Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 5

   In dem Trutzbergischen Jägerhaus, das auf einem kleinen Waldgeräumt inmitten des Seeforstes aus Blöcken errichtet war, entdeckte Herr Korbin einen so schnöden Friedensbruch, dass er seinen Zorn in grimmigen Flüchen entladen musste.

   Die zwei Wolfshunde des Jägers lagen erstochen im umzäunten Hof, die alte Mähre hockte mit entzweigeschnittenen Hessen im Stall und auf dem Lehmboden der Stube fand man den graubärtigen Wildhüter neben seinem Weib, beide an Händen und Füßen gefesselt, mit Wollstöpseln in den Ohren, mit dicken Leinwandknebeln in den Mäulern.

   Als man die beiden befreit und zur Ermunterung mit kaltem Wasser gewaschen hatte, fiel es ihnen schwer, dem Puechsteiner zu berichten, was ihnen geschehen war. Sie litten an der Kieferstarre und konnten nur lallen. Obwohl sie noch alle Zähne hatten, sprachen sie fast so undeutlich wie der greise Burgkaplan. Und genau so wie dieser hatten sie die Augen voll dicker Tropfen, nicht, weil sie leicht zu bekümmernde Gemüter besaßen, sondern weil ihnen der Schmerz die Tränendrüsen auspresste.

   Erst nach längeren Schwierigkeiten kam es verständlich zutage, was sie erlitten hatten. Um die elfte Mittagsstunde, als sie dem Mahl gesessen – die Schüssel mit der kalt gewordenen Linsensuppe stand noch auf dem Tisch, der so reich bekleckst war, als hätte Herr Melcher hier ohne Röhrchen gespeist – waren plötzlich die Hunde laut geworden, hatten aber gleich wieder geschwiegen. Dann waren sechs Kerle mit schwarz berußten Gesichtern in die Stube herein gerumpelt, hatten den Jäger und sein Weib überwältigt, des Jägers Waffen gestohlen und den Kasten ausgeplündert.

   Herr Korbin brauchte nicht lange zu grübeln, bis es ihm klar wurde, dass hier die Seeburgischen Trossleute ein bisschen Räuber gespielt hatten, um den Jäger unschädlich zu machen und ihre Herren vor dem Anschein eines friedensbrecherischen Überfalls zu behüten.

   Der Puechsteiner fluchte nicht. Ganz ruhig sprach er. Doch er hatte ein aschgraues Gesicht und an den Augenlidern rote Ränder. Ein solches Gesicht hatte Herr Korbin immer bekommen, wenn auf einer Kriegsfahrt seine Spießknechte wegen des rückständigen Soldes den Gehorsam verweigerten; dann hatten immer ein paar von diesen Eidvergessenen mit Anbruch des nächsten Morgens an einem kräftigen Baum gehangen.

   Das heulende Weib schien für den Puechsteiner nicht vorhanden zu sein. Zum Jäger sagte er: „Komm, Du! Mit!“ Weil dem Mann die Glieder noch so starr waren, dass ihm das Gehen sauer wurde, musste ihn einer von Herrn Korbins Knechten zu sich auf den Gaul nehmen. So kam es, dass in dieser goldschönen Abendstunde zwei Pferde doppelt zu tragen hatten: Die Mähre eines Söldners und die feine Fuchsstute des Fräuleins von Puechstein.

   Beim Straßendamm, der durch das Moorland gegen die Burg des Herrn Korbin zog, wurde der Jäger abgesetzt. Der Puechsteiner spähte über das Moor, konnte aber seine Frau und Tochter nirgends entdecken, weil sie, schon nahe der Burg, hinter einem Buchenwäldchen verschwunden waren. Er nickte befriedigt. „Da bleibst Du!“, sagte er zum Jäger. „Es werden drei Knechte kommen. Zu einem springst Du auf den Gaul und führst die Leut. In der Bachschlucht wart’ ich auf Euch.“ Herr Korbin winkte den Knechten und trabte mit ihnen davon.

   Der Jäger setzte sich ins Heidekraut, rieb seine Handgelenke und machte mit dem Unterkiefer Bewegungen wie ein Nussknacker. Während er so die Zähne aufeinander klappen ließ, um sie für den Genuss des ersehnten Nachtmahls einzuüben, sah er in der Richtung gegen die Puechsteiner Burg aus einem kleinen Wald die wirbelnden Figürchen der zwei reitenden Frauen auftauchen, von denen die eine einen lebendigen Sattel hatte: Den Schoß und die Schenkel des Lien.

   Aus der Weite besehen, war’s ein zierliches, von Farben flatterndes Bild. In der Nähe beschaut, sah die Sache wesentlich gröber aus. Die beiden Gäule schwitzten und keuchten vor Erschöpfung, und Frau Scholastika bot den Anblick einer zur Auflösung verdammten menschlichen Erscheinung. Das Kleid saß verdreht und hatte widersinnige Falten, die Zöpfe schlotterten, und der lose gewordenen Spitzhut mit den wehenden Schleierbändern machte Tanzbewegungen wie ein irrsinniger Vogel. Immer versuchte Frau Scholastika zu reden, um trotz ihrer Sorge für den Gatten diesen schrecklichen Schäfer zu bitten, dass er ein bisschen langsamer reiten möchte. Aber der Schimmel, der in seiner Ermüdung immer falsch galoppierte, stieß so fürchterlich, dass Frau Scholastika bei dem schmerzvollen Gehops nicht zu reden wagte, weil sie mit der Zunge zwischen die Zähne zu geraten fürchtete. Und wenn sie, um die dem Schimmel selbst sehr unangenehme Geschwindigkeit zu dämpfen, mit schwachen Kräften am Zügel zerrte, spürte das nicht der Schimmel, nur der Lien, der mit vorgestreckter Faust die Zaumriemen des Schimmels und der Stute kurz gefasst hatte, um die Köpfe der häufig stolpernden Pferde hochzuhalten. Und wenn Frau Schligga so zerrte, glaubte der Schäfer immer, dass die edle Frau in ihrer Angst um Herrn Korbin noch schneller reiten möchte. Darum befeuerte er die Fuchsstute mit lautem Zungenschlag und versetzte dem Schimmel ein paar mahnende Püffe mit dem Holzschuh.

   In solchem Missverständnis wurde Lien durch die Tatsache bestärkt, dass Hilde, die bei kreisrunden Augen ein wie Kohlenfeuer glühendes Gesicht hatte, immer aufs Neue flüsterte: „Schneller! Schneller!“ Dieser Wunsch entsprang zum größeren Teil gewiss der Sorge um den Vater. Aber es sprach dabei auch die Sehnsucht mit, so schnell wie möglich diesem nicht völlig passenden Sattel zu entrinnen. Das edle Fräulein von Puechstein saß augenscheinlich ein bisschen unbequem. Denn erstens – obwohl der Lien sie mit einem Arm von stählerner Unbeweglichkeit sicher vor dem Sturz behütete – rutschte sie immer seitwärts hin, so dass der Schäfer unablässig lupfen und nachhelfen musste. Und zweitens war dieser Sattel eine sehr bucklige Sache, dazu noch eine höchst unruhige, weil Lien immer fest mit den Knien zu arbeiten hatte, um den ungebärdigen, der doppelten Last schon überdrüssigen Gaul zu bezwingen und für sich selbst den verlässlichen Sitz zu erkämpfen. Und weil er seine ganze Aufmerksamkeit den immer schwieriger zu behandelnden Pferden zuwenden musste, konnte er nicht bemerken, dass seine Schutzbefohlene mancherlei Dinge als nicht ganz behaglich empfand.

   Alles an dem edlen Fräulein von Puechstein wehte und flatterte: Das Kleid, die Löcklein und dazu die Schwanenfedern des Hutes, der ihr in den Nacken geglitten war und mit seinem straff gespannten Sturmbändel den Atem des feinen Hälsleins hart zu behindern schien. Mehrmals versuchte Hilde, den baumelnden Hut zu haschen; doch bevor sie ihn erwischen konnte, musste sie wieder einen flinken Griff machen, um sich bei der Unsicherheit des Sitzes verlässlich am Lien zu verankern. Anfänglich hatte ihr, wenn sie so kräftig zugreifen musste, immer ein bisschen gegraust. Man weiß doch, dass Schäfer und ähnliche Leute sich nicht auszuzeichnen pflegen durch absonderliche Sauberkeit. Hilde merkte aber dennoch bald, dass sie mit solchem Verdacht diesem Schäfer unrecht tat. Und weil sie nicht wusste, dass sie glücklicherweise den Lien gerade ein paar Stunden nach seiner gründlichen Wochenreinigung erwischt hatte, verallgemeinerte sie die Beobachtung dieser günstigen Minuten und kam zu der Überzeugung, dass Lien ein Mannsbild von seltener Reinlichkeitsliebe war und sehr gut nach Heideblumen und menschlicher Gesundheit roch. Und seit er Schäfer geworden, musste er ausgiebig gewachsen sein; das Gewand war ihm eng geworden; wo man es fassen musste, bekam man auch ein lebendiges Stück des Lien als Dreingabe. Und gar nicht kitzlig war er. Während Hilde jeden notwendigen druck seines Armes mit wachsender Reizbarkeit, mit einer wunderlichen Mischung von Sicherheitsgefühl und Missvergnügen zu spüren begann, schien es der Lien kaum zu beachten, wenn’s ich das edle Fräulein an ihm festklammern musste mit beiden Händen.

   Nur die Zipfel seines mürben Kittels pluderten. Alles Übrige saß fest an seinem Leib, der so straff war wie eine gespannte Armbrustsehne. Und den braunen festen Jünglingsschädel mit den strengen Zügen und den blitzenden Augen trug er vorgeschoben in den Wind, der pfeifend hinwehte über das kurz geschorene Haar.

   Die Pferde übersprangen eine steinige Wasserfurche. Während Frau Scholastika einen klagenden Wehruf ausstieß und über den Sattel hinaus eine tiefe Verbeugung machte, äußerte auch Hilde unter einem bedrohlichen Ruck ihr Unbehagen in so deutlicher Weise, dass Lien sich seiner Aufmerksamkeit für die Gäule entzog und erschrocken fragte: „Edel Fräulen? Gelt, Du hockst nit gut? Wart, ich schwing Dich herum nach der anderen Seit. Da wirst Du’s besser haben, weil ich Dich ums Brüstl viel fester lupfen kann.“

   Damit er den linken Arm frei bekäme, wickelte er flink die Zügel der beiden Gäule um den vorgestreckten Holzschuh. Nun fasste er das Fräulein am Gürtel. Unter stammelnden Worten machte Hilde einen Versuch, diese notwendige Sache zu hindern. Aber bevor sie noch richtig zappeln konnte, wurden ihre Füßlein schon mit kräftigem Schwung hinübergeschlenkert über den Kopf der Fuchsstute, die ihre Ohren zurücklegte, sich der Wildenten zu erinnern schien und einen scheuenden Sprung machte. Für einen zweiten ließ ihr der Lien, dessen flinke Faust die Zügel schon wieder vom Holzschuh weggerissen hatte, keine Zeit mehr. Und während seine Linke die Gäule bändigte, spannte er den rechten Arm gleich einem Geländer um die Brust des Fräuleins und sagte unter frohem Lachen ein Wort, das er schon einmal gesprochen hatte: „Wie ein Federlein bist Du!“ Wieder lachte er: „Und gelt? Jetzt hockst Du ein lützel besser?“

   Es war unleugbar: Hilde saß jetzt wie in einem verlässlichen Armstuhl. Nach vornehin konnte sie nimmer rutschen – dafür sorgte der Lien – und hinter dem Rücken hatte sie Brust und Schulter des Schäfers als feste Lehne. Dennoch war sie nicht zufrieden und grollte: „Mensch Du gehst ja mit mir um wie ein ungutes Kind mit seinem Püpplein!“

   „Herr Jesus, edel Fräulen, ich bin doch am End nit grob gewesen?“

   Der kummervolle Klang seiner Worte zwang sie, das Gesicht zu drehen. Und als sie in den glänzenden Braunaugen des Lien diesen ehrlichen Schreck erkannte, schüttelte sie den Kopf, blieb ruhig so sitzen, wie sie sitzen musste – und weil sie jetzt die Hände frei hatte, fing sie den baumelnden Hut und band ihn fest.

   Lien ließ den Schimmel der Frau Scholastika von seiner Hand und hielt nun die Fuchsstute so sicher in der Faust, dass der jagende Galopp ein sanftes und gleichmäßiges Wiegen wurde.

   So ritten die beiden in den Puechsteiner Burgwald ein, zwischen dessen alten Stämmen kühl ein purpurner Schatten lag, während die Kronen und höchsten Zweigspitzen der Bäume vom Glanz der Abendsonne verwandelt waren in ein schimmerndes Kunstwerk des ewigen Goldschmiedes. Zärtliche Wildtauben lockten und viele Amseln flöteten. Das konnten Hilde und Lien nicht hören, weil die Fuchsstute auf dem steinigen Pfad sehr heftig mit den Hufen klapperte.

   Als der Weg gegen die Burg zu steigen begann, sagte Lien in einem Ton des Erbarmens zu der Stute: „Rössl, Dein Herr ist in Not, jetzt musst Du noch schnaufen ein lützel!“ Und der Gaul – als käme er zu der Einsicht: ‚Wie flinker ich renne, umso schneller ist die doppelte Mühsal vorbei!’ – fing unter Keuchen ein so tolles Rasen und Springen an, dass Reiter und Reiterin bei jedem aufwärts schnellenden Ruck des Pferdes zurückgeworfen wurden gegen die Kruppe der Stute. Schoß und Brust des Schäfers verwandelten sich für Hilde aus einem Lehnsessel in eine Art von Schaukelstuhl. Dabei musste Lien vor dem Brüstlein des Fräuleins für ein sehr festes Geländer sorgen. Dies wurde für Hilde der Anlass zu einem Vergleich, dessen sonderbares Ergebnis sie selber nicht recht begriff. Der eiserne Arm des völlig nüchternen Lien drückte viel gröber, als auf dem Taubenturm die betrunkene Hand des Trutzbergischen Bräutigams und Seelengatten geschmeichelt hatte. Eine klare Logik hätte da en Schluss gezogen: Dass dieses bäuerische Verhalten des Lien zu verdammen, hingegen die kleine Verfehlung, die der Jungherr Eberhard von Trutz zu Trutzberg wider die ritterliche Sitte begangen hatte, bei vernünftiger Nachsicht zu entschuldigen war. Aber im heiß und wirbelig gewordenen Mädchenkopf des edlen Fräuleins von Puechstein entwickelte sich eine gegenteilige Erscheinung. Während sie beim Anblick des väterlichen Brückentores erleichtert aufatmete und den eisernen Armschutz des Schäfers als eine notwendige und unvermeidliche Sache zu erkennen begann, wurde sie erneut von einer grollenden Erbitterung gegen ihren Bräutigam befallen. Es keimte bereits die sonderbare Meinung in ihr, dass die gedankenlose Derbheit eines von vornehmer Sitte sehr weit entfernten Knechtes unter Umständen eine viel hübschere Sache wäre als das zierliche Tändelspiel eines höfisch geschulten Jungherrn. Dieser Trugschluss wurde plötzlich durch ein leises, lustiges Lachen des Lien sehr empfindlich in ihr erschüttert. „Du?“, fragte sie zornig, während sich die heiße Glut ihres Gesichtleins noch vertiefte. „Warum lachst Du?“

   Lien antwortete ehrlich: „Weil mir die Federlein von Deinem Hütl allweil im Gesicht herumfahren, als tätest Du Grillen kitzeln mögen aus meinen Nasenlöchern.“

   Da musste sie selber lachen. Und Lien, der sich reckte, fing zu schreien an: „Die Bruck herunter! Flink die Bruck herunter! Das edel Fräulein von Puechstein kommt!“

   Heiter sagte sie: „Du bist doch auch dabei!“

   Eine ruhige Antwort: „Ich zähl’ doch nit.“

   Über den von übel riechendem Wasser erfüllten Mauergraben fiel eine alte, morsche, vielfach mit Eisenbändern geflickte Torbrücke herunter. Durch eine enge, dunkle Halle galoppierte Lien hinein in einen kühlen, ein bisschen muffigen Hof, der umzogen war von brüchigem Gemäuer. Verwitterte, schief getretene Holztreppchen kletterten zu kleinen Türen hinauf. Ein altes Weib und eine junge lustige Magd, deren hübsches Köpfl von rotem Haar umzaust war, guckten zu hochgelegenen Fensterluker heraus, vier Schweinchen rannten grunzend davon, ein Schwarm von Hennen stob gackernd auseinander, Tauben flogen auf, und sehr verwundert guckten drei alte Knechte drein. Sie saßen auf einer Holzbank und hatten um den Sold geknöchelt, den ihnen der Ritter Korbin von Puechstein seit Wochen schuldig geblieben war.

   Während der alte Brückenwärtl immer was Unverständliches vom Turm herunterkreischte, rief Hilde den Knechten zu: „Alle Leut in Wehr und Eisen! Und schnell auf die Gäul’ hinauf! Ihr müsst zum Seeforst reiten! So flink, wie’s geht! Da harret mein Vater. Der ist in Not.“ Zwei Knechte rannten zur Söldnerstube, einer sprang in den Stall. Und Hilde sagte zum Schäfer: „Jetzt kannst Du lucklassen. Ich will hinunter.“

   Lien ließ das Fräulein über seine Knie hinüber gleiten, hielt aber seine Schutzbefohlene mit dem Arm so lange noch fest, bis ihre Füßlein auf den Steinen warne. Seine Lippen bewegten sich, doch er sagte nichts. Und Hilde, das verkrümpelte Reitkleid aufraffend, wollte hinüber laufen zum Herrenhaus. Da drehte sie sich wieder um, hastig atmend, mit brennendem Gesicht. Sie trat zur Stute heran, guckte zum Schäfer hinauf und sagte wunderlich ernst: „Lien, das mit den Gäulen, das hast Du gut gemacht. Ich muss Dir ein Vergeltsgott bieten. Du bist ein Trutzbergischer, dem ich heut noch nit zu befehlen hab’. Aber willst Du mir einen Gefallen tun, so reit mit unseren Knechten und hilf meinem Vater. Ich mein’, ich kann ruhiger sein, wenn ich weiß, Du bist dabei. Vergelten tu’ ich’s, wenn ich Deine Herrin bin. Bei mir sollst Du satter werden als bei der Frau Engelein. Willst Du, Lien?“

   Er nickte stumm und hatte so seltsam erstaunte Augen, als sähe er das Fräulein von Puechstein zum ersten Mal. Dabei bekam sein Gesicht einen Ausdruck, der drollig war, beinahe ein bisschen dumm. Während Hilde leise auflachen musste, kam Frau Scholastika auf dem schleichenden Schimmel zum Tor herein. Kein Zügelgebot und kein Fersenzeichen der Reiterin konnten den Gaul in Trab versetzen. Langsam stellte er einen Huf vor den andern hin, ließ den von Schweiß überronnenen Kopf tief hinunterhängen und sah mit unfreundlichen Augen den Schäfer an.

   Frau Schligga, dem Weinen nahe, begann eine verzweifelte Klage um ihren Gatten. Mit herzlichen Worten beruhigte Hilde die Erregte und hob sie aus dem Sattel. „Jetzt brauchst Du Dich nimmer sorgen, Mutter! Es reitet der Lien mit den Knechten.“

   „Ach, geh, Du Kind, Du unverständiges!“, jammerte die edle Frau. „Wie soll denn so ein Schäferbub Deinem Vater helfen, der von allen der stärkste ist!“ Von Hilde und der jungen, rothaarigen Magd, die gesprungen kam, ließ Frau Scholastika sich hinüberführen zum Haus. Solche Führung war nötig. Das Reitkleid hatte sich in eine so verdrehte Sache verwandelt, dass er erschöpften, an allen Gliedern zitternden Reiterin kein Schrittlein ohne stolpernde Verwicklung gelingen wollte.

   Um den Schimmel kümmerte sich niemand. Er ging allein in den Stall. Sehr langsam.

   Auch die Fuchsstute schien eine heftige Sehnsucht nach Ruhe zu haben. Immer wieder drehte sie den Kopf nach dem von Pferdedünger umschanzten Türlein, in dem der Schimmel verschwunden war. Sie machte auch einen versuch, sich umzudrehen. Aber sie musste stehen bleiben, wie sie stand. Unter dem Lien hatte sie keinen eigenen Willen mehr.

   Wie aus Stein geschnitten, saß er auf dem schimmernden Rücken des Pferdes. Nur seine Knie gingen unter den pumpenden Atemzügen der Stute ein bisschen hin und her. Alles andere an ihm war unbeweglich. Und so guckte er mit den wunderlich dummen Augen immer zum Türtrepplein des Herrenhauses hinüber, obwohl da nicht das Geringste zu sehen war. Aus diesem tauben Schauen erwachte der Schäfer erst, als die Gäule der drei von Eisen rasselnden Knechte über die Torbrücke hinausstolperten. Erschrocken riss er die Stute herum, gab ihr die Fersen und jagte den Knechten nach. Draußen im Burgwald sah er sie nimmer. Er sprang vom Gaul und fasste die Stute kurz am Gebiss. „Komm, Rössl, Du müdes! Bergab geht’s leichter und flinker auf sechs Füßen.“ Er surrte mit dem bockenden Pferd durch den Wald hinunter. Drunten im Wiesental, neben dem Grenzbach zwischen Puechstein und Trutzberg, saß er schon wieder auf dem Gaul, als die drei Knechte, die dem gewundenen Burgsteig nachgeritten waren, aus dem Wald herausklapperten. Einer lachte: „Bub? Kannst du hexen?“

   Der Schäfer hob die geballte Faust und schrie: „Hurtig, Ihr Leut! Das edel Fräulen will’s haben.“ Er ließ der Stute die Zügel schießen und begann ein tolles Rasen, umschimmert vom Gold der Abendsonne, die in einer Scharte der waldigen Vorberge schon hinuntertauchen wollte hinter die fein geschnittene Säge der fernen Fichtenwipfel. Immer befeuerte er den Gaul durch schnalzende Zungenschläge und durch ein leises Jauchzen: „Hjubba, hjubba!“ Und wollte das bei der müden Stute nimmer helfen, so streckte er lachen die Hand und kitzelte das Pferd an den empfindsamen Ohren. Dabei machte er sich so leicht und legte sich so weit nach vorne, dass der jagende Gaul den federnden Jünglingskörper kaum noch zu spüren schien.

   Bei diesem Ritt ereignete sich eine wundersame Sache, die der Lien, da er nur auf den Weg und die Stute achtete, gar nicht sah.

   Hinter ihm in der westlichen Höhe, da droben auf der Waldbergscharte, hinter deren gezahnten Wipfelkamm die Sonne sich verstecken wollte, verwandelten sich alle die schlanken Baumspitzen in brennende Finger, die hinaufdeuteten zum feuerschönen Himmelreich. Wie ein aus rot glühendem Kupfer geformter Igel glitt die sinkende Sonne hinter die schwarzblaue Waldkuppe.

   Kühle Schatten flossen um den Trutzberg und Puechstein, über das Wiesental und um den hetzenden Reiter. Doch das ebene Moorland, dem er entgegen ritt, dehnte sich mit Büschen, Röhricht, Bruchböden und Tümpeln wie ein leuchtender Blutsee gegen den rosenfarbenen Seeforst.

   Nun blinzelte der glühende Sonnenigel auf der anderen Seite der blauschwarzen Waldkuppe wieder heraus, verwandelte sich in einen großen, scharf umrissenen Glutball und flog ohne Flügel langsam zwischen Himmel und Erde hin. Ein Sonnenaufgang am Abend! Und die Dünste, die dem Moor entstiegen, verzauberten das letzte Leuchten des Tages zu einem traumhaften Farbenkleid der Erde, das gewoben schien aus den roten, gelben, grünen, blauen und violetten Bändern von hundert Regenbogen.

   Für dieses Schöne hatte der Lien keinen Blick. Er sah auch die kreischenden Kiebitze, die schnatternden Wildenten und die pfeifenden Bekassinen nicht, die in der Nähe des Straßendammes erschrocken herausflatterten aus dem rot brennenden Röhricht und aus den in Blut verwandelten Gewässern. Er sah nur den Weg und achtete nur der keuchenden Stute, deren Sprünge immer müder wurden. Manchmal warf er über das Moor einen Blick nach der Richtung, in der die Pferchstätte seiner Schafe lag. Nun lachte er, leise und froh. Der Pferch da drüben war angefüllt mit dem grauen Gewimmel der Herde. Und undeutlich schollen die Kläfflaute des Hundes herüber. Lien, auf dem Gaul sich streckend, tat einen gellenden Schrei. Gleich antwortete ein klagendes Geheul des Hundes.

   „Wulliwulli! Heut musst Du geduldig sein, das edel Fräulen will’s!“

   Beim Weiterhetzen waren nur zwei Gedanken in Lien. Der eine: Ob dem Hund kein Lamm entronnen, ob keiner von den widerspenstigen Zuchthammeln aus der Herde gebrochen wäre? Und der andere: Dass er, wenn der Schäferkarren näher bei der Straße stünde, nur ein paar Sprünge machen musste, nur einen flinken Griff, um seine Armbrust und sein Wolfseisen zu haschen.

   Aus einer Staude kam ein metallenes Geflimmer. Da lag der Sattel des Fräuleins im Versteck.

   Und über den Straßendamm ragte ein dünner Stab aus Eschenholz herauf – die Schäferschippe. Lien haschte sie im Vorüberjagen. Lachend schwang er den Schaft wie einen Speer. Wohl war das eiserne Schippenschäufelchen noch lange nicht so groß wie eine hohle Hand. Aber ein Eisen war es doch! Und ein scharfes!

   In der westlichen Ferne des Moorlandes floss der glühende Sonnenball beim Niedertauchen zu einer blutroten Mütze auseinander, als Lien den Waldweg zwischen Bruch und Seeforst erreichte.

   Der Jäger, der mit den Fäusten die Kinnbacken scheuerte, sprang aus dem Heidekraut.

   Lien schrie: „Wo ist der Puechsteiner Herr?“

   „Sell drunten im Bachgraben. Kommen die Knechtleut nit?“

   Mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirne trocknend, wandte Lien das Gesicht. Von den Knechten war nichts zu sehen. „Die trenzen, ich weiß nit, wo!“ Nun musste die Stute wieder springen. Auf dem linden Waldweg waren ihre Hufschläge nur ein dumpfes Pochen. Drum hörte Lien aus dem Seeforst heraus das näselnde „Hup, hup!“ der Treibleute und das Steckengeklapper an den Bäumen. Dieses Geräusch verriet ihm ungefähr, was los war. Von dem Streit, der zwischen Herrn Melcher Trutz und den Brüdern von Seeburg wegen des Jagdbannes ausgebrochen war, hatte der Schäfer noch nichts vernommen. Doch er wusste, dass es Wilddiebe gab. Sehr viele. Die müssen für Rehleber und Hasenbraten ihr Leben in die Waage schmeißen und müssen grob werden, wenn Jagdherr und Jäger kommen. Und im Seeforst schienen sich die Wildschnapper an diesem heiligen Sonntag zu einem festen Hauf zusammengetan zu haben. Da war Herr Korbin einem üblen Handel entgegen geritten. Aber viel heißer noch als die Sorge um den Puechsteiner und seine Knechte brannte im dummen Lien der Gedanke: ‚Gott’s Tod! Die Lumpen stehlen dem edel Fräulen die Hasen und Reechlein!’

   Der Schäfer hämmerte mit beiden Holzschuhen, und die Stute musste sich strecken, dass sie fast um die Hälfte länger wurde.

   An die drei Gewaffneten, die irgendwo hinter ihm zurückgeblieben waren, dachte er nimmer. Er dachte nur noch an die Rehe und Hasen des Fräuleins von Puechstein.

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