Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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7.

   Als ich daheim war, litt es mich nicht in der dumpfen, engen Stube. Lange Stunden noch saß ich draußen auf meinem Balkon.

   Die Rosen dufteten schwer, eintönig rauschte die matte Brandung des Meeres, und der Himmel war mit zerküftetem Gewölk bedeckt. Sie kamen langsam von Süden gezogen, diese trüben Schleier, und der Mond, der im Schwinden war, umsäumte ihre Formen mit fahlem Schimmer.

   Sooft ich drunten in der Gasse den Hall von schritten hörte, beugte ich mich über die Mauer hinaus und rief hinunter: „Mommino? Bist Du es?“ Doch immer war es ein anderer.

   Dann saß ich wieder und blickte zum Spiel der Wolken auf. Manchmal – fern da drüben hinter Resina – färbten sich die Schleier des Himmels für kurze Sekunden mit blutrotem Schein. Und einmal sah ich eine Flammengarbe in die Lüfte steigen, wie ein Bündel von tausend Raketen. Gleich einem Regen von Sternschnuppen fielen die glühenden Steine, die der Berg bis in die Wolken geworfen hatte, langsam wieder zurück in den Krater.

   Im Garten schlug eine Nachtigall, süß und leise. Es war die erste, die ich hörte in diesem Frühling.

   Dann ein Schritt auf der Gasse.

   „Mommino? Bist Du es?“

   Keine Antwort. Aber die Schritte, die einen Augenblick gezögert hatten, entfernten sich hastig.

   „Ob er es war?“

   Ich hab’s geglaubt. Dass er so stumm vorüberging – das brachte mir keinen Zweifel. Denn ich wusste: Damals, in jener schönen Nacht, als er angeheitert aus der Bellavista kam, da hatte ich sein letztes Ritornell gehört.

„Blutrote Nelken!
Freund, brich die Blumen, wenn sie blühn –
Ein Narr, der wartet, bis sie welken!“

   Ecco! So geht’s in der Welt: Der eine singt die Weisheit, und der andere befolgt sie!

   Vom Kirchturm klangen zwei Schläge über die stillen Dächer her, und die Glocken von Sorrent und Meta sangen das Echo nach. Dann hörte ich noch eine Glocke aus weiter Ferne – vom Turm der Fontanella, einer Wallfahrtskirche, die eine Wegstunde hoch auf dem Grat der Sorrentiner Berge steht. Man kann in Sant’ Agnello diese Glocke nur bei Südwind hören.

   Da kam es auch schon über die Gärten hergeweht, ganz leise, aber so feucht und schwül, wie uns die Luft beim Eintritt in ein Treibhaus entgegenströmt.

   Setzt der Scirocco so gelinde ein, dann pflegt er lange Dauer zu haben, und nasse Wochen kommen in seinem Gefolge.

   Schon der nächste Morgen brachte einen Himmel, der vom Vesuv bis Capri hinüber mit schweren Wolken behangen war. Die Dämpfe des Kraters, welche nicht mehr in die Höhe konnten, qualmten über die Berggehänge nieder und hüllten alle Städte und das ganze Ufer von Castellamare bis Neapel in aschfarbenen Dunst.

   Ich verbrachte den Tag bei meiner Arbeit. Aber ich kam nicht vorwärts. Der Gedanke an Nannina Fiorello und an den Sänger mit seinen stumm gewordenen Ritornellen ließ mir keine Ruhe. Obwohl der Regen schon in der Luft hing, trieb es mich gegen Abend zum Vico hinauf, als hätt’ ich die stille Hoffnung, dass Mutter Virginia mir sagen würde: „Unsinn, Herr, das alles ist ja gar nicht wahr!“

   Doch als ich vor der Agavenhecke stand, als ich aus dem Garten das Geschrei eines Knaben hörte, der die Vögel verscheuchte, und aus dem Haus eine Weiberstimme, die unter Lachen schwatzte – es war wohl die Stimme der Magd, die sich die glückliche Mutter jetzt halten konnte – da verging mir die Lust, in diesem gesegneten Haus Einkehr zu halten, und ich trat den Heimweg wieder an, ohne Mutter Virginias verklärte Augen gesehen zu haben. Auf halbem Weg überfiel mich der Regen, und nass bis auf die Haut erreichte ich meine Wohnung.

   Eine Woche kam, in der sich das Wetter so unfreundlich gebärdete, wie es bei uns im Norden auch der übelste April nicht treibt. Ich spann mich in meine Arbeit ein und verließ das Haus nur, um meine Mahlzeiten einzunehmen. Von Maestro Gargiulo, von Mommino und all den anderen sah und hörte ich nichts in dieser ganzen Zeit. Die Tarantella hatte ich gründlich satt bekommen – wenn die Truppe in der casa d’oro spielte, blieb ich zu Hause bei meiner Tasse Tee.

   Dann eines Nachmittags – ich glaube mich zu erinnern, dass es an einem Freitag war – da versiegte der Regen, und es guckte wieder ein Stücklein Himmel mit warmer Sonne durch die Wolken. Das zog mich ins Freie. Ich wanderte den Corso hinunter und nach Sorrent hinein.

   Die Piazza war von hundert Menschen belebt. Die Weiber und Mädchen hockten überall vor den Türen, und die Kinder wateten mit Gelächter und Geschrei durch die Pfützen, die auf dem Pflaster standen und die Sonne spiegelten. In Gruppen standen die Lastträger, die Hafenarbeiter und Matrosen umher, mit ihren Wollmützen, mit ihren blauen Schärpen und kurzen Pfeifen – die einen schwatzend, die anderen stumm hinausblickend über das Meer, auf dessen weißem Gewirbel weit und breit kein Segel und keine Barke zu sehen war. Nur der Rauch des Dampfers, der von Capri gekommen war und sich jetzt hinüberkämpfte nach Neapel, streckte sich wie ein langes, schwarzes Band über die weißen Kämme der Wogen hin.

   Auf Der Brücke, welche die tiefe Felsenschlucht des rauschend von den Bergen kommenden Geißbaches überwölbt, stand zwischen all den Männergruppen ein Einsamer an die Brüstung gelehnt, die Jacke um die Schultern gehängt, den Kalk bespritzen Hut in den Nacken geschoben.

   „Mommino! Du!“

   Er richtete sich auf und grüßte ruhig: „’n juorno, sinorrr!“

   „Du? Und nicht bei der Arbeit? An einem Werktag? Hat Dein Meister keinen Bau?“

   „Der Meister?“ Er hob die Schultern. „Freilich, der brummt, weil ich Feiertag mache. Aber heut hab’ ich rasten müssen… und gestern hat mir geschwindelt auf der Leiter. Es ist wahr, eine gute Uhr, die soll gehen jeden Tag. Aber einmal knackt es im Werk, und dann steht sie… und keiner weiß, warum.“

   „Bist Du krank?“

   „Krank? Nein! Aber ich hab was in mir… und kann’s nicht sagen. Als hätt’ mir’s einer angetan mit dem bösen Blick. Bei der Arbeit spür’ ich’s im Kreuz. Und das Essen bekommt mir nimmer. Ich kann nicht schlafen in der Nacht, und am Morgen hab’ ich einen dummen Kopf und bin schon müde, noch eh’ ich die erste Kelle Mörtel an die Mauer werfe.“ Er drückte die Faust in den Rücken. „Ahimè, misericordia!“

   Schweigend sah ich ihm ins Gesicht. Es war hager und bleich wie nach schwerer Krankheit. Und rings um seine großen, heißen Augen waren die Lider gerötet.

   So standen wir eine Weile stumm voreinander – und immer sah er an mir vorüber, als hätte er Angst vor meinem Blick.

   „Mommino“, sagte ich endlich, „ein Müder soll rasten. Komm! Wir trinken zusammen ein Glas und rauchen eine Zigarette. Ich hab’ von den guten bei mir, von dem ägyptischen, die geschmuggelt sind.“

   „Grazie, sinorrr!“ Er lächelte müd. „Mich dürstet nicht… aber eine Zigarette, die nehm’ ich.“

   „So komm!“

   Wir verließen die Brücke. Stumm und zögernd ging er an meiner Seite. Plötzlich blieb er stehen, zog die Jacke enger um die Schultern und sah mir mit seinen großen, heißen Augen voll ins Gesicht. „Sinorrr!“ Seine Stimme klang rau. „Ich geh mit Euch… aber Ihr müsst mir eins versprechen!“

   „Was?“

   „Dass wir nicht reden von… von der Truppe… und von all dem zeug, mit dem sie mir die Ohren voll schwatzen an jedem Abend. Ich kann’s nicht hören.“ Seine Stimme veränderte sich. „Und es tut mir weh.“

   „Mommino? … Geht es Dir denn wirklich so bitter nah’?“

   „Ja, Herr!“, erwiderte er ruhig. Dann atmete er auf, tief, als wär’ es ihm nun doch eine Wohltat, allen Schmerz, der ihn erfüllte, mit einem Wort herauszusagen. „Das Mädel ist mir lieb gewesen. Und jetzt, Herr… jetzt hab’ ich ein gestorbenes Herz in mir! … Und basta! Wir wollen nicht weiter reden davon. Eine Wunde, die schwären will, kann’s drücken nicht verleiden!... Ich bitt’ Euch, Herr, versprecht mir das!“

   „Mein Wort, Mommino: Wir wollen nicht reden davon.“

   Er nickte stumm.

   Quer über die Piazza gingen wir auf eine Konditorei zu und ließen uns an einem der kleinen Tisch nieder, die vor der Tür des Geschäftes im Freien standen. Ich wollte eine Flasche Marsala bestellen. Aber Mommino sagte: „Wein? Für mich? Nein, Herr, ich danke! Wir spielen heut in der casa d’oro. Da muss ich freien Kopf behalten, so gut es noch geht!“ Er presste die Hand an seine Stirn. „Ich hab’ was in mir… wie Feuer… und wenn ich da noch Wein draufgösse, wär’ ich fertig für eine Dummheit. Wenn ihr schon was spendieren wollt… was Kaltes ist mir lieber, etwas mit Eis!“

   Er nahm die Zigarette, die ich ihm bot, und betrachtete sie grünlich und ernst, bevor er sie mit der Umständlichkeit eines sachkundigen Rauchers in Brand steckte. Als uns in hohen Kelchgläsern die „Cedrata“ gebracht wurde – Mineralwasser mit Zitronensaft – fischte er das Stücklein Eis heraus, das obenauf schwamm, und nahm es auf die Zunge.

   Dann begann er zu plaudern, ruhig und gleichmütig, klagte über die unfreundliche Regenzeit und meinte, dass es bei solchem Wetter die Maurer unter allen Menschen am schlimmsten hätten. Seit einer Woche wäre er Abend um Abend vom Bau nach Hause gekommen, so nass wie eine Katze, die ins Wasser fiel. „Und die schlechteste Zeit, mein’ ich, die kommt erst noch.“

   „Aber der Himmel klärt sich doch auf. Ich glaube, dass es besser wird.“

   Er schüttelte den Kopf. „Droben in Bico decken sie die Zitronen zu. Und die Bauern, Herr, die haben fürs Wetter eine Nase, wie der Hund für die Wurst. Der Scirocco, freilich, der hat ausgeblasen. Aber heute Nacht, denk’ ich, wird die Tramontana kommen. Und die wird böse Arbeit machen. Seht nur über Neapel hinüber… wie im Norden die Sturmwolken aufstiegen, ganz schwarzblau. Aber… was ich sagen will…“ Er kaute an der Zigarette, und ein bitteres Lächeln irrte um seine Lippen. „Wisst ihr denn auch schon das Neueste?“

   „Was?“

   Mommino lachte trocken vor sich hin, als möchte er sich den Anschein geben, dass ihn dieses „Neustes“ so wenig anginge wie den Maurer die Sorge, die der Zimmermann hat. Aber die Erregung zitterte ihm doch in der Stimme, als er sagte: „Vor einer Stunde hab’ ich’s von Gargiulo gehört. Und der reibt sich vergnügt die Hände und freut sich drüber, wie ein Huhn im Frühling übers erste Ei. Ja, Herr… was ein kluger Vogel ist, der findet immer wieder sein altes Nest… und heut in der casa d’oro wird die Cirmena bei uns wieder tanzen.“

   Ich war über diese Nachricht so verblüfft, dass ich nur lachen konnte.

   Mommino nickte und lachte mit. Dann sagte er mit kaltem Ernst: „Ja, Herr, in der Welt geht’s lustig zu. Und so alt wird keiner, dass er die Menschen kennt. Die grünen Kirschen sehen aus wie rot, und die reifen sind schwarz. Ich hab’ die Cirmena immer für eine dumme Ganz gehalten. Aber jetzt merk’ ich… die ist klüger wie ein Advokat in Neapel. Die hat gewusst, was sie will… und hat ihrem americano die Küsse so sauer gemacht, dass ihm der Gusto drauf verging. Vorgestern soll sie ihn gekratzt haben, dass ihm der Doktor das ganze Gesicht verpflastern musste… gestern, mitten in der Nacht, ist er abgereist, und heut in aller Früh hat die Cirmena im Dom gebeichtet. Ein Schaf, Herr, wenn es frisch gewaschen ist, kann nicht so weiß und reinlich sein wie die Seele der Cirmena Lupi!“ Wieder lachte er, gallig und heiser. „Ich bin nur neugierig, wie sich der Cesco dazu stellen wird. Gargiulo ist schon hinauf zu ihm… jetzt wird er wohl schon droben sein, und ich mein’, ich höre, wie er sagt zu ihm: ‚Also? Heut in der casa d’oro? Ja? Kommst Du? Ich leg’ Dir noch eine Lira drauf!’ Ja, Herr… man muss sich nur verstehen auf den Handel. Dann macht man Geschäfte.“

   „Da fürcht’ ich aber doch, dass sich der gute Maestro einen Korb holen wird.“

   „So? Meint ihr? Die Cirmena, Herr, die ist schwer geworden… und gutes Gewicht, das zieht! Jetzt hat sie doch die zehntausend Lire, die in der Bank liegen, und die ihr der americano als Reugeld lassen musste! Und die junge Wittib droben im Vico, die hat nur einen Garten, der keine dreitausend wert ist. Zehn und drei… ich denk’ mir, das ist eine Rechnung, die der Cesco noch fertig bringt. Ja, Herr… ihr solltet heut in die casa d’oro kommen! Da wird Versöhnung gefeiert… mit einer Flasche vom besten. Lacrima Cristi spumante! Das glückliche Paar soll leben! Hoch!“

   Mit heiserem Lachen hob Mommino das Glas. Doch jählings verstummte er und stellte den Klech wieder nieder, ohne zu trinken. Heftig zitterten ihm die Hände, und er machte eine Bewegung, als wollte er aufspringen. Aber dann saß er wie gelähmt und krampfte auf dem Tisch die Hand zur Faust, dass ihm an den Fingern alle Knöchel weiß wurden.

   „Mommino? Was ist Dir?“

   Er gab keine Antwort und starrte mit funkelndem Blick über die Piazza hinaus.

   Ich folgte mit den Augen der Richtung seines Blickes und gewahrte mitten auf der Piazza eine Droschke, die vom Hafen zu kommen schien. Im Wagen saß ein junges Paar. Das zierliche Dämchen, das, bei aller modischen Eleganz seiner Toilette, nach südlichem Geschmack in etwas schreiende Farben gekleidet war, schien sich aus irgendeinem Grund in lebhafter Erregung zu befinden. Der junge Mann versuchte seine Begleiterin ärgerlich in der Droschke festzuhalten. Aber sie hatte schon ihre Hand befreit und war aufgesprungen. Mit dem Sonnenschirmchen trommelte sie dem Kutscher auf die Schulter, und ehe das Pferd noch pariert war, sprang sie schon aus dem Wagen.

   „Mommino! Du! Mommino! Mommino!“, klang in hellem Jubel ihr zwitscherndes Stimmchen. Und während sie in der einen Hand mit einem Seidentuch, in der anderen mit dem Sonneschirmchen winkte, sprang sie lachend über eine Pfütze weg und kam über die Piazza herüber auf uns zugelaufen.

   Nannina Fiorello!

   Als ich sie erkannte, griff ich erschrocken nach dem Arm des Maccaronista. „Mommino! Sei vernünftig!“

   Er lachte nur. Dann presste er die Lippen zusammen, und heiße Röte stieg ihm in das bleiche Gesicht.

   Nun kam sie, lachend, erregt, das braune hagere Gesichtchen glühend vor Freude, mit den glänzenden Augen eines Kindes, das die Erfüllung seines liebsten Wunsches erlebt.

   Wie hübsch sie anzusehen war – und wie drollig zugleich! Ihr Anblick erinnerte an ein aufgeputztes Äffchen, das in der Manège seine Künste zeigen soll und unter dem Jubel des Publikums aus dem Käfig herausgetänzelt kommt.

   Ihr schwarzes Haar, nach der neuesten Mode frisiert, war an den Schläfen wellig aufgebauscht und schimmerte in der Sonne wie blaues Stahlgespinst. Den zarten Körper, der ein wenig voller geworden und sich gestreckt zu haben schien, umhüllte ein Kleid von himmelblauer Seide mit einer Silberborte als Gürtel – dazu ein zierliches Hütchen mit goldgelbem Ährenstrauß, das lachsfarbene Seidentuch und der scharlachrote Sonnenschirm – Farben, deren Zusammenstellung einen Maler mit empfindlichen Augen zur Verzweiflung hätte bringen können!

   Und doch – sie war hübsch! Trotz dieser Papageientracht! Es war die Freude, die sie verschönte, der reine, kindlich frohe Jubel, der aus ihren Worten klang.

   „Mommino! Du! Mommino! Dass ich Dich da treffe! Dich! Wieder daheim… und der erste Mensch, den ich kenne… und das bist Du! Aber so sag doch, Mommino, sag doch… Was er für Augen macht! Ich bin’s schon! Sieh mich nur an! Ich bin’s schon! Ja! Die Nannina vom Vico droben! Der Du den Soldo schenktest! Und für die Du die Maccaroni gegessen hast… in der Bellavista!“

   Das war ein Gezwitscher, so flink und sprudelnd, als hätte sie zum Sprechen keinen Atem nötig. Lachend, im Bewusstsein ihres bunten Glanzes, stand sie vor dem Maccaronista – und als er noch immer schwieg und sie noch immer nicht erkennen wollte, fand sei auch für mich einen lustigen Gruß und rief mich zum Zeugen an, dass sie es wirklich wäre: Die Nannina vom Vico droben! Ich nickte ihr lächelnd zu, aber mir war nicht sonderlich wohl bei der Sache. Mommino saß wie ein Klotz, doch es funkelte in seinen Augen, dass ich das Mädchen am liebsten wieder in der Droschke gesehen hätte.

   Sie aber lachte zu seinem Blick, den sie vermutlich für staunendes Bewundern nahm. Und während sie Tuch und Sonnenschirm auf den Tisch legte, begann sie wieder auf Mommino loszuzwitschern.

   „Dass ich Dich da treffe! Dich! Die Freude! Nein! Aber dass ich Dich sehen würde, noch heut, das hab’ ich gewusst… ja, Du, das hab’ ich mir vorgenommen! Er hat mir versprechen müssen, dass wir zur Tarantella gehen, noch heut! Aber dass ich Dich wieder sehen will, und Deine Kunst…“, sie lachte, „weißt du, das hab’ ich ihm nicht gesagt! Manchmal ist er so komisch, und… ich weiß nicht… vielleicht hätt’ er es mir nicht versprochen und wär’ nicht hingegangen. Und wenn Du gespielt hast, fahr’ ich heim zur Mutter… ich, ganz allein! Bis morgen! Und… Mommino, ich sag’ Dir was: Wenn ich daheim bei der Mutter bin, dann musst Du kommen! Zu uns! Ach, wie das schön sein wird… Du und die Mutter und ich! Nicht wahr, Du kommst! Ich bitte Dich, sag’ mir, dass Du kommst? Ja? Kommst Du? Ja?“

   Das lachende Gesichtchen niederbeugend, mit den Augen an seinen Lippen, hatte sie ihm die Hand auf die Schulter gelegt.

   Er lehnte sich weit in den Sessel zurück und zog die Schulter, fort, als hätte er die Berührung dieser kleinen Hand gefühlt wie brennendes Feuer.

   Diese Bewegung schien sie gar nicht zu sehen. In ihrer Freude war sie blind – und lachte und schwatzte wieder.

   Und wenn er kommt am Abend, zu ihr und zur Mutter – sie wird auf der Gasse schon warten, bis er kommt – und der Tisch wird schon gedeckt sein! Orangen und Wein und Nüsse… alles, alles soll er haben, was er nur will. Sie läuft in die Trattorie hinüber und holt es. Und dann muss er der Mutter und ihr erzählen, alles, was er sich gedacht hat, und die anderen und der Maestro! Die andere, das kann sie sich denken, die gönnen der Mutter und ihr das Glück nicht, das sie gemacht hat! Er aber, das weiß sie, er hat ihr’s vergönnt und hat sich über das Glück der kleinen Nannina gefreut. Von Herzen – das weiß sie – wie man weiß, dass die Heiligen im Himmel wohnen. Die guten Heiligen! Und ihm – ihm wird sie alles erzählen: Welch’ ein Glück! Und wie gut sie es hat, in Capri da drüben. Nur die Fahrt übers Meer… die ist schrecklich! Zweiundvierzig Vaterunser hat sie heute auf dem Dampfer gebetet! Aber drüben! Die schönsten Zimmer bei Quisisana – und die närrischen Künstler bei Pagano! Mommino muss einmal hinüberkommen – das muss er sehen! Wie die reichen Leute leben in Neapel, so lebt sie da drüben. Fünfmal im Tage bekommt sie zu essen – Dinge, die sie nicht einmal dem Namen nach kennt – und wunderbar schmecken sie, ganz wunderbar! Aber wenn man die Zähne stochert, muss man die Hand vor den Mund halten. Und gähnen darf man auch nicht, wenn Leute dabei sind… da ärgert „er“ sich immer schrecklich! Einstecken soll man auch nichts. Aber sie tut es doch. Heimlich! „Pe’ mamma mia!“ Das packt sie dann alles in große Schachteln –und solche Schachteln hat sie schon drei herübergeschickt. Und heut am Morgen, da hat sie so lange gebettelt, bis „er“ in alle Länden mit ihr gegangen ist. Da hat sie eingekauft – „pe’ mamma mia“, - Biskuit und Schokolade, Kamm und Seife, Kaffee und Reis, ein Korallenhalsband, Maccaroni und einen Rosenkranz, Tuch für ein Kleid, Confetti und drei Hemden von der besten Leinwand, dicke Strümpfe und zwei Katzenfelle, die sich die Mutter um die gestorbenen Beine wickeln muss – eine ganze Kiste voll hat’s ausgemacht – und drunten am Hafen hatten zwei Männer an dieser Kiste zu tragen. Zwei Männer!

   „Denk nur, wie schwer die ist!“

   Und alles, was drin ist, das alles soll Mommino sehen dürfen, wenn er kommt am Abend. Damit er sich überzeugen kann, welch ein Glück die Mutter gemacht hat!

   „Und ich… weißt Du, ich auch!“

   Aber da braucht er sie doch nur anzusehen! Solche Kleider… „Du, das ist echte Seide, so komm doch, fühl’ es doch an, das ist Seide!“… solche Kleider hat sie noch drei, ein weißes, ein gelbes und ein braunes… aber das braune, das mag sie nicht, da sieht sie immer so traurig drin aus, wie ein Pater Kapuziner bei einer armen Leiche. Und was man unter den seidenen Kleidern alles tragen muss! Dass man solche Dinge braucht – davon hatte sie früher gar keine Ahnung.

   „Und alles mit Spitzen, weißt Du! Mit den feinsten Spitzen! Schau nur…“ sie hob ein wenig das seidene Röcklein, dass man den Spitzenbesatz des weißen Unterkleides sehen konnte. „Und die Stiefelchen! Du! Die sind von Neapel! Schau her…“ Lächelnd schob sie das Füßchen mit dem gelben, zierlichen Schnürschuh vor. „Die müssen Dir doch gefallen! Ja? Und weißt Du auch, was sie kosten? Zwanzig Lire!“ Das klang, als wäre die Zwanzig eine siebenstellige Zahl. „Und meinen Schirm! Mommino! Du! Den musst Du Dir ansehen!“ Sie spannte das Schirmchen auf und hielt es gegen die Sonne, die hinter den Wolken verschwinden wollte. „Du! Da sieht man die Sonne durch… ganz rot! Ach, schade… und gerade jetzt muss sie weggehen!“ Zum trüb gewordenen Himmel aufblickend, wie schmollend, klappte sie den Schirm wieder zu. Und da sprach sie nun langsamer, ruhiger, ohne das Lächeln, das der lieblichste Reiz ihrer kindlichen Züge war.

   „Wahrhaftig, Mommino… wie schön und gut ich es habe… ich kann es Dir gar nicht sagen! Ein Tag ist wie der andere… und vom Morgen bis zum Abend… da bin ich so glücklich… ich kann mir gar nicht denken, dass es Menschen gibt, die es besser haben. Aber am Abend… weißt Du… wenn der Abend kommt… ich weiß nicht… und immer soll ich Tarantella tanzen, immer, und…“

   Sie verstummte. Und während sie mit scheuen Augen den Schweigsamen betrachtete, der wie versteinert vor ihr saß, die Beine gestreckt und die Fäuste in den Taschen, sah ich, dass ihr ein Schauer über die schmalen Schultern lief, und sah, dass zwei bitter Fältchen um ihren roten Mund geschnitten waren, scharf und tief.

   Jetzt, da sie nicht mehr lachte und schwatzte, da ihre zwitschernde Freude so jählings erloschen, jetzt war sie das Kind nicht mehr, über das ich, trotz allem, nur lächeln konnte. Sie schien in diesem Augenblick um Jahre gealtert. Und ich fühlte Erbarmen mit ihr – ein Erbarmen, das mich schmerzte.

   Immer größer wurden ihre Augen, immer schwerer ging ihr Atem.

   „Mommino? … Was hast Du denn?“

   Er lachte und sah mit funkelndem Blick an ihr hinauf.

   Sie wollte sprechen und brachte kein Wort über die Lippen. Mit der einen Hand suchte sie das Tuch auf dem Tisch und fand es nicht, mit der anderen drückte sie das rote Schirmchen an ihre Brust, als wär’ es ein Heiligtum, das man ihr rauben wollte.

   „Nannina!“, rief in die Droschke drüben der Sohn von „Caccao Lemaitre“ mit gereizter Ungeduld. „Nannina!“

   Aber sie hörte nicht.

   „Man hat Sie gerufen!“, sagte ich und schob ihr das Tuch hin, nach dem sie tastete.

   Langsam drehte sie das Gesicht, hob die schmalen Schultern bis zu den Ohren hinauf und machte ihr bitterstes Mäulchen. „Èh!“ Dann sah sie den Maccaronista wieder an und strich mit der zitternden Hand über ihre Stirne. „Heut ist doch ein kühler Tag, aber… ich weiß nicht… mir ist so furchtbar heiß. Aber das wird wohl noch vom Dampfer sein… mich hat in dem dünnen Kleid gefroren, weißt Du, und da bin ich immer bei der Maschine gesessen, ja… und das wird wohl jetzt herauskommen aus mir… die Hitze! Ich bitt’ Dich, Mommino… bitte, lass mich trinken von Deinem Glas!“

   Als sie die Hand streckte, sprang Mommino auf, mit einem Gesicht so weiß wie Kalk. „Da! Trink!“, sagte er und schüttete dem Mädchen den ganzen Inhalt des Glases ins Gesicht, dass es klatschte. „Und den Trunk soll Dir der Teufel segnen, dem Du verfallen bist!“

   Während Nannina sprachlos und triefend stand, fuhr ich den Burschen in heißem Ärger an: „Hör du, das war eine Rohheit!“

   Er sah mich an wie einen Fremden. „Verzeihung, Herr!“ Dann zog er ruhig seine Börse hervor. „Ihr habt die Cedrata für mich bestellt, und nicht für die da! Für die muss ich bezahlen!“ Er warf drei Soldi auf den Tisch „’n juorno, sinorrr!“ Grüßend rückte er den Hut und ging davon.

   Regungslos, die Arme von sich abstreckend wie ein Kind, das in den Schlamm gefallen, blickte ihm Nannina mit verstörten Augen nach. Ich wollte zu ihr sprechen – aber ich brachte kein Wort heraus, als ich ihr Gesichtchen sah, das vom Schreck entstellt und verändert war. Zu ihrem Blick und in ihren Zügen stand es zu lesen, dass sie alles verstanden hatte: Momminos Liebe und Verachtung, ihr eigenes Herz und etwas anderes noch! Niemals wieder im Leben hab’ ich in einem menschlichen Gesicht solch’ einen hilflosen Blick der Verzweiflung gesehen.

   Mit nassen Strähnen klebte ihr das Haar an den Schläfen, Tränen fielen ihr aus den Augen und mischten sich mit dem Zitronenwasser, das ihr über Wangen, Nase und Lippen tropfte – und wo ihr ein Bächlein über die Brust und über die Falten des Kleides nieder rann, verwandelte die Säure der Cedrata das Himmelblau der schlechten Seide in gelbliche Flecken.

   „Nannina! Co’ è? Perchè on vieni?“, klang’s von der Droschke herüber. „Was ist denn? Warum kommst Du nicht? … Nannina!“

   Jetzt hörte sie und nickte. „Sì, sinorrr mio, momo vengg1!“, sagte sie, ganz leise, als stünde der Sohn von „Cacao Lemaitre“ dicht neben ihr. Sie nahm das lachsfarbene Tuch vom Tisch und betrachtete es mit ihren nassen Augen von beiden Seiten, ob es nicht auch zu Schaden gekommen wäre. Wortlos sah sie mir noch einmal ins Gesicht, dann auf den leeren Sessel und nach der Gasse, in welcher Mommino verschwunden war. Und während sie mit dem Taschentuch ihr Gesicht und das Kleid zu trocknen begann, wandte sie sich ab und ging auf die Droschke zu.

   Ein paar Leute, die in der Nähe gestanden und den Vorfall mit angesehen hatten, begannen zu lachen und ihre Glossen zu machen.

   Bei der Droschke schien Nannina keinen sonderlich freundlichen Empfang zu finden. Was da drüben verhandelt wurde, konnte ich nicht hören. Ich sah nur, dass Nannina mit dem Taschentuch bald an die Augen fuhr, bald wieder an der himmelblauen Seide trocknete und wischte. Jetzt hob sie den Fuß auf den Wagentritt. Doch als sie die Hand fühlte, die ihr helfen wollte, fuhr sie zurück, schleuderte das lachsfarbene Tuch in die Droschke, und plötzlich begann sie mit dem Sonnenschirm auf den jungen Menschen loszuschlagen wie eine Wahnsinnige.

   Ich lief hinüber. Doch eh’ ich den Wagen erreichen konnte, hatte sich um ihn schon eine Gruppe schreiender Leute gebildet. Zwei Matrosen fassten Nannina an den Armen, rissen ihr den geknickten Sonnenschirm aus der Hand und hielten sie fest. Leichenblass, zitternd an allen Gliedern, krümmte sich das arme Ding unter den groben Fäusten, und während ihr die Tränen über die Wangen kollerten, während sie furchtsam diese Menschen anstarrte, die auf die losschrieen und sie beschimpften, fand sie zu ihrer Verteidigung nur dieses eine Wort:

   „’a vita mia mel’ ha rovinat… questo qui!“ – „Mein Leben, das hat er mir zerstört… der da!“

   Aus dem Ton dieser Worte redete ein Schmerz, der auch diesen schreienden Lümmeln durch die dicke Haut zu dringen schien. Ein paar Matrosen begannen Partei für Nannina zu nehmen und schrieen dem Sohn von „Cacao Lemaitre“ ihre derben Schifferflüche ins Gesicht. Der junge Mensch, dem die Nase blutete, blieb ihnen die Antwort nicht schuldig – und die Sache drohte schon eine bedenkliche Wendung zu nehmen, als sich zwei Carabinieri mit wichtig tuenden Amtsmienen mitten in den schreienden Menschenknäuel hereindrängten. Das beruhigte die Gemüter. Auch der Sohn von „Cacao Lemaitre“ schien mit der Polizei nicht gerne in Berührung zu kommen. „Avanti, avanti!“, schrie er dem Kutscher zu, stieß einen Matrosen vom Wagentritt hinunter, und während das gepeitschte Pferd zu galoppieren begann, warf er ein ledernes Kofferchen, das auf dem Bocksitz gelegen, aus der Droschke auf das Pflaster hinaus. Das war der Abschied, den das „Glück“ von Nannina Fiorello nahm!

   Wohl hatte einer der Carabinieri dem Wagen ein Halt im Namen des Gesetzes nachgerufen; aber der Kutscher, der seine Leute kannte und seine zwanzig Lire witterte, drosch auf die galoppierende Mähre los und fuhr davon, dass von den Pfützen das Wasser aufspritzte.

   Brummend hob der Carabiniere das Köfferchen auf, dessen Schloss gebrochen war – in der aufgeklappten Tasche sah man ein weißes Seidenkleid und die bunten Lappen eines Tarantellakostüms. „Du! Das ist eine von Gargiulo’s Truppe… sie hat das grüne Mieder!“, sagte er zu seinem Amtsbruder. „Lass sie laufen!“ Der andere aber, der mit gerunzelter Stirn angehört hatte, was geschehen war, nahm die Sache ernster. „Komm, Du!“, sagte er zu Nannina und fasste sie am Handgelenk. „Mit mir!“

   Sie schrie und sträubte sich – wie sich ein Kind gegen die Hand wehrt, von der es Schläge fürchtet.

   Da drängte ich mich zu ihr. Als sie mich erkannte, klammerte sie sich verzweifelt an meinen Arm und schluchzte: „Aita aita, sinorrr, pe’ mamma mia! – Helft mir, Herr, um meiner Mutter willen!“

   „Sei ruhig, Nannina, und lass Dich führen! Es geschieht Dir nichts! Und ich geh mit Dir!“

   „Ecco!“, sagte sie zu dem Carabiniere und sah mit ihren nassen, verstörten Augen an ihm hinauf. „Der da… der kennt mich… und mein Unglück…“

   Der Gestrenge wurde freundlicher und ließ sie frei an meiner Seite gehen. Hinter uns schleppte sich der andere Carabiniere mit dem Kofferchen, und dann kamen die schreienden Kinder, die lachenden Männer, die kreischenden Weiber – ein Schwarm, der sich noch verdoppelte, bis wir die Präfektur erreichten.

   Während auf der Piazza diese Szene spielte, hatte sich der Himmel dicht mit blauschwarzen Wolken überzogen, dass es so dunkel wurde, als ob es schon Abend wäre. Ein sausender Windstoß, kalt und schneidend, kam vom Meer herauf gefahren. Rauschend fiel er der kleinen Maus in den Rücken, trieb sie und peitschte die himmelblaue Seide ihres Kleides, wehte ihr das Hütchen mit dem goldgelben Ährenstrauß vom Kopf und zerraufte ihr die Haare, dass sie wie schwarze Fähnchen vor ihrem bleichen Gesicht herflatterten. Schreiend rannten die Kinder dem fliegenden Hütchen nach – und die Telegrafendrähte, die auf hohen Stangen über die Piazza liefen, begannen im Sturmwind schrill zu singen. –

   Als wir droben waren in der Präfektur, erbat ich mir von dem Beamten ein paar Minuten Gehör und erzählte ihm, was ich von Nannina wusste, von meiner ersten Begegnung mit ihr im Vico droben bis zu der Szene vor der Konditorei.

   „Poverina!... Armes Ding!“, sagte der alte Herr, während er über die Brille weg das zitternde Kind betrachtete.

   Nun wusst’ ich, dass ich ohne Sorge gehen konnte. Doch als ich das Zimmer verließ, streckte Nannina mit schluchzendem Laut die Hände nach mir, als möchte sie mich festhalten zu ihrer Hilfe.

   „Setz Dich dort auf den Sessel, Kleine“, hörte ich den Beamten noch sagen. „Basta! Ich will weiter nichts wissen. Und wenn sich die Leute drunten verlaufen haben, dann geh wieder heim zu Deiner Mutter!“ –

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1 Ja, lieber Herr, gleich komm’ ich! ^

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