Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 3

   In der niederen, aber sehr geräumigen Erkerstube der Trutzburg saß Herr Melcher mit seinen Gästen und Hausgenossen bei der Mahlzeit, die fast schon zu Ende war. Auf der weißen Tischleinwand, in deren roten Stickereien sich die Blumen, Tierbilder, Ornamente und Menschenfigürchen schwer voneinander unterscheiden ließen, standen nur silberne und zinnerne Becher von verschiedener Größe. Da hätte man vermuten können, dass die Mahlzeit nun erst beginnen sollte. Aber das Weinfeuer auf den Gesichtern des Burgherrn, des Puechsteiners und des Jungherrn war verräterisch und erzählte von einer Tafelsitzung, die schon lange gedauert hatte. Jeder Zweifel wurde noch völlig entschieden durch einen Blick, der den Tischplatz des Herrn Melcher und seine der Tafel zugewandte Mannesbrust samt Halskragen einer kundigen Betrachtung unterzog. Schon ein flüchtiger Augenschein vermochte an untrüglichen Beweisen festzustellen: Dass es eine Safransuppe gegeben hatte, geröstete Fische an Holzspießchen, junge Geflügel von zartem Knochenbau, Brunnenkresse mit gefärbten Eiern und Hasenläufe mit Hagebuttentunke. Doch von einer süßen Speise war noch keine verlorene Spur an Herrn Melcher oder in seiner Nähe zu gewahren. Also musste diese Köstlichkeit erst noch kommen.

   Mit dieser Tatsache hing der wunderliche Befehl zusammen, den die vor Zorn und Ärger spitznäsig gewordene Frau Angela einem Tafelknecht in das Ohr zischelte: „Für meinen Gemahl das Röhrlein!“ Sie warf einen erbitterten Blick zu dem unverbesserlichen Missetäter hinüber. Verleitet durch die Nachwirkung der Sonntagspredigt von der Kraft des Willens, hatte sie vor der Mahlzeit sehr eindringlich mit Herrn Melcher gesprochen und unter Hinweis auf die Gäste ein Gefühl der Scham in ihm zu wecken versucht. Aber nie noch hatte er so grauenvoll gekleckst wie gerade heute. Frau Angela schien in gereiztem Missmut zur Erkenntnis zu gelangen, dass sich für Herrn Melcher das Himmelreich der Reinlichkeit auch durch die Allmacht des heißesten Hausfrauenwillens nicht erfechten ließ.

   Er war sogar weit davon entfernt, ein schlechtes Gewissen zu verraten, legte sich mit breiten Ellenbogen über seinen Tafelplatz, erörterte in wachsender Weinhitze mit dem ihm gegenübersitzenden Korbin von Puechstein den Prozess um den Jagdbann in den Seeforsten und machte geheimnisvolle Andeutungen über eine heilsame Lunte, die er unter den Diebsnasen der Brüder von Seeburg ins Bremseln bringen wollte.

   „Die Lunt allein wird’s nit tun“, meinte Herr Korbin, „da musst du den Seeburgern erst die Nasenlöcher mit Pulver füllen. Aber ich sorg’, sie werden schnäuzen, eh du parat bist mit der Lunt.“

   Außer den beiden Herren beteiligte sich niemand an diesem Wortgefecht. Frau Angela überwachte mit bösem Blick die Hantierungen der Tafelknechte, die neben dem Anrichtkasten die zierlichen Schüsselchen aus Buchsbaumholz mit einem Bäuschlein von Schachtelhalmen ausrieben und in einer großen Kupferwanne spülten. Frau Scholastika schwärmte stumm und mit glücklichen Augen ihren Gatten an und errötete stolz bei jedem derben Scherz, den er im Gespräch zu finden wusste. Der Wanderpfaff, der unter der Linde os mächtig geredet hatte, besaß jetzt keine Stimme mehr, nur noch eine schluckende Kehle und zwei aufmerksame, immer lauschende Ohren.

   Sein Nachbar an der Tafel, der dreiundneunzigjährige Burgkaplan, schien sich mit Geduld der Beschäftigung des Widerkäuens hinzugeben. So sah es aus. Aber das ruhelose Gemummel seines Unterkiefers war nur eine ihm selber unbewusste Schwäche seines hohen Alters. Eine müde, hilflos in sich versunkene Gestalt, vom schwarzen Kuttenrock umschlottert, ein Runzelkopf, der das letzte Härchen schon längst verloren hatte, mit sanften, kindisch gewordenen Augen. Um seine Geisteskräfte war es schon übel bestellt. Predigen konnte er seit vielen Jahren nimmer, seit ihm die letzten Zähne ausgefallen waren. Bei der zunehmenden Schwäche seines Verstandes war von allen guten und starken Worten seines frommen Priestertums nur dieses einzige noch völlig hell in ihm zurückgeblieben: „Kindlein, liebet einander!“ Doch wenn er so sprach, musste man von früheren Zeiten wissen, wie es lauten sollte. Sonst verstand man’s nicht. Halbwegs deutlich konnte er nur noch einsilbige Wörter herausbringen, zu denen man keine Zähne nötig hat, wie „Gott“ und „Ach“ und „Oh“ und „Weh, ach weh!“ Sooft er Ursache fand, ein solches Wort zu sagen, füllten sich seien rotgeränderten Kinderaugen mit großen Tränen, die immer lange in den tiefen Lidergruben hängen blieben, bevor sie über das weiße Runzelgesicht herunterkollerten.

   Während der ganzen Mahlzeit hatte der Greis keinen Laut gesprochen, hatte nur immer hilflos, verlegen und dankbar vor sich hingenickt, wenn Hilde, die seine Nachbarin an der Tafel war, ihm die Speisen vorlegte, ihm das Fleisch zerkleinerte, ihm das Schüsselchen gegen die Brust rückte, ihn freundlich bediente und seinen Wein mit Wasser mischte.

   Zwischen Schüssel und Schüssel, während die anderen Männer am Tische fleißig becherten, hatte er, tief in den Sessel zurückgesunken, immer dieses liebliche Mädchengesicht betrachtet, und sein stummes Kiefermummeln hatte sich verwandelt in ein Lächeln der Freude und des Wohlgefallens. Und weil er einmal wunderlich sehnsüchtig hinaufguckte zu den roten Nelken in Hildes Haar, zog sie eine der blutfarbenen Blüten aus ihrem Kranz und steckte sie dem erschrockenen greis in ein ausgefranstes Knopfloch seines schwarzen Kuttenrockes. Als er darauf das Schüsselchen auslöffelte, darin ihm Hilde den Hasenbraten klein gerupft und mit Hagebuttentunke übergossen hatte, hüllte er, während er mit der Rechten aß, die hohle Linke ängstlich über die rote Blume an seiner Brust.

   Diesen Vorgang hatte Hildes Bräutigam und Seelengatte mit Ärger bemerkt. Er heilt in seinem zierlichen Geflüster inne, blieb schweigsam und ließ sich zweimal von einem Tafelknecht den hastig geleerten Becher füllen. Was in seinem Gesicht spielte, war nicht gut zu erkennen. Er saß mit dem Rücken gegen das Licht des Erkers, hatte Schimmerlinien um die starr von den Ohren abstehenden Blondsträhne und ein dunkel überschattetes Antlitz, in dem die großwimperigen Hummelaugen so heftig funkelten wie polierte Messingknöpfe.

   Erst nach einer Weile wurde Hilde seines Schweigens gewahr und fragte lustig: „Eberhard? Schläfst Du?“

   „Ich wache, wie jene wachten, die mit brennendem Lämplein ihr Glück erwarteten.“ Obwohl der Ärger und noch etwas anderes in ihm tobten, sprach er so höfisch zart wie immer seit Jahresfrist. „Ich schwieg nur, weil ich sinnen musste über ein schmerzvolles Ding.“

   „Schmerz?“ Sie schien nicht zu verstehen.

   „Ich bin in Fehde geraten mit meiner Jugend, muss meinen blühenden Jahren zürnen und mich getrösten mit dem Glück meines kommenden Alters. Da wirst du mir auch das Schüsselein behüten, das Becherlein füllen und für die Treue meines Herzens mit einer Blume danken.“

   Sie betrachtete ihn verdutzt. Dann sagte sie heiter: „Ach, Du! Sei froh, dass Du junge, gesunde Hände hast, um Dir selbst zu helfen. Alt sein, heißt warten müssen auf die Hilfe der anderen.“ Der Klang ihrer Stimme wurde herzlich. „Wenn Du von meinen Blumen haben willst, warum sagst Du’s nicht? Was mir gehört, ist alles Dein.“

   Hilde nahm drei Nelken aus ihrem Kranz. Er griff in gieriger Hast nach den Blumen und stammelte: „Alles mein!“

   Als seine Faust ihre Finger umklammerte, fühlte sie die heiße Glut seiner Hand und fragte in ehrlichem Schreck: „Bist Du krank?“

   Unter dem Gebrüll, mit dem Herr Melcher gegen die bösen Brüder und Pergamentenschnüffler von Seeburg wetterte, fand Eberhard ein flötendes Gleichnis von einem blutenden Herzen und von Amors Pfeil.

   Seine Brautgemahlin wurde ernst und sagte mit leisen Worten: „Ich fürchte, Du hast zu schnell getrunken. Tu es mir zuliebe und trinke nimmer.“

   Wie zu heiligem Eidschwur legte er die Hand auf seine Brust, fasste den Becher, schüttete den Wein über seine Schulter auf den Estrich, übersah den furiosen Blick der Mutter und stülpte den Silberkelch verkehrt auf die Tafel hin.

   Einer von den weiß beschürzten Knechten stellte die mit Silber eingelegten Buchsbaumschüsselchen vor die Mahlgäste, einer legte die aus Horn geschnitzten Löffelchen dazu und zwei andere brachten die beiden Schalen mit der süßen Speise: Ziegenrahm, der mit Honig und Erdbeersaft zu einem dicken rosenfarbenen Brei verrührt war.

   Flink bediente Hilde ihr dankbar mummelndes Sorgenkind. Dann sagte sie lachend zu Eberhard: „Komm, Du Greis! Gib mir Dein Schüsselein! Lass Dich päppeln, Du Alterchen!“

   Herr Melcher war an der Tafel der einzige, der keinen Hornlöffel bekommen hatte, sondern ein aus Silberblech gelötetes Röhrchen, mit dem er die süße Speise schlürfen musste. Nun konnte er nimmer klecksen. Doch er hatte keinen glückhaften Tag. Denn kaum er zu schlürfen begonnen hatte, machte er mit dem Röhrchen eine fahrige Bewegung. Das Schüsselein kippte um und bekleckerte Herrn Melcher von den Brustknöpfen bis hinunter auf die Strumpfhosen mit einem rosigen Breistrom.

   Unter dem Gelächter der anderen sprang Frau Angela auf und klagte in galligem Zorn: „Das ist, um zu verzweifeln!“

   Herr Melcher, während ihn ein Tafelknecht mit der Handzwehle säuberte, antwortete gutmütig: „Das lasst sich jetzt nimmer ändern. Gib mir meine zwei verlorenen Finger wieder, so will ich mich geschickter anstellen.“

   Korbin von Puechstein tröstete lachend: „Guck, Melcher, das ist nie kein rechter Fuhrmann, der nit auch umschmeißen kann!“ Bevor er mit diesem Weisheitsspruch zu Ende kam, rief Frau Angela in der Härte ihres Ärgers dem Hausherrn zu: „Einmal, da hast Du Deine zwei Finger noch gehabt. Selbigs Mal bist Du schon das gleiche Schwein gewesen.“

   Erschrocken sagte der greise Burgkaplan als erstes Wort dieses Tages sein zahnloses: „Oooh!“, indessen Herr Melcher von Trutz die Augenbrauen schweigsam in die Höhe zog und einen tiefen Trunk aus seinem großen silbernen Becher tat. Frau Scholastika war vor Angst erblasst. Und Herr Korbin, der sich mit seinem Freunde verbündet fühlte wider allen weiblichen Übergriff und von den Schlachtfeldern an das Heraushauen bedrängter Mannsleute gewöhnt war, schob das Buchsbaumschüsselchen fort und sagte unbarmherzig: „Frau Engelein, Eure süße Speise ist überständig. Sie gärt und säuert. Besser, dass sie dem Melcher auf den Hosen liegt, als dass sie ihm Löcher in den Magen beißt.“

   „Wahr ist’s!“, nickte Trutz von Trutzberg, fuhr mit dem Becher über den Tisch hinüber und verschüttete den Wein. „Komm, hilfreicher Bruder, stoß an mit mir, auf dass Du lange lebest und dass es Dir wohl ergehe auf Erden! Und bleib bei mir! Solang’ Du da bist, geschieht mir nichts!“

   In diese friedsame Rede fuhr die scharfe Zunge der Frau Angela hinein: „Woher wisset denn Ihr Puechsteiner, was überständig heißt? Ihr da drüben habt doch nicht gar so viel zu schlecken, dass Euch der Honig gärt oder ein Käslein schimmlig wird.“

   Entsetzt umklammerte Frau Scholastika den Arm ihres Mannes. Der lachte nur: „Recht hat sie! Wer die Wahrheit redet, den muss man loben. Bevor auf dem Puechstein ein Bissen verderben kann, ist er lang schon einem hungrigen Magen wohl bekommen. Gelt, Schligg? Wir lassen nit sauer werden, was süß ist!“ Er gab seiner Hausehre einen schnalzenden Kuss auf den Mund, und während Frau Scholastika in Stolz und Glück das heiße Gesicht an seine Schulter schmiegte, hob er den Becher gegen die Trutzin von Trutzberg: „Euer Wohlsein, liebe Frau Engelein! Das müsst Ihr uns nachmachen mit dem Melcher!“

   Wie es im Lauf der letzten Jahre sich schon mehrmals ereignet hatte, war an der gefährdeten Brücke zwischen dem Trutzberg und dem Puechstein wieder ein drohender Riss verstopft. Doch es blieb, obwohl man häufig lachte, eine ungemütliche Stimmung zurück, die sich am deutlichsten in Hildes erschrockenen Augen spiegelte. Den Vorwurf der Nothaberei wider Vater und Mutter, bei denen ihr das Leben als das schönste aller Dinge erschienen war, hatte sie wie eine tiefe Kränkung empfunden, die kein zärtliches Flüsterwort des Bräutigams in ihr beschwichtigen konnte. Viel kindliche Wärme für die harte Trutzbergerin hatte sie in ihrem Inneren nie zu erwecken vermocht. Dieser Wahrheit wurde sie nun plötzlich bewusst. Und während man zum Nachtisch die Nüsse des vergangenen Herbstes knackte, von den Hutzelbirnen und Dörrpflaumen knabberte und den gesüßten Würzewein schluckte, der die zwei angeduselten Herren noch lauter krakeelen machte, musste Hilde zum ersten Mal mit einer bangen Sorge der kommenden Zeit gedenken, in der sie unter der bitteren Fuchtel der Frau Angela auf dem Trutzberg hausen sollte, von Vater und Mutter geschieden durch dicke Mauern und durch ein tiefes Tal. was sie da zu ihrem jungen frohen Leben heranschleichen sah, das hatte ein anderes Gesicht als das leuchtende, jubelnde, namenlose Glück, von dem sie unter der Linde hatte träumen müssen während der Predigt vom Himmelreich und von der sieghaften Allmacht des Christenwillens. In ihrem Traum hatte sie das Glück als einen Gold schimmernden Engel gesehen; doch was da kommen musste, hatte ein gelbes Gesicht, eine spitze Nase und eine gallige Stimme.

   Als Tochter ihres Vaters und als gute Christin schlug sie aus diesem Schreck rasch ein Brückensteglein zu einem kindlichen Trost hinüber. Sie tat in ihrer Seele das Gelübde: Dereinst auf der Trutzburg an jedem Morgen aus dem Bettlein zu springen, bevor Frau Angela noch erwachte und von den Kleidern des Herrn Melcher – dem sie trotz seiner Unsauberkeit von Herzen gut war – alle Flecken bis auf den letzten grauen Hauch herauszuputzen. Und wenn ein rechter Christenwille so sieghaft ist, wie es der Wanderpfaff gepredigt hatte, dann musste ihr mit froher Geduld auch das gelingen: Das harte Wesen der Frau Angela durch ruhelose Dienstbereitschaft und insbesondere durch makellose Reinlichkeit in freundliche Güte zu verwandeln.

   Während sie mit etwas erleichtertem Herzen diese guten Vorsätze fasste und dabei so nasse Augen, wie der greise Burgkaplan sie seit einer Weile hatte, fiel es ihr mit keinem Gedanken auf, dass in diesen Träumen vom kommenden Himmelreich auf dem Trutzberg ihr Bräutigam und Seelengatte nicht die geringste Rolle spielte. Drum erschrak sie heftig, als er plötzlich, um sie ihrem Schweigen zu entreißen, mit seiner heißen, zitternden Hand ihre kühlen Fingerlein umklammerte. Mühsam, unter der halben Empfindung eines bösen Gewissens, suchte sie nach einem herzlichen Wort. Weil sie keines fand und weil im gleichen Augenblick ein Taubenschwarm vor dem Erkerfenster vorüberwirbelte, fragte sie verlegen: „Habt Ihr schon junge Täublen auf dem Turm?“

   Mit so seltsamer Freude, als hätte aus diesem Kinderwort ein geheimnisvoller, nur ihm allein verständlicher Sinn gesprochen, sprang Eberhard auf und stammelte wie ein lustig Betrunkener: „Magst Du sie mit mir beschauen?“

   Verwundert blickte sie an ihm hinauf.

   Er drängte: „Komm! Sonst möcht’ es geschehen, dass sie ausgeflogen sind, bis Du wieder auf dem Trutzberg speisest.“

   Stumm erhob sie sich, reichte ihm die Hand und ließ sich führen.

   Frau Angela in ihrem ruhelosem Misstrauen streckte den mageren Hals und bohrte die scharfe Stimme durch den Lärm der beiden Herren: „Wohin, ihr zwei?“

   Eilfertig antwortete der Jungherr: „Die Täublen beschauen.“

   „Die könnt ihr sehen vom Fenster aus.“

   „Geh, lass die Kinder!“, sagte Herr Melcher, seine brüllende Litanei von den üblen Eigenschaften der Seeburgischen Brüder unterbrechend. Er nickte lachend zu Eberhard hinüber, der seine Brautgemahlin hurtig zur Tür zog. „Wie er Imm das Blüml zum Honigtragen, so braucht die Jugend ihr lützel Freud zum Leben. Weib, jetzt bist Du alt und wüst. Aber einmal, lang ist’s her, da bist Du jung gewesen und Süßigkeiten haben Dir Spaß gemacht.“ Schwermütig hob er den Becher und bekleckste mit dem braunen Würzwein seine Halskrause und die Wohnstatt seines redlichen Herzens.

   „Frau Engelein“, fügte der Puechsteiner bei, „mein Mädel darf mit jedem Mannsbild auf den Turm steigen. Das Mannsbild dürft’ noch gefährlicher sein, als Euer Jungherr ist.“ Dazu nickte Frau Scholastika. „Bremseln tut’s in ihm!“ Herr Korbin lachte. „Das hat Euer Unverstand dem Buben eingewirtschaftet. Eure Tugend ist wie verregnetes Pulver. Das tut keinen redlichen Krach und schmeißt keine Mauer um. Es raucht bloß und stinkt.“

   Was der Vater da sprach, und was Frau Angela in erneutem Zorn erwiderte, das konnte Hilde nimmer vernehmen. Jungherr Eberhard hatte die Tür der Erkerstube sehr hurtig zugezogen. Und bis er die Hand von der Klinke brachte, huschte seine Brautgemahlin, die sich auf das höfisch-zierliche Schreiten nicht verstand, mit geschürztem Reitkleid über die steile Wendeltreppe hinunter, jagte lachend durch den schattenkühlen Hof und verschwand in der Halle des Burgfrieds, der unter den drei Wehrtürmen der höchste und schönste war. Wie eine steinerne Riesenlanze stieg er ins Blau hinauf, oben gekrönt durch einen ausladenden Schützensöller, in dessen Mitte sich das Taubentürmlein mit spitzigem Dach erhob.

   In der dunklen Turmhalle blieb Hilde stehen und guckte zum Herrenhaus hinüber. Sie sah ihren Seelengatten aus der Tür stürmen. Obwohl es zwischen den hohen Mauern des Wehrhofes fast windstill war, schien dem Jungherrn die frische Luft nach allem Weindunst der Erkerstube einen Stoß vor die Brust zu geben, als wäre das Schattenlüftchen ein starker Braus, wie er droben in der Höhe der Türme wehte.

   Ein etwas beklommenes Lachen. Und Hilde, mit beiden Händen das Reitkleid raffend, surrte über die finstere Holztreppe hinauf. Im ersten Turmgeschosse kam sie an einer offenen Tür vorbei, am Stübchen des greisen Burgkaplans: Ein kleiner Raum mit zwei winzigen Fensterchen, durch deren eines die Sonne hereinfiel; weiß getünchte Wände, viele alte Bücher in schweinsledernen Deckeln, ein kleiner Tisch, ein dreibeiniger Schemel, ein plumper Lehnstuhl, ein morsches Bett und an der Mauer ein Kruzifix. In dem Stübchen war, um zu lüften und sauber zu machen, eine Magd zugegen, eine vierzigjährige Witib, von den Burgmägden die jüngste. Sie hatte ein hässliches Gesicht, aber einen festen und drallen Körper.

   Oberhalb des Pfaffenstübchens ging die hölzerne Wendeltreppe frei durch die Mitte des Turmes hinauf. Fünf Wehböden, einer über dem anderen, jeder mit Waffen und Faustbüchsen, mit Pulverkisten und Kugelsäcken. Keiner von den Söldnern war zugegen; die hatten Frieden und Feiertag.

   Nun kam in höchster Höhe der offene Söller. Als Hilde vorsichtig mit dem Kopf durch die Luke hinauftauchte, erhob sich über ihr ein ohrenbetäubendes Rauschen und Geflatter. Ein so großer Schwarm von Tauben wehte in die Luft hinaus, dass für ein paar Augenblicke die Sonne verfinstert wurde. Die Männchen und die Nestlosen senkten sich auf die tieferen Dächer und ins Tal hinunter, die Mütter flogen ängstlich um die Turmzinne.

   Auf dem Söller sah es nicht reinlich aus; bis zu dieser Höhe erstreckten sich die häuslichen Tugenden der Frau Angela nicht; hier musste der Regen waschen, der Sturmwind kehren.

   „Ach, ihr Täublen, ihr kleckset ja noch übler als wie Herr Melcher!“

   Sobald Hilde den brausenden Lufthauch fühlte, wurde ihr wohl und heiter um das beklommene Herz. Kein Sturm. Was am schönen, wolkenlosen Tag so kräftig wehte, war nur der heiße Sonnenwind, der vom ebenen Land herkam und in Sehnsucht zu den winkenden Bergen rannte.

   Das Reitkleid mit den Lederschlingen an den Gürtel nestelnd, trat Hilde auf die Brutlöcher des Taubentürmchens zu. In vier Ringen zogen sich diese kleinen Mauerhöhlen um das Türmlein herum, das durch die vielen Ausflugbrettchen das Aussehen eines versteinerten Stackelwesens gewann. Auch droben auf dem spitzigen Schindeldach waren noch drei Ringe solcher Nesthöhlen. Ein eisernes Leiterchen führte steil hinauf bis zum kreischenden Wetterhahn. Fast in allen Löchern waren halbflügge Jungtauben, die sich vor dem leiben Gesicht mit seinen frohen Neugieraugen erschrocken in den dunkelsten Schatten der Höhlen zurückzogen und die noch in den Spulen steckenden Federchen sträubten.

   Eine weiße Taube, deren erstes Gelege verdorben war, saß auf den zweiten Eiern, regungslos und ohne Furcht. Wie nah auch Hilde herantrat, die Taube bewegte keine Schwinge und verließ ihre werdenden Kinder nicht. Das Gesicht des Mädchens bekam einen ernsten, sinnenden Zug, und die Augen wurden groß. In ihrem jungen Leben sang eine leise, geheimnisvolle Saite: „Auch Du wirst Mutter werden!“ Langsam das Köpfchen drehend, blickte sie hinüber zum tiefer liegenden Puechstein, der fast aussah wie eine Ruine, noch bewohnt in wenigen Stuben. Wieder betrachtete sie die unbewegliche Taube und trat Schrittlein um Schrittlein zurück, mit kaum merklichen Bewegungen. Während sie zu den Scharten des Söllers hintrat, hörte sie von der Stiege herauf einen keuchenden Atem und hastende Schritte. Als der Jungherr mit erhitztem Gesicht aus der Treppenluke tauchte, hob sie die Hände und flüsterte: „Tu still! Da sitzt ein Muttertäublein auf seiner Brut.“ Um die Taube nicht zu stören, trat sie auf den Fußspitzen gegen die Nordseite des Söllers hin, und als sie bei einer Scharte stand und über Dächer und Tal hinausblickte zu den blühenden Moorflächen, zum schimmernden See und zur leuchtenden Schönheit der ebenen Welt, da litt sie es gern, dass Eberhard seinen Arm um ihren schlanken Leib schmiegte. Sie wusste, dass er sie nur beschützen wollte wider den Braus der wehenden Lüfte und sie fühlte, dass sie ihm noch nie so von Herzen gut gewesen war wie in dieser Stunde, in der sie die furchtlose Muttertaube gesehen hatte.

   Der kräftige Luftstrom ließ die Falten ihres Kleides rauschen, machte ihre Löcklein flattern und zauste so bedrohlich an ihrem roten Nelkenkranz, dass Hilde ihn festhalten musste mit der Hand. Und plötzlich lachte sie froh und deutete mit dem andern Arm. „Ach, guck nur, guck, da draußen im Moorland seh’ ich die Schafe Deines Vaters! So gute Augen hab’ ich!“

   Nach dem hastigen Treppenrennen atmete Eberhard noch immer schwer. „Sehen Deine Sperberäuglein nur das Ferne? Sehen sie nicht auch, was nah Deinem Herzen ist?“

   „Aber guck nur, guck, wie lieb das aussieht; alle die vielen rührsamen Mehltüpflein auf dem braunen Moor!“ Sie merkte nicht, dass er sie immer fester an sich zog. Wie in ernster Hausfrauensorge sagte sie: „Da draußen im Bruch ist gefährlicher Boden. Da kann ein Lamm versinken, man weiß nit wie. Ihr habt doch einen verlässlichen Hirten, gelt? Der nit faul ist und nit branntweinet? Wer hütet Deines Vaters Schafe?“

   Er schnaufte durch die Nase, hatte dunkelrote Flecken auf den Backenknochen und seine funkelnden Hummelaugen gingen irr. „Wer … was meinst Du? …“

   „Wer die Schafe Deines Vaters hütet?“

   „Der Lien.“

   „Der?“ Ein unklares Erinnern an versunkene Kinderzeiten erwachte in ihr. „Der ist noch allweil da?“

   „Hast Du ihn nit gewahrt? Im Gärtlein? Bei der Predigt?“

   Sie schüttelte den Kopf.

   Er zog sie gierig an sich. „Hast Du nur mich gesehen? Du Süße!“ Seine glühende Wange an die ihre schmiegend, muschelte er die zitternde Hand um ihre junge Brust.

   Das war ihr unbehaglich. „Lass! Ich mag das nit. So tun die Knecht’ mit den Mägden. Wer höfisch ist wie Du…“ Sie wollte sich ihm entwinden.

   Mit beiden Armen umklammerte er den schmiegsamen Mädchenleib. „So tut der Kaiser mit der Kaiserin, so tut der Herzog mit der Herzogin, jeder Mann mit seiner Frau, so tut Dein Vater mit Deiner Mutter…“

   „Das ist nit wahr.“

   „Alle, die sich lieb haben, tun so, wenn sie dürsten.“

   „Heut hast Du mehr als genug getrunken. Lass mich!“ In strengem Unwillen hatte sie sich frei gemacht.

   Da wollte er sie packen in seiner sinnlos gewordenen Gier.

   Erschrocken wich sie zurück, sah sein verzerrtes Gesicht und sah dieses Grauenvolle und Unbegreifliche in seinen Augen. Ein klingender Schrei. „Du! Nit!“ Bevor er sie fassen konnte, gewann sie das eiserne Leiterchen am Taubentürmlein, hastete über die hohen Sprossen hinauf, umwirbelt von einer weißlichen Wolke des Vogelschmutzes, kletterte über das steile Dach und klammerte sich mit der rechten Hand an die rostige Eisenstange des Wetterhahns. Der bog sich ein bisschen, und die schlanke Spitze des Türmleins zitterte.

   Hilde musste die Augen schließen.

   In allen Nesthöhlen kreischten und flatterten und raschelten die Jungtauben. Nur die weiße Mutter saß unbeweglich in ihrem Horst.

   Eberhards heisere Stimme bettelte: „Um des gütigen Himmels willen, herzliebe Braut, so komm doch herunter, ich tu Dich bitten! Wenn das Leiterlein bricht und es geschieht Dir was, ich müsst’ versterben vor Weh!“

   Als sie die Augen aufschlug, sah sie ihn mit erhobenen Händen, hilflos und zitternd, da drunten stehen im weißgrauen Taubenmist des Söllers. Der Wind legte ihm die Blondsträhne gleich einer schmalzfarbenen Narrenkappe über die Stirn und peitschte seine gezahnten Ärmelflügel nach vorn, so dass der Jungherr neben den natürlichen Armen noch zwei ausgestopfte zu haben schien, die grün und rot gesprenkelt waren in den Hausfarben der Trutze von Trutzberg. Das war drollig anzusehen. Aber Hilde konnte nicht lachen. Bleich bis in den kleinen Mund hinein, mit weit geöffneten Augen, hing sie, an das Leiterchen und an den Wetterhahn geklammert. Der Wind hatte ihr den Nelkenkranz in den Nacken geblasen, ein paar von den roten Blüten waren davon geweht, die anderen hingen noch an den grünen Seidenbändern, mit denen der Kranz an die Zöpfe geknotet war. Und jeder neue Windstoß peitschte das grüne Reitkleid eng und glatt an den schlanken Mädchenleib.

   Während aufgeregte Tauben den Turm umflogen, bettelte Eberhard, halb noch in Schreck und Ärger, halb im neu erwachenden Durst seines nach dem Himmelreiche trachtenden Christenwillens: „Was muss ich tun, dass Du herunterkommst?“

   Streng gebot sie: „Geh hinüber auf die andere Seite des Söllers!“

   Er gehorchte unter einem Zähneknirschen. Als sie ihn hinter dem Taubenturm verschwinden sah, glitt sie flink über das Leiterchen herunter und huschte in die Luke des Söllerbodens. Sie konnte hören, wie er ihren Namen kreischte, und vernahm sein Gepolter auf der steilen, dunklen Holztreppe, über die sie hinunterjagte. Aus der Pfaffenstube kam die Magd herausgesprungen und rief erschrocken: „Edles Fräulein! Herr Jesus! Was ist denn?“ Wortlos hastete Hilde an dem Weib vorüber.

   Drunten in der Halle atmete sie auf beim Anblick der offenen Tür, durch die noch ein schmaler Blink der Sonne hereinleuchtete. Während sie den weißen Staub von ihrem Kleid schüttelte, klang aus dem Turmgeschoss, in dem die Pfaffenstube lag, ein erstickter Schrei herunter. Dann ein Gepolter, ein Wechsel keuchender Stimmen.

   Kam er? Schlug er in seinem Zorn die schuldlose Magd da droben?

   Während Hilde mit zitternden Händen an ihrem Kranz und an ihren Zöpfen nestelte, floh sie hinaus in den Hof und konnte nimmer hören, dass Jungherr Eberhard aller höfischen Zierlichkeit vergaß und wie ein betrunkener Stallknecht fluchte: „Gotts Tod, Du Gans! Wenn Du das Maul auftust, so druck ich Dir die Augen aus dem Gesicht!“

   Im Hof befahl das Fräulein von Puechstein einem Knecht ihres Vaters: „Tu alles richten, Veit! Wir reiten heim.“ Das sagte sie ruhig, aber doch so ganz verloren und verstört, dass sie ihr mummelndes Sorgenkind übersah: Den greisen Burgkaplan, der von der Mahlzeit kam, um zurückzukehren in sein Pfaffenstübchen.

   Als der humpelnde Greis unter vielen mühsamen Atemzügen über die Turmtreppe hinauf geschlichen war, und seine Zelle betreten wollte, erschrak er wie beim Anblick eines Gespenstes und lallte sein zahnloses Wörtlein: „Oh!“

   Sonst, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten, pflegte er gerne zu sagen: „Kindlein, liebet einander!“ In diesem Augenblick unterließ er es.

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