Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 8

   Unter der schönen Morgensonne kam es im Trutzbergischen Wehrhof zu einer aufregungsvollen Szene. Alle Burgleute, an die vierzig Köpfe, umringten mit zornigem Lärm den zum Himmel stinkenden Wildkarren. Während der Jäger erzählte und Herr Melcher ununterbrochen fluchte und zehntausend Heilige des Himmelreiches zu unbarmherzigen Rächern des sündhaften Friedensbruches berief, gab sich Frau Engelein mit fahrigen Händen und unter erbittertem Schelten alle Mühe, ihren Ehegemahl sittsam in seine Werkeltagswad hineinzubringen. Sobald ihr diese schwere Arbeit gelungen war, sorgte sie gleich dafür, dass das Wildbret aus der Sonne und in den Keller kam.

   Jungherr Eberhard entwickelte sich zum stimmkräftigen Helden, wetzte mit der blanken Klinge über die Pflastersteine und sakramentierte und berserkerte, obwohl er in der Tiefe seiner Seele das Geschehene als ein glückhaftes Ereignis pries, das zwischen sein Schuldbewusstsein und den moralischen Mutterzorn der Frau Engelein ein erlösendes Vergessen senkte. Schlimme Dinge des Lebens werden zu unwichtigen Kleinigkeiten, sobald eine größere Gefahr an das Haustor pocht.

   Herr Melcher kam nach grimmigen Flüchen zu ruhiger Besinnung und sagte ernst: „Ich muss hinüber zum Puechstein und muss mich mit meinem Korbi beraten.“ Er befahl, den Sattel auf sein schweres Ross zu legen, bestimmte vier Knechte zu seinem Geleit und traf, nun völlig nüchtern geworden und wie durch ein Wunder von allem Haarweh kuriert, mit Umsicht alle nötigen Anordnungen. Obwohl er der Meinung war, dass man die heiße Suppe des verwichenen Abends in kühlerem Zustand auslöffeln würde, dachte er doch auch an die übelste Möglichkeit: An einen heimtückischen Überfall des Heini von Seeburg, der an Leuten, Rossen und Büchsen unzweifelhaft stärker war als Herr Melcher und der Puechsteiner zusammen.

   Dem Sohn wurde das Amt übertragen, die Burg in wehrhaften Zustand zu versetzen, die Waffen und Vorräte zu beschauen, kriegsmäßig die Wachen auszustellen und aus den Dörfern der Hörigen die Männer und Buben herauf zu rufen, die zum Wehrdienst bei der Mauer verpflichtet waren.

   Eberhard, der nach der Katastrophe im Pfaffenstübchen des Burgfrieds vorerst noch keine Sehnsucht fühlte, seiner Braut und Himmelsgemahlin auf dem Puechstein das Garn zu halten, oder den Haspel zu drehen, machte sich mit Feuereifer an sein verantwortungsvolles Werk. Bei den Dingen, die jetzt nötig wurden, mussten die Weibsleute zurücktreten und schweigen. Wenigstens war das ihre Pflicht. Drum fühlte sich Eberhard dem sittlichen Zorn der Mutter gegenüber als der wesentlich Stärkere und geriet in eine fröhlich aufatmende Laune.

   Herr Melcher kehrte nicht mehr ins Haus zurück. Die Knechte schleppten ihm alles herbei, was er für einen verlässlichen Ausritt nötig hatte. In der schönen Sonne zog man ihm die bockledernen Reithosen über die Knie hinauf, schnallte ihm die Sporen an, die Beinschienen, den Plattenkürriss und das Wehrgehenk. Auf das edle Haupt bekam er den mit einer silbernen Katze gezierten Helm – die durchaus kein Sinnbild der sprungbereit auf Herrn Melchers Nacken sitzenden Frau Engelein sein sollte, sondern seit Jahrhunderten das Wappentier der Trutze von Trutzberg war – und seine rechte Faust umhüllte man mit dem Eisenhandschuh, der zwei bewegliche Stahlhaken als künstliche Finger besaß. So war Herr Melcher aus einem überfütterten Amor in einen glanzvollen Kriegsgott verwandelt, der sich freilich an diesem Morgen noch nicht gewaschen hatte. Dies unterließ der edle Trutz auch in friedlichen Zeiten sehr häufig.

   Gerade wollte Herr Melcher sich unter Beistand von vier lupfenden Knechten in den Sattel heben, als Frau Angela aus dem Wildbretkeller in den Wehrhof zurückkehrte. Erschrocken und misstrauisch eilte sie auf ihren Gatten zu, fasste ihn an der grünroten Schärpe derer von Trutzberg und kreischte: „Mann, Mann! Tu keine Dummheit machen! Wo willst Du hin?“

   „Zum Puechstein hinüber!“ Herr Melcher plumpste in die geräumige Sattelkufe. „Das wird wohl sein müssen!“

   „Wohl das muss geschehen!“ Frau Engeleins Stimme klang wie eine harte Stahlsaite. „Dem Puechsteiner sagst Du auf! Sein unsinniger Gächzorn soll nit Ursach werden, dass wir auf dem Trutzberg leiden müssen. Wie man den Peter Seeburg erschlagen hat, ist keiner von den Unsrigen dabei gewesen. Da geht uns der ganze Handel keinen Pfifferling an. Was sich der Puechsteiner eingekocht hat, soll er selber hinunterwürgen. Du bietest ihm keinen Mann, kein Ross, kein Pulverkörnlein und keinen schwarzen Heller. Wegen des Jagdbanns vertragen wir uns mit dem Heini von Seeburg. Wildbret haben wir mehr als genug. Und machst Du es anders, so hast Du’s mit mir zu tun!“

   „Das tät mir nichts Neues sein!“, erwiderte Herr Melcher in übler Laune. „Seit dreißig Jahren hab’ ich’s allweil mit Dir zu tun. Aber sei zufrieden, Weibl! Ich tu geloben, dass ich auf dem Puechstein nit essen und nit trinken will. Da ist’s ein unmögliches Ding, dass ich an meiner sauberen Wad einen Fleck mit heimbring.“ Um jede Antwort seiner Hausehre abzuschneiden, gab er dem schweren Ross die Sporen und ritt zur Torhalle, in der die vier Knechte schon ihres Herren warteten.

   Die Grabenbrücke rasselte herunter und hob sich wieder hinter den fünf ausreitenden Gäulen.

   Während der klobige Scheck, auf dem der Burgherr saß, mit vorsichtigen Hufen über den stielen, grobsteinigen Bergpfad hinunterkletterte, guckte Herr Melcher freundlich in den schönen Vormittag. Wohl war in ihm der Zorn über die Seeburgische Missetat noch nicht völlig beschwichtigt; auch hatte er Ursach, mit Sorge an die kommenden Tage zu denken. Aber es freute ihn, dass sein Freund und Herzbruder, sein treuer, verlässlicher Korbi, das Seeburgische Diebsnetz so flink über den Haufen geschmissen hatte, als es herging um die Trutzberigischen Hasen und Reechlein. Den schweren Mann wandelte eine Art von glücklicer Rührung an, wenn er des Blutes gedachte, das Herr Korbin für das Trutzbergische Haarwild vergossen hatte. Dazu war in Herrn Melcher noch das unbewusste Gefühl, dass er sich bei jedem Huftritt seines Gaules um einen festen Ruck aus der Nähe der Frau Angela entfernte. Seit vielen Jahren war das immer so gewesen, dass ihm bei jedem Ausritt aus der Trutzburg die Seele leichter wurde, auch wenn es hinausging zu Fehde und Männermord. Drum kam es auch heute so: Herr Melcher war frohen Herzens.

   Als er mit seinem Geleit durch den Burgwald des Freundes hinauf ritt, fing der Puechsteinische Torwärtl zu tuten an und die Knechte des Herrn Korbin zeigten sich mit ihren Faustbüchsen in den Schießscharten des Tores. Die paar Leute, die den Puechstein betreuten, atmeten wohlig auf, als sie den in Waffen dritthalb Zentner schweren, friedsamen Kriegsgott auf dem schwitzenden Schecken einher zotteln sahen. Die morsche, geflickte Brücke fiel herunter. Bevor Herr Melcher ihr sein Leben anvertraute, ließ er seine Geleitsknechte drüber reiten.

   Die Besatzung des kleinen Hofes bestand aus Tauben, Federvieh und Schweinchen, die nicht ahnten, dass die Tage ihres Lebens bereits gezählt waren.

   Beim Herrenhaus wurde Herr Melcher von einer alten Magd empfangen, die ihm klagte, dass es dem Herrn gar nicht gut ginge.

   Der freundliche Kriegsgott tröstete: „No, no, no, es wird nit so gefährlich sein!“

   Bei dem keuchenden Aufstieg über die drei steilen Holztreppen, die zum Ehegemach des Puechsteiners führten, schnallte Melcher ein Waffenstück ums andere von sich herunter. Ohne Eisen wurde ihm das Steigen leichter.

   Auf einem Bänklein vor der Stube saß der alte Veit, für eine Reise gerüstet, mit der ledernen Botentasche.

   „Veit, wo musst Du hin?“

   „Nach München hinein, zum Herzog Albrecht.“

   Herr Melcher lachte. „Der Korbi hat doch allweil gleich den besten Einfall!“ Er legte seinen Helm auf das Bänklein und trat in die Stube. Mutter und Tochter eilten dem Gast entgegen, Frau Scholastika verstört und mit sorgenvollen Augen, Hilde in einer wunderlichen Mischung von Kummer und Geistesabwesenheit. ehe die beiden noch zum Reden kamen, befahl Herr Korbin aus dem Bett heraus: „Die Weibsbilder aus der Stub! Jetzt müssen wir Mannsleut vernünftigen Rat halten.“ Ohne einen Widerspruch zu wagen, verließ Mutter und Tochter das Zimmer und stiegen in Hildes Kämmerchen hinunter.

   Herr Melcher stapfte lachend auf die grün und gelb überhimmelte Bettlade zu, darin der Puechsteiner gegen einen Wall von Kissen gelehnt saß, mit einer Schreiblade über dem Schoß. „Herzbruder! Vom Jäger weiß ich schon alles! Fein hast Du dreingehauen! Bei Dir merkt man, was Kameradschaft heißt. Vergeltsgott, lieber Gesell!“

   „Geh, lass! Was sich von selbst versteht, will keinen Dank nit haben!“, murrte Herr Korbin. „Aber ich sorg’, dass ich einen Unsinn verzapft hab’. Statt loszurennen in der Wut, hätt’ ich den Peter Seeburg lebendig hoppnehmen sollen. Da hätt’ man ein gutes Pfand in der Faust gehabt.“

   Ernst nickte Herr Melcher. „Freilich, ja! Gescheiter wär’s gewesen. Da hätt’ man ihm die Prozesskosten ausrupfen können.“

   „Man lernt nit aus. Wie ich die Reh und Hasen im Netz gesehen hab’, ist’s nimmer anders gegangen. Ich hab’ drauflos müssen und das Garn in Fetzen hauen.“

   „So ist der Mensch!“, philosophierte Herr Melcher verständnislos. „Allweil rennt er lieber dem Schöneren zu, anstatt dem Klügeren. Aber sag, Bruder, wie steht’s mit Deiner Wund?“

   „Eine Läpperei! Freilich, mein gutes Weibl fürchtet, die Schramm tät schwären ein lützel. Viel wird’s nit sein. Muss mich halt schonen ein paar Täg. Das ist mir unbequem. Ich sorg’, der Heini von Seeburg wird aufmucken. Flinker, als es mir lieb ist.“

   „Soll nur mucken! An meiner Mauer wird er sich den Grind voller Dippel stoßen.“

   „Die meinig wird Löcher kriegen. Wär ich meineigener Feind, ich tät den Puechstein überrennen in der ersten Nacht. Gar lang wird auch der Heini nit säumen. Er rüstet. Meine Soldaten haben in seiner Burg am See die Pfannenfeuer brennen sehen bis zum Morgen und haben zwei von den Unsrigen auf die Lauer geschickt. Die sind noch allweil nit da.“

   „Soll ich die Meinigen nachschicken?“

   Herr Korbin schüttelte den Kopf.“ Tu Dich nit schwächen um meinetwegen! Du musst zusammenhalten, was Du hast. Anders tät’s Deinem Weibl nit taugen.“

   „So? Meinst?“ Herr Melcher bekam eine rote Stirn.

   „Frau Engelein hat recht. Wer Verstand hat, bleibt unter Dach, wenn es Mistgabeln regnet.“

   „Herzbruder, Du bist ein redlicher Freund, aber ein schlechter Menschenkenner. Du musst Dir mein Weibl noch ein lützel besser anschauen.“

   Ohne diesen knurrenden Einwurf zu beachten, redete Herr Korbin weiter: „Mein Mädl gehört zu Euch. Die nimmst Du mit. Sie wird nit wollen, aber sie muss. Meine gute Schligg soll bleiben dürfen. Der Veit muss auf Botschaft reiten. Da sind wir noch unser sieben. Dazu drei Weibsleut und zwölf hörige Bauern. Ich selber geh für ein halbes Dutzend. Meine Mauer ist kurz. Ich mein, dass ich sie halten kann, bis ich Beistand oder ein hilfreiches Fürstenwort hab’.“

   „Korbi?“, fragte Herr Melcher gekränkt. „Magst Du Dich nit lieber an mich halten? Du bist für mich ins Wasser gesprungen. Ich zieh Dich auch wieder heraus. Oder ich ersauf mit Dir!“

   „Freilich, das wär das Richtige!“ Der Puechsteiner lachte. „Hupst ein Hundsfloh ins Wasser, so muss man den Hund nachschmeißen und hinter dem Hund den Herrn und seine Burg. Hund, Herr und Burg versinken. Der Floh kann schwimmen und hupft heraus. Jetzt lies, was ich an Herzogs Albrechts Ganden geschrieben hab’! Kratz Deinen Namen drunter, und gib das Mitsiegel!“ Er reichte dem Freund das Pergament, das mit kleinen, steilen Buchstäbchen bekritzelt und mit Wachs gesiegelt war. „ich red nit gern von Treu, die ich einem anderen erwiesen hab’. Heut hat’s geschehen müssen.“ Mit ernsten Augen sah er zur Tür von Hildes Kämmerchen hinüber. Und während Herr Melcher zu lesen anfing, machte der Puechsteiner unter dem Linnlaken eine langsame, vorsichtige Bewegung mit dem verbundenen Bein, hatte einen Zug von Schmerz im Gesicht und biss die Zähne übereinander.

   Die Bettlade krachte, als Herr Melcher sich auf die Kante niederließ. Vom Lesen erhitzte sich sein Gesicht noch mehr als vom Treppensteigen. Die knappe, aber kräftige Darstellung des Friedensbruches im Jägerhaus und des Wildraubes im Seeforst erregte ihn so leidenschaftlich, dass er unter Fluch und Armschwung das Niederschmeißen des Netzes mitmachte. Dann wurde er wieder ruhig, und bei der Schilderung des ‚Wunders’, das den Peter Seeburg ‚wie nach himmlischer Fürsicht’ aus dem Sattel geworfen, schmunzelte er ein bisschen. „Herzbruder, das hast Du fein gedreht. Wenn deine Knechtleut gut bei der Stang halten, wird Dir kein Teufel was beweisen können.“

   „Denk nit besser von mir, als ich bin. Wie ich’s geschrieben hab’, so ist’s gewesen.“

   Herr Melcher bekam runde Augen. „Aber wie soll’s enn geschehen sein?“

   „Ich weiß nit. Wie länger ich drüber nachdenk, umso unverständlicher wird mir’s. Mein dummes Mädel scheint zu glauben: Den hilfreichen Stein hätt’ der Lien geworfen.“

   Nach kurzem Schweigen fragte Herr Melcher zögernd „… Wer?“

   „Dein Schäfer. Aber das ist Unsinn.“

   „Das ist mehr als Unsinn. Da muss ich lachen!“, brummte der Burgherr von Trutzberg. Doch er lachte nicht, sondern schien sich zu ärgern. „So ein Lapp! Schaut aus, dass man seine Freud an ihm haben könnt. Aber begehrst Du was Mannhaftes von ihm, so stellt er sich wie ein Geißbock beim Seiltanzen. Schon lang hätt’ ich den Buben gern als Söldner genommen. Da könnt er im Leben och aufwärtskommen. Aber zu was Rechtem ist er nit zu gebrauchen. Bloß zum Sautreiben und Schafhüten. Ich versteh’s nit. Seine Mutter ist ein feines Weibsbild gewesen. Weiß der Teufel, was für ein Stalltepp da in die Quer geraten ist!“

   „Hoi? Melcher?“

   „Lass gut sein. Der ungeschickte Lümmel ist mir wie eine Flieg an der Wand.“ Nach dieser dunkeln Erledigung des Gesprächs vertieftes ich Herr Melcher wieder in das Studium des Pergaments. Stumm nickte er zu der Schilderung der üblen Dinge, deren man sich auf Puechstein und Trutzberg bei der landkundigen Händelsucht und Gewalttätigkeit des Heini von Seeburg zu versehen hätte. Und dann endete der Brief mit dem Satz, den Herr Korbin nicht gern geschrieben hätte: „Mögen Euer Gnaden neben Gerechtigkeit und landsfürstlicher Fürsorg deß gedenken, dass der Korbin zu Puechstein Eures hochseligen Vaters Zorn und Ungnad nit geforchten, hingegen mit Treu und Festigkeit der Eurige gewesen in Euer Gnaden Kümmernis um Frau Nese Bernauerin.“

   Herr Melcher legte nachdenklich das Pergament auf das Schreibpult hin, kritzelte seinen Trutzbergischen Schnörkel dazu und drückte den Siegelring in die kleine Wachsscheibe. Dann sagte er ernst: „Viel wird’s nit helfen. Eher sorg’ ich, es wird den gnädigsten Herren verdrießen, dass Du wieder aufstöberst, was er lang schon vergessen hat.“

   „Vergessen?“ er Puechsteiner schüttelte den Kopf. „Mehr als ein Dutzend Jahr! Viel Wasser ist unter der Straubinger Bruck davon geronnen. Verwunden hat er’s noch allweil nit. Sag tausendmal: Lieb! Neunhundertneunundneunzig Mal ist’s nit mehr als ein Fensterwind. Fahrt in die Stub herein und blast in das Kerzenlicht und ist wieder, ich weiß nit, wo. Und einmal ist’s wie ein Baum, wie ein Berg, wie ein See, ist Leben und Sterben. So ist’s gewesen in dem hohen Herren, und so ist’s noch allweil. Kann sein, dass ihn beim Lesen ärgert, was ich geschrieben hab’. Fürsten sind wehleidiger als verzogene Kinder. Aber drei Nächt’ lang wird er nimmer schlafen können. Und am vierten Morgen wird er tun müssen, was uns hilfreich ist – wird’s tun um der lieben Frau willen, die man zu Straubing mit Stangen unters Wasser hinuntergestoßen hat wie eine überzählige Katz.“ Ein harter Zorn war im Gesicht des Puechsteiners.

   Scheu sagte Herr Melcher: „Das ist eine grausame Mahnung. Schreib einen anderen Brief!“

   „Ein anderer tät’ nit helfen. Grausam? Da hast Du Recht. Gern hab’ ich das nit geschrieben. Es gibt harte Trommeln. Die Brauchen einen groben Schlag, bis sie laut werden. Es könnt’ so kommen, Melcher, dass Du von Deinem Burgsöller mit Ungeduld ausguckst, ob die Staubwolk’ der landsfürstlichen Reiter noch allweil nit dampfen will. Hätt’ ich einen gesunden Haxen, so wär’s anders. Jetzt bin ich letz, hab’ driefach Gehirn im Schädel, aber bloß eine halbe Faust.“

   Herr Melcher nickte. Dann sprach er ruhig: „Das bringt mich wieder drauf, weswegen ich zum Puechstein hab’ reiten müssen.“

   „Müssen?“ Herr Korbin lächelte ein bisschen, zog aber die Brauen zusammen.

   „Ja, Herzbruder! Müssen! Ich selber bin im Denken ein lützel langsam. Mir wär’s nit eingefallen, dass ich zum Puechstein reit’. Mein gescheites Weibl hat’s haben wollen. Die ist einwendig viel besser, als wie sie auswendig zum Anschauen ist.“

   Der Puechsteiner schlug ein brüllendes Gelächter auf.

   „Wahr ist’s!“, beteuerte Herr Melcher. „Man merkt’s bloß ein lützel hart. Aber heut? Wie der Jäger alles erzählt hat? Da ist’s meines Weibls erstes Wörtl gewesen: ‚Mann, Du reitest zum Puechstein!“

   „Und sagst dem gächzornigen Unfried auf! Der soll nur ausschlecken, was er sich eingerührt hat!“

   Ruhig schüttelte Herr Trutz den gewichtigen Kopf. „Ich sag’s ja, Korbi, Du bist ein missträulicher Unchrist und kennst die Menschen nit. Meines guten Weibleins erste Red ist gewesen: ‚Jetzt liegt Dein treuer Gesell verwundt, muss sich pflegen, kann nit fechten um Haus und Leben; Mann, da ist kein ander Mittel; Du reitest zum Puechstein und holst den Korbi mit Weib und Kind, mit Ross und Leut, mit Karren und Hausrat, mit Vieh und Geflügel; und das muss gleich geschehen; vor Abend müssen die Puechsteinischen auf dem Trutzberg sein; und bringst du sie nit, so sperr’ ich das Tor und Du selber kannst draußen bleiben.“

   „Melcher! Was bist Du für ein guter Kerl!“

   „Bei was muss ich schwören, dass Du mir glaubst?“

   „Bei Deiner Nüchternheit von gestern.“

   „Gut! Ich schwör’!“

   „Halt, Bruder! Ich hab’ mich verschwatzt. Du musst schwören bei Deinem gestrigen Rausch.“

   „Gilt, lieber Gesell! Ich schwör’.“

   Der Puechsteiner wurde heiter, obwohl ihm der Schmerz aus den Zügen redete. „Melcher, Melcher? Was für ein Eid ist jetzt der falsche gewesen?“

   „Keiner!“ Herr Trutz fing gemütlich zu lachen an. „Gestern vor der Mahlzeit bin ich nüchtern gewesen, gestern nach der süßen Speis besoffen wie ein Hochzeiter. Stimmt alles! Da kannst Du Dir’s aussuchen nach Deiner Wahl!“

   Der Widerstand des Puechsteiners war bezwungen. Seine Vernunft sagte ihm auch, dass der Wille des Freundes von allen Ratschlägen der klügste war. Er streckte ihm die Hand hin und geriet in lustige Laune. „Gut, Melcher! einen Schwur in Ehren! Und ich will den Wanderpfaffen nit Lügen strafen. Ist unser Umzug das einzige Himmelreich, nach dem Frau Engelein mit ehrlichem Christenwillen trachtet – in Gottes Namen – da soll ein missverstandenes Weibl selig werden und nit zu des Teufels Großmutter fahren müssen.“ Er lachte. „Geh, Melcher, und sag meinen Weibsleuten, dass sie packen müssen. Ich will derweil den Veitl abfertigen mit der Botschaft. Höi! Veit!“

   Während der Knecht in die Stube gesprungen kam, stieg Herr Melcher mit zufriedenem Schmunzeln in Hildes Kämmerchen hinunter. Und da verwirrten sich nun die zwei Stimmen ineinander: Die hastig redende Stimme des Herrn Korbin, der den Knecht für den Ritt nach München unterwies und der raue, aber ruhige Kehlklang des Trutzbergers, der drunten im Kämmerchen zu Mutter und Tochter sagte: „Edle Frau! Mein liebes Mädl! Flink ein lützel! Wir halten Umzug auf den Trutzberg! Kramet von Eurem Zeug zusammen, was Wert hat. Das Gelumpert lassen wir liegen. Das kann man neu wieder anschaffen. Besser, als wie’s gewesen ist. Und Dächer baut man wieder auf. Und Mauern, die flickt man wieder.“

   Der alte Veit tat den Botenschwur und das Schweiggelöbnis in seines Herren Hand. Als er zur Tür sprang, konnte er noch die von Tränen erstickte Stimme des Fräuleins hören: „Vater, Vater!“ – und die schluchzenden Worte der Frau Scholastika: „Herr Gott im gnädigen Himmelreich! Ach, lieber Mann, so sag doch, ob’s wahr ist, dass wir verlassen müssen, was uns als heilig und kostbar gilt?“

   Draußen vor der Schlafstubentür standen die bejahrte Hauserin und die junge, rothaarige Magdmit blassen Gesichtern und erschrockenen Augen. In ihrer Sorge hatten sie gelauscht. „Fort, Weibsleut!“, grollte der alte Veit, der es liebte, die Worte seines Herrn nachzureden. „Jetzt ist Schaffenszeit für die Mannsbilder.“ Während er hinunterpolterte über die drei steilen Holztreppen, fand er überall ein schimmerndes Eisenrelikt des Trutzbergischen Kriegsgottes.

   Auf dem besten Gaul des Puechsteinischen Stalles, auf Herrn Korbins eigenem Ross, jagte der Bote in der strahlenden Mittagssonne über den Moordamm hinaus zum Seeforst und am Waldsaum entlang, der Richtung zu, in der auf versteckten Holzwegen die nach München zeihende Frachtstraße zu erreichen war.

   Hinter den Röhrichtfeldern schlug der Schäferhund an, der den Hufschlag des Gaules vernommen hatte. Auch Lien, der zum Bau des neuen Pferches die Pfähle in den Boden trieb, ließ den Holzschlägel ruhen und hob lauschend den Kopf. Er konnte den Reiter nicht sehen, vernahm nur das gedämpfte Eisengehämmer des jagenden Pferdes. Nach einer wunderlichen Erregung, die ihn befallen hatte, wurde er gleich wieder ruhig. „Das ist nit ihr Rössl.“ Was hatte er sich um andere Gäule zu kümmern?

   Mit grimmigen Streichen begann er wieder auf einen Pferchpfahl loszuschlagen.

   Gegen die zweite Nachmittagsstunde war die neue Hürde vollendet. Als nun der Schäfer nach seiner Herde sah, fiel ihm das vorwurfsvolle Gebaren des Wulli auf. Der Hund hatte zwei schlappernde Ohren, schnappte nach jeder Hummel, die an ihm vorüber flog, und begann in auffälliger Weise Gras zu fressen. Das tat er sonst nur, wenn er nach Verspeisung sehr vieler Knochen an Verstopfung litt, oder wenn schlechtes Wetter kommen wollte. Heute tat er’s, weil ihn hungerte.

   „Komm!“, sagte Lien. „Dir will ich nit auch was Schönes verderben. Muss ich halt kochen!“

   Während der Schäfer das Reisig zur Feuerstelle trug, wurde Wullis Verstörtheit durch eine kurze Rückkehr zur gewohnten Seelenruhe unterbrochen. Jetzt verstand er seinen Herrn wieder. Doch bevor er noch richtig in ein fröhliches und erwartungsvolles Schweifwedeln hineinkam, überrumpelte ihn schon wieder eine neue Unverständlichkeit des Lebens. Denn der Schäfer, der das Reisig schon angezündet hatte und jetzt die Hundspfanne und den Mehlsack aus dem Karren herauslupfte, straffte plötzlich den Körper warf Sack und Pfanne wieder in den Schlafkasten hinein, schwang sich flink auf das Karrendächlein und reckte sich auf. Angestrahlt von der Sonne, unbeweglich, ragte er für Wullis verdutzte Augen wie eine kupferne Säule in das reine Himmelsblau.

   Über den spähenden Augen des Schäfers waren die Brauen hart zusammengezogen. Seine Fäuste ballten sich.

   „Richtig! Jetzt ist der Teufel los!“

   Zwei Puechsteinische Reiter waren auf hetzenden Gäulen aus dem Seeforst herausgetaucht. Der eine sauste über den Straßendamm davon, der zur Burg des Herrn Korbin führte; der andere jagte am Waldsaum entlang und gewann die Trutzbergische Seestraße. Als dieser Reiter in der Nähe des Karrens vorüberklapperte, hob der Schäfer die Arme und tat einen klingenden Schrei. Und der Reiter, ohne den Gaul zu verhalten, rief mit einer vom Gehops es Rittes zerrissenen Stimme: „Du! Bring Deine Herd in Sicherheit! Sonst fressen morgen die Seeburgischen Deine Lämmer. Sie rucken schon haufenweis auf den Seeforst zu, mit Ross und Leuten, mit Antwerk und Feldschlangen! Rühr Dich, Schäfer!“

   Lien stand unbeweglich auf dem Dach seines Karrens. Sein Gesicht war bleich. Alles, was Denken heißt, schien erloschen in ihm. Doch seine Augen brannten wie zwei zornige Flammen.

   Nun sprang er mit den Bewegungen eines Irrsinnigen vom Karrenfirst auf den Boden hinunter. Und das Unbegreifliche, das sich jetzt ereignete, geschah mit einer so rasenden Schnelligkeit, dass Wulli, dessen verblüffte Seele solch einem Wirbel von Rätseln nimmer zu folgen vermochte, sich ratlos auf die Hinterbacken nieder tat und mit dem Kopf Bewegungen machte, als flöge ihm ein zu stechender Bosheit aufgepeitschter Hornissenschwarm um die Ohren herum.

   Lien hatte das Wolfseisen und die alte Armbrust mit dem ledernen Bolzensäcklein aus dem Karren herausgerissen und um Brust und Hüfte geschnallt. Nun warf er die Schmalzkrapfen, das Selchfleisch und die Käsbrocken der Margaret dem Wulli hin. Doch der Hund, der seinen Charakter in der Schule seines Herrn gebildet hatte und den Fraß nicht für das Notwendigste der irdischen Dinge heilt, war so verdutzt, dass er seines Hungers völlig vergaß, nicht zu schlingen begann, sondern erschrocken seinem Herrn zuguckte, der ein Dutzend kopfgroßer Steine aus dem Boden riss und in den Schlafkasten hineinschleuderte. Lien drückte das Türlein zu und stieß den sperrenden Holzkeil in die Öse. Mit beiden Fäusten packte er die Deichsel, drehte den Karren, begann zu schieben, schneller, immer schneller, und als der Karren am Ufer eines tiefen Tümpels in hüpfenden Schwung geriet, versetzte ihm der Schäfer aus allen Leibeskräften noch einen wilden Stoß. Durch das aufspritzende Wasser fuhr der Schlafsarg mit seinen hohen Rädern weit in den Teich hinein, gluckste und schluckte, taumelte hin und her, sank immer tiefer und tauchte völlig hinunter in das schlammig gewordene Wasser. Während die Luftblasen heraufbrodelten, knirschte Lien: „So, Du! Jetzt bist Du sicher! Dich machen die Seeburgischen nit zum Raubgut.“

   Ein Griff nach der Schippe. Und der gellende Schrei: „Höia! Wulli! Wir fahren heim!“

   Noch immer wollte das verstörte Gemüt des Hundes den Sinn dieser Vorgänge nicht erfassen. Doch als er seinen Herrn so springen sah, und als von der rastlosen Schippe die Rasenbrocken in flinker Folge über die Schafe hinflogen und die ganze Herde unter Geblök und Gemecker zu traben anfing, erwachte auch in Wullis verdunkelter Seele ein scharfes Licht. Das Warum verstand er nicht; er begriff nur: Was und wo. Und da begann er loszurasen, begann in Zorn zu kläffen und zu heulen, hetzte die Schafe, zauste die Säumigen an der Wolle und trieb die galoppierenden Herde gegen die Trutzbergische Seestraße.

   Auf dem Wegdamm waren die dreihundertvierzehn Schafe mit ihren klagenden Lämmern zusammengeklumpt zu einem langen, dicken, hopfenden Wollwurm. Am Saum der Straße überholte Lien mit jagenden Sprüngen die ganze Herde. Und plötzlich riss er aus dem rennenden Hauf ein schmähendes Lamm heraus und hob es zu seiner Brust empor. „Mein Silberweißlein! Mein Edelfräulein! Komm! Du sollst Dich nit plagen müssen!“ In der Rechten die Schippe schwingend, auf dem linken Arm das Lamm, das die zitternden Vorderfüße gegen die Schulter des Schäfers spreizte und ängstlich den Kopf an seine Wange presste – so rannte Lien der Herde voraus, immer den Schrei wiederholend: „Höia! Höia! Höia!“ Ein blökendes Altschaf, die Mutter des Lammes, blieb immer dicht hinter den Waden des Schäfers. Dann kam, bald locker auseinander gerissen, bald wieder dick zusammengedrängt, die ganze springende Herde mit wackelnden Wollwülsten und klunkernden Schwänzen. Und hinter dem Schwall der Schafe kläffte der in Serpentinen jagende Wulli, machte den Nachzüglern flinke Beine und hetzte jedes ausgebrochene Schaf vom Moorboden wieder auf die Straße hinauf.

   In Wolken und Wirbeln begann der aufgerührte Staub die flüchtende Herde zu umqualmen. Das Innere dieser Wolke wurde ein dickes Grau; doch in den auswehenden Staubfetzen machte der Sonnenschein die aufgewirbelten Steinsplitterchen flimmern, so dass die ganze rennende Menge der Schafe umgeben war von einem Schimmer, ähnlich dem Geglitzer von vielen, winzigen Schneekristallen, die im Wind treiben.

   Nur die Spitze der fliehenden Herde blieb unverschleiert. Und während der Schäfer sprang und immer sein „Höia! Höia!“ zurück schrie über die Schulter, musste er rechnen, wie die Herde zu teilen und zu sichern war.

   Kamen die Seeburgischen, so flog der rote Hahn auf alle Dächer der hörigen Bauern. Da blieb kein Stall mehr stehen, der die Schafe hätte bergen können. Und wird die Trutzburg umzingelt und belagert, so muss Herr Melcher mit den Seinen satt werden an jedem Tag, wer weiß, wie lang!

   Drum teilte Lien: hundertzwanzig Schlachtschafe zur Burg hinauf, und zwar die unfruchtbar gebliebenen Altschafe und die bösen Hammel, „um die nit schad ist!“ Alle Muttertiere mit den Lämmern, die guten Zuchtböcke und alles hoffnungsvolle Jungzeug gegen die Berge hin, zu versteckten Almen! Während der Schäfer so rechnete, war ihm leid um jedes Stücklein der Herde, das er dem Schlachtmesser zutreiben musste. Hätt’ er doch nur den unseligen Stein nicht geworfen! Doch ehe dieser Gedanke noch richtig in ihm fertig wurde, sagte er selber: „Narretei! Das hat sein müssen.“ Aber verhehlen, was man getan hat? Sich selber in Sicherheit halten und um seiner Tat willen die anderen leiden lassen? Das ist unsauber. Kein Wunder, dass man vor so einem Kerl die Fuchsstute herumdreht, kein Wörtlein nimmer redet und traurig davon reitet. Hat man was Schieches angestiftet, so muss man auch sagen: „Ich bin’s gewesen!“ Da wird Herr Melcher schon wissen, was er tun muss. Und soll’s dann kommen, wie’s mag – dem Puechsteiner ist geholfen, und man wird nimmer sagen dürfen zum Lien: „Jetzt hast Du mir was Schönes verdorben!“

   Er machte noch flinkere Sprünge, und sein ruhelos klingender Lockruf wurde wie ein fröhliches Jauchzen: „Höia! Höia! Höia!“

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