Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Trutze von Trutzberg

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      Ludwig Ganghofer
         Trutze von Trutzberg
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Kapitel 2

   Ein Funkeln von Eisen in der Sonne, ein Leuchten und Durcheinandergleiten bunter Farben. Hundert Menschen bewegten sich. Dennoch war, außer dem Säuseln der Lindenblätter und dem Taubengurren, kaum ein vernehmliches Geräusch im Burggärtlein. Der Rasen dämpfte den Schritt der drei adligen Paare, die sich an erhobenen Händen gefasst hielten und zur Kapelle gingen.

   Die Söldner, die alten hässlichen Burgmägde und die hörigen Leute guckten mit Wohlgefallen dem Fräulein von Puechstein nach. Nur Lien, der Schäfer, war mit seinen blitzenden Augen weit da draußen im Bruchland; von der langen Predigt haftete, das Amen ausgenommen, kein Wörtlein mehr in ihm, und während Wulli schon mit ungeduldig pendelndem schweif beim Söldnerhaus stand, spähte Lien noch immer in Sorge nach seinem Pferch. Was kümmerten ihn die Herrenleute? Man ist ein Treuer und dient. Beschützen konnten die Herren sich selber. Aber die Schafe brauchten den Lien und hatten sonst keinen, der ihnen half.

   Ohne zu grüßen, sauste Lien in das Söldnerhaus und kam in eine spitz gewölbte Halle, in der es kühl und dämmerig wie in einer Kirche war, weil nur spärliches Licht durch die winzigen, vergitterten Fenster hereinfiel. An Holzgestellten, die sich rings um die Wände zogen, hingen Helparten, Zwiehänder, Armbrusten, Faustbüchsen, Eisenhüte und Wehrstücke. Ein steinernes Wendeltrepplein schlängelte sich zu den Söldnerstuben hinauf, und durch eine offene Tür ging’s über einige Stufen hinunter in eine dampfende, duftende Küche, aus der man Bleckgeklapper und die Stimmen alter Weiber hörte. In der Mitte der Halle stand zwischen lehnenlosen Bänken ein langer, plumper Tisch, nicht mit Tuch bedeckt, nur bestellt mit Zinntellern und großen Holzschüsseln, in denen dicke Brotscheiben, Sauerkäse, Selchfleisch und schmalzgebackene Krapfen waren.

   Während Wulli unter leisem Zittern gegen die dampfende Küche schnupperte, sprang Lien auf diesen Tisch zu, packte mit beiden Händen, was er zu fassen bekam und stopfte alles in seine lederne Salztasche.

   Eine zeternde Weiberstimme: „Du Lausbub, du gottvergessener! Lass deine schmierigen Händ von meinem Schüsselzeug!“ Aus der Küche kam eine alte Frau herausgesurrt, die Schloßhauserin, brennend von Küchenhitze und Zorn, in einem ziegelroten Kleid, mit weißer Schürze umgürtet, auf dem Kopf ein mit Draht ausgesteiftes Ungeheuer von grüner Haube.

   Lien, der noch immer einhamsterte, sagte ruhig: „Mich hungert, Margaret! Seit dem Freitag ist dem Wulli und mir die Zehrung ausgegangen. Gestern zur Nacht bin ich spät gekommen, du hast geschlafen, und alles ist schon gesperrt gewesen. Ich hab’ ins Stroh gebissen, und der Wulli hat Mäus gefangen. Schau, lass uns nehmen, eine Woch ist lang!“

   Die Hauserin keifte noch immer weiter. Doch während sie schimpfte, half sie dem Lien die große Ledertasche polstern und brachte ein Säcklein, das schon bereitgestanden und Mehl, drei Brotlaibe und die Schmalzschachtel enthielt. Lachend schwang der junge Schäfer den schweren Pack an den Tragstricken hinter die Schultern. „Wulliwulli, jetzt kriegst du was!“ Der Hund begann wie irrsinnig zu kläffen. Erschrocken machte ihn der Schäfer schweigen und sagte ernst: „Nit, Wulli! Im Kirchlein segnet man den Leib des Himmelsherrn. Da müssen wir armen Erdenleut das Maul halten.“ Er nickte der Hauserin dankbar zu. „Die heilige Jungfrau soll dich segnen, du gute Margaret!“

   Indessen die alte Frau noch immer brummte, sprangen Lien und Wulli aus der Halle hinunter in das innere Wehrgehöft und durch ein schwer geschütztes Tor in den größeren Burghof. Die Erker und kleinen Spitzfensterchen des Herrenhauses waren noch von Schatten umwoben. Die Mauerzinnen und die groben Wände der Wehrtürme wuchsen still in die Sonne hinauf. Niemand war zu sehen. Von irgendwo in der Höhe ließ sich der Schritt eines Wächters hören und in den niederen Ställen, die unter die Schützengänge eingebaut waren, stampften die Rosse und rasselte das Heimvieh an den Ketten. Ein goldfarbener Hahn krähte zornig, als möchte er zu Lien und Wulli sagen: „Macht, dass ihr weiterkommt! Der Hof ist mein!“ Glucksende Hennen spazierten umher und pickten am Fuß der Mauer die Schnecken von den schmalen Rasenstreifen und aus dem Efeugeschling. Tauben flogen auf und nieder, fünf Ziegen lagen in einem sonnigen Winkel und friedlich grunzte ein flink und neugierig umherzappelnder Schwarm von rosigen Ferkelchen. Innerhalb so enger Mauern war es bei dem vielen Tierzeug nicht zu ändern, dass man im Trutzbergischen Burghof einen etwas unlieblichen Duft verspürte.

   Eine tiefe, finstere Torhalle. Während Wulli verachtungsvoll das Feder- und Borstenvieh des Hofes übersah, rief Lien mit halber Stimme an der Wand des Torturmes hinauf: „Die Bruck herunter! Ich muss zu meinem Pferch.“ Ketten klirrten, ein Haspel ächzte, und ohne dass ein Mensch sich zeigte, legte sich die schwere Fallbrücke über den Wassergraben hinaus und ließ noch einen zweiten Bohlenlappen über den Grabenpfeiler hinüber fallen bis zur Kante des schmalen Burgsträßleins.

   Wie ein goldener Engel flog eine Sonnenwoge in das Tor herein, besäte das grobe Pflaster mit farbigen Edelsteinen und umsäumte den Wulli und Lien mit so wundersamen Glanzlinien, als hätte das goldene Himmelskin an diesen beiden etwas abgestreift von seinem Heiligenschein. Doch draußen, wo nur noch Sonne war, sahen Lien und Wulli wieder aus wie gewöhnliche und nicht sehr reinliche Erdenkinder.

   Wulli jagte dem Sträßlein nach. Für Lien waren die vielen Schlangenwindungen des nieder kletternden Reitsteiges ein zu weiter Umweg. Er sprang gerade durch den steilen Wald hinunter, und unter seinen schwer mit Eisen beschlagenen Holzschuhen schwirrten die kleinen Steine und Rindensplitter hervor wie Vögelchen und Schmetterlinge, die sich flink wieder in den nächsten Stauden verbargen.

   Als Lien herunterkam zum rauschenden Back im Wiesental, stieg Wulli triefend mit glatt gestrichenem Haar und erschrecklich mager aus dem Wasser heraus, kam schweifwedelnd und Wasser spritzend herangetänzelt und hatte quer im Maul eine pfündige Forelle, die heftig mit der Schwanzflosse zappelte. Flink warf Lien die Schäferschippe ins Gras, haschte den Hund, zog im das Gebiss auseinander und atmete erleichtert auf, als die Forelle sich über den Rasenhang wieder hinunter schlug in das schießende Wasser.

   Wulli bekam ein schlechtes Gewissen und zog den dünn gewordenen, reichlich tröpfelnden Schweif unter den Bauch hinein. Hätte Lien bei der Predigt besser aufgepasst, so hätte er wissen müssen, dass man nur zu wollen braucht wie der Wulli, um seine hungernde Seele rasch belohnt zu sehen durch den Himmelsbissen einer edlen Fischart. Lien aber hatte während der Predigt von der Allmacht des Christenwillens nur an seine Schafe gedacht; und weil er wusste, dass der Forellendiebstahl in den Trutzbergischen Gewässern bei schwerer Strafe verboten war, machte er ein strenges Gesicht und sprach: „Ein Mensch muss hungern können. Stehlen darf man nit. Tust Du’s wieder, so kriegst Du Prügel!“

   Der Hund fing zu zittern an. Und da wandte der Schäfer sich hastig ab, griff nach der Schippe, warf einen prüfenden Blick zur Burg hinauf und begann zu springen. Fromm trabte der magere Wulli hinter ihm her und schlapperte mit der roten Zunge gegen die schwarze Nase. Erst nach einer Weile fand er den Mut, das Wasser aus seinem Pelz zu schütteln, und war nun plötzlich wieder so dick und so rund wie früher.

   Der Schäfer sprang, dass Wulli traben musste, um dicht hinter seinem Herrn zu bleiben. Immer spähte Lien gegen den Pferch hinaus, niemals drehte er den Hals nach rückwärts. Und die kleine Mühe hätte sich doch gelohnt! Es war ein wundervolles Bild: Wie die starke Burg sich in der Sonne aus den Buchenkronen hinaufstreckte zum Himmelreich und flimmernd sich abhob von der Wand der blauen Berge. Aber für den Lien war die Burg seines Herrn eine notwendige Sache nur an jedem Samstagabend, wenn er Heim rennen musste, um die neue Wochenzehrung zu holen. Als Schäfer tat er seine Pflicht. Was gingen ihn die Burgen der Trutzbergischen und des Puechsteiners an? Burgen sind steinerne Gesetze. Was Gesetz heißt, ist nach Bauernmeinung eine üble Sache, hat ein doppeltes Gesicht, ein gutes und ein böses, dreht das gute den Herren zu, das böse den Armen und Geplagten.

   Der Weg des Schäfers ging an kleinen Dörfern der hörigen Leute und an hoch umzäunten Gehöften vorüber. Kein Mannsbild war zu sehen, nur manchmal ein altes Weib, das Kehricht und Unrat über den Flechtzaun schüttete. Durch die faulen Moosdächer der versteckten Hüten dunstete der bläuliche Herdrauch und wo ein Haus war, hörte man das Geschrei eines kleinen Kindes, Hennengegacker und Schweinegrunzen.

   Aus den Feldern, auf denn sich das grüne Getreide schon streckte, klang zuweilen der Schlag einer Wachtel, aus den kleinen Wäldchen das Locken der Wildtauben und der Kuckucksruf. Als hinter den letzten Sauerwiesen die von glänzenden Tümpeln durchsetzten Moorflächen begannen, hing das Geschrei der Kiebitze, das Pfeifen der Bekassinen und das Geschnatter hin und her streichender Wildenten wie ein ruheloser Lärm in der dunstigen Sonnenluft. Hoch droben im Blau, da flogen mit schönem Schwingenzug oder standen mit kurzem Geflatter die Wanderfalken, die Sperber und Habichte. Stieß einer herunter gegen das Röhricht, so klang ein schmerzvoller Vogelschrei.

   Seit Lien das feste, den Moorboden durchziehende Seesträßlein verlassen hatte, konnte er den Pferch nimmer sehen. Erlenstauden und Schilfbestände verdeckten ihn.

   Jetzt tat sich eine weite Lichtung auf mit fetten Grasflecken, mit verschwenderisch wuchernden Blumenhaufen rings um die blitzenden Wasserbecken. Das Blau der Vergissmeinnichtbeete, der rote Blutschein des Heidekrautes und die Goldfarbene der Dotterblumen wirrten sich ineinander wie zu einem auf die Erde gefallenen Heiligenmantel. Schwärme von Bläulingen und von weißen, gelben und sandbraunen Faltern gaukelten umher, und überall in der Sonne sangen die Grillen. Manchmal blitzte das Flinkes handhoch über das Moos herauf: Eine Eidechse, die gesprungen war, um einen Schmetterling aus der Luft zu reißen. Überall Leben, überall auch der Tod.

   Inmitten eines leidlich trockenen Bruchbodens, neben dem Schäferkarren, der sich ansah wie ein brauner Sarg auf zwei Rädern, stand der Pferch mit den dreihundert schlammgrauen Schafen, umschwärmt von Fliegen und Schnaken. Als die Tiere ihren Hirten kommen sahen, streckten sie blöckend die Hälse, drängten gegen eine Ecke des Pferches und trampelten sich zu einem so dicken Hauf zusammen, dass unter ihren Bäuchen die erst wenige Wochen alten Lämmer verzweifelt zu meckern begannen.

   Ein klingender Ruf des Lien, Wulli umjagte den Pferch, die Schafe wichen in die Mitte des umhürdeten Raumes zurück, und die Lämmer hatten wieder Luft.

   Lien stellte den Mehlsack nieder und lehrte den Inhalt der Ledertasche in einen mit Blech ausgeschlagenen Winkel des Karrens. Auf der Deichsel stehend, das Kinn auf den Schaft der Schäferschippe gestützt, sah er aufmerksam dem Wulli nach, der ruhelos um den Pferch revierte, mit der Nase auf der Erde. Dem Hund fiel nichts Verdächtiges auf; also war in der Nacht weder Fuchs noch Dieb gekommen, und kein Schaf hatte die Hürde übersprungen. Lien fuhr sich mit dem Handrücken über die heiße Stirn und lachte. Jetzt war ihm die Welt wieder schön. Flink, immer singend und pfeifend, häufte er ein Bündel Reisig zusammen, schlug Feuer und kochte über dem knisternden Flämmlein in der alten Hundspfanne den Sterz für den Wulli. Dem Sonntag zu Ehren, an dem doch alles Getier die Liebe Gottes merken muss, schnipfelte er einen Brocken Selchfleisch hinein. Die Sache duftete ein bisschen brenzlig; Frau Angela schied für den Schäfer immer jenes Schmalz aus, das schon zu verderben drohte; ein Glück, dass Wulli und Lien einen Magen hatten, der Steine vertrug und noch Schlimmeres.

   Als der dampfende Sterz schon in der hölzernen Hundeschüssel war, kam für Lien eine harte Arbeit: Den gierig gewordenen Wulli so lange zu zerstreuen, bis die Speise kühl geworden, die auf der Zinne des Schäferkarrens dampfte. Der Hund machte Sprünge wie ein Heuschreck. Um ihn abzuwehren, gab es kein anderes Mittel: Lien musste mit dem Wulli raufen. Dabei vergaß der Hund auch seinen zweitägigen Hunger. So begann zwischen Lien und Wulli ein Spiel, das sich ansah wie ein ernster Kampf zwischen Mensch und Tier, wie eine Gefahr für Leib und Leben des Schäfers. Hätten Weiber das gesehen, sie hätten geschrien vor Angst. Lien aber lachte immer, wenn er mit dem Ellenbogen den anspringenden Hund von sich abprellte oder mit flinker Faust das klaffende, schnappende Gebiss des Wulli haschte und den Hund im Kreis um sich herumwirbelte wie eine vierbeinige Fahne. Zart waren sie nicht miteinander, diese beiden. Und plötzlich, als Wulli wieder in bedenklicher Spielfreude gegen den Schäfer anstürmte, streckte sich Lien und hob den Arm: „Gut ist’s, Wulli! Komm! Jetzt kriegst Du Dein Sach!“

   Der Hund musste, bevor er fressen konnte, sich eine Weile hinlegen, die jappende Zunge triefen lassen und mit dem Schweif die pumpende Flanke peitschen. Gleich einem gebändigten Raubtier stand er auf und begann so gierig wie ein Wolf zu schlingen. Lien guckte zu und lachte. Im Nu war die große Schüssel leer. Wulli ging zu einem Tümpel, soff mit Behagen und war nun wieder der aufmerksame und willige Arbeitskamerad des Schäfers.

   Für die beiden kam eine schwere Plage. Lien hatte die Ledertasche mit Salz gefüllt, Schaf um Schaf wurde durch das schmale Pförtlein aus dem Pferch gelassen, und während Wulli und die Schippe den Nachdrängenden die Freiheit wehrten, bekam jedes aus der Hürde tretende Tier der Herde ein Maulvoll Salz aus der linken Hand des Schäfers. Es dauerte fast eine Stunde, bis alle Schafe und der letzte der zwanzig bösen Zuchtböcke den Pferch verlassen hatten.

   Die hungrigen Tiere fingen gleich zu weiden an, und die Mutterschafe säugten ihre Lämmer.

   In weitem Bogen umkreiste Wulli die Herde und hielt sie in lockerem Hauf beisammen. Da konnte Lien nun für sich selber sorgen. Er begann in der hölzernen Schäferschüssel einen Teig aus Mehl, Salz und Wasser anzurühren und mischte ihn mit Speckwürfel und mit zerbröseltem Sauerkäs. In der sauber gehaltenen Schäferpfanne kochte das Wasser schon, als Lien die Käsknödel rollen wollte. Bevor er diese kunstvolle Sache begann, sah er plötzlich seine Hände an und lachte. Ja, ja, die Margaret hatte schon recht: Diese Hände waren ein bisschen schmierig.

   Er holte aus dem Karren einen Brocken Seife heraus, ging zu einem Tümpel und wusch die Fäuste. Dann wurden die Knödel gerollt. Und während diese kinderkopfgroßen „Specknocken“ im brodelnden Wasser tanzten – sie brauchten eine Stunde, um gar zu werden –, suchte Lien einen klaren, tiefen Weiher, legte die Kleider ab, dehnte die fest gewölbte Brust, dass alle Rippen hervortraten und streckte die sehnigen Arme. Wie das schöne Werk eines großen Meisters stand dieser braune, schlanke, knabenhaft keusche Jünglingskörper in der Sonne des reinen Frühlingstages. Kleine blaue Schmetterlinge umgaukelten seine Schenkel.

   Als er ins Wasser sprang, dass eine weiße Garbe aufspritzte, hüpfen auch viele Frösche erschrocken in den Weiher hinein und aus dem Röhricht ruderte mit Geschnatter ein aufgescheuchtes Entenpärchen davon.

   Lien schwamm wie ein Hund, mit allen vieren fuchtelnd. Lange heilt er’s in dem kalten Quellwasser nicht aus. Neben der Kälte gab’s da noch eine andere Gefahr: Die Rossegel, die überall in diesen Tümpeln wohnten. Als er wieder am Ufer stand, tat ihm die Sonne so wohl, dass er tanzte wie ein kleiner Junge. Und weil’s nun schon mit der Reinlichkeit in einem hinging, wusch er auch das Hemd, den groben Kittel, die kurze Zwilchhose und die Wadenfelle. Fein säuberlich spreitete er alles zum Trockenen in der Sonne aus und kehrte zu seiner qualmenden Pfanne zurück: Der Adam eines Paradieses, in dem schon die Kochkunst erfunden war.

   Die Nocken waren lind geworden. Sie wurden, als das Wasser ausgegossen war, noch fein geschmälzt. Ja, der Lien verstand seine Sache, ohne dass es ihn wer gelehrt hatte. der fand, wie sonst in allen Dingen, auch bei der Pfanne so gute Einfälle, dass er für den deutschen Kaiser hätte kochen können.

   Nun lag er ausgestreckt zwischen den roten Heideblumen, und in der Sonne schimmerte seine braune Haut wie poliertes Kupfer. Er aß mit dem Hornlöffel aus der Pfanne. Die zählen Fäden, die der gesottene Käse zog, hätten einen Eilfertigen zur Ungeduld gereizt. Lien war beim Essen wie ein sanftmütiges Kind und ließ sich Zeit. Immer einen Brocken von den spinnenden Nocken, dann wieder ein Bröcklein von dem schwarzen Brot. Dabei guckte er fleißig zu seinen weidenden Schafen und zum revierenden Wulli hinüber oder guckte hinauf ins Blau oder vor sich hin in das Farbenwunder der vielen Blumen. So flink sich der Lien bei allen sonstigen Hantierungen seines jungen Lebens erwies, beim Essen war er von den Langsamsten einer.

   Zur Nachkost vergönnte er sich noch zwei schmalzgebackene Krapfen aus dem Schatz der Margaret. Bis er das Geschirr gesäubert und die Hände wieder gewaschen hatte, waren seine Kleider trocken geworden. Hose, Hemd und Kittel bügelte er über dem nackten Knie; zwischen den Fäusten rieb er die starr gerunzelten Lammfelle mürb. Bevor er sich ankleidete, machte er noch Ordnung in seinem Karren, in den durch ein Schuberloch eine goldene Hand der Sonne herein griff. Liens Bett in dem engen Sarg bestand aus Schilfstroh mit einer Pferdedecke und zwei Wolfsfellen, die er selber erbeutet hatte. Hornlöffel und Messer, Pfanne und Zinnschüssel des Schäfers, Pfanne und Holzschüssel des Hundes stacken hinter einer Latte. Ein Becher war nicht da; zum Trinken nahm Lien den Hut oder die Hände – oder auch gar nichts.

   Zwei Ecken des Karrens waren mit Blech ausgeschlagen; in der einen war der Sack mit dem Schafsalz verstaut, in der anderen wurden die Kostbarkeiten der Margaret, das Brot, die Schmalzschachtel und das Mehl geborgen. An der Decke des engen Schlafkastens hing noch ein speerartiges Eisen wider die Wölfe und eine alte Armbrust wider die Lämmergeier. Mit dieser klapperigen Waffe schoss der Lien viel besser als der beste von den Trutzbergischen Armbrustern, und mit diesem langen Eisen, das halb Schwert und halb Lanze war, spaltete er jeden Distelkopf in gleiche Hälften und warf so sicher, dass ihm noch nie ein Fischotter entronnen war. Aber droben in der Trutzburg stelle er sich bei allem Waffenwerk, dass Herr Melcher zu sagen liebte: Wie ein Geißbock beim Seiltanzen. Immer fürchtete sich Lien vor diesem Schrecklichen: Unter die Söldner eingereiht zu werden. Hätte man ihn von der Heide weggenommen, er hätte sterben müssen. In jedem Winter bekam er eine kranke Seele und genas mit dem Morgen, an dem er die Schafe aus den muffigen Ställen trieb.

   Als er wieder in den Kleidern stak, guckte er lachend an sich hinunter. Das reinliche Zeug gefiel ihm.

   Sein mürbes Hütl gegen die Sonne gedreht, ein Blumensträußl hinter der Hutschnur, stand er neben der äsenden Herde, auf die Schippe gestützt, und ließ den Wulli an seiner Seite rasten. Wenn eins von den Schafen zu weit ausgraste, fasste er mit dem Schippenschäufelchen einen Rasenbrocken und warf. Immer platzte das Geschoss eine Handbreit vor der Nase des Schafes, das hurtig kehrt machte. Dann lachte der Lien, lehnte das Kinn wieder auf die Schippenstange, sang eins von seinen Schäferliedchen oder pfiff sich was. Dabei glänzte in seinen Augen eine ruhige Zufriedenheit.

   Seit er satt war, hatte er keinen andere Wunsch und Willen mehr als nur den einen, dass keines von seinen Schafen die Räude, den Hirnwurm oder den Durchfall kriegen möchte.

   Die Sonne brannte über ihm, bei den Wassertümpeln zitterte die erwärmte Luft, ein leises Geraschel huschelte durch die Röhrichtfelder, alle Wildvögel schwiegen und waren verschwunden, die Schmetterlinge flogen hoch, und der derbe Geruch der vielen Bruchlandsblumen dampfte hinauf ins Blaue, wo kein Sperber und Falke mehr zu sehen war.

   Vom fernen Trutzberg klang ein feines Gebimmel her. Dort läutete man auf dem Kapellentürmlein die Mittagsglocke.

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