Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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8.

   Drunten auf der Gasse standen noch die schwatzenden Weiber um das Tor der Präfektur, und eins der Kinder trug zum Gaudium der anderen auf seinem Struwelkopf das eingefangene Hütchen – aber der goldgelbe Ährenstrauß war grau geworden auf dem Weg durch alle Pfützen der Piazza.

   Schwere Tropfen begannen zu fallen, und ich konnte mich gerade noch in einen Wagen flüchten, bevor es aus den Wolken stürzte, als wäre dort oben ein See gebrochen. Rings um die Droschke her war alles weiß – so trommelte und spritzte der Regen. Und während ich zwischen den Gartenmauern heimfuhr, wehte der Sturm die grünen Orangenblätter und die gelben und roten Rosenflocken unter das triefende Wagendach.

   Und dann zu Hause stand ich bei sinkender Dämmerung am Fenster und blickte hinaus in dieses Strömen und Rauschen, in dieses trostlose Grau.

   Immer und immer musste ich an Nannina denken. Bald sah ich sie in der Präfektur auf dem Stuhl sitzen, bleich und zitternd, das halbe Gesichtchen verschleiert von den nassen Haarsträhnen – bald sah ich, wie sie durch Sturm und Regen sich hinaufkämpfte zum Vico, heim zur Mutter, taumelnd und atemlos, von der durchweichten Seide umhangen wie von himmelblauem Wasser – bald wieder sah ich droben im Vico die verwahrloste Stube: Das Feuer brennt auf dem Herd, in einem Winkel kauert, leise weinend, die arme Piccola-monèt in ihren grauen Lappen von ehemals, und Mutter Virginia, mit dem seidenen Kopftuch angetan, lässt sich von der staunenden Magd ein Stück ums andere aus der geöffneten Kiste reichen, Biskuit und Schokolade, Kamm und Seife, Kaffee und Reis, das Korallenhalsband, den Kleiderstoff, die Konfetti und den Rosenkranz, die linden Katzenfelle und das Paket mit den Maccaroni, von denen glich eine Schüssel voll gekocht wird. Wie sich die Magd und Mutter Virginia die schöne Mahlzeit schmecken lassen! Nur Nannina will sich nicht zur Schüssel setzen – und wenn ihr die Mutter zuruft: „Komm doch, Du dummes Ding, und iss!“… dann schüttelt die Kleine in ihrem Winkel stumm den Kopf, und große Tränen rollen ihr über das bittere Mäulchen…

   Draußen begann der Regen nachzulassen, doch der Sturmwind heulte, peitschte die fliegenden Blätter gegen das Fenster und rüttelte an allen Türen. –

   Es war acht Uhr vorüber, als meine Wirtin zu mir in die Stube kam: Von der casa d’oro wäre ein Kellner da gewesen und Maestro Gargiulo ließe mich bitten, hinüberzukommen.

   Ich vermutete, dass mich Gargiulo mit Cirmena Lupi und Cesco Magliana, mit dem wieder gefundenen Pärchen, überraschen wollte. Aber das war ein Vergnügen, für das ich mich bedankte. Und so blieb ich zu Hause.

   Doch eine halbe Stunde später klopfte meine Wirtin schon wieder an die Tür – eine Tarantellatänzerin von der casa d’oro stünde draußen, und möchte sprechen mit mir.

   Cirmena Lupi? Sollte sie nun gar in eigener Person erschienen sein, um mich höflichst einzuladen, bei ihrem Versöhnungsfest die Lacrima Cristi spumante zu bezahlen?

   „Ich danke! ... Schicken Sie die Person nur wieder fort. Und sie sollen mich in Ruh lassen, die da drüben!“

   Ein paar Minuten blieb ich allein. Da hörte ich am Fenster ein Klirren, als hätte man von der Gasse ein Steinchen herauf geworfen – und im Rauschen des Sturmes vernahm ich ein dünnes, halb verwehtes Stimmchen:

   „Sinorrr … sinorrr!“

   Dann wieder – ein Klang, wie erstickt von würgender Angst:

   „Sinorrr … sinorrr!“

   Erschrocken riss ich das Fenster auf.

   „Nannina?“

   Sie gab keine Antwort. Neben der Haustür stand sie an die Mauer gelehnt und schluchzte. Ihre Kleider flatterten im Sturm, der pfeifend durch die Gasse fuhr.

   „Nannina? … Willst Du zu mir? … Aber so komm doch herauf!“

   Sie rührte sich nicht. Da warf ich einen Mantel um und eilte hinunter.

   Das Flämmchen der nahen Straßenlaterne kämpfte zuckend gegen das Erlöschen. In diesem flackernden Zwielicht stand Nannina vor mir, kaum erkenntlich. Ich sah ihr Gesichtchen nur wie ein grauen Fleck an der Mauer, der erlosch, wenn der Sturm die zerzausten Haare darüber wehte wie fliegende Schatten. Aber die starr geöffneten Augen glommen in diesem Grau wie halberloschene Glut in der Asche – und vom Reflex des zuckenden Lichtes flimmerte die Seide ihres Röckleins. Sie trug das bunte Kostüm der Tarantella – ohne Mantel, ohne hüllendes Tuch. So stand sie an die nasse Mauer gedrückt, zitternd, als hätte sie auch vor mir noch Angst.

   „Nannina! Kind! Was ist denn mit Dir? Wie kommst Du denn in einer solchen Nacht da her in die Gasse? In diesem Kleid! Und was willst Du denn von mir?“

   „Sinorrr … sinorrr …“, jeder Laut war wie ein erstickter Schrei um Hilfe, „sie haben … haben mich davongejagt … sie wollen mich nimmer tanzen lassen!“

   „Tanzen? … Ja, um Christi willen! Kind! Wie kannst Du nur heut ans Tanzen denken? … Oder hat Deine Mutter das verlangt von dir?“

   Sie schüttelte den Kopf.

   „Aber Du warst doch daheim bei ihr? … So sprich doch! Warst Du denn nicht daheim bei Deiner Mutter?“

   Ein Laut, wie ein Krampf des Schluchzens – und wieder schüttelte sie den Kopf.

   „Wo aber warst Du denn die ganze Zeit … bis jetzt?“

   „Sie haben … haben mich behalten … dort … bis es Nacht war. Und … und …“

   „Aber ich seh’ doch, Du hast Dich umgekleidet. Wo hast Du denn das getan?“

   „In … in der Präfektur … unter der Stiege, da war ein Winkelchen, ganz dunkel… und das andere, das…“, sie schauerte, „das von ihm… alles, Herr, alles hab’ ich hinuntergeworfen ins Meer… und sieben Vaterunser hab’ ich gebetet und eine Litanei zur schmerzhaften Mutter! Und wie der Regen vorbei war, hab’ ich ihn gesucht, in der Bellavista, bei Vittoria, bei der Sirena… gelaufen bin ich, ach, gelaufen, Herr…. und in der casa d’oro, da waren sie und haben gespielt. Aber sie wollen mich nimmer tanzen lassen. Davongejagt haben sie mich, und…“, ihr Schluchzen wurde ein erwürgtes Schreien, „und Mommino ist dabei gestanden und hat getan, als ob er mich gar nicht sähe! Und die Cirmena … die! … die hat mich ins Gesicht geschlagen, weil ich zu ihr gesagt habe: Du bist doch auch wieder da! Und der Maestro… ich hab’ gebettelt, Herr, gebettelt hab’ ich, so …“, sie hob mir die gefalteten Hände bis dicht vor die Augen, „so hab’ ich gebettelt, Herr! Aber er hat die Mandoline gestimmt und hat gesagt: Ich brauch’ Dich nimmer, geh! Und dann haben sie mich hinausgedrückt zur Tür und haben zugesperrt… als ob ich die Katze vom Nachbar wäre! Und nimmer tanzen wollen sie mich lassen! Sinorrr, sinorrr! Seht her, jetzt bin ich zu Euch gelaufen… ich bitt’ Euch, Herr, ich bitt’ Euch, helft mir, dass sie mich wieder tanzen lassen! Ich muss, ich muss, ich muss… und wenn sie mich nimmer nehmen… ich sterbe…“

   Es lag im Klang dieses letzten, erloschenen Wortes ein Flehen, das von meinem Erbarmen noch mehr erzwungen hätte, als nur den Weg in die casa d’oro.

   „Komm!“

   Ich überlegte nicht, ob und wie ich ihr helfen könnte – ich fühlte nur, dass ich das arme Ding so in der Nacht nicht stehen lassen durfte.

   „Komm, Nannina!“

   Mit trippelnden Schritten lief sie neben mir her, manchmal noch leise schluchzend wie ein Kind, das mit seinen Tränen zu Ende ist und sich beruhigen will. Und immer wieder strich sie mit der Hand die Haare zurück, die ihr der Sturm in die Wangen peitschte.

   Pfeifend und sausend fuhr der kalte Nordwind durch die enge Gasse, und dumpf in den Lüften tönte das Gedonner des Meeres.

   Wir traten in den Torflur der casa d’oro. Durch eine dreiflügelige Glastüre sah man in den großen Korridor, in welchem die Truppe spielte. Es war gerade der ballo di cartoccio an der Reihe, und wie die lachenden Mädchen sich mit ihren flackernden Lichtern um den Tänzer drängten, das war anzusehen, wie ein bunter lustiger Spuck bei heller Gasbeleuchtung.

   Vor uns der wirre Spektakel einer ausgelassenen Heiterkeit – und hinter uns der tobende Sturm auf der Gasse draußen und das Geraschel der Blätter, die der Wind hereinwehte durch das ohne Tor.

   Ich winkte einen Kellner heraus, der bei der Glastür stand, und ließ dem Maestro sagen, dass ich ihn für eine Minute sprechen möchte.

   Während ich wartete, stand Nannina im Torwinkel, ordnete mit zitternden Händen ihr zerrauftes Haar, trocknete die verweinten Augen und suchte an der Haufkotze, die auf dem Pflaster lag, ihre Stiefelchen rein zu machen – es waren die zierlichen gelben Schnürschuhe, die aus Neapel stammten und zwanzig Lire gekostet hatten. Doch von der Nässe und vom Kot der Straße waren sie gar übel zugerichtet – ein Bild des Gewinnes, den Nannina Fiorello ihrem Glück von Capri zu verdanken hatte.

   Der ballo di cartoccio war zu Ende, die Musik verstummte, und während das laute Gelächter im Korridor die Scheiben der Glastür zittern machte, sah ich, wie die Tänzerinnen umhergingen und ihre Fotografien zum Kauf herum boten. Unter ihnen auch Cirmena Lupi – lachend und schwatzend. Sie war schöner als je, geputzt wie ein Pfau, und an den rot geschminkten Ohren trug sie blitzende Brillantboutons. Cesco Magliana, in einem neuen Kostüm, stand plaudernd bei einem der Musiker und machte ein Gesicht, als ob er vom Wetter spräche. Manchmal, kaum merklich, spähte er über die Schulter nach Cirmena, die heute mit ihren Bildern ein besonders gutes Geschäft zu machen schien.

   Da kam Gargiulo, mit der Mandoline unter dem Arm. Als er Nannina sah, erriet er wohl gleich, weshalb ich gekommen war – und an dem Schwall von Liebenswürdigkeiten, mit denen mich seine flinke Zunge überschüttete, merkte ich auch, dass ich wenig bei ihm ausrichten würde. Aber ein Versuch musste gemacht werden – und während ich mit ihm redete, stand Nannina neben mir, zitternd, bleich bis in die Lippen, mit ihren angstvollen Augen bald zu mir und bald zu Gargiulo aufblickend, als würde in dieser Minute das Schicksal ihres Lebens entschieden.

   „Maestro! Zeigt Euch als den guten Menschen, als den ich Euch immer gekannt habe! Und tut es mir zu Gefallen! Nehmt das Mädel wieder auf!“

   Er seufzte und rief die guten Heiligen des Paradieses an, machte eine klägliche Miene und spielte den tief Bekümmerten, der mit dem besten Willen den Wunsch eines guten Freundes nicht erfüllen kann.

   „Alles, signor dottore, alles könnt ihr haben von mir! Sagt mir, was ich tun soll, und ich tu’s! Wollt ihr von meiner linken Hand den kleine Finger haben? Den brauch’ ich nicht zur Mandoline und nicht zum Rasieren. Aber er ist mein Finger, mit Blut von meinem Herzen! Wollt ihr ihn haben? Ein Messer her, und ich schneid’ ihn mir ab! Aber das Mädel wieder zur Truppe nehmen? Nein, signore! Das kann ich nicht! Das ist unmöglich! Meine Truppe ist voll beisammen, die vier Paare sind da… und ich kann doch nicht eine Tänzerin, mit der ich zufrieden bin, ohne Grund in den Winkel drücken, nur um Platz zu machen für… für die da! Und dann… wenn ich es schon ehrlich heraussagen soll… auf mich und meine Truppe, signore, auf mich sind tausend Augen gerichtet. Ich bin verantwortlich vor Gott und der Welt. Nein, signore! Ich kann das Mädel nicht wieder nehmen! Ganz unmöglich!“

   „Ihr habt ja doch auch die Cirmena wieder genommen!“, fuhr mir’s in Ärger heraus.

   „Mma! Signore!“ Er sah mich an, als hätt’ ich eine Heilige gelästert. „Die Cirmena, Herr die war in allen Ehren verlobt! Und hat das Verlöbnis gelöst… in aller Form, signore! Und hat auf der Piazza keinen Skandal gemacht! Und ist nicht arretiert worden…“

   „Und hat zehntausend Lire auf der Bank von Sorrent! Nicht wahr! … Freilich, das ist was anderes!“

   Maestro Gargiulo war einen Augenblick um die Antwort verlegen. Dann drückte er die Hand auf seine Brust. „Signore! Ich bin ein Mann der das Leben kennt und die Menschen milde beurteilt. Und Euch zuleibe, wahrhaftig, schon Euch zuleibe möcht’ ich ein Auge zudrücken. Aber wenn ich das Mädel wieder nehme, spreng’ ich die ganze Truppe! Alle laufen sie mir davon! Alle, alle, alle! Nein, Herr, ich kann nicht! Unmöglich!“

   „Maestro! Caro maestro!“, bettelte Nannina unter Tränen und mit erloschenem Stimmchen. Es war das erste Wort, das sie sprach.

   „Lass mich in Ruhe, Du!“ Der Ton, den Gargiulo für das Mädchen fand, war im Vergleich zu dem höflichen Gesäusel, das er mir gegenüber angeschlagen, um eine Oktav ins Grobe gestimmt. „Lass mich in Ruhe, Du! Geh lieber heim zu Deiner Mutter und teil mit ihr die Biscotti! Verstehst Du mich! Und trink mein Wohl mit vino di riebes! Ja! Aber hier lass mich in Ruh! Erst bist Du mir davon gelaufen… und weil Dir jetzt der Cacao Lemaitre nimmer süß genug ist, soll ich wieder Zucker haben für Dich? Wenn’s so schön ist bei der Truppe… warum bist Du dann nicht geblieben? Èh? Wer einen guten Sessel hat und rennt davon, der muss sich’s gefallen lassen, wenn sich ein anderer draufsetzt! Ecco! Und jetzt soll ich Dich wieder nehmen… und soll riskieren, dass mir Deinetwegen alle die anderen aufsagen! Und mein Bester zuerst… der Mommino! Ja, mach nur Augen, Du! Wenn er sieht, dass ich da steh’ und rede mit Dir… der spielt mir heut seine Nummer nicht mehr! Er ist ohnehin schon ganz verloren und verdreht! Ich sag’ Dir, Du… was Du dem Mommino angetan hast… dafür wird Dich Gott an Deiner Seele strafen! Dich! Und jetzt lass mich in Ruh! Finale!“

   Er nahm die Mandoline unter dem Arm hervor und wandte sich wieder höflich an mich. „Verzeihung, Herr, aber jetzt muss ich hinein… meine Leute warten schon, und wir haben noch ganze vier Nummern. Es ist mir leid, signore, von Herzen leid… doch wenn ich euch sonst mit etwas dienen kann… Aber ich bitte, signore, kommt doch lieber herein und seht Euch die vier letzten Nummern an! Heimgehen könnt ihr ja nicht… seht nur, wie es schon wieder gießt da draußen!“

   Cesco Magliana erschien bei der Glastür und winkte.

   „Ja, ja, ich komme!“ Die Mandoline richtend, stieß Gargiulo mit dem Knie die Glastür vor sich auf und trat in den Korridor. Ich konnte hören, wie er in diesem wirren Durcheinander von Geschwätz und Lachen seinen Leuten zurief: „Avanti! La ballata della figliuola Carciofola!“

   Ein Akkord der Mandolinen und Gitarren – und es begann das drollige Chorlied, in welchem Cirmena Lupi mit ihrem hohen, näselnden Organ die führende Stimme sang.

   Draußen vor dem Tor ging rauschend der Regen nieder, und der Sturmwind trieb die glitzernden Wasserfäden weit herein in den Flur.

   Wortlos stand ich vor Nannina – ich wusste nicht, was ich ihr raten und sagten sollte. Aber mir schien, als wäre sie ruhiger geworden. Sie weinte nicht mehr. Doch etwas seltsam Starres lag in dem Blick, mit dem sie durch die Scheiben der Glastür hineinspähte in den Korridor.

   Da sangen sie gerade den lustigen Refrain des Liedes:

„’n tandarandì, ’n tandarandà,
che buono figliuola Carciofola!
’n tandarandì, ’n tandarandà…“

   Den Hals streckend – als ob sie mit den Augen jemanden suchte, den sie nicht sehen konnte – trat Nannina zur Glastür, die von innen mit Leuten verstellt war, ein schwarzer Rücken neben dem anderen.

   „Komm, Nannina!“ Ich nahm ihre Hand, die sich anfühlte wie Eis. „Komm! Dass Du hier so stehst, das hat ja keinen Sinn. Ich hätte Dir gern geholfen, aber Du hast ja selbst gehört… und das lässt sich nicht ändern… wenigstens heute nicht mehr. Ich werde mit Gargiulo noch einmal reden, das versprech’ ich Dir! Aber komm, Nannina, und geh jetzt heim zu Deiner Mutter!“

   Sie nickte. „Ja, Herr… ja…“ Dabei spähte sie noch immer durch die Tür und hob sich auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können.

   „Über die Gasse hinüber kannst Du meinen Mantel haben.. und drüben soll Dir meine Wirtin ein Tuch und einen Schirm herunterbringen.“

   „Ja, Herr… ja…“

   „So komm!“

   Ich wollte sie von der Türe fortziehen. Aber da sah sie plötzlich zu mir auf, mit einem Blick, als wüsste sie nicht, was wir geredet hatten. Aus ihrem bleichen Gesichtchen sprach der Ausdruck einer so ratlosen und verstörten Angst, dass es mir weh tat sie anzusehen.

   „Nannina…“

   Sie nickte. „Ja, Herr… ja…“

   „So komm doch!“

   Da begann sie zu wimmern wie ein erschrecktes Kind. „Nein! Ich will nicht… nein! Zu ihm will ich! Zu ihm!“ Sie riss ihre Hand aus der meinen – und eh’ ich es hindern konnte, hatte sie schon mit beiden Armen die Glastür aufgedrückt und stand im Korridor.

   Ich fürchtete einen hässlichen Auftritt und wollte meiner Wege gehen. Aber es hielt mich fest.

   Den Mantel abnehmend, trat ich in den Korridor und sah, wie Nannina, nachdem sie mit suchendem Blick den ganzen Raum überflogen hatte, an der singenden Truppe vorüberhuschte.

   Neugierig streckten alle Pensionsgäste die Hälse, und die Sänger wurden unruhig und guckten über die Schulter, während sie gerade den Refrain zu singen hatten:

„’n tandarandì, ’n tandarandà,
che buona figliuola Carciofola!“

   Maestro Gargiulo, der einen wütenden Blick auf das Mädchen warf, bekam vor Ärger und vor Angst, dass ihm die Produktion gestört werden könnte, ein Gesicht so rot wie seien seidene Jacke. Er spielte die Mandoline im Fortissimo und trat energisch mit der Ferse auf, um die Sänger bei der Sache und im Takt zu halten.

   Nannina stand vor der offenen Tür der Künstlerstube. Einen Augenblick schien es mir, als wollten ihr die Knie brechen. Aber da streifte sie mit der Hand übers Gesicht, als wären ihr die Haare wie ein Schleier vor den Augen gehangen, und trat ins Zimmer.

   Ich konnte mir denken, wen sie dort gesucht und gefunden.

   Die Zuschauer, die der Eintritt und das seltsame Wesen des Mädchens befremdet hatte, waren schon wieder beruhigt und lachten über das drollige Lied und über die parodierenden Grimassen der Sänger. Doch ein paar von den Dienstleuten der casa d’oro hatten sich neugierig zu der offenen Tür geschlichen und guckten unter Gezischel und Kichern in die Stube. Ich ging zu ihnen – und da sie meinen blick nicht verstehen und ihren Lauscherposten nicht verlassen wollten, trat ich über die Schwelle und schloss die Türe.

   „’n tandarandì, ’n tandarandà…“, so klang es hinter mir wie übermütiger Jubel durch die Bretter, während der nächtliche Sturm an allen Fenstern der Stube rüttelte, in der vor meinen Augen zwei Menschen im Unglück die traurige Rechnung ihrer Liebe und ihres zerstörten Lebens schlossen.

   Zwischen der langen, für die Gratismahlzeit gerichteten Tafel und den mit einem Wust von Kleidern bedeckten Wandbänken standen sie voreinander, bleich, mit fliegendem Atem, Auge in Auge.

   Mich sahen sie nicht.

   Es wühle in Momminos Zügen, es zuckte in seinen Fäusten; doch die Ruhe seiner Stimme erzwang er noch.

   „Sprich! … Oder hast Du keine Zunge mehr? … Was willst Du von mir? … Du?“

   Mommino…“

   Wenn dieser Laut, das heiße zitternde Flehen dieses Namens sich sich schildern ließe!

   „Mommino, ich bitt’ Dich, sag mir…“

   „Ja, Du, ich sag’ Dir was! Mommino bin ich für meine gute Mutter gewesen, Mommino bin ich für jeden ehrlichen Menschen… aber nicht für Dich! Ist die Ernte verhagelt, so gilt auch der Esel wie ein Pferd! Sinorrr Limòli bin ich für Dich… verstehst Du!“

   „Sinorr Limòli…“ Sie schluckte an ihren Tränen, und dann sagte sie ganz leise, demütig und scheu. „Ich bitt’ Euch, sagt mir, Sinorrr Limòli…“

   „Was?“

   „Ob es wahr ist?“

   „Was?“

   „Dass ich…“ Sie blickte zitternd zu ihm auf, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder sprechen konnte. „Der Maestro hat mir gesagt, ich hätt’ Euch was getan… Euch, Sinorrr Limòli… Euch hätt’ ich was getan, für das mich Gott an meiner Seele strafen wird.“

   „So?“ Momminos Stimme schwankte. „Das hat er gesagt?“

   „Und… ist das wahr, sinorrr?“

   „Nein! Nein! Nein! Das ist erlogen und verschworen!“, keuchte er dem Mädchen ins Gesicht. „Eine solche wie Du… was könnte denn eine solche mir antun? Mir? Das Wasser muss sich schlucken lassen von jedem Fisch, aber die gute blaue Luft… verstehst Du… die ist sicher vor ihm! Was solltest denn Du mir antun können! Aber Dir… ja, Dir… Dir selber hast Du was angetan! Das reißt Dir keine Reu mehr aus Deinem Leib und aus Deiner Seele! Und wenn Du einmal hinauf kommst… dort hinauf… dann wird Dich der Engel fragen vor Gottes Thron: Nannina Fiorello, was hast Du gemacht aus Dir? Ein liebes und gutes Kind bist Du gewesen… ja, Du, das sag’ ich Dir… ich!“ Während seine Stimme gegen die Tränen kämpfte, hob er dem Mädchen die geballten Fäuste vor die Augen. „Wie ein Röslein in der Sonne, so bist Du gewesen… dass alle Menschen Dir gut sein mussten! Und jetzt! Und jetzt! … Was hast Du gemacht aus Dir! Weißt Du das nicht … sag, Du … weißt Du nicht, was Du gemacht hast aus Dir?“

   Sie nickte, und ganz versunken klang ihr zitterndes Stimmchen. „Ja, sinorrr! Was ich gemacht hab’ aus mir … jetzt weiß ich es … wenn ich Euch anseh’, ja, dann weiß ich es. Ich hab’s getan meiner Mutter zulieb, weil … weil sie mir sagte … sie sagte: Kind, Du machst unser Glück! Das sagte sie, ja, und mit Freuden hab’ ich’s getan … und hab’ doch nicht gewusst, was ich tu’! Denn hätt’ ich’s gewusst … bei meiner ewigen Seele, sinorrr … lieber hätt’ ich mir das Fleisch aus meinen Armen gebissen und hätt’ es der Mutter gekocht … wenn ich gewusst hätt’, was ich Euch antu’ … Euch und mir!“

   Mommino wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm, und mit beiden Fäusten fuhr er sich in die Haare.

   Draußen war das lustige Lied zu Ende. Es hatte solchen Erfolg, dass die Zuschauer unter lachen und Klatschen so lange dacapo riefen, bis sich die Sänger herbeiließen, das Lied zu wiederholen. Als sie schon zu singen begannen, wurde noch immer applaudiert, und dann hörte man zum Getriller und Gesumm der Mandolinen die näselnde Stimme der Cirmena Lupi:

„’n tandarandì, ’n tandarandà…“

   Lauschend hob Nannina das Gesicht, auf dessen bleichen Wangen die Zähren glitzerten. Und sie atmete auf, als hätte ihr der Klang dieser Stimme einen hoffenden Gedanken eingegeben.

   „Die Cirmena … das ist die Cirmena … sie darf wieder singen, und der Cesco steht dabei…“

   „Was geht das mich an? Und Dich?“

   „Ich weiß ja, dass ich schlechter bin als die Cirmena … so schlecht, dass ihr mich nimmer ansehen wollt mit Euren Augen! … Aber Ihr, sinorrr… Euch kenn’ ich ja doch… ihr habt doch ein besseres Herz als der Cesco! Und wenn ihr wolltet, dass sie mich wieder tanzen lassen… ich tu’ es umsonst, Herr, ganz umsonst, und trag’ in die Kirche, was ich verdiene… nur dass ich bleiben dürfte, wo ihr seid…“

   „Du! Sag mir ins Gesicht nicht solche Dinge!“, schrie Mommino, als hätte ihn dieses Wort um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht. „Ich bin nicht der Cesco! Ich nicht! Und eh’ ich bleibe, wo Du bist… lieber häng’ ich mich an den nächsten Baum oder spring’ ins Wasser!“

   „Sinorrr! Misericordia, sinorrr!“ Zu Tod erschrocken hob Nannina die Hände und machte ein Kreuz gegen Momminos Lippen, als könnte sie durch dieses heilige Zeichen seinen Zorn beschwören und dieses Wort wieder ungesprochen machen. „Ich will nimmer tanzen… nein, nein, sinorr! Und fort will ich gehen, weit fort, dass ihr mich nimmer sehen müsst! Und gleich will ich gehen… gleich! Aber schenkt mir doch von Eurer Güte ein Stücklein Brot, dass ich leben kann! Denn seht, sinorrr, ich bin Euch gut, sinorrr Limòli! Und dass ihr Euch kränken müsst um meinetwillen, das tut mir so weh … ich kann Euch nicht sagen, wie weh das tut! Drum bitt’ ich Euch schön … ach, sagt mir doch, dass ihr vergessen wollt, was ich gesündigt hab’ an Euch und mir. Ich bitt’ Euch, sagt mir das … und dann geh’ ich! Gleich!“

   „Vergessen soll ich? … Vergessen? … Ich will Dir was sagen, Nannina!“ Er kämpfte um jedes Wort. „Wer sehen will, der darf keine blinden Augen haben. Und wer vergessen will, er braucht ein lebendiges Herz! Aber mein Herz, das hast Du mir umgebracht… das ist tot und gestorben in mir! Um Deinetwillen! Und da soll ich vergessen können?“

   Sie hob die gefalteten Hände wie ein bettelndes Kind.

   „Vergessen? ... Ich will Dir was sagen, Dir! Es ist ein Baum gewesen mit grünem Laub, den haben sie umgehauen und haben Bretter haben sie da draußen den Tisch gemacht, auf dem meine Schüssel steht. Und wenn der Tisch wieder ein Baum wird, und der Baum hat wieder Laub… dann komm, Du, und dann hab’ ich vergessen!“

   Er wandte ihr den Rücken und presste die Fäuste an seine Schläfe.

   Wortlos, mit brechenden Knien, war Nannina auf die Bank gesunken. Und während sie den Kopf an die Mauer lehnte, quoll ihr ein Wehlaut aus der Brust, als hätte man ihr das Herz und das Leben zerdrückt.

   Mommino wollte schon gehen. Aber dieser Laut schien ihn festzuhalten, und zögernd blickte er über die Schulter, als wäre ein milderes Gefühl, eine Regung des Erbarmens in ihm wach geworden. Aber da sah er die Schuhe, die sie trug – und unter heiserem Lachen schlug er wie staunend die Hände ineinander.

   „Che maraviglia! Was Du für schöne Schuhe hast!“

   Sie nickte, mit den Händen im Schoß. „Die hab’ ich noch, ja… die sind das einzige.“ Das sagte sie mit so erloschenem Ton, so ganz verloren, als wüsste sie gar nicht, dass sie sprach. „Das andere… alles… das hab’ ich hinuntergeworfen ins Meer. Nur die Schuhe, die hab’ ich behalten müssen. Die roten Schuhe von meinem Kostüm, die hab’ ich… hab’ ich nimmer tragen können, heut im Regen, als ich Dich suchte… da waren die Sohlen durch…“

   Wieder lachte Mommino. „So fleißig hast Du da drüben die Tarantella getanzt? So fleißig?“

   „Ja, so oft er wollte… auch wenn ich müde war. Aber die roten Schuhe, das ist wahr, die sind schon schlecht gewesen, als ich sie nach der Cirmena bekam!“

   „Für mich hast Du ein einziges Mal getanzt.“ Momminos Stimme klang ernst und zitterte. „Ein einziges Mal für mich! Und so oft für den anderen! So oft er wollte! Da glaub’ ich freilich, dass er Dir neue schöne Schuhe kaufen musste. Jeder Dienst hat seinen Lohn und jeder Vogel die Federn, die für ihn passen. So schöne Schuhe hätt’ ich Dir freilich nicht kaufen können. Und ich hätt’s nicht getan… auch wenn ich von meiner Kunst an jedem Abend tausend Lire hätte. Denn solche Schuhe, wie die da, das sind Schuhe für Neapel, weißt Du! Behalt sie nur, ja! Du wirst sie brauchen da drüben. Denn Dein Weg, der geht da hinüber… nach Neapel, weißt Du, da gehen sie alle hin, die so geworden sind wie Du!“

   „Mommino…“

   „Behalt nur die Schuhe, Du wirst sie brauchen. Da drüben sind die Straßen mit scharfen Steinen gepflastert, die das Leder schleifen. Da braucht man gute und teure Schuhe… solche, wie Du hast… Schuhe, die zwanzig Lire kosten! Aber was sie mir gelten, Deine schönen Schuhe… mir? Soll ich Dir das sagen, Du? So viel sind sie mir wert… so viel, siehst Du…“ Die Arme rückwärts streckend, beugte er sich nieder und spie ihr zweimal auf die Schuhe.“

   „Mommino…“

   Ich werde den klagenden Schmerz dieses Wortes im Leben nie vergessen.

   „… Mommino… was tust Du mir!“

   Die Hände am Kinn verschlingend und die Brust mit den Armen drückend, krümmte sie sich zusammen, dass sie ganz klein wurde. Dabei sah sie zu ihm auf mit einem Blick – so muss der Blick eines Menschen sein, vor dessen Füßen sich die Erde auftut, um sein Haus und alles zu verschlingen, was ihm lieb ist und sein Leben nährt.

   Mit den Fäusten in den Taschen der roten Jacke, kam Mommino auf die Türe zu und wollte die Stube verlassen. Da sah er mich stehen. Mit heißer Welle schoss ihm das Blut ins Gesicht. Ich sagte kein Wort – aber die Mahnung, die mir nicht von der Zunge wollte, las er mir aus den Augen. Und er musste sie wie einen Vorwurf empfinden, der ihn verwundete – denn jählings stieg der Zorn in ihm auf, als ob er von Sinnen wäre. Mit beiden Fäusten packte er an seiner Brust die Jacke und zerrte an den roten Lappen, als möchte er sie in Fetzen von seinem Leib reißen. „È roba mia“, schrie er mir ins Gesicht, während ihm Tränen über die Lippen kollerten, „è roba mia, sinorrr!“

   Dann ging er an mir vorüber und trat in den Korridor hinaus. Die Tür blieb offen, und ich hörte das Gelächter der Leute da draußen und den lustigen Refrain des Liedes:

„’n tandarandì, ’n tandarandà,
che buona figliuola Carciofola!
’n tandarandi, ’n tandarandà…“

   Auf der Schwelle hatte sich Mommino mit der Faust die Augen getrocknet.

   È roba mia! „Das ist Zeug, das mir gehört!“ – so heißt es wörtlich. Aber ich hatte verstanden, was er sagen wollte mit dieser sprichwörtlichen Redensart: „Mein Herz ist mein Herz, mein Glück ist mein Glück, und wenn ich es zerreiße mit meinen eigenen Händen… was geht das einen anderen an! Ich weiß, was ich tue!“

   Es trieb mich, dem armen Kind dort in der Stube ein gutes Wort zu sagen.

   Aber als ich bei ihr stand und sprach, da hörte sie kaum. Sie nickte nur immer, zog die schmalen Schulterchen bis zu den Ohren hinauf und machte ihr bitteres Mäulchen. „Èh!“ Das war alles, was sie mir zur Antwort gab.

   Und einen Trost für sie? Den wusst’ ich nicht. Ich fand nur Worte, die sie zu quälen schienen. So ging ich endlich und ließ sie allein.

   Unter der Türe sah ich noch, wie Nannina sich niederbeugte, um an ihren Schuhen die Schnüre zu lösen.

   Draußen im Korridor, da sangen sie gerade die letzte Strophe des Liedes. Der Erfolg, den die Sänger bei dem empfänglichen Publikum der casa d’oro fanden, verleitete sie, über die Schnur zu hauen, und so machten sie mit Gliederverrenkungen und Grimassen aus der Parodie einen wahren Veitstanz. Die Zuschauer lachten sich Tränen in die Augen und applaudierten wie närrisch.

   Mommino stand an die Wand gelehnt, mit den Händen hinter dem Rücken. Sein Gesicht war bleich, doch ruhig.

   Während der Beifall noch dauerte, kam der Maestro mit rotem Kopf auf ihn zugerannt. „Du? … Was war denn? … Ich fürchte, sie hat Dir die Stimmung für Deine Nummer verdorben? Ja?“

   Mommino schüttelte den Kopf.

   „Na, Gott sei Dank!“ Und aufatmend gab der Maestro auf seiner Mandoline das Zeichen zur Tarantella graziosa, einem figurenreichen Tanz, bei dem das Spiel mit der Schärpe die Hauptsache ist.

   Die Paare traten an – Cirmena und Cesco getrennt – er hatte eine andere Tänzerin, sie einen anderen Tänzer. Also war die Versöhnung noch nicht geschlossen?

   Die Mandolinen sangen, und die vier Paare drehten sich in buntem Wirbel, von den verschlungenen Schärpen überdacht wie von einem kreisenden Baldachin.

   Da trat Nannina Fiorello aus der Künstlerstube, das Haar geordnet, die rote Schärpe wie ein Girlande zwischen den Händen. Ihre Augen waren trocken, doch weit geöffnet, ihre Züge in ein starres Lächeln gebannt. Sie blieb vor dem Maccaronista stehen und sagte: „Ecco, Mommin… jetzt hab’ ich auch die Schuhe nimmer… jetzt hab’ ich nichts mehr!“ Dabei zeigte sie ihm ihre nackten Füßchen. „Aber tanzen will ich für Dich… damit Du nicht sagen sollst, ich hätt’ nur ein einziges Mal für Dich getanzt.“

   Mommino stand an die Wand gelehnt und schien nicht zu hören, nicht zu sehen.

   Langsam und lautlos trat Nannina mit ihren nackten Sohlen neben die Tänzer hin und hob die rote Schärpe über das Köpfchen, das ihr in den Nacken sank, als wäre der Hals so kraftlos wie der Stängel einer dürstenden Blume.

   „He! Du! Was soll denn das heißen?“, zischelte ihr der Maestro wütend zu, ohne auf seiner Mandoline das Spiel zu unterbrechen. „Mach’ dass Du weiter kommst! Solche Geschichten leid’ ich nicht!“

   Sie begann zu tanzen.

   Da stockte der Wirbel der anderen Paare. Cirmena Lupi hatte den Tanz unterbrochen. Ich sah nur, dass sie mit zornrotem Gesicht auf den Maestro zuging – was sie zu ihm sagte, konnte ich nicht hören.

   Die Zuschauer, welche Nanninas Erscheinen zuerst wohl für eine Überraschung genommen hatten, die zur Tarantella graziosa gehörte, begannen nun doch zu merken, dass irgendetwas an der Sache nicht richtig wäre. Sie wurden unruhig, streckten die Köpfe, erhoben sich von den Stühlen und riefen dem Maestro und den Kellnern ihre neugierigen Fragen zu..

   Aber da schoss Gargiulo schon wie ein gereizter Löwe auf Nannina los und packte sie am Arm. „Fort mit Dir! Hinaus! Glaubst Du, ich lasse mir den schönen Abend von Dir verderben? Hinaus!“

   Während er sie zur Glastür zerrte, wehrte sich Nannina mit zäher Kraft – und mit einer Stimme, so schrill, als hätte sie droben im Garten ihres Padrone die Vögel zu verscheuchen, rief sie in den Lärm hinein: „Signori e signorine! Er will mich nicht tanzen lassen! Ich bitte, bitte, dass ich tanzen darf … für den guten sinorrr Limòli dort! Ich bitte, bitte…“

   Die meisten der Zuschauer, die das Italienische nicht verstanden, machten verblüffte Gesichter. Ein paar aber, die begriffen hatten, riefen den anderen zu: „Tanzen will sie, tanzen, sie will nur tanzen, und er lässt sie nicht!“

   Da wurde gelacht – das Publikum, das in bester Laune war und sich auch weiter amüsieren wollte, nahm die Störung von der lustigen Seite. „Sie soll tanzen“, rief man dem Maestro applaudierend zu, „aber so lassen Sie das Mädchen doch tanzen!“

   Maestro Gargiulo, dem der Wille des Publikums immer wie Gottes Wille war, ließ den Arm des Mädchens fahren, stellte sich brummend mit der Mandoline wieder an den Flügel seiner Kapelle und kommandierte: „Da capo al fine!“

   Die unterbrochene Tarantella begann von neuem. Wie eine beleidigte Göttin hatte sich Cirmena Lupi in das Dunkel einer Fensternische zurückgezogen – sie wollte in solcher Gesellschaft nicht tanzen – und an ihre Stelle im Reigen war Nannina getreten.

   Die Zuschauer schwatzten von ihr, unter Lachen, und ließen sie nicht aus den Augen.

   „Warum wollte er sie denn nicht tanzen lassen?“, hörte ich eine alte, freundliche Dame zu ihrem Nachbar sagen. „Weil sie keine Schuhe hat? Ach… Aber die Kleine tanzt ja ganz allerliebst! Finden Sie nicht auch?“

   Ganz allerliebst! Mit nackten Füßen, mit zitternden Gliedern, mit verzweifeltem Herzen, mit erloschenem Blick… und ganz allerliebst! Wie eine Marionette, in deren toter Brust das aufgezogene Uhrwerk die kleinen Räder treibt – so tanzte sie. Ohne Fehler und ohne Leben. Einmal zuckte sie zusammen – von den Tänzern musste sei einer auf das nackte Füßchen getreten haben – Cesco Magliana vielleicht? Aber sie verbiss den Schmerz und lächelte ihr starres Lächeln. Und wenn sie sich im Schärpen-Karussell an Mommino vorüberdrehen musste, rief sie ihm mit ihrem dünnen, flehenden Stimmchen zu: „Ecco, Mommin … pe’ te! … Sieh her, Mommino, das tu ich für Dich!“

   Er stand wie eine steinerne Säule, nagte an den Lippen und hielt die brennenden Augen an die Decke des Korridors geheftet.

   Die Tarantella hatte wohl geringeren Erfolg als die „buona figliuola Carciofola“; aber man klatschte und nickte der „Kleinen“ ermunternd zu, als gält’ es, eine viel versprechende Anfängerin durch Wohlwollen zu fördern. Während noch applaudiert wurde, trat Nannina aus der Gruppe hervor, und die rote Schärpe mit zitternden Händen um ihre Hüfte schlingend, rief sie gegen die Zuschauer:

   „Signori è signorine! Ich kann auch singen… ein kleines Liedchen kann ich… darf ich es singen? Bitte, bitte…“

   In ihrer Stimme war der gleiche Ton wie damals, als ich sie droben im Vico zum ersten Mal gesehen hatte: „Piccola monèt, sinorrr, piccola monèt!“

   Während die „Künstler“ ratlos auf ihren Maestro blickten und halblaut zu schimpfen begannen, lachten die Zuschauer wieder. Wie vorhin, so schwatzte und fragte man wieder. Und dann hieß es: „Natürlich, sie soll singen! Sie hat doch auch getanzt… er soll sie nur singen lassen!“

   Diesem Machtspruch gehorchend trat Gargiulo auf Nannina zu und brummte ihr ins Ohr: „Du dummes Ding! Du… und singen? Was willst Du denn singen?“

   „Die Canzonetta… die ihr mich singen habt lassen in der Bellavista… wisst ihr, wo ihr gesagt habt, dass ich das ‚leiden’ länger aushalten muss… ‚nicht leiiiiden mehr’ … so, habt ihr gesagt, muss es sein…“

   „Na also, meinetwegen! Sing’! Aber dann, das sag’ ich Dir…“, seine Augen schossen einen Wutblick, „dann ist’s aus und gar!“

   „Ja, Maestro, dann ist’s aus und gar!“

   Er stellte sich an ihre Seite und begann auf der Mandoline zu präludieren, zärtlich und schmachtend, mit seinem süßesten Tremolo.

   Langsam wandte Nannina das Gesicht über die Schulter und warf einen Blick hinüber zur Wand. Doch sie sagte nicht mehr ihr: „Ecco, Mommin, pe’ te!“ Sie schwieg. Und jenes starre Lächeln schwand aus ihren Zügen – ihr Gesichtchen wurde so seltsam ernst und ruhig.

   Noch atemlos vom Tanz und mit zerdrückter Stimme sang sie ihr Liedchen:

„Gleichwie ein Vögelein, das im Käfig weint
An kaltem Tag, dem nimmer Sonne scheint,
So leb’ ich! Ach, vergiftet ist mein Brot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!

Ich bin das Röslein, das im Lenz erfror,
Im Meer das Schifflein, das den Weg verlor,
Bleich ist mein Leben und wird nimmer rot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!“

   Seit Maestro Gargiulo die Tarantella führte, seit zwanzig Jahren, hatte wohl niemals noch eine Sängerin seiner Truppe ihr Lied so schlecht und mit so klangloser Stimme gesungen. Und doch – als Nannina ihr Liedchen geendet hatte, herrschte jenes beklommene schweigen, welches höher wertet als jeder laute Beifall. Wohl hatten nur wenige die Sprache und den Sinn des Liedes verstanden – aber auf alle hatte die Wahrheit des Schmerzes gewirkt, der aus jedem Ton gesprochen. Und betroffen blickten sie auf das Kind, dem aus den weit geöffneten, angstvollen Augen Träne um Träne über die Lippen rollte.

   Aber eine ernste Wirkung in der heiteren Hälfte des Programms – das ging dem Maestro gegen den Strich. Wenn die Zuschauer feuchte Augen haben, denken sie nicht daran, den Geldbeutel zu ziehen und Wein zu bezahlen. Das tun sie nur, wenn sie lachen. So lautete einer der Weisheitssprüche aus Gargiulos praktischer Philosophie – und um die unbehagliche Minute zu überwinden, nahm er seine Zuflucht zu der wirksamsten Nummer seines Programms, intonierte die maccheronata und ließ das weiß gedeckte Tischlein bringen.

   Wortlos drängte sich Nannina aus dem neugierigen Kreis heraus, der sie umringt hatte, und wollte zur Glastür gehen. Aber auf halbem Weg versagten ihr die Füße, und neben der Türe fiel sie auf einen Sessel. Wieder umdrängte man sie – und jene alte Dame, die Nanninas Tarantella so allerliebst gefunden hatte, rief einem Kellner zu: „Bringen Sie doch einen Trunk Wasser! Sehen Sie denn nicht… dem Kind ist übel!“

   Mit schnatterndem Gesang begann das Chorlied.

„Maccherò, maccherò…“

   Mommino war vor das Tischlein getreten. Er zog die rote Jacke zurecht, fuhr mit dem Finger unter den Hemdkragen und verbeugte sich ruhig, ganz wie sonst. Doch als er sich niedersetzte, warf er einen scheuen Blick nach der Glastür und schluckte schwer.

„Maccherò, maccherò…“

   Die dampfende Schüssel wurde gebracht, und der Maccaronista „spielte seine Kunst“, dass sie ihre Wirkung nicht versagte. Die Zuschauer kamen ins Lachen, und es löste sich der teilnahmsvolle und neugierige Kreis, der sich um Nannina gebildet hatte.

„Maccherò, maccherò…“

   Die Tänzer und Tänzerinnen mit ihren beladenen Gabeln machten die tollsten Sprünge rings um das weiße Tischlein herum, und halb war die riesige Schüssel schon geleert.

   „Ecco il secondo chilo … das zweite Kilo!“, verkündete Maestro Gargiulo, der angesichts dieses Lacherfolges seine joviale Laune wieder gefunden hatte.

   Da ging über der Decke und rings um das Haus ein Brummen los, das zu einem Geknatter und Geprassel wurde, als schlüge man aus den Lüften mit tausend Keulen auf die Erde nieder. Der richtige Sorrentiner Märzenregen!

   Man hörte die Mandolinen nicht mehr, kaum noch die kreischenden Stimmen der Sänger, die das Gedröhn des Regens überschreien wollten.

   Wie da gelacht wurde!

   Aber es fiel mir auf, dass Mommino einen Tänzer mit beladener Gabel ans ich vorüberhüpfen ließ, ohne den Mund zu öffnen. Er hatte einen verstörten Blick nach der Glastür geworfen.

„Maccherò, maccherò…“

   Mit voller Gabel kam Cirmena Lupi um den Tisch getänzelt. Doch als sie dem Maccaronista die baumelnden spagetti über der Nase schwenkte, sprang er auf und schlug ihr mit einem Fluch die Gabel aus der Hand. Dann stand er keuchend und mit aschfahlem Gesicht.

   Erschrocken kam Gargiulo zum Tisch gelaufen, während der Gesang verstummte und nur noch das Getrommel des Regens zu hören war.

   „Santa Madonna! Mommino? Bist Du verrückt? Was ist denn?“

   „Ich… ich kann nimmer!“

   „Misericordia! Warum denn nicht?“

   Momminos Augen funkelten. „Weil ich ein Mensch bin, ein armer Mensch, Gargiulo… kein Tier in eurem Stall! Basta!“ Mit der Faust stieß er die halb geleerte Schüssel über den Tisch hinunter und kehrte dem Maestro den Rücken. Seine verstörten Augen suchten – und fanden nicht mehr.

   Der Sessel, der neben der Glastür stand, war leer. Nannina war aus dem Korridor verschwunden.

   Ich griff nach meinem Mantel und eilte in den Flur hinaus. Als ich die Glastür aufriss, hörte ich noch, wie Gargiulo, um die nervös und ärgerlich gewordenen Zuschauer zu beruhigen und das Fiasko seines „besten“ Künstlers zu entschuldigen, einen Scherz versuchte. „Perdono, signori“, schrie er in den Lärm hinein, „er hat heut mit den Kapuzinern gefrühstückt, denn heut ist Fasttag, und da ist er satt geblieben bis auf den Abend. Ecco!“ Er hatte Erfolg mit diesem Witz – ich konnte in den Flur hinaus das Gelächter hören.

   Es rauschte und rauschte da draußen, und wie eine graue dicke Masse sah ich den strömenden Regen vor dem Tor.

   Nein, unmöglich, bei solchem Regen kann sie das Haus nicht verlassen haben!

   Ich ging zurück, in die Künstlerstube. Aber da war sie nicht – nur Mommino, der sich umzukleiden begann und eben die rote Jacke unter dem Kinn zusammenfaltete.

   „Mommino? Wo ist das Kind?“

   „Fort… ich weiß nicht…“

   Ich suchte sie in der Küche; aber niemand hatte sie gesehen. Und wieder ging ich zurück in den Korridor.

   Da hatten sie den Boden schon sauber gemacht, und Maestro Gargiulo intonierte den Kehraus, die Tarantella furiosa. Mit wehenden Schärpen, mit rasselnden Kastagnetten begannen die Paare den jagenden Wirbel – und Cesco Magliana tanzte mit Cirmena Lupi!

   Wieder stand ich draußen unter dem Tor. Zwischen Nacht und matter Helle flackerten die Flammen der beiden Torlaternen, und der johlende Sturm trieb mir den Regen ins Gesicht.

   „Nannina!“, rief ich hinaus in das Strömen und Gießen.

   Der Ruf war sinnlos, das wusst’ ich, aber ich musste rufen.

   „Nannina!“

   Keine Antwort.

   Es rauschte und rauschte nur – und durch alles Rauschen hörte man noch das Donnern des Meeres.

– – – – – – – – – – – – – –

   Ich habe sie lebend nicht wieder gesehen.

   Acht Tage währte dieser tobende Sturm, dieser Wassersturz aus den Wolken, dieses Vernichten im Frühling.

   Dann kam die Ruhe, dumpf, schwer atmend und grau. Und ich ging hinunter zum Meer, um die Brandung zu sehen.

   Da fand ich sie.

   Jener Tag hatte hundert grauenvolle Stunden für mich, er wollte kein Ende nehmen. Und dann die Nacht. Ich vermochte kein Auge zu schließen. Immer wieder sah ich in der Finsternis jenes Bild: Wie an den Felsen der Höhle die schlammige Woge in graue Wasserfetzen zerschellt und die weiß gesprudelten Wellen im schwarzen Sand verrinnen, wie im Tal der Woge die rote Seidenschärpe leuchtet, wie es weiß und farbig schimmert in der trüben Flut, wie über den Sand das nackte Füßchen ragt und die schwimmenden Arme sich aufwärts strecken, als wollten sie aus dem Tod noch zurück ins Leben greifen…

   Und immer wieder wusch ich mir die Hände. Ich tat es mit Essig und Sand. Aber ich konnte das Grauen nicht tilgen, das mir anhing und mich verfolgte wie ein Geruch nach toten Fischen.

   Erst am Morgen erlöste mich von dieser Qual ein bleierner Schlaf, der keinen Traum mehr hatte.

   Doch nach dem Erwachen – ich hielt es nicht aus in der Stube und musste hinaus – verfolgte mich auf Schritt und Tritt das Geschwätz der Leute. Ich ging nicht in die casa d’oro; aber sie sprachen überall von ihr, auf den rein gewaschenen Gassen, in den verwüsteten Gärten, in den Kaufläden, vor dem Schalter des Postbüros. Hundertmal hab’ ich das Wort gehört, das man ihr nachsagte in den Tod: „Poverina! … das arme Ding!“ Und ein dutzend Mal erzählten sie mir, dass Mommino nach dem ersten Schrei sich gebärdet hätte wie ein stumm gewordener Narr – und mit Gewalt hätten ihm die Carabinieri das tote Kind aus den Armen nehmen müssen. Aber bei allem Unglück wäre doch noch ein Trost: Die Selbstmörderin würde ein christliches Grab in geweihter Erde finden. Das hätte Mommino Limòli durchgesetzt… er hätte zweihundert Lire an die gute Madonna von Sant’ Agnello gezahlt, zur Erlösung des armen Seelchens, und hätte vor dem Pfarrer und vor dem Kruzifix einen Schwur getan: Die kleine Fiorello wäre an jenem Abend in der casa d’oro nicht bei Verstand gewesen. Freilich, ein falscher Schwur – man ist nicht verrückt, solang man noch Tarantella tanzen und Liederchen zur Mandoline singen kann – aber solch ein Schwur ist doch ein christliches Werk, das einer armen Seele zugute kommt. Dunkel an der ganzen Geschichte wäre nur, woher Mommino Limòli so plötzlich das viele Geld hätte, er wäre doch immer ein armer Teufel gewesen – sagten die einen. Und die anderen: Er hat doch Abend für Abend mit seiner gesegneten Kunst drei Lire verdient, dazu die Geschenke der splendiden Fremden, und sein Taglohn als Maurer! Wenn er zu sparen verstand! Aber die jungen Leute … èh! … wie die schon sparen! Und Mommino? Großer Hunger, wenn er satt ist, wird heißer Durst. Und seit acht Tagen, da die Maurer wegen des Wetters feiern mussten, ist Mommino von einer Schänke bezecht in die andere gezogen. Da schont man den Sessel zu Hause, aber nicht das Geld im Sack. Und da soll er zweihundert Lire gehabt haben? Zweihundert? Wo die nur herkamen? Vielleicht von Capri herüber? Und Lire? Ob’s nicht Franken gewesen sind? Die gelten noch mehr… in Gold! …

   Wenn die Leute so schlecht wären, wie sie manchmal schwatzen in der Faulheit ihres Verstandes – es wär’ eine traurige Welt, die unsere. Aber ‚der Pfau hat seinen Schrei und seine Füße, und doch ist er ein schöner und guter Vogel’, wie Mommino Limòli mir einmal sagte.

   An jenem Abend sah ich ihn noch. Aber nicht aus einer Schänke kam er, sondern aus einem Hutladen. Und in der Hand trug er einen schwarzen Zylinder, dessen Krempe mit rotem Seidenpapier umwickelt war. Auf der anderen Seite der Straße ging er vorbei. Er sah wohl herüber, doch ohne mich zu erkennen. Freilich, der Abend war trüb. Oder waren es Momminos Augen?

   Aber noch in der Dämmerung begann sich die Luft zu klären, und all die langsam ziehenden Wolken säumten sich mit roten Bändern. Zwischen Ischia und Capri drüben, da lag’s wie brennendes Feuer auf dem schwarzblauen Horizont des Meeres. Und die Rosen, die der Sturm verschont hatte, atmeten ihren Duft in den linden Abend.

   Dann ein Tag, dessen leuchtende Schönheit sich in Worten nicht sagen lässt. Der Himmel hatte seinen blauen Mantel aufgetan und all seinen Sonnenzauber ausgegossen über die blühende Erde.

   Schon früh am Morgen war ich davon gerannt, denn ich wollte die Glocken nicht hören, die dem armen Ding den letzten Gruß des Lebens nachriefen in die ewige Tiefe.

   Hinauf, in die Berge hinauf! Steigen – und müde werden – und schauen!

   Trotz aller Schönheit aber, die mir zu Füßen lag – mir wurde der Blick nicht froh. Denn immer und überall sah ich dieses Meer, das so sanft hinüberblaute bis Neapel. Und ich stieg zum Grat des Berges hinauf, nur um das andere Meer zu sehen, das von Salerno! Doch die Gedanken, denen ich zu entfliehen meinte, zogen mich. Am Nachmittag, beim Abstieg durch die Olivengärten, kam ich zum Vico und zu der Agavenhecke, hinter welcher ein Knabe mit schreiender Stimme die Vögel scheuchte. Was mich nur hergetrieben hatte? Wohl der Wunsch, noch einmal die Stelle zu sehen, an der mir Nannina zum ersten Mal begegnet war und mir das graue Bettelhändchen bis unter die Nase gehoben hatte: „Piccola Monèt, sinorrr, piccola monèt!“ Alles lebte wieder in mir auf, ich hörte das Klingen des Polentamörsers und das zwitschernde Liedchen.

   Als ich an der Agavenhecke entlang ging, sah ich am Wegrain im Schatten der langen Schwertblätter einen schwarz gekleideten Menschen sitzen, den Zylinder im Nacken, das Gesicht in die Hände vergraben. Beim Hall meiner Schritte sah er auf. Es war Mommino.

„’n juorno, sinorrr!“ Er winkte mit beiden Armen, als ob ich ihm recht gelegen käme, und erhob sich. „Euch führt mir Gott in den Weg!“

   Ich bot ihm wortlos die Hand. Sein Gesicht war ernst und bleich, die Augen gerötet und verschwollen. Und wie sonderbar sah er in diesem Anzug aus! Beinahe komisch – wie ein kleiner Beamter, der sich einen schwarzen Rock geborgt hat, um seinem Chef zum Jahreswechsel zu gratulieren. Über dem Wollhemd trug er eine gestärkte Vorbrust, die sich verschoben hatte, der aufgeknöpfte Kragen war zu weit und die schwarze Krawatte schief gebunden. Aus seinen Kleidern quoll ein Geruch nach Kerzen und Weihrauch.

   „Ich hab’ mit ihrer Mutter eine halbe Rechnung zu machen“, sagte er ruhig und griff an seine Brusttasche. „Dazu brauch’ ich einen Zeugen, der lesen kann. „Wollt ihr so gut sein, sinorrr?“

   Ich nickte, obwohl mich der Gedanke, den Jammer des lahmen Weibes sehen zu müssen, mit kaltem Unbehagen beschlich.

   „Va bene! Andiamo!“

   Er ging mir voran, und wir traten in den Hof.

   Die Kehrichthaufen waren vom Regen auseinandergespült, und überall war die Erde mit welken Rosenblättern bedeckt. Doch die Narzissenstöcke bei der eingefallenen Mauer hatten neue Blüten getrieben.

   Als ich in die Stube trat, meinte ich, dass sie wohnlicher aussähe. Mehr Gerät war vorhanden, ein Tisch, zwei Stühle, in einem Wandrahmen sah ich neues Geschirr, und in der Bettlade war das Maisstroh durch eine Matratze mit Federkissen ersetzt. Auf dem Herd brannte ein kleines Feuer, und der Dampf, der unter dem Deckel eines großen Topfes hervorquoll, duftete nach Kaffee. Am Saum des Tisches, vor einem aufgestellten Bild der Madonna, war eine lange Reihe brennender Wachskerzen auf die Platte geklebt… sechzehn Kerzen, eine für jedes Jahr, das Nannina erlebt hatte.

   Vor diesen Kerzen kniete die Magd. Mutter Virginia saß mit gefalteten Händen in ihrem Rollstuhl und hatte zum Zeichen ihrer Trauer ein schwarzes Wolltuch um die Schultern gebunden.

   Die Weiber beteten. Doch als wir kamen, unterbrach die lahme Frau ihre Litanei, streckte uns die Arme entgegen und begann unter Tränen den singenden Jammer um ihr „süßes Wachtelchen“, um ihr „verlorenes Glück“.

   Schweigend hörte Mommino das eine Weile an. Dann wies er die Magd mit einem Augenwink aus der Stube und trat auf den Rollstuhl zu, um mit Nanninas Mutter seine „halbe Rechnung“ zu machen. Halbe Rechnung – welch ein sonderbares Wort! Ich verstand es nicht.

   „Mutter Virginia“, sagte er mit einer Stimme, so kalt und hart, wie ich sie nie von ihm gehört hatte. „Ich hab’ Eurem guten Kind in die Grube geschworen, dass ihr nicht hungern sollt. Seht her…“

   Mit scheuen Augen, das Gesicht noch von Tränen überronnen, blickte das Weib zu ihm auf.

   Mommino griff in die Rocktasche und reichte mir ein kleines, abgegriffenes Büchlein. „Ich bitt’ Euch, sinorrr… weil ihr lesen könnt…. Sagt ihr, was das ist!“

   „Ein Buch der Sparkasse von Sant’ Agnello…“

   „Und welche Ziffer steht drin?“

   „Dreizehnhundertundzwanzig Lire.“

   Er nickte. „Um zweihundertsechzig wären es mehr gewesen… aber die sind eurem guten Kind ins christliche Grab gefallen.“ Schwer atmend nahm er mir das Buch aus der Hand und warf es ihr in den Schoß. „Da habt Ihr’s!“

   Die Alte war sprachlos und hatte nicht den Mut, das Buch zu berühren. Aber bei allem Schmerz und aller Trauer brannte die zweifelnde Freude auf ihrem welken Gesicht.

   „Und jetzt gebt das andere her… das Geld… das andere!“ Er wurde ungeduldig, als sie nicht verstehen wollte. „Was ihr noch habt davon!“

   „Mma…“

   „Gebt das Geld her, Mutter!“

   Sie erschrak vor dem Klang seiner Stimme, sah ihm starr in die Augen, und seufzend griff sie unter den Lederpolster, auf dem sie saß.

   Er riss ihr das Päckchen aus der Hand, das in ein weiß und rot geblumtes Taschentuch gewickelt war. Mit zitternden Händen löste er die Knoten. „Das ist mein Tuch … das hab’ ich ihr geliehen“, sagte er und schob das Tuch unter die schwarze Weste. Dann wickelte er die Scheine aus dem blauen Packpapier heraus und zählte sie, während Mutter Virginia mit ängstlichen Augen jede seiner Bewegungen verfolgte.

   „Zweihundertvierzig! … Und wie viel habt ihr gebraucht davon?“

   Sie begann zu schluchzen und zu jammern, zählte ihm auf, was sie hatte kaufen müssen in ihrer Not – und die Schulden, die zu bezahlen waren – alles in allem sechzig Lire.

   Mit leichenblassem Gesicht wandte sich Mommino zu mir. „Ecco, sinorrr! Jetzt wissen wir, wie viel das Glück und Leben zweier Menschen wert ist. Dreihundert Lire!“ Er lachte. „Schlecht hat er gezahlt, der feine Herr. Da sind die Amerikaner noblere Leute … fragt nur die Cirmena und den Cesco! Freilich, bevor die Kuh aus dem Stall auf die Weide kommt, verliert sie Milch. Der Schuft, der den Handel machte, hat einen tiefen Sack… den kenn’ ich! Der lange Cirillo von der Bellavista war es? … Nicht?“ Wie ihm die Augen blitzten bei dieser Frage!

   Mutter Virginia brach wieder in Tränen aus und beschwor alle Strafe des Himmels über den Dieb, der sie beschwatzt und belogen und betrogen hatte… „eine arme Mutter!“

   „Basta!“, unterbrach Mommino mit rauem Wort diesen Jammer. Dann ging er zum Herd und warf die Scheine ins Feuer.

   Schreiend schlug das lahme Weib die Hände über dem Kopf zusammen. „Das Geld! Das Geld! Jesus Maria! Er verbrennt das Geld! Du Narr! Ja, Dur Narr! Was tust Du denn! Warum tust Du denn das?“

   Er trat vor den Rollstuhl hin und sagte mit zitternden Lippen. „Das tu ich, weil Euer Kind mir lieb und heilig war wie das heiligste in der Kirche… das tu ich, weil eine Mutter nicht essen und trinken soll vom Fleisch und Blut ihres Kindes! Ecco! … Die halbe Rechnung wär’ gemacht.“ Mit dem Ärmel wischte er den Schweiß von seiner bleichen Stirn, und erleichtert aufatmend, nahm er seinen Hut. „Grazie, sinorrr!“, sagte er zu mir und verließ die Stube.

   Mutter Virginia hob die Fäuste hinter ihm und schrie und kreischte und schalt. Dann fiel sie in den Sessel zurück und brach in bitterliches Weinen aus.

   Als ich draußen stand in der reinen Luft, in der schönen Sonne, im Duft der Blumen, da schüttelte ich mich, als könnte ich gewaltsam alles Erinnern von mir abwerfen.

   Zwischen dem Schutt der eingestürzten Mauer pflückte ich eine frisch erblühte Narzisse und nahm sie mit heim.

   Doch auf dem ganzen Weg durch die Mauergassen hinunter ging mir mit Unruh jenes Wort nach, das Mommino gesprochen hatte – „die halbe Rechnung“.

   Sie wurde noch ganz, am gleichen Abend noch.

   Es dämmerte. Über Meer und Ufer lagen schon die purpurblauen Schatten, doch der Himmel schwamm noch in Glanz und Farben.

   Ich hatte einen Weg in die Stadt, denn ich wollte reisen am nächsten Morgen – gleichviel, wohin – nur fort!

   Schon während ich den Corso hinunterwanderte, fiel es mir auf, dass unter den Türen die Leute beisammen standen, erregt mit Zungen und Händen schwatzend.

   Und auf der Piazza erfuhr ich’s.

   Im Hotel Bellavista, während die Gäste bei der Tafel saßen, hatte Mommino Limòli auf der Schwelle des Speisesaales einen Kellner niedergestochen, den langen Cirillo, der gerade einen Schüssel mit gesulzten Muränen servieren wollte. Das blutige Messer warf er über die Leiche in den Saal hinein.

   Niemand, so erzählen sie, hätte diesem sonst so ruhigen und gutmütigen Menschen eine solche Untat zugetraut! Und die Rohheit, die er an dem vergossenen Blut noch begangen hätte! Denn als ihn die Carabinieri festnahmen und davon führten, hätte er mit lauter Stimme ein Ritornell ums andere gesungen, wie sie in Sorrent die Verliebten zu singen pflegen:

Blutrote Korallen!
Vom schwarzen Himmel ein goldener Stern
Ist brennend mir ins Herz gefallen!

Rosmarin im Garten!
Mein Mädchen, ich bin einsam, komm,
Krank ist mein herz vom langen Warten!

Je länger je lieber!
Und wohnst du auch überm tiefen Meer,
Mein Herz hat Flügel und fliegt hinüber!

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