Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
            Kapitel 1

            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13
            Kapitel 14
            Kapitel 15
            Kapitel 16
            Kapitel 17
            Kapitel 18
            Kapitel 19
            Kapitel 20
            Kapitel 21
            Kapitel 22
            Kapitel 23
            Kapitel 24

Kapitel 4

   In der Erkerstube gab’s ein Aufsehen, als Hilde so plötzlich auf der Schwelle stand, ohne Nelkenkranz, über dem Haar das grüne Hütlein mit den beiden Schwanenfedern und fertig zum Heimritt.

   Frau Scholastika erschrak. Herr Korbin aber dachte sich gleich das Richtige und rief zwischen Zorn und Lachen: „Mädel! Hast Du merken müssen, dass auf dem Trutzberg das Pulver nit trocken ist?“

   Der Burgherr in seinem ausgewachsenen Rausch hatte steife und ratlose Augen, während seine säuerliche Hausehre von einem dunklen Anfall ihres Misstrauens überrumpelt wurde und sorgenvoll gegen das schweigende Mädchen hinkreischte: „Wo ist mein Sohn? Was hast Du meinem Sohn getan?“

   Ohne zu antworten, trat Hilde auf ihre Mutter zu und sagte ruhig: „Mir ist nit gut. Auf dem Taubenturm ist mir schwindlig worden. Tu mich heimführen, Mutter!“

   Schwermütig lallte Herr Melcher in seinem Sessel: „Wird halt auch ein lützel zu viel gesoffen haben!“ Es war nicht völlig klar, wen er meinte.

   Herr Korbin schien auf den Jungherrn zu raten und sagte: „Frau Engelein! Sucht Euren Buben auf! Mir deucht, seine Ohren sind grün. Schlagt ihm ein Dutzend feste Tachteln drauf. So lang, bis sie rot werden. Es ist nötig, dass die Trutzbergischen Farben friedsam miteinander hausen.“

   Frau Angela hatte nicht die Absicht, diesen Rat zu befolgen. Aber sie entfernte sich mit großer Eile, das Mutterherz beschwert von einer bangen Sorge um Leben und Gesundheit des ihr einzig verbliebenen Sprösslings. In ihrem gereizten Misstrauen sah sie allerlei böse Bilder, sah den Sohn mit einem Haarpfeil erstochen bei den Taubennestern sitzen, sah ihn mit zerschmetterten Gliedern unter dem Burgfried liegen. Doch wenige Minuten genügten, um Frau Angela von diesen romantischen Angstbildern zu erlösen und ihre tugendstrenge Seele zu der Einsicht zu bringen, dass der Ratschlag des Ritters Korbin von Puechstein nicht vollständig abzulehnen war. Nach kurzem Verhör, bei dem der greise Burgkaplan Veranlassung fand, eine größere Zahl von schwer verständlichen Wörtern zu sprechen, verwandelte sich die besorgte Mutter Angela in eine erbitterte Sittenrichterin. Ihr Zorn hatte einen Zug von Gerechtigkeit. In diesem Zorn schlug sie noch viel wirksamer drein, als Herr Korbin ihr geraten hatte.

   Das Himmelreich, das Jungherr Eberhard sich an diesem reizvollen Junitag mit aller Macht seines strebsamen Christenwillens erfochten hatte, war nicht goldfarben oder silberschön, sondern grün und rot. Sogar noch ein bisschen blau dazu. Im besitz dieser mehrfarbigen Seligkeit verzichtete er aus höfischen Gründen darauf, sich von seiner Braut und Seelengattin zu verabschieden, die beim Tor des Brückenturmes bereits im Sattel ihrer ungeduldig scharrenden Fuchsstute saß, während Herr Korbin seine sorgenvolle Gemahlin auf einen frommen Schimmel hob.

   Wie der Jungherr, so blieb auch die Hausfrau des Trutzberges bei diesem Abschied unsichtbar. Nur Herr Melcher hatte sich, aller Unsicherheit seines Rausches zum Trotz, über die Treppe heruntergewagt, war in der Melancholie seines besoffenen Elends tief gerührt, umarmte den Freund und Verbündeten etwa ein dutzend Mal mit wachsender Zärtlichkeit und flehte: „Korbi, sei ein Christenmensch! Geh nit fort! Bleib bei mir und lass uns selbander weiter saufen. Tust Du mich allein lassen, so putzt mir das schieche Weib meine Flecken aus!“

   Lachend riet der Puechsteiner: „Zieh die Wad herunter, leg Dich nackicht ins Bett und häng den Kittel mit Strumpfhosen und Kräuslein an den Nagel! Da spürst Du’s nit, wenn Frau Engelein rippelt und klopft.“

   Kreischend fiel die Brücke herunter, die vier Geleitsknechte des Puechsteiners ritten los.

   Hilde ließ ihren ungeduldigen Goldfuchs traben und Frau Scholastika flüsterte unter der Torhalle ihrem Gatten die beklommene Frage zu: „Glaubst Du, dass es mit den Kindern auseinander geht?“

   Er schüttelte ruhig den Kopf, auf dem die blaue Stahlhaube funkelte: „Ist doch alles verbrieft und gesiegelt. Und der Melcher steht allweil zu uns, solang ich ihn nit allein lass. Drum muss ich daheim bleiben, bis wir das Mädel unter dem Trutzbergischen Betthimmel haben.“ Über das Gesicht der Frau Scholastika glitt eine heiße Röte, während Herr Korbin weiter sprach: „Gar so was Schieches mag ja wohl auf dem Taubenturm nit geschehen sein. Der Bub wird halt ein lützel schleckig vor der Zeit. Und guck ich das liebe Mädel an, so kann ich’s dem Jungherrn nit verargen. Und da wird halt das Mädel erschrocken sein. Ist ein junger, grüner Spatz, der noch allweil nit weiß, was Falken sind. Heut lass das Mädel zur Ruh kommen! Aber morgen red mit ihr! Ich mein, man sollt die Hochzeit beschleunen. Da will ich mit dem Melcher schwatzen drüber, in einer nüchternen Stund.“

   Frau Scholastika erblasste und nahm sich vor, alle Himmelskraft ihres Willens darauf zu richten, dass die Hochzeit der Kinder nicht wider Pergament und Siegel beschleunt, sondern um Wochen und Monate, vielleicht um ein Jahr verschoben würde. Nach dem ersten Schreck erwachte in ihr ein Gefühl der Freude. Nun hatte sie ein hilfreiches Wort gefunden: „Reitest Du fort von daheim, so geht’s mit den Kindern auseinander.“ Sie wusste, wie sehr es ihm anlag, sein Kind aus der knappen Not des Puechsteins zu erlösen und in das sichere Wohlleben der Trutzbergischen hineinzusetzen.

   Die Knechte hatten den Forellenbach erreicht und wollten den Weg zur Puechsteiner Grenze nehmen. Herr Korbin rief ihnen zu: „Wir reiten gegen den Seeforst. Ich will mit dem Jäger reden. Und ein frisches Lüftl auf festem Umweg wird uns bekommen. Frau Engeleins Mahl ist mager und ohne Würze gewesen, aber der Wein, den der Melcher schluckt, ist schwer. Ein lützel spür ich ihn auch.“

   Es ging auf die vierte Nachmittagsstunde. Obwohl der Abend noch fern war, bekam die Sonne schon einen goldenen Glanz.

   Die Gäule gingen im Schritt. Auf dem Seesträßlein konnten Vater, Mutter und Tochter Seite an Seite reiten. Die Knechte ritten paarweise unter heiterem Schwatzen voraus. Auch Herr Korbin fing lustig zu plaudern an, rühmte an seinem Freund Melcher alle Tugenden eines edelfesten Lebens, versöhnte sich mit unterschiedlichen Eigenschaften der Frau Angela und schilderte den Trutzbergischen Jungherrn als eine noch nicht völlig entwickelte, aber doch unanzweifelbare Blumenknospe der Ritterschaft. Auch Frau Scholastika begann in dieses Loblied auf den Jungherrn einzustimmen, nachdem Herr Korbin ihr ein paar Mal mit deutlicher Mahnung zugeblinzelt hatte.

   Hilde verhielt sich stumm und guckte über das blühende Moor hinaus, in dem der mild und farbig heranziehende Abend das Federwild aus den Schlupfen zu locken begann. Viele Schmetterlinge flatterten über die Straße hin und her und am Damm entlang. Hilde bemerkte die lieblichen Gaukler nicht. Immer blickte sie mit erhobenem Näschen nach der Richtung, in der sich aus Stauden und Röhricht ein graubraunes Ding hervorhob, das einem auf zwei Räder gestellten Sarg glich. Dennoch sah sie weder den Schäferkarren, noch die Trutzbergischen Schafe, noch den Hirten, dessen Schippenschäufelchen manchmal in der Sonne blitzte. Dass ihr sonst so heller Blick alle Dinge verschwommen sah, war eine Folge des feuchten Schimmers, der ihre Augen umflorte.

   In ihrem jungen Leben zitterte noch immer der sonderbare Schreck, den sie auf dem Taubenturm hatte erleben müssen. Diese Erinnerung war in ihr wie ein Schmerz, wie ein übler Schimpf. Doch während sie den Vater und die Mutter so viel Gutes über den Jungherrn reden hörte, wurde sie ruhiger und suchte sich darüber klar zu werden, was denn eigentlich auf dem Taubenturm geschehen war? Sicher wusste sie nur dieses eine: Dass sie einen namenlosen Schreck verspürt hatte. Weshalb? Weil Eberhard sie streicheln, sie liebkosen, sie in seine Arme nehmen wollte? Hatte er dazu als ihr Bräutigam und Seelengatte nicht ein Recht? Freilich, er hatte seiner höfischen Sitte ein bisschen sehr vergessen. War das eine unverzeihliche Schuld? Ein Taubenturm ist keine adlige Stube. Auch hatte Eberhard ein wenig getrunken. Der Wein verführte doch auch ihren eigenen Vater zu Worten und Dingen, die er in nüchternem Zustand vermied. Von Herrn Melcher gar nicht zu reden!

   Während sie diese versöhnliche Rechnung zu machen versuchte, sah sie plötzlich wieder jenes grauenvolle Gesicht mit den Augen, vor denen sie so namenlos erschrocken war. Solche Gesichter müssen böse Menschen haben, wenn sie morden wollen. Ein Grauen rieselte durch ihre Seele. Dennoch musste sie lächeln. So töricht war der Gedanke, der sie befallen hatte! Eberhard? Und sie ermorden? Er, der sie lieb hatte, sie täglich mit Blumen und zärtlichen Versen beschenkte, mit feinem Geschmeide und seidenen Bändern? Hatte sie dieses böse Gesicht denn auch wirklich gesehen? Oder nur in ihrem närrischen Schreck? So, wie Kinder Gespenster sehen – nicht, weil die Gespenster kommen, nur, weil die Kinder sich fürchten! War es so, dann war sie allein die Schuldige. Ihr blindes, unverständiges Davonrennen hatte den Bräutigam gedemütigt und so schwer gekränkt, dass er es in adligem Stolz vermeiden musste, ihr zu folgen und zum Brückenturm zu kommen, um ihr beim Abschied die Hand zu bieten.

   Sie atmete auf. Um wie viel leichter ist das: Eine Schuld an sich selbst zu erkennen, als üble Schuld an einem Menschen zu sehen, dem man gut sein muss, weil man ihm angehört für das ganze Leben.

   Zwei glitzernde Tropfen rollten über Hildes lächelnden Mund. Nun sah sie alle Dinge der schönen Welt wieder unverschwommen, klar und deutlich. Sie sah auch den Schäferkarren und den leeren Pferch. Nur den Lien und die Schafe konnte sie nimmer sehen, weil die Herde, die hinüberweidete gegen den vom Seeforst zum Puechstein führenden Straßendamm, hinter dem Gestrüpp des Bruchbodens verschwunden war.

   Als Herr Korbin den freundlichen Sonnenaufgang im Gesicht seines Kindes gewahrte, stuppte er Frau Schligga lachend mit dem Ellbogen an und rief seinen Knechten zu: „Wir müssen ein lützel traben, soll mir Zeit verbleiben für einen Ritt durch den Seeforst. Sonst haben wir die Nacht auf dem Buckel, eh wir daheim sind.“ Um den Besuch des Jägerhauses und den Erkundungsritt durch den Seeforst war es ihm nicht sonderlich zu tun. In seinem Herzen, darin sich väterliche Zärtlichkeit ganz wunderlich mit der derben Wildheit eines abenteuernden Kriegsfahrers mischte, dachte Herr Korbin: ‚Nun ist das liebe, dumme Mädel zu Besinnung und Ruh gekommen; das wird standhalten in ihr, wenn sie jetzt nimmer denken und grübeln kann, sondern tüchtig mit ihrem Gaul zu schaffen bekommt.’ Drum begann er im Gold der Sonne einen so flotten Ritt, dass Frau Scholastika ein glühendes Gesicht und Hilde bei guter Laune zwei fröhlich blitzende Augen bekam. Wollten die etwas steifbeinigen Mähren der Knechte schlapp werden, so befahl Herr Korbin: „Flinker! Ihr reitet ja, als hätt’ ein jeder von Euch zwischen Sattel und Quartier einen Igel hocken.“

   Auf dem steinigen Sträßlein klapperten die Hufe der Gäule, und die Kiesel spritzten. Doch ein feines, behagliches Galoppieren kam auf dem linden Waldweg, der sich zwischen Gehölz und Moorland ein halbes Stündlein entlang dem Seeforst hinzog bis zum Puechsteiner Straßendamm. Sanft versanken die Hufe der Pferde in Gras und Heidekraut und machten einen kaum noch merklichen Lärm. In dieser Stille, die nur wenig gestört wurde durch das leichte Eisengeklirr und das Schnauben der Rosse, schienen die Knechte ein Ding zu bemerken, das ihnen nicht geheuer war. Immer streckten sie lauschend die Hälse und tuschelten miteinander. Lass ich aber einer im Sattel wandte, um seinen Herrn anzurufen, bekam er aus des Puechsteiners funkelnden Augen einen strengen Wink und verhielt sich stumm. Was die Knechte bemerkten, hatte auch Herr Korbin mit seinen scharfen Ohren schon längst vernommen: Ein fernes Stimmengeräusch und ein ruheloses Pochen, als schlügen viele Leute mit Stöcken gegen Baumstämme. Und tief im Wald musste das sein, drüben auf der Seeseite des Forstes.

   Dem Puechsteiner schwollen vor Zorn die Adern an den Schläfen wie dicke Schnüre heraus. Der Lärm, den er hörte, war leicht zu deuten. Die Brüder von Seeburg, denen der Prozess um den angemaßten Jagdbann in den Trutzbergischen Seeforsten zu langsam vorwärts ging, wollten ihr erlogenes Recht auf flinkere Beine bringen. Und dachten: ‚Nimm, so hast Du!’ Und wussten vielleicht, dass an diesem Sonntag auf der Trutzburg eine Wanderpredigt und ein Freundschaftsmahl gehalten wurde! Und nützten den schönen Tag, um Herrn Melchers Hasen und Rehe in die Seeburgischen Netze zu klopfen.

   Dieses Vergnügen gedachte Herr Korbin den ritterlichen Wildräubern zu versalzen. Aus bundesbrüderliche Treue für Herrn Melcher. Und weil die Trutzbergischen Rehe und Hasen auch halb schon Eigentum seines Kindes waren. Man bestahl den Freund, man bestahl sein Mädel. Der Puechsteiner hätte, um solch ein Verbrechen ohne flinkes Richteramt geschehen zu lassen, nicht das Mannsbild sein müssen, das er war. Und ein Abenteuer, eine Gelegenheit zum Dreinschlagen? So was zog bei Herrn Korbin noch fester als ein Ochs vor dem Kinderwagen.

   Indessen Hilde und Frau Scholastika in ahnungsloser Fröhlichkeit an seiner Seite galoppierten, flogen in seinem aus der Friedensruhe aufgerüttelten Gehirn die rechnenden Gedanken wie spursichere Windspiele.

   Dunkel war ihm nur das eine: Warum der Trutzbergische Jäger nicht Lärm geschlagen? Der hatte wohl seinen Sonntagsrausch? Oder die Seeburger hatten ihn maultot gemacht?

   Alles andere war für Herrn Korbin eine klare Sache. Wenn irgendwo, so standen die Wildnetze weit da draußen in der Schlucht, die der Trutzbergische Forellenbach seit Erschaffung der Welt durch den Seeforst gewühlt hatte. Da mussten die Treiber noch zwei Stunden klopfen, und der Einsprung des umkreisten Wildes in die Netze würde wohl erst eine halbe Stunde vor Anbruch der Dämmerung stattfinden. Zeit genug, um eine Schlacht zu gewinnen. Und viel Geleitschaft in Wehr und Waffen hatten die Seeburgischen zu dieser edlen Weidmannstat kaum mitgenommen, außer den Netzjägern nur das hörige Volk, das mit den Stecken klopfen musste und für den Puechsteiner nicht zählte.

   Aber Herr Korbin und vier Knechte? Ein bisschen wenig war das. Soll einer zum Trutzberg reiten und Hilfe holen? Auf Herrn Melcher war an diesem Sonntag nimmer zu rechnen. Der ließ sich entweder geduldig von Frau Engelein die Flecke ausputzen oder lag als ein Nackichter in seinem Bett und verschlief den Rausch. Und kam ein Trutzbergischer Hilfstrupp, so kam auch der dumme Lausjung mitgeritten, der heut das liebe Mädel gekränkt hatte. Nein! Das war Hilfe, auf die Herr Korbin verzichtete. Heute hieß es: Die Fliegen selber fangen. Aber die drei anderen Mannsleut vom Puechstein mussten noch her. Die Zeit reichte. Frau Schligga und Hilde mussten erweisen, dass sie reiten konnten. Und morgen wird sich Herr Korbin lachend hinstellen vor das Bett des Melcher Trutz und wird sagen: „Du bist mir ein Feiner! Derweil Du Deinen Sums aus dem Schädel schnarchst, muss Dir Dein Korbi als treues Bundeskamerad die Rehböck und Butterhasen aus den Seeburgischen Diebsnetzen heraus stampern! Also? Wie wär das jetzt, wenn ich geblieben wär und hätt’ weitergesoffen mit Dir? Da hättest Du hundert Wildstück weniger in Deinem Forst, aber hundert Weintrenzer mehr auf Kittel und Strumpfhosen! Und Frau Engelein hätt’ den Teufel im Leib!“

   Auf solchen Gedankenwegen beruhigte sich sein erster Jähzorn, und das Abenteuer, dem er entgegengaloppierte, bekam für ihn das Gesicht einer lustigen Sache.

   Als man den Puechsteiner Straßendamm erreichte, von dem ein Waldweg zum Jägerhaus zog, sprengte Herr Korbin voraus, verhielt seinen Gaul und erhob ie Hand. Die Pferde blieben stehen.

   „Schligg! Ich hab’ da mit den Knechten im Wald zu schaffen. Bis mein Geschäft erledigt ist, kann es dunkel werden. Das könnt ihr nicht abwarten, ihr zwei! Reitet heim! Und reitet so flink, als die Gäul tragen. Und schickt mir die drei Leut heraus, die noch daheim sind. Sie sollen festes Eisen antun und sollen sich tummeln. Kommen sie nit, bevor die Sonn hinuntergeht, so reiß’ ich ihnen die Ohren vom Grind. Fort! Flink, ihr zwei! Gott behüt Euch.“

   „Jesus!“, stammelte Frau Scholastika in Sorge. „Mann, was hast Du denn für?“

   Der Puechsteiner wurde ungeduldig. „Frag nit! Dich hab’ ich auch noch nie gefragt, wie viel Eier Du an die Lederknödel tust. Das Deine ist Dein, das Meine ist mein. Tu, was ich sag, und schau, dass du Heim kommst! Flink!“

   In wachsender Angst wollte Frau Schligg den Arm ihres Mannes fassen. Doch Hilde, die an des Vaters Schläfen die Zornadern schwellen sah, griff hurtig nach dem Zügel des frommen Schimmels, den die Mutter ritt, und brachte das Pferd in Gang; eine Sorge war auch in ihr; aber des Vaters Wille galt ihr als das höchste Gesetz des Lebens; und es war doch Friedenszeit, in der man schlimme Dinge nicht befürchten musste. Tapfer sagte sie: „Komm, Mutter! Der Vater will’s haben. Da müssen wir’s tun. Gott schütz Dich, lieber Vater! Tu Dich nit sorgen, ich bring’ die Mutter heim und alles soll geschehen, wie Du’s haben willst.“

   Herr Korbin, dessen Zorn schon wieder geschwunden war, nickte seinem Mädel freundlich zu und sah dann lächelnd den beiden Gäulen nach, die auf dem Puechsteiner Sträßlein im Glanz der Sonne dahin schossen und immer kleiner wurden.

   Bei aller Geschwindigkeit des Rittes drehte Frau Scholastika fleißig den Hals. Solange sie ihren Gatten noch gewahren konnte, wagte sie nicht zu reden. Doch als sie ihn mit den Knechten gegen das Jägerhaus davon reiten und im Wald verschwinden sah, bekam sie nasse Augen und sprudelte alle Angst ihres Herzens mit einem Wortschwall heraus, den ihr die harten und flinken Stöße des Sattels in unzusammenhängenden Silben zerrupften. Das ahnungsvolle Lied ihrer Sorge klang zuweilen so undeutlich wie der berühmte Bibelspruch des Trutzbergischen Burgkaplans.

   „Hab’ nit Leid, Mutter!“, tröstete Hilde. „Der Vater lebt doch in Frieden. Ich mein’, es geht nur um den Jagdbann. Da wird man hadern und schelten, nit das Eisen schwingen. Und tät es Händel setzen – Du weißt doch, dass der Vater von allen der Klügste und Stärkste ist.“ Sie hatte da ein Wort gefunden, das auf Frau Scholastikas brennende Herzenssorge wie wohltuender Balsam wirkte. Gibt es ein stolzeres Frauenlos, als das auserlesene Weib des Stärksten und Klügsten zu sein?

   Um sich des herrlichen Mannes in dieser Stunde würdig zu erweisen, stachelte Frau Schligg den frommen Schimmel, dass er sich, entgegen seiner gewohnten Seelenruhe, zu einer unerhörten Schnelligkeitsleistung aufraffte. Trotzdem war die Fuchsstute immer um eine neugierige Nase voraus, und Hilde musste bei dem pumpenden und glucksenden Schimmel immer wieder mit dem Rütlein nachhelfen. Jeden seiner Sprünge bewachte sie mit sorgsamen Augen und spähte dann wieder über den Weg voraus, um jedes Straßenloch und jede Wasserfurche rechtzeitig zu gewahren.

   Als bei einer Biegung des Straße hinter zurückweichenden Stauden ein weites Brachland auftauchte, sah Hilde etwas Dickes, Großes und Graues hastig davon wimmeln. Wie ein ungeheurer Tausendfüßler sah es aus und war die Herde des Lien, die vor den jagenden Rossen und vor den wehenden Schleiern und Reitgewändern ein bisschen scheu geworden.

   Der bellende Wulli fühlte sich als eine höchst wichtige Persönlichkeit und machte lange Sprünge, um die Herde in Ordnung beisammen zu halten. Aber der Hirte schien sich über die Angst seiner Schafe nicht sonderlich aufzuregen. Scharf abgehoben vom goldglänzenden Spiegel eines Wassertümpels, stand er unbeweglich im Moor, auf den Schaft seiner Schippe gestützt, wie eine fein aus braunem Stein herausgeschnittene Gestalt.

   Es fiel dem Schäfer nicht ein, das Hütlein zu rücken. Sah er die beiden Reiterinnen nicht? Oder war er der Meinung, dass man Herrenleute über die Weite eines Steinwurfes nimmer zu grüßen braucht? Er guckte das hübsche Bild der jagenden Pferde an und dachte nur: ‚Das ist die alte Puechsteinerin. Und die andre, das ist die junge, die übers Jahr meine Herrin sein wird.’

   Und Hilde dachte: ‚Der lange Lümmel da drüben? Also, das ist der Lien! Der mit mir, wie ich noch ein Kind gewesen, nicht spielen hat wollen, wenn er vom Trutzberg eine Botschaft zum Puechstein brachte? Und immer dagestanden ist wie ein Stücklein Holz? Und solch ein wunderliches Lachen hatte? Und der –’

   Mit dieser Erinnerung kam Hilde nimmer zu Ende. Aus dickem Röhricht neben der Straße rauschte unter Geschnatter und Schwingengeprassel ein Schwarm Wildenten heraus und überflog den Damm und die Pferde. Frau Scholastikas frommer Schimmel machte sich wenig aus diesem lärmvollen Ereignis, fand in ihm nur genügende Veranlassung, nach aller schweißtreibenden Plage eine behagliche Gangart anzunehmen. Doch der Fuchsstute war die Besorgnis, dass ihr diese schnatternden Vögel gegen die empfindsamen Ohren fliegen könnten, äußerst unbehaglich. Sie machte ein paar irrsinnige Sprünge, bockte nach links und bockte nach rechts, stieg vorn in die Höhe und schlug dann wieder nach hinten aus. Der Angstruf, den Frau Scholastika ausstieß, steigerte noch die gereizte Seelenstimmung der Stute, so dass sie sich, alle Zügelgebote ihrer Reiterin missachtend, wie ein flinker Kreisel um die eigene Mitte zu drehen begann und dabei über den Straßendamm hinuntertappte. Und plötzlich knallte unter dem Bauch des Pferdes etwas entzwei. Mit leisem Schrei, der halb noch ein Lachen war, kam Hilde ins Gleiten, der Sattel rutschte, und gerade noch rechtzeitig konnte die Reiterin den Fuß aus der Bügelschale bringen und sich durch einen hurtigen Sprung vor dem Sturz bewahren. Die Stute hatte den Sattel gleich einer leeren Blumenampel unter dem Bauch, verlor wie durch ein Wunder alle Reizbarkeit, betrachtete überrascht die Folgen ihrer törichten Angst vor schnatternden Wildgeflügel und war genau so ruhig wie der fromme Schimmel.

   Aber nun hatte die Unruh einen anderen angefallen, der sonst die Mensch gewordene Ruhe war. Gleich einem Hirsch, hinter dem die Hunde her sind, jagte Lien der Schäfer über den Bruchboden auf die Straße zu. Und neben ihm der Wulli, mit hohen Sprüngen. Schon auf halbem Weg erkannte Lien, dass die Sache, die sehr übel ausgesehen hatte, für die Herrischen ohne Unfall abgelaufen war. Die Eile seiner Beine mindernd, atmete er auf und sprach mit heiterem Lachen in die Sonne: „Gut ist’s!“ Alles ist heil! Bloß ein Riemen ist hin!“ Im gleichen Augenblick gewahrte er auch den Hund an seiner Seite und wurde zornig. „Wulli! Du Lump! Weißt Du nit, wo Du hingehörst? Was gehen die herrischen Leut Dich an? Wirst Du zu den Schafen gehen? Auf der Stell!“

   So erschrocken, als hätte ihm der Schäfer wieder eine verbotene Forelle aus den Zähnen gerissen, trabte Wulli zur Herde zurück, immer wieder den Kopf nach seinem Herrn drehend. Vermutlich dachte er, dass nicht nur der Hund, sondern auch der Schäfer zu den Schafen gehört.

   Solche Weisheit fiel aber dem Lien in dieser Minute nicht ein. Mit hohen Sätzen ein paar Tümpel überspringend, rannte er vollends zur Straße hinüber, vergaß zu grüßen, stieß seine Schippe in den Rasen der Dammböschung, zog die Fuchsstute vom Bruchboden auf die Straße hinauf und begann mit festen Händen an dem baumelnden, nur von den Schmuckbändern noch festgehaltenen Sattel zu arbeiten, während er lachend sagte: „Ist nichts geschehen, gelt, nein? Vergelt’s dem lieben Herrgott! Der hat’s wieder gut gemacht.“

   Frau Scholastika, vom Schreck des Augenblicks erlöst, gedachte ihres Mannes und fing zu klagen an: „Ach Gott, ach Gott, wir verlieren Zeit! Herr Jesus, wie viel Zeit verlieren wir! Und wir müssen noch heim! So schnell, wie’s geht!“

   Und Hilde, die mit heißem Gesicht über den Damm heraufkletterte, fragte den Schäfer: „Kannst Du den Sattel wieder in Ordnung bringen?“

   „Das wird nit gehen. Der Gurt ist hin. Man braucht einen neuen Riemen.“

   „Hast Du einen?“

   „Wohl! Einen guten. Drüben in meinem Karren.“

   „Wie lange brauchst Du, um den Riemen zu holen?“

   „Bis man ein lützel flink zweihundert Vaterunser betet. Mein Karren steht weit da drüben.“

   Voll Schreck übersetzte Frau Scholastika diese Schäferzeit ins ührliche. Mehr als zweihundertvierzig Vaterunser konnte auch der flinkste Christ nicht beten zwischen dem ersten und letzten Sandkorn eines Stundenglases. Sie jammerte: „Das geht nit! Nein! Was hilft uns der Riemen in Deinem Karren? Wir müssen heim und dürfen nit Zeit verlieren. Wir müssen reiten.“

   Lien lachte. „So reitet halt! Es stehen die Gäul’ doch da!“

   „Ach, Du Dummer!“ Das Fräulein von Puechstein wurde ungeduldig. „Wenn der Gaul keinen Sattel hat!“

   „Ich bin nit dumm!“ Wieder lachte der Schäfer. „Ohne Leder geht’s auch. Reiten tut doch der Mensch, nit der Sattel!“

   „Du, freilich, weil Du ein Mannsbild bist. Ich bin doch ein Mädel. Das ist was anderes!“

   „Ein lützel! Ja!“ Lien sah das Fräulein von unten bis oben an und schmunzelte.

   Da klagte Frau Scholastika, während ihr vor Angst die Tränen kamen: „Mensch! So tu och helfen! Mein lieber Mann ist in Gefahr. Wir müssen Heim reiten und Beistand holen.“

   Das Gesicht des Lien wurde ernst. Und diese Strenge auf der sonnverbrannten Stirn des Schäfers weckte in Hilde ein solches Vertrauen, dass sie ihre Hand auf seinen Arm legte und leise bat: „Guter Lien! Hilf meinem Vater! Ich will Dir’s danken.“

   Er nickte stumm, schleuderte seinen Hut zur Schippe hinunter, löste mit raschen Händen das wirre Zierzeug vom Leib des Pferdes, warf den Sattel und das Riemenwerk in eine Staude und schickte noch einen spähenden Blick zu seiner Herde hinüber. Dann nahm er die Zäume der beiden Gäule in seine linke Faust, sprang der Fuchsstute auf den nackten Rücken, beugte sich zu Hilde hinunter und sagte: „Komm! Stell Dein Füßlein auf meine Schuh!“ Er griff mit dem rechten Arme zu und lupfte so kräftig, als gält’ es eine schwere Last zu heben. „Höi! Bist ja wie ein Federlein!“, sagte er lachend, nahm sie vor seiner Brust auf den Gaul und hielt sie um den Gürtel herum mit dem Arm umschlungen. Das tat er so vorsichtig, als wäre was Zerbrechliches an ihr. Doch die Fuchsstute musste keuchen unter dem groben Druck seiner Schenkel und fing zu rasen an, während Lien den sehr verwunderten Schimmel der Frau Scholastika neben sich herzerrte.

   Wie das alles geschah, war’s eine ganz natürliche, selbstverständliche Sache. Nur der dumme Wulli wollte die Notwendigkeit des Vorganges nicht begreifen. In wachsender Aufregung die trabende Herde umkreisend, stieß er immer wieder ein klägliches Gewinsel aus, als wäre er in der Sorge um seinen Schäfer so übler Ahnungen voll Wie Frau Scholastika in der Angst um ihren Ehegemahl. Auf jeden Hügel des Bruchbodens sprang er hinauf, ließ die Zunge lechzen, streckte sich und hob sich auf die Hinterbeine, um seinen verschwindenden Herrn noch einmal zu erspähen. Und als vom Lien nicht das geringste mehr zu sehen war, begann im Wulli ein qualvoller Seelenkampf zwischen Liebe und Pflicht. Man pflegt von Hunden zu sagen, dass sie alle Wege doppelt machen. Wulli tat es zwanzig Mal: Immer in flinkem Saus eine Stecke hinter dem verschwundenen Reiter her und wieder zurück zu der aufgeregten Herde. Schließlich entschied er sich für seine Pflicht als Schäferhund, weniger aus verständiger Erwägung, als aus Angst vor Schlägen. Er schien zu denken: ‚Soll jetzt geschehen, was mag, ich tu’ meine Schuldigkeit.’ Dabei wurde er ruhiger, hielt die Herde gewissenhaft in einem dicken Knäuel beisammen und drängte die weidenden Schafe gegen den leeren Pferch hinüber.

   Im Gold des Abends begann von den Bergen her ein kühler Wind zu wehen, und die Schmetterlinge verschwanden, während das Wildleben des Moores sich ermunterte. Hasen und Rehe zogen aus dem Gestrüpp auf die Bruchwiesen heraus, und vom Seeforst kam ein Reiherpaar zu den Tümpeln geflogen, um Jagd zu machen und singende Frösche. Bekassinen zuckten auf und verschwanden wieder, die Kiebitze trieben ihre Flatterspiele und ernste Entenmütter führten ihre noch unflüggen Jungen auf den spiegelnden Wasserflächen spazieren.

   Angestrahlt von der Sonne, glänzten die Burgen des Trutzberges und des Puechsteins wie gold funkelnde Märchenschlösser vor dem blauen Samt der Berge.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.