Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
            Kapitel 1

            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20
            Kapitel 21
            Kapitel 22
            Kapitel 23
            Kapitel 24

Kapitel 9

   Den gleichen Fluchttrieb, von dem die Schafherde befallen war, hatte der Puechsteinische Reiter auch in die Gehöfte der hörigen Bauern geworfen. Da begann in jedem Hag ein Rennen und Hasten, ein zorniges Schelten der Männer und ein grillendes Geschrei der Weibsleute. Jetzt kam das „Himmelreich“, von dem ihre sehnsüchtigen Christenseelen bei der Predigt des Wanderpfaffen geträumt hatten. In Wirklichkeit sah es wesentlich anders aus, als es in ihren Träumen sich angesehen hatte. Da war’s gewesen wie ein hoher Feiertag im Schlaraffenland, mit Tanz und lustigem Frieden, mit vollen Geldsäckeln und wunschlosem Magen, mit dem Duft gebratener Ochsen und mit dem lieblichen Geplätscher des aus unerschöpflichen Brunnen strömenden Weines. Das Himmelreich, das nun zu kommen drohte, hatte den Vorgeschmack von rinnendem Blut, den Geruch von brennenden Häusern und das grinsende Gesicht aller Lebensnot.

   Mit dem wirren Stimmengekreisch der Männer und Weiber mischte sich das Geplärr der Kinder, das Brüllen der Kühe, das Gackern, Geschnatter und Flügelschlagen des Federviehs. Man fing die Hennen, Enten und Gänse von den Misthaufen weg und sperrte sie in hohe Körbe, die aus Stroh oder Weidenruten geflochten waren. Mit Stricken knüpfte man die Rinder an den Hörnern zusammen, die Ziegen an den Hälsen, die Schweine und Ferkel an den Füßen. Den armseligen Hausrat lud man auf die Karren; Gewand, Geschirr und Nahrungsmittel wurden in die Waldsäcke gestopft.

   Nur an dieser Habe, die man schleppen und treiben konnte, hing die Sorge der Flüchtenden. Ein heimatliches Hängen an den bedrohten Dächern, die sie jetzt verlassen mussten, kannten sie nicht. Diese Häuser und Hütten waren für die Armen, die da wohnten, ein unsicheres und häufig wechselndes Lehen und waren, wie die Ställe und Scheunen, Besitz des Burgherrn, der diese Dächer, wenn ein Feind sie nieder brannte, neu wieder aufbauen musste. Statt sein Haus zu leiben, dachte der hörige Bauer: Ein frisches Dach hält den Regen besser aus als ein morsch gewordenes, und für das Vieh ist ein neuer Stall gesünder als ein alter. Doch die fahrende Habe, die sein Eigentum war, konnte Raubgut der feindlichen Söldner werden. Und übel mussten die Mannsleute sich sorgen um ihre Mütter und Bräute, um ihre Weiber und Töchter. Man kriegt nicht gern ein Kind, von dem es schwer zu erraten ist, wem es gleich schaut. Die Greise, die halbwüchsigen Buben, die Weibsleute und Mädchen hoben die Säcke und Körbe auf den Rücken, nahmen die schreienden Kinder an die Hand, begannen die zusammengekoppelten Viehhaufen zu treiben und die Karren zu schleppen, flüchteten gegen die verlässlichen Schlupfwinkel der Berge und beteten dabei mit Inbrunst, dass der liebe, barmherzige Gott keinem anderen den Sieg verleihen möchte als Herrn Melcher Trutz und dem Ritter Korbin von Puechstein.

   Die rüstigen Mannsleute und die wehrfähigen Burschen gaben den Flüchtigen unter klugen und törichten Ratschlägen das Geleit, bis die bergenden Wälder begannen. Dann kehrten sie um und zogen mit ihren Hauswaffen und Schanzwerkzeugen zur Burg ihres Herrn hinauf. Hier langten sie gerade rechtzeitig an, um die Heimkehr des Trutzbergischen Kriegsgottes und die Ankunft der Puechsteinischen Auswanderer mitzuerleben. Es war ein langer Zug, der sich über die vielen Schlangenwindungen des steilen Burgpfades heraufbewegte. An der Spitze dieses halb kriegerisch und halb friedsam ausschauenden Heerwurmes ritt Herr Melcher, wieder umfunkelt von seinen Waffen, auf dem Haupt die springende Katze, mit dem ernsten Blick eines sorgenvollen, seiner Verantwortung tief bewussten Feldherrn. Diesen Führerposten hatte er gewählt, damit er als erster in die Burg käme und vor dem Eintritt der Puechsteinischen Gäste noch Zeit hätte, den voraussichtlich sehr heftigen Zorn der Frau Angela zu beschwichtigen.

   Neben der Tatsache, dass er ihren ausdrücklichen Wünschen zuwidergehandelt hatte, musste er ein bedrohliches Aufbrennen ihrer Reizbarkeit noch aus einem zweiten Grund befürchten. Seinen Schwur, auf dem Puechstein weder zu essen, noch zu trinken, hatte er treulich gehalten. Solche Gewissenhaftigkeit war ihm dadurch erleichtert worden, dass es Frau Scholastika in ihrem Kummer und bei der Plage des flinken Packens völlig übersehen hatte, dem Gast einen Trunk oder Bissen anzubieten. Und dennoch hatte Herr Melcher sich ganz entsetzlich bekleckert. Beim Ausritt aus dem Puechstein hatte in der Torhalle die springende Katze seines Helmes einen mit Kalk gefüllten Kübel vom Mauergesims herunter gestoßen, und von der Schulter war ihm der weiße Farbstrom über Kürriss, Waffenrock und Beinscheinen bis auf den Sporn geronnen. Eigentlich sah das gar nicht unsauber aus. Es hatte nur den Anschein, als wäre der grimme Kriegsgott zur linken Hälfte in einen weißen Friedensengel verwandelt. Dass auch der Scheck, auf dem er geritten kam, von dem Kalkregen was Erkleckliches abbekommen hatte, das merkte man gar nicht, weil der Gaul ohnehin schon mit weißen Sprenkeln versehen war.

   Hinter Herrn Melcher kamen die von des Puechsteiners hörigen Bauern geführten, von Ochsen und Kühen gezogenen Karren, jeder hoch beladen mit Truhen, Hausrat, Geschirr, Weinfässern, Mehlsäcken, Waffen, Kugelbeuteln, Gewand, Schmalztöpfen, Pulverkisten und Käsekörben. Das Wertlose war in der verlassenen Burg zurückgeblieben, nur das Beste hatte man mitgenommen, und dennoch sah diese Karrenreihe aus wie der Umzug eines Trödelmarktes. Einen grotesken Anblick bot der letzte der Karren, den man auf Frau Schliggas inständige Bitten mit ihrem mächtigen Ehebett beladen hatte. Weil es der Länge nach auf dem Karren keinen Halt gefunden, hatte man es senkrecht auf die Fußwand stellen müssen. Aus Bettzeug, Kissen und Linnlaken aufragend, umweht von den grünen und gelben Fähnchen seines Himmels, kam es angewackelt wie eine jener lustigen Faschingskanzeln, die in den Städten am närrischen Dienstag umhergefahren werden. Es fehlte nur der Narr mit seinen zynischen Knüttelversen. Freilich, beim Aufladen im Hof des Puechsteins hatte Frau Scholastika mancherlei Späße vernehmen müssen. Unter Tränen hatte sie den Spott der üblen Stunde geschluckt. Was den Scherz der anderen weckte, war für sie eine Schatzkammer der verzettelten Seligkeiten ihrer entschwundenen Jugend, ein Perlenschrein der ungezählten Tränen, die sie aus sorgenvoller Sehnsucht nach dem immer fernen Gatten vergossen hatte in tausend einsamen Nächten, und das zärtlich behütete Heiligtum ihres neu erblühten Spätglückes, für dessen Erhaltung sie in jeder Stunde einen verschwiegenen Schrei zum Himmel schickte.

   Im Gefolge dieses letzten Karrens, der für Frau Scholastika der einzig zählende war, meckerten die Ziegen und grunzten die Schweinchen einher, die von der alten Schloßhauserin Barbara und der jungen, hübschen, rothaarigen Magd Pernella getrieben wurden. Auf dem Rücken der beiden Weibsleute flatterten die Hennen und Enten in den hohen Weidenkäfigen.

   Nun kam Herr Korbin geritten, auf einem zahmen Gaul seines Söldnerstalles, mit einem schmerzhaften Ausdruck im heißen Gesicht und doch belustigt durch das komische Bild der eigenen Armut, die da auf Reisen ging. Er trug seine schwersten Waffen; nur das verwundete Bein war ohne Stahlplatten und umwickelt mit linden Tüchern.

   Zu beiden Seiten des Puechsteiners ritten Frau Scholastika und Hilde mit blassen Gesichtern und feuchten Augen, in den gleichen Kleidern, die sie an dem schönen Sonntagmorgen bei der Predigt es Wanderpfaffen getragen hatten. Statt des Kränzleins aus roten Nelken saß der Hut mit den zwei Schwanenfedern auf dem Braunhaar des Fräuleins. Immer hingen die Blicke der beiden in tiefer Sorge an dem lachenden Reiter. Und sooft das ungetüme Ehebett auf dem letzten Karren einen bedrohlichen Wackler machte, erschrak Frau Scholastika bis tief ins Herz und streckte die Hand, als müsste sie stützen und helfen.

   Die drei, die erst auf halber Höhe des Burgwaldes ritten, konnten das Tor und die Mauer noch nicht sehen. Aber sie hörten das Geknatter und Gerassel, mit dem die Zugbrücke herunterfiel. Heiter sagte der Puechsteiner: „Jetzt wird Frau Engelein vor Schreck einen Purzelbaum schlagen und aus der Haut fahren. Hoffentlich hat sie eine andere zur Hand, die ihr passt. Sonst muss sie als geschundene Heilige durchs Leben wandern.“ Er sah die gequälten Gesichter seiner Frau und Tochter an und lachte wieder. „Meine zwei lieben Weiblein, nehmt das Ding nit so hart! Wir reiten einer flinken und lustigen Hochzeit entgegen. Wird Frau Engelein zum Vorspiel ein lützel grob, so muss man’s schlucken mit Heiterkeit. Sie kann nit anders. Alles ist und bleibt, wie’s Gotts Weisheit erschaffen hat.“ Den Schritt des Pferdes verhaltend, drehte er den Kopf. Hinter ihm kamen die Geleitsknechte des Herrn Melcher, die paar Söldner und der alte Torwärtl des Puechsteiners; sie waren neben der eigenen Wehr, die sie trugen, noch mit allem Waffenzeug beladen, das man auf den Karren nimmer untergebracht hatte. Freundlich nickte Herr Korbin den Leuten zu und rief: „Ein lützel langsamer! Herr Melcher wird Zeit brauchen zum Turnei mit seinem Hausvergnügen.“

   Im gleichen Augenblick vernahm man vom Tor herunter das Hufgepolter des schweren Schecken auf der Brücke.

   Der halb zum Friedensengel gewordene Kriegsgott ritt in die Trutzburg ein. Seine Augen guckten ein bisschen scheu. So blicken die Feiglinge, wenn sie wissen, dass sie in der Nähe des Feindes geraten.

   Im großen Hof waren schon beim Anmarsch der hörigen Bauern alle Grünroten zusammengelaufen, und Jungherr Eberhard war eben dabei, die Dorfleute in die Losamente der Schützengänge zu verteilen. Ein aus Aufregung und Heiterkeit gemischter Stimmenlärm erhob sich beim Eintritt des bekleckerten Burgherrn und beim Erscheinen des ersten Plunderkarrens.

   Im dunklen Spitzbogentor des Herrenhauses tauchte Frau Engelein auf.

   Melcher Trutz zu Trutzberg bekreuzigte die Nase, die man als fürstlich bezeichnen konnte, weil sie Purpur trug. Mit einer für seine Leibesfülle sehr ungewohnten Eile schwang er sich aus dem Sattel, klirrte auf seine Hausehre zu und machte beschwichtigende Zeichen mit der Eisenhand, die zwei stählerne Haken an Stelle der verlorenen Finger trug. Bevor er noch reden konnte, schlug Frau Angela schon die Hände über dem Kopf zusammen. Der Schreck, den sie über die grauenvolle Bekleckerung ihres Ehegemahls empfand, war so siinnverwirrend, dass sie die durch das Tor hereinholpernden Plunderkarren gar nicht zu gewahren schien.

   „Ja, Mann! Ja, Mann! Wie siehst Du schon wieder aus! Wo hast Du denn Kindermus gegessen?“

   „Sei versöhnlich, Weibl!“, stammelte Herr Melcher. „Ich hab’ meinen Schwur gehalten, hab’ auf dem Puechstein nit gegessen und nit getrunken. Aber der Mensch entrinnet seinem Schicksal nit.“ Er guckte an sich herunter. „Das ist kein Kindermus, meine gute Angela! Das ist geloschener Kalch.“

   „Jesus, Jesus!“, klagte die Trutzbergerin. „Kalch ist doch wie Feuer für alles, was Faden heißt.“ Gleich begann sie am Waffenrock ihres Gemahls zu rippeln und hatte Tränen in den Augen. „Richtig, schau nur, da brechen schon die Löcher hinein.“ Sie richtete sich auf, wollte ihrem Gatten etwas sehr Hartes ins Gesicht sagen, blieb aber stumm und bekam ein gelb verzerrte Gesicht, weil sie die mit Hausrat beladenen Karren gewahrte und im Sonnenschein außerhalb des Torbogens das ungetüme Ehebett der Puechsteinischen mit der grünen und gelben Himmelsfahne heranwackeln sah.

   Herr Melcher sagte herzlich: „Guck, Weibl! Du bist doch in Sorg gewesen, wer das viele Wildbret verschlucken soll, bevor es überständig wird. Jetzt kriegen wir liebe Gäst’. Die helfen uns speisen. Wirst sehen, da bliebt nichts übrig.“

   Einem Weinkrampf nahe, begann Frau Angela die überkochende Schale ihres Zornes auf die noch unbekleckerte Hälfte des Gatten zu entleeren. Sein Waffenrock bekam davon keine Flecken, aber sein Gesicht nahm eine blaurote Färbung an. Mit dem Stahlhaken, der ihm den verlorenen Zeigefinger ersetzte, fasste er seine Hausehre am Brustlatz und sagte sehr schnell und kräftig: „Weib! Die jetzige Stund ist allzu ernst, als dass ich’s mit Dir zu tun haben möcht’. Ich hab’ mir viel gefallen lassen mein Leben lang. Beschämst Du mich jetzt vor Freund und Gesind’ – da könnt’s geschehen, Weib, dass ich mich aller schuldigen Ehrfurcht entschlag’ und so kotzenmäßig und saugrob mit Dir umspring, wie Du’s von mir in dreißig geduldigen Jahren nie noch erfahren hast!“

   Frau Engelein stand wie versteinert. Da bekanntlich den Steinen die Gabe der Sprache versagt ist, ließ auch die Trutzin von Trutzberg, obwohl ihr Mund sich ein bisschen zu bewegen anfing, keinen merkbaren Laut vernehmen.

   Wesentlich anders als auf die Hausehre des Herrn Melcher wirkte der Einzug der Puechsteinischen auf Hildes Bräutigam und Himmelsgatten. Den lustigen Lärm, den die im Hof versammelten Menschen bei dem Gegaukel des aus der Torhalle heraustauchenden Ehebettes erhoben, schien Jungherr Eberhard nicht zu vernehmen. Ein hurtiger Wechsel seelischer Wallungen führte ihn durch Verblüffung, Scham, Verlegenheit und ratloses Zaudern, bis in seinem leichtbeweglichen, auf das Himmelreich eines beschleunigten Glückes gerichteten Christenwillen eine neue Hoffnung zu keimen begann. Sich flink aus einem berserkerischen Kriegsmann in den höfisch zierlichen Galan verwandelnd, sprang er zur Brückenhalle hinüber, riss am Fensterlein der Wärtlstube die roten Blüten von den Blumenstöcken, fügte sie zu einem hübschen Sträußchen, schmiegte sich unter dem Tor an den einmarschierenden Ziegen und Ferkeln vorüber und stand inmitten des verklärenden Sonneschimmers auf der Zugbrücke, als Herr Korbin mit Frau und Tochter geritten kam.

   Die Puechsteinerin gab sich alle Mühe, freundlich zu schauen. Und Herr Korbin sagte lachend: „Jungherr, mir deucht, der Seeburger hat nit bloß für Deinen Vater das Wild ins Garn getrieben. Er treibt auch Deiner ungeduldigen Sehnsucht das flinke Glück an das Hals.“

   Durch dieses Wort ermutigt, tänzelte Eberhard mit zierlichem Schritt auf die Fuchsstute seiner Seelengattin zu, fasste den Zaum des Pferdes, küsste den Steigbügel, machte eine höfische Reverenz und bot seiner Braut die roten Blumen mit dem schnell gefundenen Verslein: „Meine Treu, ergeben und frumm, bietet mit Blumen den Willekumm. Schönste der Schönen! Tu mich begnaden mit gütigem Blick! Tu mich belehnen mit Lieb und Glück!“

   Aus Hildes Gesicht verschwand die Blässe, die ihr der Kummer dieser Stunden und die Sorge um den Vater auf die Wangen gegossen hatte. Ein heißes Brennen rann ihr vom Hals hinauf bis unter die Löcklein an Stirn und Schläfen. Das glich aber nicht dem holdseligen Erröten einer glücklichen Braut. Fast war es wie ein Glühen in Scham und Zorn. Und während sie ihren Bräutigam mit den großen, in Tränen schwimmenden Augen stumm betrachtete, war in ihrem Blick ein fremdes, erschrockenes Staunen und ein ratloses Suchen nach etwas Verlorenem, as sich nimmer finden ließ.

   „Mädl!“, mahnte Herr Korbin ungeduldig. „Lass die zimpferliche Kinderei und nimm die Blumen! Hast Du Deinem Bräutigam wegen des Späßleins auf dem Taubenturm noch nit verziehen, so denk der herzlichen Güt’, die Herr Melcher uns bietet. Guck auf! Da steht das Tor Deiner künftigen Heimat. Zieh friedsam ein!“

   Unter irrendem Lächeln, das der erzwungenen Heiterkeit einer leidenden Seele glich, streckte Hilde die Hand und wollte die roten Blumen nehmen. Da kam ein Hindernis. Hinter den Herrenleuten erhoben die Söldner auf ihren scheuenden Säulen einen unmutigen Spektakel; man hörte das heisere Gekläff eines Hundes; und nun fingen auch die Pferde des Herrn Korbin, der Frau Scholastika und des Fräuleins zu bocken an, was auf der immerhin breiten, aber geländerlosen Zugbrücke auch für tapfere Seelen keine angenehme Sache war. Drohte da auch kein Todessturz, so drohte doch ein unerquickliches Bad in dem nicht sehr reinlichen Wasser des Torgrabens. Herr Korbin haschte die Zügel des Schimmels und der Fuchsstute. Das tat er unter grimmigen Flüchen, obwohl er den Pferden die bockende Unruhe nicht verdenken konnte. Unter ihren Bäuchen kam mit Geblök und Gemecker, mit Wackelbuckeln und Klunkerschwänzen eine dicke, wilde Sache über die Brücke gefahren, ähnlich einem weißwollenen Teufel. Es waren die hundertzwanzig von der Herde des Schäfers ausgesonderten Schlachtschaf, getrieben und gehetzt vom Wulli. Der kümmerte sich in seiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit nicht um Menschen und Gäule, nicht um Söldner und Herrenleute, sondern hußte die Schafe in das Burgtor, wie sein Schäfer es ihm drunten beim Forellenbach befohlen hatte.

   Mitten unter dem Wollgewimmel klapperten die drei Puechsteinischen Pferde in die Torhalle hinein. Und Eberhard, um von dem rasenden Klunkerteufel nicht über die Brücke hinaus gestoßen zu werden, klammerte sich schleunigst an den Schwanz von Frau Scholastikas Schimmel und sah sich gerettet. Aber die schönen, roten Willekummsblümchen waren verschwunden.

   Im Burghof gab es nach dem überstandenen Schreck ein befreiendes Gelächter. Sogar das Fräulein von Puechstein wurde ein bisschen heiter. Doch immer huschten ihre Augen suchend umher, als wäre es für sie eine schwer begreifliche Sache, einen Schäferhund ohne Schäfer gewahren zu müssen.

   Unter den mahnenden Blicken des Herrn Melcher lief der Empfang der Gäste durch die Burgherrin glimpflich ab. Freilich war Frau Engeleins gallenfarbene Höflichkeit noch immer ausreichend, um die Augen der Puechsteinerin mit Tränen zu füllen.

   Für diese wenig feierliche Empfangszeremonie hatte Wulli kein Interesse. Er tat, was seines Amtes war und drängte die hundertzwanzig Schafe in ihren Winterstall. Trotz allem Gewühl, das mit Menschen, Gäulen, Vieh und Karren den Burghof füllte, entging ihm nur ein einziges der ihm anvertrauten Herdenkinder, ein alter, bockbeiniger Hammel, der vor der Stalltür immer wieder auskniff, um sich unter die Karren und zwischen die Röcke der kreischenden Weibsleute zu flüchten. Während Wulli hinter dem Ausreißer herkläffte, konnte er die herzliche Fürsorge nicht beachten, mit der das Fräulein von Puechstein und der weißgestreifte Kriegsgott den hinkenden Ritter Korbin über die Steinstufen zum Herrenhaus hinaufgeleiteten; konnte nicht sehen, wie ängstlich Frau Scholastika das Abladen ihres mächtigen Perlenschreins behütete, dem die heiter zuguckenden Bauernburschen einen sehr unehrerbietigen Namen gaben; und konnte nicht vernehmen, dass Frau Engeleins Zorn schrillende Stimme einen höchst bedrohlichen Aufruhr innerhalb des geheiligten Burgfriedens zu entzünden drohte.

   Die mühsam erzwungene Selbstbeherrschung, die sie unter den drohenden Funkelblicken ihres Gemahls betätigt hatte, ging plötzlich in die Brüche, als sie die junge Puechsteinische Magd, die hübsche, runde, rothaarige Pernella entdeckte. Wurde Frau Angela um der roten Haare willen abergläubisch? Oder hatte sie noch andere Ursache, tragische Verwicklungen vorauszuahnen? Wie eine Rasende fuhr sie auf das erschrockene Mädel los und kreischte: „Hinaus! Die soll nit eingehen unter meinem sauberen Dach! Der geb’ ich den Weg zu meinen Stuben nit frei! Die soll sich nit umwargeln in meinen ehrsamen Betten! Hinaus mit der rothaarigen Föhl! Hinaus! Hinaus!“

   Im ersten Schreck wollte Pernella gegen die Torhalle flüchten und Reißaus nehmen, mitsamt den Hennen und Enten, die sie in dem Weidenkäfig noch auf dem Rücken trug. Da sperrte eine lebendige Mauer von etwa vierzig Mannsbrüsten ihren Fluchtweg. Sei es, dass der grausame Gemütsumschlag der Burgherrin das menschliche Erbarmen in den Herzen des dienenden Mannsvolkes weckte; sei es, dass die Söldner und Bauernburschen die rote Haarfarbe Pernellas für minder gefährlich hielten und weniger abergläubisch waren als Frau Engelein; oder sei es, dass die Kriegsmänner, die ihr Blut und ihre Haut zu Markte tragen sollten, ein rundes, hübsches Gesicht mit jungen Augen als nötig zur Stärkung ihrer Tapferkeit erachten – so oder so, es blieb der Trutzin die unliebsame Erkenntnis nicht erspart, dass die vom Seeburger drohende Fehde ihren Anfang nahm mit einer lärmvollen, zwischen Zorn und Heiterkeit baumelnden Meuterei im eigenen Burgfrieden.

   Es erhob sich ein so schreiender Tumult, dass ihn sogar der halbtaube Burgkaplan in seinem Pfaffenstübchen vernehmen musste. Sein verstörtes Gesicht erschien in dem kleinen Turmfenster, er streckte die beiden Arme heraus, machte beschwichtigende Gesten mit den Händen und bewegte dabei den zahnlosen Mund, als müsste er wieder einmal predigen: „Kindlein, liebet einander!“

   Von dieser frommen Mahnung verstand man im Lärm des Hofes keinen Laut. Hier brüllte ein halbes Hundert von rauen Männerstimmen: „Das gute, schuldlose Mädel soll bleiben! Die Bruck hinauf! Die Bruck hinauf!“ Und weil der Torwärtl nicht gleich gehorchen wollte, sprang ein Dutzend der entschuldbaren Aufrührer zur Kettenwinde und begann die Fallbrücke hochzuziehen.

   Das geschah in dem gleichen Augenblick, in dem der Schäferhund den eigensinnigen Hammel glücklich in den Winterstall hinein gebissen hatte. Nun rannte Wulli auf der Suche nach seinem Herrn zum Tor, jagte über den schon halb emporgezogenen Brückenboden hinauf und beförderte sich durch einen waghalsigen Sprung ins Freie. Für ein paar Sekunden glich der tapfere Wulli einer riesenhaften Fledermaus. Das tolle Heldenstücklein des Schäferhundes wirkte auf die Meuterer so belustigend, dass ihr Aufruhr sich in Heiterkeit verwandelte. Ehe sie das Lachens noch satt wurden, war Wulli schon im Burgwald verschwunden, raste über das Waldgehänge hinunter zum Forellenbach und sauste auf der Fähre seines Herren davon, den nahen Bergen entgegen.

   Die rot gewordene Sonne wollte schon sinken, als Wulli, inmitten eines steil aufsteigenden Waldes, plötzlich herumgerissen wurde wie vom Zug einer unsichtbaren Kette. Dieser Tag der Unbegreiflichkeiten gab ihm eine neue Rätselnuss zu knacken. Mit lechzender Zunge und unter heftigem Pumpen seiner Flanken blieb er stehen und betrachtete ratlos die geheimnisvolle Welthälfte, die vor ihm lag. Die andere Hälfte, die hinter ihm in die Tiefe geblieben war, ging den Wulli nichts mehr an, seit die Schlachtschafe im Stall waren. Was galt ihm der lärmvolle Trutzberg und der stille Puechstein im roten Blutglanz des Abends? Was kümmerten den Wulli die herdenlos gewordenen Bruchböden der Heide und die zwei starken, von Staub umwirbelten Kriegshaufen, die vom Seeforst langsam über die beiden Moorstraßen heranzogen? Ihn beschäftigte nur die unerklärliche Tatsache, dass die Fährte des Lien durch den Wald hinüber zu laufen schien nach dem Puechstein, während die Herde unverkennbar zwischen den Spuren von anderem Vieh und vielen Menschen bergauf und gegen die Almen gezogen war.

   In wachsender Seelenbedrängnis schlapperte der Hund mit Lefzen und Nase über die geheimnisvolle Sprache des Bodens hin. Je länger er schnupperte, je weiter er im Zickzack hin und her revierte, umso unerklärlicher wurde die Sache. Dass Lien beim Anblick der nahenden Kriegshaufen den Rest seiner Herde dem Fluchtschwarm der Hörigen anvertraut hatte und wie ein Sinnloser gegen den Puechstein gesprungen war – dieses völlig Undenkbare konnte dem Wulli doch nicht einfallen! Es stimmte nur für seine Nase: Dass Lien ein treuloser Schäfer geworden und die Herde verlassen hatte.

   Wahrhaftig, Wulli befand sich in der Zwangslage, schlecht von seinem Herrn denken zu müssen, und ließ in Kummer die beiden Ohren schlappern. Aber wie es Mütter gibt, die ihre guten Kinder vernachlässigen und mit doppelter Zärtlichkeit an missratenen Söhnen hängen, so gibt es auch Schäferhunde, die in Verzweiflung und wider besseres Wissen einem zum Verbrecher gewordenen Hirten in wandelloser Treue ergeben sind. Wulli wusste ganz genau, dass sein Platz bei der verlassenen Herde war, deren klagendes Geblök noch deutlich von der Höhe des Bergwaldes herunter klang. Weil aber der verlorene, irrsinnig gewordene Schäfer doch auch nicht ohne hilfreichen Beistand bleiben durfte, und weil doch Wulli an diesem Rätsel- und Unglückstage der amtsgemäßen Heldentaten schon sehr viele geleistet hatte, ließ er in dem neuerlichen Kampf zwischen Pflicht und Liebe die letztere siegen und stellte die Ohren wieder auf. Wie es in Sachen der Liebe häufig zu geschehen pflegt, schien auch Wulli zu denken: Einmal ist keinmal! Und schien der Meinung zu sein, dass ein verbrechen aus Liebe umso entschuldbarer ist, je schneller es begangen wird. Gleich einer fliegenden Pelzkugel sauste er seitlich durch den Bergwald und erreichte das offene, unbetreute Tor des Puechsteins, bevor die Sonne sich in einen glühenden Igel verwandeln und hinter den brennenden Hügelgrat mit den zum Himmelreich weisenden Feuerfingern hinunter kriechen konnte.

   Wie ein verzaubertes Märchenschloss, offen, doch menschenleer, schweigsam und doch erfüllt von redenden Geheimnissen, stand die schon etwas zerbröckelte Puechsteiner Burg im triefenden Blut des Abends. Ihre zweifelhaften schätze waren bewacht von einer einzigen vergessenen Henne und von etlichen Tauben, die unbeweglich auf Turm und Firsten saßen. Ein leiser Schauer hätte jedes Menschenkind beim Eintritt in dieses rot glühende, von gespenstigen Schatten durchwirkte Schweigen befallen. Doch Wulli, unbewandert in allem, was Märchen heißt, empfand weder Staunen noch Gruseln. Seine Nase fuhr über das grobe, löcherige Pflaster hin. Winselnd schlug er Haken und Kreise und verlor immer wieder die Spur seines Herrn, obwohl sie auf den Pflastersteinen so frisch zu erschnuppern war, als hätte Lien diese langen Sätze durch den Burghof jetzt eben erst gemacht.

   Dass der irrsinnig gewordene Schäfer in der Hast seiner Sorge gleich fünf Stufen des zum Herrenhaus führenden Holztreppleins übersprungen hatte – auf solch eine vernunftwidrige Vermutung konnte Wulli unmöglich verfallen. Was hätte der Schäfer im Herrenhaus zu suchen? Ein Hund ist klüger, als Menschen sind, und denkt immer logisch. Drum sauste Wulli durch die leeren Ställe, durch die verlassenen Söldnerstuben und wollte, um sich auf der Rückfährte von der Verlässlichkeit seiner Nase zu überzeugen, wieder zum Brückentor hinausjagen. Da klang von irgendwo die hallende Stimme eines Unsichtbaren: „Del Fräulein … edel Fräulen … edel Fräulen …“ Und Wulli, alle Logik missachtend, nur der Liebe und seinem Ohr gehorchend, raffelte über die steilen Treppen des öden Herrenhauses hinauf, surrte durch verwüstete Stuben, übersprang den wertlosen Plunder, der auf den Dielen umher lag, kam in ein Ehegemach, aus dem das Ehebett verschwunden war, und kam zu dem Trepplein, das hinunterführte in Hildes Kämmerchen.

   Unglaublich, aber es stimmte: Hier war der Lien! Beim Anblick des Heißgesuchten wurde plötzlich in Wulli das böse Gewissen viel stärker als die Freude des Wiedersehens. Was hat ein Schäferhund, der zur Herde gehört, beim Fräulein von Puechstein zu schaffen? Ganz klein und still geworden, duckte Wulli sich mit fieberndem Bauch und hängender Zunge auf den Boden hin, staubte mit der ruhelosen Schweifquaste die Türschwelle ab und betrachtete vorwurfsvoll diesen unbegreiflichen Lien.

   In dem kleinen Raum, durch dessen Fensterchen noch ein blutfarbener Feuerschein der sinkenden Sonne hereinfiel, stand der Schäfer unbeweglich, berührt von einem lähmenden Zauber. Halb wie ein Jäger und halb wie ein Kriegsmann sah er aus, mit der Schäferschippe als Speer, mit dem Wolfseisen am Gürtel, mit der Armbrust über dem leeren Waldsack. Nach dem schweren Schreck, der ihn beim Anblick des verödeten Burghofes befallen hatte, kam er, trotz seiner langsamen Art zu denken, nun doch der beruhigenden Wahrheit auf die Spur: Dass Herr Korbin und die Seinigen sich vor dem nahenden Feind hinter die festen Mauern der Trutzburg gerettet hatten und dass dieses verlassene Kämmerchen die Schlafstube des Fräuleins von Puechstein war. Langsam zog er das Hütl herunter und hielt es an seine Brust gedrückt, als stünde er in einer Kirche. Nun ließ er sich gar aufs Knie fallen und bekreuzigte das strenge, erhitzte Gesicht. Während er betete, sah er nicht zu dem kleinen Kreuzbild an der Wand hinauf, sah nur immer das alte, viel zu kurze Bettlein an, das ohne Kissen und Decken war und nur noch einen Strohsack und einen weißleinenen Himmel hatte.

   Nun erhob er sich. So stehen Menschen auf, die was Notwendiges zu tun haben. Sein Blick huschte durch den kleinen Raum. Was musste er da noch in Sicherheit bringen, bevor die Seeburgischen kamen? Die Bettlade? Auf dem Trutzberg haben sie Betten genug. Auch Truhen und einen Webstuhl hat Frau Angela, und Spinnräder und Garnhaspel. Sie hat auch ein Kreuzbild in jeder Stube. Aber ein Menschenkind soll den Herrgott nicht im Stich lassen, mit dem es zu reden gewohnt ist. Könnt’ sein, dass das edel Fräulein seinen Herrgott nötig hat in den nächsten Tagen.

   Mit flinker Hand nahm Lien das kleine, plump aus Kupfer gegossene Kreuzbild von der Wand und schob es in seinen Waldsack.

   In der Fensternische sah er zwei Bilder hängen. Wenn das edel Fräulein hier auf der Truhe sitzt und spinnt, da muss sie doch allweil die zwei Bilder sehen und muss sie lieb haben. Die wird sie missen, wenn sie auf dem Trutzberg den Faden zieht. Die müssen mit.

   Es waren zwei Holzschnitte in Rähmchen aus Birkenholz, das die weiße Rinde noch hatte. Jedes ein Doppelbild, Freude und Not aus dem Leben eines jungen Weibes. Das eine Bild zeigt eine gepanzerte Jungfrau, die inmitten vieler Ritter einem knienden König die Krone auf die Locken setzt; und darunter ein flammender Holzstoß, auf dem eine junge, schöne Hexe im Ketzerhemd verbrannt wird. Das andere Bild zeigt einen höfischen Tanz, bei dem die Reihe der festlichen Paare geführt wird von einem fürstlichen Jungherrn und einem schmucken, feinhälsigen Bürgermädchen; und darunter ein Strom und eine Brücke, auf der sich viele Menschen drängen, und in den Wellen schwimmt eine junge Frau, streckt Hilfe suchend die Hände, und zwei Henkersknechte fassen sie mit langen Stangen am reichen Haar un stoßen sie unter das Wasser. Unter jedem Doppelbild stand ein Name: „Joanne Darc“ – „Frau Nese Bernauerin“. Aber der Schäfer konnte nicht lesen. Während er die zwei Bildchen, mit den Gesichtern gegeneinander gekehrt, in seinen Waldsack schob, vernahm er aus dem Tal herauf einen dumpfen Lärm. Er guckte zum Fenster hinunter. „Höi! Jetzt hat’s aber Eil!“ Flink fasste er die Schippe und sprang über das Trepplein hinauf. „Komm, Wulli!“ Es schien für den Schäfer eine selbstverständliche Sache zu sein, dass der Hund da auf der Schwell lag. Und Wulli, von der Last des bösen Gewissens erlöst, ließ seine Freude toben und warf mit dem Ungestüm seiner Liebe den Schäfer beinahe zu Boden.

   Über die steilen Treppen hinunter – das war wie eine Schlittenfahrt. Durch den kühl und dunkel gewordenen Hof zur offenen Torhalle, in der man ein rot glühendes Stücklein des Himmels sah. Draußen legte der Schäfer die Schippe, den Waldsack und die Armbrust in eine Staude. „Wulli! Das tust Du mir hüten! Bist Du nicht treu, ich reiß’ Dir die Ohren vom Grind!“ Und in das Tor zurück. Man kann doch nicht dem Fräulein von Puechstein die Burg so stehen lassen, offen für jeden Seeburgischen! Lien drehte mit keuchender hast die Kettenwinde und zog die Brücke hinauf. Draußen winselte der Wulli. Unter den vielen Hanfstricken, die vom Packen der Plunderwagen noch umher lagen, wählte der Schäfer den längsten. Zur Mauerkante hinauf! Das Seil um eine Zinne, so, wie der Trutzbergische Burgkaplan beim Predigen die Stola um den mageren Hals hat! Zwischen den beiden Seilsträngen rutschte Lien über die Mauer hinunter, wie ein Marder über einen Baumstamm zu Boden fährt. Das Seil riss er hinter sich her, weil er’s drüben auf dem Trutzberg wieder nötig hatte; da wird doch die Bruck schon in der Höh sein; die lasst man doch, wenn schon die Seeburgischen herumschnuffeln, nicht wieder herunter, nur weil der Lien hinein will.

   „So, Wulli, jetzt komm!“

   Durch den dämmernden Wald hinunter. Das ganze Tal war schon erfüllt von Lärm und Hufgetrappel. Gleich zwei grauen, fliegenden Schatten jagten Schäfer und Hund über das Sträßlein und über die nebelnde Wiese, dem Saum des Trutzbergischen Burgwaldes entgegen. Zornige Stimmen schrieen den Buben an. Es kam ein Augenblick, in dem er dachte: ‚Jetzt könnt’ ich’s dem Seeburger selber sagen, wer seinen Bruder vom Gaul geschmissen! Und Herr Korbin und Herr Melcher haben Frieden und Ruh! Aber muss denn nicht as edel Fräulein zuerst den nötigen Herrgott und die lieben Bildlein haben?’ Der Schäfer sprang. Hinter ihm ein aufblitzendes Flämmchen und ein Geknatter. Neben dem Lien pfiff etwas Grobes in den Boden hinein und warf den Rasen auseinander. Er lachte: „Ja! Schnecken! Aber nit den Lien!“

   Während er hinaufkeuchte durch den steilen Burgwald, knüpfte er das Seil an den Schippenschaft und legte den Strang in Schlingen.

   Nun kam er breite, baumlose Gehängstreif, der den Fuß der Mauer umzog.

   Droben in den Scharten fingen die Söldner und Hörigen des Herrn Melcher gleich zu lärmen an, als sie den springenden Menschen gewahrten.

   „Nit schießen!“, schrie der Schäfer. „Ich bin’s, der Lien! Ich muss dem Fräulein von Puechstein was Nötiges bringen. Hoppla, fanget das Seil!“ Die Schäferschippe flog und trug das Ende des Stranges über den Bord der Mauer hinüber.

   Mit fünffacher Schlinge wickelte Lien seinen rechten Arm in das Seil hinein, umklammerte mit dem linken seinen Wulli hinter den Vorderbeinen und sagte ernst: „Sei gescheit, Du, und tu nit zappeln! Sonst muss ich Dich fallen lassen. Ich tät’s nit gern.“

   Droben begannen sie lustig am Seil zu ziehen. Die gespreizten Beine gleich einer eisernen Gabel wider die Mauer spreizend, ließ sich der Lien mit dem Wulli aufwärtslupfen und näherte sich bei dieser mühsamen Sache, die ihm den Arm fast aus der Schulter riss, sehr merklich dem Himmelreich. Auf dem Bord der Mauer unterbrach er seine Reise.

   Man empfing ihn mit heiterem Geschrei. Die hörigen Bauern wussten wohl mancherlei vom Lien; aber für die Söldner des Herrn Melcher war es was Neues, als sie zu merken bekamen, welch ein kecker und schneidiger Luderskerl dieser „Unschick und dumme Lümmel“ von Schäfer war.

   Der Himmel wurde es leuchtenden Abends müd. Es kam die Nacht. In den Höfen und auf den Wehrtürmen der Trutzburg begannen die Pechfeuer zu lodern.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.