!“, schrie Herr Melcher. „Der Feind ist vor der Mauer.“ Und zum Schäfer, den er noch immer am mürben Kittel gefasst hielt, sagte er: „So, Du! Jetzt komm! Jetzt muss ich einmal sehen, ob der Geißbock tanzen will auf einem ehrlichen Seil.“

   Im sonnigen Burggarten waren vier Söldner dabei, die neu gefiederten Armbrustbolzen zu prüfen. Die schwarze Scheibe mit den zwei weißen Strichen, die sich kreuzten, hing am Stamm der Linde, unter deren weit gespanntem Gezweige der Wanderpfaff von der Macht des Christenwillens und vom erfechtenswerten Himmelreich gepredigt hatte. Krachend schlugen die Bolzen in das Scheibenholz, und die Scheibe sah aus wie ein Igel, dem in der Mitte seines Rückens die Stacheln erst wachsen sollten.

   Herr Melcher schrie: „Wo ist der Kassel, mein Serjant?“

   Der wäre für einen Sprung hinauf in seine Stube. So sagte ein Söldner, sehr ernst; die anderen schmunzelten. Und da wusste Herr Melcher: Dass der Kassel droben in seiner Serjantenstube aus dem heimlichen Rotweinfässlein die leer gewordene Gurke füllte. Das war in so kriegerischer Stunde ein schweres Vergehen. Der Burgherr hätte zürnen und strafen müssen. Aber er selber wusste am besten, was Durst bedeutet. Und wusste aus alter Erfahrung: Je mehr dieser Kassel soff, umso nüchterner sah er aus, umso ruhiger, umsichtiger und verlässlicher war er. Einmal hatte Herr Melcher den Kassel drei Tage lang unter strenger Bewachung dürsten lassen und hatte ihm nur Wasser gestattet, das bekanntlich einen rechtschaffenen durst nicht zu stillen vermag. Am Abend des dritten Tages glich der Serjant einem unzurechnungsfähigen Trunkenbold; man musste ihm zehn Maß Wein verordnen, um ihn wieder nüchtern zu machen.

   „So!“, befahl Herr Melcher. „Gebt dem Buben a eine Armbrust!“ Gleich lachten alle Söldner. „Jetzt nimm Dich zusammen, Schäfer! Spielst Du wieder einmal den unschickigen Geißbock, so lass ich Dir die Hörner strecken.“

   Jeder Blutstropfen wich aus dem Gesicht des Lien, als er die Waffe fasste. Sein Blick flog hinaus zu dem fernen Bruchland. Der klügste von seinen klugen Gedanken riet ihm wieder: Stell Dich dumm! Aber die gereinigte Seele mit einer Lüge beflecken? Und wer zum Profoßenstrick der Seeburgischen hinunter muss, der braucht doch auch kein Söldner zu werden! Freilich, ein Schäfer kann man da auch nimmer bleiben! So oder so – da Lügen nützte nichts mehr, und die Wahrheit schadete nimmer. Er besah die Waffe und sagte ernst: „An das neue Brüstl bin ich nit gewöhnt. Mit meinem alten Scherben, da schieß’ ich besser.“

   „So! Also! Dann hol Deinen Scherben! Und flink! Oder ich mach’ Dir Füß.“

   Lien sauste davon. eh man ein Vaterunser hätte beten können, war er wieder bei der Linde, mit seiner alten Armbrust, mit den Bolzen, die er selber gefiedert hatte, und mit dem Wulli, der sich in der ungewohnten Umgebung und gegenüber so vielen neuen Lebensrätseln immer dicht an die Wade seines Herrn schmiegte.

   Während Lien die dicke Armbrustsehne ohne Hebel spannte und den Bolzen in die Rinne gab, guckten Herr Melcher und die Söldner sehr neugierig zu. Aber noch viel aufmerksamer war Wulli: Der wusste doch, dass jetzt entweder ein Geier aus der Luft herunterfallen, oder ein Fuchs sich irgendwo überpurzeln, oder ein Marder aus der Linde zu Boden plumpsen wird.

   Das Gesicht des Herrn Melcher wurde äußerst nachdenklich, als er den Schäfer so breitspurig stehen und mit der Waffe wie zu einem einzigen ehernen Ding verwachsen sah.

   Die Sehen klang, ein Schlag im Scheibenholz, und Wulli raste im Burggarten umher, ohne den Gier, den Fuchs oder den Marder finden zu können. Ein neues Rätsel für ihn.

   Die Söldner guckten verdutzt und ein bisschen eifersüchtig drein, als sie gewahrten, dass der Bolz des Schäfers mitten im weißen Kreuz der Scheibe stak. Hinter dem glückhaften Schützen machte Herr Melcher eine sonderbare Bewegung mit der Hand; doch er beruhigte sich und sagte: „Auch ein blinder Gockel findet ein Haferkorn. Schieß zum anderen Mal!“

   „Da muss man erst den Bolz aus dem Kreuz ziehen. Sonst ist er hin.“

   „Wie!“, knurrte Herr Melcher in Zorn. „Das muss ich erst sehen.“

   Der Schäfer schoss. Der zweite Bolz zersplitterte den Schaft des ersten, Holzstücke und Fiederung flogen davon, und im Kreuz der Scheibe stak nur ein einziger Bolz, der zwei stählerne Spitzen hatte.

   „So, so?“, sagte Herr Melcher und schlug den Lien von hinten her übers Ohr. Sehr kräftig. Ein Glück, dass es mit der dreifingerigen Hand geschehen war. Sonst hätte man auf der Wange des Lien fünf rote Striche brennen sehen.

   „Herr!“ Der Schäfer wuchs um einen halben Kopf. Von den drei glühroten Flecken abgesehen, war er blich bis in den zugeheftelten Hals hinunter. „Warum schlaget Ihr mich?“

   Der Trutz von Trutzberg fasste ihn am Arm. Doch aus seiner Stimme, so grob sie sich anhörte, klang etwas anderes als Zorn. „Weil Du mich seit fünf Jahren durch Lügen und Geißbockerei verhindert hast, den Sohn Deiner feinen Mutter selig zu einem wahrhaften Mannsbild zu machen! – Jetzt komm!“

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